Beschreibung des Oberamts Horb/Kapitel A 3

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
« Kapitel A 2 Beschreibung des Oberamts Horb Kapitel A 4 »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
|
III. Einwohner.


1. Bevölkerung.
A. Bewegung der Bevölkerung.

Die Zahl der ortsangehörigen Bevölkerung betrug

männl. weibl.
Geschlechts zusammen
am 01. Nov. 1812 08.773 08.893 17.666
1822 09.488 10.101 19.589
1832 10.649 11.171 21.820
nach der jährlichen Zählung,
|
und 10.661 11.092 21.753
nach der 10jährigen Zählung.
am 15. Dec. 1834 10.846 11.293 22.139
1837 11.176 11.568 22.744
1840 11.335 11.644 22.979
1842 11.538 11.898 23.436
1843 11.603 11.961 23.564
am 03. Dec. 1846 11.806 12.108 23.914
nach der jährlichen Zählung,
und 11.722 12.070 23.792
nach der 14jährigen Zählung.
1849 11.748 12.057 23.805
1852 11.792 12.088 23.880
1855 11.319 11.787 23.106
1858 11.277 11.803 23.080
nach der jährlichen Zählung,
und 10.791 11.448 22.239
nach der 12jährigen Zählung.
1861 11.050 11.592 22.642
1862 11.111 11.674 22.785
1864 11.187 11.714 22.901

Die ortsanwesende Bevölkerung des Bezirks dagegen war nach den für die Zwecke des Zollvereins vorgenommenen Zählungen

männl. weibl. weniger
gegenüber
der Zahl der
Ortsangehörigen.
Geschlechts zusammen
am 15. Dec. 1834 09.723 10.802 20.525 1614
1837 10.082 11.134 21.216 1528
1840 09.724 10.878 20.602 2377
1848 09.853 10.888 20.741 2823
am 03. Dec. 1846 10.216 11.244 21.460 2332
1849 10.119 11.213 21.332 2473
1852 09.632 10.892 20.524 3356
1855 09.146 10.548 19.694 3412
1858 09.003 10.420 19.423 2816
1861 08.979 10.462 19.441 3201
1864 09.352 10.705 20.057 2844
Aus diesen Zahlenreihen ist ersichtlich, daß die ortsangehörige Bevölkerung des Oberamtsbezirks in den Jahrzehnten von 1812 bis 1822, 1822 bis 1832 und 1832 bis 1842 eine stetige Zunahme von | ca. 2000 Seelen in je 10 Jahren hatte, von 1842 bis 1852 dagegen eine nur unbedeutende Zunahme von etwa 400 Seelen, und von 1852 bis 1862 eine entschiedene Abnahme von über 1000 Seelen, und ist hierin die Wirkung der dem Erwerbsleben so ungünstigen Ereignisse, welche von der Mitte der 1840er bis zur Mitte der 1850er Jahre anhielten, nämlich der Kartoffelkrankheit, der politischen Bewegungsjahre von 1848 und 1849, der ungenügenden Ernten Anfangs der 1850er Jahre und des orientalischen Kriegs unschwer zu erkennen; denn während die Jahre 1842 bis 1846 noch eine Zunahme der Ortsangehörigen von ca. 300 Seelen, und die Jahre 1843 bis 1846 sogar bei den Ortsanwesenden eine solche von 700 Personen zeigen, fällt die Bevölkerung von 1846 an rasch bis zum Jahre 1858, wo sie ihren tiefsten Stand erreicht mit 22.239 Ortsangehörigen und 19.423 Ortsanwesenden gegen 23.792 Ortsangehörige und 21.460 Ortsanwesende im Jahr 1846. Erst von 1858 an zeigt sich wieder eine allmählige Zunahme, wodurch jedoch der Stand von 1846 noch keineswegs wieder erreicht ist. Die Zahl der Ortsangehörigen des Bezirks ist stets um etwa 3000 größer als die der Ortsanwesenden (in der 2ten Tabelle), weil unter ersteren die außer Landes abwesenden jedoch nicht förmlich ausgewanderten Württemberger mitgezählt werden, während dagegen die im Lande sich aufhaltenden Fremden unberücksichtigt bleiben. Zugleich ergibt sich in Folge der mangelhaften Aufnahme der alljährigen Umzüge innerhalb Landes meistens ein Überschuß der Hereingezogenen über die Hinausgezogenen, wodurch die Zahl der Ortsangehörigen höher erscheint als sie in Wirklichkeit ist, daher sich denn bei den 10-, 12- und 14jährigen Aufnahmen des Standes der Bevölkerung von 1832, 1846 und 1858, welche zu Berichtigung der alljährlich stattfindenden Berechnung der Zu- und Abnahme in Folge von Geburten, Todesfällen, Umzügen, Ein- und Auswanderungen zugleich mit diesen vorgenommen worden sind, eine nicht unerhebliche Minderzahl von Ortsangehörigen gegenüber von dieser jährlichen Berechnung, und zwar von 67 Seelen im Jahr 1832, von 122 im Jahr 1846, und von 841 im Jahr 1858 ergeben hat.

