Bonapartes an allen Ecken und Enden

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Titel: Bonapartes an allen Ecken und Enden
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 95–96
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[95] Bonapartes an allen Ecken und Enden. – In den letzten Tagen machte durch alle Zeitungen eine Nachricht aus Bern die Runde, die auch unseren Lesern nicht entgangen sein wird, und die zur Befriedigung eines dringenden Bedürfnisses nichts Geringeres als das Auftauchen eines neuen Bonaparte verkündet, welcher ein Enkel Napoleon’s des Ersten sein will, und sich „Prince royal Louis Napoleon Bonaparte“ nennt. Er soll dem jetzigen Kaiser (in jüngeren Jahren) auffallend ähnlich sehen, und sammelt Subscribenten für eine Schrift: „La société et mon droit“, welche der französischen Nation gewidmet ist. Man wird gerne zugeben, daß der neue Bonaparte keinen unglücklicheren Augenblick für sein Auftreten wählen konnte, als den gegenwärtigen, da die Franzosen Veranlassung genommen, gelegentlich der Ermordung Noir’s Betrachtungen über die Eigenthümlichkeiten einer corsischen Natur anzustellen – indeß giebt uns die Nachricht aus Bern Gelegenheit, die Aufmerksamkeit unserer Leser auf einen anderen „Bonaparte“ hinzulenken, der bereits vor einigen Monaten in Stuttgart aufgetreten ist, und dessen Erscheinen weniger Beachtung gefunden hat, als der Anspruch auf eine so nahe Verwandtschaft mit dem Cäsar Frankreichs erwarten durfte. Was uns darüber geschrieben wurde, lassen wir unverkürzt hier folgen, und es braucht kaum der Versicherung, daß die Gartenlaube keinerlei Verantwortlichkeit für die Richtigkeit der ihr gewordenen Mittheilung übernehmen kann:

„Verschiedene die öffentliche Aufmerksamkeit im höchsten Grade beschäftigende Ereignisse lassen es begreiflich finden, daß die Nachricht von dem Auftreten eines neuen Napoleoniden in Stuttgart fast ohne Eindruck vorüberging. Derselbe behauptet in einer an das Wiener Landesgericht in Strafsachen erlassenen Schrift: er sei der Sohn des verstorbenen Herzogs von Reichstadt, und als solcher macht er Ansprüche auf Rechte, Titel und Vermögen, wie sie ihm als legitimen Prinzen gebührten. Von seiner Mutter sagt er, sie stamme aus einer ungarischen Grafenfamilie.

Da mir das Leben und Treiben des Herzogs von Reichstadt, zumal in den letzten Jahren vor seinem Tode, ziemlich genau bekannt ist, weil ich mich zu jener Zeit in Wien befand, auch von seinen damaligen theils überall bekannten, theils geheim gehaltenen Liebschaften genaue Kenntniß hatte, interessirte es mich nicht wenig, Näheres über diesen angeblichen Prinzen zu erfahren, umsomehr, da ich es nicht für unmöglich halte, daß ein Nachkomme des Herzogs leben könnte und zwar, wie ich aus sehr zuverlässiger glaubwürdiger Quelle erfahren habe, einer aus gesetzlicher Ehe. Ich wandte mich demnach brieflich an den Prätendenten des Titels eines Prinzen nach Stuttgart und erhielt nach wenigen Tagen von seinem Beauftragten, Herrn Paul von B–m–r, ehemaligem bairischen Officier, eine bestätigende Antwort darauf, daß dieser Prinz wirklich sich für einen Sohn des Herzogs von Reichstadt ausgebe und daß er im Jahre 1833 nach dem – wie er annimmt – gewaltsam erfolgten Tode seines Vaters auf böhmischem Boden heimlich zur Welt gekommen sei. Außerdem aber, behauptet der genannte Briefsteller, sei eine unverkennbare Familienähnlichkeit mit den Napoleons in den Zügen dieses prinzlichen Individuums im Profil zu finden. Von Kindheit an wurde derselbe in Wurzen unweit Leipzig bei einem Schneider, Namens Ludwig, erzogen, der ihn adoptirt hatte, später arbeitete er bei einem Stuttgarter Schneider als Lehrling. Daß er seine Geburt und die Ermordung des Herzogs von Reichstadt auf das Jahr 1833 angiebt, hält sein Beauftragter für einen Anachronismus.

Das, was ich nun selber noch zu Lebzeiten des Herzogs von Reichstadt während seines Aufenthaltes in Wien erfahren und später von einem Herrn gehört, welcher zu den vertrautesten Officieren des kaiserlichen Generals Grafen von G… gehörte, der hinwieder mit dem Herzog von Reichstadt sehr intim gewesen, ist das Folgende und ich muß es den Lesern der Gartenlaube überlassen, wie weit sie es mit den Angaben des prätensiven Prinzen in Uebereinstimmung bringen können und wollen.

