Beschreibung des Oberamts Rottenburg/Kapitel B 13

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13. Mössingen mit Belsen und Sebastiansweiler.
Mössingen, Messingen, Masginga, evang. Pfarrdorf und Marktflecken, im Steinlacher Thale, an der nördlichen Seite des Farrenbergs eben gelegen, und von der Steinlach durchflossen, ist der größte, volkreichste Ort nach der Oberamtsstadt, von welcher derselbe 33/4 St. entfernt ist, mit 2627 Einw., Cameralamt Tübingen, Forstamt Urach. Auf den Seiten ist Mössingen von hohen Bergen, dem Heuberg, Farrenberg, Fürstberg u. s. w. umgeben, und es ist ein eigener Anblick, auf der südöstlichen Seite des Ortes die Kette der höchsten Berge der Alp, hinter reichen Saatfeldern, duftenden Wiesen und zum Theil einigen Weinbergen auf niederen Abhängen, um sich her gereihet zu sehen. Der Ort ist regelmäßig gebaut, hat mehrere gute Gebäude, und ist reichlich mit Wasser in mehreren laufenden Brunnen versehen. Es besteht hier ein beträchtlicher Wochenmarkt, der besonders bedeutend an Fruchtverkauf für die nahen Alpbewohner ist, und auch sonst einigen Umtrieb in verschiedenen Waaren hat, auch der hier befindlichen Apotheke, da sich zugleich ein Unteramtsarzt hier aufhält, Absatz gewährt. Mössingen ist auch der Sitz des Amtsnotariats für die Umgegend der Steinlach. Außer der Branntweinbrennerey, die in letzter Zeit sehr abgenommen hat, und dem sonst guten Ackerbau ist die Gewerbsamkeit nicht sehr ausgebreitet, und die in der Umgegend vielfach betriebene Spinnerey ist hier nur auf eigenen Bedarf beschränkt; der Ort ist deswegen in neuerer Zeit im Wohlstand zum Theil gesunken [1] | Der Großzehnte gehört dem Staate mit Ausnahme von 61/2 M. Acker und der Gärten, wo solchen die Pfarrey, so wie auch diese den ganzen Kleinzehnten bezieht. Der Heuzehnte sieht größtentheils dem Staate, und nur mit unbedeutenden Ausnahmen den Pfarreyen Mössingen und Ofterdingen zu. Der Staat bezieht auch den unbedeutenden Weinzehnten, und ebenso den Novalzehnten. Die ganz gleichen Verhältnisse bestehen auch für die Filialorte Belsen und Sebastiansweiler.

Belsen ist ein beträchtlicher Ort, mit 776 Einwohnern, freundlich am Fuße des Farrenbergs, zum Theil auf der Abdachung desselben, zum Theil in der Ebene, zwischen einem wahren Obstbaumwald gelegen, und von dem Buchbach bewässert. Nach den neuesten Anordnungen hat es nun in seiner berühmten alterthümlichen Kapelle (s. S. 33.) an allen Sonn- und Festtagen, wie auch für alle Casual-Fälle seinen eigenen Gottesdienst, den der Pfarrer von Mössingen zu versehen hat. Der Ort hat auch seine eigene Schule. Längst wurde von der Gemeinde Belsen die gänzliche Lostrennung von dem Pfarr- und Schultheißerey-Verband mit Mössingen betrieben, was zu manchen Reibungen zwischen beyden Gemeinden Veranlassung gab. Der Ort hat eine Handölmühle.

Sebastiansweiler, auch Mössingenweiler genannt, ein kleiner Weiler mit 41 Einw., an der Straße von Hechingen nach Tübingen [2].

