Beschreibung des Oberamts Stuttgart, Amt/Kapitel B 16

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Ober-Sielmingen,[1]
Gemeinde II. Kl. mit 436 Einw. Pfarrfilial von Unter-Sielmingen.
Das Dorf Ober-Sielmingen ist 31/2Stunden südöstlich von Stuttgart und 1/8 Stunde südwestlich von dem kirchlichen Mutterort Unter-Sielmingen, mit welchem es nicht allein in Parochialverbindung, sondern auch in der Kirchen-, Kirchhofs- und Stiftungsgemeinschaft steht, auf der Filderebene am Anfang eines Thälchens gelegen. Der mit guten Straßen versehene, von 3 Seiten mit sanft geneigten Abhängen umschlossene und hinter Baumgärten versteckte Ort bietet ein Bild des tiefsten ländlichen Friedens; er hat laufende Brunnen, die jedoch bei trockener | Witterung nachlassen. Dieser Mangel an Wasser wird aber durch mehrere Pumpbrunnen ersetzt. Ein vor 16 Jahren 30 Fuß tief gegrabener Brunnen hat einen Schwefelgeschmack. Die Luft ist gesund und nur höchst selten wird die Gegend von Hagelschlag heimgesucht. Die Hauptstraße von Stuttgart nach Urach führt 1/4 Stunde westlich, und die Straße von Stuttgart nach Nürtingen 1/2 Viertelstunde südlich vom Ort über die Markung.

Am südlichen Ende des Dorfs steht eine alte Kapelle, zu der, nach der Sage, früher eine starke Wallfahrt ging; sie wurde im Jahre 1790 von dem Heiligen zu Unter-Sielmingen an die Gemeinde Ober-Sielmingen für 50 fl. verkauft; gegenwärtig wird sie als Schafstall benützt; der Bau, welcher innen von seinem ehemaligen Schmuck gänzlich entblößt ist, und dessen Ostseite ein halbes Sechseck ohne Fenster bildet, stammt aus dem 15. Jahrhundert, was sich aus dem Füllungsschmuck des einzigen noch übrigen, ursprünglichen Fensters und der Thüre ergibt. Auf dem westlichen Giebel sitzt ein in seiner jetzigen Gestalt erst später angebrachtes Thürmchen, in welchem sich eine Glocke vom Jahr 1511 und eine Uhr befinden. Rath- und Schulhaus sind unter einem Dach, neu gebaut mit einem Aufwand von 6928 fl. 51 kr., wozu Unter-Sielmingen für die Ansprüche Ober-Sielmingens an die bis 1837 gemeinschaftliche dortige Schule 870 fl. und der Staat 400 fl. beitrug. An der Schule unterrichtet ein Schulmeister. Seit 1838 besteht den Winter über eine Industrieschule; sie wurde im Jahr 1848 von 75 Mädchen besucht und erhält Unterstützung von der Centralleitung des Wohlthätigkeitsvereins.

Über den Charakter und die Vermögensverhältnisse der Einwohner siehe Unter-Sielmingen; an versicherten Kapitalien schulden die Ober-Sielminger 60.000 fl.; der Grundbesitz der vier höchst Begüterten bewegt sich zwischen 23 und 31 Morgen. Die Güter der Markung liegen theils eben, theils an sanften Abhängen; der im Allgemeinen schwere Boden hat häufig thonigen Untergrund und ist in Folge dessen naßkalt. Die Bebauung erfordert daher viel Fleiß und Zusatz an Düngungsmitteln. Nach der Dreifelderwirthschaft werden Dinkel, Roggen, Haber, Gerste, an Bracherzeugnissen aber Spitzkraut, Kartoffeln, Runkelrüben, Futterkräuter und auch besonders Flachs und Hanf gebaut. Der Absatz der Produkte geschieht meistens zu Hause, weniger auf Märkten der benachbarten Städte. Der niederste Preis eines Morgen Feldes beträgt 200 fl., der mittlere 550 fl. und der höchste 800 fl. Die Obstzucht, welche sich auf Mostsorten beschränkt, wird gut betrieben. Die durchgängig zweimädigen Wiesen geben reichliches und gutes Futter; ihre Ausdehnung ist aber zu klein, um den ganzen Futterbedarf liefern zu können, welcher zum Theil noch in der Nachbarschaft aufgekauft wird. Die Preise eines Morgens | bewegen sich von 300–800 fl.[2] Die Gewerbe beschränken sich auf die nöthigsten Handwerker und zwei Schildwirthschaften; die Handspinnerei wird den Winter über eifrig betrieben, das Garn auf eigenen Stühlen verwoben und das Gewobene zum Theil verkauft.