Nach der 12jährigen Aufnahme im Jahr 1846 war

1) die Zahl der anwesenden Ortsangehörigen 20.598
2) die der abwesenden Ortsangehörigen 3194
die Summe aller Ortsangehörigen 23.792
3) die Zahl der im Bezirk sich aufhaltenden Fremden  862
somit die Summe aller Ortsanwesenden ad 1 u. 3 21.460
| Während nun das Oberamt Horb in der Periode von 1812 bis 1822 hinsichtlich des Zuwachses zu seiner Bevölkerung im Allgemeinen, nämlich auf je 1000 Einwohner als das zweite stärkste mit 10,3 (auf 1000 Einwohner) unmittelbar nach Backnang (mit 12,5) obenan steht, ist es von 1822 bis 1832 mit 11,38 auf Tausend das 13te, von 1832 bis 1842 mit 7,74, noch das 30ste in der Periode von 1842 bis 1852, dagegen mit 1,89 auf Tausend der Ordnungszahl nach unter allen Oberämtern erst das 61ste, mithin unter denjenigen, welche den geringsten Zuwachs aufweisen, nach Neckarsulm (Ordnungszahl 64), Weinsberg (Ordnungszahl 63), Schorndorf (Ordnungszahl 62) das 4te, während es hinsichtlich der Dichtheit der Bevölkerung bei 6993 Einwohnern auf die Quadratmeile mit der Ordnungszahl 17 der Mehrzahl der Oberamtsbezirke vorangeht. Dieß dürfte vielleicht zu dem Schluß berechtigen, daß wenn die Vermehrung der Bevölkerung im Bezirke Horb durch die schon lange vor der allgemeinen Grundentlastung im Jahr 1848 herrschende Theilung des Grundbesitzes mehr als in andern Oberämtern begünstigt wurde, weil hiedurch die Gründung neuer Familien erleichtert war; andererseits gerade dieser Umstand bei der in den Nothjahren eingetretenen plötzlichen Entwerthung des Grund und Bodens auch einen starken Rückschlag herbeiführen mußte, weil hiedurch viele Wirthschaften ihren Untergang fanden. Eine weitere Bestätigung findet dieß zugleich darin, daß die Zahl der Gante im Bezirk Horb in den drei Jahren 1. Juli 1850 bis 1853 verhältnißmäßig eine der höchsten des Landes war. Durchschnittlich betrug dieselbe nämlich im ganzen Land für diese Periode 4916, wovon auf den Schwarzwaldkreis 1730, und auf den Oberamtsbezirk Horb 124 kamen, und zwar im Verhältniß zur Bevölkerung einer auf je 38 Familien und 166 Personen, womit der Bezirk Horb unter denjenigen Oberämtern, welche die meisten Gante im Verhältniß zur Familienzahl aufwiesen, nach Oberndorf, nämlich mit 1 Gant auf 30 Familien, Backnang mit 1 Gant auf 37 Familien, und Weinsberg mit 1 Gant gleichfalls auf 38 Familien der 4te stärkste unter sämmtlichen Oberamtsbezirken des Landes war.

1

Dem entsprechend war in dem Decennium 1842 bis 1852 auch die Auswanderung im Oberamt Horb nächst Neuenbürg mit 1 Ausgewanderten auf 187 Einwohner, und Rottenburg mit 1 Ausgewanderten auf 196 Einwohner die stärkste, mit 1 Ausgewanderten auf 197 Einwohner, wovon 47,09 männlichen und 52,91 weiblichen Geschlechts. Einwanderer dagegen waren es Einer auf 1293 Einwohner, | womit das Oberamt Horb der Ordnungszahl nach das 16te war.

Von 1852–1853 steigerte sich die Auswanderung noch mehr bis zu dem Verhältniß von 1 Ausgewanderten zu 71 Einwohner, womit Horb jedoch wegen der nunmehr in andern Bezirken gleichfalls gestiegenen Auswanderung der Ordnungszahl nach erst in 6ter Linie stand; von 1853–1854 war das Verhältniß im Oberamt Horb 1 : 77, und dasselbe war nun aus dem gleichen Grunde schon nicht mehr in der Reihe derjenigen 17 Oberämter, welche die beträchtlichste Auswanderung zeigten; von 1854–1855 endlich sank das Verhältniß auf 1 : 259, womit Horb der relativen Zahl der Ausgewanderten nach das 12te, von 1855–1856 auf 1 : 281, womit es das 19te, und hob sich wieder von 1856–1857 auf 1 : 149,2, womit Horb das 5te Oberamt des Landes war.

Auch die Umzüge innerhalb Landes stehen hiemit wieder in Übereinstimmung, denn der Oberamtsbezirk Horb war in der Periode von 1842–1852 unter denjenigen Bezirken des Landes, deren Gemeinden am wenigsten zur Übersiedlung einzuladen schienen, da blos auf 150–200 Einwohner ein Hereingezogenes kam, wovon 60,87 % weiblichen Geschlechts waren.

Die Bewegung der Bevölkerung war sodann insbesondere

a. hinsichtlich der Geborenen folgende:

Der Überschuß der Geburten über die Todesfälle war auf 1000 Einwohner von

1812/22 1822/32 1832/42 1842/52
im ganzen Land
06,14 09,54 08,92 09,05
im Schwarzwaldkreis
08,34 12,12 11,22 09,21
im OA.-Bezirk Horb
11,50 12,56 10,44 07,21

somit überstieg die durchschnittliche Zunahme der Bevölkerung im Oberamtsbezirk Horb durch den Überschuß der Geburten über die Todesfälle in der Periode von 1812–42 nicht nur das Landesmittel beträchtlich, sondern es wurde auch die mittlere Zahl des Schwarzwaldkreises wenigstens in den ersten 20 Jahren 1812–1832 vom Bezirk Horb hierin übertroffen, während derselbe von 1832 bis 1842 nur unbedeutend hinter letzterer zurückblieb; wogegen das Oberamt Horb von 1842–1852 hierin nicht blos hinter der Durchschnittszahl des Schwarzwaldkreises, sondern auch hinter der des Landes zurückbleibt.

| Hiebei war das Verhältniß der unehelich Geborenen zu den Geborenen überhaupt von
1812/22 1822/32 1832/42 1842/52
im ganzen Land 1 : 09,08 1 : 8,1 1 : 08,68 1 : 8,35
im Schwarzwaldkreis 1 : 10,4 1 : 9,7 1 : 10,5 1 : 9,11
im OA.-Bezirk Horb 1 : 09,9 1 : 8,2 1 : 07,5 1 : 7,08

woraus hervorgeht, daß die mittlere Zahl der unehelichen Geburten im Oberamtsbezirk Horb in der ganzen Periode von 1812–1852 beträchtlich größer war als die des Schwarzwaldkreises, und hiebei von 1812–1832 zwar um ein unbedeutendes kleiner als das Landesmittel, von 1832–1852 aber auch größer als dieses.

In der Periode vom 1. Juli 1846–1856 war der Überschuß der Geburten über die Todesfälle

auf 1000 ortsanwesende Einwohner
in Württemberg 6,42
im Schwarzwaldkreis 5,88
im Oberamtsbezirk Horb 4,28

es zeigt sich also auch für diese Periode ein beträchtliches Zurückbleiben des Überschusses der Geburten über die Todesfälle gegenüber der mittleren Zahl des Schwarzwaldkreises und noch mehr gegenüber dem Landesmittel.

Auch stand der Oberamtsbezirk Horb nach der in den Jahrbüchern von 1856 veröffentlichten Darstellung über Zahl und Verlauf der Geburten in der Periode 1. Juli 1846–1856 in diesem Zeitraum hinsichtlich der Fruchtbarkeit des weiblichen Geschlechts mit der Ordnungszahl 49 ziemlich weit zurück, da erst auf 10,17 über 14 Jahre alte Personen weiblichen Geschlechts eine Geburt kam; während er dagegen durch häufigere Zwillingsgeburten mit der Ordnungszahl 12 voranstand, denn auf 100 Geburten kamen 98,57 einfache und 1,43 Zwillingsgeburten.

