Buffalo-Bill

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Titel: Buffalo-Bill
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aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 582–586
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Buffalo-Bill.[1]


Wiederholt und von einsichtsvoller Seite ist die Kriegführung nachdrücklich getadelt worden, welche die amerikanische Regierung gegenüber den Indianern nun schon seit Jahren handhabt, und namentlich ist es die erfolgte Aufreibung und Aufopferung der Truppen, welche immer wieder die Unzufriedenheit aller Kreise der amerikanischen Gesellschaft wachruft. Wer erinnert sich nicht der lauten Entrüstung, die wie ein Schrei des Unwillens bei dem Tode Custer’s, dieses brillantesten Führers gegen die Indianer, durch das ganze civilisirte Amerika ging? Der Höchstcommandirende, General Crook, versprach damals ein rasches Ende des Feldzugs, aber obwohl die berühmtesten Scouts (Pfadfinder oder besser: Fährtensucher), die eine Spur mit gleichem Scharfsinne wie die Indianer

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Die Gartenlaube (1877) b 583.jpg

Buffalo-Bill.
Nach einer Photographie auf Holz gezeichnet von Adolf Neumann.

selbst aufzufinden wissen, immer wieder den Schlupfwinkel und Versteck der Feinde aufspürten, so waren doch, bis die Truppen langsam anrückten, die listigen Rothhäute stets entwischt, und der Sommer verging in nutzlosen Plänkeleien; die Truppen sind in ihre Winterquartiere eingerückt und die an den Kämpfen betheiligt gewesenen Indianer sammeln in ihren unzugänglichen Bergen frische Kräfte und begeistern sich an ihren Scalptänzen und Siegesgesängen zu neuen Thaten.

Der seiner Geschicklichkeit, Tapferkeit und Schlauheit wegen am meisten genannte Scout ist „Buffalo-Bill[2] Mr. F. W. Cody; er war es auch, der dem Großfürsten Alexis als Führer in den Prairien zur Büffeljagd beigegeben wurde. So ein Anführer der Scouts, wie Buffalo-Bill es ist, erhält von der Regierung für die Dauer seiner Dienste Majorsgehalt, Verpflegung und Pferde. Wenn die Scouts nicht von den Truppen benöthigt werden, so jagen sie auf eigene Rechnung, fangen Biber oder Opossums, ganz wie uns Cooper erzählt, und leben in steter Aufregung und Lebensgefahr, denn wenn sie auch noch so schlau sind, über kurz oder lang hängt doch ihr Scalp an dem Gürtel eines grimmigen Indianers.

Buffalo-Bill ist unter den Scouts eine eigenthümliche Erscheinung; er verwendet den Winter, seine Ruhezeit, nun schon seit vier Jahren auf höchst originelle Art: er läßt sich ein Schauspiel mit Scenen aus den Indianerkämpfen schreiben, zieht von Stadt zu Stadt und erwirbt auf diese gefahrlose Weise ein Vermögen.

Auch für Springfield war dieser Held des Tages, der vor [584] wenigen Monaten „Yellow Hand“ (gelbe Hand), einen Häuptling der Cheyennes, getödtet und scalpirt hatte, mit seiner Truppe angekündigt. Unsere amerikanischen Freunde konnten unser Entzücken darüber nicht ganz begreifen und noch weniger die bestimmte Erklärung: der Mann müsse uns vorgestellt werden und bei uns zu Gast sein – das war für unser puritanisch strenges, gesetztes und daher etwas spießbürgerliches Springfield doch eine zu starke Forderung, und „odd“ (ungewöhnlich oder wunderlich) war der glimpflichste Ausdruck, der uns dafür zu Theil wurde. Dennoch drangen wir mit unserem Wunsche durch.

Buffalo Bill wurde überall mit großen Lettern angekündigt; sein Drama hieß: „Der erste Scalp für Custer“, nahm also schon durch seinen Titel die größte Theilnahme in Anspruch. Wir hatten Sitze im Theater genommen; Buffalo-Bill, im Gespräch natürlich Mr. Cody genannt, war zu Tisch für den nächsten Tag geladen worden und hatte zugesagt.

