Briefe über den Zustand der bildenden Künste in Kursachsen

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Textdaten
Autor: Z.
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Titel: Briefe über den Zustand der bildenden Künste in Kursachsen
Untertitel:
aus: Journal des Luxus und der Moden
Herausgeber: F. J. Bertuch und G. M. Kraus
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1803
Verlag: Landes-Industrie-Comptoir
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Erscheinungsort: Weimar
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung: Katalog der Ausstellung siehe Verzeichniß sämmtlicher in der Churfürstl. Sächsischen Academie der Künste im Jahre 1803 öffentlich ausgestellter Kunstwerke
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[310]

Briefe über den Zustand der bildenden Künste in Kursachsen[1].

Erster Brief.

Bester Freund! Sie verlangen von mir einen Bericht unserer diesjährigen Ausstellung. Sie wissen, wie sehr es mich freuet, Ihren Wünschen willfährig zu werden; gleichwohl finde ich mich, soll ich es Ihnen freimüthig eingestehen, in nicht geringer Verlegenheit. Denn was wird nicht über bildende Künste geschwatzt, gefabelt, schales und seichtes geschrieben? glaubt nicht ein jeder, der ein paar Kunstphrasen aufgeschnappt und ein paarmal unsere Galerie durchlaufen hat, berechtigt zu seyn, über Kunstprodukte – Pantoffel und Stiefel zu sprechen? Gehört es nicht sogar zum guten Ton? Dies alles findet nun noch weit mehr in Dresden statt, wo es so viele Gelegenheit giebt, die ausgezeichnetsten Produkte der Kunst zu sehen. Ein ganzer Schwarm von Schöngeistern – sind es Bienen oder Hummeln, das wird dem literarischen Entomologen schwer zu bestimmen werden [311] – glaubt durch das Angaffen dieser Kunstprodukte zur geheimsten Kunstkennerschaft eingeweiht worden zu seyn, und wähnt, wenn er einige Worte von Haltung, Farbengebung, Gruppirung, richtigem Verhältnisse, der Schönheitslinie von Hogarth u. s. w. auswendig gelernt hat, damit vollkommen ausreichen zu können. Hiezu kommen nun noch unsere so zahlreichen periodischen Schriften, wo jeder Herausgeber einer dergleichen Schrift, sobald eine Kunstausstellung an einem Orte statt fand, oder ein neues Kunstprodukt in Deutschland erschien, sich sehnlich bemüht, eine Beschreibung davon zu erhalten, um damit eine Lücke in seinem Journale auszufüllen. Nun giebt es überall jetzt Menschen, deren Acker das Papier und deren Pflugschar die Feder ist. Diese hungern und dursten nach Stoff und prägen jeden Gegenstand zu einem Ehrenpfennig um, bey welchem freilich oft die ersten zwey Silben sehr überflüssig sind. Diese halten es für einen gar leichten Gewinn, wenn sie sich einige Stunden an ihren Schreibetisch setzen, die Feder in die Hand nehmen und als Kunstrichter auftreten. Wer möchte nun gern unter diese Kunstrichter gerechnet werden? – Wenn ich aber im Gegentheil bedenke, daß ich mich in meinem Leben viel und gern mit den bildenden Künsten beschäftigte, ja selbst viele gute Kunstprodukte besitze, und darauf viel Geld verwendet habe; wenn ich es zugleich in Anschlag bringen darf, daß ich mit vielen geschickten Künstlern Umgang pflegte, und sogar bey einigen Lehrstunden genommen, welche die Kunstfähigkeiten, die in meiner Seele lagen, auf eine vortheilhafte Art zu entwickeln suchten; wenn ich mich, wie es Ihnen bekannt ist, nicht mehr in einem jugendlichen Alter befinde, und seit langen Jahren Kunsterfahrungen sammelte: so glaube ich, daß ich ohne Anmaßung ebenfalls wagen dürfte, über [312] Gegenstände der Kunst meine Meinungen zu sagen. – Hiezu kommt nun noch, daß ich Sachsen wie mein zweites Vaterland liebe, daß ich die Tage, welche meine Verhältnisse mir erlauben hier zuzubringen, unter meinen angenehmsten, und meinen Kunstneigungen nach, unter meine nützlichsten rechne, und daß es mir daher wehe thut, wenn ich oft so viele schiefe und ungerechte Urtheile über verschiedene sächsische Künstler und Kunstunternehmungen zu lesen bekomme. Sollte es daher nicht erlaubt seyn, etwas niederzuschreiben, wodurch so manches ungerechte Vorurtheil wiederlegt, und so manche Afterkritik berichtigt würde?

