Beschreibung des Oberamts Nagold/Kapitel B 1

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
« Kapitel A 7 Beschreibung des Oberamts Nagold Kapitel B 2 »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
NAGOLD im Jahr 1643.
|
B.


Ortsbeschreibung,


in alphabetischer Reihe der den Oberamtsbezirk bildenden 38 politischen Gemeinden oder Schultheißereien; jedoch unter Vorausstellung der Oberamtsstadt.

Die am Schluß beigefügten Tabellen gewähren übersichtliche Zusammenstellungen: I. der Bevölkerung, der Gebäude und des Viehstandes; II. des Flächenmaßes nach den verschiedenen Bestandtheilen, und III. des Steuer-Katasters, des Gemeinde- und Stiftungshaushaltes.

Die Oberamtskarte zeigt die geographische Lage der Orte.




Nagold,
mit Röthenbach, Haus,
Gemeinde II. Klasse mit 2429 Einw., worunter 51 Kath. – Evang. Pfarrei; die Kath. sind nach Rohrdorf eingepfarrt.


Die Stadt Nagold liegt unterm 26° 23′ 13,68″ östlicher Länge und 48° 33′ 4,15″ nördlicher Breite, 11 geometrische Stunden südwestlich von Stuttgart. Die Erhebung über dem Mittelmeer beträgt an der Erdfläche des Postamtsgebäudes 1403 Württ. Fuß = 1237,3 Par. F. Als Oberamtsstadt ist dieselbe der Sitz des Oberamtsgerichts mit dem Gerichtsnotariat, des Oberamts mit dem Oberamtsphysikat, des Dekanatamts und eines Postamts. Überdieß ist Nagold der Sitz eines Revierförsters, eines Umgeldscommissärs, eines practicirenden Arztes, zwei practicirender Rechtspractikanten, eines Oberamts-Wundarztes und eines Oberamts-Thierarztes; auch besteht daselbst eine Apotheke.

Das Wappen der Stadt ist ein quer getheilter Schild, das obere |
Wappen der Stadt Nagold.

Feld silbern, das untere roth und von schwarzen Streifen gegittert, durch beide Felder geht ein Nagel.

An der Stelle wo die Nagold ihre südöstliche Richtung schnell in eine nördliche ändert und zugleich die von Iselshausen herkommende Waldach aufnimmt, liegt in einer angenehmen, wiesenreichen Thalweitung die Stadt, an deren westlicher Seite sich der üppig bewaldete, wohlgerundete, von der Nagold auf 3 Seiten umflossene Schloßberg erhebt, dessen Kuppe die namhaften, malerischen Überreste der Burg Hohen-Nagold trägt. Der den Schloßberg umgebende saftig grüne Laubwald contrastirt angenehm mit den dunkeln Nadelwaldungen, die sich rings um die Stadt in mäßiger Entfernung an den steilen Bergabhängen und auf den Höhen lagern und der Gegend den Charakter des Schwarzwaldes aufdrücken, an dessen östlichem Saume die Stadt liegt. Von mehreren Seiten, besonders von der östlichen, bietet die Stadt im Verein mit der Ruine Hohen-Nagold und der von dem Ort südwestlich gelegenen Gottesackerkirche, wirklich malerische Ansichten, die zu den schöneren Partieen des Nagold-Thales gehören.

Die Stadt selbst zerfällt in die eigentliche, früher befestigte Stadt und in die Vorstädte; an der östlichen Stadtseite liegt die Vorstadt Herrenberger Straße, Neue Straße etc., welche sich den Wolfberg hinan zieht, an der südlichen die Vorstadt, Insel genannt, und an der nördlichen die Vorstadt Breite. Von der ehemaligen Befestigung der Altstadt haben Stadtgraben und Zwinger sich noch erhalten, während die Stadtmauern größtentheils verschwunden sind.

Die Stadt hatte 2 Hauptthore, das obere – an der Straße die von Stuttgart herführt, und das untere Thor an der Straße nach Wildberg gelegen; über den Thoren erhoben sich feste, viereckige Thürme, die in den Jahren 1815/16 abgebrochen wurden. Außer den Hauptthoren bestanden noch das Mühlthor und das Schlachthausthor, die im Jahr 1825 mit einem Theil der Stadtmauer abgingen. Die innere Stadt ist ziemlich unregelmäßig, zum Theil winkelig angelegt und hat mit Ausnahme der Hauptstraße (Marktstraße), welche sich von dem ehemaligen oberen Thor zu dem unteren in einem Bogen hinzieht und zugleich den Marktplatz bildet, enge, durchaus gepflasterte Straßen. Die Gebäude sind, mit Ausnahme des in der Nacht vom 22–23 Sept. 1850 abgebrannten Theils (28 Gebäude.[1]), meist alt | mit den Giebelseiten gegen die Straße gekehrt, und haben nicht selten einen sehr reichen, interessanten Holzbau. Die Vorstädte sind aus neuerer Zeit, namentlich der von dem Postamtsgebäude nordöstlich gelegene Theil, welcher im Jahr 1825 in der Nacht vom 26–27. Okt. abbrannte; 11 Gebäude waren damals ein Raub der Flammen geworden. Die Straßen in den Vorstädten sind regelmäßiger, breiter angelegt als in der Altstadt und theils gepflastert, theils macadamisirt.

Von öffentlichen Plätzen sind zu nennen: der Marktplatz bei dem Rathaus, der Postplatz vor dem Postamtsgebäude, welche streng genommen nur verbreiterte Straßen sind, und der sogenannte Stadtacker, ein außerhalb der Stadt in der Nähe des Oberamtsgerichts gelegener mit Bäumen besetzter Platz, auf dem sich die Turnanstalt befindet und das landwirthschaftliche Fest etc. abgehalten wird.

An der westlichen Seite der Stadt fließt die Nagold, an der südlichen die Waldach, welche sich mit ersterer zunächst der Stadt vereinigt; kurz vor ihrer Vereinigung bildet die Waldach mehrere Arme und umschließt einen Theil der Vorstadt, die sogenannte Insel. An Brücken sind vorhanden: die obere, eine aus Stein aufgeführte auf 3 Pfeilern ruhende Brücke, welche an der Freudenstadter Straße über die Waldach angelegt ist; die aus Holz erbaute, auf 2 steinernen Pfeilern ruhende untere Brücke führt unterhalb der Stadt über die Nagold.