| Die Geschichte des Pfarrorts Mössingen ist zugleich die dieser beyden Filialorte. Mössingen ist einer der ältesten beurkundeten Orte unserer Umgegend. Die Mössinger Mark kommt schon im achten Jahrhundert vor. S. 6. Ob die Schenkung des Albert de Sallestetten einiger Güter zu Messingen an das Kloster zu Hirschau im 12. Jahrhundert von von unserem Mössingen zu verstehen sey, ist unbestimmt. Mössingen gehörte übrigens von den ältesten Zeiten mit Belsen und Öschingen den Grafen von Zollern. 1344 fiel, da die Grafen von Zollern ihre Güter unter einander theilten, der Kirchensatz und die Burg zu Mössingen Grafen Ostertag, Chorherrn zu Straßburg und Augsburg zu. Dieser tauschte auch mit Frau Guten, der Schenkin von Andeck, die man nennt die Truchseßin, im J. 1362 etliche eigene Leute zu Mössingen und Belsen. 1361 verkauft Eglof von Gomaringen seiner Hausfrau Gertrud von Halfingen etliche Gült zu Mössingen. 1399 überlassen Volkart Walch und seine Hausfrau Adelheid Söllner einen Hof zu Mössingen an Graf Friedrich den ältern von Zollern. Im J. 1415 verkauft Graf Friedrich d. ä. zu Zollern, genannt der Oetinger, an Graf Eberhard von Würtemberg Mössingen das Dorf in dem Steinlachthale, ob Tußlingen gelegen, und Belsen und Öschingen das Dorf u. s. w. Dieser Kauf wurde auch 1416 vor dem Hofgericht zu Rottweil bestätigt. Dem ungeachtet war dieser Verkauf Veranlassung vielfacher Fehde und Verwirrung. Glas Eitelfriz von Zollern gab seine Zustimmung | zu demselben nicht, vorzüglich sträubten sich gegen den Verkauf die Gläubiger des Oetingers, darunter Burccard von Reischach und Volkart von Ow der Wittfuß, sie wendeten sich gleichfalls an das Hofgericht, welches die beyden obgenannten Ritter in den Besitz der angegebenen Dörfer 1417 setzte. Diese verkauften ihr Recht an Graf Eitelfriz von Zollern, und nun verpfändete Graf Oetinger das Dorf Mössingen, mir Burg und Stadt Hechingen, an Markgrafen Bernhard von Baden um 2860 fl. In der Fehde, worin die Gräfin Henriette von Würtemberg mit den Städten die Burg Zollern zerstörte und den Oetinger gefangen nahm, bemächtigte sie sich auch des Dorfes Mössingen und Würtemberg blieb im Besitz, und Eitelfriz verglich sich 1429 dahin, daß Würtemberg für den geliehenen Pfandschilling die Dörfer Mössingen, Eschingen, Belsen und Johannisweiler nebst etlichen Gefällen behalten solle [3]. Mit Baden gab es noch viele Verwirrungen wegen der früheren Pfandschaft und es wurden auch deswegen Abkommnisse geschlossen. Endlich begaben sich die von Zollern 1440 vollends aller Losung der obigen Ortschaften.



  1. Mit der Branntweinbrennerey, worauf sich die Einwohner mit Beseitigung anderer Nebenerwerbszweige mit großer Betriebsamkeit legten. S. S. 95. Der Ort hat 2 Mahlmühlen, 2 Handölmühlen und 1 Ziegelhütte. Die letztere, woran 4 Zieglermeister Theil haben, liegt ziemlich entfernt von dem Orte, auf der Grenze gegen Thalheim. A. d. H.
  2. Sebastiansweiler, das wie Belsen auf Mössinger Markung liegt, ist erst seit ungefähr 30 Jahren entstanden. Nach einer Mittheilung des Herrn Schultheißen Ruff zu Mössingen baute Sebastian, des Schultheißen Streib Sohn von Belsen, in, J. 1790 die erste Behausung auf seinen Äckern daselbst – die Wirthschaft zur Sonne, und von diesem ersten Erbauer bat der Ort auch seinen Namen. Veranlassung zu dieser Ansiedelung gab ohne Zweifel die in der Mitte des vorigen Jahrhunderts neu angelegte Straße, welche vorher durch das sogenannte Buzzerthal führte. Es ist daher unrichtig , wenn man das schon in ältern Zeiten vorkommende Johannisweiler für Sebastiansweiler hält. Dasselbe ist allen Umständen nach ein jetzt abgegangener Ort, der eine Stunde von Sebastiansweiler, gegen Hechingen hin, stand. Dort findet man noch deutlich die Spuren von Gebäuden und andere Zeichen einer ehemaligen Niederlassung, insbesondere auch den Grund einer Kapelle, welche dem Ort vermuthlich den Namen gegeben hat. Noch jetzt heißt der dortige Wald- und Wiesen-Bezirk St. Johann. A. d. H.
  3. Der Verkauf von 1415 war auf Wiederlosung geschlossen, im Grunde also nur eine Verpfändung. A. d. H.
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