Beschreibung des Oberamts Rottweil/Kapitel B 21

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Lauffen,
mit Schafhaus,
Gemeinde III. Klasse mit 752 Einwohnern, worunter 42 Evangelische. a. Lauffen, Pfarrdorf 682 Einwohner; b. Hochhalden, Weiler, 37 Einwohner; c. Nagelschmiede, Weiler, 33 Einwohner. Kath. Pfarrei; die Evangelischen sind nach Rottweil eingepfarrt. 11/8 Stunde südlich von der Oberamtsstadt gelegen.

Lauffen hat eine freundliche Lage in dem hier schmalen, ganz unbedeutend eingefurchten Neckar-Thale, an dem sich auf beiden Seiten flaches, fruchtbares Ackerland sanft geneigt hinzieht; an diese leicht geneigten Abhänge, und theilweise in die Thalebene selbst, ist der Ort, nachdem er im Jahr 1829 bis auf 7 Gebäude niederbrannte, ziemlich gedrängt und zum größten Theil regelmäßig wieder aufgebaut worden. Durch den Ort führt die Rottweil–Schwenninger Landstraße, welche, wie auch die übrigen, meist gerade und breit angelegten Ortsstraßen, gut unterhalten ist. Die Gebäude sind mit Ausnahme einiger ansehnlicher Bauernwohnungen nicht groß, jedoch freundlich, meist getüncht und durchaus mit Ziegeldächern versehen.

Am südwestlichen Ende des Dorfs steht die dem h. Georg geweihte Pfarrkirche, die noch Spuren (z. B. der spitzbogige Westeingang) von gothischer Bauart zeigt, aber im 17. Jahrhundert ganz umgebaut wurde. Außen am halbsechseckig schließenden Chore sind unter dem Dachgesims gothische, mit Heiligenfiguren bemalte Schildchen eingemauert. Der in zwei geschwungene Renaissancegiebel ausgehende Thurm steht an der Nordseite des Schiffes und stammt in seinen unteren Theilen auch noch aus der Zeit des Spitzbogenstils, wie sein von der Kirche her führendes Pförtchen beweist. Die flache Decke der Kirche enthält mit Ölgemälden erfüllte Medaillons; die drei Altäre sind im Rococostil gehalten, auf dem Hauptaltar eine große Holzskulptur, die Krönung Mariä, in demselben Stil; dann auf dem nördlichen Seitenaltar eine dreiviertels lebensgroße| gothische Madonna mit dem Kinde. An der Nordwand des Chores erhebt sich ein sehr schönes 12 Fuß hohes steinernes Sakramenthaus spätgothischen Stils mit der Jahreszahl 15x5 (1515); leider ist es sehr dick mit weißer Tünche bedeckt, auch fehlen die drei an ihm angebracht gewesenen Statuetten. Über dem halbrunden Triumphbogen sieht man einen gothischen Schlußstein, worauf der h. Georg. mit dem Drachen. Von den zwei Glocken auf dem Thurm hat eine die Umschrift: Felix Koch goss mich in Salmansweil 1790. Sancta Maria et omnes Sancti orate pro nobis. Die andere: Rudolfh Schelch von Schafhausen goss mich anno 1728. Die Unterhaltung der Kirche ruht auf der Gemeinde. Ein neuer Begräbnißplatz wurde im Jahre 1870 außerhalb des Ortes angelegt. Der frühere ging um die Kirche und an der Südwestecke seiner noch stehenden Mauer sitzt ein schöner gothischer Schlußstein, worauf Maria mit dem Kinde.

Das hübsche, im Jahre 1804 erbaute zweistockige Pfarrhaus ist ebenfalls von der Gemeinde zu unterhalten.

Das im Jahr 1832 erbaute, gut unterhaltene, zweistockige Schulhaus enthält 2 Lehrzimmer und die Gelasse für den Gemeinderath, während der Lehrer ein eigenes Haus bewohnt. Auch sind 2 Waschhäuser, ein Backhaus und ein Armenhaus im Ort.

Gutes, theilweise etwas gipsführendes Wasser liefern im Überfluß 11 laufende und 4 Pumpbrunnen, überdieß fließt der Neckar mitten durch das Dorf; er tritt nur selten aus und verursacht keinen Schaden. Über den Neckar sind im Ort zwei von der Gemeinde zu unterhaltende steinerne Brücken angelegt. Auch auf der Markung, namentlich in der nächsten Umgebung des Orts, entspringen viele Quellen, von denen der 1/8 Stunde südwestlich vom Ort vorhandene Marktbrunnen die bedeutendste ist.