Joseph von Sz.m…ti, ehemals kaiserlich österreichischer Uhlanenofficier, später während des ungarischen Unabhängigkeitskrieges Honved-Major ad latus des Generals Dembinski, hat im Beisein vieler seiner Verbannungsgenossen in London, unter welche auch ich gehörte, erzählt, sein ehemaliger Chef, damals noch Oberst Graf G…, sei Zeuge bei der Vermählung des Herzogs von Reichstadt mit der ungarischen Comtesse Marie S… gewesen; der andere Zeuge war der auch als Schriftsteller berühmte Fürst Fritz Sch…, ein ebenso intimer Freund des Herzogs. Die Bekanntschaft und nachherige Verlobung und Trennung habe sich folgendermaßen zugetragen.

Der junge Herzog machte die Bekanntschaft der Comtesse S…, welche zu den ersten Schönheiten Wiens und Ungarns gezählt wurde, während der großen Ueberschwemmung im März 1830, in der Vorstadt Rossau, wo er sie auf einem Kahne aus einem Hause rettete. Bei der Gräfin Louis K…, welche dem Prinzen als Liebesvertraute diente, wurde dann die Bekanntschaft weiter fortgesetzt. Die Comtesse hielt viel zu sehr auf ihren guten Ruf, als daß sie es nicht eingesehen hätte, daß eine solche prinzliche Bekanntschaft diesen nur gefährden würde, und sie hielt den Prinzen stets in der gebührenden Entfernung von sich. Ob dies aus Berechnung geschah, um seine Flamme zu steigern, oder ob sie von ihrem Vater hierzu gezwungen wurde, das ist schwer zu entscheiden, wahr ist es jedoch, daß sie sich damals mit dem ungarischen Leibgardisten-Lieutenant Baron Ferdinand von H–ky verlobte und Wien verließ. Der Herzog war über ihre Abreise untröstlich, und um die Bekanntschaft mit ihr erneuern zu können, bat er sogar seinen Großvater, den Kaiser Franz, ihn in ein anderes Regiment, zu den Sachsen-Kürassieren, die damals in und um Oedenburg herum lagen, folglich in unmittelbarer Nähe der Gräflich S…’schen Domäne, zu versetzen. Der Kaiser jedoch wollte seinen Enkel nicht aus den Augen lassen und man gab sich Mühe, seine Neigung in einen andern Canal zu lenken. Der ehemalige Erzieher des Herzogs von Reichstadt, Montbel, erzählt in seinen Memoiren, wer die Blitzableiterin des herzoglichen Elektrons gewesen: es war eine der berühmtesten Tänzerinnen Europas.

Zu jener Zeit spielten am Wiener Hofe zwei erbitterte Gegner ihr politisches Schach: es waren die Kaiserin Carolina Augusta und der Reichskanzler Fürst Metternich. Die Kaiserin, um den letzteren zu chicaniren, da sie wußte, daß die neue Flamme des Herzogs von Reichstadt vom allmächtigen Minister nach Wien verschrieben worden, um den jungen Prinzen von seiner ersten Liebe abzuleiten, brachte es dahin, daß die Tänzerin, nachdem ihr eine Beleidigung widerfahren war, Wien verließ. Es wäre nun schwer gewesen, den aalschlüpfrigen Prinzen in Wien zu behalten, ja wenn man es ermöglichen wollte, so genügten kleine Mittel nicht, sondern man mußte zu heroischen greifen, um so mehr, da sich die Napoleonisten in Paris nach der Thronbesteigung Ludwig Philipp’s zu regen begannen, und sogar, wie weltbekannt, einen ihrer thätigsten Agenten, den Grafen S…r, welcher schon zu Zeiten Napoleon des Ersten einige Jahre in diplomatischen Missionen an verschiedenen Höfen und auch in Wien zugebracht, dahin absendeten, um den Prinzen nach Frankreich zu entführen. Metternich, welchem ein Budget von zwölf Millionen Gulden jährlich für geheime Ausgaben zu Diensten stand, hatte den Tag der Abreise des französischen Emissärs erfahren; er durfte ihm nicht Zeit lassen, mit dem Prinzen zu sprechen, und als Gegenzug ließ er die Comtesse S… nach Wien holen. Der Vorwand hierzu war leicht gefunden, indem ihrem Vater eine Stelle im Staatsrathe angeboten wurde, um die sich dieser schon längst bewarb. Comtesse Marie [96] und der französische Emissär kamen gleichzeitig in Wien an, und der Prinz erfuhr ihre Ankunft am Vorabende des Stelldicheins mit dem französischen Cavalier. Bei Jünglingen in den zwanziger Jahren behält Liebe stets die Oberhand über den Ehrgeiz. Metternich, als routinirter Menschenkenner, wußte dies nur zu gut und hat damals sein Spiel gewonnen. Der Prinz erneute seine Bekanntschaft mit Marie, und da er sie noch immer so spröde fand, bot er ihr zuletzt seine Hand als Zugabe zu seinem Herzen an; der damit verbundene Titel einer Herzogin von Reichstadt blendete die junge Dame derart, daß sie in eine Heirath, welche einstweilen geheim gehalten werden sollte, willigte, und diese soll nach meines Gewährsmannes Joseph von Sz.m…ki Behauptung im Monat December des Jahres 1831 in einer Kirche der Vorstadt Wieden von einem Piaristen als Trauenden vollzogen worden sein.