Das Theater war gedrängt voll; freilich war das Publicum ein sehr gemischtes. Die Handlung des Stückes war weniger als unbedeutend, aber die einzelnen Scenen waren prächtig. Buffalo-Bill selbst erschien als Scout. Er trug ein Jagdhemd aus Leder, mit weißen Perlen benäht und mit Otterfell verbrämt, welches ihm, wie er uns später erzählte, eine indianische Squaw verfertigt hatte, ferner halbweite Leder-Beinkleider, oder Strümpfe, wie sie Cooper nennt, an den Seiten mit Franzen besetzt, welchen Anzug er seit vierzehn Jahren im Westen tagtäglich trägt. Er tritt in seinen Stücken immer als rettender Engel auf, erschießt Indianer-Häuptlinge, deren einer stets den herrlichen Federschmuck trägt, bestehend aus Krone und langem schmalem Mantel, welchen er dem bereits erwähnten Cheyenne-Häuptling „Yellow Hand“ abgenommen hat; er imitirt auch das Scalpiren und zeigt dabei Yellow Hand's wirklichen Scalp, von welcher Scene das Stück den Namen hat, da dieses Scalpiren die erste Waffenthat nach Custer’s Tode war.

Es traten noch einige andere Scouts mit Buffalo-Bill auf, alle in ähnlichen Anzügen, mit den riesigen Sombreros auf dem Kopfe, die langen Flinten in der Hand, die fürchterlichen Bowiemesser im Gürtel. Mit einem Bösewicht führt Buffalo-Bill einen jener entsetzlichen Messerkämpfe auf. Er ist einer der schönsten Männer, die man sehen kann, über sechs Schuh hoch, breitschulterig und doch schlank und elastisch, mit lang herabwallendem dunklem Haar und eben solchem Henri-quatre; seine großen rehbraunen Augen blitzen, wenn er erregt ist, furchtbar. Seine Jägerkleidung ist äußerst vortheilhaft für eine so schöne Gestalt, und eigenthümlich ist sein geräuschloses Auftreten in den weichen Mocassins.

Das Stück spielt, wie natürlich, in den schwarzen Bergen, dem Schauplatze der Indianergefechte, und man lebt Scenen nachträglich mit durch, welche sich wirklich begeben haben. Neben den heldenhaften dürfen die komischen Figuren selbstverständlich nicht fehlen, und der Irländer, der Deutsche und der Nigger spielen nach dieser Seite hin die Hauptrollen. Als zum Schluß Buffalo-Bill den Häuptling scalpirte und den wirklichen Scalp mit der einen Hand hoch erhob, während er sich mit der andern auf seine lange Flinte stützte, war er ganz das Bild eines Cooper’schen Helden. Seine Worte: „Der erste Scalp für Custer“ und die dabei bildlich dargestellte Apotheose des gefallenen Generals, sowie das sie begleitende Geheul auf der Galerie – alles dies mahnte an die Wirklichkeit.

Die Mittagsstunde des nächsten Tages rückte heran, und die Damen des Hauses harrten mit etwas bangen Gefühlen unseres Gastes, der sich auf der Bühne bei passender Scenerie, in gewohnter Umgebung wohl recht gut und vortheilhaft ausgenommen hatte, seine Salongewandtheit aber erst darthun sollte; wir fürchteten, ihn als eine der Figuren Bret Harte’s auftreten zu sehen, von denen es besser ist, sie nur im Buche kennen zu lernen.

