Burg Volmarstein

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
Autor: Friedrich de la Motte Fouqué
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Burg Volmarstein
Untertitel:
aus: Deutscher Dichterwald. Von Justinus Kerner, Friedrich Baron de La Motte Fouqué, Ludwig Uhland und Andern.
S. 203–211
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1813
Verlag: J. F. Heerbrandt’sche Buchhandlung
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Tübingen
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Google und Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[203]

Burg Volmarstein.

1.

Ich will Euch eine deutsche Mähr’ verkünden,
Des freundlichen und ernsten Sinnes voll.
Es steigt in der westphäl’schen Grafschaft Mark
Von kühner Höh’ ein Burggetrümmer auf,

5
Drin gern des sinn’gen Wandrers Tritt verweilt.

Sie heißen’s Volmarstein,
Den Grafen nach, die einstens dort gehaus’t.
Nun stehn die Thürme leer, durch ihre Fenster
Glüht Abendroth und wandelt Zugluft frei,

10
Wenn nicht ein wucherndes Gesträuch

Die üpp’gen Gitter drüber hin verzweigt.
Hoch rauscht das Gras im Schloßhof,
Die Mauern nickten ein, und ihre Steine
Sehn gräbergleich aus den Gebüschen vor.

15
Im Thal derweile rauschet fort und fort

Der Strom dahin, mit unverstand’nen Lauten
Erzählend noch von mancher alten That,
Und hohe Buchen flüstern mit darein.
Wir Deutsche rasten gern auf solchen Trümmern,

20
Drum thut sich vor dem Bild des Volmarstein’s

Das Herz mir auf,
Und zweifl’ ich, liebe Landsgenossen nicht,
Manch’ edlem Herzen noch geht’s eben so.

2.

Wer hat in seiner stolzen Ritterpracht

25
Den großen Grafen Volmarstein gesehn,
[204]

Wenn er zum Waidwerk ritt von seiner Burg?
Zwölf weiße Rosse, Hörner goldhell klingend,
Und sieben Koppeln grauer, flücht’ger Doggen,
Die Jäger silberblank an Wehr und Kleid.

30
Wer sah ihn, wenn er auszog in die Schlacht?

Gold seine Rüstung, hundert Lanzen starrend
Um des gewalt’gen Herrn gekrönten Helm.
Und wie sein Schlachthorn rief,
Stand’s rings aus reichen Dörfern wimmelnd auf,

35
Aus Städten auch, ein kräft’ges Mannenheer,

Und tos’te übermächtig durch das Land,
Bis Siegesfest scholl auf Burg Volmarstein.
Dann ging ein süßes Licht auf
Beim Heldenmahl:

40
Des Grafen einzig Kind, Fräulein Ludmille,

Noch überglänzend all’ des Vaters Glanz,
Und doch demüthig, wie ein Reis am Thalstrom.
Glücklicher Graf,
Hüt’ dich! Das Glück schwingt überhoch den Fittig,

45
Und droben weilt es nicht. Schon grollt der Kaiser

Ob mancher allzukecken Ritterthat;
Schon lauert grimmig manches Neidhard’s Blick.
Graf, hüte Dich! Hüte Burg Volkmarstein!

3.

Im grünen, sonndurchblickten Bergforst

50
Hebt sich ein freudigliches Ballspiel an;

Fräulein Ludmilla ist’s mit ihren Jungfraun,
So hold und frisch, wie schönre Waldesblumen,
Und durch die Zweige weht ein mildrer Lufthauch,
Und heller singen Frühlingsvögel drein.

[205]
55
Von jener Seite steht an Baches Rand

Ein’ Mädchenreih’ auf schatt’gem Erlenhügel,
Von dieser auch auf schroffem Buchenfels,
Und hin und her,
In mannigfach verschlung’nem Flug und Maaß,

60
Schwingen sich golddurchwirkte, bunte Bälle.

Da aus Ludmillens zarter Hand
Fliegt einer hoch empor in blaue Luft,
Zu hoch, denn streifend an das Buchengrün,
Fehlt er die Bahn, stürzt in des Baches Flut.

65
„Oh Schad’, o Schade!“ seufzt das Fräulein auf,

„Er war der liebste mir von all’ den Bällen.“ –
Kaum noch entflog dem ros’gen Mund das Wort,
So fliegt ein Jüngling aus dem Busch hervor,
Im grünen Pirschgewand, schlank, Hirsches schnell,

70
Taucht in die rasche Woge, taucht empor,

Und bringt, anklimmend auf den Buchenfelsen,
Den schönen Ball der schönen Magd zurück.
Die steht erröthend und erschreckt.
Der Jüngling aber schaut aus hellen Augen

75
Sie freundlich an, und spricht: „so nehmt doch hin!

Ihr habt ja so verlangt nach Euerm Spielzeug,
Daß mir es recht bis an die Seele gieng.
Da ist es ja.“ – Sie nimmt und dankt.
Er aber sagt: „nach Wölfen zog ich aus,

