Beschreibung des Oberamts Waldsee/Kapitel BW16

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
« Kapitel BW15 Beschreibung des Oberamts Waldsee Kapitel BW17 »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
|
16. Gemeinde Winterstettenstadt,
415 Einw.
  • 1) Winterstettenstadt, ein k. Pfarrdorf mit Marktgerechtigkeit und 392 Einw., C. A. Waldsee, F. A. Ochsenhausen. Von dem größern Theil der Markung bezieht Sternberg den großen und kleinen Zehenten, auf einem kleinen Bezirk die Universität Freyburg, die Kirchenpflegen U.-Essendorf und Winterstettendorf den großen, die Orts-Pfarrei aber und zum Theil auch die letztere Kirchenpflege den kleinen. Patron ist der Fürst. Die Grundlasten des Gemeindebezirks betragen 451 fl. in Geld und 527 fl. in Naturalien. Davon kommen auf den Fürsten 203 fl., die Kirchenpflegen U.-Essendorf 206 fl., Winterstettenstadt 105 fl., Biberach 81 fl. , die Pfarrei 180 fl., die Gemeindepflege 162 fl., Sternberg 23 fl., Universität Freyburg 14 fl. u. a. W. bildete mit Steinenfurt, mit Atzenreute, ELchenreute und Schlupfen, G. Steinach; Hittisweiler, G. Heisterkirch und kleinern Theilen von Ober-Urbach und Volkertshaus, G. U.-Urbach, die Herrschaft oder das Gericht W|

    W. St. liegt 27/8 St. nordöstlich von Waldsee, am Fuße des Stadelbergs, und an der Riß, welche den Ort in einem Halbkreise umfließt. Es hat eine Kirche, ein Pfarrhaus, eine Schule, ein Rathhaus, zwei Schildwirthschaften mit Brauereigerechtigkeit, eine Mühle und eine Ziegelhütte. Die Baulast an Kirche und Pfarrhaus hat die nicht unvermögende Stiftungspflege. Eine Urkunde von 1242 ist ausgestellt: Datum in castro Winterstetten, in Capella. Diese Burgcaplanei scheint es gewesen zu seyn, zu der die Gemeinde 1422 eine kleine Stiftung machte. Ihre Pfarrkirche hatten die Einwohner des Fleckens zu U.-Essendorf. Ein Caplan, Kunz von Winterstetten, stiftete 1439 mit einem Haus und Gütern eine Caplanei, er machte aber diese Stiftung in die Kirche zu St. Martin in Unter-Essendorf. Erst 1778 und 1782 kamen Bürgermeister und Rath zu W. mit dem Caplan dahin überein, daß er ihnen gegen besondere Belohnung auch in Winterstetten Messe las. 1809 wurde die Caplanei zur Pfarrcaplanei und 1812 zur selbstständigen Pfarrei erhoben, welcher seit 1821 die Stiftungspflege U.-Essendorf eine Aufbesserung von 100 fl. Geld, 10 Sch. Dinkel und 10 Sch. Hafer zu reichen hat. Der neu errichteten Pfarrei wurden Stadelhof, Steinenfurt und Weiherhäuser zugetheilt. Das Patronatrecht hatte schon von der Caplanei immer der Besitzer von W.

    Daß W. Stadt ehemals wirklich eine Stadt war, davon zeugen noch theils die Überreste von Mauern und Thoren, theils seine städtischen Rechte und Freiheiten. Im J. 1376 verlieh Herzog Leopold v. Österreich „der Stadt“ das Recht, Stock und Galgen innerhalb Etters zu errichten, ferner das Recht zu Abhaltung von Wochenmärkten, zur Bürger-Annahme, die Befreiung von dem K. Landgerichte etc. Diese Rechte und Freiheiten wurden nach den in dem dortigen Archiv befindlichen Original-Urkunden von den nachfolgenden Kaisern theils bestätigt, theils mit andern vermehrt, namentlich mit dem Recht zur Erhebung des Abzugs der Hälfte von Gemerz und Krämerei, des sogen. Kaiserpfennigs von jeder Maaß Bier, des Burgergelds, des Zolls und der Marktstandgelder.| Noch jetzt bezieht W. eine Umgelds-Entschädigung von 36 fl. von dem Staat. – Unter den städtischen Freiheiten verdient insbesondere auch die Freiheit von allem Leibeigenschafts- und Lehens-Verbande bemerkt zu werden; mit Ausnahme einiger Kirchen- und vorm. Kloster-Güter und der Mühle und Badstube sind sämmtliche Güter grundeigen.