Die im allgemeinen geordneten Einwohner zeigen theilweise Neigung zum Kretinismus, der jedoch in neuerer Zeit abgenommen hat und nur noch bei 5 Personen getroffen wird. Feldbau und Viehzucht bilden die Haupterwerbsquellen, während die Gewerbe sich, mit Ausnahme von drei auch nach außen arbeitenden Mühlemachern, nur auf die nöthigsten Handwerke beschränken. Im Ort bestehen 5 Schildwirthschaften, worunter eine mit Bierbrauerei, zwei Kaufläden und eine ansehnliche Kunstmühle mit 5 Mahlgängen, einem Gerbgang, einer Gipsmühle und einer Hanfreibe. Was die Vermögensverhältnisse betrifft, so hat der begütertste Ortsbürger 70 Morgen Feld und 10 Morgen Wald, die mittelbegüterte Klasse 20 Morgen Feld und die minderbemittelte Klasse 3–4 Morgen Feld.| Unterstützung von Seiten der Gemeinde erhalten gegenwärtig 6 Personen.

Die mittelgroße Markung hat, so weit sie für den Feldbau benützt wird, eine ziemlich ebene, theilweise etwas hügelige Lage und nur die dem Waldbau dienende Keuperterrasse, welche in den östlichen Theil der Markung eingreift, ist steil und bergig. Der ziemlich fruchtbare für die Landwirthschaft benützte Boden besteht theils aus Lehm, theils aus den Zersetzungen der Lettenkohlengruppe und der Gipsmergel; der dem Waldbau dienende Boden hat sich hauptsächlich aus den Zersetzungsprodukten der verschiedenen Keuperschichten gebildet. Ein Tuffsteinbruch besteht zunächst am Ort und nördlich von demselben sind einige Gipsbrüche angelegt. Die in den Jahren 1842–44 angestellten Versuche auf Steinsalz wurden wegen zu großer Hindernisse wieder aufgegeben. Die klimatischen Verhältnisse sind ziemlich mild und die Gegend ist durch ihre niedere Lage vor rauhen Winden etwas geschützt. Frühlingsfröste kommen zuweilen, Hagelschlag selten vor.

Mit Anwendung verbesserter Ackergeräthe (Brabanter- und amerikanische Pflüge, eiserne Egge, Dreschwalze) wird die Landwirthschaft fleißig betrieben; man baut die gewöhnlichen Cerealien und Mengfrüchte, Kartoffeln, Futterkräuter und etwas Hanf. Von den Getreidefrüchten können jährlich etwa 1100 Scheff. Dinkel, 30 Scheff. Gerste und 20 Scheff. Haber auf der Schranne in Rottweil abgesetzt werden. Der Wiesenbau steht im richtigen Verhältniß zu dem Ackerbau und liefert im allgemeinen ein gutes nahrhaftes Futter, das im Ort verbraucht wird. Die Wiesen sind durchaus zweimähdig und ohne Wässerung. Die im Zunehmen begriffene Obstzucht ist in ziemlich gutem Zustande und beschäftigt sich hauptsächlich mit späten Mostsorten, Junkersbirnen und Goldparmänen; das Steinobst gedeiht nicht gern. Das Obst wird meist im Ort verbraucht und nur in ganz günstigen Jahrgängen theilweise an Händler abgesetzt. Eine Gemeindebaumschule und 3 Privatbaumschulen sind vorhanden; auch ist ein Baumwart aufgestellt.

Die vorhandenen 215 Morgen Gemeindewaldungen (Nadelholz) ertragen jährlich 45 Klafter und 2000 St. Wellen; der Holzertrag wird, mit Ausnahme von 16 Klaftern Besoldungsholz, zu Gunsten der Gemeindekasse um etwa 300 fl. verkauft. Überdies bezieht die Gemeinde aus der verpachteten Brach- und Stoppelweide 300 fl., aus der Pferchnutzung 250 fl., aus Allmanden, von denen jedem Bürger 21/8 Morgen gegen ein kleines Pachtgeld zur Benutzung überlassen werden, 470–480 fl. und aus verpachteten Gemeindegütern 20 fl.

| In mäßigem Umfang wird die Pferdezucht getrieben und die Stuten kommen nach Rottweil auf die Beschälplatte. Die Rindviehzucht ist in gutem Zustande; man züchtet eine Kreuzung der Simmenthaler- und Landrace und hat 3 reine Simmenthalerfarren aufgestellt. Der Verkauf an Rindvieh geschieht in ziemlicher Bedeutung meist an fremde Händler. Auf der Markung läßt ein fremder Schäfer den Sommer über 200 Bastardschafe laufen. Die Wolle wird nach Sulz und Möhringen im Großherzogthum Baden abgesetzt. Schweinezucht besteht nicht und sämtliche Ferkel werden von außen bezogen und meist für den eigenen Bedarf aufgemästet.

