Beschreibung des Oberamts Hall/Kapitel B 6

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6. Gemeinde Gailenkirchen,
bestehend aus 7 Parcellen und 872 Einwohnern.
Der Gemeindebezirk liegt auf einer Hochebene links des Kochers, und ist von Süden nach Norden auf seiner westlichen Seite | durch die waldigen Gebirge von Waldenburg begrenzt. Gegen Westen stoßt der Bezirk an das Oberamt Oehringen. In denselben schneiden drei größere Schluchten des Kocherthales von 1/2 bis 3/4 Stunden Länge ein. Auch ist derselbe von einer vor wenigen Jahren angelegten Vicinalstraße durchschnitten, welche von Unter-Münkheim aus über Wittighausen durch Gailenkirchen, Wackershofen und Gottwolshausen nach Hall zieht. Er ist 11/2Stunden lang und ebenso breit. Die Gegend ist gesund und wasserreich, indem am Fuße des Waldgebirges einige starke Quellen entspringen. Der Fleiß, welcher auf den Feldbau verwendet wird, lohnt sich, wenn auch Boden und Klima nicht vorzüglich sind. Der Wieswachs ist besonders gut und gewährt bedeutenden Nutzen aus der Mastung. Auch wird etwas Obst- und Wein-Bau getrieben. Die Gewerbe sind ganz unbedeutend.

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Der Bezirk ist dem Forstamte Comburg zugetheilt. In Gailenkirchen (mit Knock) wird zwischen Dorfzehenten und Heiligenzehenten unterschieden. Der große Dorfzehente gebührt 1/2 der fürstl. Standesherrschaft Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst und 1/2 haller Privaten; der große Heiligenzehente 1/2 der gedachten Standesherrschaft und 1/2 dem Staat wegen der Oberlandesheiligenpflege. Der kleine Zehente von beiderlei Distrikten steht 1/2 dem Staat und 1/2 der Pfarrei, der Blutzehente 1/2 der erwähnten Standesherrschaft und 1/2 dem Staate zu. Von sämmtlichen Zehenten in Gliemen bezieht die mehrgedachte Standesherrschaft 1/3 und der Hospital Hall, als vormals limpurgsches, nachmals brandenburgsches Lehen, 2/3. In Gottwolshausen stehen dieselben wegen der Johannitercommende dem Staate zu. Der Blutzehente wurde 1840 um 240 fl. abgekauft. In Sülz bezieht Hohenlohe-Ingelfingen sämmtliche Zehenten. Von den Zehenten zu Wackershofen (mit Neuhofen) tragen die Freiherren von Stetten zu Kocherstetten 2/3 vom Gesammthaus Hohenlohe zu Lehen, 1/3 bezieht Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst. Der Neubruchzehente steht zur Hälfte in Gailenkirchen, Gliemen und Wackershofen dem kaumgedachten hohenloheschen Hause, und zu Sülz Hohenlohe-Langenburg, im Übrigen aber dem Staate zu. In Absicht auf die sonstigen grundherrlichen Rechte ist die Standesherrschaft Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst in Gailenkirchen mit Laudemien und andern Gefällen bedeutend, in Wackershofen weniger stark betheiligt. Die Frohnrechte derselben in diesen Orten sind 1839/40 abgelöst worden. Im Übrigen sind der Staat, die Stadtpflege und Armenverwaltung Hall und Privaten in Hall gefällberechtigt. An den Gefällrechten des Staats sind seit 1817 für 8874 fl. 12 kr. Capital abgelöst worden. – Sämmtliche Parcellen sind nach | Gailenkirchen eingepfarrt. In Gailenkirchen und Gottwolshausen sind Schulen. Sie alle waren Bestandtheile des Amtes Kocheneck und kamen mit diesem an Württemberg.

a) Gailenkirchen, auch Geilenkirchen, 1349 Geiselnkirchen genannt, Pfarrdorf mit 440 Einw., worunter 2 Kath., aus 36 Gemeinderechten, worunter 16 althallische und 20 hohenlohe-waldenburgische mit 139 Mrg. 3 Vrtl. unvertheilten und 156 Mrg. vertheilten Allmanden und Waldungen. Der Ort ist 11/2 Stunden von Hall entfernt, freundlich, reinlich und etwas weitläufig gebaut. Durch denselben läuft der Schmidbach. Es ist eine Schildwirthschaft und eine Mühle vorhanden. Die Kirche zur hl. Maria ist sehr alt und soll erweitert werden. Die Baulast hat hälftig, wegen der Oberlandesheiligenpflege, der Staat und hälftig Hohenlohe-Waldenburg, ebenso an dem bereits 1626 genannten Schulhaus. Das Pfarrhaus erhält die Standesherrschaft Hohenlohe-Waldenburg allein, welche auch den Pfarrsatz inne hat und den Pfarrer besoldet. Die Zutheilung aller 6 Weiler zur Pfarrei Gailenkirchen geschah nach erfolgter Aufhebung der Pfarrei Gottwolshausen. Der Schuldienst wird einmal vom Staat, das andere Mal von Hohenlohe-Waldenburg besetzt.

