Beschreibung des Oberamts Leonberg/Kapitel A 3

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
« Kapitel A 2 Beschreibung des Oberamts Leonberg Kapitel A 4 »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
|
III. Einwohner.

1. Bevölkerung.
A. Stand der Bevölkerung.

a. Seelenzahl. Nach der angehängten Tabelle I. zählten die Gemeinden des Oberamts am 3. Dec. 1850 Ortsangehörige 30.079, darunter Evangelische 28.172, Katholische 1835, von anderen christlichen Bekenntnissen 72. — Nach der auf den 3. Dec. 1848 aufgenommenen Liste bestand die angehörige Bevölkerung des Oberamts aus 29.538, und zwar aus 14.407 männlichen und 15.131 weiblichen Personen.

Nach früheren Aufnahmen war dieselbe:

am  1. Nov. 1812       23.394     (11.494 m. 11.900 w.)
  "    1.   " 1822 24.812     (12.088 m. 12.724 w.)
  "    1.   " 1832 26.416     (12.797 m. 13.619 w.)
  "  15. Dec. 1842 28.410     (13.880 m. 14.530 w.)
  "    3.   " 1846 29.221     (14.282 m. 14.939 w.)
Die ortsanwesende Bevölkerung belief sich im Jahr 1822 auf 24.530; es waren nämlich damals ortsabwesend 1395, dagegen Fremde anwesend 1113. Im Jahr 1846 betrug die Zahl der Ortsanwesenden 28.707 (Abwesende 2870; fremde Anwesende 2358). Auf 1 geograph. Quadratmeile lebten am 3. Dec. 1848 5674 Angehörige. Nach dem Stand von 1846 kamen auf denselben Flächenraum 5613 Angehörige und 5514 Ortsanwesende; die Dichtigkeit der Bevölkerung des Bezirks | ist demnach stärker als die mittlere des Landes (4947 Angehörige und 4874 Anwesende auf eine Quadratmeile) um beziehungsweise 13,4 und 13,1 Procent.

Auf 1 Angehörigen fallen 3,112, auf 1 Anwesenden 3,167 Morgen Landes.

b. Geschlechts-Verhältniß der Angehörigen. Die weibliche Bevölkerung übertraf die männliche bei dem Stand von 1846 um 657, oder es kamen auf 1000 männliche 1046 weibliche Personen. Für das Königreich ist dieses Verhältniß wie 1000 : 1040. Dieser Überschuß der weiblichen war im Jahr 1812 — 406; 1822 — 636; 1832 — 822; 1842 — 650; 1848 — 724.

c. Altersstufen. Von der angehörigen Bevölkerung des Jahres 1846 standen in einem Alter:

  davon kommen auf
  10.000 10.000
 männl.  weibl.  männl.  weibl.
unter 6 Jahren 2.306 2.398 1615 1605
von   6 bis 14 Jahren       2.293 2.447 1.606 1.638
  "   14    " 20  " 1.517 1.587 1.062 1.062
  "   20    " 25  " 1.210 1.287 847 862
  "   25    " 40  " 3.177 3.377 2.225 2.261
  "   40    " 60  " 2.671 2.808 1.870 1.880
  "   60    " 70  " 769 776 538 519
  "   70    " 80  " 296 229 207 153
  "   80    " 90  " 41 29 28,7 19,4
  "   90    " 100  " 2 1 1,3 0,5
über 100 Jahren
zusammen 14.282 14.939 10.000,0 10.000,0
29.221

Von der Bevölkerung des Jahres 1822 kamen auf

  10.000 10.000
   männl.  weibl.
unter 14 Jahren 3.241 3.324
von 14 bis 18 Jahren 857 }
von 18 bis 25 Jahren 1.161 }
von 25 bis 40 Jahren 1.996 } 6.676
von 40 bis 60 Jahren 1.917 }
über 60 Jahren 828 }
10.000 10.000

d. Familienstand der Angehörigen, am 3. Dec. 1846:

 Verehelichte 9.852 oder 4.926 Ehepaare.
 Wittwer 697
 Wittwen 997
 Geschiedene 63
 Unverehelichte    17.612
  29.221
| Familien zählte man 1846 am 3. December 6771. Hienach kamen auf 1 Familie 4,32, auf 1 Ehe 5,93 Angehörige, und es stellen sich beide Ziffern unter den Landesdurchschnitt von beziehungsweise 4,57 und 6,26.