Von 100 Geborenen waren ferner reif geborene 96,78, unreif geborene 3,22 (Ordnungszahl 20). Auf 100 Geburten kamen geburtshülfliche Operationen überhaupt 6,12 (Ordnungszahl 27), wovon Zangengeburten 1,72 (Ordnungszahl 55), manuelle Operationen 2,23 (Ordnungszahl 21), Nachgeburtslösungen 2,77 (Ordnungszahl 6). An todtgeborenen Kindern kommt auf 708,28 Einwohner Eines, im ganzen Land auf 645,17, im Schwarzwaldkreis auf 615,51.

Von 100 Gebärenden starben 0,31 (Ordnungszahl 48) und zwar bei natürlichen Geburten 0,13 (Ordnungszahl 27), bei künstlichen 0,15 (Ordnungszahl 57), unentbunden 0,03 (Ordnungszahl 37).

| Auf 100 weiblich geborene Kinder waren es 103,49 männlich geborene (Ordnungszahl 58), wovon der ersteren eines auf 29,89 weibliche (Ordnungszahl 44), der letzteren eines auf 25,73 (Ordnungszahl 43) männliche Einwohner kam. Der Überschuß der männlich Geborenen über die weiblich Geborenen war also verhältnißmäßig gering, denn das Landesmittel betrug von 1844/56 – 106,31, die Durchschnittszahl des Schwarzwaldkreises 106,16 männliche auf 100 weibliche.

Das Verhältniß der Geburten zur Bevölkerung im Allgemeinen war:

von
1812/22 1822/32 1832/42 1842/52
im ganzen Lande 1 : 26,25 1 : 26,1 1 : 23,12 1 : 24,68
im Schwarzwaldkreis 1 : 26,32 1 : 25,1 1 : 22,5 1 : 25,22
im Oberamt Horb 1 : 25,9 1 : 23,4 1 : 24,2 1 : 27,87

und in dem Jahrzehnt 1. Juli 1846/56 ist das Verhältniß der Geborenen zur Zahl der ortsanwesenden Einwohner für Württemberg 1 : 26,30, für den Schwarzwaldkreis 1 : 26,31 und für das Oberamt Horb 1 : 27,78. Das Verhältniß der

b) Gestorbenen (incl. Todtgeborenen) zur Bevölkerung im Allgemeinen war folgendes von

1812/22 1822/32 1832/42 1842/52
in Württemberg 1 : 31,3 1 : 34,2 1 : 28,81 1 : 31,78
im Schwarzwaldkreis 1 : 33,59 1 : 35,1 1 : 29,6 1 : 32,85
im Oberamt Horb 1 : 37 1 : 37,2 1 : 31,9 1 : 34,87

und in dem Jahrzehnt vom 1. Juli 1846/56 ist das Verhältniß der Todesfälle (incl. Todtgeborenen) zur Anzahl der ortsanwesenden Einwohner wie 1 : 31,64 für Württemberg, 1 : 31,13 für den Schwarzwaldkreis und 1 : 31,92 für das Oberamt Horb.

Die Zahl der Todesfälle war also im Oberamt Horb in der ganzen 40jährigen Periode von 1812–1852 durchaus verhältnißmäßig geringer als die Durchschnittszahl des Schwarzwaldkreises und diese wieder geringer als die des ganzen Landes und auch in der Periode vom 1. Juli 1846/56 ist die Zahl der Todesfälle im Verhältniß zur Zahl der Ortsanwesenden geringer als die des ganzen Landes und des Schwarzwaldkreises.

In der Periode 1812/22 war das Oberamt Horb unter sämmtlichen Oberämtern, was die relativ geringe Anzahl der Todesfälle anbelangt, das zweite, in der Periode 1822/32 das 18te, in der Periode von 1832/42 das 12te und in der Periode 1842/52 das 14te. – Während also die Zahl der Geburten zur Bevölkerung von 1812/32 stärker ist als das Landesmittel, von 1832/42 um ein unbedeutendes | schwächer, von 1842/52 aber ziemlich hinter demselben zurückbleibt, was in gleicher Weise auch für die Periode 1846/56 gilt, so ist die Sterblichkeitsziffer für die ganze Periode von 1812–1856 constant günstiger als das Landesmittel.

Die in einzelnen im Neckarthal gelegenen Orten (Horb, Mühlen, Börstingen, Sulzau, Bieringen, auch Ihlingen und Mühringen) der Gesundheit nachtheiligen Einflüsse, als: kalte Nebel des Neckarthals, der wegen Lastentragens etc. beschwerliche Anbau der auf der Höhe gelegenen Felder, das gipshaltige Trinkwasser, welche auch bei Entstehung des Kretinismus mitwirken, der nach der Aufnahme vom 1. Januar 1853 in der Stadt Horb mit einer Häufigkeit von 1 Kret. auf 153 Einwohner, in Mühlen von 1 Kret. auf 182 Einwohner auftritt, haben somit bei den im allgemeinen günstigen Gesundheitsverhältnissen und bei dem kräftigen Menschenschlag in den höher gelegenen Orten dieß- und jenseits des Neckarthals keinen Einfluß geäußert, der in der durchschnittlichen Sterblichkeitsziffer des Oberamts merkbar wäre.

In der Periode 1. Juli 1846/56 standen von 100 Gestorbenen (excl. Todtgeborenen)

im Bezirk
Horb
im Schwarz-
waldkreis
in Würt-
temberg
im 01.–00. Lebensjahr % 37,26 % 39,51 42,18
02.–7.0 12,10 11,62 09,99
08.–14. 02,66 03,02 02,39
15.–20. 01,67 02,21 01,91
21.–45. 11,19 11,27 10,83
46.–70. 22,41 21,01 20,69
über dem 70. Lebensjahr 12,71 11,36 12,07

Somit war die Sterblichkeit im 1. Lebensjahr im Oberamt Horb um 2 % geringer als die des Schwarzwaldkreises und um 5 % geringer als die des ganzen Landes, ebenso ist die Sterblichkeitsziffer in der Altersklasse der 15–20jährigen geringer als das Landesmittel und die Durchschnittszahl des Schwarzwaldkreises gewesen; größer als das Landesmittel – aber geringer als beim Schwarzwaldkreis war der Durchschnitt für den Oberamtsbezirk Horb bei der Altersklasse der 8–14- und 21–45jährigen und entschieden größer als das Landesmittel und das des Schwarzwaldkreises war die Ziffer des Oberamts Horb bei der Altersklasse der 2–7jährigen und bei allen über 45 Jahre alten Personen.

