Beschreibung des Oberamts Herrenberg/Kapitel A 7

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VII. Geschichtlicher Überblick und Alterthümer.


1. Politischer Zustand.


In römischer Zeit zu Obergermanien gehörig kamen diese Gegenden gegen den Schluß des dritten Jahrhunderts nach Christus unter die Alemannen, durch welche die Römer vertrieben wurden. Die Alemannen in unserm Landstrich wurden selbst wieder um’s Jahr 536 den Franken botmäßig; sie behielten jedoch noch eigene Volksherzoge bis zum Beginn des 8. Jahrhunderts, wo die Hausmaier der Merovingischen Frankenkönige durch Waffenmacht die Zwischengewalt dieser Herzoge brachen und aufhoben.

In die Zeit der merovingischen Hausmaier fällt die erste Nennung von Orten, welche unserem Bezirk angehören. Die am frühesten bekannten sind Gültstein (769), die längst verschwundenen Niederlassungen Mühlhausen (773) und Reistodingen (773), beide auf jetzt Herrenberger Markung, und Haslach (775). Nach der Zeit des frühesten geschichtlichen Auftauchens geordnet reiht sich an diese: Kuppingen 961, Entringen 1075, Mötzingen und Sindlingen um 1100, Nebringen und Thailfingen um 1120, Altingen und Öschelbronn um 1130, Reusten um 1140, Gärtringen um 1150, Hildrizhausen 1165, Pfäffingen 1188, Poltringen 1191, Bondorf, Breitenholz, Kayh, Nufringen sämmtlich im 12. Jahrhundert, Herrenberg 1228, Jettingen und Lachen 1229, Hindebach 1263 (beide letztere abgegangen). Alle übrigen Orte erscheinen erst in der Zeit nach den Hohenstaufen. Dem Umstand, daß Klöster an den genannten Ortschaften Güter erwarben, verdankt man, wie meist, größtentheils auch hier die früheste Kunde derselben.

| Als nach dem Anfang des 10. Jahrhunderts ein neues Herzogthum Alemannien wieder auflebte, gehört [un]ser Bezirk zu dessen nördlichsten Theilen (die nördliche Abgrenzung durchzog die Oberämter Böblingen und Calw), während die Gegend vom Kl. Hirschau bereits zum deutschen Franken (Francia teutonica) gerechnet wurde.

In der Zeit der Gaueintheilung, welche bis in’s 12. Jahrhundert herab dauerte, bildete der Ammergau einen Haupttheil des Bezirks, wenigstens werden Mühlhausen und Reistodingen im Jahre 778 ausdrücklich denselben zugetheilt (Cod. Laur. Nr. 3638). Dieser Gau war untergeordnet dem Nagoldgau, welcher sich nicht blos über dieses Oberamt, sondern auch über die Oberämter Nagold, Horb, Freudenstadt erstreckte; so werden Mühlhausen und Reistodingen eben so gut Orte des Nagoldgau’s als des Ammergau’s genannt. Als Zugehörden des Nagoldgau’s werden Gültstein und Kuppingen namentlich erwähnt. Grafen in demselben und im Schönbuch, welcher Wald vom Reiche zu Lehen ging, waren die Ahnherren der nachherigen Grafen (seit 1246 Pfalzgrafen) von Tübingen, welche ihre Hauptburg Tübingen auf der Südgrenze ihrer niederschwäbischen Herrschaften erbauten, und deren oberherrliche, mit vielen Eigengütern verbundenen Rechte ursprünglich auch unsern Bezirk begriffen. Der älteste urkundlich erhaltene dieser Nagoldgau-Grafen ist Anselm, als zu dessen Grafschaft gehörig der Ort Kuppingen im Jahre 966 erwähnt wird; es folgt dann wieder ein Anselm, welcher in den Jahren 1027 und 1048 vorkommt. Zwischen beiden Anselmen, welche die einzigen bekannten, nach dem Nagoldgau bezeichneten Grafen sind, erscheint, wohl von derselben Familie, im Jahre 1007 ein Graf Hugo mit dem, seinem Gau Glehuntare zugetheilten Orte Holzgerlingen (O.A. Böblingen), und eröffnet, soweit unsere Kenntniß reicht, die Reihe der seit dem letzten Viertel des 11. Jahrhunderts häufiger werdenden Hugone, Grafen (Pfalzgrafen) von Tübingen. Neben dem Namen Hugo bürgert sich, gegen 1087, auch der Name Heinrich in der Familie ein, im Jahre 1175 erscheint der erste Rudolph, dieser genannt nach dem mütterlichen Großvater, Graf Rudolph von Bregenz, von dem das reiche Bregenzer Erbe, worauf ein Tübinger Nebenzweig, die Grafen von Montfort um 1200 abgetheilt wurden, an die Familie gelangte.

Wiederholte Theilungen traten überhaupt in diesem Hause ein; namentlich wurde um 1220 auf Asperg-Böblingen eine Linie abgezweigt. Obigem Tübinger Rudolph von einem gleichnamigen Sohn entsprossene Enkel Hugo und Rudolph († 1277)| gründeten – der erste die Horber, der zweite die Tübingisch-Herrenbergische Linie. In letzterer Linie theilten bereits wieder, im Jahr 1287, die Söhne des Stifters, die Pfalzgrafen Eberhard und Rudolph († um 1317), von denen dem ersten Tübingen, dem zweiten Herrenberg nebst einem Theil des Schönbuchs und Sindelfingen zufiel. Die auf diesen Ort abgetheilte Herrenberger Linie, deren Glieder von einem früh abgekommenen Hausbesitz, Scheer an der Donau, den Zunamen „Scheerer“ führten, geht uns hier fast ausschließlich an; ihre zu Jahren gekommenen Glieder sind hauptsächlich die folgenden:
Rudolph † um 1317,
h. 1286 Luitgart, T. Ulrichs Gr. v. Schelklingen.
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Rudolph † 8. Dec. 1356,
h. Adelheid
T. Ottemanns
v. Ochsenstein.
Conrad † um 1376,
h. Margareth, T. Hermann
Späts v. Faimingen.
Johann. Adelheid
† 14. Jan.
1302.
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Ulrich
† 21. Mai
1377.
Elisabeth
Nonne zu
Pforzheim.
Conrad
† um 1391,
h. Verena, T.
Heinrichs Gr.
v. Fürstenberg.
Margareth
† nach 17.
Juni 1385,
h. Walther
v. Geroldseck.
Liuke,
Nonne in
Kirchberg.
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Heinrich
† vor 20.
April 1381.
Margareth
h. 1381 Heß,
Markgr. zu
Hochberg.
Anna. Uta,
Äbtissin zu
Oberstenfeld.
Kunigund. Agnes
h. Bruno
v. Lupfen.