Die Fischerei im Neckar, der hauptsächlich Forellen und Weißfische beherbergt, hat der Staat.

Eine Schulstiftung von Pfarrer Birmes im Betrage von 600 fl. ist vorhanden.

Die römische Consularstraße von Rottweil über Donaueschingen an den Oberrhein führt noch gut erkennbar östlich am Ort vorüber; unfern dieser Straße wurden im Jahr 1841 beim Graben eines Kanals viele Bruchstücke röm. Gefäße, worunter mehrere schön ornamentirte von Sigelerde gefunden, was auf einen hier gestandenen röm. Wohnplatz hindeutet. Ferner wurden am Fuß des Stallberges 19′ unter der Oberfläche zwei rauhbeschlagene ausgehöhlte Eichen entdeckt; eine von 2′ 3″ Durchmesser im Lichten, 7′ 5″ hoch, steckte in der andern von 3′ 3″ lichtem Durchmesser und 4′ Länge. Diese ausgehöhlten Bäume dienten vermuthlich zu einem Brunnen, indem hinter ihnen sich eine starke Quelle ergoß, welche dem untern Baum zugeführt wurde. Wegen der beträchtlichen Tiefe dieses Fundes läßt sich vermuthen, daß derselbe der vorrömischen Periode angehört (s. hier. Mittheilungen der archäol. Vereins in Rottweil 1845 S. 2). Am oberen Kanal wurden im Diluvium Knochen und Zähne vom Mammuth, der Zahn des Rhinoceros tichorhinus und ein mächtiges Horn des Bos primigenius aufgefunden.

Ein Gut zu „Lofin juxta Rotwil“ wird unter dem ältesten Güterbesitze des Kl. Salem aufgeführt; es ging von der Familie Urslingen zu Lehen, die Gemahlin Hermanns von Markdorf aber schenkte es – ein genaue Zeitangabe fehlt – an das Kloster und dieses löste es von den Urslingen mit 14 Mark ein (Mone 1, 347). Später gehörte der Ort dem Kloster Rottenmünster, dessen hiesiger Besitz dadurch begründet wurde, daß Adelheid von Neuffen, Gemahlin Eginos, Grafen von Urach zu Freiburg († 1236), hiesige Güter an dieses Kloster verkaufte, worauf ihr Sohn Eberhard, Domherr zu Straßburg und päbstlicher Kaplan, im J. 1248 für 12 Mark Silbers und gegen die Feier eines Jahrestags für ihn und| seine Eltern auf alle seine Ansprüche an diese Güter verzichtete. Verschiedene Kaiser und Könige, wie Albrecht I., Heinrich VII., bestätigten den hiesigen Besitz des Klosters. (S. ob.) Unter demselben wird namentlich öfters erwähnt eine seit 1480 als Erblehen hinausgegebene Sägmühle; ferner ein hiesiges Holz, früher fürstenbergisches Lehen der Rottweiler Familie Hagg; die Hälfte desselben kam durch Kauf 1444 an Hans Boller von Villingen, 1456 an das Kloster. Mit Rottenmünster kam Lauffen im J. 1802 an Württemberg. – Schon im J. 1327 kommt eine hiesige St. Georgenkirche vor, im J. 1698 wird ein hiesiges sacellum erwähnt, allein in den letzten Jahrhunderten war der Ort jedenfalls Filial der Rottweiler Stadtpfarrei, bis im J. 1803 eine selbstständige Pfarrei hier errichtet wurde. Eine Frauenklause wird hier im 14. und 15. Jahrhundert (z. B. 1327, 1346, 1424) genannt. Das Filial Hochhalden hatte früher eine im J. 1736 vom Kl. Rottenmünster erbaute St. Ottilienkapelle, welche im J. 1816 auf den Abbruch verkauft wurde.

Am 5. Juli 1829 brach hier Feuer aus, welches, angefacht von einem sehr heftigen Südwinde, in nicht viel mehr Zeit als einer halben Stunde 38, größtentheils mit Schindeln bedeckte Hauptgebäude niederbrannte (Würt. Jhrb. 1829 S. 24).

b. Hochhalden, liegt 1/4 Stunde nördlich vom Mutterort an der Landstraße nach Rottweil; hier stand früher eine Ottilienkapelle.

c. Nagelschmiede, nur einige 100 Schritte von Hochhalden am Neckar gelegen.



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