Beschreibung des Oberamts Heidenheim/Kapitel B 10

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10. Gemeinde Gussenstadt.
Sie besteht aus dem evangel. Pfarrdorf (Marktflecken) Gussenstadt und dem Hof Heutenburg, zusammen mit 1061 Einw. Die Markung des letzteren ist von der Gemeinde Gerstetten umschlossen, und oben S. 177 in das Areal der letzteren eingerechnet worden. Die Markung Gussenstadt begreift 52542/8 M., stößt an die Gemeinde Gerstetten und Söhnstetten, und ist, als die westlichste des Oberamts, auf drei Seiten von dem Oberamt Geislingen umgeben. Sie gehört ganz der hohen Alpfläche an, ist rauh und hat gänzlichen Mangel an Quellwasser. Der Ackerbau hat eine große Ausdehnung | (4050 M.) und wird in neuerer Zeit fleißig verbessert; die Zahl der Wechselfelder vermindert sich immer mehr, und man läßt sich angelegen seyn, durch Benutzung des sich hier reichlich vorfindenden Mergels dem Boden nachzuhelfen und öd gelegene Güter für die Kultur zu gewinnen. Lammwirth Bosch verdient unter den fleißigen Landwirthen besondere Erwähnung. Dinkel und Haber werden in großer Menge (größtentheils zur Verwerthung in der Schranne zu Geislingen) gebaut. Nicht unbedeutend ist auch der Flachsbau. Der Durchschnittsertrag eines Morgens stellt sich vom Dinkel auf 7, vom Haber auf 6 Scheff. Der Preis der geringsten Äcker ist 2 fl., der mittlere 75 fl., der beste 225–250 fl. p. Morgen. Im Ganzen sind die Güterpreise sehr gestiegen. Geschlossene Güter giebt es längst nicht mehr, und mit der steigenden Bevölkerung nimmt auch die Vertheilung des Grundeigenthums zu. Der Wiesenbau ist räumlich sehr beschränkt (nur 1483/8 M.), der Ertrag aber gut. Um so mehr wird der Bau an Futterkräutern, namentlich dreiblättriger Klee und Esper betrieben. Der Preis eines M. Wiesen steigt von 80 fl. bis auf 300 fl. Der Obstkultur steht die Ungunst des Klimas entgegen; doch sucht man durch eine 1842 angelegte Gemeindebaumschule für ihre Emporbringung zu wirken. Von 6202/8 M. Wald (darunter ungef. 36 M. Nadelwald) besitzt die Gemeinde 3525/8 M., 462/8 die Stiftungspflege, das Übrige ist Privateigenthum. Die Pferdezucht ist in gutem Zustand und scheint sich noch mehr zu heben; es werden viele Pferde nach außen verkauft. Auch die Rindviehhaltung gehört zu den bessern, indem immer mehr auf gute Zucht gesehen wird. Die Stallfütterung ist allgemein; nur die minder begüterten Bauern treiben auf die Stoppelwaide. Verkauft wird vieles Vieh mit Vortheil auf den benachbarten Märkten und an Göppinger Viehhändler. Die Schafwaide wird beinahe nur von fremden Schafen beschlagen, und wirft einen jährlichen Pachtertrag von 800–1300 fl. ab. Der Pförcherlös belief sich 1842 auf 1323 fl. Schweine werden hier nicht gezüchtet. – Die zahlreichsten Handwerker sind die Weber (29 Stühle), die früher alle auf den Verkauf woben, jetzt aber hauptsächlich in Folge wiederholter Flachsmißjahre sehr herabgekommen sind, und nun größtentheils für Heidenheimer Häuser mit Verfertigung von sogenannten Stücktüchern aus Baumwolle sich beschäftigen. Außerdem sind auch die Maurer und Zimmerleute zahlreich, die meistens gesellenweise auswärts arbeiten. Noch sind zu nennen vier Schildwirthschaften, drei Bierbrauereien und eine Ziegelei. Ein Vieh- und Krämermarkt, der einmal des Jahrs gehalten wird, ist gänzlich im Verfall. Die Vermögensumstände der Einwohner sind im Ganzen nicht ungünstig. Es giebt mehrere sehr bemittelte Bauern, und fast keine | Familie, die nicht ein Stück Gut, ein eigenes Haus, und ein oder ein Paar Stück Vieh besäße. Dabei sind die Leute geordnet, thätig und zeigen im Allgemeinen die lobenswerthen Eigenschaften, welche die noch wenig verdorbenen Alpbewohner überhaupt auszeichnen. Auch hier hat sich ein Liederkranz gebildet, der viele Theilnahme findet. – Die Revenüen der Gemeinde fließen aus dem Pachtertrag von 1481/2 M. Gütern (die übrigens zum Theil auch unter die Bürger vertheilt sind), aus den Interessen von 5000 fl. Kapitalien und aus dem Ertrag der Schafwaide (s. oben). Dazu kommt noch die oben erwähnte Waldung. Daraus ließ sich bis jetzt nicht nur der Bedarf der Gemeindehaushaltung, sondern auch der diesseitige Antheil am Amtsschaden bestreiten. Bürgerliche Nutzungen sind 1/4 M. Acker, 30 Ruthen Krautland, und wenn Waldungen haubar sind, 1/4 Klafter Holz nebst Reisig. Ein Backhaus mit zwei Öfen, das stark benutzt wird, ist von der Gemeinde errichtet worden.

