Beschreibung des Oberamts Marbach/Kapitel B 17

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Murr,
mit Mühle, Haus, und Schafhaus, Haus,
Gemeinde III. Kl. mit 911 Einw., wor. 2 Kath. – Ev. Pfarrei; die Kath. sind nach Ludwigsburg eingepfarrt.

Der sehr ansehnliche, große, regelmäßig angelegte, in die Länge gedehnte Ort hat 1/2 Stunde nördlich von der Oberamtsstadt eine freundliche, gesunde Lage. Durch den Ort führt der Länge nach die Marbach–Groß-Bottwarer Landstraße, an der sich die meist freundlichen, mit den Giebelseiten gegen die Straße gekehrten Wohnungen in mäßigen Entfernungen lagern und im Rücken derselben stehen die ansehnlichen, Wohlstand verrathenden Ökonomiegebäude.

Von der ebenen Hauptstraße führen einige sanft südöstlich geneigte Nebenstraßen bis zu der am Ort vorbei fließenden mit üppigen Bäumen und Sträuchern besaumten Murr, deren wiesenreiches Thal hier 1/8 Stunde breit ist. Die Gebäude sind meist wohl erhalten, häufig zweistockig und mit steinernen Unterstöcken versehen, so daß der mit Obstgärten umgebene Ort, welcher der schönste des Bezirks genannt werden darf, einen ganz günstigen Eindruck macht. Am östlichen Ende des Dorfs steht die Pfarrkirche mit ihrem viereckigen, monströsen, nicht hohen Thurme, der ein spitzes, mit Schiefer gedecktes Pyramidendach trägt, an dem ein Umgang angebracht ist. Die Schalllöcher bilden spitzbogige, gothisch gefüllte Fenster. Im untern Stockwerk des Thurmes befindet sich der mit einem Kreuzgewölbe überspannte Chor, welcher von hohem Alter zeugt. Das Langhaus ist stylwidrig verändert und enthält an der westlichen Giebelseite einen Eingang und ein Fenster im spätgothischen Styl, an der Nordseite einen spitzbogigen Eingang und zwei mit Maßwerk ornamentirte Fenster, die an die gute Zeit der Gothik erinnern; das übrige ist in späterer Zeit geschmacklos verändert.

Das Innere der Kirche hat nichts bemerkenswerthes; in der mit einem Netzgewölbe versehenen Sakristei ist ein sehr altes, wohl erhaltenes und gut in Holz ausgeführtes Christusbild aufbewahrt. Die auf dem Thurme hängenden zwei Glocken, zu denen demnächst eine dritte kommen soll, sind aus neuerer Zeit. Die Baulast der Kirche steht der Gemeinde und der Stiftungspflege gemeinschaftlich zu.

Um die Kirche lag der Begräbnißplatz, dessen alte Umfassungsmauer noch vorhanden ist; er wurde aufgegeben und dagegen ein neuer, am nordöstlichen Ende des Orts angelegt.

An der Hauptstraße steht das ansehnliche Pfarrhaus, das mit| seinen Ökonomiegebäuden und freundlichen Gartenanlagen einen stattlichen Pfarrhof bildet; die Unterhaltung desselben hat der Staat.

Zunächst der Kirche steht das 1836 gut erbaute Schulhaus, das neben 3 Lehrzimmern auch die Wohnungen des Schulmeisters und des Lehrgehilfen enthält. Den Winter über besteht eine Industrieschule.

Das an der Hauptstraße stehende Rathhaus, mit Thürmchen und Glocke auf dem First, wurde 1828 neu erbaut und befindet sich in gutem Zustande.

An weiteren, der Gemeinde gehörigen Gebäuden sind noch zu nennen: zwei Backhäuser, ein Schafhaus, ein Armenhaus und zwei Keltern, eine mit zwei Bäumen und einer Schnellpresse, die andere mit 2 Bäumen.

