Beschreibung des Oberamts Nagold/Kapitel B 12

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Emmingen,
Gemeinde III. Kl. mit 612 evang. Einw., – Dorf, ständige Pfarrverweserei.


Der eine Stunde nördlich von der Oberamtsstadt gelegene, gedrängt und unregelmäßig angelegte Ort, hat auf einem Vorsprung der unteren rechten Gehänge des Nagold-Thales eine sehr freundliche, etwas geschützte Lage, und bietet, besonders von der entgegengesetzten Seite des Thals, eine wirklich malerische Ansicht. Durch den Ort führt die Landstraße von Nagold nach Wildberg und überdieß ist eine Vicinalstraße nach Ober-Jettingen angelegt.

Die im oberen Theil des Dorfs gelegene Kirche, deren mit einem halben Achteck schließender Chor ursprünglich eine Kapelle war, an den erst im J. 1778 das Langhaus angebaut wurde, hat nichts Bemerkenswerthes. Auf dem First der Kirche sitzt ein kleines Thürmchen, das 2 Glocken enthält, von denen die größte als Umschrift trägt: In sant Lux, Marx, Johanns, Matheus, Er (Ehre) gos mich Pantlion Sidler von Eßling im 1498 Jar: die andere ist von | Heinrich Kurtz in Stuttgart im Jahr 1833 gegossen worden. Die Unterhaltung der Kirche liegt der Gemeinde ob.

Der Begräbnißplatz ist außerhalb (nordöstlich) des Orts an der Straße nach Ober-Jettingen angelegt.

Pfarrhaus ist keines vorhanden und der ständige Pfarrverweser wohnt gegen Hausmietheentschädigung in einem Privatgebäude.

Das in gutem Zustande befindliche Rathhaus ist im Jahr 1811 als Schule erbaut, im Jahr 1838 als solche aufgegeben und seiner gegenwärtigen Bestimmung überlassen worden; dagegen wurde in letzterem Jahr ein zweistockiges Schulhaus neu erbaut, welches 2 Lehrzimmer, die Wohnung des Schulmeisters und des Lehrgehilfen enthält.

Ein Gemeindewaschhaus ist vorhanden.

Gutes Trinkwasser liefern 4 laufende Brunnen und überdieß ist noch eine Wette im Ort angelegt; außerhalb desselben in dem Leuthensthal, in der Gänswiese und an der Straße nach Wildberg sind reichlich fließende Quellen vorhanden. Auf der Markung kommen auch einige periodisch fließende Quellen vor. Die Fischerei in der nahe vorbei fließenden Nagold haben einige Bürger.

Die im Allgemeinen fleißigen und sparsamen Einwohner befinden sich in mittelmäßigen Vermögensumständen, indem der wohlhabendste Bürger 40 Morgen, der sog. Mittelmann 28 Morgen, die minder Bemittelten, welche die Mehrzahl bilden, 1/2–4 Morgen Felder besitzen. Gegenwärtig erhalten 5 Personen Unterstützung von Seiten der Gemeinde. Neben den Haupterwerbsquellen (Feldbau und Viehzucht) nähren sich viele der Einwohner durch Taglohnarbeiten, Waldsamensammeln etc.; auch sind gegen 30 Maurer und Zimmerleute im Ort, die nicht allein in der Umgegend, sondern auch im Auslande Beschäftigung und Verdienst finden.

Die verhältnißmäßig ziemlich große Markung ist, so weit sie für den Feldbau benützt wird, größtentheils gegen das Nagold-Thal abhängig, daher auch der bessere Boden und der Dünger bei starken Regengüssen leicht abgeschwemmt wird. Die auf der Hochebene gelegenen Güter sind dagegen wegen der namhafteren Entfernung und der steilen Steigen, die zu denselben führen, beschwerlich zu bebauen.

Der Boden ist im Allgemeinen fruchtbar und besteht auf der Hochebene aus den mit vielen Kalksteintrümmern gemengten, nicht tiefgründigen Zersetzungen des Hauptmuschelkalks, in der Nähe des Orts aber aus den fruchtbaren Verwitterungen der Anhydritgruppe des Wellenkalks etc. und am Fuß der Bergabhänge unfern des Nagold-Thales tritt ein rothsandiger, mit Lehm gemengter Boden auf.

