Beschreibung des Oberamts Kirchheim/Kapitel B 6

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6. Gemeinde Hepsisau,
ev. Pfarrdorf mit 545 ev. Einwohnern 21/4 St. von K. entfernt; liegt südöstlich von diesem, schweizerisch schön in | einem kleinen obstbaumreichen Seiteneinschnitte des Neidlinger Thales, rings von Bergen umschlossen, am Fuße der Alp. Die Gemeinde gehört in die III. Klasse, zum Kameralbezirk Wiesensteig. Der große und der Wein-Zehente gehört, mit ganz geringen Ausnahmen, welche dem Armenkasten zu Weilheim und der Pfarrei Neidlingen zustehen, von den Kl. Adelberg und S. Peter her, dem Staat; der kleine und der Heu-Zehente aber steht der Pfarrei Weilheim zu. Seit 1818 haben die Gemeindeglieder alle Lehengüter eigen gemacht und hiefür und für andere grundherrliche Rechte 686 fl. 48 kr. an den Staat bezahlt. Außer diesem beziehen nur noch die Gemeinde selbst und die Armenkästen Jesingen und Weilheim einige Gefälle. Hepsisau ist von Weilheim durch den in nördlicher Richtung sich erhebenden Limberg getrennt und steigt selbst schon ein wenig bergan. Winters sind epidemische Krankheiten hier häufiger, als in der Umgegend; der Ort zeichnet sich auch durch größere Sterblichkeit aus. (S. oben S. 43.) Er liegt an dem sogenannten Zipfelbach, welcher oberhalb desselben einen kleinen Weiher bildet und am Ende der Ortsmarkung in die von Neidlingen herabkommende Lindach fällt. Die früher ergiebige Fischerei hat neuerlich ganz aufgehört. Hepsisau zählt 87 Haupt- und 4 Neben-Gebäude, worunter 1 Kelter und 1 Armenhaus. Die Kirche, wahrscheinlich früher eine Capelle, ist alt. Im Jahr 1672 war sie und namentlich der Chor „so zerrissen, daß dem Gottesdienst ohne Leibs- und Lebensgefahr nicht wohl abgewartet werden konnte;“ daher nun eine Ausbesserung vorgenommen und der Chor ganz neu aufgeführt wurde. Die Kirche hat die Stiftungspflege zu unterhalten. Für die Schule, welche dermalen im Rathhaus untergebracht ist, wird demnächst ein eigenes Haus gebaut werden. Auch ein Pfarrhaus ist noch nicht erbaut. Die Einwohner, deren es im J. 1672 „etliche und 30 nahezu lauter tief in Schulden und höchster Armuth steckende Bürger“ waren, sind gutmüthig, religiös und nunmehr ziemlich wohlhabend. Haupt-Nahrungsquellen | sind Frucht-, Obst-, etwas Wein-Bau und Rindviehzucht; die letztere ist hier verhältnißmäßig am bedeutendsten im Bezirke. Der Wein gehört unter die vorzüglichsten und haltbarsten desselben. Der größtentheils steinigte Boden ist nur den gewöhnlichen Früchten und Futterkräutern zuträglich. Ein M. Feld wird zu 102–539 fl. verkauft. Die Stallfütterung ist auf die Hälfte des Tages beschränkt. Die Gewerbe werden als Nebensache betrieben. Auf etwa 15 Webstühlen sind 9 Linnenweber beschäftigt. Jährlich mögen etwa 2 Ctr. Flachs gesponnen werden. Der Kommunbleiche ist schon oben S. 77 gedacht worden. Der Ort hat 1 Mahlmühle und 1 Schildwirthschaft. Das Gemeindewesen ist in Ordnung. Im J. 1838/39 waren die Einnahmen 1473 fl. 11 kr. worunter 334 fl. 161/2 kr. Schafweidgeld und 407 fl. 401/2 kr. Pförchgeld, und die Ausgaben 1215 fl. 12 kr. Die Stiftungspflege besteht erst seit 1652; bis dahin war der Fonds mit der in Weilheim verbunden.

Die Pfarrei wurde 1830 errichtet; zuvor war sie mit dem Diakonat Weilheim vereinigt. Die Einwohner hatten auch todt dahin gehört; denn erst am 22. Mai 1734 wurde die Anlegung eines eigenen Kirchhofes gestattet. Überhaupt stand der Ort mit Weilheim in einer engeren Verbindung; er gehörte in das dortige Stabsamt und hatte auch, nach einem Befehl von 1606, auf dem Rathhaus daselbst seine Rüstungen aufzubewahren Die Schule ist zwar alt, doch soll ehemals der jeweilige Präceptor von Weilheim nur irgend einen Handwerker mit Versehung derselben beauftragt haben. Auch eine Industrieschule ist vorhanden.