Wie seit dem Ende des 13. Jahrhunderts sich bei diesem Hause überhaupt Veräußerungen an Veräußerungen reihten, so kam auch diese Herrenberger Linie bald sehr herab. Bereits Graf Rudolph († um 1317) entäußerte sich um 1300 Sindelfingens; ja seine Schuldenlast erreichte bald die Größe, daß er am 3. August 1304 in Herrenberg urkundet, wie er genöthigt gewesen wäre, Herrenberg (villa H.) oder den Schönbuch zu verkaufen, hätte ihm nicht das Kl. Bebenhausen mit 604 Pfd. Heller unter die Arme gegriffen (Schmid, Urk. 77). Bereits den 23. Februar 1334 brachte der Unstern in diese pfalzgräfliche Linie eine neue Theilung, welche Rudolphs Söhne Rudolph und Conrad I. vornahmen, wobei sie vorerst die Stadt Herrenberg (bis 1347, s. u. b. top. Thl.) noch gemeinschaftlich behielten. Der eine Sohn, Rudolph, erhielt Kirchensatz, Widemgüter und Zehnten in Herrenberg, das Dorf Gültstein mit aller Zugehörde und Gewaltsame, Vogtei, Kirchensatz, Zehnten und Widemgüter, die Dörfer Nebringen und| Haslach, beide mit Gut und Leuten, die Dörfer Nufringen (Gut und Leute mit dem Zehnten und Widemgütern) und Gärtringen (Gut und Leute und den Kirchensatz), das Mannlehen der Kirche zu Ehningen, alle Leute hier und zu Aidlingen, Dagersheim, Darmsheim und 5 Mühlen; Conrad dagegen den Schönbuchwald[1] mit aller seiner Zugehörde und Gewaltsame zu Hildrizhausen etc., das Dorf Kayh und Kuppingen nebst Kirchensatz an letzterem Orte und die zu demselben theilweise auf Nufringer, Jesinger und Affstetter Markung gehörenden Zehnten und Widemgüter, endlich die Reinmühle bei Herrenberg (Schmid, Urk. 165). Zwar erkaufte Pfalzgraf Conrad I. noch im Jahre 1338 die Burg Rohrau von den Grafen von Hohenberg, und kam die Herrschaft Herrenberg, nachdem sein älterer Bruder Rudolph im Jahre 1356 gestorben und dessen Sohn Ulrich den 21. Mai 1377 kinderlos in der Schlacht bei Reutlingen geblieben war, in letzterem Jahre wieder in Eine Hand, in die des Pfalzgrafen Conrad II. (Sohn Conrads I.); gleichwohl aber konnte dieß den Verfall des Hauses um so weniger aufhalten, als Conrad II. selbst, auf Klage seiner Schwester Margarethe, Gemahlin Walthers von Geroldseck, welche mit Glück Geldansprüche auf die Hinterlassenschaft des Vetters Ulrich verfocht, eine Zeitlang in die Acht erklärt war. Unter diesen Umständen machte von dem Tübingischen Hause das emporstrebende Württembergische bedeutende Erwerbungen. Schon Pfalzgraf Conrad I. zu Herrenberg hatte – wahrscheinlich im Jahre 1347 – den Haupttheil des Schönbuchs, dessen Besitz er sich am 11. August 1334 für seine Kinder, Knaben und Töchter, von Kaiser Ludwig hatte bestätigen lassen (Schmid, Urkunden 175), an die Grafen Eberhard und Ulrich von Württemberg um 9600 Pfd. Heller erkauft, worüber König Karl am 27. Januar 1348 den genannten Grafen von Württemberg Bestätigung und Reichsbelehnung ertheilte (ebendaselbst 176). Späterhin, am 6. Dezember 1379, verpfändete an dieselben Grafen von Württemberg der Pfalzgraf Conrad II., mit seinem Sohn Heinrich, dem Letzten dieser Linie, die vordere Burg und die obere Stadt Herrenberg mit der Reinmühle an der Ammer und dem untern See an der Stadt, die Veste Rohrau und das Dorf Kayh für 3200 fl. und 5363 Pfd. Heller (Schmid, Urk. 188), wobei jedoch Eberhard die auf den Einkünften der Stadt ruhenden Leibgedinge und Pfründen ihren Inhabern richtig verabfolgen zu lassen versprach (ebend. 189).| Beide Pfalzgrafen verpflichteten sich zugleich, von diesem Tage an bis nächst Martini und hierauf noch ein Jahr lang mit der hintern Burg und untern Stadt nicht gegen den Grafen und seine Erben zu sein; auch ihn nicht daraus beschädigen zu lassen (Sattler Grafen 1. Beilage Nr. 170), worauf gleich am 7. Dezember Schultheiß, Richter und Bürger der oberen Stadt, wie zuvor den Pfalzgrafen, so jetzt der Herrschaft Württemberg bis zur Wiedereinlösung der Stadt zu gehorsamen eidlich gelobten. Nach dem Tode seines einzigen Sohnes Heinrich aber verkaufte der tief verschuldete Conrad II. mit seiner Gemahlin Verene, geb. Gräfin von Fürstenberg, am 10. Februar 1382 an genannten Grafen Eberhard von Württemberg und dessen Sohn Ulrich die ganze Herrschaft Herrenberg mit aller Zugehör an Leuten und Gütern, Rechten und Mannschaft, nämlich beide Burgen zu Herrenberg, die Stadt Herrenberg, die Burg Rohrau und folgende Dörfer: Kayh, Mönchberg, Gültstein, Altingen (halb), Wolfenhausen, Remmingsheim, Nebringen, Haslach, Kuppingen, Ober-Jesingen, Nufringen, Gärtringen, Hildrizhausen, die Güter und Rechte zu Aich, mit allen zu der Herrschaft gehörigen Leuten, Rechten, Besitzungen u. s. w., Eigen oder Lehen, an Kirchensätzen, Mannschaft, Wildbann, Dörfern, Weilern, Höfen etc. (Schmid, Urk. 192). Der Preis war 40.000 Pfund Heller; auch bedang sich der Verkäufer noch jährlich für sich 1000 Pfund Heller, ferner für seine Gemahlin, wenn sie ihn überleben würde, 300 Pfd. Heller, für seine vier ledigen Töchter je 20 Pfd. Heller, endlich ein- für allemal 1000 fl. Heirathsgut für seine Tochter Margareth, vermählte Markgräfin von Hochberg (Schmid, Urk. 192), bewilligte dagegen in einer besondern Urkunde, gleichfalls vom 10. Februar 1382, den Käufern, das, was von der Herrschaft verpfändet war, wieder einzulösen. Er entließ im folgenden Junius vor dem Hofgericht zu Rottweil seine sämmtlichen Unterthanen in der Herrschaft ihrer Pflichten gegen ihn, wies sie an, Württemberg, dem Grafen Eberhard und seinen Erben „zu hulden, zu schwören, zu warten und gehorsam zu sein,“ und zog sofort in die Heimath seiner Gemahlin. Bald nach dem Kauf ließen die Grafen von Württemberg „durch Hans von Gültlingen Hofmeister, Lenderlin Vogt zu Göppingen, den Altschultheißen von Gröningen und den Kanzler“ ihre Nutzungen in der Stadt Herrenberg und in den Dörfern und Weilern aufnehmen (Schmid, 499–505). Am 17. Januar 1385 entsagte Margarethe, des Verkäufers Schwester, Walthers von Geroldseck Wittwe, vor dem Hofgericht zu Rottweil ihren Ansprüchen auf einen Theil der Herrschaft (Schmid, Urk. 196) und ebenso, übrigens nicht so leicht, gegen| Empfang von 2000 fl., der Tochtermann des Verkäufers, Markgraf Heß von Hochberg, und dessen Gattin (Schmid, Urk. 198)[2].