Die Luft ist gesund und ziemlich mild, so daß feinere Gewächse | wie Bohnen, Gurken etc. noch gut gedeihen, dagegen leiden dieselben wie auch die Obstblüthe durch kalte Nebel und Frühlingsfröste; Hagelschlag kommt selten vor. Ein Tuffsteinbruch befindet sich etwa 1/4 Stunde nördlich vom Ort an der Straße nach Wildberg; Muschelkalk zu Straßenmaterial liefert die Hochebene.

Der mit allgemeiner Anwendung des Flanderpflugs dreizelglich und sehr fleißig betriebene Ackerbau, liefert durchschnittlich von dem Morgen 7–9 Scheffel Dinkel, 4–6 Scheffl. Haber und 4–5 Scheffl. Gerste; in der zu 1/3 angeblümten Brache baut man Kartoffeln, dreiblättrigen Klee, Esparsette, Angersen, Kohlraben, Hanf und etwas Reps. Kraut wird nur in Ländern gezogen. Überdieß kommen noch Ackerbohnen, Erbsen und Linsen zum Anbau. Die höchsten Preise eines Morgens Acker belaufen sich auf 600 fl., die mittleren auf 3–400 fl. und die geringsten auf 20–60 fl. Von den Felderzeugnissen werden jährlich etwa 1000 Scheffl. Dinkel und 500 Scheffl. Haber auf dem Markt in Nagold abgesetzt. Der Hanf wird im Ort versponnen und viele selbst gefertigte Leinwand nach Außen verkauft.

Der Wiesenbau ist nicht ausgedehnt, liefert aber ein gutes Futter und zwar von dem Morgen durchschnittlich 25 Ctr. Heu und 12 Ctr. Öhmd; die Wiesen, von denen etwa 1/3 bewässert werden können, sind 2 bis 3 mähdig und kosten 200–400–900 fl. per Morgen.

Die verhältnißmäßig ausgedehnte Obstzucht beschäftigt sich vorzugsweise mit späten Äpfelsorten und Zwetschgen, während Birnen weniger gepflegt werden. Das Obst wird im Ort verbraucht.

Der aus gewöhnlicher Landrace bestehende Rindviehstand ist ziemlich beträchtlich und wird durch 2 Farren, welche ein Bürger Namens der Gemeinde hält, nachgezüchtet. Auf benachbarten Märkten wird einiger Handel mit Vieh getrieben.

Auf der Markung laufen etwa 200 den Ortsbürgern gehörige Bastardschafe, von denen 56 kr. per Stück Weidgeld bezahlt wird, was der Gemeindekasse, außer den 400 fl. für Pferchnutzung, noch 160–170 fl. jährlich einträgt.

Schweine werden im Ort nicht gezüchtet, dagegen viele Ferkel (meist englischer Race) von Außen bezogen und theils für den eigenen Bedarf, theils zum Verkauf gemästet.

Die Bienenzucht ist von einigem Belang.

Die Gemeinde besitzt ungefähr 400 Morgen Waldungen, von deren in 80 Klaftern bestehendem Ertrag jeder Bürger 1/2 Klafter und 25 Stück Wellen erhält; der Rest wird verkauft, was der Gemeindekasse eine jährliche Einnahme von 3–400 fl. sichert.

| An der östlichen Markungsgrenze zieht unter dem Namen Hochsträß eine Römerstraße hin. Etwa 1/8 Stunde östlich vom Ort soll auf dem sog. Öhland ein Wohnplatz „Ober-Emmingen“ gestanden seyn; man findet daselbst unter der Oberfläche noch Mauerreste, Ziegel, Mörtel etc.

Auf der 1/4 Stunde nordwestlich vom Ort gelegenen Flur „Haslach“ will die Volkssage einen abgegangenen Ort wissen; auch hier sind schon Mauerreste, Bausteine etc. ausgegraben worden.

Ursprünglich dem Grafen von Hohenberg gehörig kam das Dorf mit Nachbarorten 1364 an Kurpfalz, 1440 an Württemberg.

Die Güter und der Zehnten des Kl. Stein am Rhein brachte Herzog Ulrich 1543 von der Stadt Zürich käuflich an sich.

Nach der Reformation wurde Emmingen als Filial dem Diakonat Nagold zugetheilt, später der Pfarrei Pfrondorf. In neuester Zeit ist daselbst eine ständige Pfarrverweserei errichtet worden.


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