Von beiden Brücken wird Brückengeld bezogen, was der Gemeindekasse, nebst dem Pflastergeld eine Pachtsumme von etwa 350 fl. jährlich einträgt. Überdieß bestehen innerhalb der Stadt noch 2 hölzerne Brücken, welche die Vorstadt Insel mit der Stadt verbinden, und außerhalb des Orts noch 3 weitere hölzerne Brücken über die Waldach und eine über die Nagold; eine Privatbrücke führt bei der Sägemühle über die Nagold. Auch wurde 1860 eine steinerne Brücke über die Nagold neu erbaut.

Von öffentlichen, der Gemeinde gehörigen Gebäuden sind zu nennen.

1) Die Pfarrkirche, zu unserer lieben Frau, in der Marktstraße, nächst dem ehemaligen oberen Thor gelegen: sie ist dreischiffig im frühgermanischen Style erbaut, jedoch durch mehrere an ihr vorgenommenen Veränderungen entstellt und namentlich des Maßwerks in den spitzen Bogentheilen der schlanken Fenstern beraubt worden. Das Innere der Kirche ist einfach weiß getüncht und mit flacher, hölzerner Decke versehen; das Mittelschiff ruht auf 6 (je 3 auf einer Seite), runden, ganz einfachen Säulen (ohne Kapitäl), von | denen die spitzen Arcadenbögen ausgehen; an einer derselben ist folgende Inschrift eingemeiselt: anno dni 1360 X. Klās Augusti || incepta est cappella btē Marie || virginis in oppido Nagelt,“ Die im Renaissancegeschmack im Jahr 1610 ausgeführte Kanzel enthält an der Brüstung Christus und die 4 Evangelisten. Der sehr alte, achteckige Taufstein ist hohl und enthält die Symbole der 4 Evangelisten, einen Engel mit der Rolle, einen geflügelten Löwen, einen Adler und einen geflügelten Stier; der Fuß des Taufsteins, auf dem ein liegender Drache, das Sinnbild der besiegten Hölle dargestellt war, ist in neuerer Zeit abgemeiselt worden.

1

Den mit einem halben Achteck schließenden, mit Streben versehenen Chor, welcher hier außergewöhnlich gegen Norden gerichtet ist, deckt ein schön konstruirtes Netzgewölbe, dessen Schlußsteine folgende Darstellungen enthalten: 1. ein Heiliger mit Nimbus, die beiden Arme in die Hüften stützend, 2. drei nackte seltsam verschlungene männliche Figuren, 3. Agnus Dei. Von dem Chor führt ein im reinen germanischen Geschmack gehaltener Eingang in das unterste Stockwerk des Thurms, welches gegenwärtig als Sacristei dient. Über diesem Eingang ist folgende Inschrift angebracht: Hec structura est incepta anno domini 1401. Neben dieser Tühre steht ein sehr altes Grabdenkmal in Stein, des Ritters Friedrich v. Wihingen (d. i. Enzweihingen), darstellend sein Wappen, zwei gekreuzte Schwerter, mit den Spitzen nach unten.[2] Ein weiteres Denkmal enthält die Inschrift: Anno domini 1625 d. 2. Tag Juni starb die wohledle ehren- und tugendsame Jungfraw Martha Agnes von Hoheneck des freien adeligen Stifts Oberstenfeld gewesenen Conventsjungfraw deren Got gnedig seie. Am Rande des Grabdenkmals sind die Wappen der adeligen Geschlechter Hoheneck, Weichs, Stein, Schotten, Münchingen, Rieppur, Zobel und Speth angebracht. In der unter dem Chor befindlichen Gruft sollen die Grafen von Hohenberg beigesetzt sein. Die Sacristei enthält ein Kreuzgewölbe und einen alten, in die Mauer eingelassenen steinernen Altartisch. Der viereckige, 160′ hohe Thurm besteht aus 7 Stockwerken, von denen das oberste, hölzerne in ein Achteck übergeht und erst im Jahr 1849 aufgesetzt wurde. Die auf dem Thurme hängenden 4 Glocken haben | folgende Umschriften: 1. die 4 Evangelistennamen in Minuskeln; 2. die 4 Evangelistennamen in Majuskeln und die Jahreszahl anno domini 1446; 3. O rex glorie veni Christi. Sanctus Lucas, Marcus, Matthäus, Johannes in Majuskeln; 4. die 4 Evangelistennamen in Majuskeln.

Die Unterhaltung der Kirche hat die Stiftungspflege, welche jedoch wegen Mittellosigkeit von der Gemeinde unterstützt werden muß; überdieß hat die Filialgemeinde Iselshausen 2/15 an den Unterhaltungskosten beizutragen. Wegen der Subsidiärbaulast besteht ein Rechtsstreit da die Gemeinde solche dem Staat anmuthet. Der erste an der Kirche angestellte evangelische Stadtpfarrer war Joh. Frisius von 15..–1562 und der erste Diacon Joh. Hummel von 1556 bis 1558 (s. Binder Kirchen und Lehrämter Wirtembergs 573.)

2) Die 1/8 Stunde südwestlich von der Stadt an der Straße nach Freudenstadt gelegene Gottesackerkirche, „Oberkirche“, auch die Kirche „zu den Nonnen“ genannt; das Langhaus derselben enthält frühgermanische Fenster, die theilweise erneuert wurden. Im Innern der Kirche finden sich noch deutliche Spuren von der ursprünglichen romanischen Bauweise, wie ein runder von romanischen Säulenbündeln ausgehender Triumphbogen. der von dem Langhaus in den um 2 Stufen höher gelegten Chor führt, und eine rundbogige Nische an der Südseite des Chors; der übrige Theil des Chors ist später in den germanischen Styl geändert worden. Im Chor befindet sich auch eine Grabplatte, die früher an dem Altar lag, mit der Umschrift: Anno domini 1374 obiit Volmarus Murer capellanus beati Nicolai extra muros opidi Nagelt in die beati Gorgonii Martiris. Ferner führt von dem Langhaus ein Rundbogen in eine Seitenkapelle, die mit einem Kreuzgewölbe, dessen scharfe Gurten von Wappenschilden und Fratzengesichtern ausgehen, gedeckt ist; der Schlußstein enthält die Marterwerkzeuge und die Jahreszahl 1511. Der viereckige Thurm ist in seinen unteren Stockwerken sehr alt und hat in denselben romanische Fenster. Das obere, mit einem einfachen Zeltdach versehene Stockwerk, stammt aus neuerer Zeit. Die Kirche ist Eigenthum der Stiftungspflege und muß von derselben, beziehungsweise von der Gemeinde unterhalten werden. Bei ungünstiger Witterung werden in derselben die Leichenreden gehalten und früher wurde die Schuljugend am Palmfeste auf den Gottesacker geführt, um dann in der Kirche Passionslieder abzusingen. Nachdem die Kirche ganz in Zerfall gekommen war, wurde sie im Jahr 1842 wieder hergestellt und den 27. Nov. abermals eingeweiht. Zunächst der Kirche steht die der Gemeinde gehörige Wohnung des Todtengräbers, | das ehemalige Meßnerhaus, und um die Kirche liegt der ansehnliche städtische Begräbnißplatz, auf dem früher auch die Einwohner von Iselshausen, Emmingen und Mindersbach beerdigt wurden.