Im Jahr 1822 waren 4.282 und 1832 4491 Ehepaare vorhanden, im Jahr 1843 6.561 und im Jahr 1840 6.915 Familien.


e. Kirchliches Verhältniß:

im Jahr
 Christen 1822 1846
evangelisch-lutherische 22.531 { 27.250
     "          reformirte 305 {       –   
römisch-katholische 1.954 1.899
von andern christlichen Bekenntnissen 22 72
 Juden    
24.812 29.221

f.Gewerbs- und Nahrungs-Verhältnisse werden bei den neueren Bevölkerungs-Aufnahmen nicht mehr berücksichtigt.

Nach der letzten dießfallsigen Aufnahme vom 1. Nov. 1822 waren von den selbstständigen Einwohnern des Oberamts:

 in Königl. Militär-Diensten 311
 "      "     Civil-Diensten 173
 "  gutsherrschaftl. Diensten 12
 "  Commun-Diensten 397
 ohne bürgerliche Gewerbe (Rentiere) 234
 Bauern und Weingärtner 1.956
 Gewerbsleute 2.095
 Taglöhner 493
 im Almosen stehend      375
zusammen 6.046


B. Bewegung der Bevölkerung.

Nach 10jährigen Durchschnitten von 1812-22 und von 1836—46 betragen die jährlichen

 Geburten: 1812/22      1836/46
 männliche 498.9 667.3
 weibliche   470,4   616.0
zusammen 969,3 1.283,3
 darunter uneheliche 66,5 100,8
 Todt kamen zur Welt von       1812/22
 männliche 251
 weibliche 169
zusammen 420
|
 Sterbefälle: 1812/22      1836/46
 männliche 394,8 521,8
 weibliche   382,4   495,1
zusammen 777,2 1.016,1

 Wanderungen:
 Es sind eingewandert: von 1812/22 von 1836/46
männl. weibl. männl. weibl.
 aus fremden Staaten 1,8 2,6 2,9 7,7
 aus andern Orten des Königreichs   57,5   88,6   94,2   153,7
  59,3 91,2 97,1 161,4
 ausgewandert:
 nach fremden Staaten 28,2 25,6 12,2 9,9
 nach andern Orten des Königreichs   60,2   80,3   98,8   153,2
 also sind mehr ausgewandert 29,1 14,7 13,9 1,7

 Änderungen im Stand der Ehen:
 Von 1812/22 wurden neue Ehen geschlossen:
 im Durchschnitt jährlich: 179,2 [1]
 und aufgelöst, durch Tod 153,7
           durch Scheidung    2,7
156,4 Ehen.


C. Verhältnisse und Wachsthum der Bevölkerung.

Das Verhältniß der Geborenen zu den Lebenden war von 1812 bis 1822 wie 1 : 24,9, oder es kamen auf 10.000 Einwohner 404,2 Geborene; von 1836—46 wie 1 : 21,9, oder es kamen auf 10.000 Einwohner 457,4 Geborene.

Mit Unterscheidung der Geschlechter kommen auf 1000 weibliche Geburten von 1812—22 1060,5, und von 1836—46 1083,3 männliche Geburten.

Unter 100 Geborenen befanden sich uneheliche, von 1812—22 6,9; von 1836—40 7,9. Es verhalten sich hienach die unehelichen Geburten zu den ehelichen wie 1 : 14,6 und wie 1 : 12,7, und für beide Zeiträume ist das Verhältniß der unehelichen Geburten kleiner als das des ganzen Landes (1 : 8,1 und 1 : 7,8).

Das Verhältniß der Todtgeborenen zu sämmtlichen Geburten war von 1812-22 wie 1 : 23,1, während sich dasselbe für das ganze Land wie 1 : 25,9 berechnet.

| Die Gestorbenen verhalten sich zu den Lebenden von 1812—22 wie 1 : 30,9, oder es kamen auf 10.000 Einwohner 324,1 Sterbefälle; von 1836-46 wie 1 : 27,6, oder es kamen auf 10.000 Einwohner 362,2 Gestorbene.

Nach den verschiedenen Altersklassen starben durchschnittlich von 1812-22 im Bezirk:

unter 10.000 Sterbfällen
     männl.      weibl.
vor bei Geburt (Todtgeborene) 636 442
    unter 1 Jahr 4.260 3.570
vom 1. bis   7. Jahr 1.246 1.362
  "     7.  "   14.   " 180 254
  "   14.  "   25.   " 357 340
  "   25.  "   45.   " 689 897
  "   45.  "   60.   " 714 928
  über 60 Jahre alt 1.918 2.207
10.000 10.000

Mit Unterscheidung der Geschlechter kommen auf 1000 weibliche Gestorbene von 1812-22 1032 männliche Gestorbene, und von 1836-46 auf 1000 weibliche Gestorbene 1052 männliche Gestorbene.