    Die Benennung „Stadt“ verlor sich bald wieder; schon in der Urkunde über die oben erwähnte Caplaneistiftung vom J. 1439 heißt es: „Wir Ammann, Burgermeister und Richter des Fleckens Winterstetten etc.“ An die Stelle desselben trat die Bezeichnung Stadtflecken Winterstetten, gemeinhin Winterstetten Flecken, wogegen Winterstettendorf kurzweg Dorf genannt wurde. Der Vorstand von W. bestand aus Bürgermeister und Rath, welch letzterer alle 3 Jahre zu wählen war. Im Rathe präsidirte als Stadt-Ammann ein landesherrlicher Beamter, welcher schuldig war, alle Monate wenigstens einen Gerichtstag zu halten. Dem Rath zur Seite stand ein Bürger-Ausschuß. Der Ort gehörte seit ältester Zeit auch unter die Freipürsch-Verwandten zwischen der Riß, Blau und Donau, und nahm an den Versammlungen derselben Theil. Das Wappen des Fleckens war das der alten Herren von Winterstetten, ein schwarzer Mauerhacken in gelbem Felde. An der südlichen Seite von W. erhebt sich der Burgberg, auf dem einst die Burg oder Veste Winterstetten stand. Noch sind einige Mauerreste davon vorhanden. Sie soll sehr fest, aber schon gegen das Ende des 15ten Jahrhunderts im Zerfall gewesen seyn. Im J. 1759 wurden die bedeutendern Überreste vollends zu Erbauung des Kirchenthurms und des Pfarrhauses zu Stafflangen verwendet. Die Erbauung der Burg fällt ohne Zweifel in die frühesten Zeiten zurück.[1] Sie war der Stammsitz der Schenken von Winterstetten, eines der angesehensten Geschlechter| Ober-Schwabens.[2] Nach Pappenheims Chronik der Truchseßen käme schon 1028 ein Conrad v. W. vor; allein es ist nicht schwer zu bemerken, daß Pappenheim statt 1228, 1028 gesetzt hat. Übrigens beginnt die Reihe der Winterstetten doch schon mit dem 12ten Jahrhundert. Sie waren Welfische Dienstleute, und nachher Mundschenken an dem Herzogl. und K. Hofe, wozu sie vermuthlich K. Friedrich I., der Erbe der Welfischen Güter, ernannte. Als solche erscheinen Eberhard und Konrad erstmals 1189 und von dieser Zeit an schrieben sie sich fortwährend Schenken v. Winterstetten. Eberhard hatte Gutta, Tochter und Miterbin des Truchseßen Heinrich v. Waldburg, zur Gattin. Diese Verbindung gab ohne Zweifel Veranlassung, die Winterstetten und Waldburg für Glieder eines Stammes zu halten; s. Altthann. Eberhard stand bei dem Kaiser in großem Ansehen und kam mit demselben 1191 auf seinem Kreuzzuge nach Palästina um. Noch größeres Ansehen gewann sein mutmaßlicher Sohn und Erbe, der Schenk Conrad v. W. Er genoß das Vertrauen des Kaisers Friedrich II. in solchem Maße, daß er ihm 1221 die Erziehung seines Sohns Heinrich anvertraute, und ihn später zu seinem Statthalter während seiner Abwesenheit erhob. Als Besitzer von Altthann nannte er sich Conrad v. Tanne, Schenk v. Winterstetten. Er unterstützte das Kloster Schussenried reichlich, und stiftete das Kloster Baindt. Er starb 1241 zu Altthann, und wurde zu Baindt begraben. Mit ihm erlosch der männliche Stamm der ältern Linie der Schenken von W. Er hinterließ eine einzige Tochter, Namens Irmengard, und seine Güter fielen nach seinem Tode an den Tochtermann, Conrad von Schmalnegg, der aber schon 1243 bei Bari in Italien, wohin er dem Kaiser Friedrich II. gefolgt war, um’s Leben kam. In seine, Conrads v. Schm., ausgebreiteten Besitzungen theilten sich vier Söhne: