Beschreibung des Oberamts Tuttlingen/Kapitel B 17

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
« Kapitel B 16 Beschreibung des Oberamts Tuttlingen Kapitel B 18 »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
|
Stetten,


Gemeinde III. Kl., mit 369 Einw., Kath. Pfarrei. 11/2 Stunden nordöstlich von der Oberamtsstadt gelegen.

Das hübsche Dorf liegt, spärlich von Obstbäumen beschattet, sommerlich auf dem linken Ufer der Donau, da wo der bei Nendingen entspringende Kesselbach, und ein vom Heuberg in südöstlicher Richtung herabkommendes Bächlein in die Donau gehen. Die Häuser, gewöhnliche Bauernwohnungen, stehen ziemlich gedrängt an den gut und reinlich gehaltenen Ortsstraßen. Die am westlichen Ende des Orts in den Jahren 1864–65 nach dem Entwurf des Oberbaurath von Schmidt in Wien von Oberamtsbaumeister Schad in Tuttlingen erbaute, dem h. Nikolaus geweihte Kirche ist in sehr ansprechendem gothischem Stil gehalten und ganz aus Tuffsteinen errichtet; der Bauaufwand aus Gemeindekosten betrug etwa 30.000 Gulden. Es scheint jedoch, daß die Kirche verkehrt gestellt wurde, sie ist nämlich zweischiffig und das niedrigere Seitenschiff hätte, wenn der Chor nach Osten zu stehen gekommen wäre, der Bergseite zugesehen, was für den das Donauthal herabwandernden einen günstigeren Anblick gewähren würde. Jetzt steht der Chor gegen Westen, damit der Haupteingang unter dem Thurm dem Dorf zugekehrt ist; hier an der Ostseite erhebt sich in kühner und origineller Konstruktion, auf einem starken Strebepfeiler ruhend, ein steinerner Dachreiter, der einen schönen ebenfalls ganz in Stein ausgeführten spitzen Helm trägt; die Kirche selbst ist ganz mit Strebepfeilern und schön gefüllten Spitzbogenfenstern aufgebaut und endigt in einen hohen vieleckigen Chor.

Durch die Vorhalle eingetreten, empfängt uns das breite, prächtig gewölbte Mittelschiff; Rippen, von Wandsäulen ausgehend, verzweigen sich über das weite Tonnengewölbe, und zur Linken lehnt sich, den Raum noch erweiternd und lauter kreuzgewölbte Kapellen bildend, das niedrigere Seitenschiff an. Der Chor hat ein stolz gesprengtes Rippenkreuzgewölbe; die drei Altäre, auch im gothischen Geschmack, sind sehr tüchtige Arbeiten von Winter in Biberach; das Antependium des Hochaltars, auf dem zwei alte gothische Heiligenbilder, ist mit Malereien geschmückt. Auf der gegen Osten angebrachten Orgelempore befindet sich ein großes Ölbild aus der Rococozeit, nicht ohne Kunstwerth.| Die drei Glocken sind neu. Die Unterhaltung der Kirche und des im Jahre 1842 erbauten Pfarrhauses ruht auf der Gemeinde.

Die alte, auch dem h. Nikolaus geweihte Kirche steht mitten im Dorf mit einem Dachreiter auf dem First und einem hübschen kalksteinernen Portal im Westen, das, was sehr glaublich ist, von der Welschenberg-Kirche herabgeholt worden sein soll.

Der Begräbnisplatz wurde im Jahre 1849 außerhalb des Orts an der Bergseite angelegt und umschließt eine Kapelle. Außerdem ist noch die ganz kleine Sebastianskapelle im Ort.

Das gut aussehende, im Jahr 1829 um ein Stockwerk erhöhte Schul- und Rathhaus, mit Thürmchen und Glocke auf dem First, enthält neben den Gelassen für den Gemeinderath das Schullokal und die Wohnung des Schullehrers.

Ein öffentliches Backhaus und zwei öffentliche Waschhäuser bestehen, desgleichen ein Armenhaus.

Vom Ort aus geht eine Verbindungsstraße auf die Staatsstraße von Tuttlingen nach Mühlheim.

Derselbe ist mit gutem Trinkwasser im Überfluß versehen, das 7 Pump- und ein Schöpfbrunnen liefern; auch die Markung ist quellenreich; die bedeutendste Quelle ist der am Fuße des Heubergs entspringende Riedbrunnen, der sich in den Kesselbach ergießt. Dieser letztere entspringt in einer für heilkräftig geltenden Quelle in den Wiesen, nördlich von Nendingen. Bei anhaltendem Regen fließt auf der Markung ein sog. Hungerbrunnen. Eine hölzerne Brücke führt über die Donau, ein hölzerner Steg über den Kesselbach, beide sind von der Gemeinde zu unterhalten.