Etwa 15 öffentliche und Privat-Pumpbrunnen, von denen die öffentlichen alle sog. Doppelbrunnen sind, liefern gutes Wasser, das nie versiegt und nur in ganz trockenen Jahreszeiten etwas spärlicher fließt. Auf der Markung befinden sich einige immer laufende Quellen, von denen der Lug- und der Klingenbrunnen die bedeutendsten sind. Überdieß fließt, wie schon bemerkt, die Murr ganz nahe am Ort vorüber und setzt einige 100 Schritte unterhalb des Dorfs eine Mühle mit 4 Mahlgängen, einem Gerb- und Hirsengang, nebst einer Hanfreibe in Bewegung. Über die Murr sind zwei Brücken angelegt, von denen die bei dem Holzgarten untere, ganz steinerne die Stadt Marbach, die obere hölzerne, auf steinernen Pfeilern ruhende die Gemeinde Murr zu unterhalten hat. Das Fischrecht in der Murr steht dem Eigenthümer einer hiezu berechtigten, an dem Fluß gelegenen Wiese und theilweise der Gemeinde zu; es ist an einen Fischer um 8 fl. jährlich verpachtet. Außerdem hat jeder Ortseinwohner das Recht am Freitag in der Murr zu fischen. Von Fischen kommen vor: der Aal, welcher schon im Gewicht zu 10 Pfund gefangen wurde, der Weißfisch, der Schuppfisch und die Forelle; letztere verirrt sich zuweilen aus den Nebenbächen, wie z. B. aus der Bottwar in die Murr. Der Edelkrebs ist nicht selten. Auf dem Fluß findet eine bedeutende Scheiterholzflößerei statt, welche das Holz aus dem Murrhardter Wald herbeischafft und 1/8 Stunde südlich vom Ort auf dem Holzgarten ablagert. Ein Holzhändler hat den dem Staat und der Stadt Marbach zustehenden Scheiterholzfloß unter der Verpflichtung, sämtliche Floßeinrichtungen zu unterhalten, gepachtet, und häuft nun jedes Jahr 2–3000 Klafter Tannen- und Buchenscheiterholz hier auf, welches sodann im Laufe des Jahres verkauft,| und durch dessen Abfuhr ein nicht unbedeutender Geldumsatz verursacht wird.

Das an den Staat zu entrichtende Floßkoncessionsgeld beträgt vom Klafter 12 kr.; bei Berechnung desselben werden übrigens 500 Klafter als eigener Bedarf der Stadt Marbach in Abzug gebracht und sind somit frei von Koncessionsgeld. Überdieß muß der Stadt Marbach eine Pachtsumme von 200 fl. jährlich entrichtet werden. Im Jahr 1866 betrug das Koncessionsgeld 95 fl. 10 kr.

Die aus einer bergigen, sehr waldreichen Gegend kommende Murr tritt öfters aus ihrem Bett und überfluthet alsdann die ganze Thalebene, nicht selten auch noch die unteren Häuser des Orts bespülend, ohne jedoch beträchtlichen Schaden anzurichten. Nur im Jahr 1819 ist der Fluß in Folge eines starken Wolkenbruchs so bedeutend angeschwollen, daß er aus dem Holzgarten gegen 400 Klafter Holz mit sich fortrieß.

Die Einwohner sind im Allgemeinen gesunde, mittelgroße Leute, denen man meist, namentlich dem weiblichen Geschlechte, die strenge Arbeit, den rastlosen Fleiß und die Sparsamkeit, die selbst bis zur Grenze der Versagung des Nothdürftigen sich ausdehnt, ansieht. In Sitten herrscht ein sanfter, anständiger Ton, Sinn für Reinlichkeit und Ordnung. Die altherkömmliche Tracht hat leider einer modernen, wenig schönen weichen müssen. Volksbelustigungen und Gebräuche sind abgegangen, nur bei Leichen der Begüterten wird von den theilnehmenden Gästen ein Leichenschmauß gehalten und die Taufen begehen die Verwandten mit leiblichen Erquickungen. Was die Vermögensumstände betrifft, so besteht im Ganzen Wohlhabenheit, selbst die minder bemittelten Einwohner entbehren der alltäglichen Subsistenzmittel nicht; ein guter Mittelstand herrscht vor. Der vermöglichste Bürger besitzt 70 Morgen, der sog. Mittelmann 15–16 Morgen und die unbemittelte Klasse 1–2 Morgen Grundeigenthum. Gemeindeunterstützung erhalten gegenwärtig nur 2 kranke Personen, die verpflegt werden. Die Haupterwerbsmittel sind Feldbau, Weinbau und Viehzucht, während die Gewerbe nur den nöthigsten örtlichen Bedürfnissen dienen. Zwei Schildwirthschaften, ein Kaufmann und ein Krämer sind vorhanden. Unterhalb des Orts steht an der Murr eine gut eingerichtete Kunstmühle mit 5 Mahlgängen und einem Gerbgang. Auch besteht eine mit einem Pferd betriebene Ölschlägerei. Das Bleichen der selbst verfertigten Leinwand geschieht auf der dem Ort zunächst gelegenen Murrthalebene. Etwa 1/2 Stunde| südwestlich vom Ort wird gesuchter Lettenkohlensandstein mit Vortheil gebrochen.