Der Sage nach hätte der Erbauer der Stadt Weilheim auch H. gegründet; als er mit einem Begleiter die Umgegend untersuchte, soll dieser beim Anblick einer schönen, zur Ansiedelung tauglichen, Stelle dem Andern zugerufen haben: „ei betrachte doch diese Stelle auch!“ (He b’siehs au!) woher denn der Name rühre; allein dieß ist eine Fabel, und wenige Ortsnamen mögen sosehr, wie dieser, mißhandelt und verunstaltet worden seyn. Nach Urkunden wird er 1315 Habkiusowe, | im Jahr 1437 Hebichisowe auch Häbichisowe und 1513 Hapißhow geschrieben. Ohne Zweifel dankt er den Habichten, die noch jetzt in diesen Auen häufig horsten, seinen Ursprung; daher er richtiger Habichsau genannt werden sollte. Er war eine Zugehör der Grafschaft Aichelberg, und obwohl die Vogtei mit der Burg Lichteneck verbunden gewesen, so blieb doch die Hohheit Württemberg; wie denn auch H. zu demjenigen Theil der Grafschaft Aichelberg gehörte (s. dort), der 1432 an die von Wernau verpfändet wurde. Die grundherrlichen Rechte waren in verschiedenen Händen, bis sich zuletzt Wiesensteig und Württemberg in dieselben theilten.

Peter von Liebenstein und Caspar von Schlatt verkaufen 1431 dem Kl. Dotzburg und dem Hospital zu Wiesensteig mehrere beträchtliche Güter zu H., die sie von Herrn Hansen v. Lichtenstein, Ritter, ererbt haben, darunter einen Eichenwald von 40 M. genannt der Bronnfürst, 40 M. Buchenwald ob Lichteneck und das Hölzlein Birkach von 10 M. sowie den Buchenwald ob dem Briehel, der Gansrain genannt. Kraft von Lichteneck verkauft 1437 demselben Kloster sein beträchtliches Gut dahier, nebst allen Vogtrechten, und ebenso sein Bruder Jakob 1438. Agnes von Scharrenstetten, Märklins v. Lichtenecks Wittwe, vermacht 1427 ihr „Gütlen mit seiner Zugehört, das gelegen ist ze Hepsichsow in dem Hof“ der Präsenz zu Kirchheim. Am 13. Nov. 1596 verkaufen das Stift und der Hospital zu Wiesensteig ihre Einkünfte dahier an die württ. Rentkammer für 8500 fl. (s. auch unten Lichteneck); aber noch 1784 besaß dieser mehrere Leibeigene in H, welche er von einer Frau v. Brauneck die in demselben starb, mit anderen Besitzungen zu H. ererbt haben soll.

Wir werden bei Weilheim finden, daß H. theils in die Kirche St. Peter und theils in die zu St. Calixt daselbst eingepfarrt war und daß daher auch vor der Reformation keine eigene Pfarrei (s. oben S. 104) bestand. Nach dem Abgange der Kirche zu St. Calixt giengen die Parochialrechte auf das Diakonat über. Dieß ist denn auch der Grund, daß das Zehentrecht den Kl. St. Peter und Adelberg zugehörte und die Reformation erst 1551, eingeführt wurde.

Die Edeln von Hepsisau, welche von 1315–1364 vorkommen (s. Kirchheim S. 115 und Holzmaden) scheinen der Familie v. Neidlingen oder v. Lichteneck angehört zu haben.

| Auf der Markung sind viele Erdfälle. Des Basalttuffs, Olivins und Marmors auf derselben ist schon oben S. 36 erwähnt; ebenda S. 110 auch der Römerstraße, welche über dieselbe gezogen haben dürfte.

Etwa 1/2 St. oberhalb Hepsisau, rechts an der Randecker Steige, erhob sich aus dem bewaldeten „Lichtenecker Garten“ einst die Burg Lichteneck, wovon nur der noch sog. „Schloßgarten“ und die Gräben übrig sind, welche von Randeck aus mit Wasser gefüllt werden konnten. Wann und von wem sie erbaut und zerstört wurde, ist unbekannt. Das Geschlecht, welches hier saß und im Dienstverhältnisse zu Aichelberg stand, blühte vom Ende des 13. bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts. Es war eine Nebenlinie der Edeln von Neidlingen.

