C. W. Allers und seine Bismarck-Mappe

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Autor: E. von Wald-Zedtwitz
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Titel: C. W. Allers und seine Bismarck-Mappe
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1892
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Rezension "Fürst von Bismarck in Friedrichsruh"
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[784]
C. W. Allers und seine Bismarck-Mappe.
Von E. von Wald-Zedtwitz.

„Ich sitze seit einigen Tagen höchst gemüthlich beim Eisernen Kanzler,“ so lautete der Zettel, den mir mein Freund Allers – er schreibt fast immer auf ein beliebiges Stück Papier, das ihm gerade zur Hand ist – vor längerer Zeit von Friedrichsruh aus schickte und der mich vermuthen ließ, daß dort ein neues Werk seines Stiftes im Werden begriffen sei. Ich hatte mich nicht getäuscht, den in jenen Tagen entstand die Mappe „Fürst von Bismarck in Friedrichsruh“, welche in 70 Blättern das Leben des greisen Kanzlers in seinem von Buchen umrauschten Tuskulum vor Augen führt und welche nunmehr das Licht der Oeffentlichkeit erblicken soll.

Keine Lobrede will ich halten, man kann es den Werken von

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Der Fürst geht aus.

Allers und insonderheit diesem neuesten ruhig überlassen, für sich selbst zu sprechen. Nur soviel will ich mir zu bemerken erlauben, daß gerade dieser Bismarck-Mappe eine Bedeutung zu kommt, die weit über das Interesse des Tages, auch über das künstlerische, hinausragt. Noch späte Geschlechter werden es dem Maler dank wissen, daß er ihnen den Mann, der einst so viel erstritten hat und so viel umstritten wurde, in lebenswahrer Anschaulichkeit verewigt, daß er es ihnen ermöglicht hat, diesen Mann zu sehen, wie er als Mensch im Kreise der Seinen lebte.

Und ein anderer als Allers mit seinem angeborenen Humor wäre auch nicht leicht imstande gewesen, ein solches Werk wie das vorliegende zu schaffen. Der echte und unverfälschte Humor des Künstlers war es wohl auch, welcher diesem die Sympathie des großen Staatsmanns eintrug und welcher es Bismarck leicht gemacht haben mag, sich vor seinem Gaste ganz zu geben, wie er ist, was auf die Arbeit des Malers von vortheilhaftestem Einfluß sein mußte.

Fürst Bismarck ist nie ohne Besuch; abgesehen von den Passanten sind stets einige seiner Familienangehörigen oder seiner Freunde auf längere Zeit zugegen. Allers, der durch Dr. Schweninger dem Fürsten vorgestellt wurde, hatte das Glück, zu denjenigen gezählt zu werden, welche „nicht stören”, die also vollständig zum Familienkreise gehörten, wie der heitere, stets gern gesehene Leibarzt, wie Lenbach, dort „Achill“ genannt, wie Dr. Chrysander oder der nun verstorbene Lothar Bucher, der immer noch ein Stündchen mit dabei saß, um dann sanft einzunicken oder sich heimlich zu entfernen. Und so konnte es Allers gelingen, den Fürsten, beinah ohne daß dieser es merkte, am Abend nach Tisch, wenn er seine Pfeife dampfte und mit überlegenem Lächeln die Zeitungen las, auf dem Spaziergang, oder wo es sonst war, auf das Papier zu fesseln. Aber nicht nur in seiner Eigenschaft als Maler verweilte Allers über ein Vierteljahr in Friedrichsruh und in Varzin, auch als freundlicher Erzähler für Alt und Jung war er geschätzt, und außerdem lag ihm die wichtige Anfgabe ob, allzulange haftende Besucher, die den Heimweg nicht mehr finden konnten, in höflich liebenswürdiger Weise flott zu machen. „Es ist wohl bald Zeit zum Zuge“ – „Jetzt muß der Fürst Ruhe haben,“ das waren so die feinen Winke mit dem Zaunpfahl, welche dabei angewendet wurden.