Diesem allem ohnbeschadet finde ich aber noch immer ein billiges Bedenken, Ihnen über unsere diesjährige Ausstellung einen ausführlichen Bericht abzustatten. Denn wenn ich bey den gewöhnlichen Berichten, welche über Kunstausstellungen erscheinen, stehen bleibe, was wird, sagen Sie es mir aufrichtig, dadurch genützt? Frommt es der Kunst oder dem wahren Liebhaber? Soll ich Ihnen Nachricht ertheilen, ob in diesem Jahre die hiesige Ausstellung zahlreicher an Gegenständen, als im vergangenen gewesen? Dies kann und wird für Sie wenig Interesse haben, indem es bey einer Ausstellung nicht auf die Anzahl der Gegenstände, sondern auf den Werth derselben ankomme. – Oder verlangen Sie eine ausführliche Beurtheilung der Stücke, welche am meisten Beifall gefunden, so finde ich mich wenig geneigt, sowohl Ihnen, als auch denen, die meinen Brief vielleicht zu lesen bekommen, Langeweile zu verursachen. Denn was ist gewöhnlich wohl langweiliger, als wortreiche Beschreibungen von Kunstgegenständen zu lesen. Muß man sich nicht martern, nach der Beschreibung, die man von einem Gegenstande [313] der Kunst erhält, sich das Gemälde davon in der Einbildungskraft vorzustellen, und ist man wohl sicher aller Mühe ohngeachtet ein richtiges Bild davon zu erhalten? Soll ich Ihnen aber eine Beurtheilung der Fehler, die bey diesem oder jenem Stücke der Ausstellung statt gefunden, mittheilen, so entsteht zuförderst die Frage, wer giebt mir das Recht, als Kunstrichter aufzutreten? und dann, was ist wohl leichter, als bey jedem Kunstwerke einen Fehler ausfindig zu machen? Kann man ferner wohl einen Künstler nach einem einzelnen von ihm gelieferten Kunstwerke richtig und gehörig beurtheilen, und wird ein solches Urtheil nicht schon dadurch unanständig und ungerecht? Meines Erachtens muß man einen Künstler nicht nach dem, was er bey einer einzelnen Ausstellung, sondern nach dem, was er in einer fortdauernden Reihe von Jahren lieferte, beurtheilen; sollte man nun aber auch bey einer Ausstellung an diesem oder jenem Werke eines Künstlers einen wirklichen Fehler entdeckt haben, und man glaubte, daß, um ihn in der Folge vor diesem Fehler zu warnen und zu schützen, es gut gethan seyn würde, dieses in einem öffentlichen Blatte einrücken zu lassen, so halte ich mich durch vielfache Erfahrung überzeugt, daß dies eher eine nachtheilige als vortheilhafte Folge nach sich ziehen würde. Ist der getadelte Fehler eine eingewurzelte Gewohnheitssünde; so hilft alles Predigen nichts. Er kann und wird sich von dem Fehler nimmer losmachen! Und wie viel Künstler giebt es, die sich geneigt finden, dem öffentlichen Tadel eines unberufenen Kurstrichters einige Aufmerksamkeit zu gönnen und sich von selbigem hofmeistern zu lassen? Oft wird ihre Eigenliebe vielmehr dadurch gereizt, das Gegentheil zu thun. [314]

Aus allem Angeführten werden Sie nun ersehen, wie wenig ich von den gedruckten und anonymen Beschreibungen und Beurtheilungen der Kunstausstellungen halte, die uns die Fortschritte einer Kunstschule oder Akademie jährlich beurkunden und mit deutlichen Belegen vor die Augen führen sollen.[2] – Wenn ich Ihnen daher etwas schreiben soll, das vielleicht einigermaßen interessant und zugleich zweckmäßig und nützlich seyn könnte, so müssen Sie es sich gefallen lassen, wenn ich etwas weiter aushohle und nach einem weitumfassendern Plan einige Fragen beantworte, welche die Kunstgeschichte und Kunstfortschritte Kursachsens überhaupt angehen. Ich schließe diese Vorrede nur noch mit der Angabe der Fragen, deren Beantwortung ich einige folgende Briefe zu widmen gedenke.