Wenn die Vermuthung Preschers (Gesch. von Limpurg II. 144), daß der Name des Ortes von dem Frauennamen Geilena abstamme, richtig ist, so können wir auch annehmen, daß die 21/2 Mansi und die Mühle, welche um die Zeit der Stiftung vom Kloster Comburg 1090–1095 zu Gilen durch Graf Rugger v. Rothenburg an Comburg kamen (Menken a. a. O. S. 390) unserm Orte angehörten, der also erst später, jedoch vor 1266, eine Kirche bekommen und seinen Namen hiernach erweitert haben würde. Außer Zweifel ist, daß 1266 durch Conrad von Krautheim Güter „in Geilenchirchen“ und in Gliemen an das Kloster Gnadenthal kamen (Wibel a. a. O. II. S. 76. Es sind dieß ohne Zweifel die Zehenten, welche Hohenlohe-Waldenburg noch inne hat). Sodann verkaufte Graf Kraft v. Hohenlohe 1371 die Gülten und Gefälle aus 10 Gütern und 1/3 an Gericht und Vogtei, auch 1/3 an den Hölzern und Alles, was er hier hatte, sammt der Gült im Gliemenhof, auf der obern Mühl und im Lüpfersberg an Walther Eberwein, Bürger zu Hall. Ferner verkaufte 1380 Hans v. Stetten und Cunigund Rüdt, seine Gattin, Güter zu Gailenkirchen an Conrad Keck, Bürger zu Hall, und 1376 Claus Schneewasser den halben großen und kleinen Zehenten zu Gailenkirchen, so limpurgisch Lehen, an Melchior Eberwein, womit 1500 Schenk Albrecht zu Limpurg Gachisse de Rinderbach belehnte. Im J. 1542 kam derselbe, nebst den 7 Pfd. Hellern Gülte aus dem Schultheißenamt zu Hall, von | Veit v. Rinderbach an die Stadt und nachher an die Oberlandesheiligenpflege, nachdem Veit v. Rinderbach solchen zuvor von Limpurg sich zu eigen gemacht hatte. Im J. 1405 verkaufte Conz Adelmann die Gülten von 17 Höfen, nebst 1/3 des Gerichts und wieder 1/6 an Zehenten, ferner 1/3 an den Hölzern, 2 Gütern zu Schöpperg und eines zu Wagrain, an das Kloster Gnadenthal um 500 Goldgulden, und ebendahin 1426 Conz Kreß von Sachsenflur einen Theil des Gerichts und Gülten aus einigen Gütern und Antheil an den Hölzern, welche Limpurg, von dem sie zu Lehen gegangen, eigen machte. Alle diese gnadenthaler Besitzungen hat nun Hohenlohe-Waldenburg inne. Ferner verkaufen 1516 Caspar Eberhardts Erben, 1518 einige andere haller Bürger und 1521 das Ritterstift Comburg ihre Besitzungen an Hall. Im J. 1518 verschreiben sich 7 hiesige Einwohner gegen die Stadt Hall, welche sie „um Widerspännstigkeit und Vergeß“ eingethürmt und dann wieder freigelassen hatte, daß sie deßwegen der Stadt für ewige Zeiten aus mehr als 150 hiesigen Güterstücken, die sie bis dahin als „frei eigen und unbekümmert Gut“ besessen, Hellerzinse als „Herrengült“ jährlich reichen wollen.

Hohenlohe-Waldenburg sprach oftmals und noch 1611 die hohe Obrigkeit über seine hiesigen Hintersaßen an, welche ihm aber Hall nie zugestand.

Daß die Kirche mindestens seit 1266 besteht, können wir aus der obenerwähnten Umwandlung des Ortsnamens schließen. In einer Urkunde von 1345 erscheint ein Volprecht als Kirchherr von Gailenkirchen und als Lehensherr der Pfarrei 1486 Graf Albrecht von Hohenlohe. Später übten Hohenlohe und Limpurg das Patronat abwechslungsweise, bis 1541 Limpurg seinen Antheil an Hohenlohe abtrat. Der Pfarrer erschien bis 1803 sowohl beim hallschen, als beim hohenloheschen Synodus; Hall hatte das Recht, ihn zu prüfen und zu bestätigen.