Am Abend las zuweilen der Fürst oder die Fürstin vor, man spielte Skat oder sang mit Begleitung des Dudelkastens, die Enkel des Hauses führten kleine Tänze auf; bei schönem Wetter bot der Wald einen willkommenen Aufenthalt, Picknicks wurden veranstaltet, bei denen Allers gewöhnlich das Backen der Pfannkuchen zufiel, weil er die größte Gewandtheit im Umdrehen derselben aus freier Hand entwickelte. Zum Kummer der drei Enkel Rantzau fiel dabei keiner in die glühende Asche.

Es ist leicht, mit Allers bekannt zu werden, vorausgesetzt, daß er sich von innen heraus zu jemand hingezogen fühlt; sonst freilich kann er auch ein ziemlich abweisendes Wesen an den Tag legen.

„Der Mann gefällt mir nicht!“ damit ist oft die Sache abgethan, und Allers bleibt kühl bis ans Herz hinan, denn nach seinem Wahlspruch: „Ich bin ein freier Mann und singe!“ thut er sich niemals Zwang an. Am wenigsten läßt er sich zu Europens übertünchter Höflichkeit herab, wenn sie ihm nicht von Herzen kommt. So erschien auf Capri einmal eine Amerikanerin bei ihm, die ihm goldene Berge bot, wenn er sie zeichnete. „Nicht rühr’ an!“ dachte Allers, und wirklich mußte die alternde Schöne unverrichteter Sache wieder abziehen.

Wir beide fanden uns schnell, als Allers in Meiningen die „Meininger“ zeichnete. Bei allen seinen großen Erfolgen ist er stets der gemütliche Hamburger geblieben, der sich durch nichts aus seiner Ruhe bringen läßt. Etwa 30 Jahre alt, ist Christian Wilhelm Allers wohlbeleibt und hat ein Paar Augen, uns deuen uns Gutmüthigkeit und überwältigender Humor entgegenblitzen. Was er auch sagt, kommt drollig heraus, und wenn er von seiner Jugend erzählt, die er theils bei seinen Eltern in Hamburg, theils aus dem Dorfe bei seinem Großvater verlebte, oder von seiner Sturm- und Drangperiode plaudert, in der er sich für Kost und Unterkunft durch ganz Italien „pinselte“, wo er Direktor eines wandernden Liebhabertheaters war, bei dem jeder nur spielen durfte, wenn er ein gewisses Honorar bezahlte, stets entwickelt er jenen köstlichen Humor, der dem Zuhörer das Zwerchfell erschüttert und zugleich die Augen feuchtet.

Auf Capri sahen wir uns wieder. Plötzlich stand er in seinem großen Schlapphut vor mir, ganz der Alte, nur gebräunt von der Sonne des Orients, den er auf der „Augusta Viktoria“ kurz vorher besucht hatte.

„Jetzt geht’s los, Major, Capri-Mappe!“ rief er mir entgegen. „Mensch,“ war meine Antwort, „hundertmal habe ich Sie herbeigesehnt, denn alles scheint hier für Ihren Stift geschaffen zu sein!“ [785] Am nächsten Morgen um sechs Uhr stand schon das erste Modell vor ihm. Man muß es sehen, wie Allers zeichnet. Gummi, irgend welche Hilfsmittel kennt er nicht – Papier, ein mittelweicher Bleistift stets derselben Sorte, das ist alles, was er braucht. Aber nein, doch noch etwas: den kleinen und den Mittelfinger der rechten Hand, mit denen er die zarten Töne auf das Papier wischt.

