Beschreibung des Oberamts Horb/Kapitel B 11

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Felldorf,
mit Honors-Mühle,
Gemeinde III. Klasse mit 632 Einw., wor. 4 Ev. – Kath. Pfarrei; die Ev. sind nach Mühlen eingepfarrt.


Auf der Hochebene zwischen den Thälern des Neckars, der Eyach und der Starzel liegt 21/4 Stunden südöstlich von der Oberamtsstadt, frei den Luftströmungen ausgesetzt, der freundliche mittelgroße Ort, welcher aus vier, beinahe in der Mitte des Orts auf dem Kirchenplatz zusammentreffenden Straßen besteht, an denen sich die meist kleinen Häuser ziemlich gedrängt lagern. Die Gebäude sind aus Holz erbaut und größtentheils mit steinernen Unterstöcken versehen. Die schönste Partie des Dorfs ist in der Mitte desselben, wo sich die Kirche, das Pfarrhaus und das Schloß mit seinen namhaften Nebengebäuden in eine ansehnliche Gruppe zusammendrängen.

Die Kirche ließ 1747 Joh. Caspar von Ow, und den Thurm Anton v. Ow 1796 in dem einfachen Styl jener Zeit erbauen; der viereckige in seinem obersten Stockwerke achteckige Thurm ist mit einem blechbeschlagenen Bohlendach gedeckt. Das Innere der Kirche ist freundlich und Altäre, Kanzel etc. im Rococostyl ausgeführt, mit Ausnahme eines sehr kunstreichen altdeutschen Seitenaltars (Altarschranks), der im Mittelfeld die Mutter Gottes mit dem Jesuskinde, rechts Johannes, links S. Nicolaus von Tolentino (der besondere Schutzpatron der Familie von Ow)[ER 1] aus Holz geschnitten enthält; die Rückwand ist vergoldet und ornamentirt. Von den beiden Flügeln zeigt der zur Rechten den heil. Sebastian und unter demselben einen knienden Ritter mit gefalteten Händen, vor ihm das Wappen der | v. Schütz, über ihr auf dem Spruchband die Inschrift: O her erbarm dich über vns. Agnes Schitz. Die Predella enthält die Brustbilder von Christus mit den 12 Aposteln. Sämtliche Gemälde sind vortrefflich ausgeführt.

Die Baulast der Kirche hat die Gemeinde.

Das Pfarrhaus, welches aus einer Baulastenabfindungssumme und theilweise von der Gemeinde unterhalten wird, befindet sich in gutem baulichen Zustande und liegt unfern der Kirche.

Der Begräbnißplatz liegt außerhalb (östlich) des Orts und enthält neben einigen gut gearbeiteten Grabdenkmalen die schön ausgestattete Familiengruft der von Bröm.

Das Schulhaus enthält zwei Lehrzimmer, die Wohnung des Schulmeisters und die öffentliche Backküche; eine Industrieschule besteht.

Das minder ansehnliche Rathhaus wurde, wie auch das Schulhaus, von einem Bürger erkauft und 1854 für seine gegenwärtige Bestimmung hergerichtet.

Ein Armenhaus, das gegenwärtig nicht als solches gebraucht wird, ist vorhanden.

Das früher Freiherrlich v. Ow’sche Schloß, welches Eigenthum des Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen ist, besteht aus einem im einfachen städtischen Styl erbauten Gebäude, das im Verein mit einigen großartigen Ökonomiegebäuden und einer Mauer einen großen Hofraum einschließt und von dem Forstgehilfen und dem Beständer des dazu gehörigen, zerstreut liegenden Guts (350 Morgen Felder und 500 Morgen Waldungen) bewohnt wird. Das Schloßgut wird, wie die übrigen Feldgüter, im Dreifeldersystem gut bewirthschaftet; daselbst sind etwa 40 Stück Rindvieh aufgestellt.

Trinkwasser liefern 10 Pumpbrunnen und überdieß sind drei Wetten im Ort angelegt. Wassermangel entsteht selten.

Der Ort ist durch Vicinalstraßen nach Bierlingen, Mühringen und Börstingen mit der Umgegend in Verbindung gesetzt; die Straßen sind, mit Ausnahme der schlecht angelegten Steigen, in gutem Zustande.

Die körperlich kräftigen Einwohner erreichen nicht selten ein hohes Alter; ihre Erwerbsquellen bestehen in Feldbau, Viehzucht, Taglohnarbeiten und den nöthigsten örtlichen Gewerben; von letzteren sind zwei Schildwirthschaften, worunter eine mit Brauerei, zwei Krämer und eine Ziegelhütte zu nennen.