Zur bestimmten Stunde erschien der ersehnte und gefürchtete Gast, leider nicht im Federkleid, sondern im „Civilanzug“, was ihm aber ein noch hünenhafteres und exotischeres Ansehen gab, da er den hier ungewohnten riesigen Sombrero beibehalten hatte. Nach allgemeinem Händeschütteln und gegenseitigen Vorstellungen trat die fast gewöhnliche kleine Pause vor Beginn eines Diners ein, und Buffalo-Bill, oder Mr. Cody, wie wir ihn nun „entledert“ nennen müssen, benutzte dieselbe, um einen raschen Blick über die kleine Gesellschaft zu werfen. Vielleicht wollte er auskundschaften, was wohl der Grund der Einladung gewesen. Da er aber überall nur auf dieselbe natürliche, aufrichtige Theilnahme und dasselbe rege Interesse am Ungewöhnlichen traf, welches ihm der Hausherr schon stürmisch entgegengebracht hatte, erheiterte sich sein anfangs sehr ernstes Gesicht zusehends, und seine etwas reservirten Bewegungen wurden wieder ungezwungen und natürlich.

Das Zeichen zum Aufbruche wurde gegeben, und wir begaben uns in das Eßzimmer. Vom Tische blinkte uns, bräunlich glänzend, der schöngebratene Truthahn, der Festbraten der Amerikaner, entgegen, und wir dankten es diesem schönen Vogel, daß das Gespräch sich augenblicklich belebte. Ein Freund des Hauses, Oberst W., zerlegte den Truthahn, und Buffalo-Bill konnte die Bemerkung nicht unterdrücken, daß der Oberst ein wahrer Künstler mit dem Messer wäre. Auf die Frage: ob Buffalo-Bill sich nicht zutraue, das Messer ebenso gut zu handhaben, meinte er: an so kleinen Thieren hätte er sich nie geübt; an einem Elk oder Büffel könne er seine Kunst schon zeigen.

Nun hatten wir unsern Gast gleich zu Anfang, wo wir ihn haben wollten – auf der Prairie, bei den Büffeln. – Er erzählte uns, daß seine Mutter eine Quäkerin englischer Abkunft aus Philadelphia gewesen sei, sein Vater Amerikaner und Agent für die Indianer, weit draußen im Westen auf einem vorgeschobenen Posten.

Da das Wesen dieser Agenturen vielleicht nicht allgemein bekannt ist, muß ich hier einige Worte über dieselben hinzufügen. Indianische Agenturen sind eine Art Cordon, der sich um die indianischen Reservationen zieht und gleichsam die letzte Grenze zwischen Civilisation und Wildniß, zwischen Bleichgesicht und Rothhaut bildet. Diese vorgeschobenen Posten, aus einem oder mehreren Blockhäusern bestehend, sind von Agenten bewohnt, welche von der Regierung aufgestellt werden, um die in ihrem Umkreis wohnenden Indianerstämme durch Subsidien an Pulver, Blei, Lebensmitteln, Decken und baarem Gelde freundlich gesinnt zu erhalten oder wieder zu versöhnen. Ein solcher Agent bekommt gegen 1200 Dollars Gehalt, macht sich aber leider in vielen Fällen auf Unkosten der armen Indianer ein großes Vermögen durch Verrechnung von nie an sie abgeführten Waaren und Geldern. Viele dieser Agenten haben sogar Indianerinnen zu Frauen, wodurch zwar eine freundlichere Stimmung der Stämme erzielt, aber nicht selten auch der Unterschleif begünstigt wird.

Diese Politik gegenüber den Indianern wird sehr getadelt; auf der einen Seite werden dieselben beschützt und bevorzugt, auf der andern verfolgt und vernichtet; mit der einen Hand giebt man, während man mit der andern nimmt. Die klugen Indianer machen sich diese sonderbaren Verhältnisse indessen zu Nutze, da der Agent unmöglich genau wissen kann, wie viele Indianer auf der Agentur anwesend sind und wie vielen er Subsidien zu entziehen hat; es kann daher immerhin eine Anzahl Krieger zu den feindlichen Stämmen stoßen und nach mitgemachten Scharmützeln ruhig nach Hause ziehen, die Wunden pflegen und sich an den ausgetheilten Lebensmitteln und Vorräthen laben, wie es nach den Kämpfen dieses Sommers gar oft der Fall war.