Zehentbar ist die hiesige Markung mit dem großen Zehenten dem Staat, und (von dem Felddistrikt Vorderweiler) dem Grafen von Rechberg; mit dem kleinen der Pfarrei Gussenstadt, der Pfarrei Gerstetten (von dem Distr. Wallbach), der Pfarrei Söhnstetten (von dem Distr. Taubenlauch und Hagenhülb), der Pfarrei Böhmenkirch (vom Vorderweiler), und von einigen Parzellen dem Staat. Die Lehenabgaben und Frohnen (letztere in einem durchschnittl. Jahresbetrag von 50 fl.) sind gegen den Staat alle abgelöst. Eben so von Privaten jährl. Gebäudeabgaben an den Staat 1 fl. 20 kr., an die Ortsstiftungspflege 2 fl. 20 kr., von der Gemeinde an den Staat für Pförchkäse 30 kr.

1) Gussenstadt, 41/2 geom. St. westsüdwestl. von Heidenheim entfernt, hat eine hohe, rauhe, nach keiner Seite von Bergen geschützte Lage. Das Aussehen und die Bauart des Orts ist zum Theil sehr verbessert worden, indem neuerlich viel gebaut worden ist. Vorherrschend sind aber noch immer die Strohdächer. In 134 Wohnhäusern leben 1046 Menschen. Die Pfarrkirche ist ein altes, unfreundliches, auch räumlich unzulängliches Gebäude, auf welchem sich ein Fruchtkasten des Staates befindet. Die Baulast der Kirche ruht auf dem Heiligen, der ungefähr 260 fl. Einkünfte hat. Das Pfarrhaus unterhält der Staat. Das Schul- und Rathhaus erbaute 1823 die Gemeinde. Die Schule hat zwei Abtheilungen; eine Näh-Schule besteht nur im Winter. Eigene Schulstiftungen sind nicht vorhanden. Ein neuer Begräbnißplatz außerhalb des Ortes ist 1835 angelegt worden. Der Ort hat, wie schon gesagt, kein Quellwasser, sondern muß sich mit Cisternen behelfen. Außer der ziemlich unbedeutenden Vicinalstraße nach Eybach und Geislingen führt keine Straße durch den Ort. Eine halbe Stunde westlich | zieht die „Heerstraße“ vorüber, welche in der Oberamts-Beschreibung von Geislingen S. 117 weiter nachgewiesen und für eine Römerstraße angenommen worden ist.

Auf diesseitiger Markung lagen die längst eingegangenen Weiler oder Höfe Hagenhülb (an der westlichen Gränze der Markung und an der Straße nach Eybach) und Taubenlauch (Toubenloch in der Stift. Urk. v. Anhausen, Besold p. 331, eine starke Viertelst. nördlich von Gussenstadt). Sie waren nach Söhnstetten eingepfarrt; daher das oben angegebene Zehentverhältniß. Vorderweiler (s. oben) das auch den Namen Goldweiler geführt zu haben scheint, zwischen hier und Böhmenkirch, ist ohne Zweifel ebenfalls ein abgegangener Ort.