Die körperlich gesunden Einwohner, fleißig, sparsam und kirchlich gesinnt, finden ihre Erwerbsquellen in Feldbau, Viehzucht und auch in Gewerben; am stärksten vertreten sind Schuhmacher, Weber und Messerschmiede und arbeiten auch nach außen. Drei Schildwirthschaften und zwei Kramläden sind im Ort, dann eine Mühle mit drei Mahlgängen und einem Gerbgang, einer Hanfreibe und Gipsmühle.

Die Vermögensverhältnisse der Einwohner sind im allgemeinen gut, der reichste besitzt 100 Morgen Feld und 15 Morgen Wald, der Mittelmann 10 Morgen, die ärmere Klasse 1/81/4 Morgen Feld. Etwa 200 Morgen besitzen hiesige Bürger auf angrenzenden Markungen. Zwei Personen erhalten gegenwärtig Unterstützung von Seiten der Gemeinde.

| Die nicht große, von Südost nach Nordwest in die Länge gedehnte Markung, von der ein namhafter Theil mit Wald bestockt ist, hat soweit sie für den Feldbau benützt wird eine flachwellige Lage, theils im Donauthal, theils auf dem Heuberg, und einen meist ergiebigen etwas hitzigen kalkhaltigen Boden, der in der Thalebene aus fruchtbaren Alluvionen, auf der Höhe aus den steinigen Zersetzungen des weißen Jura besteht. Die klimatischen Verhältnisse gleichen denen im benachbarten Nendingen. Hagelschlag selten.

Die Landwirthschaft wird im Ganzen gut betrieben, nur sind die Wege zu dem (auf dem Heuberg gelegenen) „Bergfeld“ sehr steil und schwer zu befahren. Außer den gewöhnlichen Düngungsmitteln kommt noch Gips in Anwendung. Der Suppinger-Pflug ist fast allgemein, eiserne Eggen, Walzen, 4 Dreschwalzen und eine Futterschneidmaschine sind im Gebrauch. Man baut vorherrschend Dinkel, Gerste und Haber, ferner Kartoffeln, Hanf, dreiblättrigen Klee, Esparsette, und verkauft in guten Jahren 150 Scheffel Dinkel, 100 Scheffel Gerste, 50 Scheffel Haber in Tuttlingen, ferner 600–700 Zentner Kartoffeln und 4 Zentner Hanf.

Der Wiesenbau ist ausgedehnt, das Futter meist gut, mitunter aber sauer; die Wiesen sind zweimähdig und können aus der Donau bewässert werden; Futter wird noch zugekauft.

Die Obstzucht ist unbedeutend, das Obst geräth nicht gern; die Jungstämme werden aus dem Kern gezogen.

Die Gemeinde besitzt 800 Morgen gemischten Wald, der jährlich 768 Festmeter neben den zugehörigen Wellen liefert; hievon erhält jeder Bürger 5 Raummeter und 50 St. Wellen; das übrige Holz wird verkauft und trägt der Gemeinde jährlich 1500 Gulden ein.

Die Weiden (60 Morgen) sind mittelmäßig, werden mit fremden und einheimischen Schafen befahren, und bringen der Gemeinde nebst der Brach- und Stoppelweide jährlich 400 fl., die Pferchnutzung 160 fl. ein.

Die Allmanden sind an die Bürger verliehen, 50 Morgen davon verpachtet und werfen jährlich 200 fl. ab.

Außerdem besitzt die Gemeinde eigene Wiesen, die theils selbst umgetrieben werden zur Farrenhaltung, theils um 100 fl. verpachtet sind.

Die Pferdezucht ist unbedeutend, man hält etwa 30 Pferde, die Rindviehzucht (Simmenthalerrace) dagegen gut, und wird durch zwei Farren von derselben Race nachgezüchtet, welche die Gemeinde| ankauft und unterhält. Im Herbst wird das Vieh noch auf die Donauwiesen getrieben. Den Sommer über laufen 300 St. fremde und eigene Schafe (deutsche und Bastarde) auf der Markung. Schweine werden keine gezüchtet, die Ferkel von außen bezogen und zum eigenen Bedarf, und namentlich, was von Bedeutung ist, zum Verkauf aufgemästet.

Der Kesselbach führt Weißfische, die Gemeinde hat das Fischrecht und verpachtet es um jährlich 6 M.

