Beschreibung des Oberamts Marbach/Kapitel B 8

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Erdmannhausen,
mit Bugmühle,
Gemeinde II. Kl. mit 971 Einw., wor. 5 Kath. – Ev. Pfarrei; die Kath. sind nach Ludwigsburg eingepfarrt.

Der ziemlich regelmäßig und gedrängt angelegte Ort hat 1/2 Stunde östlich von der Oberamtsstadt, auf der Hochebene zwischen dem Neckar- und dem Murrthal, eine freie, jedoch etwas unebene Lage, indem der größere Theil des Orts in eine ziemlich stark einfallende Mulde hingebaut ist.

Am nördlichen Ende des Orts liegt erhöht Kirche, Pfarr- und Schulhaus. Die mit der starken Mauer des ehemaligen Begräbnißplatzes umgebene Pfarrkirche ist im einfachen gothischen Style, mit spitzbogigen Eingängen und Fenstern erbaut; aus den letzteren sind die Maßwerke in den Bogentheilen herausgenommen worden und nur das mittlere Fenster des mit einem halben Achteck schließenden, mit Streben versehenen Chors zeigt noch gedreite Füllungen aus der frühgothischen Periode und Reste von alten Glasmalereien. Auch über dem Eingang an der westlichen Giebelseite hat sich ein frühgothisches Doppelfensterchen erhalten. Den massiven, 4stockigen Thurm deckt ein Bohlendach, aus dem eine sog. Laterne emporstrebt. Das im Jahr 1864 recht freundlich erneuerte Innere der Kirche ist im Langhaus flach getäfelt, während den Chor ein Kreuzgewölbe deckt. Nördlich am spitzen Chorbogen befindet sich ein baldachinartiger Überbau eines ehemaligen Seitenaltars; er ist mit einem Netzgewölbe versehen, auf dessen Schlußstein Johannes dargestellt ist. Der im gothischen Styl gehaltene hohle, achteckige Taufstein trägt das Württembergische und das Kloster Murrhardtsche Wappen nebst der Jahrszahl 1494. Auf dem Altar steht ein altes, lebensgroßes Kruzifix. Die neue Orgel ist im gothischen Geschmack schön gefaßt.

| An der südwestlichen Kirchenecke ist Folgendes eingemeiselt: 1517 Hagel, 1570 starben 170, 1608 kalter Winter, 1626 starben allhier 253, 1634 Nördlinger Schlacht. Die Kirche ist Eigenthum der Gemeinde, der zu 3/4 die Unterhaltung derselben zusteht, das übrige 1/4 hat der Heilige zu bestreiten.

Der ehemalige, um die Kirche gelegene Begräbnißplatz wurde 1813 aufgegeben und hiefür ein neuer am nördlichen Ende des Orts angelegt.

Das Pfarrhaus, welches der Staat zu unterhalten hat, ist ansehnlich, gut erhalten und gestattet eine freie Aussicht über das Dorf und die Umgegend.

Nahe der Kirche steht das ansehnliche, im Jahr 1830 erbaute Schulhaus, welches auch die Wohnungsgelasse des Schulmeisters enthält.

Eine Industrieschule besteht den Winter über.

Das 1604 erbaute Rathhaus mit Glockenthürmchen auf dem First, liegt in der Mitte des Orts und befinden sich in gutem Zustande.

Ein Gemeindebackhaus und ein Schafhaus sind vorhanden. Eine Kelter mit 4 Bäumen liegt mitten in den Weinbergen.

Gutes Trinkwasser liefern 5 Pumpbrunnen, die jedoch in trockenen Jahreszeiten nicht selten so spärlich Wasser geben, daß dasselbe außerhalb des Orts, namentlich aus dem nie versiegenden, 1/4 Stunde nordwestlich vom Ort gelegenen Riedbrunnen geholt werden muß. Außer dem Riedbrunnen sind auf der Markung noch mehrere immerfließende Feldbrunnen und einige sogenannte Hungerbrunnen vorhanden.

An der nördlichen Grenze der Markung fließt die Murr, über welche unfern der Bugmühle die im Jahr 1864 vollendete, ganz aus Stein erbaute sog. Schweißbrücke führt.

Die Einwohner sind im Allgemeinen kräftige, in Lebensweise und Sitten einfache, sehr fleißige Leute; ihre Tracht ist noch immer die ländliche solide der Väter und ihre Haupterwerbsmittel bestehen in Feldbau, Weinbau und Viehzucht. Die Gewerbe, unter denen die Weberei am stärksten betrieben wird, dienen nur den örtlichen Bedürfnissen und die meisten Handwerker treiben neben ihrem Gewerke auch einigen Feldbau. Im Ort sind 3 Schildwirthschaften und ein Krämer. Die Vermögenszustände gehören zu den besseren des Bezirks, indem der vermöglichste Bürger 50 Morgen, der| vorherrschende Mittelstand 20 Morgen und die minder bemittelte Klasse 1–2 Morgen Grundeigenthum besitzt.