Mittlerweile hatte der Prinz seine Verbindungen mit Paris nicht ganz aufgegeben, und da er seiner jungen Gattin vorläufig noch das Führen des Titels einer Herzogin nicht gestatten konnte, wollte er ihr einen größeren, den einer Kaiserin der Franzosen, geben.

Die nach dem Tode des Herzogs von Reichstadt ausgestreuten Gerüchte, als sei er in Folge seiner Ausschweifungen gestorben, erwiesen sich durchaus nicht stichhaltig, denn niemals war der Prinz solider als während dieser Zeit, vom Herbst des Jahres 1831 bis zum Sommer des nächstfolgenden; er widmete sich dem Studium von politischen und kriegswissenschaftlichen Werken, da er es sich zur Aufgabe gestellt, dem Namen, den ihm sein Vater hinterlassen, falls er doch berufen wäre, seine Stelle einst auf dem Throne von Frankreich einzunehmen, Ehre zu machen. Drei Tage vor seinem Tode soll er noch im Volksgarten gewesen sein und sich mit mehreren Officieren seines Regimentes (des ungarischen Infanterie-Regimentes Prinz Gustav Wasa, dessen Oberst er gewesen) unterhalten haben; er beklagte sich nur, daß er an Zahnschmerzen litte, und zwar noch mehr, als er sich denselben von Dr. Karabély plombiren ließ. Drei Tage darauf war er todt.

Die Wittwe des Herzogs hat, nach einer bei dem Minister Fürsten von Metternich stattgefundenen Privataudienz, Wien sofort verlassen und verehelichte sich bald darauf mit ihrem ehemaligen Verlobten, dem Baron Ferdinand von H–ky, mit dem sie jedoch nur kurze Zeit lebte, um alsdann Oesterreich zu verlassen. Sie hielt sich ein paar Monate in Teplitz (Böhmen) auf, wo sie außer mit einem Dresdener, einem Arzt und dessen Gattin, mit Niemand sonst verkehrte; hier kann es gewesen sein, daß der Prätendent, welcher sich Prinz Eugen Joseph Napoleon Bonaparte nennt, geboren wurde, und von hier konnte er nach Wurzen gekommen sein. Mein mehrmals erwähnter Gewährsmann Major Sz.m…ki behauptete, die Gräfin sei in gesegneten Umständen gewesen, als der Herzog starb.

Der Beauftragte dieses angeblichen Prinzen giebt noch in seinem Briefe an, dieser Letztere sei in seiner Kindheit oftmals nach N… bei Wurzen zu einer Freiin von R.z…b…g geführt worden, welche er für seine Mutter hält. Wäre dies dieselbe Comtesse Marie S…? Ist es ihr wirklicher Name, den sie mit Recht trägt oder getragen hat? Wir wollten dies sehr bezweifeln, denn da die ofterwähnte Comtesse eben so wie Ihr zweiter Gemahl Baron Ferdinand H–ky katholischer Religion war, konnte eine gänzliche Scheidung zwischen ihnen nicht stattgefunden haben, höchstens eine von Bett und Tisch; eine solche gestattet aber eine andere Ehe nicht. Von der Comtesse S… weiß ich als positiv, daß sie sich bis zum Jahre 1856 in Dresden aufgehalten; was später aus ihr geworden, ist mir unbekannt; ihr Ruf war nicht der beste, namentlich soll sie eine heillose Verschwenderin gewesen sein; es ist sogar wahrscheinlich, daß sie noch im Jahre 1867 gelebt, denn damals traf ich mit dem Baron Ferdinand in Pest zusammen, den ich nach ihr fragte; er wußte mir aber nicht viel von ihr zu sagen, nur daß sie noch damals am Leben war.“

Der Vollständigkeit wegen nehmen wir nach der Berner auch diese Mittheilung auf, ohne, wie schon oben bemerkt, dafür irgend eine Verantwortlichkeit tragen zu wollen.