3) Das im Jahr 1756/58 neu erbaute Rathhaus, ein sehr ansehnliches Gebäude mit Thürmchen und Uhr auf dem First; es enthält im unteren Stockwerke die Fruchthalle; im 2ten die Gelasse für die Stadtschultheißenamtskanzlei und ein großes Lehrzimmer für die jüngsten Kinder; im 3ten das Rathszimmer und noch weitere Gelasse für den Gemeinderath. Auf dem Rathause befinden sich 4 in die Fenster eingelassene, jedoch theilweise beschädigte Glasgemälde, welche noch von dem früheren Rathhause herstammen, und zwar:

a. Das von einem Engel gehaltene Stadtwappen (hier ein quer getheilter Schild, das obere Feld weiß, das untere roth); oberhalb desselben steht: Verbum Domini manet in äternum, unterhalb: Nageltt Wapen 1609 jar.

b. Ein Wappen mit der Unterschrift: Gedeon von Ostheim dieser Zeitt Obervogt zu Nagoltt 1580.

c. Ein etwas verdorbenes Wappen mit der Unterschrift: Under Vogtt Nagoltt Johann .... 1595.

d. Ein Wappen mit der Überschrift: Gott sieht und richt Alles, und der Unterschrift Jochum anno ..... Obervogt zu Nagolt.

4) Das sehr ansehnliche Schulhaus, welches in der Vorstadt Breite im Jahr 1828 mit einem Gemeinde-Aufwand von 12.000 fl. neu erbaut wurde; es enthält im unteren Stockwerk die lateinische die Real- und Elementarschule nebst der Wohnung des Reallehrers, der zugleich auch Elementarlehrer für die lateinische Schule ist; im mittleren Stockwerk die deutsche Knabenschule und die Wohnung des Knabenschulmeisters; im oberen Stockwerk die deutsche Mädchenschule und die Wohngelasse für den Mädchenschulmeister. Die Gewerbe-Fortbildungsschule besteht unter der Leitung des Reallehrers und des Knabenschulmeisters ebenfalls in dem Schulgebäude. An den Schulen unterrichten ein Präceptor, ein Reallehrer, 2 Schulmeister, 2 Unterlehrer. Der Präceptor wohnt in einem Privatgebäude und erhält von Seiten der Gemeinde 60 fl. Hausmiethe-Entschädigung und von den beiden Unterlehrern bezieht jeder 20 fl. für Hausmiethe. Eine Industrieschule, eine Kleinkinderschule und eine Turnanstalt sind vorhanden. Schon im Jahr 1466 hatte Nagold einen Schulmeister, Conrad Waiblinger, der zugleich Stadtschreiber war (Cleß Culturgeschichte Wirtemb. 3, 558); der erste Präceptor | war Sebastian Weikersreuter von 1556–1559 und der erste Collaborator Joh. Stimmel von 1758–1764.

5) Zwei Gemeindewaschhäuser bestehen schon längst.

6) Ein Armenhaus außerhalb der Stadt an der Straße nach Freudenstadt gelegen.

7) Das 1837 neu erbaute Schafhaus liegt südöstlich der Stadt am Wolfberg.

Überdieß sind 2 Spritzenhäuser, ein Ortsgefängniß und ein städtisches Schlachthaus vorhanden.

Folgende Gebäude sind Eigenthum des Staats, welchem auch die Unterhaltung derselben obliegt:

1) Das außerhalb der Stadt auf der sogenannten Breite frei und angenehm gelegene Oberamtsgerichtsgebäude, das im Jahr 1851 aus einer ehemaligen Zehentscheuer zu seinem gegenwärtigen Zweck eingerichtet wurde.

2) Die Oberamtei, welche an der nordwestlichen Ecke der Stadt innerhalb eines namhaften Hofraums liegt, ist ein altes geräumiges Gebäude, das früher die hochfürstliche Kellerei war.

3) Das Dekanathaus, in der Marktstraße unweit des Rathhauses gelegen.

4) Das ebenfalls in der Marktstraße von 3 Seiten frei gelegene Diaconathaus, ein altes Gebäude, dessen mittlerer Stock jedoch im Jahr 1825 neu und gut hergestellt wurde.

Außer diesen sind noch ein Gefängniß für das Oberamtsgericht und eines für das Oberamt vorhanden.

Von ansehnlichen Privatgebäuden sind zu nennen: das Postgebäude, die Brauerei von Sautter, der Gasthof zum Hirsch, die Rapp’sche Mühle etc.

Von älteren Gebäuden ist hervorzuheben: die ehemalige Vogtei in der hinteren Gasse, ein sehr altes Gebäude mit rundbogigen Eingängen und gedreiten Fenstern.

