Bock’s Briefkasten (Die Gartenlaube 1871/44)

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Textdaten
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Titel: Bock’s Briefkasten
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Bock’s Briefkasten

An die Dummen, welche nicht alle werden. 1) Die Dümmsten unter diesen Dummen sind diejenigen, welche sich bei sichtlichen Augen durch Geheimmittel-Schwindler ihr schönes Geld aus der Tasche stehlen lassen. Trotzdem daß immer und immer wieder von reellen Männern der Wissenschaft gepredigt wird, daß alle Geheimmittel nichtsnutziges, wenn nicht gar schädliches Zeug sind und daß es bei allen auf Geldprellerei abgesehen ist, so blüht der Geheimmittelschwindel doch in einer Weise, daß man geradezu am Volksverstande verzweifeln möchte. Soviel sollte doch eigentlich jeder Mensch in der Schule denken lernen, selbst ohne naturwissenschaftlichen und anthropologischen Unterricht genossen zu haben, daß er die Heilung einer Menge ganz verschiedener und schwerer Krankheiten durch ein und dasselbe, von einem unwissenden Laien gebrautes oder gemischtes Zeug für nicht gut möglich halten müßte. Aber nein, je widernatürlicher ein Mittel, je tiefer der Bildungsgrad und je höher die Frechheit des Geheimmittelbrauers ist, desto mehr findet das Mittel Anklang.

Es sind aber doch Kranke und sogar solche, die vom Arzte aufgegeben wurden, dadurch gesund geworden und haben ihre Heilung gerichtlich attestirt? – Wie oft soll man denn aber erklären, daß Kranke auch bei dem unsinnigsten Hokuspokus und dem lächerlichsten Firlefanz gesund werden können und zwar deshalb, weil die allermeisten Krankheiten ohne Arznei mit Hülfe des Naturheilungsprocesses zur Heilung gelangen. Ja, es können durch diesen Proceß sogar Krankheiten heilen, welche vom Arzte für unheilbar erklärt wurden. Dann hatte freilich dieser Arzt die Krankheit nicht richtig erkannt und zu vorschnell geurtheilt. Dies ist aber deshalb recht leicht möglich, weil manches ungefährliche, vorübergehende und heilbare Leiden in seinen Erscheinungen einem unheilbaren tödtlichen ziemlich ähnlich auftritt. So kann z. B. eine tiefe, meist ungefährliche Magengeschwürnarbe im späteren Lebensalter zeitweilig für unheilbarer Magenkrebs, eine Erweiterung der Luftröhrenzweige innerhalb der Lunge für Lungenschwindsucht gehalten werden. Es folgt hieraus, daß man die Zeugnisse Solcher, die während des Gebrauchs eines Geheimmittels gesund wurden, durchaus nicht anzuzweifeln braucht; die Geheilten wurden aber nicht durch, sondern trotz des Mittels mit Hülfe des Naturheilungsprocesses gesund, und litten sie angeblich an einem sonst unheilbaren Leiden, so war dies eben keins. – Der frechste aller Geheimmittelbrauer ist

Hr. Carl Jacobi in Berlin, der Königstrank-Verfertiger, der sich selbst zum wirklichen Gesundheitsrath (Hygiëist) und seinen Trank zur langersehnten, wirklichen Universal-Medicin ernannt hat. Dieser Rath, dessen Schreibart die eines Unzurechnungsfähigen ist, greift in der schamlosesten Weise Männer der Wissenschaft öffentlich mit gemeinen Redensarten so an, daß jeder anständige und vernünftige Mensch sofort in den Stand gesetzt wird, das schmutzige Geschäft des Herrn Jacobi zu erkennen. Dieser saubere Gesundheitsrath hat aber den Muth zu derartigen Angriffen, weil er recht wohl weiß, daß die von ihm angegriffenen wissenschaftlich gebildeten Aerzte seine blödsinnigen Behauptungen zu widerlegen sich nicht die Mühe geben. – Nur Solche, welche die Natur mit demjenigen Maße von Dummheit begabt hat, Alles zu glauben, was ein Schwindler in den Zeitungsinseraten sagt, werden es für möglich halten, daß ein Trank, dessen Hauptbestandtheile bald Aepfelwein und Pflaumenmus, bald Tamarindenabkochung mit Zucker und Weinsteinsäure sind, folgende schwere und unheilbare Krankheiten zu heilen im Stande ist: Hundswuth (durch nur zwei Flaschen), Magen- und alle anderen Krebse, die tödtlichsten Herzkrankheiten, unheilbare Erblindungen, Blasensteine (mitunter schon nach wenig Tagen aufgelöst), Pocken (mit Heilung über Nacht), Hals- und Lungenschwindsucht, Rückenmarksdarre, Milzbrand u. s. f. Die Flasche dieses Wundertrankes, der angeblich aus mehr als hundert Pflanzen bereitet sein soll, kostet einen halben Thaler und ist für einige wenige Pfennige herzustellen. – Daß die Presse, und sogar die liberale, die Jacobi’schen und andere derartige Anzeigen, trotzdem daß sie recht wohl weiß, weß Geistes Kind dieselben sind, in ihre Spalten, nur des erbärmlichen Gewinnes einiger Thaler wegen, aufnimmt und in der Welt verbreiten hilft, dadurch aber die Hand zum Betrügen ihrer armen kranken Mitmenschen bietet, ist eine sehr unmoralische Handlung.