Außer der Volksschule bestehen eine Industrieschule und Winterabendschule.

Die Kirchenstiftung beträgt 7329 fl.; hiebei ist eingeschlossen die Stiftung des Dr. Lorenz Lang in Weilheim vom Jahre 1872 mit 1362 fl. 40 kr., mit der Bestimmung, daß jährlich 2/3 der Zinsen seinen Verwandten bis zum fünften Grad auszufolgen sind, die Schulstiftung 508 fl., wovon Josef Büschle 100 fl. für arme Schüler stiftete; – und eine Ortsarmenstiftung mit 87 fl. 30 kr., gestiftet von der Stiftsdame Walburg von Enzberg.

Nördlich vom Ort wurden bei Erbauung eines Hauses Reihengräber entdeckt; man fand darin Eisenwaffen und einen Kamm von Elfenbein. Nordwestlich vom Ort heißen zwei Fluren „Groß-Hangen“ und „Alt-Hangen“; in der Nähe des Orts wurde ein sog. Kelt (Meißel von Bronze) gefunden.

Stetten (zu a. d. stat, steti, stetin) hatte eine St. Galluskirche (Stäl. WG. 1, 193), zum Beweis, daß es zu den frühen Pflanzorten des Christenthums in unserer Gegend gehört. Kl. Petershausen ist hier begütert durch Stiftung seines Gründers, B. Gebhard II. von Konstanz 980–96 (Stäl. W. G. 1, 595), wie in Mühlheim. Auch Kl. Allerheiligen hatte einigen Besitz, und Fürstenberg ein Lehengut 1409 (Fürstenb. U. B. 3, 55). Seit alten Zeiten (1360) war es Filial von Nendingen, später (bis 1812) zu 2/3 von Mühlheim, zu 1/3 von Nendingen, seit 1812 ganz von Mühlheim, und erhielt einen eigenen Geistlichen erst 15. Juli 1843. Gleichzeitig wurde das Pfarrhaus und einige Jahre später der eigene Gottesacker samt Kapelle neu errichtet. 15. Juni 1864 wurde der Grundstein der Pfarrkirche gelegt, und 1865 dieselbe vollendet. Es gehörte zur Herrschaft Mühlheim und theilte deren Schicksale; und zwar war es Allod der Enzberg’schen Familie. 1653 kam es auf dem Weg des Konkurses mit 5100 fl. an’s Kl. Zwiefalten, von dem es aber durch die Wallfahrtspflege| des Welschenbergs 1657 und 58 eingelöst wurde. Außerdem waren noch andere Gläubiger immittirt, als: die Stobenhörerschen Erben in Memmingen mit 2250 fl., die Schmid’schen Erben mit 1000 fl., die Gemeinde Stetten selbst mit 1000 fl., die Frau Anastasia von Enzberg mit Heiratgut von 4400 fl. und jährlichen Leibgeding von 150 fl. Kl. Zwiefalten zedirte seine Forderung um 3500 fl. an die Welschenbergverwaltung; 1600 fl. sollen hiebei verehrt worden sein. Auch brachte die Wohlfahrtsadministration und das Stobenhörer’sche Kapital nur 2250 fl., sowie das Schmid’sche nur 600 fl. an sich. Die Gemeinde Stetten erhielt nichts, ebenso die Frau von Enzberg. Doch brachte jene Administration Stetten und Lippach an sich, bis um 1775 durch k. k. Spruch die Familie Enzberg wieder zum Besitz gelangte, nachdem die Wallfahrtskirche vollkommen indemnisiret worden (vgl. Mühlheim mit Welschenberg). Über ein Gefecht bei Stetten 1633 s. Tuttlingen und Mühlheim. 1799 25. März steht hier Vandamme. 1800 4. Mai war ein Gefecht.

Martini 1538 verkauft Kloster Allerheiligen seine Leibeigenen zu Worndorf, Buchen, Nendingen, Stetten, Mahlstetten, Bettingen, Küngsheim und Irrendorf an Friedr. von Enzberg (Mühlh. Arch.). 1716 vergleichen sich Mühlheim und Stetten wegen eines Waidgangs (St. Arch.). 1723 erklärt Bischof von Konstanz, daß Stetten und der Schäferhof keine Konstanzer Lehen sind (eb.).

Pfarrer: Fr. X. Barmettler; Karl Reiniger 1850; Ant. Köhler 1858; Alb. Garb 1867.


« Kapitel B 16 Beschreibung des Oberamts Tuttlingen Kapitel B 18 »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).