Die ausgedehnte Markung hat meist eine ebene oder sanft abhängige Lage und einen fruchtbaren, größtentheils aus Lehm bestehenden Boden und nur an einzelnen Stellen, wo die Lettenkohlengruppe der Oberfläche nahe kommt, in sog. Schlaisboden übergeht, der meist für den Weinbau benützt wird.

Der Zustand der Landwirthschaft ist sehr gut und findet Ermunterung in den günstigen Boden- und klimatischen Verhältnissen, in dem leichten und einträglichen Absatz der Erzeugnisse, wie in dem guten Beispiel, mit welchem mehrere bemittelte Einwohner voran gehen. Landwirthschaftliche Neuerungen, wie der Suppinger Pflug, die Sämaschine, das Halbjoch etc. haben Eingang gefunden und zur Besserung des Bodens werden, außer den gewöhnlichen Düngungsmitteln, die in zweckmäßig angelegten Düngerstätten sorglich gesammelte Jauche, der Gips, Compost etc. fleißig angewendet.

In dreiflürlicher Eintheilung, mit beinahe ganz angeblümter Brache, baut man die gewöhnlichen Getreidearten und Brachgewächse; überdieß kommen von Handelsgewächsen zum Anbau: sehr viel Reps und Hanf, wenig Flachs, ziemlich Mohn, sehr viel Zuckerrüben, etwas Taback etc. Auf einen Morgen rechnet man Aussaat: 7 Sri. Dinkel, 3 Sri. Roggen, 3 Sri. Gerste, Haber, Einkorn und Weizen je 4 Sri., Wicken, Erbsen, Linsen je 31/2–4 Sri., Reps 1/3 Vierling. Die Ernte beträgt in günstigen Jahren vom Morgen 10 bis 12 Scheff. Dinkel, 41/2 Scheff. Roggen, 41/2 Scheff. Gerste, 6 bis 7 Scheff. Haber, 7–8 Scheff. Einkorn, 2–3 Scheff. Weizen, 6–7 Scheff. Wicken, 2 Scheff. Erbsen, 2–21/4 Scheff. Linsen, 4 Scheff. Reps. Über den eigenen Verbrauch können jährlich etwa 600 Scheff. Dinkel und 200 Scheff. Haber nach Außen abgesetzt werden; in namhaften Quantitäten werden Zuckerrüben nach Marbach für die Zuckerfabrik in Stuttgart und 40–60 Scheff. Reps in die Rheingegend verkauft. Die Preise bewegen sich bei den Äckern von 150–600 fl. und bei den Wiesen von 160–700 fl. per Morgen.

Der ausgedehnte Wiesenbau liefert im allgemeinen ein nahrhaftes Futter, das nur an einzelnen, etwas entfernter gelegenen Stellen, wegen des nassen Grundes sauer und weniger gut wird. Die Wiesen, denen keine Wässerung zukommt, sind zwei-, in günstigen Jahren zum Theil dreimähdig und ertragen durchschnittlich vom Morgen 40–50 Centner Futter.

| Der Weinbau, welcher sich vorzugsweise mit Silvanern, Elblingen, Gutedeln und Drollingern beschäftigt, wird in der im Neckarthal üblichen Weise getrieben; man pflanzt 3200 Stöcke auf den Morgen und bezieht sie den Winter über. Die besten Lagen sind Honath, Herrenweinberg und Kelternweinberg. Der Wein gehört zu den mittleren und ist geringer als in den benachbarten Orten Benningen, Klein-Bottwar und Mundelsheim, jedoch besser als in Höpfigheim und Erdmannhausen. In günstigen Jahren werden etwa 380 Eimer auf der Markung erzeugt und der höchste Ertrag eines Morgens beträgt 7–8, der mittlere 4–5 Eimer. Die Weinpreise bleiben hinter denen von Benningen und Klein-Bottwar meist um 10–15 fl. per Eimer zurück; sie betrugen in den Jahren 1857 40–42 fl., 1859 40–42 fl., 1861 55–60 fl. Die Preise eines Morgens bewegen sich von 200–500 fl. Der Absatz des Weins geht nach Ludwigsburg, ins Gäu und auf den Schwarzwald.

Die Obstzucht ist verhältnißmäßig nicht sehr ausgedehnt und beschränkt sich auf etlich und 30 Morgen, weil sich die Lage nicht besonders gut für den Obstbaum eignet und Frühlingsfröste häufig demselben schaden. Man pflegt hauptsächlich Mostsorten und von diesen vorzugsweise den Luikenapfel und die Knausbirne, indessen ist auch mancher edlere Obstbaum vorhanden. Von Steinobst zieht man vorzugsweise die Zwetschgen, nicht häufig ist der Kirschbaum. Das Obst wird im Ort selbst verbraucht.

