Beschreibung des Oberamts Tübingen/Kapitel B 26

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Schlaitdorf,

Gemeinde III. Klasse mit 747 Einwohnern. – Evang. Pfarrei. 4 Stunden nordöstl. von Tübingen gelegen.

Auf der Hochfläche zwischen dem Neckar- und dem Schaichthale liegt in sanfter, gegen Südwest ziehender Mulde,[1] ganz umgeben von einem Wald herrlicher Obstbäume, der große freundliche Ort, dessen reinliche, oft von Reben umrankten Häuser zu hübschen Gruppen zerstreut an den gut gehaltenen, gekandelten Straßen liegen. Die kleine Kirche steht auf einer Erhöhung so ziemlich inmitten des Dorfes und ist gegen Westen und Süden noch mit der alten starken Mauer umgeben; an die Mauerecke stößt das stattliche Pfarrhaus, dessen steinerner Unterstock noch dem alten Schlößchen angehört, das hier stand; südlich davon dehnt sich dann der große, noch ganz ummauerte Pfarrgarten hin, dessen Mauer sich an den im Westen der Kirche stehenden Thurm anschließt, und außerhalb dieser Mauer erhielt sich gegen Norden ein tiefer Graben, noch jetzt der Burggraben genannt, der sich einst rings um Kirche und Schloß zog; im Pfarrgarten findet man noch behauene Quader und Bauschutt.

Die Kirche, ganz im spätgothischen Stil erbaut, bildet ein Rechteck mit spitzbogigen oder geradgestürzten Fenstern, die zum Theil noch die alten Maßwerke haben; auf dem Ostgiebel sitzt ein Steinkreuz. Der Thurm, noch vollständig erhalten und ein schönes Muster eines schlichten gothischen Dorfkirchenthurms, hat drei von Gurten getrennte| Geschosse und noch das alte Satteldach, dessen Dreiecksgiebel mit steinernen Knospen bekrönt sind. Das erste Geschoß bildet eine schöne, von einem Rippenkreuzgewölbe überspannte Vorhalle, die sich mit tiefen Spitzbögen gegen Norden und Süden öffnet, gegen Westen ist der Bogen vermauert, gegen Osten führt ein sehr schön behandeltes kraftvolles Spitzbogenportal in die Kirche; die Thüre daran hat noch das alte Eisenbeschläg. Auf dem noch bemalten Schlußstein des Gewölbes steht das Zeichen des Baumeisters zwischen l. und b. Das zweite, nur durch Schießscharten erhellte Geschoß des Thurmes ist ebenfalls gewölbt, hat ein einfaches Kreuzgewölbe und war früher eine sog. Schatzkammer; der dritte Stock zeigt vier große hübsch gefüllte Spitzbogenfenster. Das Innere der Kirche hat eine flache Decke, eine schöne neugothisch gefaßte Orgel (1865 erb. v. Goll in Kirchheim) auf der östlichen Empore und eine steinerne achteckige Kanzel, mit der Jahreszahl 1564. In ein Fenster der südlichen Wand ist ein kleines rundes Glasgemälde aus dem 16. Jahrhundert, die Himmelskönigin in Strahlen vorstellend, eingesetzt; an derselben Wand hängt ein altes Krucifix an einem im Rococostil gehaltenen Kreuzesstamme. Altar und Kanzel haben hübsche neugothische Holzgeländer. Von den zwei Glocken ist die größere schön verziert und gegossen in Reutlingen von Kurtz 1842, die andere ist sehr alt, von schöner schlanker Form und hat zur Umschrift die Namen der 4 Evangelisten in lateinischen Majuskeln. An der im Norden und Osten noch einige Fuß hohen Ringmauer des früheren Kirchhofes ist ein alter merkwürdiger Stein eingemauert, worauf eine segnende Hand und daneben zwei Sternchen ausgemeißelt sind, – es ist ein sog. Freistein.

Der jetzige Begräbnißplatz ward vor etwa 100 Jahren südöstlich am Dorf angelegt.

Das schon genannte Pfarrhaus, von dem, wie vom Thurme aus, man eine schöne Aussicht an die Alb genießt, wurde im Jahre 1837 erneuert; seine Unterhaltung hat der Staat, die der Kirche die Gemeinde.

Auch das Rathhaus, vor 40 Jahren fast von Grund aus erneuert, ist in gutem Zustande, ebenso das schöne 1840 erbaute dreistockige Schulhaus, das 2 Lehrzimmer und die Wohnung des Schulmeisters und des Unterlehrers enthält.