Als Gussunstat erscheint der Ort schon im J. 1147 bei Ausstattung des Kl. Anhausen, welches allda Güter erhielt. Im J. 1326 schenkten die Grafen Johann und Ulrich von Helfenstein dem Kl. Anhausen den Kirchensatz und das Eigenthum dieses Dorfes, was im J. 1358 Graf Ulrich der jüngere erneuerte (Gabelkh). Dieser Kirchensatz wurde von P. Martin V. durch den Abt Sifried von Ellwangen den 13. Nov. 1427 dem Kloster vollkommen einverleibt (Braun Not. cod. 1, 143). Das Kloster und dessen Rechtsnachfolger Württemberg hatten eine eigene Pflege in Gussenstadt und zählten das Dorf unter ihre Orte. Der jeweilige Klosteroberamtmann war zugleich Stabspfleger in Gussenstadt. „Ain Herr des Kl. Anhausen ist rechter Herr zu Gussenstadt,“ sagt das Lagerbuch von 1588 (Reyscher, Statutarrechte 93).

Zoll und Geleit in Gussenstadt verkauften die Grafen Ulrich und Conrad von Helfenstein den 12. April 1446 an Ulm (Helfenst. Deduct. S. 57), welches ein Zollhaus allda errichtete. Mit dieser Reichsstadt, deren Gebiet südlich an die Markung von Gussenstadt anstieß, schloß Württemberg den 17. Septbr. 1596 einen Grenzberichtigungsvertrag (Reyscher 95).

Auf der Gränze des ulmischen und kl. anhausischen (württembergischen) Gebiets, eine Viertelstunde von Gussenstadt auf dem ulmischen Platze Bahnholz im Sackenthal auf Bräunisheimer Markung wurde alljährlich den 1. Mai der sogenannte Bahnholztanz abgehalten, welchen im J. 1746 die württembergische Regierung im Einverständniß mit dem Bürgermeister und Rath der Stadt Ulm abzustellen für gut fand, weil er zu vielen Unordnungen Veranlassung gegeben. Ein Bericht des Klostervogts von Anhausen und Pflegers von Gussenstadt gab folgende Beschreibung: „Die ledigen Bursche von Gussenstadt hatten dabei den Vorzug. Sie zogen mit klingendem Spiel auf, erwehlten allezeit zwei Platzmeister, und machten mit ihren mitgebrachten ledigen Weibspersonen mit dem Tanz den | Anfang, worauf sodann die ulmischen ledige Leute, wann vorher jede Partie den Platzmeistern eine Landmünz gegeben hatte, mittanzten. Als Zuschauer fanden sich dabei ein allerhand benachbarte geistliche und weltliche Beamte und andere Personen; es wurden zugleich von den Landkrämern allerhand geringe Waaren, gleich als an einem öffentlichen Jahrmarkt, feilgehabt, auch sowohl von württembergischen als ulmischen Wirthen und Bäckern, Wein, Bier, Branntwein und Brod, ausgeschenkt und verkauft, ohne daß jemand weder Zoll noch Accis gegeben hätte, und wann, wie bei dergleichen Gelegenheiten nicht selten zu geschehen pflegt, Schlägereien oder andere strafbare Händel vorgefallen, so strafte der Beamte zu Gussenstadt dasjenige ab, was solchergestalt auf dem hochfürstlichen – Ulm hingegen auf diesseitigen Territorio passirte“ (Reyscher Statutarrechte S. 95).

Im J. 1633 kam hier der nachmalige württemberg. Hofprediger Joh. Barthol. Haage als Sohn armer Bauersleute zur Welt, die bald darauf bei einem Einfall kaiserl. Truppen von Haus und Hof vertrieben wurden. In dieser Rathlosigkeit wurde das Kind von der 16jähr. Schwester vor die Schwelle des Waisenhauses in Ulm gelegt, wo es Aufnahme und Erziehung fand. Haage starb den 11. Juli 1709 als Prälat zu Adelberg.

2) Heutenburg, Hof auf eigener Markung (s. Gerstetten), mit 15 Einw., Filialisten von Gerstetten, vor 1823 von Gussenstadt, 11/4 St. östlich von letzterem Orte, zuerst im J. 1143 genannt bei Stiftung des Kl. Anhausen, welches Hitenburc ex toto erhielt. In Folge eines neuerlich geschlossenen Vertrags soll diese Parzelle auch in politischer Beziehung der Gemeinde Gerstetten zugetheilt werden.



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