Auch Gailenkirchen hatte seine eigenen Edelleute. Spuren einer Burg sind jedoch keine mehr vorhanden, obgleich deren zwei in und bei dem Orte gestanden haben sollen (s. Knock). Das alte adelige haller Geschlecht der Veldner schrieb sich auch von Gailenkirchen, später Geyer etc. Wir finden: 1288 Frater Conradus, Schultetus de Geilenkirchen (Wibel a. a. O. II. S. 105), 1303 Ulrich (ebenda II. S. 251), 1307 u. 1312 Ulrich (ebenda III. S. 59), 1316 u. 1333 Ulrich, 1328 Walther (ebenda III. S. 61), 1336 Sigfried, 1346 Hans, 1349 Johannes de Geiselnkirchen, 1401 u. 1406 Ulrich (ebenda IV. S. 36). Ein Zweig der Edlen von Gailenkirchen war die Familie der Kleinconzen; 1302 erscheint Ulrich v. Gailenkirchen und der Kleinconz, sein Bruder; von dieser Zeit an finden wir | den Geschlechtsnamen Kleinconz. – Bei dem Orte, im Walde Hebsack, lagen noch 1682 zwei Seen.

In der Nähe lag der abgegangene Ort Geyersbühl, wovon hernach.

b. Gliemen, Weiler mit 21 evang. Einwohnern und 2 Bauerngütern, ohne Gemeinderechte und Allmanden; liegt an der nach Hall führenden Vicinalstraße, 1/2 Stunde südlich von Gailenkirchen. Der Boden ist ziemlich ergiebig. Der Ort gehörte zur Limpurg. Die 2 Höfe mit Vogtei erwarb die Johannitercommende schon frühe von Ritter Friedrich von Bielriet, welcher 1274 wegen eines Streites, der über diese Übergabe entstand, der Commende „curiam meam in Girsbühel cum consensu et voluntate domini mei Waltheri, imperialis aulae pincernae de Limpurg,“ verpfändete. Die Hoheit darüber stand Hall zu.

Die nunmehrigen hohenlohenschen Zehentrechte bekam 1266 das Kloster Gnadenthal; die Zehentrechte des Hospitals Hall aber erwarb dieser mit Tullau als limpurgisches Lehen, und hat sie als solches von der Krone noch inne.

c. Gottwolshausen, 1277 Gottwaltshausen, 1304 Gotboldeshausen,[1] Weiler mit 199 evang. Einwohnern und 4 althallischen und 61/2 commenthurischen Gemeinderechten mit 1 Vrtl. 31 Rthn. unvertheilten Gemeindegütern; liegt 1 Stunde südlich von Gailenkirchen, 1/2 Stund von Hall an der obengedachten Vicinalstraße, in fruchtbarer Gegend. Die Häuser sind meist gut gebaut. Die Baulast an der Kirche zum heil. Georg hat der Staat; ebenso an dem im Jahr 1838 neugebauten Schulhaus. Das Innere der kleinen, unscheinbaren Kirche ist mit Frescomalereien bedeckt, welche 1689 renovirt wurden. Der Hauptaltar und die beiden Seitenaltäre haben altdeutsche Malereien und Schnitzwerke von untergeordnetem Werth. Die bessern Malereien am Hauptaltar scheinen renovirt.

Gottwolshausen ist ein sehr alter Ort. Er hatte ebenfalls seine eigenen Edeln: die Güldin von Gottwolshausen. Sie waren die Mitstifter der Johannitercommende Hall und vergabten schon 1229 ihr Wasserhaus bei Hall dem Hospital (s. o. S. 126). Mit Zustimmung des edeln Gottfried von Hidecke, Ministerialen des kaiserlichen Hofes, entsagten 1277 Bertholdus de Gottwaltshusen, uxor ejus Bertha et filii sui Waltheris et Ludevicus, | omni jurisdictioni, quam habent in quibusdam bonis, sitis in Gottwaltshusen, cum suis appendietiis, zu Gunsten der Commende Hall. Im Jahr 1270 finden wir einen Wolfram Aureus, Canonicus zu Oehringen und 1278 Conradus, dictus aureus (Wibel a. a. O. II. S. 83 u. 90). Hans Gülden, 1371, scheint der Letzte dieses Geschlechtes. Weitere Besitzungen zu Gottwolshausen kamen an die Commende 1478, 1504 und 1506. Im J. 1532 verkaufte Anselm v. Eltershofen seinen Hof zu Gottwolshausen, den 1403 Hans Veldner, genannt Geyer, und 1407 Beringer Nagel inne hatte, bei welcher Familie er bis 1532 verblieben war, an den Rath zu Hall, welcher solchen später wieder an einen haller Bürger veräußerte.