Mit gutem Trinkwasser ist die Stadt hinreichend versehen; es bestehen 14 laufende und 17 Pumpbrunnen. Von den laufenden Brunnen sind drei vierröhrig und unter diesen ist der im Jahr 1747 errichtete Marktbrunnen der bedeutendste; auf der Brunnensäule desselben steht ein Engel, welcher das Stadtwappen hält. Die laufenden Brunnen erhalten sämmtlich ihr Wasser aus dem östlich der Stadt gelegenen sogenannten Kreuzerthal, wo das Wasser gefaßt und etwa 1/8 Stunde weit in hölzernen Teicheln zur Stadt geleitet wird. Früher bestand in der sogenannten Badgasse eine Badeanstalt und auf dem gegenwärtig dem Dr. Zeller gehörigen ehemaligen Badhause | lastete bis zum Jahr 1836 ein Badzins von etwa 3 fl. jährlich. Die Markung ist im Allgemeinen reich an Quellen, die häufig zur Wiesenwässerung benützt werden; die bedeutendste Quelle ist der sogenannte Badbrunnen, früher Nonnenbrunnen genannt, welcher zu dem Röthenbacher Bad benützt wird (s. hierüber unten). Früher waren 2 Fischweiher, der eine an der nordöstlichen Seite der Stadt, der andere am Fuß des Schloßbergs vorhanden. Die Nagold und die Waldach, welche mit ihren Wasserkräften die Gewerbe begünstigen (s. hierüber unten) schaden durch ihr Austreten zuweilen den anliegenden Feldgütern und sind dem Ort selbst schon gefährlich geworden, z. B. in den Jahren 1461 und 1500 hat die ausgetretene Nagold großen Schaden angerichtet und im Jahr 1613 riß der Fluß Gebäude hinweg und eine Mühle mit 20 Menschen nebst sämmtlichem Vieh ging in den Hochfluthen zu Grunde.

Das Fischrecht hat theils der Staat, theils die Gemeinde und theils Privaten; Staat und Gemeinde haben dasselbe um je 3 fl. 30 kr. jährlich verpachtet.

Die Einwohner sind im Allgemeinen gesunde Leute, die sich nicht selten eines hohen Alters erfreuen; sie verbinden großen Fleiß mit regem Sinn für Religion, und der Pietismus, namentlich die Secte der Michelianer, haben hier empfänglichen Boden gefunden.

Geborne Nagolder, welche im Ausland sich ausgezeichnet haben, sind der Helmstädter Philosoph Paul Friese um 1589 blühend und der niederländische Admiral Bürkle † 1697 zu Breda.

Die Vermögensumstände sind im Allgemeinen ziemlich befriedigend; der vermöglichste Bürger besitzt etwa 130 Morgen Feld, der sogenannte Mittelmann 10 Morgen und die minder bemittelte Klasse 1/2–3 Morgen. Etwa 80 Personen, worunter 33 Kinder, erhalten gegenwärtig Gemeindeunterstützung. Die Haupterwerbsquellen bestehen in Feldbau, Viehzucht und ziemlich viel Gewerbe; die Unbemittelten sichern sich durch Taglohnarbeiten ihr Auskommen. Von den Gewerben sind die Tuch- und Zeugmacher, weiche ihre Fabrikate theils auf der Stuttgarter Messe, theils in’s Ausland absetzen, und die Gerber am zahlreichsten vertreten; ferner sind zu nennen:

1) Zwei Spinnereien, die eine an der Waldach gelegen, ist Eigenthum des Adam Sannwald, die andere von Georg Rentschler liegt an der Nagold.

2) Die von der Waldach getriebene, mit künstlicher Einrichtung versehene Rapp’sche Mühle mit 3 Mahlgängen und einem Gerbgang.

| 3) Die mittlere – oder Schill’sche Mühle mit 3 Mahlgängen und einem Gerbgang.

4) Die unterhalb der Stadt gelegene neue Mühle mit künstlicher Einrichtung hat 4 Mahlgänge und einen Gerbgang; beide letztere liegen an der Nagold.

5) Eine künstlich eingerichtete Öl- und Gypsmühle von August Reichert liegt westlich von der Stadt an der Nagold.

6) Zwei Sägmühlen je mit einem Gang, eine an der Waldach, die andere an der Nagold gelegen.

7) Die Conditorei von Ludwig Sautter, welche 10–12 Personen beschäftigt.

Überdieß sind noch 2 Ziegeleien vorhanden.

Eine Buchdruckerei, in der je zweimal in der Woche ein Amtsblatt erscheint, ist vorhanden.

Mechanische Künstler und Handwerker.

Nach der neuesten Aufnahme sind in der Stadt vorhanden:

Meister Gehilf. Meister Gehilf.
Apotheker 1 1   Metzger 10 3
Bäcker 20 14 Musikanten 4
Barbiere 2 Mechanikus 1 2
Bortenwirker 1 Messerschmiede 2 1
Buchbinder 3 3 Nadler 2
Bürstenbinder 1 Nätherinnen u. Büglerinnen 6
Dreher 2 1 Pflästerer 2 3
Färber 4 7 Putzmacherinnen 1
Feldmesser 1 Roth- und Weißgerber 11 4
Fischer 1 Sattler 3 2
Flaschner 2 1 Schäfer 4
Gärtner 1 Schirmmacher 2
Gypser und Zimmermaler 3 3 Schmiede 5 5
Gold- u. Silberarbeiter 2 Schlosser 3 4
Glaser 4 1 Schneider 10 5
Hafner 12 1 Schreiner 12 7
Hutmacher 3 Schuhmacher 23 11
Holzmesser 2 Seifensieder 3 2
Kaminfeger 1 1 Sailer 2
Kammacher 1 Steinhauer 2 85
Kleemeister 1 Strumpfstricker 5
Kübler und Küfer 6 4 Tuchmacher 41 28
Kürschner 1 Tuchscheerer 3 3
Kupferschmiede 1 2 Uhrmacher 2 3
|
Wagner 5 3   Ziegler 2 2
Weber in Leine 8 5 Zimmerleute 5 20
Weber in Barchent 1 1 Zuckerbäcker 2 3
Handels-Gewerbe
betreiben:
Kaufleute 11 10 Zahl d. Schildwirthschaften 12
Krämer und Kleinhändler 2 Speise und Gassenwirth-
Fruchthändler 1       schaften 10
Viehhändler 1
Frachtfahrer und Fuhrleute 8 mit 17 Pferden. Hauderer 17 mit 20 Pferden.

Die gegen 8000 Mrg. große Markung, von der etwa 3000 Mrg. für den Feldbau benützt werden, hat im Allgemeinen einen fruchtbaren jedoch meist düngerbedürftigen Boden, der auf den Anhöhen aus den Zersetzungen des Hauptmuschelkalks und des Muschelkalkdolomits besteht und dem häufig eine günstige Mengung oder Bedeckung von Lehm zukommt; an den Ausläufern der Thalgehänge tritt meist reiner Diluviallehm auf und in der Thalebene ist der Boden theils rothsandig, theils roththonig. Die ergiebigsten Güter liegen in den Fluren Ober- und Unter-Breite, Lemberg, Bächle, Mulde etc.

Die auf der Hochebene gelegenen Güter sind wegen der steilen Steigen, welche dahin führen und der beträchtlichen Entfernung, etwas mühsam zu bauen.

