C. A. Görner †

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Textdaten
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Autor: W. H.
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Titel: C. A. Görner †
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 308
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1884
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[308] E. A. Görner, †. Freund Hein, der Sensenmann, steht im Begriffe, seinen guten Ruf vollständig zu Grunde zu richten. Viel Rühmenswerthes haben die Menschen überhaupt nie von ihm zu erzählen gewußt, aber man mußte ihm wenigstens die Tugend der Unparteilichkeit zugestehen. „Aus allen Kreisen nimmt er seine Opfer, ihm gilt der Bettler gleich dem Edelmann.“ Doch auch dieser Unparteilichkeit scheint er untreu werden zu wollen, denn er hat es neuerdings speciell auf die deutsche Bühne abgesehen, der er in kurzer Zeit eine ganze Reihe ihrer hervorragendsten und bekanntesten Mitglieder geraubt. Die Schauspielkunst hat in den letzten Monaten einen empfindlichen Verlust nach dem andern gehabt; binnen wenigen Monaten Ernestine Wegner, Josephinc Gallmeyer, Karl Laroche und nun auch der alte Görner, der norddeutsche Laroche todt! Mit dem alten C. A. Görner, der am 9. April in Hamburg während der Aufführung seines neuesten Lustspiels im Thaliatheater verschied, ist der Nestor der norddeutschen Schauspieler und Bühnenschriftsteller gestorben, denn es sind mehr als sechszig Jahre verflossen, seit er zum ersten Male die Bühne betrat und seit er sein erstes Lustspiel geschrieben. Fast klingt es uns wie ein Märchen, wenn wir lesen, wie der Mann, der noch vor wenigen Wochen als Regisseur und Schriftsteller unermüdlich thätig war, seine künstlerische Anregung durch den Umgang mit Ludwig Devrient gewann[1], wie er als angehender Kunsteleve an einem bitterkalten Februartage des Jahres 1822 zu Fuß von Berlin nach Stettin wanderte, um sich dort bei einer Wochengage von zwei Thalern als „Komödiant“ engagiren zu lassen. Im Jahre 1824 sehen wir ihn schon, einen jugendlichen Impressario von achtzehn Jahren – Görner war am 29. Januar 1806 in Berlin geboren – an der Spitze eines Hoftheaterensembles, wie wir heute sagen würden, nämlich mit der Köthener, vormals herzoglichen Theatertruppe Mitteldeutschland bereisen, bis er in Neustrelitz wieder festes Engagement annahm. Sein Rollenkreis war derselbe wie bei Altmeister Laroche, er umfaßte vorzugsweise Bösewichte und Intriguanten; doch war auch der Nathan eine Glanzleistung Görner’s, und an seinen komischen Genrefiguren, wie Falstaff u. a., konnte man noch in den letzten Jahrzehnten die unverwüstliche Frische des Görner’schen Humors bewundern. Die Eigenthümlichkeit Görner’s als Schauspieler bildete ein klüftiger, aber stets künstlerischer, nie in Naturalismus ausartender Realismus; viele aus feinster Menschenbeobachtung hervorgegangene Züge gaben seinen Leistungen jene vollendete Natürlichkeit und Wahrheitstreue, die ihn zu einem hervorragenden Schauspieler machten.

Als Görner im Jahre 1822 sein erstes Bühnenstück: „Gärtner und Gärtnerin“ schrieb, beherrschte noch die hausbackene Moral und Rührseligkeit der Iffland’schen dramatischen Familiengemälde die Bühne, und man findet bei Görner den Einfluß Iffland’s, später auch den der Birch-Pfeiffer mit Leichtigkeit heraus. Doch traf Görner auch den Ton des modernen Lustspiels mit Glück. Es giebt keine deutsche Bühne, von den ersten Hoftheatern bis herab zu den erbarmungswürdigsten Sommerbühnen, die nicht Görner’s „Geadelten Kaufmann“ zur Aufführung gebracht hätte, und noch heute ist dieses Stück, in welchem der Verfasser das reelle Landvolk der unsoliden Speculation und dem Hochmuthsteufel gegenüberstcllt, überall ein gern gesehenes Repertoirestück. Die Zahl der Görner’schen Stücke beläuft sich auf anderthalb Hundert, doch zu den frischen Lorbeeren, die sie ihm eingebracht, hat der goldene Lorbeer sich nicht gesellt; denn als Görner die meisten seiner Bühnenstücke schrieb, war der Begriff der Tantiemen noch nicht erfunden und es existirte noch kein Schutz für das geistige Eigenthüm. Eine gesicherte Stellung als Oberregisseur am Hamburger Thaliatheater verschaffte indessen dem greisen Schauspieler und Bühnenschriftsteller einen angenehmen, sorgenlosen Lebensabend, und in dieser Stellung ist C. A. Görner auch gestorben, wie der Soldat auf dem Felde der Ehre, in einer Theaterloge, während der Aufführung seines Schwankes: „Amerikanisch“. Ein tödtlicher Schlaganfall machte dem Leben des um die deutsche Bühne so vielfach verdienten Mannes ein rasches und sanftes Ende.
W. H.
  1. Ludwig Devivrient, der älteste und hervorragendste von den berühmten Trägern dieses Schauspielernamens, war am 15. December 1784 geboren; sein hundertjähriger Geburtstag fällt mithin in dieses Jahr, ebenso wie der hundertste Geburtstag Karl Tehodor von Küstner’s dem die später erwähnte Einführung des Tantièmenwesens (die Abführung eines gewissen Procentsatzes von den Einnahmen an den Dichter) zu danken ist. Die deutsche Bühne hat alle Ursache, beide Gedenktage nicht gleichgültig vorübergehen zu lassen.