Von 100 Gestorbenen sind ferner in gedachter Periode gestorben:

|
im Oberamt
Horb
im Schwarz-
waldkreis
in Würt-
temberg
vom Juli bis September 23,44 24,70 24,16
vom Oktober bis December 25,03 24,92 24,76
vom Januar bis März 28,85 27,67 27,45
vom April bis Juni 22,68 22,71 23,63

Die Todesfälle waren somit im Oberamt Horb vom Oktober bis März zahlreicher als in Württemberg überhaupt und als im Schwarzwaldkreis insbesondere, vom April bis September dagegen seltener.

Von 100 Gestorbenen haben

im Oberamt Horb im Schwarzwaldkr. in Württemberg
ärztliche Hülfe genossen 50,45 44,35 45,36
keine solche genossen
49,55 55,65 54,64

Das Oberamt Horb hat also in dieser Richtung günstigere Ziffern als durchschnittlich ganz Württemberg und insbesondere als der übrige Schwarzwaldkreis.

Unter 100 Gestorbenen (excl. Todtgeborene) waren Verunglückte in Württemberg 0,85, im Schwarzwaldkreis 0,84, im Oberamt Horb 0,41, in welcher Hinsicht der Bezirk unmittelbar nach Spaichingen mit 0,40 die günstigste Ziffer aufweist.

Unter 10.000 Gestorbenen (excl. Todtgeborene) endlich waren Selbstmörder

im Oberamt Horb im Schwarzwaldkreis in Württemberg
24 35 36

Auch die Zahl der Selbstmorde ist also verhältnißmäßig gering.

Die Zahl der

c. Trauungen

(nach der Aufnahme von 1857 für die Periode vom 1. Januar 1838 bis ult. December 1857) sind verhältnißmäßig nicht bedeutend; denn es kommt für diese Zeit durchschnittlich

in Württem-
berg
im Schwarz-
waldkreis
im Oberamt
Horb
jährlich 1 Trauung auf
151,1 157 163,6
ortsangehörige Einwohner.

Das Nähere zeigt die folgende Tabelle. Es war nämlich:

|
  I. in der 8jährigen Periode
von 1838–1845

die durchschnittliche Zahl der
jährlichen
II. in der 5jährigen Periode
von 1846–1850

die durchschnittliche Zahl der
jährlichen
III. in der 4jährigen Periode
von 1851–1854

die durchschnittliche Zahl der
jährlichen
IV. in der 3jährigen Periode
von 1855–1857

die durchschnittliche Zahl der
jährlichen
V.
in d. ganzen
Zeitraum

von
1838–1857
die
Summe
der
Trauungen.
Trauungen. orts-
angehörigen
Einwohner.
Das
Verhältniß
beider.
Trauungen. orts-
angehörigen
Einwohner.
Das
Verhältniß
beider.
Trauungen. orts-
angehörigen
Einwohner.
Das
Verhältniß
beider.
Trauungen. orts-
angehörigen
Einwohner.
Das
Verhältniß
beider.
im
Oberamt
Horb
160 23.318 1 : 146 143 23.815 1 : 167 106 23.688 1 : 223 122 23.041 1 : 189 2786
im
Schwarz-
waldkreis
3361 460.523 1 : 137 2973 479.621 1 : 161 2170 482.965 1 : 223 2600 474.347 1 : 182 58.237
in
Württem-
berg
12.737 1.705.431 1 : 134 11.921 1.776.671 1 : 149 9077 1.803.066 1 : 199 9660 1.788.170 1 : 185 226.787
| Wie also im ganzen Land, so war hienach auch im Oberamtsbezirk Horb in der Periode von 1838–45 die Zahl der Trauungen am größten, von 1846–54 dagegen fand eine merkliche Abnahme statt, welche 1851–54 noch bedeutend stärker ward, worauf alsdann von 1855–57 wieder eine allmählige Zunahme sich zeigte. Auch hierin spiegeln sich die mit dem Jahr 1847 eingetretenen, der Gründung und Erhaltung von Familien so ungünstigen Ereignisse.

Unter den von 1838–1857 im Oberamt Horb vorgekommenen 2786 Trauungen waren 2412 katholische, 180 evangelische und 194 israelitische. Unter den christlichen Trauungen waren hiebei 91 gemischte Ehen und zwar 37, bei denen der Bräutigam evangelisch, 54, bei denen der Bräutigam katholisch war. Der

B. Stand der Bevölkerung hinsichtlich der Religion war folgender:

Es waren   Katholiken Evangelische Übrige Christen Juden
im Jahr 1812 15.576 0929 40 1121
1822 17.215 1070 13 1291
1832 19.118 1164 10 1461
1846 20.694 1426 08 1664
1858 19.360 1393 18 1468

Das Oberamt Horb war mit obigen Ziffern bis zum Jahr 1858 dasjenige, welches unter allen am meisten Israeliten zählte, erst die neueste Zählung der ortsanwesenden Bevölkerung pro 3. December 1864 zeigt eine Änderung dieses Verhältnisses, indem der Stadtdirectionsbezirk Stuttgart 1169, das Oberamt Horb blos 1142 Juden zählt, wobei aber Horb im Verhältniß zur ganzen Bevölkerung immer noch unter allen Oberamtsbezirken die meisten hat. Sonst zählte man pro 3. December 1864 im Oberamt Horb Katholiken 17.208, Evangelische 1707. Nach dem Familienstande vertheilt sich die Bevölkerung folgendermaßen. Es waren

ledig verheirathet verwittwet geschieden
männl. weibl. männl. weibl. männl. weibl. männl. weibl.
5696 6768 3167 3154 483 766 6 17

12.464

6321

1249

23

20.057.

Hievon waren

unter 14 Jahren alte,   über 14 Jahre alte,
männl. weibl.
Personen
männl. weibl.
Personen
2780 2863 6572 7842

5643

14.414

20.057.
| Was das Zahlenverhältniß der Geschlechter anbelangt, so ist zu bemerken, daß nach obiger Tabelle der ortsanwesenden Bevölkerung von 1834–1864 das weibliche Geschlecht stark vorherrscht und das Oberamt Horb ging nach der Zählung pro 3. Dec. 1861 bezüglich des Übergewichts der weiblichen Bevölkerung allen anderen Oberämtern vor.