Muschelkalk wird allenthalben gewonnen, auch sind 2 Lehmgruben und ein bunter Sandsteinbruch vorhanden.

Die klimatischen Verhältnisse sind günstig; feinere Gewächse, wie Gurken, Bohnen etc. gedeihen und die Ernte tritt gewöhnlich etwas früher ein als im Gäu. Früher wurde sogar in dem sogenannten Weingarten, ein gegen das Kreuzthal südlich geneigter Abhang, Weinbau getrieben. Kalte Nebel und Frühlingsfröste sind nicht selten, dagegen ist seit 1830 kein bedeutender Hagelschlag mehr vorgekommen.

Die Landwirthschaft wird in dreizelglicher Feldereintheilung, mit ganz eingebauter Brache und mit Anwendung neuerer Ackergeräthschaften gut betrieben, und zur Besserung des Bodens kommt außer den gewöhnlichen Düngungsmitteln, die fleißig gesammelte Jauche, Compost, Gyps, Hallerde etc. in Anwendung.

Bei einer Aussaat von 8 Simri Dinkel, 6 Simri Haber, 2 bis 3 Simri Gerste beträgt die durchschnittliche Ernte 8–12 Scheffel | Dinkel, 6–8 Scheffel Haber und 6–10 Scheffel Gerste pr. Morgen; Waizen wird viel unter dem Dinkel gebaut. In der Brache zieht man Kartoffeln, Futterkräuter, Ackerbohnen, Angersen, Reps, Mohn, Hanf, Kraut etc. Einige mit Hopfen angepflanzte Morgen liefern guten Ertrag. Die höchsten Preise eines Morgens Acker betragen 800–1000 fl., die mittleren 400 fl. und die geringste 100 fl. Die erzeugten Getreidefrüchte werden meist im Ort selbst verbraucht.

Der Wiesenbau, welcher sich nur auf die Thalebene beschränkt, ist ausgedehnt und liefert von dem Morgen 30–40 Cent. Heu und 15 Cent. Öhmd; die Wiesen sind durchgängig 3mähdig, und können zu 1/3 bewässert werden. Ihre Preise bewegen sich von 600 bis 800 fl. pr. Morgen.

Die ziemlich ausgedehnte Obstzucht beschäftigt sich mit Luiken, Goldreinetten, Fleinern, Lederäpfeln, Knausbirnen, Wadelbirnen, Frankfurter Birnen, Palmischbirnen etc., etwas Zwetschgen und Pflaumen. Die Gemeinde besitzt auf Allmanden und an Straßen gegen 1200 Obstbäume, die ihr in günstigen Jahren schon 800–1000 fl. eingetragen haben; eine Gemeindebaumschule ist vorhanden. Das erzeugte Obst wird im Ort verbraucht. Auch besitzt die Gemeinde 3800 Morgen Waldungen, die meist aus Nadelhölzern und etwa 1/3 aus gemischten Hölzern bestehen; sie werden nach einem entworfenen Nutzungsplane von einem besonders aufgestellten Waldmeister bewirthschaftet und ertragen jährlich 2000 Klafter Holz und 100.000 Stück Wellen. Hievon erhält jeder Bürger 1 Klafter und 100 Stück Wellen; der Rest wird theils als Langholz, theils als Brennholz verkauft und von dem Erlös bezieht jeder Bürger 4 fl. und überdieß fließt noch in die Gemeindekasse jährlich 15–16.000 fl.

Der aus Land- und Allgäuerrace mit Simmenthaler gekreuzte Rindviehstand ist sehr gut und wird durch 6 Zuchtstiere (Landrace mit Simmenthaler gekreuzt) unterhalten und verbessert; die Farrenhaltung besorgt ein Bürger gegen 100 fl., nebst der Nutznießung von 4 Morgen Wiesen und 10 Morgen Acker. Der Handel mit Vieh auf den Märkten im Ort selbst und in der Nachbarschaft ist von einigem Belang. Nur im Spätjahr findet zuweilen noch Viehaustrieb statt.

Was die Schafzucht betrifft, so lassen die Ortsbürger etwa 400 bis 500 Stück Bastarde auf der Markung laufen und entrichten hiefür pr. Stück 45 kr. Weidgeld, was nebst der Pferchnutzung der Gemeindekasse 700–800 fl. jährlich einträgt. Die Wolle wird an Tuchmacher im Ort abgesetzt.

Die Schweinezucht hat sich seit 10 Jahren sehr gehoben; man | züchtet Landrace mit englischer Race gekreuzt. Zu den selbst gezogenen Ferkeln werden auch noch von Außen aufgekauft und theils für den eigenen Bedarf, theils zum Verkauf gemästet.

Die Ziegenzucht ist ziemlich stark, jedoch im Abnehmen begriffen.

Die Zucht der Bienen ist nicht von Belang und die des Geflügels wird nur für den eigenen Bedarf betrieben.

Durch den Ort führt die Stuttgart-Freudenstadter Landstraße, die im Jahr 1840 von Ober-Jettingen nach Nagold rectificirt wurde, und nun die steile Steige umgehend, an der Ostseite in die Stadt einlauft. Ferner führen Landstraßen nach Altensteig und Wildberg, beziehungsweise Calw. Vicinalstraßen sind nach Unter-Jettingen, Mötzingen, Iselshausen, Unter-Schwandorf, Rohrdorf und Mindersbach angelegt.

Was den Post- und Botenverkehr betrifft, so geht die Post nach Stuttgart des Tags 2mal und wieder zurück, nach Wildberg einmal und nach Altensteig einmal. Von den vorhandenen Frachtfahrern fahren 2 Boten je einmal in der Woche nach Stuttgart, einer 2mal in der Woche nach Calw, und je einer einmal in der Woche nach Horb, nach Sulz, nach Tübingen und Rottenburg, nach Rottenburg, Tübingen und Reutlingen, einer 3mal in der Woche nach Rohrdorf und einer 3mal wochentlich nach Ebhausen. Die Amtsboten kommen jeden Mittwoch und Samstag in die Stadt und gehen wieder zurück.

Der Handel der Stadt beschränkt sich auf 9 Kaufleute, die Colonialwaren, Eisen, Tücher etc. führen und 3 Tuchmacher, die offene Läden haben; die übrigen Tuch- und Zeugmacher besuchen Messen und Märkte. Von den Holzhändlern handeln 2 mit Langholz und 10 mit Scheiterholz.