Die große, übrigens stark parzellirte Markung bildet mit Ausnahme der steilen Gehänge gegen die Murr und der nordwestlich vom Ort gelegenen Weinberge eine flachwellige Hochebene, deren Boden meist aus einem fruchtbaren, warmen Lehm, an den Thalgehängen aus den Zersetzungen des Hauptmuschelkalks besteht; die Weinberge liegen auf Keupermergel. Auch auf den angrenzenden Markungen, Affalterbach, Kirchberg und Marbach, haben sich die Einwohner allmählig ziemlich viele Güterstücke angekauft.

Muschelkalksteinbrüche sind mehrere vorhanden.

Die Luft ist rein und gesund, indessen schaden kalte Nebel und Frühlingsfröste nicht selten dem Obst und den Reben, dagegen ist Hagelschlag in 70 Jahren nur einmal (1840) vorgekommen.

Den Boden sucht man durch sehr fleißigen Bau und Düngung immer ergiebiger zu machen; außer den gewöhnlichen Düngungsmitteln und der in zweckmäßig angelegten Düngerstätten gesammelten Jauche kommt auch Gips in Anwendung. Von den verbesserten Ackergeräthen ist der Suppinger Pflug allgemein geworden und die Walze wird häufig angewendet.

Die Landwirthschaft wird in dreizelgiger Flureintheilung und beinahe ganz angeblümter Brache gut betrieben; man baut vorzugsweise Dinkel, Haber, Gerste und Roggen, auch Weizen, Einkorn, Hirse, Erbsen, Wicken etc. Im Brachfeld kommen zum Anbau: Kartoffeln, Luzerne, dreiblättriger Klee, Welschkorn, Angersen und von Handelsgewächsen sehr viel Hanf, Reps, wenig Zuckerrüben, Mohn etc. Bei einer Aussaat von 8 Sri. Dinkel, 4 Sri. Haber, 3 Sri. Gerste beträgt sich die Ernte an Dinkel 6–10, ausnahmsweise 12 Scheffel, an Haber 4–61/2 Scheffel, an Gerste 3–5 Scheffel per Morgen. Die Preise eines Morgens Acker bewegen sich gegenwärtig von 150–800 fl. Getreidefrüchte werden viel nach Außen abgesetzt.

Der Wiesenbau ist ziemlich ausgedehnt und liefert, namentlich in dem Murrthal, gutes, nahrhaftes Futter; die Wiesen, von denen nur wenige bewässert werden können und dagegen ein ziemlicher Theil zu naß ist, sind zweimähdig und ertragen 32–40 Centner Futter per Morgen. Der geringste Preis eines Morgens beträgt 300 fl., der mittlere 450 und der höchste 800 fl.

Von nicht großer Bedeutung ist der Weinbau, der sich| gegenwärtig auf etwa 70 Morgen angebaute Weinberge beschränkt, die 1/4 Stunde nordwestlich vom Ort an dem südlichen Abhang eines langgestreckten Keuperhügels liegen. Die Bauart ist die in der Neckargegend gewöhnliche; es werden 3600 Stöcke auf den Morgen gepflanzt und den Winter über bezogen. Die häufigsten Traubensorten sind Silvaner und Drollinger, weniger Veltliner und Gutedel. Der erzeugte Wein, meist ein sog. Schiller, ist sehr angenehm, jedoch etwas leichter als in den Hauptweinorten des Bezirks; die besten Lagen sind die Altenberge und der Hungerberg. Ein Morgen erträgt durchschnittlich 4–5 Eimer und die höchsten Preise eines Eimers waren in den Jahren 1857 42 fl., 1858 30 fl., 1861 36 fl., 1862 44 fl., 1863 48 fl., 1864 wurde kein Wein verkauft. Die Preise eines Morgens bewegen sich von 300–600 fl. Der Absatz des Weins geschieht hauptsächlich nach Marbach, Ludwigsburg, sogar nach Stuttgart und Ulm.

Von namhafter Bedeutung ist die Obstzucht, die sich vorzugsweise mit Mostsorten beschäftigt; auch Nuß- und Kirschenbäume sind ziemlich viel vorhanden. Das Obst gedeiht sehr gerne und wird theils gemostet, theils gedörrt und in günstigen Jahren öfters 1000–1200 Sri. nach Außen verkauft. Die Jungstämme werden selbst nachgezogen.

Die theils auf Erdmannhauser, theils auf Kirchberger Markung gelegenen Waldungen bestehen aus 307 Morgen Hardtwald und 70 Morgen Gemeindewaldungen; von dem Waldertrag erhält jeder Bürger alle 2 Jahre 25 Stück Wellen; das Stammholz wie auch Eichenrinde wird verkauft, was der Gemeinde durchschnittlich 1000 fl. einträgt. Privatwaldungen sind 90 Morgen vorhanden.