Im J. 1293 treten als Zeugen des Grafen Ulrich v. Aichelberg »Ulricus dictus de Niedelingen et Markwartus frater suus dictus de Liechtenegge« auf. Bei einer Übergabe des H. Hermann von Teck im J. 1295 kommen diese mit derselben Bezeichnung wieder vor. Heinrich v. L. ist 1304 Zeuge. Marquard v. L. giebt 1317 seiner Tochter Bercht im Kl. zu Kirchheim eine Heller-Gülte aus einem Weinberg zu Triebenbach. Er hatte damals 5 Söhne: Ulrich, Kraft, Hermann, Märklin und Hainz. Ein Kraft v. L. war 1351 württ. Rath. Wernherr von Neidlingen verkauft 1357 an Kraft v. L. Herrn Kraftens v. L. Sohn, seinen Hof zu Niederensingen für 144 fl. 1357 kommt Ulrich, Kirchherr zu Wendlingen vor, der sich nennt Hermanns seligen Sohn von Liechteneck. Dieser und ein Heinrich v. L. fielen in der Schlacht bei Reutlingen. Mit ihm siegeln Herr Kraft v. L. und Hainz v. L., seine Vetter. Kraft v. L. starb vor 1360. S. auch Weilheim, wo die v. L. einen Sitz hatten. Eine Elsbeth von Exenberg, die sich die Wittwe Krafts v. L. nennt, verkauft 1379 dem Kl. Bebenhausen ihre Güter zu Öschelbronn. Als ihre Söhne kommen 1384 Kraft, Hans und Hainz v. L. vor. Die Märklin v. L, Vater und Sohn, und den Chorherrn Conrad finden wir 1395 und 1397 unten. Ein Märklin v. L. ist 1392 Burglaß auf Hiltenburg. Betha und Catharine v. L. sind 1407 Nonnen im Kl. Kirchheim, Marquart v. L. verkauft 1420 1/16 am Gericht zu Böringen an Würt. Merklin v. L. „ein Edelknecht“ kommt 1420 und „der ehrbar und vest Junkherr Jakob v. L.“ kommen 1437 vor. Im J. 1445 war Kraft v. L. würtemb. Haushofmeister und 1451 würt. Rath. Er stand 1461 dem Grafen | Ulrich gegen Herzog Ulrich von Baiern bei, „Der veste Junkherr Kraft von L.“ siegelt 1468 für einen Bauern zu Unterboihingen. Ein Kraft von L., wohl derselbe, stiftet 1469 eine Messe zu Böringen. Er nennt Ludwig von Grafeneck seinen lieben Oheim, ist der Letzte seines Geschlechtes, starb noch in demselben Jahre und wurde, nach einem Denksteine in dem Kl. Kirchheim, mit Schild Helm dort begraben. Seine Wittwe, Agnes, stiftete für ihn 1471 einen Jahrtag dahin. Das Wappen hatte mit dem von Neidlingen viele Ähnlichkeit: in blauem Schilde ein gelber Querstrich von der Rechten zur Linken, oben ein rother Strich; und auf dem Helme eine halbe Kugel.

Es scheint nicht, daß außer der Vogtei über Hepsisau weitere Rechte mit der Burg verbunden waren. In diese theilten sich schon im 14. Jahrhundert Vetter und Schwäger. Märklin v. L. Vater und Sohn, und Fritz von Westerstetten v. Drackenstein, den man nennt Schöpplin, übergeben 1395 an Hans v. Wernau Burg und Stadt Wendlingen und erhalten von ihm 300 fl., sein 1/2 an der Burg L. sowie 1/4 an Hepsisau und was in der Mark liegt, und in demselben Jahre verkauft der vorgenannte v. Westerstetten seinen Theil an dem kaumgedachten Gut seinem Ohm Märklin v. L. um 142 fl., dem er noch den Morgen Wingarts in den Kauf gibt, der zu Owen ist gelegen und den man nennt den Lichtenegger. Conrad v. L. Chorherr zu Augsburg, verkauft 1397 sein 1/4 an der „Vesti,“ das er von seinem Vater Hermann v. L. ererbt hatte, seinem Vetter Märklin v. L. um 40 fl. Wer die übrigen 2/4 besaß und in welche Hände die Burg nachmals kam, ist unbekannt.

Nach dem oft angezogenen Berichte vom J. 1535 besaß damals das Stift Wiesensteig die Burg, an das sie durch die obengenannte Frau v. Brauneck gekommen seyn dürfte; wie denn auch die Burg in späteren Zeiten bald Lichteneck und Lichtengarten, bald Brauneck genannt worden seyn soll. Allein schon nach jenem Berichte war sie nur noch „ein schlechter Burgstall.“

Wegen des abgegangenen Ortes Zipfelhausen s. oben S. 166.


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