Es kamen nämlich auf 100 männliche Einwohner

in Württemberg 107,3 weibliche Personen
im Schwarzwaldkreis 110,5
im Oberamt Horb 116,5

Von der gesammten Bevölkerung des Oberamts pro 3. Dec. 1861 mit 19.441 Personen standen in einem Alter von

männl. weibl.  
zusammen
Personen
00–50 Jahren 1252 1244 02496
05–10
807 913 1720
4216
10–15
926 1009 1935
15–20
884 1129 2013
3948
20–25
616 960 1576
25–30
569 794 1363
2939
30–35
541 672 1213
35–40
549 678 1227
2440
40–45
528 609 1137
45–50
470 630 1100
2237
50–55
535 546 1081
55–60
459 478 937
2018
60–65
350 348 698
65–70
237 238 475
1173
70–75
145 146 291
75–80
77 57 134
425
80–85
23 16 39
85–90
4 2 6
45
8972 10.469 19.441
und es kommen auf je 10.000 Personen von der Altersklasse von |
im O.Amtsbezirk Horb in Württemberg
00–50 Jahren 12960 12610
05–10 883 939
10–15 994 10280
15–20 10340 10900
20–25 809 910
25–30 700 718
30–35 623 609
35–40 630 634
40–45 584 564
45–50 565 536
50–55 555 508
55–60 481 436
60–65 358 323
65–70 244 213
70–75 149 130
75–80 069 069
80–85 020 025
85–90 003 006

Die Vertheilung der Bevölkerung durch die verschiedenen Altersklassen ist hienach eine gleichmäßige und unterscheidet sich von den für ganz Württemberg geltenden Verhältnissen nur dadurch, daß die Altersklassen bis zum 30. Jahre im Ganzen etwas schwächer, vom 30–80. Jahr aber stärker besetzt sind als in Württemberg überhaupt; denn es kommen

im Oberamt Horb in Württemberg
auf d. Altersklassen von 00–30 Jahren 5716 5946.
30–80 4258 4022.

Ebenso ist die Vertheilung der Bevölkerung über die verschiedenen Bezirksorte eine gleichmäßige, denn nach der neuesten Zählung pro 3. December 1864 kamen von der gesammten ortsanwesenden Bevölkerung

auf die Oberamtsstadt 1911
auf 4 Gemeinden mit 1000–1200 Einwohnern
(Eutingen, Nordstetten, Rexingen, Weitingen)
4247
auf 18 Gemeinden mit mehr als 500 Einwohnern und weniger als 1000 12.179
auf 6 Gemeinden mit weniger als 500 Einwohnern
(Bittelbronn, Göttelfingen, Ihlingen, Isenburg, Rohrdorf und Sulzau)
1720
20.057

wobei zu bemerken ist, daß von den im Oberamtsbezirk gezählten 1142 Israeliten blos 4 auf die Oberamtsstadt, alle übrige auf die 5 Orte Baisingen (199), Mühlen (84), Mühringen (311), Nordstetten (195), Rexingen (349) kommen.

|
2. Stamm und Eigenschaften der Einwohner.

Die Einwohner sind mit Ausnahme einzelner Eingewanderten durchaus Schwaben und theilen alle eigenthümlichen Charakterzüge dieses Volksstammes, welche sie von den Oberschwaben wie von den Franken wesentlich unterscheiden.

Was den Menschenschlag betrifft, so sind die Bewohner der Hochebenen im allgemeinen gesunde, kräftige, groß gewachsene Leute, besonders trifft man in den sog. Gäuorten, wie z. B. in Baisingen, Hochdorf, Göttelfingen, Eutingen, Bildechingen, Rohrdorf etc. einen sehr schönen Menschenschlag, wie auch auf der Hochebene auf der rechten Seite des Neckars in den Orten Nordstetten, Wachendorf, Bierlingen, Felldorf, Ahldorf etc. Auch am Saum des Schwarzwalds sind die Bewohner noch kräftig, namentlich in Bittelbronn, Grünmettstetten etc. Die Bewohner der Thalorte dagegen haben einen minder ansehnlichen, etwas schwächeren Körperbau.

Nach einer 24jährigen Durchschnittsberechnung von den Jahren 1834–1857[1] waren in dem Bezirk unter 100 Conscriptionspflichtigen 5,01 wegen mangelnder Körpergröße untüchtig, so daß derselbe unter den 64 Oberämtern die siebente Stelle einnimmt (die günstigsten Resultate lieferte Wangen mit 4,22 die ungünstigsten Weinsberg mit 18,83). Wegen Gebrechen waren unter 100 Pflichtigen untüchtig 47,95 so daß in dieser Beziehung der Bezirk unter den 64 Oberämtern die einundsechzigste Stelle einnimmt, und somit zu den ungünstigsten gehört, (die günstigsten Resultate lieferte Saulgau mit 32,99 und die ungünstigsten Sulz mit 49,78). Überhaupt untüchtig waren 52,96 so daß in dieser Beziehung der Bezirk die zweiundvierzigste Stelle einnimmt (die günstigsten Ergebnisse lieferte Saulgau mit 37,76 und die ungünstigsten Freudenstadt mit 63,86). Unter sämtlichen der ärztlichen Visitation und dem Messen unterworfenen Conscribirten (von 1834–1857: 3276) waren 164 wegen mangelnder Größe, 1571 wegen körperlicher Gebrechen, im Ganzen 1753 untüchtig.

Der Gesundheitszustand der Bezirksbewohner[2] ist im allgemeinen nicht ungünstig, da verheerende endemische Krankheiten im Bezirk keineswegs zu Hause sind, während dagegen Epidemieen, namentlich in früheren Zeiten, nicht selten vorkamen.

| Den Menschenschlag betreffend, so trifft man unverkennbar die schönsten Leute auf der Hochebene über dem rechten Neckarufer in den Orten Nordstetten, Ahldorf, Felldorf, Bierlingen, Wachendorf und Wiesenstetten; unter diesen zeichnet sich insbesondere Nordstetten aus, welches die Elite von schön gewachsenen weiblichen Personen mit fein geformten Gesichtern aufweisen kann. Ein gesunder und kräftiger Menschenschlag findet sich auch in den sogenannten Gäuorten Eutingen, Rohrdorf, Weitingen, Baisingen und Vollmaringen, wogegen die sogenannten Waldorte, wie Altheim, Bittelbronn, Grünmettstetten und Salzstetten mehr Leute von zwar kräftigem, aber minder schönem, mehr gedrungenem Körperbau aufweisen können. Die Einwohner der im Neckarthal gelegenen Orte haben ein weniger gesundes, öfters sogar kränkliches und erdfahles Aussehen, wie denn auch unter ihnen hauptsächlich die Scropheln, Kropf und Kretinismus sich geltend machen.