Dieser Plan also ist:

1) Was ist seit einer Epoche von ohngefähr dreißig bis vierzig Jahren für die bildenden Künste in Sachsen geschehen?
2) Was haben sich für Künstler und Männer während dieser Epoche in Sachsen bey den bildenden Künsten ausgezeichnet? [315]
3) In was für einem Zustande befinden sich dermalen die bildenden Künste in Sachsen?
4) Wie könnten die Fortschritte der bildenden Künste in Sachsen vielleicht gefördert und beschleunigt werden?

Leben Sie wohl, und segnen Sie mit mir den Oelbaum, unter dessen Schatten Sachsens Friedenskünste so fröhlich gedeihen können, wenn ein innerer Trieb von der Wurzel aus sie durchdringt.

Z.     

[444]

Zweiter Brief.

Sie erinnern mich, bester Freund, an mein Versprechen, Ihnen die Fortsetzung meiner Briefe über den Zustand und die [445] Fortschritte der bildenden Künste in Sachsen mitzutheilen. Ihr Brief findet mich auf dem Lande, und entfernt von allen Hülfsmitteln, um mein Versprechen, so wie ich es wünschte, zu erfüllen. Alles, was ich Ihnen daher mittheilen kann, werde ich Ihnen aus dem Gedächtniße mittheilen müssen. Denn wer wollte sich bei einer kurzen Reise aufs Land mit vielen Büchern und Portefeuilles beschweren? Erfahren Sie daher, bester Freund, daß ich so eben aus dem Blumengarten meines Freundes P ..., auf dessen Landsitz ich mich befinde, komme, und erlauben Sie mir, daß ich Ihnen ein kleines Gespräch, welches ich mit dem Gärtner dieses Gartens anknüpfte, sogleich auf frischer That mittheile.

Sage Er mir doch, mein lieber Gärtner, wie fängt Er es denn an, um solche schöne und seltne Blumen zu besitzen?

„Ey, warum sollte ich denn diese nicht haben, der gnädige Herr hat ja seine Freude daran und läßt es an nichts fehlen.“

Sein Herr liebt also die Blumen sehr?

„Freylich. Er nennt sie im Scherz oft seine Monatskinder.“

Der Spaß muß ihm doch aber viel Geld kosten?

„Dafür macht es auch ihm und allen denen, die zu ihm kommen, viele Freude, und Jedermann rühmt seinen Garten.“

Aber rechte Mühe muß es Ihm doch kosten?

„Ohne Mühe hat man nichts in der Welt; Mühe aber allein macht es doch auch nicht, man muß auch mit dem Dinge umzugehen wissen.“ [446]

Dafür ist aber auch die Gärtnerey eine Kunst!

„Das sagen gar Viele, und wissen doch nicht, worin das Künstliche besteht.“

Könnte Er mir das nicht mittheilen?

„Ey, da gehört gar viele Zeit dazu.“

Wenigstens nur so viel, als Er mir mit wenig Worten sagen kann.

„Nun so sehen Sie sich einmal recht um, wie vielerley schöne Blumen hier aufgeblühet stehen; die günstige Witterung ist nicht allein daran Schuld; jedes Pflänzchen verlangt seinen besondern Boden, seine besondre Behandlung und Wartung, und wer dieses nicht recht versteht, wie jede Pflanze behandelt seyn will, wird es in der Gärtnerey nie weit bringen. Nun giebt es wohl noch andre Schwierigkeiten, die zu bekämpfen übrig bleiben, das sind aber Neckereyen, welchen jeder Gärtner ausgesetzt ist. So sind zum Beyspiel die Erdflöhe, Schnecken u. s. w., die manches hoffnungsvolle Pflänzchen zernagen, und die, wenn man es nicht versteht, ihnen das rechte Brod zu backen, uns manchen Schaden zufügen.“ –

Hier kam eine Regenwolke, welche unserm Gespräche ein Ende machte.