Die Durchfuhr beschränkt sich hauptsächlich auf Holz, Kohlen, Wein, Eisen, Glaswaaren etc. Der Verkehr von Reisenden ist nicht beträchtlich und hat sich seit Errichtung der Eisenbahnen namhaft vermindert.

Die Stadt hat das Recht, alljährlich einen Vieh- und Krämermarkt, einen Viehmarkt und 2 Flachs-, Vieh- und Krämermärkte abzuhalten; auch besteht alle Samstag ein Victualienmarkt und ein Fruchtmarkt, auf dem im Jahr 1858 10.543 Scheffel Getreidefrüchte abgesetzt wurden.

Früher bestand auch ein Holzgarten, der indessen im Jahr 1851 aufgehoben wurde; es wurden in denselben jährlich 8–1200 Klafter meist aus dem Altensteiger Forst geflößt oder auf der Achse beigeführt. Die Ortseinwohner, wie auch Leute aus der nächsten Umgebung der Stadt fanden durch Einführen des Holzes, vom Fluß in den Holzgarten, Arbeit und Verdienst.

| Der Gemeindehaushalt ist geordnet und die Gemeindeschadensumlage beträgt jährlich 1800 fl.; das Vermögen der Stiftungspflege ist ganz unbedeutend.

1

Von den Alterthümern und Merkwürdigkeiten in der Nähe der Stadt nimmt die Ruine Hohen-Nagold, auch Nagolder Schloß genannt, die erste Stelle ein. Zu der ehemaligen Burg, welche den Grafen von Hohenberg gehörte, führt von der Stadt ein schön angelegter Weg im Schatten dichter Waldungen, die mit den verschiedensten Holzarten bestockt sind, und dem Botaniker reiche Ausbeute liefern. Die namhaften Ruinen der ehemaligen Burg stehen auf der äußersten Spitze eines schmalen, sehr steilen Bergrückens; sie war daher auf drei Seiten von Natur unzugänglich und auf der vierten nordwestlichen Seite durch einen tiefen, quer über den schmalen Rücken geführten Graben, vertheidigt. Außerhalb dieses Grabens trifft man noch Reste von den Vorwerken, in einer festen, mit Halbrondelen und eckigen Halbthürmchen versehenen Mauer bestehend, die einen namhaften Raum umschließen, zu dem man durch ein großes, rundbogiges Thor, das äußere Thor genannt, gelangt. Dieser Raum heißt die Vorburg und wird gegenwärtig als Ackerland benützt; an der Südseite der Vorburg führt der tiefe Burggraben hin, über den ursprünglich eine Zugbrücke (jetzt Erddamm) zu der eigentlichen inneren Burg angelegt war. An der inneren Burg angekommen, gelangt man durch einen ebenfalls rundbogigen Eingang in den inneren ansehnlichen Burghof, der beinahe ein gleichschenkeliges Dreieck bildet und mit einer starken Mauer umfriedigt ist; außerhalb derselben lauft ein Zwinger und außerhalb diesem eine zweite mit Halbrondelen und viereckigen Halbthürmen versehene Mauer, welche die Vertheidigungswerke der Burg abschließt. An der südlichen, gegen den Burggraben gekehrten Seite der Burg steht an der inneren Mauer, die hier 8′ dick ist und gleichsam den Burgmantel bildete, ein runder, etwa 70′ hoher Thurm, der auf der Ostseite 30′ über der Erdfläche einen rundbogigen Eingang enthält; einen weiteren Eingang hat derselbe auf der nördlichen Seite, zu dem man von dem Umgang der Ringmauer gelangen konnte. Erst in neuerer Zeit ist an der Erdfläche die 10′ dicke Mauer des Thurms durchbrochen und derselbe zugänglich gemacht worden; der ursprünglich hölzerne Einbau ist übrigens gänzlich zu Grunde gegangen und der Thurm daher nicht mehr besteigbar, dagegen macht ein Blick durch das Lichte des Thurms bis zu der mit Waldbäumen und Sträuchern bewachsenen offenen Zinne, einen seltsamen Eindruck. | An der nordwestlichen Ecke der inneren Burg, oder an dem westlichen Ende des Burgmantels, steht ein weiterer runder, noch gegen 50′ hoher Thurm, der gegen Norden ein rundbogiges Fenster enthält und an dessen oberem Rande ein romanisches Rundbogenfries herumläuft; in seinem unteren Stockwerk ist derselbe gegen den inneren Burgraum offen und enthält ein hohes Gewölbe. Von dem obern Stockwerke führt ein Ausgang auf den Umgang der Ringmauer, so daß man auf derselben von einem Thurme zu dem andern gelangen konnte. An der Ostseite der Burg stehen die Reste des Wasserthurms, in dessen Mitte sich ein tiefer, rund ausgemauerter, jetzt größtentheils verschütteter Brunnen befindet, aus dem das Wasser in Eimern mittelst eines Trettrades geschöpft wurde.

Aus den noch vorhandenen sehr ansehnlichen Überresten, insbesondere aus der Bauart der beiden Thürme geht hervor, daß die Burg etwa Ende des 12. oder Anfangs des 13. Jahrhunderts erbaut wurde; nachdem sie an Württemberg gekommen war, diente sie zeitweilig dem herzoglichen Forstmeister zum Wohnsitz. Im J. 1646 wurde sie – in Folge des 30jährigen Kriegs sehr beschädigt – abgebrochen; eine Ansicht derselben aus der Zeit kurz zuvor gibt Merian. Späterhin stand noch ein Wohnhaus für 2 Familien, das 2 Hochwächter bewohnten, welche von Stadt und Amt, nebst dem commenthurischen Orte Rohrdorf gemeinschaftlich unterhalten wurden, und bei Feuersbrünsten mit 2 Kanonen allarmiren mußten; überdieß hatten sie die Nacht über die 1/4 und die Stunden mit einem Horne zu signalisiren. Später wurde das Wachhaus, welches an der nordöstlichen Ecke der inneren Burg stand, abgebrochen und die eine Kanone zersprang im Jahr 1789, als man sie wegen des Brandes in Tübingen löste, die andere wurde von den Franzosen zertrümmert. Im Allgemeinen sind die Ruinen der Burg Hohen-Nagold eine Zierde der ganzen Umgegend und gehören zu den schönsten und großartigsten des Landes, um deren Verschönerung und Zugänglichkeit sich in neuester Zeit der dermalige Oberförster Niethammer in Wildberg viele Verdienste erworben hat.