Daß der Gesundheitszustand des Bezirks im allgemeinen ein guter ist, dürfte auch daraus hervorgehen, daß alljährlich Personen von hohem Alter sterben. So starb im Jahr 1861–1862 eine Frau im Alter von 91 und eine andere im Alter von 90 Jahren; im Jahr 1860–61 ein Mann im Alter von 94 und einer im Alter von 91 Jahren. Im Jahr 1859–80 starb eine Frau im Alter von 91 Jahren; im Jahr 1857–58 starb ein Mann im Alter von 94 Jahren; im Jahr 1854–55 starben sogar ein Mann und eine Frau je im Alter von 95 Jahren und eine weitere Frau im Alter von 92 Jahren. Dieses günstigen Umstandes geschieht Erwähnung in einer statistischen Zusammenstellung der Sterblichkeitsverhältnisse des Königreichs Württemberg im medicinischen Korrespondenzblatt, wo es heißt: „Horb gehört zu denjenigen Oberamtsbezirken des Landes, wo die Leute verhältnißmäßig das höchste Alter erreichen.“

Größere Epidemieen sind im Laufe des Jahrhunderts sehr viele im Bezirk vorgekommen. Im Jahr 1814 herrschte der Typhus in Gündringen, im Jahr 1820 in Eutingen und Weitingen; im Jahr 1825 das Scharlachfieber in Mühringen, Bildechingen und Felldorf; im Jahr 1826 der Keuchhusten in Wiesenstetten; im Jahr 1828 die Masern in Horb, Ahldorf, Rexingen und Salzstetten; im Jahr 1829 die Menschenpocken in Altheim und Sulzau; im Jahr 1836 die Ruhr in Lützenhardt und das Nervenfieber in Bierlingen; im Jahr 1837 die Pocken in Rexingen und Lützenhardt, ebenso im Jahr 1838 in Felldorf; in demselben Jahre herrschten die Masern | in Horb, Nordstetten, Eutingen, Mühlen, Vollmaringen, Rexingen, Bildechingen und Ahldorf, die Ruhr in Grünmettstetten und das Nervenfieber in großer In- und Extensität in Bittelbronn; im Jahr 1839 die Masern in Weitingen und das Nervenfieber in Altheim; im Jahr 1841 die Masern in Bierlingen und die Varioloiden in Baisingen, Lützenhardt und Salzstetten, zu gleicher Zeit die Ruhr in Rexingen, Ihlingen, Nordstetten und Göttelfingen, das Nervenfieber in Wachendorf und Lützenhardt; im Jahr 1842 die Ruhr in Vollmaringen, ein bösartiger Typhus in Göttelfingen und Altheim; im Jahr 1843 die Masern in Felldorf und Bittelbronn; im Jahr 1844 die Pocken in Bildechingen und die Ruhr in Wiesenstetten; im Jahr 1845 das Nervenfieber in Ahldorf, Mühringen und Felldorf; im Jahr 1846 das Nervenfieber in Eutingen, 1847 in Bieringen und Börstingen; in den Jahren 1847–48–49 und 50 die Pocken fast in allen Orten des Bezirks; im Jahr 1849 die Ruhr in Salzstetten und 1850 in Altheim; im Jahr 1853 das Nervenfieber in Rexingen und im Jahr 1856 in Weitingen. Seit Ende des Jahrs 1864 grassiren die Pocken in isolirten Fällen in mehreren Orten des Bezirks.

Den allgemein herrschenden Krankheitscharakter betreffend, so ist seit den letzten Decennien der rheumatische und rheumatisch-catarrhalische der häufigste. Rheumatismen kommen in allen Formen vor, sie sind theils fieberlos, theils von Fieber begleitet, rheumatische Zahn-, Kopf- und Ohrenschmerzen, Muskel-Rheumatismen, rheumatischer Seitenstich und sog. hitziges Gliederweh; an diese Krankheitsformen reihen sieh die catarrhalischen Affektionen an, wie die Erkrankungen in den Schleimhäuten der Respirations- und der Verdauungsorgane, als da sind: fieberlose oder fieberhafte Catarrhe, Gastricismen. Häufig erreichen diese catarrhalischen Affektionen epidemische Kraft, und nehmen in diesem Fall den Charakter der sogenannten Grippe an, welcher Krankheit jedoch meist nur ältere Leute unterliegen. Der Keuchhusten kommt gleichfalls häufig vor, ohne daß er gerade epidemische Ausbreitung erlangt.

Die nächst häufigeren Krankheitsformen sind die Entzündungen, insbesondere der Brustorgane – Lungen- und Rippenfellentzündungen – wogegen bei den Kindern sehr häufig Bronchitis und Entzündungen der Hirnhäute – Hydrocephalus acutus – auftreten. Der Croup kommt blos in äußerst seltenen vereinzelten Fällen vor, eher trifft man noch hie und da den sogenannten Pseudocroup. Die acuten Exantheme – Pocken, Scharlach und Masern – kommen | theils in isolirten Fällen, theils, wie oben ersichtlich, in größeren Epidemieen vor. Von Rothlaufformen kommen hauptsächlich vor: die Gesichtsrose, erysipelatöse Angina und Parotitis erysipelacea (Wochentölpel).

Obgleich die lokalen und klimatischen Verhältnisse mehr zu rheumatisch-entzündlichen Krankheiten disponiren, so macht sich doch auch der von den allgemeinen atmosphärischen und tellurischen Einflüssen abhängige Genius morb. epid. im Bezirk geltend; es kommen daher auch außer den genannten Krankheiten häufige Erkrankungen gastrischen und typhösen Charakters vor; in den Monaten Juli, August und September erscheint fast alljährlich die Brechruhr in isolirten Fällen, jedoch häufiger bei Kindern als bei Erwachsenen, wogegen die eigentliche Ruhr (Dysenteria) weit seltener zum Vorschein kommt.

Die chronischen Krankheiten betreffend, so kommen, außer Krätze und den verschiedenen Flechtenformen, hauptsächlich Scropheln, englische Krankheit, Gicht, Lungen-Tuberkulose und Emphysem (Asthma) sehr häufig vor; ebenso sind Herzklappenfehler und Herzhypertrophie nicht seltene Krankheiten. Die Scropheln manifestiren sich hauptsächlich durch (scrophulöse) Augenliderentzündungen, Kopfausschläge, Drüsenanschwellungen, Gelenksauftreibungen und Beinfraß. An der englischen Krankheit (Rhachitis) sterben insbesondere viele Kinder des Landvolkes, die Leute sagen dann blos „es sei den Kindern unterwachsen“. Leber-Affektionen, sowie Gelbsucht, sind nicht seltene Krankheiten. Brust-, Bauch- und Hautwassersuchten kommen sehr häufig: vor, und sind meist Folgen von Lungen- und Herzkrankheiten.