Als vormals hardtberechtigte Gemeinde besitzt dieselbe 368 Morgen Hardtwald, der abgesondert bewirthschaftet wird, und 436/8 Morgen Gemeindewaldungen; von diesen Waldungen wird das Unterholz alle 2 Jahre an die Ortsbürger ausgetheilt, wobei einer 40 Stück Wellen erhält; das Oberholz wird verkauft und der Erlös an die Bürger mit je 10–12 fl. vertheilt, mit Ausnahme des Erlöses aus den eigentlichen Gemeindewaldungen, welcher in die Ortskasse fließt. Eine Wöchnerin bekommt eine besondere Holzgabe.

Eigentliche Weideplätze sind etwa 12 Morgen vorhanden, die nebst der Brach- und Stoppelweide an einen Schäfer um jährlich 650 fl. verpachtet sind, überdieß trägt die Pferchnutzung gegenwärtig 450 fl. der Gemeinde ein.

Die Rindviehzucht steht auf einer sehr blühenden Stufe und gehört zu den besten des Bezirks; man züchtet einen tüchtigen Neckarschlag, der durch 3 Simmenthaler Farren gekreuzt und immer noch verbessert wird. Die Haltung der Zuchtstiere ruht auf dem seit längerer Zeit verkauften Widdumgut. Die Rindviehzucht bildet einen| besonderen Erwerbszweig der Einwohner; es findet hauptsächlich mit Stieren, welche jung aufgekauft, aufgefüttert und wieder abgesetzt werden, ein lebhafter Umsatz auf benachbarten Märkten statt. Auch besteht eine Käserei, welche viel Milch verbraucht und bedeutenden Absatz hat.

Ein Ortsschäfer läßt 4–500 feine Bastardschafe auf der Markung laufen und überwintert sie im Ort. Die Wolle kommt auf den Kirchheimer Markt und der Abstoß der Schafe geschieht, jedoch nicht unmittelbar, nach Frankreich.

Eigentliche Schweinezucht wird nur wenig betrieben, dagegen kauft man viele Ferkel (vorherrschend halbenglische) meist in Ludwigsburg auf und mästet sie theils für den eigenen Bedarf, theils zum Verkauf.

Von Bedeutung ist die Geflügelzucht, welche einen namhaften Verkauf an jungen Hahnen besonders aber an Gänsen zuläßt.

Die Bienenzucht ist von keinem Belang.

Außer der durch den Ort führenden Marbach–Groß-Bottwarer Poststraße sind noch Vicinalstraßen nach Höpfigheim und Pleidelsheim angelegt.

An öffentlichen Stiftungen ist ein, jedoch unbeträchtlicher Fonds vorhanden; überdieß bestehen noch einige besondere, ebenfalls unbedeutende Stiftungen zur Austheilung an Brod, Schulbücher etc.