Gleichwohl suchten noch im Jahre 1511 und in den folgenden, so wenig auch das Recht ihnen zur Seite stund, die Vormünder der Grafen Georg und Conrad zu Tübingen-Lichteneck, dann diese Grafen selbst, am Ende nach Ableben seines Bruders Georg der Graf Conrad allein, Ansprüche auf ihr altes Stammgut und dabei namentlich auf Herrenberg gegenüber dem Herzog Ulrich von Württemberg (zeitweise gegenüber der österreichischen Zwischenregierung) geltend zu machen, bis sich endlich Graf Conrad im Jahre 1537 zu einem Verzicht verstund, wogegen ihm der Herzog Ulrich 400 fl. jährlicher Lehengült auf die klosteralpirsbachische Pflege Dornhan versicherte und ihn in seine Dienste nahm.

Noch ehe Württemberg diese, den größten Theil des Oberamtsbezirkes begreifende Erwerbung machte, treten neben den Tübinger Pfalzgrafen einzelne weltliche Herren schon im 13. Jahrhundert an mehreren Orten als Besitzer auf; ihre Güter selbst mochten meist ursprünglich pfalzgräflich tübingische gewesen und durch Ausheirathen abgekommen sein; so namentlich die der Grafen von Eberstein (bei Oberndorf, Poltringen), von Hohenberg (bei Altingen, Bondorf, Ober-Jettingen, Rohrau, Sindlingen) und von Zollern (bei Breitenholz, Entringen). Außer diesen bedeutenderen Herren treten nach und nach viele Ortsadelige in der Geschichte hervor (s. die Ortsbeschreibungen).

Den größten Besitz nächst Württemberg brachte aber das Kloster Bebenhausen an sich; es erkaufte solchen meist auch von den Pfalzgrafen von Tübingen. Der Geldverlegenheit dieser Pfalzgrafen zu Hilfe kommend, machte es übrigens nicht blos Ankäufe von ihnen, sondern ließ sich in Beziehung auf die ausgedehnte pfalzgräfliche Besitzung, den Schönbuch, am 3. August 1304 von dem Pfalzgrafen Rudolph eine feierliche Verschreibung geben, daß er solche an Niemand anders veräußern wolle (Schmid, Urk. 77), was späterhin freilich nicht in dieser Weise in Erfüllung ging, wenn gleich das Kloster einzelne Theile des Schönbuchs überkam. Dauernd war seine Erwerbung Reustens, Unter-Jesingens mit Roseck und eines Theils von Unter-Öschelbronn. Daneben hatte es aber in den meisten Orten des Bezirkes wenigstens zeitweise einzelne Besitzungen| und Rechte (Württemb. Jahrb. 1846, II. 180, 181); in Roseck war eine seiner sechs Pflegen (Reyscher, Statutar. Rechte 200).

Unerheblicher war der Besitz anderer Klöster. Am meisten kommt in Betracht der des Klosters Hirschau, nach diesem der der Klöster Blaubeuren (besonders bei Pfäffingen und Unter-Jesingen) und Kreuzlingen, in früher Zeit der des Klosters Ottobeuren, in noch früherer der des Klosters Lorsch an der Bergstraße.

Brachten nun auch die Käufe der Jahre 1347 und 1382 den pfalzgräflichen Theil des jetzigen Oberamts und die Reformation im Anfang des 16. Jahrhunderts den Antheil der Klöster Bebenhausen und Hirschau in die Hände der Herrschaft Württemberg, so waren doch noch viele vereinzelte Besitzungen, welche die Erwerbskunst der genannten Herrschaft an sich zog: Bondorf im Jahre 1363, Ober-Jettingen 1363, 1440 etc., Thailfingen 1418–1457, Ober-Öschelbronn 1427–1612, Sindlingen wie es scheint 1440, Breitenholz 1446–1473, Entringen hauptsächlich 1468–1473, Mötzingen 1581, Unter-Jettingen 1603, 1/3 Oberndorf und Poltringen 1695, 2/3 1805, Pfäffingen 1699–1753, 1/2 Unter-Öschelbronn 1774, 1/2 Altingen 1805.

Bei der württembergischen Landestheilung, welche von 1442 bis 1482 dauerte, kam das damalige Amt Herrenberg zu dem Theile Graf Ludwigs, welcher seine Söhne Ludwig und nach diesem Eberhard im Bart zu Nachfolgern hatte (dem Uracher Theile). Unter den vielen Lehensleuten kam im Jahre 1442 an diesen Theil Berchtold Harder (zu Gärtringen gesessen), Hans Lutz zu Herrenberg, Hainz und Hans Belinger von Kayh, Burkhard von Bondorf, Gabriel Keßler von Bondorf, Conrad Hermann von Kayh, Heinrich von Gärtringen, Thein von Gärtringen; bei dem sogenannten Neuffener Landestheil war dagegen Hans von Gärtringen (Steinhofer 2, 832).

Genannter Graf Ludwig von Württemberg, der Vater, wies seine im Jahr 1434 heimgeführte Gemahlin Mechthild, Tochter des rheinischen Pfalzgrafen Ludwig, mit 13.000 fl. Heimsteuer auf Herrenberg, welche Summe jedoch im Jahre 1452 aus Veranlassung von Mechthildens zweiter Ehe, mit dem Erzherzog Albrecht von Österreich, von Herrenberg abgelöst und auf Haigerloch verschrieben wurde. (Chmel, Mater. 2, 28. 74.)

