Beschreibung des Oberamts Schorndorf/Kapitel B 2

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Aichelberg.
Gemeinde III. Kl. mit 713 Einw. Ev. Pfarrei mit Filialien: Schanbach und Lobenroth O.A. Canstatt, Krummenhard O.A. Eßlingen.


Bei dieser dem Alphabet nach zuerst vorkommenden Gemeinde des Wald-Bezirkes, dessen besonderer Beschaffenheit und übriger| Verhältnisse bereits im allgemeinen Theile gedacht wurde, ist hier noch Folgendes zu erwähnen, was die Waldorte überhaupt und die einzelnen derselben mehr oder weniger betrifft. Im Allgemeinen herrscht in diesen Orten eine rauhere Luft, die aber besonders für die Eingebornen nicht ungesund ist, daher wenig Seuchen vorkommen. Die kräftigen Bewohner werden als bieder im Umgang, verschlagen im Handel und behaglich im Hauswesen geschildert, sie sollen demagogischen Einflüssen ebenso wenig zugänglich seyn, als pietistischen, dabei aber weniger fleißig und geordnet, auch in der Landwirthschaft nicht so erfahren seyn, als die Thalbewohner. Meistens stark verschuldet und bei schlechtem Auskommen sind sie, nachdem der Holzhandel als Erwerbsquelle nur noch in beschränkterem Maße stattfindet, mehr auf die Bebauung ihrer in der Regel kleinen und mageren Markungen angewiesen, und müssen sich durch Arbeiten im Wald, Kohlenbrennen und sonst das Fehlende zu erwerben suchen. Auch gehen zur Erntezeit Viele in die Gegenden von Canstatt, Eßlingen etc. und auch noch weiter, um Arbeit zu finden. Die Wohnungen sind nicht so reinlich und gut erhalten, als im Thale. Die Häuser haben meist schlechte steinerne Sockel oder Fußmauern; steinerne Stockwerke kommen erst in neuerer Zeit mehr in Aufnahme. Der Zustand der Landwirthschaft will erst besser werden. Der Boden ist leicht, flachgründig und mager, und bedarf viel Dünger, an dessen Erzeugung es großen Theils noch fehlt. So zerstückelt auch der Boden besessen wird, so ist gleichwohl der Besitz z. B. in Hegenlohe und Thomashardt bei Einzelnen zu groß, als daß sie ihn mit der Hand bearbeiten könnten. Weil Jeder mit eigenem Zug bauen will, so ist dieser meistens für eine gründliche Bodenbearbeitung zu schwach; dabei ist der Aufwand für das Zugvieh, welches bei dem geringen Güterbesitz zu wenig beschäftigt werden kann, zu groß. Kühe wurden bisher zum Zug darum nicht verwendet, weil sie zu weiteren Fahrten für den früheren Holzhandel nicht gebraucht werden konnten. Um einen eigenen Zug und dabei einige Milchkühe zu halten, findet man statt einiger gut gehaltener Stücke, eine größere Zahl geringeres Vieh. Daher fehlt es häufig an Futter und Stroh, welches durch die Waldstreu nur theilweise ersetzt werden kann, und man sucht, in der Meinung, daß Wiesen den meisten Futterertrag geben, diese in übermäßiger Anzahl beizubehalten. Dieß wird als die Ursache angegeben, daß der ganze wirthschaftliche Betrieb verkrüppelt. Im Allgemeinen sind in den Waldorten die Zustände von Hundsholz und Ober-Berken weniger ungünstig. Neben dem natürlichen Dünger, der meistens mittelst Laubstreu erzeugt wird, weil das wenige Stroh zur Fütterung dienen muß, wird hie und da Mergel auf die leichten Felder geführt, auch ist die Besserung der Kleefelder durch Gyps und der Wiesen durch Äscherich häufig. Die Mistjauche wird meistens nicht gehörig zu Rath| gehalten. Neben dem älteren Wendepflug finden sich, in Thomashardt mehr als in Hegenlohe, seit mehreren Jahren flandrische Pflüge, die meistens mit einem Paar Ochsen oder Stieren bespannt werden. Geschlossene Güter sind nicht vorhanden. Die Brache wird völlig eingebaut. Im Winterfeld werden 5/6 mit Dinkel, 1/6 mit Roggen, im Sommerfeld 3/4 Gerste und 1/4 Haber gebaut. Von Futterkräutern ist nur der dreiblätterige Klee zu erwähnen, der 1/4 des Brachfeldes einnehmen mag. Der Dinkel wächst in Hegenlohe, Hundsholz, Schlichten und Thomashardt besser und ist gesuchter als im Thale. Dasselbe ist in Schlichten etc. mit dem Haber der Fall. An Dinkel kommen 8–9, an Roggen 3–4, an Gerste 4–5, an Haber 6–7 Sri. Aussaat auf den Morgen. Im Ganzen genommen ist der Ertrag achtfach. Das Erzeugniß der Waldorte reicht zum eigenen Bedarf nicht aus. Der Flachsbau war früher von Bedeutung und gab, da das Produkt wegen seiner Feinheit und Zähigkeit sehr gesucht war, schönen Gewinn. Nachdem aber von 1839–1847 der Flachs siebenmal nicht gerathen, wird er immer weniger gebaut, wogegen der Hanf mehr in Aufnahme kommt. Sonstige Handelsgewächse werden nicht gezogen. Die Wiesen sind größern Theils unergiebig, weil zu trocken oder zu naß, da die Bewässerungs- und Entwässerungs-Anstalten fehlen. Die Einfuhr an Futter in trockenen Jahren mag größer sein, als die Ausfuhr in günstigen Jahren. Weinbau hat nur Aichelberg und der Gartenbau ist ganz unbedeutend. Die Obstzucht ist ziemlich ausgedehnt und noch im Zunehmen, da das Obst bei den selteneren Frühlingsfrösten gerne geräth. Die Viehzucht liegt darnieder, und kann sich wegen der bereits erwähnten Unbedeutendheit der Wirthschaften nicht vervollkommnen. Dazu kommt, daß die Waldbauern im Sommer an die Waldweide, im Winter an die Laubstreue gewöhnt waren, die erstere aber fast ganz aufgehört hat und die letztere sehr beschränkt worden ist, indeß, wie schon erwähnt, das Stroh gefüttert wird und außer dem Klee fast keine Futterkräuter gezogen werden. Es ist keine Race vorherrschend, und wird immer viel gehandelt, ohne daß jedoch Viehmastung stattfände. Schafzucht findet nicht statt. Ziegenhaltung kommt bei Ärmeren vor. Auch die Bienenzucht ist nicht von Belang. Die Gewerbe sind ganz unbedeutend, insoferne der Betrieb des Holzverkaufs, wiewohl sich immer noch Viele damit abgeben, nicht hieher gezählt werden darf. So lange der Flachs besser gerieth, war die Weberei bedeutender; damals auf eigene Rechnung betrieben, ist sie bis jetzt nur noch Kundenarbeit. Auch die Spinnerei war früher ein namhafter Erwerbszweig mittelst des Verkaufs gesponnener Schneller an die Stückweber im Lenninger Thal. Seit Verbreitung des Maschinengarnes wird aber nur noch um den Lohn gesponnen.