Auf 1000 Sterbefälle treffen von 1812—22 1247,2 Geburten, und von 1836—46 1262,9 Geburten; und nach den Geschlechtern: auf 1000 Gestorbene männlichen Geschlechts von 1812—22 1263,6, von 1836—46 1280,8 Geborene desselben Geschlechts; sodann auf 1000 Gestorbene weiblichen Geschlechts von 1812—22 1230,4, von 1836—46 1244,2 Geborene gleichen Geschlechts.

In dem Zeitraum von 1812—22 wuchs die Bevölkerung des Oberamts um 1418 (nämlich 594 männliche, 824 weibliche), oder um 0,591 Procent jährlich; von 1836—46 um 2060 (nämlich 1070 männliche, 990 weibliche), oder um 0,734 Procent jährlich.

Der natürliche Zuwachs, d. h. der Überschuß der Geborenen über die Gestorbenen betrug im ersten Zeitraum 1921, im zweiten 2672. Unter 1000 Seelen des natürlichen Zuwachses befanden sich von 1812—22 419 männliche, 581 weibliche; von 1836—46 519 männliche, 481 weibliche. Unter 1000 Seelen des Zuwachses überhaupt waren von 1812—22 419 männliche, 581 weibliche, von 1836—46 519 männliche, 481 weibliche.

Nach zehnjährigen Durchschnitten von 1836—46 haben sich unter den Gemeinden des Oberamts folgende durch bemerkenwerthe Verhältnisse ausgezeichnet, und zwar:

Durch die meisten Geburten auf 1000 Einwohner: Hirschlanden | 64; Rutesheim 58; Eltingen 55; Malmsheim 53; Warmbronn 51; Höfingen 50,7.

Die wenigsten Geburten zählten auf 1000 Einwohner: Weil d. Stadt 33; Perouse 37; Kornthal 38; Heimsheim 39; Schöckingen 41.

Die meisten unehelichen Geburten kamen vor unter 100 Geburten: in Münchingen 13; Perouse 12; Weil d. Stadt 11,3; Gebersheim 11,2; Hemmingen 11,1; Höfingen 10,5.

Die wenigsten unehelichen Geburten zählten unter 100 Geburten: Kornthal nur 0,5; Malmsheim 1,2; Schöckingen 2,3; Hirschlanden 3,1; Heimerdingen 3,6; Münklingen 4,2; Rutesheim 4,6.

Durch geringere Sterblichkeit zeichneten sich aus: Perouse, wo jährlich von 1000 Einwohnern nur 25 starben; Münklingen 31; Ditzingen 32; Weil d. Stadt 32; Leonberg 33.

Am größten war die Sterblichkeit in Hirschlanden, von 1000 Einwohnern starben jährlich 53; Rutesheim 52; Eltingen 42; Malmsheim 41,6; Höfingen 40,8; Warmbronn 40,4.

Die meisten alten Leute (mehr als 70 Jahre zählend) befanden sich bei der Aufnahme von 1846 in Hirschlanden, unter 1000 Einwohnern 41; Kornthal 34; Rutesheim 33; Hausen an der Würm 30; Friolzheim 29,6; Flacht 28.

Die wenigsten alten Leute zählten damals: Perouse, unter 1000 Einwohnern 5,7; Gebersheim 6,4; Malmsheim 8, Münklingen 9; Renningen 10,6; Wimsheim 10,7.

Im ganzen Bezirk kamen durchschnittlich auf 1000 Einwohner 20,5 alte Leute.


2. Stamm und Eigenschaften der Einwohner.
Die Einwohner gehören im Allgemeinen dem Schwäbischen Volksstamme an, eine Ausnahme machen die Bewohner von Perouse, welche zum größeren Theil Nachkommen der im Jahr 1699 aus Piemont eingewanderten Waldenser sind. Der Menschenschlag ist im östlichen Theile des Bezirks ein gesunder, kräftiger und wohlgewachsener, im westlichen ein minder kräftiger, nicht so gut aussehender, von Wuchs kleinerer. Ebenso ist die Lebensweise im östlichen, wohlhabenderen Theil besser, als im westlichen, wo im Allgemeinen die Nahrung weniger kräftig, häufig sogar karg ist. Die mittlere Größe der Conscriptionspflichtigen beträgt nach einer fünfjährigen Durchschnitts-Berechnung (W. Jahrb. 1833 S. 384 ff.) 5’ 7,96", was dem Maximum (O.A. Wangen) um 0,91" nachsteht, das Minimum (O.A. Maulbronn) aber um 0,19" übertrifft. Untüchtig wegen Gebrechlichkeit erscheinen in dem genannten Durchschnitt unter 1000 Pflichtigen des Bezirks 366, was gegen das Minimum von | 250 (O.A. Mergentheim) ein ziemlich günstiges Verhältniß liefert; noch günstiger stellt sich im Bezirk das Verhältniß der Untüchtigen wegen allgemeiner Körperschwäche und Kränklichkeit, nämlich unter 1000 nur 64 (das Maximum O.A. Ulm mit 157, das Minimum O.A. Saulgau mit 26). Überhaupt sind die Gesundheits-Verhältnisse des Bezirks nicht ungünstig.