Es wird Ihnen, bester Freund, sonderbar scheinen, daß ich Ihnen das Gespräch mit meinem guten ehrlichen Gärtner, welches freylich nicht viel Merkwürdiges in sich enthält, mittheile. Sollten Sie aber nicht schon selbst gefunden haben, daß es gerade alle die Punkte in sich enthält, [447] von welchen ich auszugehen Willens bin, um Ihnen meine Meinung über die bildenden Künste mitzutheilen?

Daß mein ehrlicher Gärtner solche schöne Blumen in seinem Garten besitzt, entsteht daraus, daß sein gnädiger Herr Freude daran findet. Ist dies nun nicht auch der Fall mit den bildenden Künsten, bester Freund? Will ein Staat die schönen Blumen, welche die bildenden Künste auf unsern Lebenspfad streuen, genießen, so muß sein Beherrscher vor allen Dingen auch selbst daran Freude finden.

Der Spaß muß ihm aber doch viel Geld kosten?

„Dafür macht es auch ihm und denen, die zu ihm kommen, viele Freude.“

Ist dies nicht der edelste Endzweck der bildenden Künste, zu den unschuldigen Freuden unsers Lebens beizutragen? und ist es nicht Pflicht für einen wohlgeordneten Staat, ja, ist es nicht eine seiner wichtigsten und wohlthätigsten Beschäftigungen, für die unschuldigen Freuden seiner Einwohner ernsthaft zu sorgen, und, da dies nicht ohne Aufwand geschehen kann, die dazu nothwendigen Summen, seinen Kräften gemäß, darauf zu verwenden? Und muß man nicht auch, wenn die Künste blühen sollen, den Boden kennen, auf welchem jede am liebsten wurzelt? Denn was hat nicht das Klima, die Sitten, die Religion, die Regierungsform, für einen wichtigen Einfluß auf den mehr oder weniger glücklichen Erfolg der bildenden Künste in einem Lande, und sind nicht günstige Umstände für sie, was die günstige Witterung für die Blumen unsrer Gärten ist? Ueber alles dieses sind wir, glaub’ ich, einig. Sie werden mich nun aber vielleicht fragen, was es mit den Erdflöhen, Schnecken und den [448] Neckereyen, von welchen mein ehrlicher Gärtner spricht, für eine Bewandniß hat? Dies mögen meinetwegen die sogenannten Halb- und Modekenner der Kunst seyn, die in den Tag hinein kritisiren, rezensiren und judiziren, und die durch ihre schiefen Urtheile manches saftreiche Pflänzchen in der Kunst verkrüppeln, welches vielleicht herrlich aufgewachsen wäre, wenn es, bevor es noch zu seiner Vollkommenheit gelangen konnte, nicht durch dergleichen Insekten gestört und verhindert worden wäre. Leben Sie wohl!

Nachschrift.

Eben geht die Nachricht ein, daß der wackre Gareis, auf welchen die Dresdner Kunstschule mit Recht stolz zu seyn anfieng, in Rom gestorben sey. Man hat ihm an der Pyramide des Cestius, nicht weit von unserm unvergeßlichen Kirsch, die letzte Ruhestätte bereitet!





  1. Aus der Feder eines der eifrigsten und geschmackvollsten Beförderer der Kunst in Kursachsen, dem wir für diese Mittheilung hiermit öffentlich unsern Dank abstatten.
  2. Etwas anderes ist, wenn Ausstellungen ausdrücklich mit dem Vorbehalt statt finden, daß darüber öffentlich geurtheilt und dies Urtheil auch dem Publikum bekannt gemacht werde. Denn wozu wäre denn Ausstellung, wenn selbst das kunstgerechte und freimüthige Urtheil dabey verstummen sollte? Etwa bloß zu einer Geburts- und Nahmenstags-Gratulation?
    d. H.