Die Honorsmühle, von ihrem Erbauer Honor von Ow so genannt, liegt 1/4 Stunde westlich vom Ort im Eyach-Thale; sie | hat drei Mahlgänge und einen Gerbgang, auch ist eine Gips- und Ölmühle mit ihr verbunden. Die ökonomischen Verhältnisse der Einwohner gehören nicht zu den besseren; der namhafteste Grundbesitz, mit Ausnahme des fürstlichen, beträgt 50 Morgen Felder und 10 Morgen Waldungen, der mittlere 10 Morgen und der geringste 1/2–1 Morgen; einzelne haben gar keinen Grundbesitz.

Die nicht große Markung bildet, so weit sie für den Feldbau benützt wird, eine wellenförmige Ebene, während die Steilgehänge gegen das Neckar- und Eyachthal dem Waldbau überlassen sind. Der im allgemeinen fruchtbare Boden besteht größtentheils aus Diluviallehm, theilweise auch aus den Zersetzungen des Muschelkalkdolomits. Eine Lehmgrube und mehrere Dolomitbrüche sind vorhanden.

Die Luft ist gesund und rein; frühe Fröste und kalte Nebel schaden öfters der Obstblüthe, während Hagelschaden zu den Seltenheiten gehört.

Die Landwirthschaft wird umsichtig und mit großem Fleiß betrieben; landwirthschaftliche Neuerungen, wie verbesserte Ackergeräthe (Flandrische- und Suppinger-Pflüge), die fleißige Benützung der Jauche und die Verwendung des Gipses und der Hallerde als Düngungsmittel, haben allgemeinen Eingang gefunden. In dreizelgiger Flureintheilung mit vollständig angeblümter Brache baut man die gewöhnlichen Getreidearten, von denen Dinkel und Gerste, besonders aber Weizen vorzüglich gedeihen. Bei einer Aussaat von 6–7 Sri. Dinkel, 3 Sri. Weizen, 3 Sri. Gerste, 6 Sri. Haber und 3 Sri. Erbsen beträgt die durchschnittliche Ernte 10–12 Scheffel Dinkel, 4–6 Scheffel Weizen, 5–6 Scheffel Gerste, 6–7 Scheffel Haber und 4–5 Scheffel Erbsen per Morgen. Die Preise eines Morgens Acker bewegen sich von 600–1200 fl. Von den Getreideerzeugnissen können über den eigenen Bedarf etwa 100 Scheffel Dinkel, 200 Scheffel Weizen und 250 Scheffel Gerste an auswärtige Fruchthändler jährlich verkauft werden, welche dann ihre Aufkäufe meistens in Sulz und Freudenstadt wieder absetzen. In der Brache baut man Kartoffeln, Futterkräuter, Angersen, Erbsen, Wicken, Linsen und ziemlich viel Reps. Der Hopfenbau wird auf etwa 12 Morgen getrieben. Hanf kommt in der Brache und in eigenen Ländern in ziemlicher Ausdehnung zum Anbau.

Die theils im Eyachthal, theils auf der Hochebene gelegenen Wiesen sind durchaus zweimähdig und können nicht bewässert werden; sie ertragen gutes nahrhaftes Futter und zwar durchschnittlich | vom Morgen 30 Ctr. Heu und 10–15 Ctr. Öhmd. Die höchsten Preise sind 1400 fl., die niedersten 600 fl. per Morgen.

Der Obstbau wird in mäßiger Ausdehnung getrieben und beschränkt sich hauptsächlich auf spät blühende Mostsorten, von denen die Knaus- und Kohlbirnen am besten gedeihen. Das Kernobst geräth nicht gerne, während die Zwetschgen häufiger Ertrag liefern. Zwei Gemeindebaumschulen sind vorhanden.

Die mit einer Kreuzung von Simmenthaler- und Landrace sich beschäftigende Rindviehzucht ist in gutem Zustande und wird durch zwei Simmenthaler Farren, die ein Bürger Namens der Gemeinde hält, nachgezüchtet und verbessert. Der Handel mit Vieh ist unbedeutend.

Die Schafweide gehört auf der ganzen Markung zum Schloßgut und der Pächter desselben treibt auch allein im Ort Schafzucht; es laufen 200 Stück Bastarde auf der Markung und finden Überwinterung im Ort.

Eigentliche Schweinezucht wird nur wenig getrieben, indem die meisten Ferkel, bayerischer und halbenglischer Race, von Außen aufgekauft und theils für den eigenen Bedarf, theils zum Verkauf an Stuttgarter und Tübinger Metzger aufgezogen und gemästet werden.

Die Zucht der Ziegen, des Geflügels und der Bienen ist nicht von Bedeutung.

An Waldungen besitzt die Gemeinde nur 18 Morgen.

Auf einer Bergspitze etwa 1/4 Stunde westlich vom Ort stand die alte Burg, von der nur noch ein Schutthaufen sichtbar ist. Zunächst dabei im sogenannten Wingert waren noch 1751 drei Morgen Weinberg.