Aus den Rechtsalterthümern ist anzuführen, daß zu Tübingen Recht holten: Herrenberg, Bondorf, Hildrizhausen, Oberndorf, Boltringen, Jesingen, Entringen, Breitenholz, Pfäffingen, Reusten (Schmid, Urk. 246. 247). In Herrenberg und in den Amtsorten wurde vor der Einführung des Landrechts nach dem| sogenannten Verfangenschaftsrecht geerbt (Fischer, Gesch. der deutschen Erbfolge, 2, 206. Wächter, Württemb. Privatr. 1, 201. 202).

Eine Rechtsgenossenschaft, die der sogenannten Schönbuchsverwandten, bestund; solche hatte gewisse Nutzungsrechte in dem Schönbuch, und begriff nicht blos die im genannten Wald selbst liegenden Dörfer, sondern auch Herrenberg und die Orte des Ammerthals (Wächter a. a. O. 1, 118. 128. Schmid 399. 478. Pfaff Gesch. v. W., II. 409).

Das Oberamt Herrenberg erhielt im Jahre 1806 halb Altingen, und vom aufgelösten Oberamt Bebenhausen: Reusten und Unter-Öschelbronn, trat ab 1807 Nellingsheim an das Oberamt Horb, 1808 Eckenweiler, Remmingsheim und Wolfenhausen an Rottenburg, Mötzingen an Nagold, erhielt dafür 1808 vom Oberamte Tübingen Entringen, Oberndorf und Poltringen. Im Jahre 1810 bekam es vom Oberamt Rottenburg Hailfingen (das es jedoch 1813 an dieses wieder zurückgab), vom Oberamt Tübingen Pfäffingen, Unter-Jesingen mit Roseck, Hagelloch, vom Oberamt Nagold Bondorf mit Hohen- und Nieder-Reuthin und Wurmfeld, Mötzingen, Sindlingen, Ober- und Unter-Jettingen. Am 6. Juli 1842 trat es Hagelloch wieder an das Oberamt Tübingen ab. Seitdem hat es seinen jetzigen Bestand.

Im Jahre 1806 kam das Oberamt zum Kreis Rottenburg, im Jahre 1810 zur Landvogtei am mittlern Neckar. Bei der neuen Kreiseintheilung im Jahre 1817 gelangte dasselbe zum Schwarzwaldkreis.


2. Kirchliche Verhältnisse.


Der Oberamtsbezirk gehörte zum Bisthum Constanz, und zwar zu dessen Archidiaconat an dem Wald, und war drei Landcapiteln, Herrenberg (welches auch das Nagolder hieß, Cleß 2b, 451), Tübingen und Böblingen, zugetheilt. Zu Herrenberg gehörte: Herrenberg, Affstätt, Altingen, Bondorf, Gültstein, Ober- und Unter-Jettingen, Kayh, Kuppingen, Mötzingen, Nebringen, Nufringen, Öschelbronn; zu Tübingen: Entringen, Oberndorf, Pfäffingen, Poltringen, Reusten, Unter-Jesingen; zu Böblingen: Gärtringen, Hildrizhausen.

Nach der Reformation, welche 1534 in den damals württembergischen Orten allgemein eingeführt wurde, traten folgende Änderungen der kirchlichen Eintheilung in’s Leben. Nach der Synodalordnung von 1547 bildeten Herrenberg, Neuenbürg und Wildbad ein Decanat, Herrenberg aber erhielt schon 1550 einen eigenen Decan und kam 1577 zum Generalat Tübingen, später zum Generalat| Bebenhausen (Binder 105, 483, 111). Das Decanat umfaßte wenigstens im vorigen Jahrhundert die Pfarreien Herrenberg, Gärtringen, Gültstein, Hildrizhausen, Kayh, Kuppingen, Mötzingen, Nufringen, Remmingsheim, Thailfingen, Unteröschelbronn, Wolfenhausen. Diesen Bestand behielt es bei den neuen kirchlichen Eintheilungen den 14. Juni 1807 und den 3. November 1810, wo es wieder zum Generalat Tübingen kam, zu dem es noch gehört. Jetzt umfaßt es die sämmtlichen evangelischen Pfarreien des Oberamts.

Die katholischen Pfarreien aber wurden den 3. November 1820 dem Landkapitel Rottenburg zugetheilt.


3. Besondere Schicksale.


Während des Kriegs der schwäbischen Fürsten gegen K. Rudolph und seine Anhänger in Schwaben im August 1287 wurde auch die Gegend um Herrenberg mit Raub, Mord und Brand heimgesucht und hiebei die Mühlen bei dieser Stadt und die Dörfer Affstätt und Bondorf hart mitgenommen (Chron. Sindelf.).

Im Jahre 1514 fand der Aufstand des armen Conrads im Amt Herrenberg wenig Anklang, der Untervogt Heinrich Keller berichtete an den Herzog Ulrich, mit ihm selbst sei männiglich wohl zufrieden, die Leute seien nur wider etliche Räthe, als den Marschall, Kanzler und Landschreiber, die oft willkürlich handelten und an Gut zunähmen, während der Herzog daran abnähme; auch gehe ein Geschrei, daß der Herzog fremde Truppen werbe, die Schlösser besetze und sein Silbergeschirr, wie die Räthe ihre beste Habe, geflüchtet hätten (Steinh. 4, 82).

In Zeiten der Vertreibung des genannten Herzogs, am 13. April 1519, ergab sich Herrenberg dem mit Macht anrückenden schwäbischen Bunde, dessen Heer darauf vom 16. d. M. an 5 Tage lang bei Entringen rastete und von da vor Tübingen zog. Von hier aus kam der an der Spitze der Bundestruppen stehende Herzog Wilhelm von Bayern den 1. Mai nach Herrenberg, während sein Fußvolk in benachbarten Ortschaften lag. Am 16. August verlangte der Herrenberger Vogt Hilfe vom Bund, weil weder Schloß noch Stadt mit Wehr hinlänglich versehen, der gemeine Mann aber „nicht unwillig“ sei, wenn Herzog Ulrich beide wieder einnähme. Da erschien aber Ulrich, ehe Hilfe kam, mit 200 Reitern und 2500 Fußgängern in der Stadt (den 17. August), zog jedoch gleich wieder weiter gegen Tübingen. Stadt und Amt mußten ihm 300 Bewaffnete stellen, und am 8. September befahl er,| man solle alle übrige waffenfähige Mannschaft nach Tübingen schicken. Hierauf wurde geantwortet, man könne keine weiteren Leute schicken, weil man einen Überfall fürchte, auch das Getreide noch nicht gedroschen sei (Sattler Top. 313. Gab.). Bald darauf trat übrigens der Herzog den Rückzug an.

