Beschreibung des Oberamts Oberndorf/Kapitel B 16

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Mariazell.
Gemeinde III. Klasse mit 652 Einw., worunter 51 Evang. a. Mariazell, Pfarrdorf, 448 Einw., b. Burschachen, Weiler, 39 Einw., c. Hirzbühl, Hof, 6 Einw., d. Teufen, Weiler, 159 Einw. – Kath. Pfarrei; die Evang. sind nach Schönbronn eingepfarrt. Der Ort liegt 43/4 Stunden südwestlich von der Oberamtsstadt.


Der hübsche freundliche, ziemlich kleine Ort (in der Volkssprache „Märgenzell“) hat eine anmuthige Lage in der sanften weiten Thaleinsenkung der Eschachquellen; seine großentheils stattlichen Häuser stehen weit und malerisch zerstreut, von Baumwiesen und Gärtchen unterbrochen, an den oft sehr breiten, gutgehaltenen Straßen. Von den höheren Stellen der Markung aus hat man eine schöne Fernsicht an den Heuberg.

| Die inmitten des Dorfes auf dem niedrig ummauerten Friedhof stehende Kirche winkt mit ihrem hohen und großartigen Thurme schon aus der Ferne dem Wanderer entgegen; sie ist dem heiligen Markus geweiht und ursprünglich angelegt als ein weites flachgedecktes romanisches Schiff mit mächtigem, unten gewölbtem Thurm im Osten. In den Jahren 1607 und 1608 wurde die Kirche in gothischem Geschmacke verändert, im Schiffe wurden statt der Rundbogenfensterchen spitzbogige eingebrochen, und dem Thurme die beiden obern Geschosse aufgesetzt; seine zwei untern spätromanischen Stockwerke zeigen schlichte, trefflich gefügte Buntsandsteinquaderflächen mit merkwürdigen lisenenartigen Strebepfeilern und schießschartenähnlichen Lichtöffnungen. Am Ende des zweiten Geschosses ragen an den vier Ecken vier große steinerne Wasserspeier, höchst alterthümliche Thiergestalten, heraus; von hier an geht der Thurm mit vier schwachgeneigten Dreiecksflächen in das Achteck über und trägt noch zwei hohe, mit je acht gothisch gefüllten Spitzbogenfenstern belebte Stockwerke, und darüber schließt sich eine schöne steile, an den acht Gräten mit Kriechblumen geschmückte Steinkuppel zusammen. In den Maßwerken der acht untern Fenster steht in jedem, als Theil davon, ein großer lateinischer Buchstabe, zusammen AVE MARIA; in den etwas verstümmelten oberen Fenstern steht in einer Füllung die Jahreszahl 1607, in einer andern das Zeichen des Baumeisters, in einer dritten ein R; ganz unten an der Ostseite des Thurmes sieht man in einen Stein 1608 eingemeißelt.

Dieser Thurm ist ein so seltenes, als anziehendes Denkmal von verspäteter gothischer Bauweise; man sieht, der in der Renaissancezeit lebende Baumeister ging mit Absicht auf den früheren Stil zurück, hat ihn aber, im Hinblick auf die herrschende Bauweise, vom altgothischen zwar abweichend, doch nicht ohne Geist und Schönheitsgefühl behandelt, wie die Ausgliederung der Maßwerke mit Buchstaben und vor allem die Kuppel beweist.

Das Schiff der Kirche brannten im Jahre 1704 die Franzosen aus; später wurde es gegen Westen verlängert, wahrscheinlich im Jahre 1762, diese Jahrszahl steht über dem westlichen Eingang; an der Nord- und Südseite erhielten sich noch der romanische Sockel, der sich auch um den Thurm zieht, sowie die Anfänge des alten großartigen Kranzgesimses; an den jetzt übertünchten Quaderflächen dieser beiden Langseiten des Schiffes zeigen sich dieselben romanischen Steinmetzzeichen, wie am Thurm (s. Schriften des Württ. Alterthums-Vereins, Heft VII. 1866. S. 39 ff.).