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Was nun die Gemeinde Aichelberg insbesondere betrifft, so ist das| Pfarrdorf Aichelberg auf dem Schurwalde, der sogenannten vorderen Schur, oder der westlichen Seite des Waldes, gegen die Oberämter Canstatt und Eßlingen, 4 Stunden südwestlich von Schorndorf gelegen. – Der große Frucht- und Wein-Zehenten und der Heuzehenten gehören von dem Stifte Beutelsbach her dem Staat, der kleine Zehenten der Orts-Pfarrei, ein Theil des Novalzehentens der Gemeinde. Von den Gefällrechten des Staats hat die Gemeinde einen Capital-Betrag von 456 fl. 20 kr. abgelöst, so daß derselbe nur noch 167 fl. 30 kr. und 38 Sch. Früchte für den Zehenten erhebt. Weiter hat die Gefällkasse der Gemeinde als Nachfolgerin der Gutsherrschaft noch 119 fl. 6 kr. und die Ortspfarrei 22 fl. 30 kr. für Novalzehnten zu beziehen.

Aichelberg, dessen Name von Eiche abzuleiten sein wird, die auf diesem Gebirge wohl gedeiht, liegt oben auf der Spitze des Bergrückens, dem Remsthale zugekehrt, in welches sich eine äußerst schöne Aussicht eröffnet. Die Erdfläche an der Kirche ist der dritthöchst gemessene Punkt des Bezirkes, 1445,5 Par. Fuß über dem Meere. Daher genießt man auch bis in’s tiefere Unterland und rückwärts von Hohen-Neufen bis zum Hohenzollern eine herrliche Fernsicht, die vom Kirchthurm aus am Schönsten ist. Bei der hohen Lage versiegen jedoch die wenigen Brunnen nicht selten, auch müssen die Werksteine vom Thal heraufgeschafft werden. Aichelberg hat die meisten alten Leute (s. S. 25); Greise von 90 Jahren sind eben nicht selten.