Nach oberamtsärztlichen Mittheilungen ist die endemische Krankheits-Constitution im ganzen Bezirke, besonders aber in der Oberamtsstadt wegen ihrer freien Lage und den vielfach vorkommenden Winden die rheumatische; in Kornthal ist der Friesel sehr häufig, sogar endemisch. Eine nicht seltene Erscheinung ist der Cretinismus, er kommt zwar im ausgebildetsten Grade nicht vor, dagegen findet er sich weniger ausgebildet besonders in Gerlingen, Eltingen und Leonberg, nicht ganz selten auch in Merklingen, Weil der Stadt und Kornthal, und zwar hauptsächlich in Orten, wo die Keuperformation vorherrschend ist. [2] Vererbung des Übels ist häufig unverkennbar, übrigens zeigt sich eine auffallende Abnahme desselben, nachdem man in neuester Zeit auf trockenere und überhaupt gesündere Einrichtung der Wohnungen und Erfüllung einer vernünftigeren Pflege des Körpers Rücksicht nimmt. Die stationäre Krankheits-Constitution blieb im letzten Jahrzehend die gastrische mit entschiedener Richtung zum Nervösen. Auf eine bedeutende Menge akuter, gehörig ausgesprochener, bestimmt verlaufender und zu energischen Krisen sich entwickelnder Krankheitsfälle ist für die Oberamtsstadt nicht zu rechnen; in dem übrigen — besonders dem höher gelegenen Theile des Bezirks dagegen, kommen solche häufig vor.

Die Oberamtsstadt selbst ist, etwa den tiefer gelegenen, enger gebauten Theil derselben ausgenommen, wo zuweilen scrophulöse, impetigunöse und andere kachektische Übel vorkommen, zu den gesünderen Städten des Landes zu rechnen. Indeß sagen die scharfe und zuweilen rauhe Luft und die vielfach herrschenden Winde und Stürme in derselben, Individuen, welche früher in milderen Gegenden lebten, anfänglich nicht recht zu. Epidemien in größerer Ausdehnung treten mit Ausnahme solcher von Kindern, wie Scharlachfieber und Masern, im Bezirke nicht häufig auf, doch wurde Gerlingen in den letzten Jahren zweimal durch schwere und ausgedehnte Typhus-Epidemien heimgesucht. Im Jahr | 1849 erschienen auch die Menschenblattern und dehnten sich in dem Bezirke, jedoch in milder Form und sehr gutartig (als Varioliden) aus.

Geisteskrankheiten kommen im Verhältniß zu der Einwohnerzahl nicht häufig vor und haben gewöhnlich, wenigstens Anfangs, eine melancholische Richtung.

Die Krätze wird nicht zu häufig und die Lustseuche selten beobachtet. Bei der ärmeren Klasse der Einwohner, welche zuweilen in enge, feuchte Wohnungen zusammengedrängt ist und bei Mangel hinreichend gesunder Nahrung und schlechter Bekleidung im Schmutze lebt, sind scrophulöse Übel nicht ganz selten zu treffen, doch kommen die ausgeprägteren und schlimmen Folgen derselben nur wenig vor. Kröpfe sind sehr häufig, besonders zeichnet sich in dieser Beziehung Gerlingen aus; die englische Krankheit (Rhachitis) kommt selten vor.

Künstliche Hülfe bei Geburten wird im ganzen Bezirk jährlich 70 bis 90 mal nöthig.

Auffallend ist die rasche Abnahme der Sterblichkeit nach den ersten Lebensjahren, die Häufigkeit hohen Alters und die beinahe ganz gleiche Vertheilung der Gestorbenen auf die vier Abschnitte des Jahres. Selbstmorde kommen wenige vor, etwa 3-5 des Jahres, und die Todesart ist dann gewöhnlich beim männlichen Geschlecht das Erhängen oder Erschießen, beim weiblichen das Ertrinken oder Erhängen.