Die Maßwerke in den Spitzbogenfenstern der Kirche sind verschwunden.

| Im Innern ist das Schiff flachgedeckt, der Triumphbogen, in dem ein Kruzifix herabhängt, spitz, der Chor mit einem hohen spätromanischen Rippenkreuzgewölbe überdeckt, das auf theilweise verstümmelten, schön kapitellirten Säulen, mit Eck-Knollen an den Basen, ruht. Im Westen steht eine Empore, worauf die Orgel. Der große Hochaltar ist im Zopfstile gehalten und 1723 geweiht. An der Nordwand des Schiffes steht auf einer Konsole eine schöne holzgeschnitzte h. Katharina aus gothischer Zeit. Das oberste Geschoß des Thurmes, von der sehr sorgfältig ausgeführten korbartigen Kuppel bedeckt, bildet innen einen schönen luftigen Raum; an seinen Wänden hängen 3 steinerne Wappenschilde; der eine zeigt das Wappen der Herren von Stain und hat dabei ein Inschrifttäfelchen HE. VN STAIN 1608, der zweite zeigt das Hersperg’sche Wappen und ein Inschrifttäfelchen mit G. F. V. HERSPERG 1608, der dritte einen wagrechten Balken.

Von den 4 Glocken ist die größte 1857 von August Hugger in Rottweil, die zweite 1852 von demselben gegossen; um die dritte steht: Matheus Grieninger gos mich in Villingen Anno 1708, die vierte Glocke, die weiter oben hängt, stammt vom Jahre 1816. Die nördlich an den Thurm gebaute Sakristei ist auch sehr alt und aus großen Buckelquadern errichtet; sie hat innen in den Ecken kurze Rundsäulen, die jetzt ein spätgothisches Netzgewölbe tragen. An der nördlichen Friedhofmauer ist ein alterthümlicher strenger Christuskopf eingemauert.

Die Unterhaltung der Kirche ruht auf der gemeinschaftlichen Stiftungspflege Schramberg.

Das gutgehaltene stattliche Pfarrhaus steht nördlich am Friedhofe und ist auch von der Stiftungspflege Schramberg zu unterhalten; das frühere brannte im Jahre 1714 ab.

Schul- und Rathhaus sind in einem mittelmäßigen, 1834 erbauten Gebäude vereinigt, das 2 Lehrzimmer und die Wohnung des Unterlehrers enthält; der Schulmeister wohnt im Meßnerhaus.

Im Jahr 1507 brannte der Ort bis auf ein Haus ab, im Jahr 1704 brannten die Franzosen 13 Gebäude nieder, und den 27. März 1800 wurden 25 Gebäude eingeäschert.

Gutes Trinkwasser liefern hinreichend 5 laufende, 20 Pump- und 10 Schöpfbrunnen; auch die Markung hat gute Quellen zum nöthigen Bedarf; die auf der Markung entspringende Eschach und ihr Zufluß fließt durch den Ort; südöstlich davon lag früher ein 20–24 Morgen großer Weiher, der den Grafen von Bissingen gehörte,| 1772 aber ausgetrocknet und in Wiesengrund umgewandelt wurde. Schon 1547 kommt unterhalb des Weihers eine Mühle vor, die mit der Trockenlegung des Weihers abging.

Vicinalstraßen gehen nach Schönbronn, Dunningen, Weiler, Hardt und Schramberg.

Im Dorfe befinden sich 4 steinerne Brücken, welche die Gemeinde zu unterhalten hat.

Die Einwohner, ein gesunder kräftiger Menschenschlag, sind fleißig, betriebsam, sparsam, geordnet und religiösen Sinnes; über 80 Jahre alte Personen leben gegenwärtig keine im Dorfe; die ländliche Volkstracht ist leider am Verschwinden.

Haupterwerbsquellen der Einwohner sind neben Feldbau, Viehzucht, Handel und Gewerbe, namentlich Uhrenfabrikation, Uhrenhandel und Strohflechten, letzteres für die Fabriken in Schramberg und Aichhalden; es sind 4 Uhrenmacher und 7 Uhrenhändler im Orte. Ferner wurde seit 1842 eine Viertelstunde nordwestlich vom Ort ein Buntsandsteinbruch angelegt, der Werksteine, Schleifsteine und Platten liefert, die auch zur Dachbedeckung gebraucht und auswärts abgesetzt werden; eine Lehmgrube ist vorhanden. Eine großartige Ziegelhütte, 2 Mühlen mit je 1 Mahl- und 1 Gerbgang, 2 Schildwirthschaften und 4 Kramläden bestehen.

Die Vermögensverhältnisse gehören zu den mittelmäßigen; der begütertste Bürger besitzt 90 Morgen Feld und 12 Morgen Wald; der Mittelmann 20 Morgen Feld und 1–2 Morgen Wald; die ärmere Klasse 1–2 Morgen Feld; 2–3 Kinder und ein Blinder erhalten Gemeindeunterstützung. Auf angrenzenden Markungen besitzen hiesige Bürger etwa 50 Morgen.