Im März 1525 lagerte sich Herzog Ulrich bei seinem Einfall in Württemberg vor Herrenberg auf dem Spitalacker und begann die Stadt zu beschießen. Die Truppen des schwäbischen Bundes griffen ihn an und ein Herr von Sperberseck wurde neben ihm erschossen. Als er nun aber das schwere Geschütz gegen sie richten ließ, zerstreuten sie sich, und am 5. März Abends um 3 Uhr (Stockar, Heimfahrt und Tagebuch. Schaffhausen 1839, S 129) ergab sich Herrenberg, worauf der Herzog am 6. in die Stadt einzog und die Huldigung vieler Landleute einnahm. Von hier zog er über Sindelfingen gegen Stuttgart, mußte aber den 13. März die Belagerung dieser Stadt eilends aufheben; er fand darauf auch die Thore von Herrenberg, welches die Bundestruppen am 17. März wieder besetzt hatten, verschlossen, und zog, jetzt von seiner Schweizer Hilfe verlassen, bald darauf aus dem Lande.

In dem unmittelbar darauf folgenden Bauernkrieg erhob sich im April d. J. das Landvolk im Gäu, im Ammerthal und im Schönbuch, sammelte sich den 20. d. M. 200 Mann stark in Kayh und zwang die Bewohner der benachbarten Orte zum Zuzug Von Herrenberg abgewiesen zogen die Bauern den 1. Mai nach Altingen, erschienen aber, von den Schwarzwäldern verstärkt, am 8. Mai wieder vor der Stadt, deren Obervogt Harder von Gärtringen mit 200 Knechten darin lag. Die Schwarzwälder setzten es durch, daß man an diesem Tage zu stürmen begann; 2 Stürme wurden abgeschlagen, wobei 200 Bauern umkamen, 17 Häuser (um das Brunnenthor herum) und die Probstei verbrannten; nach 6stündigem Kampfe aber mußte sich die Stadt ergeben und wurde von den Bauern ungeachtet ihrer gemachten Zusage geplündert. Harder selbst hielt sich auf dem Schlosse, bis der Entsatz anrückte. Am 9. Mai erschien Georg Truchseß von Waldburg mit den Bundestruppen, lagerte sich bei Haslach und ließ noch am nämlichen Abend die Stadt beschießen, worauf die Bauern während der Nacht nach Sindelfingen abzogen und am 12. Mai die Entscheidungsschlacht bei Böblingen verloren. Herrenberg, weil es sich dem Herzog Ulrich so leicht ergeben, auch den Bauern nicht genug Gegenwehr gethan, wurde von dem Bund mit schwerer Strafe belegt und aller städtischen Rechte und Ehren entsetzt; auch mußte es schwören, den Herzog nicht mehr als Fürsten anzunehmen.| Als aber Herzog Ulrich im Mai 1534 sein Land wieder eroberte, sandte die Stadt am 18. d. M. drei Abgeordnete an ihn, um ihm Erbhuldigung zu thun, und bat ihn: er möchte die Bürger beim Tübinger Vertrag lassen, auch ihren Vogt Wendel Begen nicht mit Ungnade ansehen, und das, was er bisher gethan, seinem Eid und seiner Pflicht beimessen, überhaupt den großen Schaden, welchen sie erlitten, beherzigen.

Am 5. April 1548 wurde Herrenberg von den spanischen Truppen Kaiser Karls V. unter dem Oberst Alvaro de Sande besetzt, welche Jahr und Tag hier blieben, greulich hausten, viel Geld erpreßten und die Einführung des Interims erzwangen.

Besonders hart drückten die Drangsale des 30jährigen Kriegs auf Stadt und Amt. Von den vielen Einquartierungslasten nicht zu reden, wurde nach der verhängnisvollen Schlacht bei Nördlingen am 11.–13. September 1634 die Stadt ganz geplündert und viele der Einwohner theils todtgeschlagen, theils so erbärmlich mißhandelt, daß sie an den Wunden starben. Dazu kam im Juli 1635 für die Stadt das große Brandunglück (s. top. Thl.). Gleichwohl mußte sie von 1635–49 an Geld 1.314.000 fl. dem Feind erlegen (Martens 372, 387, 406. Sattler Top. 315), und erfolgten im Frühjahr 1638 wieder besonders harte Erpressungen von Seiten der Kaiserlichen. Der gesammte Kriegsschaden im Amte von 1634–49 wurde auf 2.482.537 fl. 38 kr. berechnet; bis auf 1/4 soll die Einwohnerzahl herabgeschmolzen sein.

Am 16. Dezember 1688 plünderten die Franzosen unter General Peysonnel bei ihrem Rückzug die Stadt.

Während des Reichskriegs gegen Frankreich (1689–97) litt das ganze Amt ungemein durch die drückendsten Einquartierungen und Lieferungen. Am 12. September 1693 kam Markgraf Ludwig von Baden mit seiner Heerschaar in’s Amt, weil ein Einfall der Franzosen befürchtet wurde, und seine Truppen lagerten darin bis Ende Oktober, namentlich bei Herrenberg, Altingen und Bondorf.

Am 21. Juli 1704 erschien Prinz Eugen von Savoien in Herrenberg, wo sich die preußischen Truppen unter dem Prinzen von Anhalt mit ihm vereinten (Milit. Correspondenz des Prinzen Eugen, h. v. Heller 2, 167).

Von 1710–1714 betrugen die Kriegskosten der Stadt 13.1101/2 fl.

Im Februar 1795 durchzog das Corps der Emigrirten unter dem Prinzen Condé diese Gegend und ein Theil desselben lagerte sich in und um Herrenberg. 1796 beim Vordringen der Franzosen| in Schwaben kam eine Abtheilung ihres Heeres unter dem General La Roche in’s Oberamt, das jedoch durch feindliche Plünderungen und Excesse verhältnißmäßig weit weniger als andere benachbarte Oberämter litt und seinen Schaden nur auf 6771/2 fl. anschlug. Als sich im Herbst die Franzosen wieder zurückziehen mußten, erschienen den 26. September 1796 die Österreicher unter dem Feldmarschall-Lieutenant Petrasch. Am 7. September 1799 lagerte die Schaar des österreichischen Generals Sztarray zwischen Herrenberg und Altingen.