Diese Agenturen führen meistens den Namen des bedeutendsten Häuptlings der daran wohnenden Stämme, sind aber höchst exponirte Posten, da die paar darauf lebenden Männer, der Agent mit Familie und einigen Knechten oder Arbeitern, vollkommen machtlos wären, irgend einen feindlichen Angriff abzuwehren. Die Indianer werden auch nur durch die Angst vor Repressalien in Schach gehalten, welche zu fürchten sie oft Gelegenheit hatten.

Auf einer solcher Agentur wuchs Buffalo-Bill auf; er besuchte sogar eine sich damals dort befindende Missionsschule, genoß aber, wie er lachend gestand, nur drei Wochen lang Schulunterricht, da er einer Züchtigung halber davongelaufen war. Seine Mutter lehrte ihn lesen und schreiben, die Indianer fischen und jagen, und die Nothwendigkeit das Uebrige.

Als er als junger Bursche von einem längeren Jagdzuge auf die Agentur zurückkam, fand er das elterliche Blockhaus niedergebrannt, Vater und Mutter getödtet und scalpirt. Von da an schwur er den Rothhäuten Rache und bildete sich zum Scout und Kundschafter aus, bis er endlich in den letzten Jahren von der Regierung zum Chef der Scouts ernannt wurde.

[585] Mit Stolz erzählte er von den Jagden, die er mit dem Großfürsten Alexis abgehalten, und zeigte eine schöne Vorstecknadel, mit einem großen Türkis verziert, die derselbe ihm nebst anderen werthvolleren Gegenständen zum Geschenk gemacht hatte.

Seinen Beinamen „Buffalo-Bill“ hat er folgendem Vorgange zu danken: Der Stamm der Pawnee-Indianer war ihm sehr aufsässig, da er in Scharmützeln vergangener Jahre mehrere ihrer Tapfern getödtet hatte, weshalb er oft vor ihnen gewarnt und ermahnt wurde, auf seiner Hut zu sein. Einmal, im Sommer, war er einem General zugetheilt, der in einem der größeren militärischen Forts in Garnison lag, und beauftragt, einen guten Jagdgrund für eben diese Pawnees zu suchen. Als nun die erste Heerde Büffel erschien, umzingelten die Indianer, gegen hundertfünfzig Mann stark, mit gewohnter Geschicklichkeit die Heerde und erlegten nicht weniger als fünfundzwanzig dieser mächtigen Thiere. Mr. Cody bat den General, ihm zu erlauben, die nächste Heerde Büffel allein zu attaquiren, um den Indianern zu zeigen, „wie man Büffel schießen müsse“. Es wurde ihm bewilligt; die zweite Heerde erschien, und Mr. Cody ritt in gewohnter Weise allein in sie hinein; die Zügel seines gut dressirten Pferdes mit den Zähnen, das Gewehr aber bald im rechten, bald im linken Arm haltend und immer seines Zieles, auch im schärfsten Galopp und bei den kühnsten Wendungen, sicher, erlegte er siebenundvierzig Büffel.

Die Indianer waren überrascht und erstaunt, sich in dieser Weise von einem einzelnen Manne, und noch dazu einem „Weißen“, in ihrer eigenen Kunst und Geschicklichkeit übertroffen zu sehen, da sie aber die größte Achtung vor Tapferkeit und Geschicklichkeit haben, so wandelte sich ihr Haß gegen Cody in Freundschaft und Bewunderung, und von da an hieß er „Buffalo-Bill“. Er liebt diesen nom de guerre auch so, daß er sich nie anders unterschreibt als: Mr. F. W. Cody, Buffalo-Bill. Die Indianer nennen ihn aber noch lieber „Langhaar“ – seines wallenden Haares wegen, auf welches sie in aller Liebe und Freundschaft wohl immer noch speculiren.