Durch die Stadt führte eine Römerstraße, die unter der Benennung „alte Weinstraße“ von Mindersbach herkommt und deren gepflasterter Straßenwall sich in den Waldungen zwischen Nagold und Mindersbach noch deutlich verfolgen läßt; von Nagold scheint sie die alte Steige hinauf gezogen, und in die an der östlichen Stadtmarkungsgrenze hinziehende Römerstraße, Hochsträß, eingelaufen zu seyn. Der sogenannte Krautbühl, ursprünglich Heidenbühl, ein etwa 30′ hoher und 160′ im Durchmesser haltender künstlich aufgeworfener Hügel, | der südwestlich von der Stadt in der Thalebene liegt, scheint ein römischer Wachhügel zu seyn, der hier zur Deckung der über das Nagoldthal geführten Römerstraße diente; für diese Annahme sprechen Bruchstücke von römischen Gefässen, namentlich eines von Siegelerde mit dem Töpferstempel, die auf dem Hügel gefunden wurden. Eine weitere alte Straße führte von Mötzingen her, lief unterhalb Iselshausen über die Waldach und weiter über den Lemberg und den Wald Sommerhalde auf die gegenwärtige Freudenstadter Landstraße; in dem Walde Sommerhalde wird eine Stelle im alten Keller genannt, wo nach der Sage eine Burg gestanden seyn soll.

Auf der 1/2 Stunde nördlich von Nagold gelegenen Flur Hesel finden sich auf den Grundstücken des Hirschwirths Klein und Friedrich Essig entschiedene Spuren eines römischen Wohnplatzes, von dem noch außer den in Menge herumliegenden Bruchstücken von römischen Ziegeln, Heizröhren, Gefässen etc. eine Mauer von Tuffstein sichtbar ist; auch wurde daselbst eine in Stein gefaßte Wasserleitung aufgefunden.

An dem östlich der Stadt gelegenen Wolfberg hat man schon einigemal Reihengräber aufgefunden, die außer den Skeletten alte Waffen etc. enthielten. In der Nähe des Orts standen 2 Kapellen, St. Leonhardt und St. Nicolaus, die nach der Reformation abgingen. In dem Walde Kirchberg und in den östlich vom Ort gelegenen Waldungen finden sich deutliche Spuren von früherer Agrikultur.

In dem Waldachthale, 1/2 Stunde südwestlich von Nagold, wird eine Stelle „Poppenhausen“ genannt; hier soll ein Ort gleichen Namens gestanden seyn.

Bei den sogenannten Steinkreuzen südwestlich von der Stadt an der Straße nach Freudenstadt stehen 5 steinerne Kreuze; auf einem derselben ist eine Pflugschaar, auf dem andern ein Weberschiffchen, auf dem dritten eine Bachschaufel, auf dem vierten eine Axt und ein Rad eingemeiselt; die Darstellungen auf dem fünften Kreuz sind unkenntlich geworden. Als man das nicht weit von dieser Stelle stehende Armenhaus erbaute, fand man ein umgesunkenes Kreuz, auf dem ein Beil und eine Schuhsohle abgebildet sind.

Die Stadt, nicht zu verwechseln mit Urnagold, welch letzteres in Urkunden auch einfach Nagold heißt (O.A. Freudenstadt 197), hat ihren Namen von dem vorbeifließenden Fluß. Die erste Nennung derselben hat sich aus dem Jahr 773 erhalten (villa Nagalta Cod. | Lauresh. 3, 143). Sie erscheint bei ihrem frühesten Auftreten als eine der Dingstätten im Nagoldgau; Graf Gerold, welcher der bekannte Schwager K. Karls des Großen gewesen seyn könnte (Stälin Wirt. Gesch. 1, 246), beschenkt 786 auf derselben das Kl. St. Gallen mit Gütern in der Perihtilinbaar (actum in villa Nagaltuna. Wirt. Urk.-Buch 1, 34).

Eine nachhaltige Verfügung über hiesigen Besitz und zwar Reichsgut, erließ K. Heinrich II., indem er am 1. Oct. 1005 Güter in Nagelta, wahrscheinlich zugleich mit der Kirche, dem Kloster in Stein a. Rh., wohin er damals das Hohentwieler Kloster versetzte, vergabte. (S. übrigens VII, 1 Anm.) Mit dem Kloster Stein kam sodann dieser ehemalige Reichsbesitz an das Hochstift Bamberg durch Urkunde desselben Kaisers vom 1. Nov. 1007 (nostrae quidam proprietatis locus, Nagalta dictus. Wirt. Urk.-Buch 1, 245). Über die hiesige Hoheit des Hochstifts erfährt man freilich nichts weiteres, die Besitzung des Klosters Stein dauerte aber, wenigstens was die Kirche und das Pfarrwidem betrifft. bis 1543 (s. unten).

Das Schicksal der Stadt in Beziehung auf den Wechsel ihrer Oberherren, der Übergang von den Grafen (Pfalzgrafen) von Tübingen über die Grafen von Hohenberg, bei denen seit 1270 in der betreffenden Linie die Bezeichnung „comes de Nagelte“ (sonst ausführlicher Graf zu Hohenberg, Herr zu Nagold) vorkommt, auf ihre bleibenden Besitzer, die Grafen von Württemberg (seit 1363), ist in dem allgemeinen Theil (VII, 1) erzählt. Nur 1415–19 war N. von Württemberg verpfändet, an die Herren von Enzberg.

Unter den beherrschenden Grafen macht sich frühe auch der Ortsadel bemerklich; Glieder desselben sind die Gebrüder Liutold und Adelbert (de Nagaltha) um 1100 Wohlthäter des Klosters Reichenbach (Wirt. Urk.-Buch 2, 406). Die hiesigen Ritter trugen von den Grafen von Hohenberg zeitweilig das Schenkenamt zu Lehen; es zeugen in Urkunden des 13. Jahrhunderts Friedrich und Ulrich die Schenken von Nagold. Als Dienstmann des Grafen Gottfried von Calw erscheint dagegen in den Jahren 1253, 1258 Ritter Heinrich von N.

Als Burgherren von Nagold kommen vor seit dem Ende des 14. Jahrh. Wilhelm von Wunnenstein 1377, Hans von Leinstetten 1397–1432, Heinrich von Gültlingen 1461, Kaspar Spät, Heinrich Onorius Schenk von Staufenberg 1513.