4. Alterthümer.


A. Römische[3].

Schon die Nähe von Rottenburg (Sumlocenne), der Hauptstadt des in dem Winkel zwischen Donau und Rhein gelegenen römischen Zehentlandes, und die in strategischer Beziehung wichtige Bergterrasse des Schönbuchs, welche eine natürliche Überwachungslinie des am Fuß derselben sich anlehnenden Flachlandes bildet, ließ mit aller Sicherheit auf die Ansiedelung der Römer in unserem Bezirk schließen, eine Vermuthung, welche sich durch einige frühere Entdeckungen, und besonders durch die in neuester Zeit gemachten, vollständig bestätigte. Wir erfahren durch diese Entdeckungen, daß der Bezirk nicht nur nach allen Richtungen mit römischen Straßen durchzogen war, sondern auch allerseits römische Wohnplätze in demselben bestanden, welche die frühe Bevölkerung und Kultur der Gegend nachweisen. Von den römischen Straßen erwähnen wir folgende:

1) Die römische Consularstraße, welche von der römischen Niederlassung bei Regensburg (Reginum) nach der bei Windisch in der Schweiz (Vindonissa) führte, zieht von Böblingen herkommend in der Nähe des Riedbrunnens 1/2 Stunde nordöstlich von Nufringen in den Bezirk und läuft bald in die auf sie gegründete gegenwärtige Böblingen-Herrenberger Landstraße, welche sie bis Herrenberg einhält; von Herrenberg führte sie weiter, unter den Benennungen „alte Straße, alte Heerstraße, alter Postweg“, auf einige Entfernung östlich an Gültstein, Altingen, Reusten und Poltringen vorüber, wo sie unterhalb des letzteren Orts in die Herrenberg-Tübinger Landstraße eingeht und auf derselben bis| Unter-Jesingen fortlauft. Bei Unter-Jesingen theilte sich die Straße in zwei Arme, der eine über Wurmlingen nach Rottenburg, der andere auf der Landstraße nach Tübingen fortsetzend.

2) Eine ebenfalls von Böblingen herführende Römerstraße (Heerstraße) hatte ihren Zug über Holzgerlingen, an Altdorf und Hildrizhausen südlich vorüber, und kommt westlich auf die Hildrizhausen-Herrenberger Vicinalstraße, auf der sie bis Herrenberg bleibt (s. die Oberamtsbeschreibung von Böblingen). Diese von Böblingen nach Herrenberg über die Höhen des Schönbuchs geführte Straße war die Militärstraße der Römer, daher sie auf dem dominirenden Terrain, mit Vermeidung der Thalübergänge (Defilés), geführt wurde, und deßhalb genöthigt war, einen großen Umweg zu machen; diesen Umweg schnitt auf nächstem Wege die ad 1) beschriebene Straße ab, daher wir diese mehr als eine Commercialstraße betrachten müssen.

3) Die von Dagersheim über Ehningen im Oberamt Böblingen herkommende Römerstraße, genannt „Rheinstraße, Heuweg,“ d. i. Höhweg, führte durch Hildrizhausen und weiter auf den höchsten Punkt des Schönbuchs „Eschach“ (s. die Oberamtsbeschreibung von Böblingen).

4) Die in der Oberamtsbeschreibung von Böblingen angegebene Römerstraße (Hochsträß, steinerner Weg) hatte ihren Zug über Aidlingen nach Gärtringen, und zog an den westlichsten Häusern von Nufringen in die ad 1) beschriebene Straße ein und gemeinschaftlich mit dieser nach Herrenberg. Von da ist die Herrenberg-Horber Landstraße auf die alte Römerstraße gegründet, welche sie erst 1/2 Stunde südlich von Nebringen wieder verläßt und unter der Benennung „Heerstraße“ durch Bondorf und weiter nach Wolfenhausen, Obernau u. s. w. führt.

5) Unter der Benennung „Heerstraße“ zieht ein Römerweg von Ergenzingen (Oberamts Rottenburg) her in den Bezirk und zwischen Bondorf und Nieder-Reuthin durch, zu dem unteren Theil des Orts Öschelbronn; von da hatte er seinen weiteren Zug westlich an Haslach vorüber nach Kuppingen, Ober-Jesingen, Deckenpfronn (Oberamts Calw) u. s. w. Etwa 1/2 Stunde westlich von Bondorf lief eine von Baisingen (Oberamts Horb) herkommende Römerstraße in die erstere ein.

6) Von Hochdorf (Oberamts Horb) kommt eine Römerstraße (Hochsträß) westlich von Mötzingen auf die Bezirksgrenze und führt an dieser fortlaufend etwa 1/2 Stunde westlich an Ober- und Unter-Jettingen vorüber gegen Wildberg im Oberamtsbezirk Calw.

7) Von Herrenberg führt eine Römerstraße unter der| Benennung „alte Straße“ östlich an Kuppingen vorüber nach Ober-Jesingen und lauft dort in die ad 5) beschriebene ein.

8) Von letzterer Straße ging westlich von Herrenberg ein Arm ab und führt unter dem Namen „Sträßle“ nach Affstätt und etwa 1/4 Stunde östlich an Ober-Jesingen vorüber nach Dachtel (Oberamts Calw) u. s. w.

9) Unter den Benennungen „Langerweg, Langweg und Brandsteig“ führt eine römische Straße von Mötzingen nach Öschelbronn, Nebringen, südlich an Gültstein vorüber, zwischen Mönchberg und dem ehemaligen Benzingen durch, die alte Steige hinauf auf die Höhe des Schönbuchs, auf der sie unfern der Burg Müneck vorüber fortsetzt und endlich in das Thal des Goldersbachs eingeht, wo sie bald Bebenhausen (Oberamts Tübingen) erreicht.

Weitere alte Straßen, deren erste Anlage nicht entschieden den Römern zugeschrieben werden kann, sind

a) der Rodensweg von Bondorf nach Mötzingen, und

b) eine alte Straße (gegenwärtig theilweise Vicinalstraße), welche von Reusten zwischen Entringen und Breitenholz durch, auf die Höhe des Schönbuchs führt, wo sie in die ad 9) beschriebene einlauft.

c) Die Landstraße von Herrenberg nach Nagold u. s. w.

An diesen, den Bezirk nach allen Richtungen durchkreuzenden Römerstraßen, oder doch in geringer Entfernung von denselben, lagen römische Wohnplätze, die nach den aufgefundenen Überresten gerade nicht besonders ausgedehnt waren, übrigens dennoch von dem regen Treiben und der Belebtheit in unserem Bezirk zur Zeit der Römer Kunde geben. Die bis jetzt, namentlich in jüngster Zeit entdeckten, ehemaligen Römerorte sind folgende:

1) Etwa 1/4 Stunde südlich von Herrenberg auf der Stelle des abgegangenen Ortes Mühlhausen entdeckte man im Jahre 1835 auf einem dem verstorbenen Stiftungspfleger Berg gehörigen Güterstück Grundreste römischer Gebäude mit zerstörten Hypocausten und Fußböden, welche theils aus Estrich bestanden, theils mit schön gemodelten Plättchen belegt waren, einige römische Silbermünzen, Bruchstücke verschiedener römischer Anticaglien u. s. w.