Der Ort liegt eben, ist fast ganz in der Länge gebaut und wird in Vorder- und Hinter-Weiler eingetheilt. Von hier führt die S. 63 erwähnte lange und beschwerliche Steige nach Schnaith. Aichelberg hat 114 Haupt- und 45 Neben-Gebäude (im Jahr 1759 67 und beziehungsweise 17). Die kleine Kirche liegt 10 Minuten vom Dorfe entfernt und ist, obgleich von ziemlich hohem Alter, in gutem Zustand. Die Baulast haben die örtlichen Kassen. Die Einwohner bilden den Übergang von den Thalleuten zu den eigentlichen Schurwäldern, sind aber durch ihren Handelsgeist verschlagener als die letzteren. – Die Markung begreift an Baufeld 362/8 M. Gärten, 3406/8 M. Acker (davon 1367/8 M. willkürlich gebaute Felder), 217 M. Wiesen und 111 M. Weinberge, also nahezu 1 M. auf den Kopf. Die Einwohner sind verhältnißmäßig ziemlich wohlhabend. Im J. 1759 zählte man von den damaligen 86 Bürgern 1/9 zu den starkbegüterten, 4/9 zu den mittel- und 4/9 zu den schlechtbegüterten. Unter den Waldorten hat allein Aichelberg Weinbau, der nicht unbedeutend ist; es werden meist Sylvaner und Elblinge, 2400 Stöcke auf den Morgen, gepflanzt. Die Weinberge werden hier nicht bezogen und geben einen ziemlich guten Wein. Von dem hier gebauten Getreide sind Dinkel und Weizen beliebt. Das Frucht-Erzeugniß reicht etwa für den örtlichen Bedarf aus. Von| Bedeutung ist schon seit vielen Jahren der Obstbau, der durch das Beispiel des dermaligen Ortsgeistlichen noch mehr gehoben wird. Ein Morgen Acker oder Wiesen kostet 500 fl., Weinberg 8–900 fl. Der Handel mit Vieh und selbsterzogenen Obstbäumen wird lebhaft betrieben. Der Viehstand ist hier ziemlich gut; zum Fuhrwerke dienen aber fast ausschließlich Kühe. Die Gewerbe sind kaum nennenswerth.

Das Vermögen der Gemeindepflege besteht in 280 M. Grundeigenthum und macht eine Gemeindeumlage entbehrlich. Die Stiftungspflege besitzt 2730 fl. in Capitalien. Es ist ein Armenhaus vorhanden. – Das Patronat ist landesherrlich. Außer den obengenannten Filialien Schanbach mit Lobenroth, O.A. Canstatt, und Krummenhardt, O.A. Eßlingen, war bis 1845 auch Baach hieher eingepfarrt. An der Schule steht ein Schulmeister mit einem Lehrgehilfen. Der Schulfond beträgt 600 fl. Der Begräbnißplatz liegt bei der Kirche.

Aichelberg, bis 1806 dem ritterschaftlichen Kanton Kocher zugetheilt, gehörte unter der Lehensoberherrlichkeit des Abts von Ellwangen im 15. Jahrhundert den Herren von Stetten, namentlich im J. 1429 zwei Theile an den „Weilern Aichelberg ob Beutelsbach“ dem Truchseßen Wilhelm von Stetten (Stuttgarter Staatsarchiv unter Stift Ellwangische Lehen). Von Hansen Truchseßen von Stetten Wittwe kam Aichelberg durch Kauf an den württembergischen Landhofmeister Dietrich von Weiler († 1507 Febr. 28), dessen gleichnamiger Sohn bereits im October 1507 den Ort nebst Zugehör, zugleich mit dem Schlößchen Stetten, an den Erzmarschall Konrad Thumb von Neuburg verkaufte (Beschreib. d. OA. Canstatt 211). Johann Friedrich Thumb veräußerte den Ort im J. 1663 an Georg Friedrich vom Holtz als Rittermannlehen von Ellwangen. Bis zur Aufhebung der Patrimonialgerichtsbarkeit blieb die hohe und niedere Gerichtsbarkeit im Besitz der Familie vom Holtz, die Lehensherrlichkeit stand der Probstei Ellwangen zu und ging mit dieser an Württemberg über. Im J. 1812 trat die Familie vom Holtz ihren hiesigen Besitz an ihre Creditorschaft ab, von welcher am 10. Nov. 1832 die Ortsgemeinde die grundherrlichen Rechte um 10.000 fl. an sich kaufte. Dieselben bestanden 1759 in dreitägigen Frohndiensten und 40 kr. Frohngeld vom Kopf, Leibfällen, Laudemien und kleine Heller- und Hühner-Gilten. Die große und kleine Jagd gehörte Württemberg.

Im J. 1482 wurde Aichelberg, welches bisher Filial von Beutelsbach gewesen, auf Anhalten des Truchseßen Hans von Stetten beim Stiftspropste von Beutelsbach getrennt[1] und von Stetten aus pastorirt| bis im J. 1564 ein eigener Pfarrer hieher gesetzt wurde (Binder 289). Bereits i. J. 1532, unter den Herren von Thumb, war die Reformation eingeführt worden. – Der Pfarrsatz gehörte dem Stifte Beutelsbach, das Visitationsrecht aber der Ortsherrschaft.



  1. Indeß sollte bei der Heiligen-Rechnung allezeit ein Stiftspfleger zu Beutelsbach oder ein anderer von Stifts wegen sein, doch ohne des Heiligen Kosten. Besold, Doc. Stuttg. 34.


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