Die Kirche ist von sehr hohem Alter. Sie soll schon im eilften Jahrhundert gestanden, von denen v. Gottwolshausen, weil sie zu enge geworden, abgebrochen und von ihnen an der Stelle ihrer Burg eine neue erbaut und dem Johanniterhospital in Hall übergeben worden seyn. Im J. 1385 wurde sie eingeweiht. Sie war die Mutterkirche des Weilers in Hall. Bis 1812 bildete die Pfarrei mit jener zu St. Johann eine gemeinschaftliche Pfarrei; nun aber wurde sie aufgehoben. Das Nähere ist schon oben S. 174 angegeben.

Bei Gottwolshausen wurden 1525 die aufrührerischen Bauern geschlagen (s. o. S. 167). – Im J. 1506 waren hier 3 Weiher.

d. Knock, ein auf der Markung von Gailenkirchen nordwestlich auf einem Bergvorsprung des waldenburger Hochgebirgs gelegenes Haus, mit 4 evang. Einwohnern, an dessen Stelle die Sage eine der Burgen derer v. Gailenkirchen verlegt, wovon sich übrigens keine Spur finden läßt.

e. Neuhofen, Weiler, mit 11 evangel. Einwohnern, liegt auf der Markung Wackershofen, hat keine besondere Gemeinderechte und theilt die Verhältnisse mit Wackershofen.

f. Sülz, Weiler, mit 44 Einwohnern, worunter 1 Kath. und 4 althallischen Gemeinderechten und 7 Mrg. 21/2 Vrtl. Allmanden, welche zur Schafweide verwendet werden; liegt eben, 3/4 Stunden südöstlich von Gailenkirchen, von Gottwolshausen durch eine Schlucht getrennt. Die Felder sind sehr fruchtbar und die Einwohner wohl begütert.

Unter der testamentarischen Schenkung Ulrichs v. Münckheim, Städtmeisters zu Hall, von 1505 an die Stadt Hall befindet sich auch der Hof zu Sülz.

g. Wackershofen, früher auch Weckershofen, Weiler, Sitz des Schultheißen, mit 153 Einwohnern, worunter 1 Kath., 16 Gemeinderechten, worunter 9 althallische, 6 comburgische und 1 hohenlohensches; | liegt an der Vicinalstraße nach Hall, 3/4 Stunden südöstlich von Gailenkirchen. Die Felder sind ziemlich ergiebig.

Im J. 1241 wird auf den Tod Heinrich Schultheiß zu Hall dessen Bruder Hermann vom Kloster Comburg auf dem Kirchhofe zu St. Michael mit Vogteirechten belehnt, und 1411 verkauft Elisabeth von Frauenburg, Conrad Münzmeisters Wittwe zu Hall, an Comburg einen Hof, von wo aus er 1521 an Hall kam. Im J. 1343 vergleichen sich Philipp v. Eltershofen und Heinrich v. Schauenburg wegen Güter zu Wackershofen, und 1532 verkauft sie Anselm von Eltershofen an den Rath in Hall; ebendahin verschreibt auch 1505 Hans Neuffer zu Hall seine hiesigen Besitzungen. Ein Hof wird 1564 von dem Hospital in Hall eingewechselt. Die comburgischen 6 Hofgüter erwarb das Stift 1569 von Ludwig v. Morstein. Der hohenlohesche Hof scheint unter die Kloster gnadenthaler Besitzungen gehört zu haben. Ob Conrad v. Wagenhofen, welcher sich 1253 als Zeuge bei einem Güterwechsel zwischen Graf Bopp v. Dürn und dem Kloster Gnadenthal findet, hieher gehört (Wibel a. a. O. II. S. 60), ist zweifelhaft.

Vor 160 Jahren lagen 3 Seen, gegen 4 M. groß, auf der Markung.



  1. „Gotebold,“ bemerkt Gräter (in Iduna und Hermode, 1816. S. 179) ist der deutsche Heldenname „Gottwalt.“ Der erste Ansiedler hieß also Gotebold; und „Gottboldhausen“ ist älter, als „Gottwalthausen.“ Die jetzige Schreibart ist ganz entstellt und offenbar unrichtig.
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