2) Auf den Schloßäckern, 1/8 Stunde nordöstlich von Affstätt, stößt man auf namhafte Grundmauern römischer Gebäude, viele römische Ziegel, Heizröhren (tubuli), Gefäßfragmente u. s. w.; ein daselbst ausgegrabenes Bruchstück einer runden römischen Säule von grobkörnigem Keupersandstein dient gegenwärtig als Angelpfosten eines Scheunenthors[4].

| 3) An die von Bondorf nach Ergenzingen führende Römerstraße stößt 1/2 Stunde südlich von Bondorf ein Felddistrikt, der „auf Mauren“ genannt wird, eine Benennung, welche sich durch die bedeutenden, daselbst unter der Oberfläche vorhandenen Mauerreste genügend rechtfertigt. Außer diesen Grundresten von Gebäuden, welche theilweise eine Länge von 50′ hatten, entdeckte man auf dieser Stelle eine Masse römischer Ziegel, Bruchstücke von Heizröhren, Gefäßen, worunter einzelne von samischer Erde waren, andere von Amphoren u. s. w. herrührten, ferner Estrichböden, Reste einer Wasserleitung, bemalte Wandreste, mehrere Münzen, unter diesen eine von Hadrian, einen Löffel von Bronce, ein broncenes Beschläge, mehrere Haarnadeln von Bein und eine schön gearbeitete runde Säule mit Kapitäl, welch’ letztere ein Bürger von Bondorf aufbewahrt.

4) Etwa 1/4 Stunde nördlich von Bondorf auf der Flur „im Weiler“ trifft man entschiedene Grundreste römischer Gebäude, nebst römischen Ziegeln, Heizröhren u. s. w.

5) Von der letztgenannten Stelle 1/8 Stunde südöstlich befinden sich oben an einem nicht bedeutenden Abhange künstlich angelegte Terrassen, bei denen man auf ziemlich ausgedehnte römische Mauerreste, Estrichböden, römische Ziegel etc. stößt; die Stelle wird „Hüttstall“ genannt und scheint ein befestigter römischer Wohnplatz gewesen zu sein.

6) Auf den Flurdistrikten „Ober- und Unter-Weihdorf,“ 1/2 Stunde nördlich von Bondorf, stößt man aller Orten auf römische Gebäudereste und Gebäudeschutt nebst römischen Ziegeln, Gefäßfragmenten u. s. w. Unfern von Ober-Weihdorf wurde vor ungefähr 25 Jahren ein Wäldchen ausgestockt, und bei dieser Veranlassung römische Münzen, Waffen, Hufeisen etc. gefunden.

7) In geringer Entfernung von den letztgenannten Distrikten wurden bei dem sogenannten „Schimmelesbrünnle“ namhafte Spuren eines römischen Wohnplatzes und in dessen Nähe Reste einer gepflasterten Straße entdeckt.

8) Zwischen Bondorf und Öschelbronn auf der sogenannten Breite finden sich zunächst der ad 5. genannten Römerstraße entschiedene Spuren römischer Gebäude.

9) Auf einem zwischen den Thälchen des Rohrbachs und des Hungerbrunnenbachs hinziehenden Flachrücken findet man 1/8 Stunde nordwestlich von Entringen auf der sogenannten Kapelle die Grundreste mehrerer römischen Gebäude in Verbindung mit einer großen Anzahl römischer Ziegel, Heizröhren, Gefäßfragmente, worunter nicht selten von terra sigillata, behauene Steine u. s. w.; ganz| in der Nähe führt die alte, von Reusten auf den Schönbuch ziehende Straße (s. oben) vorüber.

10) Etwa 1/4 Stunde westlich von Gültstein, auf einer hoch gelegenen Stelle, von der man eine freundliche Aussicht genießt, in der Nähe des sogenannten Metzenbrunnens, wo nach der Volkssage ein Schloß gestanden sein soll, wurden in Begleitung von römischen Gefäßfragmenten, Ziegeln, Amphorenbruchstücken u. s. w. die Grundmauern römischer Gebäude aufgedeckt; früher fand man daselbst eine römische Goldmünze.

11) Südlich von Kuppingen in der Flur „hinter Weingärten“ finden sich ausgedehnte Spuren eines römischen Wohnplatzes.

12) Auf den Hofstätten und bei dem sogenannten Bernhardskäppele, etwa 1/8 Stunde südwestlich von Kuppingen, entdeckte man Mauerreste und behauene Staffeln, welche zu Souterrains führten.

13) Nahe an Kuppingen auf der sogenannten „Stütze“ und „beim Kalkofen“ findet man römischen Gebäudeschutt.

Außer diesen angegebenen Punkten stößt man allerseits zunächst bei Kuppingen auf Gebäudereste, was zu der allgemeinen Volkssage, daß Kuppingen früher viel größer und eine Stadt gewesen sei, Veranlassung gegeben haben mag; im Ort selbst ist man in neuester Zeit bei dem Gasthaus zum Ochsen auf eine 12′ breite gepflasterte Straße gestoßen; auch wurden schon öfters römische Münzen in der Nähe des Dorfs gefunden.

14) Auf den Weilerwiesen, eine kleine halbe Stunde nordwestlich von Nebringen, wo nach der Sage ein Schloß gestanden sein soll, stößt man in der Nähe der von Öschelbronn nach Kuppingen führenden Römerstraße auf römische Gebäudereste, Ziegel u. s. w.; zunächst dieser Stelle wird ein kleiner Distrikt der „Rosengarten“ genannt, wo nach der Sage der Schloßgarten bestanden habe.

15) Westlich von Oberndorf in der Nähe des sogenannten „Steinmäuerles“ kommen römische Gebäudereste vor.

16) Auf den Kapellenwiesen zunächst (südlich) an Öschelbronn, wo eine Kapelle gestanden sein soll, sind bedeutende Mauerreste vorhanden, die schon bei einer flüchtigen Untersuchung auf ehemalige Gebäude, nicht aber auf eine Kapelle schließen lassen; eine nähere Prüfung zeigte römische Ziegel und Bruchstücke von Gefäßen, die einen abgegangenen römischen Wohnplatz auf dieser Stelle bekunden; früher wurden daselbst einige erhaltene römische Gefäße ausgegraben.

17) Etwa 1/4 Stunde nordöstlich von Poltringen auf den Steinäckern (auch „Enderleshans“ genannt) lag in der Nähe der| von Herrenberg nach Tübingen führenden Römerstraße (s. oben) eine ziemlich ausgedehnte römische Niederlassung mit terrassenförmiger Anlage; auch hier entdeckte man in großer Anzahl römische Ziegel, gemodelte Heizröhren, Bruchstücke von Gefäßen und ein rundes Säulenfragment.