Den vorigen Sommer wurde Buffalo-Bill dem General Merritt beigegeben, war also nicht bei der Custer-Affaire. Eines Tages wurden heranrückende Indianer angemeldet, welche den Militärtrain für die Avantgarde hielten und mit ihm in Kampf geriethen. „Yellow Hand“, der schon erwähnte junge Cheyenne-Häuptling, wählte sich Buffalo-Bill als würdigen Feind; dieser kniete kaltblütig nieder, zielte und sandte eine Kugel durch das Bein des Häuptlings, welche zugleich das Pferd tödtete; Roß und Reiter stürzten, und ehe Letzterer sich wieder aufraffen konnte oder seine Freunde ihm beizustehen vermochten, hatte eine zweite Kugel ihn getödtet. Wüthend erreichten die zu Hülfe gesandten Indianer den Kampfplatz, im festen Glauben, die tollkühne kleine Bande zu vernichten, als zu ihrem Entsetzen eine lange blaue Linie wie aus der Erde vor ihnen auftauchte und Compagnie K mit Oberst Mason an der Spitze an sie heranbrauste.

In wilder Hast flohen die Cheyennes, ihre Todten zurücklassend, und nur selten bei unsicherem Feuern kurzen Stand haltend. Obwohl selbst verwundet, fand Buffalo-Bill doch Lust und Muße, den Cheyenne-Häuptling seines prachtvollen Federschmucks, seiner Mocassins und – seines Scalpes zu entledigen.

Buffalo-Bill hatte, von uns dazu aufgefordert, das Vorstehende so einfach und natürlich erzählt, als ob es sich um ganz Alltägliches handle; ich konnte den Bericht über das „Scalpiren“ aber nicht so ruhig hinnehmen und fragte, ob ein besonderer Grund für Nachahmung dieses scheußlichen indianischen Gebrauches vorliege. Seine Erklärung und Entschuldigung war: Die Indianer machen sich aus dem Sterben gar wenig, das Verlieren des Scalpes ist aber für sie schrecklich; ohne Scalp kann der Indianer nicht feierlich begraben werden; ohne Scalp kann er nicht in den „glücklichen Jagdgründen“ erscheinen; ferner haben Soldaten und Scouts so oft mit Heldenthaten geprahlt, wollen so viele Häuptlinge und Krieger getödtet haben, stecken wohl auch dafür ausgeschriebene Prämien ein, daß ein Beweis nothwendig geliefert werden muß, und – das ist der Scalp. Von den Indianern erführe man nie Gewisses, da sie so lange wie möglich ihre Verluste verheimlichen oder Lügen darüber ausstreuen.

Als eine anwesende alte Dame Buffalo-Bill fragte: ob der Häuptling aber auch gewiß todt gewesen sei, als er ihn scalpirte, flog ein eigenthümlich kaltes und hartes Lächeln über Bill’s Züge; die weißen Zähne schlossen sich fest, als er sagte: „Es war ziemlich lebhaft um mich herum; ich mußte mich beeilen, er wird aber wohl schon ganz todt gewesen sein.“

Und da saß dieser Mann, dieser kühne Jäger und kaltblütige Schütze, aufgewachsen an der Grenze der Civilisation, im täglichen Kampf mit wilden Thieren und noch wilderen Menschen, er, der von jeher die Rohesten unter den Rohen als Umgang und Gesellschaft gehabt hatte – da saß er, in Manieren und Bewegungen ein echter Gentleman; kein derbes unpassendes Wort kam über seine Lippen, kaum ein leicht verzeihlicher halber kerniger Ausdruck bei animirter Erzählung einiger „Border-life“-Scenen. Und wie beschämt würden manche unserer feinsten Herren und Damen seiner Handhabung des Messers und der Gabel zugesehen haben! Nie führte er das Messer an den Mund, noch weniger schnitt er sich kleine Stücke vor, wie ich oft in der alten Welt in den besten Kreisen zu sehen Gelegenheit hatte. Im Anstand beim Essen hat der geringste Amerikaner etwas vor dem höchsten Europäer voraus, denn was bei diesem anerzogen ist, das ist bei jenem angeboren, aber doch hat es mich überrascht, selbst bei diesem Sohne der Wildniß dieselbe Eigenthümlichkeit anzutreffen.