Die eigentliche Weide nebst der Brach und Stoppelweide ist an einen Gemeindeschäfer um 550 fl. verpachtet; überdieß trägt die Pferchnutzung der Gemeindekasse jährlich 400–500 fl. ein.

Einen besonderen Erwerbszweig bildet die ausgedehnte Rindviehzucht, welche sich meist mit einem guten Neckarschlag beschäftigt, der durch 3 Farren (eine Kreuzung von Neckarschlag und Simmenthaler) nachgezüchtet wird. Die Haltung der Zuchtstiere besorgt ein Bürger gegen Unterstützung von Seiten der Gemeinde. Es wird ziemlich viel Vieh gemästet und an auswärtige Metzger verkauft, auch ist der Handel mit Vieh auf benachbarten Märkten von einigem Belang.

Die Schafzucht wird von dem Gemeindeschäfer, der gute| Bastarde hält, stark betrieben; die Wolle kommt meist nach Winnenden zum Verkauf.

Schweinezucht besteht nicht, dagegen kauft beinahe jeder Bürger 1–2 halbenglische Ferkel und zieht sie theils für das eigene Haus, theils zum Wiederverkauf auf.

Geflügel wird sehr viel gehalten und mit denselben ein ziemlich ausgedehnter Handel getrieben.

Die Bienenzucht ist von keiner Bedeutung, obgleich die Lage des Orts sie begünstigen würde.

Außer der durch den Ort führenden Staatsstraße von Marbach nach Backnang sind noch Vicinalstraßen nach Steinheim (beziehungsweise nach Rielingshausen) und nach Winnenden angelegt.

Auf der 1/4 Stunde östlich vom Ort gelegenen Flur „Höfle“ standen Gebäude, von denen man noch Grundmauern aufgefunden hat.

Nach der Volkssage sollen 1/4 Stunde südlich vom Ort auf der Flur „Lehrle“ Erdmännlein gehaust haben, welche den Bewohnern der Gegend in verschiedenen Arbeiten, namentlich beim Getreideschneiden, helfend beigestanden seien.

Zu der Gemeinde gehört:

die ansehnliche Bugmühle mit 4 Mahlgängen, einem Gerbgang, Hirsegang und einer Hanfreibe; sie hat eine freundliche Lage an der Murr, etwa 1/4 Stunde nördlich vom Mutterort.

Erdmannhausen, auch Erdmannshausen, wurde ursprünglich geschrieben Erckmarshusen, Ergmarhusen (1282 St. A.), Ertmarßhusen (1478 Sattler Gr. 3 Beil. 77). In Urkunden, welche nicht in gleichzeitigen Originalen erhalten sind, kommt es vor als Erckenmarishusen (817. Wirt. Urk. Buch 1, 88, unterschobene Urkunde), Berckenmarehusa (978. eb. 1, 223, wofür nach Kausler Herckenmarehusa stehen sollte), Eckmarßhusen (12. Jahrh. Cod. Hirs. Bl. 40a).

Der Ort erscheint im Jahr 978 unter denselben Verhältnissen, wie Marbach (s. d.) und wurde wohl mit dieser Stadt großentheils alte Besitzung der Grafen von Württemberg, von welchen die Familie von Oßweil 1366 ein Viertel der Vogtei über das Dorf zum Lehen erhielt, welches aber bereits 1390 mit ihr abstarb. Die übrigen Theile der Vogtei, gleichfalls von Württemberg rührende Lehen, waren zwischen denen von Venningen und Sontheim getheilt, bis im Jahr 1425 die ersteren ihr Viertel für 310 fl., Conz von| Sontheim seine Hälfte für 650 fl. an die Grafen Ludwig und Ulrich verkauften.

Ein Werner von Erckmarßhausen erscheint um 1120 auf der Wahlstatt zu Ingersheim bei dem Grafen Adelbert (von Calw). Cod. Hirs. Bl. 40a.

Das Kl. Murrhardt führte seinen hiesigen Besitz auf einen (freilich unterschobenen) Stiftungsbrief K. Ludwigs von 817 zurück (Wirt. Urk. Buch 1, 88), jedenfalls ist derselbe sehr alt. Im Jahr 1555 vertauschte dieses Kloster Kirche und Kirchensatz an Württemberg.

Frühe erhielt auch der Eßlinger Spital und das Kl. Steinheim hiesige Besitzungen; noch in protestantischer Zeit ertauschte der Hofmeister dieses Klosters den 13. Jan. 1615 von Joh. Eberh. Stickhel, herzogl. Gewölbsverwalter, dessen Hof samt Gütern, Rechten und Zugehör.

In katholischer Zeit bestunden allhier eine Pfarrei und zwei Frühmessereien.


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