Conrad,| der Winterstetten, Rudolph, der Altthann und Hermann, der Otterswang erhielt, während Heinrich Schmalnegg mit Beyenburg und Ittendorf behielt. Wie der Vater und Großvater, so nannten sich auch die Söhne und Enkel Schenken, und es gab nun Schenken von Winterstetten, v. Tanne, v. Schmalnegg, v. Otterswang etc. Mit der Theilung war auch der Grund zum Verfalle des Geschlechts gelegt; schon in der Mitte des 14ten Jahrhunderts waren fast sämmtliche Güter veräußert. Die Nachkommen des Geschlechts findet man später in Würtembergischen und andern Diensten; ein Friedrich von W. trat im 17ten Jahrhundert in Braunschweigische Dienste und dort im Celle’schen lebte noch vor kurzer Zeit ein Sprößling des Geschlechts. Die Besitzung Winterstetten war schon 1331 Österreichisch, wie aus dem Kaufbriefe über Waldsee vom J. 1331 zu ersehen ist; s. Waldsee. Aber damals schon an die von Waldsee verpfändet, ging sie auch später als Pfandschaft von einer Hand in die andere. Bis 1384 hatten sie Ludwig von Hornstein und Rudolph v. Friedingen, sein Schwager, pfandweise inne; 1384 wurde sie für 400 M. S. an Heinz von Adelhartshofen verpfändet; 1400 kam sie für 4000 fl. als Pfandschaft an Berchtold v. Stein. Heinrich v. Hörnigen, Enkel des Schenken Heinrich v. Ittendorf, von Mutterseite, löste sie ihm 1405 mit Bewilligung Österreichs aus, und verkaufte sie 1438 an den damaligen Reichslandvogt in Schwaben, Georg, Truchseß von Waldburg, welcher Verkauf 1442 gegen einen Satz von 6400 fl. die österreichische Bestätigung erhielt. Das Verkaufs-Object wird hier „unsre Vestin und Herrschaft Winterstetten“ genannt, wozu jedoch Winterstettendorf schon nicht mehr gehörte, s. u. 1451 wurde sodann die Pfandschaft von Herzog Sigmund auf den Truchseßischen Mannsstamm für alle Zeiten übertragen und 1454 als Waldburg’sche Manns-Inhabung bestätigt, welche Eigenschaft sie noch hat. Schließlich ist hier noch zu bemerken, daß Conrad von (Schmalnegg-) Winterstetten, ein fehdelustiger Nachbar, 1261 von dem Bischof Eberhard von Constanz, Truchseßen von Waldburg, in| seiner Burg Winterstetten belagert und nur dadurch befreit wurde, daß er seine Herrschaft Winterstetten dem Bischof zu Lehen auftrug. Zwei einzelne Wohnsitze auf der Markung von W., Hirsches und Weiherstadel, sind darunter begriffen.
  • 2) Stadelhof, ein zehentfreier f. Lehenhof mit 12 k. Einw. am Fuße des Burgbergs, der auch von diesem Hof in neuerer Zeit Stadelberg genannt wird. Der Hof gehörte zum Gr. Essdf.
  • 3) Steinenfurt, ein der Kirchenfabrik U.-Essendorf gehöriger Hof mit einer Mühle und 11 k. Einw., bei Winterstetten. Die dazu gehörigen Güter liegen zerstreut in der Markung von W. und zehenten mit dieser. Der Hof war vorm. österreichisches Lehen, ist aber jetzt allodificirt.


  1. In dem Flecken selbst stand ein „Thurm“, der, wie fast alle vorzugsweise sogenannte „Thürme“, auf einen römischen Ursprung schließen läßt. 1406 hatte Albrecht von Neuneck „den Thurm, der gelegen ist in der Stadt zu Winterstetten und die Fischenz an der Rüsse“ als eine österr. Pfandschaft inne.
  2. Eine ausführlichere Geschichte des merkwürdigen Geschlechts, von Herrn Domkapitular Dr. Vanotti, ist zu finden in den Würtemb. Jahrbüchern Jahrg. 1833. H. I. Stuttgart und Tübingen, in der J. G. Cotta’schen Buchhandlung, 1834.