Etwa 1/2 Stunde südwestlich vom Ort stand der abgegangene Ort „Kaltenhausen.“

1/4 Stunde nördlich vom Ort heißt der gegen den Neckar und die Eyach vorspringende Waldkopf „der Haag“; die äußerste Spitze ist mit einem tiefen Graben und Wall von der Ebene abgeschnitten; ob diesselbe nur mit einem Pfahlhaag befestigt war, oder gleich dem gegenüberliegenden Frundek Mauern trug, läßt sich nicht mehr bestimmen.

Nicht weit davon wurde bei Verbesserung des zum Neckar hinabführenden Haagsteigs eine Lampe aus Metall 6 Fuß tief unter der Erde gefunden.

Felldorf besaßen im 14. Jahrhundert und mit kurzer Unterbrechung bis auf 1824 die von Ow als eine mit Wachendorf u. s. w. vereinte (oftmals wieder abgetheilte) reichsfreie Herrschaft, auf der sie | auch den Blutbann hatten und welche zum ritterschaftlichen Kanton Neckar-Schwarzwald steuerte.

Im Jahr 1372 verkaufte Werner von Ow mit seiner Gemahlin Elisabeth dem Schwager Renhard Megentzer Veldorf mit Zugehör samt all ihren Gült und Gütern und all ihrem Recht zu Veldorf in dem Bahn und in dem Zehnten, zu der Burg und zu dem Dorf. Solches fiel aber – wenigstens theilweise – alsbald wieder zurück; denn am 5. Novbr. 1404 verkauften Volkart v. Ow genannt Wytfuß, seine Gemahlin Mya v. Entzberg und ihr Sohn Albrecht von Ow an Renhard Böcklin, des Volkart Stiefbruder, ihren halben Theil an der Burg zu Veldorf im Dorf gelegen, wie er das von seinem Oheim Renhard dem Megenzer selig hergebracht hatte.

Ein Zweig der Megenzer blühte indeß auf andern Gütern mit dem Beinamen „von Felldorf“ fort. Walther der Megentzer ist schon am 4. Juli 1288 Zeuge des Grafen Burkhard von Hohenberg. In Felldorf saß diese Familie wenigstens seit 1372. Georg der Megentzer erscheint zu Ende des 15. Jahrhunderts als Mitglied des Schwäbischen Bundes, Wolf Dietrich († 1569) ist 1562 mit Herzog Christoph von Württemberg zu Frankfurt, Joh. Konrad 1582 im Gefolge Herzog Ludwigs auf dem Augsburger Reichstag. Im Jahr 1695 erlosch diese Familie.

Hiesigen Besitz erkaufte wieder im Jahre 1414 Hans v. Ow der Jung, des Alten, zu diesen Zeiten zu Diessen gesessen, Sohn, von Voltz von Weitingen (s. auch Ahldorf, Frundeck). Von Hans dem Jüngeren ist aufgezeichnet, daß er hernach Felldorf, – also wohl einen Theil des jetzigen Schlosses – gebaut habe. Seine Söhne Stefan und Erhart v. Ow sind die Stifter der Kirche und Pfründe zu Felldorf. 1488 ist Erhart v. Ow Mitglied des Schwäbischen Bundes.

Nach mannigfachen Theilungen beerbte die v. Ow-Felldorfer Linie immer wieder einige andere, so daß Otto † 1656 und Joseph Clemens Reichsfreiherr von Ow † 1740, zugleich Herrn zu Felldorf, Wachendorf, Bierlingen, Neuhaus und Ahldorf waren, ersterer auch zu Volmaringen und Göttelfingen. (v. Ow’sches Archiv).

Im Jahr 1824 verkaufte Honor, Freiherr von Ow zu Felldorf, Ahldorf und Neuhaus seine sämtlichen Allodien zu Felldorf und Ahldorf mit aller Zugehörde an den Rentbeamten Bröm zu Felldorf. Solcher und sein Schwiegersohn von Kraft veräußerten diese Erwerbung im Jahr 1838 an den Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen, welcher auch jetzt im Besitz ist.

| In frühester Zeit war Felldorf Filial von Bierlingen. Eine Schloßkaplanei wurde 1450 von Hans Erhard von Ow gestiftet und dieselbe 1801 auf Verwendung des Freiherrn Joh. Anton von Ow von der Mutterkirche Bierlingen getrennt und zur selbstständigen Pfarrei erhoben.

Das von Ow’sche Dorf und Obervogteiamt Felldorf (wozu Ahldorf und Neuhaus gehörten) kam 1805 unter württembergische Staatshoheit.

Patron war von jeher die Gutsherrschaft und ist somit heut zu Tage der Fürst von Hohenzollern-Sigmaringen.

Errata

  1. S. 176. L. 4 v. u. statt „h. Bernhard“ lies: S. Nicolaus von Tolentino (der besondere Schutzpatron der Familie von Ow). Siehe Berichtigungen und Nachträge, Seite 273–276.


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