Zum Schloß gehörte das Burglehen, dessen Besitzer in Kriegszeiten das Schloß vertheidigen helfen mußten; die Herren von Detlingen besaßen es. Nach der Mitte des 15. Jahrh. erkaufte es von ihnen Ulrich Hiller, welchen Graf Ulrich von Württemberg am | 23. Nov. 1484 damit belehnte (Sattler, Grafen 3 Nr. 105) und dessen Nachkommen es 1524 an Württemberg für 40 fl. verkauften.

Hiesige Rechtsalterthümer betreffend, so war N. unter den Orten, welche ihr Urtheil und ihr Recht zu Tübingen holten (Schmid Pfalzgr. v. Tüb. 2, 246). Es galt beim Erbe hier und in einigen Amtsorten das s.g. Verfangenschaftsrecht (Wächter, Würt. Privatrecht 1, 202).

Die Kirche in der Stadt gehörte, wie oben bemerkt, dem Kl. Stein a. Rh., welchem sie 1386 durch den Bischof Nicolaus von Constanz incorporirt wurde. Durch die Reformation kam sie mit dem Kloster an den Kanton Zürich, welcher am 25. Juni 1543 an den Herzog Ulrich die Pfarrlehen des Klosters zu N. und Rothfelden mit Zehnten zu N., Emmingen, Iselshausen, Mindersbach und Unter-Schwandorf verkaufte. Und so ist auch h. z. T. die Collatur zum Decanat und Diaconat landesherrlich.

Außer genanntem Kloster hatten das zu Reuthin seit 1278, und das zu Kirchberg seit 1329 allhier Besitzungen.

Auf hiesiger Markung war eine Zubehörde des Ritterguts Vollmaringen, welches Maximilian Wunibald, Graf von Waldburg mit der Hand Johanna’s Freifrau von Hornstein zu Weiterdingen gegen Ende des vorigen Jahrh. erheirathete und Fürst Constantin von Waldburg-Zeil 1860 veräußerte.

Zu der Gemeinde gehört:

Röthenbach, Badhaus, auch Röthenbacher oder Nagolder Bad genannt, 1/2 St. nordöstlich von dem Mutterort gelegen. Am Anfange des Röthenbach-Thälchens hat das Bad in einem anmuthigen, mit dichten Nadelwaldungen umsäumten Wiesengrunde eine stille, abgeschiedene, gegen rauhe Winde geschützte Lage, und eine von den balsamischen Ausdünstungen der nahen Wälder gewürzte, gesunde Luft. Der Ort besteht aus einem Wohnhaus, das zugleich Wirthschaftsgebäude ist, aus dem Badhaus und einem weiteren, kleinen Gebäude, unter welchem sich der Keller befindet; Obstgärten und einfache Gartenanlagen, die sich an die Waldungen anlehnen, umgeben diese ländliche Gebäudegruppe. Nach einer an dem Wohnhause angebrachten Inschrift wurde dasselbe im Jahr 1726 neu erbaut und mit einigen Badkabinetten versehen; erst Anfangs der dreißiger Jahre ist alsdann das Badhaus über der Quelle erbaut und mit 12 Badkabinetten versehen worden. Das zum Baden nöthige Wasser entspringt aus dem Hauptmuschelkalk und muß gepumpt werden; es gehört zu den süßen Wassern und enthält im Allgemeinen Kalk- und Bittererde-Salze, übrigens ist die Quantität der letzteren etwas | geringer, als die des Nagolder Brunnenwassers. Nach einer im Jahr 1829 von Dr. Zeller in Nagold vorgenommenen chemischen Analyse des Wassers ergab sich in 16 Unzen 2,62 Gran an fixen Bestandtheilen, während das Brunnenwasser in Nagold deren 3,87 enthält.
Dieser Rückstand von 1 lb. p. c. Badwasser ist zusammengesetzt aus:
Kohlensaurem Kalk
1,46
Schwefelsaurer Bittererde
0,56
Schwefelsaurer Kalkerde
0,32
Kohlensaurer Bittererde
0,086
Salzsaurer Bittererde
0,022
Kieselerde
0,072
Verlust
0,10
2,62 Gr.  

Die Temperatur des Wassers erhält sich nach in verschiedenen Jahrgängen, zu verschiedenen Zeiten angestellten Beobachtungen zwischen +8 und 9° R. bei einer Lufttemperatur von +14 bis +21° R.

Dieses einfache ländliche Bad, das etwa 14–15 Personen zu beherbergen im Stande ist, wird nicht allein von den Nagoldern, sondern auch von vielen Leidenden aus der Umgegend besucht und hat sich in manchen Krankheitsfällen, wie rheumatische und gichtische Übel, chronischer Friesel und dessen Folgekrankheiten, chronische Nervenleiden, Reizbarkeit und Schwäche des Nervensystems, Hysterie, Hypochondrie, lähmungsartige Schwäche der Extremitäten etc. als heilsam oder doch zuträglich erprobt, so daß manche Kurgäste selbst aus weiterer Entfernung sich wiederholt in dem stillen Thälchen eingefunden haben. Die Bewirthung ist einfach aber gut und die Wohnungslokale sind bequem eingerichtet. Die Zahl der Bäder, welche den Sommer über genommen werden, mag 900–1000 betragen.

Dieses im 30jährigen Krieg abgegangene Bad wurde erst im Jahr 1726 wieder aufgesucht und auf höheren Befehl von Physicus Dr. Joh. Dav. Brodbeck in Herrenberg untersucht und beschrieben unter dem Titel: Beschreibung des nahe an der fürstl. wirt. Oberamtsstadt Nagold entspringenden Gesundbrunnen. Tüb. 1729. 8. (s. auch das Medizinische Correspondenzblatt des Württ. ärztlichen Vereins, Band VIII. S. 193 ff.)


  1. Der Brand brach in der Mitte der Stadt hinter dem Gasthaus zum Hirsch aus, s. Schwäb. Chronik v. 25. und 28. Sept.
  2. O.A.-Beschreibung v. Vaihingen 137. Er ist vielleicht der 1352–1362 und 1353 als Zeuge in Nagold selbst (Schmid Pfalzgraf v. Tübingen 2, 182) vorkommende. Übrigens erscheint noch 1402 ein „Friz von Weihingen zu Nagolt“ (St. A. unter Kl. Reuthin).


« Kapitel A 7 Beschreibung des Oberamts Nagold Kapitel B 2 »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).