Tuberkulose Lungenschwindsucht kommt nicht selten vor, ebenso ist Gicht (Arthritis anomala vaga) eine häufige Krankheit, während Krankheiten der Harnblase, wie Harnblasenkrebs, Gries und Harnsteinbildung nur äußerst selten vorkommen. Schon häufiger sind Bleichsucht und Menstrualanomalien, sowie Brust- und Gebärmutterkrebse.

Eine sehr häufig vorkommende Krankheit ist der Magenkrampf, beim Landvolk bekannt unter dem Namen Magenweh, von welchem die Leute oft Decennien lang geplagt sind, und Koliken, welche jedoch meist schnell vorübergehen und in der Regel Erkältungen zur Ursache haben. Außer dem Magenkrampf kommen auch häufig sonstige Neuralgien, als Gesichtsschmerz, Hüftweh zur Behandlung. Hysterie | ist eine häufig vorkommende, während Epilepsie eine nur selten gesehene Krankheit ist.

Von Syphilis kommen meist nur die secundären Formen zur Beobachtung.

Geisteskrankheiten sind leider nicht selten im Bezirk, während der Säuferwahnsinn nur ausnahmsweise vorkommt, wobei bemerkt werden muß, daß die Leute dem Branntweingenuß sich weniger hingeben, während die Bierkonsumtion eine sehr starke ist.

Selbstmorde, meist durch Erhängen oder Ertränken herbeigeführt, sind nur mäßig häufig, im Jahre durchschnittlich zwischen 3 und 4.

Wechselfieber kommen nicht einmal in den Thalorten zum Vorschein; nur selten wird dasselbe von, den Sommer über, im Elsaß arbeitenden Maurern in den Bezirk eingeschleppt; dagegen sind Kropf und Kretinismus ziemlich häufig, besonders in den Thalorten, zu finden.

Die Krätze war hauptsächlich in den Jahren 1848–1853 sehr verbreitet, und mußte in Lützenhardt selbst auf Staatskosten behandelt werden. Gegenwärtig kommt sie jedoch nur noch isolirt vor.

Der Bandwurm kommt selten vor, dagegen sind Spuhl- und Madenwürmer bei Kindern und Erwachsenen häufig und bedingen letztere bei Kindern nicht selten den sogenannten Veitstanz.

Als chirurgische Krankheiten sind insbesondere die vielen Unterleibsbrüche, mehr der Leistengegend als des Nabels, hervorzuheben; dieselben sind meist Folgen des Tragens schwerer Lasten in dem bergigen Terrain. Ebenso trifft man bei vielen Leuten veraltete Fußgeschwüre von kleinerem und größerem Umfang.

Das geburtshilfliche Fach anlangend, so kommen Nachgeburts-Lösungen wie auch sonstige geburtshilfliche Operationen nicht besonders häufig vor, wogegen Frühgeburten nicht selten sind.

Krankheiten des Wochenbetts kommen in Folge von Erkältungen oder Diätfehlern ziemlich häufig vor; auch wurde schon zu verschiedenenmalen Kindbettwahnsinn, häufig mit tödtlichem Ausgang, beobachtet.

Der moralische Charakter der Bezirkseinwohner ist im allgemeinen gut; großer Fleiß, Sparsamkeit und kirchlicher Sinn wird sehr häufig getroffen. Die Vermögensumstände gehören zu den guten und Wohlstand herrscht namentlich in den sog. Gäuorten, unter denen sich Baisingen und Rohrdorf noch besonders auszeichnen. Minder bemittelt, theilweise unbemittelt sind die Einwohner der Orte Börstingen, | Felldorf, Ihlingen, Isenburg, Lützenhardt, Mühlen, Salzstetten und Sulzau. Die Lebensweise der Bevölkerung ist im allgemeinen eine ziemlich einfache. Die Hauptnahrung der minderbemittelten Klasse besteht in Kartoffeln, Habermus, Kraut, Mehlspeisen etc. Vermöglichere genießen ziemlich viel Fleisch, und in den am Saum des Schwarzwaldes gelegenen Orten, viel geräuchertes Schweinefleisch und geräucherten rohen Speck. Die Getränke sind Wein, Bier, Most und Branntwein.

1

Eigenthümliche Gebräuche und besondere Volksbelustigungen nehmen mehr und mehr ab, indessen haben sich einzelne noch aus alter Zeit erhalten. Der Tanz bei Hochzeiten, Kirchweihen, Märkten und in der Fastnacht ist noch ziemlich allgemein und wird nicht selten, namentlich bei Hochzeiten, auf zwei Tage ausgedehnt. Das Schießen bei Hochzeiten, Taufen und in der Neujahrsnacht ist auch im diesseitigen Bezirk noch üblich. Der Taufschmaus ist allgemein, während der Leichenschmaus zu den Seltenheiten gehört. Bei Taufen trägt z. B. in Weitingen das mit festlichem Anzuge und mit der sogen. Schappel oder mit einem Blumenkranz bekleidete Gottle (Taufpathin) in Begleitung des Göttles (Taufpathe) und des Vaters vom Täufling das in schönem Taufzeug zierlich eingewickelte Kind in die Kirche zur Taufe; nach der Taufe gehen dieselben in die Wohnung der Mutter oder in’s Wirthshaus, wo sie Wein und etwas Speise genießen und dann nach einigen Stunden sich nach Hause begeben. Bei einem Erstgeborenen spielen nach der Taufe die Blechmusiker mit Orgelbegleitung den Eltern zu Ehren einige passende Stücke. Die Hochzeiten werden in mehreren Orten, besonders in dem sog. Gäu und in den dem Schwarzwald nahe gelegenen Orten, noch solenn gefeiert und sind sog. Zechhochzeiten, die öfters einige Tage andauern; dabei findet nicht selten eine große Begleitung beiderlei Geschlechts, jung und alt, Statt. Der Bräutigam hat einen Strauß im Knopfloch des Rocks stecken und einen Ehrengesellen in moderner Tracht zur Seite; die Braut in ländlicher Tracht mit weißer Schürze trägt eine an Gold und Silber reiche Schappel mit lang herabhängenden rothen Bändern, zuweilen ist sie auch mit langem schwarzem Kleide angethan und trägt einen Blumenkranz in den Haaren; ebenso die Gespielin. Zur Seite der Braut steht ihr Beschützer – Brautführer. Nach der Trauung begiebt sich der Hochzeitzug mit der Musik voran in das Wirthshaus, wo zuerst der sogen. „Schappelhirsch“ (Ehrentanz) von den Brautleuten, Ehrengesellen, Gespielinnen und Brautführern getanzt wird, und dann erst tanzt die ledige Jugend. Hierauf | folgt das Hochzeitmahl mit Tafelmusik von vielen aus nah und fern hergekommenen Gästen besucht, die in froher Geselligkeit bis in die späte Nacht hinein zechen; zum Schluß wird das hochzeitliche Paar in die Wohnung und in das den Tag hindurch zur Schau ausgestellte, schön ausgestattete Brautbett begleitet. Auf diese Weise werden die Hochzeiten in Weitingen, und mit einigen Abänderungen auch in anderen Gäuorten begangen.