Der Grundbesitz der Gemeinde besteht in 1/3 an 27 Morgen Allmand (siehe Unter-Sielmingen) etwa 30 Morgen ausgestocktem Wald, welche an die Einwohner verpachtet sind, und 51 Morgen Wald, dessen Ertrag von 5 Klaftern und 500 Wellen unter die Bürgerschaft vertheilt wird. Das Vermögen der Stiftungspflege ist gemeinschaftlich mit Unter-Sielmingen (s. d.). Sämmtliche ablösbaren Grundabgaben auf der Ortsmarkung sind abgelöst; die letzte Ablösung ist 1842 in Folge der mit dem Cameralamte abgeschlossenen Übereinkunft mit einem Kapitale von 4989 fl. vollzogen worden.

Auf der Anhöhe zwischen Ober-Sielmingen und Harthausen steht eine weithin sichtbare Linde (das sogenannte dicke Bäumle) von der aus man eine ausgezeichnete Aussicht auf den Nordwestabhang der Alp genießt.

Sielmingen wird in der früheren Zeit geschrieben: Sighailmingen 1284, Sigehelmingen 1291, Sighalmingen 1295. Ober-Sielmingen, auch Oberdorf genannt, gehörte 1358 den Herren von Urslingen. Von diesen wurde der Ort, welcher von ihnen im Jahr 1358 an Werner von Neuhausen verpfändet gewesen war (Gabelk.), im Jahr 1363 Septbr. 14. an Württemberg verkauft. Einzelne Bezüge haben allhier die Herren von Bernhausen gehabt (so verkaufte im Jahr 1338 Febr. 11. Hainz, Sohn des Herrn Johannes von Bernhausen seinem Bruder Wolf von Bernhausen und dem Johannes von Wilperg, Bürger zu Eßlingen, das Habergeld zu Ober-Sichalmingen.Reg. Boic. 7, 208), Güter das Kloster Hirschau (verkaufte 1275 bona in Sigehelmingen superiori Kloster Bebenhansen, Orig, in Karlsr.), Rechte das Kloster Weil (bis 1316 Mai 19.), Güter das Kloster Sirnau (1296, 1351), St. Clara in Eßlingen (1357), die dortige Pfarrkirche (1383) und Frauenkirche (1367), Güter und Gefälle, namentlich auch die Hofcaplanei und Hoforganistenstelle in Stuttgart in der Mitte des 15. Jahrhunderts. Im Decbr. 1394 gab die Wittwe des bei Döffingen gebliebenen Grafen Ulrich von Württemberg, Elisabeth von Baiern, zu der von ihr auf den neuen Altar der Stiftskirche zu Stuttgart gestifteten Messe die Güter zu Ober-Sielmingen, welche sie von Wernher von Neuhausen, genannt Knäußlin, erkauft hatte (Steinhofer 2, 509).

Die österreichische Regierung veräußerte das Dorf an Nicolaus Gaisberger, | österreichischen Rentmeister in Württemberg. Derselbe erkaufte im Jahr 1525 um 100 Pfd. die hiesigen Einkünfte des Stuttgarter Hofcaplans, der sich im Jahr 1524 beklagte, daß ihr Einbringen ihm an seinen Geschäften hinderlich sei, und sofort statt derselben jährliche 80 Pfd. bekam. Von genanntem Gaisberger kam Ober-Sielmingen 1529 Sept. 30. durch Kauf an den Spital in Eßlingen, aber schon im Jahr 1557, Apr. 7., im Vergleich zwischen Herzog Christoph von Württemberg und der Stadt Eßlingen trat letztere das Dorf mit aller Obrigkeit und Nutzbarkeit an ersteren ab. (Sattler, Herz. 4, 113). Im Jahr 1580 erhielt Ober-Sielmingen einen eigenen Schultheißen und eigenes Gericht, behielt aber mit Unter-Sielmingen gemeinsames Bürgerrecht, Armenkasten und einen Wald (Zuckmantel).



  1. Da die Gemeinden Ober- und Unter-Sielmingen von jeher in enger Verbindung standen, so ist mehreres auch hieher Gehörige unter dem Hauptort Unter-Sielmingen zusammengefaßt. Als besondere Eigenthümlichkeit verdient erwähnt zu werden, daß in Folge alter Verträge zwischen den beiden Gemeinden ein gegenseitiges Übersiedlungsrecht besteht, vermöge dessen Jeder, der Bürger in einem der beiden Orte ist, nach Belieben hin- und herziehen kann, und das Bürgerrecht in dem Orte, in dem er seinen Wohnsitz nimmt, ohne besondere Aufnahme erlangt.
  2. Über die Viehzucht gilt das bei Unter-Sielmingen Bemerkte. Dasselbe ist der Fall bei den Zehentverhältnissen.


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