Als besondere Merkwürdigkeit ist anzuführen, daß am nordöstlichen Ende des Dorfs auf einem offenen Platz neben der Landstraße das sog. Hardtgericht je an Georgi unter freiem Himmel abgehalten wurde. Der Platz war mit Linden besetzt und unter denselben standen 16 2′ hohe, runde gegen unten etwas verjüngte Steine im Kreis herum; es waren die Sitze für die Hardtrichter, von denen Marbach 3 und die übrigen 6 hardtberechtigten Orte je 2 zu stellen hatten. In der Mitte des Kreises stand der Sitz für den Hardt-Schultheißen, der sich von den übrigen Sitzen durch einen oben am Rande herumlaufenden Kranz auszeichnet. An Georgi 1839 wurde das letzte Hardtgericht abgehalten. Gegenwärtig ist man damit beschäftigt die Stelle, auf der das Hardtgericht abgehalten wurde, mehr zu ebnen und die zeitweise herausgehobenen Sitze in der ursprünglichen Ordnung wieder einzusetzen; an die Stelle der früher hier gestandenen Linden soll in der Mitte des Kreises eine junge, schön wüchsige gepflanzt und das Ganze mit einem Gitter umfriedigt werden, um hiedurch das Andenken an diese altherkömmliche, wohlthätige Stiftung zu wahren und zu ehren. Elisabeth, die Wittwe des Berthold von Blankenstein,| vermachte nämlich kurz vor ihrem Tode († 1280) den 2557 Morgen großen, zwischen Klein-Aspach und Steinheim gelegenen Hardtwald den 7 Orten Kloster und Dorf Steinheim, Marbach, Murr, Pleidelsheim, Benningen, Erdmannhausen und Beihingen mit der Bestimmung, daß aus demselben Holzgaben, das nöthige Bauholz an die Bürger der genannten Orte und überdieß jeder Wöchnerin ein (plaustrum ligni) Wagen voll Holz abgegeben werden soll. Die Forstgerichtsbarkeit und Verwaltung übten diese Orte durch einen gewählten Hardtschultheißen und 15 Hardtrichter aus, auch der jeweilige Klosterhofmeister von Steinheim hatte von Amtswegen bei den Verhandlungen zu erscheinen; letzterer übte stets großen Einfluß auf die Hardtverwaltung, indem das Kloster Steinheim noch besondere Rechte und Nutzungen hatte. Der Hardtwald wurde übrigens durch maßlose Anforderungen, die man an ihn machte, sehr herunter gebracht und endlich verständigten sich die berechtigten Gemeinden, denselben nach Maßgabe der Ansprüche zu vertheilen, was im Jahr 1840, 2. Oktober, ausgeführt wurde; Marbach erhielt einschließlich der Wege 6108/100 Morgen, Pleidelsheim 39660/100 Morgen, Steinheim 31951/100 Morgen, Erdmannhausen 30781/100 Morgen, Murr 36818/100 Morgen, Benningen 29438/100 Morgen, Beihingen 26044/100 Morgen. Der Hardtwald wird nun durch einen von den betheiligten Gemeinden aufgestellten Forstmann (Hardtförster) rationell bewirthschaftet und der Ertrag theils an die berechtigten Bürger abgegeben, theils verkauft und der Erlös unter dieselben vertheilt. Immer noch besteht die Einrichtung, daß eine Wöchnerin eine besondere Holzgabe erhält.

In Murr kreuzen sich 2 Römerstraßen, eine von Bietigheim nach Murrhardt, die andere von Marbach nach Heilbronn führend; überdieß lief eine von Murr nach Groß-Bottwar und vermuthlich eine weitere nach Benningen. Schon der Straßenknoten, welcher sich hier entwickelt, spricht entschieden für einen römischen Wohnplatz in oder bei Murr, noch mehr aber ein in Benningen eingemauert gewesener römischer Altar, dessen Inschrift von Vicani Murrenses lautet und somit den Namen von Murr enthält (s. hier. vornen).

Auf der sog. Egart bei der Bergskelter etwa 1/8 Stunde südwestlich von Murr fand Alt Melchior Maier von Murr bei Wegräumung eines 4′ hohen Schutthaufens, einen viereckigen Stein, 2′ 5″ hoch und ebenso lang, der in der Mitte hohl, und mit einem steinernen Deckel verschlossen war. Der Behälter war mit Asche und kleinen Gebeinen gefüllt, auch lag in denselben ein eherner Löffel. Um den Behälter standen 5 thönerne Trinkgefäße, 4 Lampen von| Bronce und 2 von Thon; ganz in der Nähe wurden 4 römische Münzen gefunden. Es ist außer Zweifel, daß wir es hier mit einer römischen Grabstätte zu thun haben.

Gerade unter dieser Stelle im Murrthal in den sog. Böden wurden von demselben Finder 2 römische Münzen, Bruchstücke von römischen Gefässen, Ziegel, Backsteine und Mauerreste aufgedeckt; nach der Sage soll hier eine Stadt gestanden sein.

Beim Bau des Schulhauses wurden außerhalb des Kirchhofs alte Gräber aufgefunden.

Der Ort gehört zu den wenigen, deren Name sich schon als zur Römerzeit bestehend erweisen läßt (vicani Murrenses, s. A. VII. 4).

Er kam mit Marbach zum Theil 1302 von Herzog Hermann von Teck an Württemberg, welches noch 1313 hiesige Güter und Rechte des Kl. Hirschau erkaufte.

Im Jahr 1245 erscheint M. unter den Orten, wo das Stift Backnang begütert war. Sonst machte namentlich auch das Kl. Steinheim zu verschiedenen Zeiten Ankäufe von Höfen und Gerechtigkeiten.

Berthold und Ruding von M. kommen vor um 1120 unter den Zeugen zu Ingersheim auf der Dingstätte des Grafen Adelbert (von Calw). Cod. Hirs. 40a.

Wie einige andere Dörfer, so wies Graf Ulrich von Württemberg den 5. Juli 1456 auch den Ort Murr in Rechtssachen nach Stuttgart als den Oberhof. Sattler, Gr. 4. Beil. Nr. 49.


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