Die mittelgroße, in die Länge gedehnte Markung, welche gegen Süden an das Großherzogthum Baden grenzt, ist beinahe eben und hat einen mittelguten, theilweise unergiebigen Boden, der größtentheils ein leichter Sandboden (Zersetzung des Buntsandsteins) genannt werden darf. Im östlichen Theil der Markung kommt neben ziemlich fruchtbarem Lehm eine unergiebige Zersetzung des Wellenmergels vor; in der Thalebene lagert sauer Futter erzeugender Moorgrund.

Die Gegend ist wegen der hohen Lage den Winden ausgesetzt und das Klima rauh, sogar die Sommernächte sind meist kühl und schädliche Frühlingsfröste nicht selten. Hagelschlag ist früher wenig, in neuerer Zeit aber einigemal vorgekommen.

Die Landwirthschaft, welche übrigens nicht sehr lohnend ist, wird mit Fleiß betrieben und dem Boden nicht allein durch den gewöhnlichen| Stalldünger, sondern auch mit Gips, Mergel, Kompost, Asche, Knochenmehl etc. nachzuhelfen gesucht, jedoch nicht in der Ausdehnung, als es der magere Boden nöthig hätte. Der Hohenheimer Pflug ist allgemein geworden, auch haben die eiserne Egge und die Walze Eingang gefunden. Zum Anbau kommen vorzugsweise Dinkel und Haber, weniger Roggen, Kartoffeln, dreiblätteriger Klee, Flachs und Hanf; von den Felderzeugnissen kommen nur etwa 150 Scheffel Haber nach außen zum Verkauf, dagegen muß ziemlich viel Dinkel zugekauft werden.

Der Wiesenbau ist ausgedehnt, liefert aber meist ein geringes saures Futter; die Wiesen sind größtentheils einmähdig und nicht wässerbar.

Für eine ausgedehnte Obstzucht ist das Klima zu rauh, daher auch nur späte Mostsorten und Kirschen gepflegt werden, jedoch selten mit einigem Erfolg. Der Obstertrag reicht nie für das Bedürfniß der Einwohner.

Gemeindewaldungen und Weiden sind nicht vorhanden, dagegen etwa 90 Morgen Privatwaldungen, und 6–7 Bürger haben eigene Weiden; die Brach- und Stoppelweide wird von Privaten für das Rindvieh benützt.

Die Rindviehzucht ist in mittelgutem Zustande und hat sich in den letzten 15 Jahren sichtlich gehoben; man züchtet vorherrschend die Tyroler Race mit Schweizerbastarden und hat zwei Schweizerfarren aufgestellt. Der Handel mit Vieh ist ganz unbedeutend, ebenso der Milchverkauf. Im Spätjahr wird das Vieh noch auf die Weide getrieben.

An Schafen werden nur einige Stücke von den Ortsbürgern gehalten, auch die Schweinezucht wird nicht getrieben, indem man die Ferkel (halbenglische) von außen einführt und meist für den eigenen Bedarf aufmästet.

Von Geflügel hält man nur Hühner für den Hausverbrauch und die Bienenzucht ist im Abnehmen.

An Stiftungen sind vorhanden: die gemeinschaftliche Kultstiftung Schramberg, welche für die Gemeinde 561 fl. beträgt und eine Schul- und Armenfondsstiftung von Privaten herrührend mit 2640 fl.

Der Ort war früher ein Städtchen und etwa 300 Schritte nordwestlich von ihm sieht man Spuren eines Grabens, die für Überreste des ehemaligen Stadtgrabens gehalten werden.

Zur Herrschaft Schramberg gehörig, theilte M. deren Schicksale. Oberlehensherrliche Rechte hatte ehedem das Kloster Reichenau (Martini,| Kl. St. Georgen 119). Kirchenpatronen in frühester Zeit die Besitzer der Herrschaft Falkenstein, jetzt der Graf von Bissingen-Nippenburg. Die Kirche trug den Zehenten zu Lackendorf, welches früher Filial der hiesigen Pfarrei war, zu Lehen von Württemberg (früher 2/3 von Altwürttemberg, 1/3 von der Reichsstadt Rottweil).

Zu der Gemeinde gehören:

b. Burschachen, aus einigen vereinzelten Häusern bestehend, liegt etwa 1/4 Stunde westlich vom Mutterort.

c. Hirzbühl, 3/4 Stunden nordwestlich vom Mutterort gelegen.

d. Teufen, liegt 1/4 Stunde östlich von Mariazell an der Vicinalstraße nach Dunningen. Der Weiler entstand erst in neuerer Zeit an der Stelle des vormaligen Locherhofs, auf dessen Gebiet sich arme Leute, die sich zum Theil mit Lumpensammeln zu ernähren suchten, ansiedelten.

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