18) In geringer Entfernung westlich von Thailfingen findet man auf den Maueräckern weithin ziehende Grundreste römischer Gebäude, Estrichböden, Souterrains, Ziegel, Heizröhren, Bruchstücke von Gefäßen, worunter viele von terra sigillata u. s. w.; ferner sind schon römische Münzen und eine Schnellwage von Bronce daselbst zu Tage gefördert worden.

Vor allen Punkten hat wohl der bei Herrenberg die bedeutendste Rolle in der römischen Periode gespielt, indem sich hier ein sehr namhafter römischer Straßenknoten entwickelt, und überdieß die Lage von Herrenberg am Fuße des, die ganze Umgegend beherrschenden Schloßbergs in militärischer Beziehung eine solch’ ausgezeichnete ist, daß sich nicht wohl annehmen läßt, die kriegserfahrenen Römer werden diesen wichtigen Punkt unbenützt gelassen haben.


B. Deutsche.

Altgermanische Grabhügel kommen vor: im Affstätter Gemeindewald 5 (eine Untersuchung derselben zeigte in der Mitte der Hügel zusammengesetzte Steine und Brandplatten, welche mit Kohlen und Asche überdeckt waren), in dem der Gemeinde Altingen gehörigen Walddistrikt „Hardt“ 10, in dem Kuppinger Gemeindewald 3, und in dem auf der Markung Ober-Jettingen gelegenen Staatswald „Herrenplatte“ 7.

Gräber, welche nicht in aufgeworfenen Hügeln, sondern in den gewachsenen Boden entweder frei oder mit Steinplatten umfriedigt eingesetzt sind und wohl einer etwas späteren Periode als die Todtenhügel angehören,[5] wurden in dem Bezirke an folgenden Stellen aufgefunden: in Gültstein, etwa 1/4 Stunde nordwestlich von Kuppingen, an der Westseite des Dorfs Mötzingen, auf der Flur „Schiebel“ südlich von Öschelbronn und am Fuß des Kirchbergs bei Reusten.

Von abgegangenen Burgen, Schanzen und Schlössern, wovon sich noch mehr oder weniger Spuren finden, sind folgende zu nennen:

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Auf der Markung Herrenberg, das Schloß Herrenberg. Nördlich der Stadt kommen die Flurnamen „Schanze, Schanzwiesen“ vor.
Auf der Markung Altingen, Spuren einer abgegangenen Burg auf dem Maidlesberg.
Auf der Markung Bondorf, die Burg Bondorf an der nördlichen Seite des Orts.
Auf der Markung Breitenholz, die Burg Müneck.
Auf der Markung Entringen, die Burg Graneck.
Auf der Markung Gärtringen, die Edelburg.
Auf der Markung Gültstein, der Burgstall zunächst am Ort.
Auf der Markung Haslach, der Bohnenstall.
Auf der Markung Hildrizhausen, die Burg Hildrizhausen; sie stand auf der Stelle der gegenwärtigen Kirche.
Auf der Markung Kuppingen, die Burg im Ort (?).
Auf der Markung Ober-Jettingen, in dem Walddistrikt „Lugen“, eine theilweise zerstörte viereckige Schanze, ferner die Burg Steinberg.
Auf der Markung Pfäffingen, die Burg im Ort und eine zweite südlich vom Ort auf dem sogenannten Kern.
Auf der Markung Poltringen, die Burg Ober-Poltringen.
Auf der Markung Reusten, Spuren von ehemaligen Burgen und Befestigungen sind hinter dem Begräbnißplatz auf dem Kirchberg und auf dem Brunnberg vorhanden.
Auf der Markung Rohrau, die Burg Rohrau (auch Horn genannt) und eine abgegangene Burg auf der Stelle der gegenwärtigen Kirche.
Auf der Markung Unter-Jesingen, der Burgstall Wehingen.

Abgegangene Orte, Klöster, Waldbruderhäuser, Kapellen u. s. w., von denen sich (s. die betreffenden Ortsbeschreibungen) noch einzelne Spuren finden, kommen vor:

Auf der Markung Herrenberg, Mühlhausen, Raistingen; ein Waldbruderhaus stand am Lindachthälchen.
Auf der Markung Entringen, stand auf dem Pfaffenberg ein Klösterlein.
Auf der Markung Gärtringen, Hartheim.
Auf der Markung Hildrizhausen, die heilige Kreuzkapelle und ein Haus auf dem sogenannten Verwalters-Hof.
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Auf der Markung Mönchberg, bei der Kirche stand ein Mönchsklösterlein.
Auf der Markung Nebringen, eine Kapelle auf den Kapellesäckern.
Auf der Markung Unter-Jesingen, Lachen, die Kl. Blaubeurer Probstei Heimbach.

Distriktsbenennungen, welche auf abgegangene Wohnorte, Schlösser etc. schließen lassen, kommen folgende vor:

Auf der Markung Affstätt, Hasenhof.
Auf der Markung Bondorf, außer den schon unter den römischen Wohnplätzen aufgeführten, Uffenhofen.
Auf der Markung Entringen, Hinterhöfe.
Auf der Markung Gärtringen, Bührlingen, Wislingen.
Auf der Markung Gültstein, Mohrhof, im Thurm.
Auf der Markung Kayh, im Schloß.
Auf der Markung Kuppingen, Wehlingen, Hofstätt.
Auf der Markung Mötzingen, Gaisburg.
Auf der Markung Ober-Jettingen, im Weiler.
Auf der Markung Öschelbronn, Dänzlingen.
Auf der Markung Reusten, zu Röschenhofen.
Auf der Markung Rohrau, Kellerwiesen.
Auf der Markung Unter-Jettingen, Oberfischingen, Wolfenkirch.



  1. Hier blieben jedoch sein Bruder Rudolph und die Pfalzgrafen zu Tübingen-Böblingen, Mittheilhaber des Gejaids und der Hundelege.
  2. Am 16. Dezember 1387 verpfändete Graf Eberhard und sein Sohn Graf Ulrich bereits Burg und Stadt Herrenberg für 16.800 fl. an den Markgrafen Bernhard von Baden (St.-A., Sachs Gesch. v. Baden 2, 202), doch fand bald darauf die Einlösung statt.
  3. Die römischen Alterthümer sind, mit Ausnahme der bei Herrenberg und Kuppingen schon früher aufgefundenen, von dem Verfasser (Finanz-Assessor Paulus) entdeckt und untersucht worden.
  4. Die bedeutendsten Spuren dieses ehemaligen römischen Wohnplatzes werden auf dem Acker des Gemeinderaths Eberhard Ludwig Kopp von Affstätt gefunden.
  5. In diesen Gräbern wurden neben den Überresten menschlicher Skelette nicht selten Speerspitzen, Schwerter, namentlich kurze einschneidige, sogenannte Sachse gefunden.


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