Als vorherrschende moralische Eigenschaften der Bewohner können Fleiß, Sparsamkeit, ernsthafter und religiöser Sinn bezeichnet werden; die in dem Oberamts-Bezirke sich besonders offenbarende Religiosität wird namentlich auch durch die eigenthümliche Brudergemeinde Kornthal (ähnlich den Mährischen oder Böhmischen Brüdern, s. die Ortsbeschr.) ausgebildet und gepflegt. Neben dem sog. Pietismus, zu dem sich ein großer Theil der Bezirksbewohner hinneigt, hat die Swedenborg’sche Lehre, namentlich in Flacht und Rutesheim Anhänger gefunden, auch wohnen auf dem zur Gemeinde Mönsheim gehörigen Lerchenhof mehrere Mennoniten. Bei den Bauern des Strohgäu’s macht sich eine gewisse Wohlhäbigkeit auch durch äußere Ehrbarkeit bemerklich.

Besondere Eigenheiten in Sitten und Tracht finden sich nicht. Der altübliche ländliche Anzug, der übrigens immer mehr von dem städtischen verdrängt wird, hat sich auf dem Strohgäu und in den Grenzorten desselben noch am meisten erhalten; er besteht in einem tuchenen, meist blauen Rock, gelben Lederhosen, Brusttüchern von braunem oder schwarzem Manchester, zuweilen auch von Scharlachtuch, mit großen Rollknöpfen besetzt, und als Kopfbedeckung dient der Dreispitz, bei den ledigen Burschen aber nicht selten die pelzverbrämte Mütze. Das weibliche Geschlecht, welches als Kopfbedeckung noch häufig das deutsche Häubchen | trägt, kleidet sich meist in Tuch und Wiefling von dunkler Farbe. Die früher in Weil der Stadt üblichen Gold- und Silberhauben (sog. Weil der Städter-Hauben) sind beinahe ganz abgekommen und werden nur noch von älteren Personen getragen.

Eigenthümliche Volksbelustigungen finden sich ebenfalls nicht; man begnügt sich mit den herkömmlichen Tänzen, welche an Jahrmärkten, Kirchweihen [3] und Hochzeiten übrigens immer seltener gehalten werden und in einzelnen Orten beinahe ganz abgegangen sind. Das früher allgemein gewesene Eierlesen ist seit 20-30 Jahren in den meisten Orten abgegangen, nur in dem westlichen Theile des Bezirks, z. B. in Wimsheim, wird dasselbe, wie auch der sog. Hahnentanz, zuweilen noch gehalten. Die Zechhochzeiten werden immer seltener.

Die Mundart ist die breite, kräftig gemüthliche niederschwäbische, die in den westlichen Grenzorten, wie in Mönsheim, Friolzheim, Wimsheim etc. etwas von dem Pfälzerdialekt annimmt. In Perouse haben sich nur noch wenige Spuren der früheren Piemontesischen Mundart, welche ein Gemisch von der französischen und italienischen Sprache war, erhalten.


  1. Wonach auf 134 Einw. 1 Trauung kam. Im ganzen Lande kam eine solche auf 143 Einwohner.
  2. Die Orte Gerlingen, Eltingen, Leonberg und Kornthal liegen theils in der Keuperformation, theils ganz in der Nähe derselben, und zwar im unteren mit Gyps durchzogenen Keupermergel; Weil der Stadt und Merklingen haben ihre Lage auf den untersten Schichten der Muschelkalkformation (Wellenmergel).
  3. Die Kirchweihen werden gefeiert: Am 3. Sonntag nach Pfingsten in Weil dem Dorf; am Sonntag vor Johannis in Gerlingen; am Sonntag nach Johannis in Leonberg und Münchingen; am Sonntag nach Michaelis in Eltingen; am Sonntag nach Gallus in Weil der Stadt, Renningen und Münklingen; am Sonntag vor Simonis und Judä in Flacht; am Sonntag nach Simonis und Judä in Hemmingen, Heimsheim, Merklingen und Rutesheim; am Sonntag vor oder nach Simonis und Judä in Höfingen; am 20. Sonntag nach Trinitatis in Hausen; am letzten Sonntag im October in Hirschlanden und Wimsheim; am Sonntag nach Allerheiligen in Schöckingen und Perouse; am 1. Sonntag im November in Gebersheim; am Sonntag vor Martini in Heimerdingen, Ditzingen, Friolzheim, Malmsheim und Warmbronn; am 2. Sonntag nach Martini in Mönsheim. In Kornthal findet eine Kirchweihfeier nicht statt.
« [[Beschreibung des Oberamts Leonberg/|]] Beschreibung des Oberamts Leonberg Kapitel A 4 »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).