Ein Armenhaus und ein Schafhaus ist vorhanden.

Gutes Trinkwasser liefern 3 laufende, in hölzernen Deucheln hergeleitete Brunnen, 3 Pump- und 1 Ziehbrunnen; Wassermangel tritt, seit in neuerer Zeit 2 Brunnen gegraben wurden, nur sehr| selten mehr ein. Auf der Markung sind wenige gute Brunnquellen, die bei anhaltender Trockenheit zum Theil versiegen; im Schaichthale befindet sich der sog. Heilbrunnen, welcher in früherer Zeit als Mineralquelle galt, jetzt aber nicht mehr beachtet wird; ferner zieht sich zwischen hiesiger und Altenriether Markung ein Rinnsal, der sog. Höllenbach hin, der bei anhaltendem Regen großen Schaden anrichtet, indem das herabstürzende Wasser bedeutende Steinmassen mit sich fort reißt und die Wiesen im Neckarthal damit überschüttet.

Vicinalstraßen führen nach Walddorf, nach Aich und nach Neckarthailfingen.

Die Einwohner, ein gesunder Menschenschlag, sind fleißig, betriebsam und sparsam; ihre Volkstracht haben sie beinahe ganz abgelegt.

Haupterwerbsquellen sind Feldbau, Viehzucht und Obstzucht, daneben aber werfen die großen am Nord- und Südabhang der Markung gelegenen Steinbrüche (grobkörniger Keupersandstein), deren Steine bis nach Köln zum Dombau gehen, einen sehr namhaften Ertrag ab; auch Mühlsteine werden hier gewonnen und weithin abgesetzt. Die übrigen Gewerbe dienen nur den örtlichen Bedürfnissen; eine Schildwirthschaft und 3 Kramläden bestehen.

Die Vermögensverhältnisse der Einwohner gehören zu den mittleren; der begütertste Bürger besitzt 25–30, der sog. Mittelmann 10–12 Morgen Grundeigenthum; die am wenigsten bemittelten haben nur etliche kleine Güterstücke. Beständige Gemeindeunterstützung erhalten gegenwärtig 3, zeitweise 12–15 Personen.

Die mittelgroße, in die Länge gedehnte Markung bildet einen Flachrücken, der gegen das Schaichthal steil und hoch, gegen das Höllbachthälchen aber sanft abfällt, während der Bergrücken selbst eben genannt werden darf; mit Ausnahme des bewaldeten Abhangs gegen das Schaichthal wird die Markung durchaus für den Feldbau benützt.

Der im allgemeinen fruchtbare Boden besteht meist aus Lehm und eignet sich vorzüglich für die Obstbaumzucht, die hier sehr ausgedehnt getrieben wird und die schönsten und kräftigsten Bäume aufzuweisen hat.

Das Klima ist günstig und erlaubt noch das Fortkommen von feineren Kulturgewächsen; die wegen der hohen Lage meist etwas bewegte Luft ist gesund und frisch. Frühlingsfröste und kalte Nebel sind selten, ebenso Gewitter und Hagelschlag. Die Gewitter entladen| sich meist über den Schönbuch oder nehmen ihre Richtung gegen die Alb.

Der landwirthschaftliche Betrieb ist im allgemeinen gut und zur Besserung des Bodens kommen außer den gewöhnlichen Düngungsmitteln auch Gips, Kompost und Asche vielfach in Anwendung. Verbesserte Ackergeräthe haben Eingang gefunden. Man baut Dinkel, Haber, Gerste, viel Futterkräuter, Kartoffeln, Welschkorn, Erbsen, Reps, Flachs und Hanf; die beiden letzteren kommen auch nach außen zum Verkauf. Von den Getreidefrüchten werden ziemlich viele auf der Schranne in Reutlingen abgesetzt. Der Ertrag der Felder ist im Verhältniß der Fruchtbarkeit des Bodens etwas geringer als in der Umgegend, weil die Äcker beinahe alle mit den üppigsten Obstbäumen besetzt sind.

Der ziemlich ausgedehnte Wiesenbau liefert ein mittelmäßiges Futter.

Der früher stärker betriebene Weinbau ist beinahe ganz abgegangen; nach dem Landbuch von 1623 hatte der Ort eine Kelter.

Von großer Bedeutung ist die Obstzucht, die sich mit den meisten Kernobst- und Steinobstsorten beschäftigt und in günstigen Jahren einen Verkauf von 30–40.000 Simri zuläßt.