In höchstens fünf Minuten

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Lothar Bucher.

sind die allgemeinen Umrisse seiner Modelle, welche er niemals gekünstelt hinstellt, sondern sich selbst überläßt, mit wenigen Strichen hingeworfen; dann schreitet er zu der Ausarbeitung des Kopfes, die mit einer so großen Schnelligkeit und Sicherheit vor sich geht, daß die Aehnlichkeit dem Beschauer sozusagen entgegenwächst. Er zeichnet nie etwas aus dem Kopfe, der kleinste Gegenstand seiner Blätter ist stets von der Natur abgenommen, und darauf beruht zum großen Theil die überzeugende Wahrheit seiner Darstellungen. „Schönheitspinsler bin ich nicht,“ pflegt er zu sagen, und die Nase von Herrn Soundso wird ebenso dick auf das Papier geworfen, wie Mutter Natur sie ihm in das Gesicht gepflanzt hat, und Fräulein Rosamundens Leberfleckchen wird zu ihrem Kummer auch verewigt.

Allers unterhält sich bei der Arbeit gern, und niemals schafft er flinker und besser, als wenn es um seine Staffelei recht lustig hergeht, wenn der Becher kreist, wenn Musik erklingt oder wenn ihm jemand etwas vorliest. Zu dem letzteren versteht sich, wenn er ausnahmsweise „ohne Hofstaat“ arbeitet, besonders seine prächtige Mutter, das Musterbild einer biederen echten Holsteinerin, an der er mit rührender Zärtlichkeit hängt und welcher er, gleich wie seinem Vater, einem früheren Hamburger Kaufmann, den Lebensabend zu verschönen sucht, so viel er nur kann. Sie wohnen in Karlsruhe in seiner Villa und führen dort ein beschauliches Dasein, begleiten ihn auch oft auf seinen Reisen.

Ich sprach vorhin von Allers’ Staffelei, und jetzt fällt mir ein, daß er, wenn er mit Bleistift zeichnet, eine solche niemals benutzt, sondern daß ihm ein einfacher Pappendeckel, den er auf die Knie legt oder in der Linken hält, als solche dient. Er zeichnet stehend, sitzend, liegend, wie es die augenblickliche Lage eben mit sich bringt, und ist niemals seiner Stimmung unterworfen, er kann eben schaffen, wann er will – und er will immer. Daher auch die reiche Fülle seiner Werke. Wie viele Mappen hat er nicht schon geliefert? „Silberne Hochzeit“, „Mikado“, „Spreeathen“, „Hochzeitsreise“, „Hinter den Coulissen“, „Marine“ – Allers diente als strammer Einjähriger bei der Marine – „Capri“, „Bakschisch“ etc. – und jetzt dieses Prachtwerk „Fürst von Bismarck in Friedrichsruh“!

Allers hat übrigens keineswegs, wie manche annehmen, ohne ernste Lehrjahre, sozusagen spielend seine jetzige Höhe erklommen; nachdem er eine Zeit lang Lithograph und Photograph gewesen war, trieb er bei Professor Keller in Karlsruhe eifrige Studien und hat zu dessen talentvollsten Schülern gehört.

Nach echter Malerart liebt er es, die Welt zu durchstreifen, ohne daß es ihm dabei an Sinn für die Häuslichkeit fehlt; dafür spricht sein Haus in Karlsruhe, seine alte Burg „Hohenklingen“ am Rhein und seine Villa auf der Insel Capri, die er sich an der Punta Tragara, also auf einem der herrlichsten Punkte der göttlichen Insel, erbaut hat, hoch über dem tosenden Meere, mit dem Ausblick nach Süden, über die weiten tiefblauen Wasser, zwischen Weingerank, Orangen, Oliven und Feigen. Hier mag es sich gut ruhen! Ruhen? „Hier mag es sich gut arbeiten!“ so muß es heißen, denn ohne Arbeit ist für Allers kein Leben. Mögen ihm dort mit den Seinigen noch viele schöne Tage beschieden sein, und möge er uns und der Nachwelt noch manches Prachtwerk seines Meisterstiftes schenken! Ich weiß noch um verschiedene Pläne, mit denen sich der Unermüdliche trägt, bin aber zu verschwiegen, sie auszuplaudern.