80
Und fing ’nen Ball. Ei wunderliches Waidwerk!“

Und lacht recht herzlich; auch die Jungfrau lächelt.
Wie sie ihm aber mehr in’s Antlitz schaut,
Erkennt sie staunend
Den hochgewalt’gen Freiherrn von der Reck,

85
Den sie wohl sonst im Ritterprunk gesehn
[206]

Beim festlichen Turnier. „Ach Himmel! – spricht sie,
Wer hätt’ an Euch gedacht, als aus der Flut
So leicht und lachend aufklomm dieser Waidmann,
Ihr mächt’ger Ritterheld! Ihr ernster Kämpfer!“

90
„Das ist einmal die Art in unserm Stamm, –

Lächelt zurück der Freiherr –
Wir halten’s mit dem Leben leicht und froh.
Doch freilich, wo es Ernst und Hoheit gilt,
Und strenge Kraft, wird jeder deutsche Ritter

95
Ein leuchtend Erz, mit seinem Harnisch eins.“

Da ruft ein Hüfthorn aus den Bergen her;
Die Waidgenossen suchen nach dem Freiherrn.
Er grüßt, und wendet sich zu seiner Burg,
Das Fräulein sich zum hohen Volmarstein.

100
Doch mit ihr wandelt

Deß Weidmanns leuchtende Gestalt im Sinne,
Das holde Frau’ngebild
Im Sinn des Freiherrn lieblich funkelnd mit.
Nicht er, nicht sie schaun rückwärts,

105
Doch Jedes schaut das Andre licht und klar.

Das sind Frau Minne’s blanke Wunderspiegel!

4.

Als in die Burg eintrat der große Freiherr,
Da stand vor ihm ein Mann im Wappenrock,
Des heil’gen, röm’schen Reiches Adlerbild

110
Auf seiner Brust.

Er kannt’ ihn wohl den kaiserlichen Herold,
Und flog die Trepp’ hinan,
Um abzuthun das leichte Jagdgewand,

[207]

Zu rüsten sich in volle Ritterpracht,

115
Daß er den Boten nach Gebühr empfange.

Schon saß er stahlblank in dem Saal, es trat
Der Herold vor ihn, und begann die Kunde.
Die schnitt verletzend ein in tapfre Brust,
Denn gegen Volmarstein Acht, schwere Reichsacht

120
Sprach aus der strenge Bote,

Und lud es auf des Freiherrn gutes Schwerdt,
Den Kampf zu führen auf den stolzen Grafen,
Zu treiben ihn aus seiner Burg mit Heer’smacht,
Und dann zu brechen dieß verfehmte Haus.

125
Der Freiherr drängt zurück

Ludmillens holdes Bildniß.
Auf springt er, läßt vom Thurm das Heerhorn blasen,
Sagt ab dem Grafen, Namens deutschen Reichs,
Und bald in’s Feld rückt seine Mannenschaar.

5.

130
Ein guter Hauptmann war Graf Volmarstein,

Ein bess’rer war der Freiherr von der Reck,
Vom Feld getrieben in zwei heißen Treffen
Hat schon der junge Kriegesherr
Den alten Degen in die starke Veste;

135
Rings breitet die Belag’rung sich umher.

Einstmals am Abend reitet
Der Freiherr um den stolzen Bau, zu spähn,
Wo er den Strum am besten mag beginnen.
Da singen seine Reiter in dem Lager,

140
Und ihm zu Ohren kommt dieß alte Lied:

Schön Alda stand auf dem Schlosseswall,
Ritter Roland zog an mit Waffenschall.

[208]

Ritter Roland war der beste Held,
Frau Alda’s Mannen die flohen durch’s Feld.

145
Da sah Ritter Roland in die Höh’. –

„Ritter Roland, wird dir krank und weh?
Ritter Roland, traf dein Haupt ein Pfeil?
Oder deine Brust ein geschwungen Beil?“
„Mich traf keine Waffe zu dieser Stund,

150
Aber dennoch bin ich todeswund.

Was mich getroffen, das rathet Ihr nicht.
Es kam durch die Luft, wie Sonnenlicht;
Schoß unter zwei schönen Bogen hervor,
Drang aus einem himmelblauen Thor;

155
Und soll ich jemals werden gesund,

So ist mein Arzt ein Weibermund.“
Sie riethen es nicht, die Schlacht war aus,
Herr Roland zog still und krank nach Haus.
„Ich freilich rath’ es wohl!“ so sprach zu sich

160
Der Freiherr von der Reck und seufzte tief,

Denn von des Schlosses Zinnen
Sah in das Thal Ludmille just herab,
So goldig schön in Abends hellen Lichtern,
Daß sie fast schöner war, als jüngst im Wald.