Die Gemeinde ist im Besitz von 700 Morgen Waldungen (meist Laubhölzer), unter denen 1501/2 Morgen begriffen sind, welche der Ort im Anfang der zwanziger Jahre für eine Schönbuchsgerechtigkeit erhielt. Der jährliche Ertrag beträgt 197 Klafter und 4–5000 St. Wellen; hievon erhält jeder Bürger 1/2 Klafter und 25 St. Wellen. Ein Theil des Holzerzeugnisses wird verkauft, was der Gemeindekasse eine Rente von 1000–1200 fl. sichert.

Die Brach- und Stoppelweide wird mit 200 St. Bastardschafen befahren, wofür ein fremder Schäfer 280 fl. Pachtgeld entrichtet; die Pferchnutzung trägt der Gemeindekasse jährlich 400 fl. ein.

Allmanden sind den Bürgern gegen einen unbedeutenden Allmandzins (im Ganzen 40 fl.) zur Benützung überlassen.

Sowohl die Zucht als auch die Haltung der Pferde ist ganz unbedeutend und die Rindviehzucht im Verhältniß zu anderen Orten nicht ausgedehnt. Man hält verschiedene Racen, die durch 2 Farren nachgezüchtet werden. Übrigens ist der Handel mit Rindvieh, der von mehreren Viehhändlern getrieben wird, von Belang.

Was die Schweinezucht betrifft, so werden beinahe alle Ferkel (halbenglische) im Ort selbst gezogen und theilweise auch nach außen verkauft; gemästete Schweine kommen ziemlich viele zum Verkauf.

| Die Geflügelzucht wird in geringer Ausdehnung meist zum Verkauf getrieben und die Bienenzucht ist ganz unbedeutend.

Stiftungen zu wohlthätigen Zwecken sind 1500 fl. vorhanden.

Eine von Böblingen durch den Schönbuch herkommende Römerstraße führt unter dem Namen „Hochsträß“ einige 100 Schritte nördlich am Ort vorüber. An ihr steht östlich vom Ort der sog. Leuenbühl, ein künstlich aufgeworfener, 18′ hoher Hügel, von dem man eine ausgebreitete Aussicht genießt und den wir ohne Bedenken für einen römischen Wachhügel erklären dürfen.

Im Walde Haierlanden wurde ein Topf voll römischer Münzen gefunden.

Von hiesigen Ortsadeligen, ohne Zweifel gräflich tübingischen Vasallen, kommen vor: Alberich im Jahr 1088 (Sleithdorf. Wirt. Urk.-Buch 2, 394) und um 1090 derselbe mit seinem Bruder Wernher (Sleittorf. Ortlieb bei Perz Script. 10, 76). Anshelm von „Slaidorf“ ist 1268 Zeuge der Edeln Berchtold und Albert von Neuffen. Derselbe überließ am 21. April 1291 den Fronhof und das Patronat der Kirche in Walddorf dem heil. Grabkloster zu Denkendorf, wozu Graf Eberhard von Tübingen, der Scherer, als Oberlehensherr seine Bestätigung ertheilte (Schmid Pfalzgr. Urk. 71). Später kam Sch. an die Dürner von Dürnau und Georg Dürner von Dürnau trug es den 8. Febr. 1436 Württemberg zu Lehen auf. Am 15. Juli 1452 verkaufte er Gerechtsame, Gewaltsame und Güter allhier an Württemberg und den 20. Dec. 1462 trat er derselben Herrschaft für den Steinbachshof und Zehnten in Kleinheppach und 400 Pf. auch vollends den Rest seiner hiesigen Güter und Rechte ab. Noch 1473 ertauschte Württemberg Steuern von dem Grafen Jost Niclaus von Zollern. Die Oberherrlichkeit war wohl schon 1342, mit Tübingen an Württemberg gekommen.

Außer dem Kloster Denkendorf, welches noch im Jahr 1385 Zehnten von Berthold Kayb erwarb, war auch das Kloster Hirschau allhier begütert.

Ein Filial der hiesigen Kirche ist Altenrieth (OA. Nürtingen), früher war es auch Häßlach zu 1/3. Sch. selbst wurde erst 1466 Pfarrort, damals von Neckarthailfingen abgetrennt.

Am 14. Nov. 1553 verkaufte Alexander Spät, genannt Mager, das von ihm ererbte Patronatrecht an die Pfarrei, und die Kaplaneipfründe zu Sch. an den Herzog Christoph zu Württemberg.



  1. „Sleit“ habe wahrscheinlich die Bedeutung Bergabhang, sagt Förstemann. Altdeutsches Namenbuch 2, 1275.
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