Eine Scene aus seinem Leben muß ich hier noch erzählen, da sie sowohl den Mann selbst, wie das wilde gesetzlose Leben da draußen kennzeichnet.

In einem der so rasch entstehenden Goldgräber-Dörfer rannte eines Tages ein Betrunkener wie wahnsinnig herum, auf alle ihn Begegnenden mit seinem Revolver schießend; der Mann war als schlechtes, verrufenes, immer Händel suchendes Subject bekannt, und Alles flüchtete in die Häuser und Hütten. Da kam ihm Buffalo-Bill entgegen; der Betrunkene legte an, zielte – in demselben Momente winkte Buffalo-Bill wie abwehrend mit der Hand und sagte kaltblütig, als ob er zu Jemand hinter ihm spräche: „Schieße nicht! Er macht nur Scherz.“ Der Säufer sah sich rasch um und fiel in demselben Moment, von einer Kugel aus Buffalo-Bill’s Rohr getroffen, todt zu Boden. Diese beispiellose Geistesgegenwart hat nicht nur dem Scout, sondern vielen Anderen das Leben gerettet.

Buffalo-Bill ist achtunddreißig Jahre alt, aber trotzdem und ungeachtet des rauhen Lebens, welches er führt, hat sein Blick und selbst sein Betragen etwas Kindliches, was wieder ganz an den „Lederstrumpf“ erinnert. Daß ihm auch Sentimentalität nicht fremd ist, beweist Folgendes: Er benutzte während vieler Jahre eine Flinte, welche er „Lucrezia Borgia“ getauft hatte, und als diese nach und nach dienstuntauglich wurde und er die Patronenhülsen immer mit dem Ladestock herausstoßen mußte, wurde er einmal auf der Jagd durch dieses Versagen so in Wuth gesetzt, daß er die alte Waffe an einen Baum schlug; der eiserne Lauf blieb tief im Stamme stecken. Mißmuthig ritt er in sein zwanzig Meilen entferntes Lager; dort angekommen, war sein Zorn verflogen – das treue Gewehr, welches ihm so oft das Leben gerettet, erbarmte ihn, und müde wie er war, ritt er zurück und holte es sich wieder; nun hängt es bei ihm zu Haus in Rochester, N.-Y. – Buffalo-Bill ist nämlich seit einigen Jahren verheirathet.

Bei Erwähnung seines Lieblingsgewehres – die Gewehre, die er immer benutzt, sind „Winchester Repeating Rifles“ – reichte ihm eine Dame zum Scherz ein kleines Etui mit einem Modell österreichischer Cavaleriepistolen, welches auf dem Kamingesimse stand. Das Erstaunen und Entzücken Buffalo-Bill’s beim Erblicken dieser winzigen, wundervoll gearbeiteten Pistolen, von einer belgischen Fabrik verfertigt, war wirklich amüsant; er zog die Hähne auf und war überrascht von der Stärke der Pistons; er bewunderte den kleinen, elfenbeinernen Griff, schraubte den ciselirten, zolllangen Lauf ab und war wieder der leibhaftige „Hirschtödter“ beim Erblicken der elfenbeinernen Elephanten. Als ich ihm nun die Pistolen zum Geschenk anbot, war er wirklich sprachlos vor Freude: dann aber war sein erstes Wort: „Was würde ein Indianer sagen, wenn er diese Pistolen sähe? Was würde er mir nicht dafür bieten? Wenigstens zwei Maulthiere und Felle. Aber diese Pistolen sind mir um Nichts feil; ich habe schon viel geschenkt erhalten, aber nichts, was mir so viel Freude gemacht hätte.“