Bei Leichenbegängnissen werden von der Schuljugend vor dem Hause des Verstorbenen und während der Zug sich zum Gottesacker bewegt, wie auch während der Einsenkung des Sargs geistliche Lieder unter Anführung des Schulmeisters gesungen; in katholischen Orten wird Kreuz und Fahne dem Leichenzug voran getragen. In Weitingen wird bei Leichen von Jungfrauen der Sarg von acht Mädchen abwechselnd getragen; sie sind mit schwarzen gefältelten Röcken, bunten Spensern, weißen Schürzen bekleidet und tragen auf den fein gepuzten, wohlgezopften Köpfen Schappeln mit rothen Bändern. Voran wird Kreuz und Fahne getragen und ein Zugführer trägt die weiße Jungfraufahne und das rothe Ablaßfähnlein. Bei Leichen von Jünglingen wird der Sarg von ledigen Burschen getragen, die mit rothen Bändern um den Hut und den linken Vorderarm geschmückt sind; Kreuz und Fahne, wie auch die rothe Jünglingsfahne wird vorausgetragen. Auch die Veteranenleichen werden öfters mit Gesang, Musik, Bürgermilitärbegleitung, Gewehrfeuer und Veteranenzug feierlich abgehalten.

In Vollmaringen werden die Verstorbenen in ein Leintuch eingenäht.

Unter den Volksspielen ist das Kegelschieben noch am üblichsten; früher war der Hammel- und Hahnentanz in Ahldorf und einigen andern Orten eingeführt, der jetzt, wie auch das ehemals allgemeine Eierlesen, nahezu abgegangen ist. Der Gesang wird von den jungen Leuten mit großer Vorliebe getrieben und gepflegt.

Die anständige und gut kleidende Volkstracht weicht allmählig und ein geschmackloses Mittelding zwischen städtischer und bäuerlicher Tracht sucht sich geltend zu machen, was selbstverständlich in der Oberamtsstadt und dessen nächster Umgegend am stärksten hervortritt; indessen trifft man auch hier bei weiblichen Personen aus dem Bürger- und Bauernstande häufig noch die schwarze Radhaube von Chenillen, im übrigen sind sie halb städtisch gekleidet und tragen buntfarbige Spenser mit wattirten Puffärmeln. Die ledigen Mädchen haben anstatt der Haube häufig nur ein buntes Tuch über den Kopf | gebunden. Im Westen des Bezirks nähert sich die Kleidung der Schwarzwälder Tracht; der dreispitze Hut verschwindet allmählig und der breitkrämpige Schlapphut tritt an seine Stelle; der blaue häufig weiß ausgeschlagene Tuchrock der Männer hat eine kurze breite Taille und ist mit großen, platten übereinander greifenden Metallknöpfen besetzt, die Brusttücher sind meist von dunklem Manchester mit zwei Reihen kleiner Metallknöpfe versehen, die Hosen bestehen vorherrschend aus schwarzem Leder oder Zwilch. Die weiblichen Personen sind meist dunkel gekleidet und tragen auf dem schwarzen Leibchen entweder eine rothe Bandschleife oder hellblaue über das Mieder geschlungene Bänder. Am reinsten hat sich noch die altherkömmliche Tracht in den eigentlichen Gäuorten erhalten; hier ist bei den Männern der dreispitze Hut noch ziemlich allgemein, der blaue Tuchrock schließt knapp nur mit 2–3 Knöpfen auf der Brust, und das scharlachrothe mit silbernen Rollknöpfen enge besetzte Brusttuch wird wenigstens von älteren Männern noch häufig getragen. Die von grünen Hosenträgern gehaltenen kurzen Hosen sind von gelbem Leder, die Strümpfe von blauer Wolle; die Fußbekleidung besteht meist aus sog. Laschenschuhen. Bei den ledigen Burschen sieht man häufig ein blaues Tuchwamms und die pelzverbrämte Mütze mit goldener Trottel. Die ledigen weiblichen Personen tragen hell- oder dunkelblaue, vielgefältelte kurze Wilflingröcke mit kurzer Taille, auf der Brust einen sog. Vorstecker, unter welchem feinere Linnen mit Spitzen und Maschen garnirt den Busen decken; auch darf eine vom Hals herunterhängende Schnur oder silberne Kette, an welcher ein Goldstück (Dähle genannt) nicht fehlen. Als Kopfbedeckung dient nicht selten das deutsche Häubchen und bei Festlichkeiten die sog. Schappel, eine aus Gold und Silber kronenartig zusammengesetzte Mütze. Die Weiber tragen Ohrenhäubchen von weißer Leinwand und zuweilen noch die früher allgemein übliche Pelz- oder Wollenmütze.

1

Die Mundart ist im allgemeinen die etwas breite schwäbische; ein singender Ton begleitet die Frage und eine starke Dehnung die vorletzte Silbe des Schlußwortes, wie auch bei dem Gesang die letzte Strophe meistens mit Anhängung eines o oder a am letzten Wort sehr gedehnt wird, z. B. Freundo statt Freunde, ganga statt gegangen etc. Tauf- und Ortsnamen werden abgekürzt und entstellt, z. B. Söff statt Joseph, Bürgel statt Waldburg, Jocke statt Jakob, Hoigerle statt Heigerloch, Imnaub statt Imnau etc. Im Westen des Bezirks macht sich der Schwarzwälderdialekt etwas geltend und das dem Schwarzwald eigenthümliche veil statt viel, leigen statt liegen ist | auch hier allgemein gebräuchlich; statt morgenfrühe wird monnemorgen und statt morgen Abend monne Abend gesprochen.
  1. S. Württemb. Jahrb. 1857. S. 158.
  2. Von Oberamtsarzt Dr. Lipp in Horb mitgetheilt.


« Kapitel A 2 Beschreibung des Oberamts Horb Kapitel A 4 »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).