165
Ein Weilchen schweigt der Freiherr, senkt das Haupt, –

Dann sprengt er frisch sein Roß an,
Und denkt: „Herr Roland ritt wohl krank nach Haus,
Der Freiherr von der Reck thut, was sein Amt ist.“ –
Hell freudig trabt er durch die Schaaren hin,

170
Und ruft sie an mit heiterm Feldherrnwort,

Verheißt auf Morgen Sturm,
Und alle Mannen jubeln muthig auf,
Schild klirrt an Schild, weithin ertönt
Der Waffen lust’ger Gruß das Thal entklang.

[209]

6.

175
Was flattert von den Thürmen

Des hohen Volmarsteins?
Ei Gott, es ist ein Zeichen, unerhört,
Man hätte meinen sollen, ewig fremd
Auf dieser Mauern trotzigem Gebäu!

180
Es ist die weiße Fahne,

Die Unterhandlung heischt, Ergebung kündet.
„Halt!“ ruft der Freiherr, und die erznen Schaaren,
Von allen Seiten kühn herangerückt,
Sie stehn. Zum Schlosse trabt des Reiches Hauptmann,

185
Und auf dem Wallgang zeigt der Grafe sich,

Hoch, bleich, auch noch in seinem Falle groß.
„Was willst du mir, du tapfrer Volmarstein?“ –
„Die weiße Fahne sagt’s. Spar’ mir das Wort.“ –
„Den freien Abzug, Graf, vergönn’ ich Dir.“ –

190
„Mit allem Gut? – Nein, das verwehrt das Reich.“ –

„So hülflos treibst Du fort den Volmarstein?“ –
„Mir blutet drob das Herz, Du alter Held!
Hör an, was mir des Krieges Recht vergönnt:
Zeuch aus mit all’ der Habe,

195
Die du, samt deinem ganzen Hausgesind

Fortragen kannst durch meiner Schaaren Reihe,
Soweit sich die vom Thor der Veste dehnt.“ –
„Und diese Burg?“ – „Spar’ du auch mir das Wort.
Du weißt, was der Reichsfeinde Häuser trifft.“ –

200
Da fallen große Thränen

Dem Grafen in den Bart.

[210]

„Es gilt!“ so spricht er dann. „Stell’ deine Schaaren,
Daß wir beginnen unsern trüben Zug!“

7.

Sie zogen allsamt aus dem Thorgewölb,

205
Graf, Mannen, Frauen, Knappen, schwer belastet.

Mit reichem Gut,
Und lauernd standen in zwei erznen Reih’n
Die Sieger da, ob irgend wem die Bürde
Von seiner Schulter sänke, sie alsdann

210
Zur wohlverdienten Beute zu empfahn.

Wo aber sich das Lichtlein
Des ganzen langen Zugs, Fräulein Ludmille,
Sehn ließ, da blieben all’ die Augen starr,
Und dachte Keiner mehr an Geld und Gut,

215
Die süße Magd allein, allein beachtend.

Die schreitet engelhold
In’s Thal hinab, als trügen sie zwei Flügel,
Und sei für sie der Erdball nichts, als Staub,
Und all’ sein Gut ein thöricht Puppenspiel;

220
Bis sie dahin kam, wo in Harnischpracht,

Den Helmsturz auf, mit leuchtendem Gesicht,
Der große Freiherr stand vor den Geschwadern.
Vor seinen liebend hellen Flammenaugen
Kehrt sie das holde Antlitz schaamroth ab –

225
Da gleitet auf dem Bergpfad

Ihr zarter Fuß.
Sie sinkt – und gleich in seinen starken Arm
Faßt sie der Freiherr von der Reck, und ruft:
„Was fällt, ist mein!“

[211]
230
Staunend blickt nun und trüb’ der hohe Graf,

Doch edler Werbung sitt’ge Worte breiten
Bald einen Stral der Freud’ auf seine Stirn.
Süßlächelnd steht die Jungfrau,
Und ehrne Hand in ehrne Hand gefügt,

235
Beschließen holden Bund die Herrn allzwei,

Derweil die Botschaft durch die Schaaren fleugt
Und die zwei langen Reih’n
Mit lautem Ruf und freud’gem Waffenklirren
Hochleben lassen Bräutigam und Braut.

240
Wohl brach der wackre Schwiegersohn seitdem

Burg Vormarstein nach deutschen Reichs Gebot,
Daß noch die Trümmer zeugen
Von seiner Kraft und strengen Rittersitte,
Doch andre schön’re Burgen baut’ er auf,

245
Und Heldenkinder lächelten den Gram

Um die gebrochne Veste
Von ihres großen Ahnherrn Brauen fort.
Noch heutzutage prangt das edle Wappen
Der Volmarsteins

250
Im Wappenschild der Freiherrn von der Reck.


 de la Motte Fouqué.