Ich sagte ihm, daß meines Wissens nur zwei Paare dieser Modellpistolen existiren, ein Paar im Besitz des Erzherzogs [586] Albrecht von Oesterreich und das zweite Paar nun in seinen Händen. Er war von der Seltenheit seines Geschenkes so überzeugt, daß ihm diese Erklärung ganz Nebensache war und überflüssig erschien. Die paar Stunden, die er bei uns zubrachte, ließ er die kleinen Waffen nicht aus der Hand, und nur beim schwarzen Kaffee lenkte die Nonplusultra-Dampf-Kaffeemaschine von Bude und Comp. in Wien seine Aufmerksamkeit einige Augenblicke ab; er verfolgte mit dem größten Interesse meine Manipulationen, und als plötzlich der Dampf zischend durch die kaum sichtbare Oeffnung entwich und zugleich der herrliche Kaffee in die Kanne tropfte, meinte er: das benöthige ja einen eigenen Ingenieur und die Indianer würden, dieser Maschine gegenüber, an ein Wunder glauben.

Zwei Recepte, welche er uns gab, muß ich doch für Feinschmecker noch mittheilen: Man erlegt einen Büffel, schneidet ihm den Kopf ab, gräbt eine Grube, füllt sie mit dürrem Holz und zündet dasselbe an; wenn die Gluth groß genug ist, legt man den Büffelkopf mit Haut und Haar hinein, häuft Erde darüber und legt sich, in seine Decken und Felle gehüllt, zur Ruhe; am Morgen gräbt man den Kopf aus, bricht ihn mit einer Axt auf und hält nun eine herrliche, leckere und kräftige Mahlzeit. – Auch eine indianische Zubereitung hat er uns mitgetheilt, die nach culinarischen Principien ganz correct ist, die aber des dabei angeordneten Materials wegen recht „indianisch“ ist: Man schneidet saftige Stücke aus dem Büffelfleisch, wickelt sie in Büffel-„Dünger“ und hängt sie an Stöcken über das Feuer; wenn diese Hülle abfällt, sind sie gahr und haben nicht einen Tropfen Saft verloren.

Der Hausherr fragte Bill unter Anderem: ob und womit die Pferde da draußen geputzt und gepflegt würden. „Mit Peitsche und Sporn“ war die Antwort, und wieder erschien das kalte Lächeln, und die weißen Zähne schlossen sich. Wären diese kleinen Blitze einer wilden und bei aller Kaltblütigkeit in Momenten der Aufregung vielleicht doch ungezügelten Natur nicht gewesen, so würde mir der Mann fast zu „zahm“ erschienen sein, und dies hätte mir das Bild eines waghalsigen Jägers und todesverachtenden Fährtensuchers bedeutend beeinträchtigt.

Als es Zeit zum Aufbruch war, nahmen wir herzlich Abschied von dem gentlemanischen Scout, dieser specifisch amerikanischen Figur, und obwohl ich mich eines leichten Schauders beim Gedanken an das Scalpiren nicht erwehren konnte, erwiderte ich doch herzhaft seinen kräftigen Händedruck. Am andern Tage erhielten wir von unserem ungewöhnlicher Gast eine sehr gute Photographie, die ich beilege und deren Veröffentlichung in passender Holzschnittwiedergabe ich der Redaction überlasse.

  1. Im Hinblicke auf unsern Artikel über das Das Blutbad am Kleinen „Big-Horn“-Flusse (Nr. 33, 1876) sowie auf die jüngste Ueberrumpelung der Regierungstruppen durch die Indianer dürfte die nachstehende Schilderung – geschrieben in Springfield, Massachusetts, im Januar dieses Jahres – von besonderem Interesse sein. Sie enthält eine farbenreiche Charakteristik eines in den Operationen gegen die Rothhäute hervorragenden Agenten der Regierung und wirft auf die amerikanischen Zustände nach mehr als einer Seite hin ein scharfes Licht.
  2. Büffel-Bill. Bill, eine Abkürzung von William.