Camelots

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Textdaten
Autor: Kurt Tucholsky
unter dem Pseudonym
Ignaz Wrobel
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Titel: Camelots
Untertitel:
aus: Die Weltbühne. Jahrgang 22, Nummer 17, Seite 672
Herausgeber: Siegfried Jacobsohn
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 27. April 1926
Verlag: Verlag der Weltbühne
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Die Weltbühne. Vollständiger Nachdruck der Jahrgänge 1918–1933. Athenäum Verlag, Königstein/Ts. 1978. Scan auf Commons
Kurzbeschreibung:
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Camelots

Die Anhänger der ,Action Française‘ haben den ehemaligen Hauptmann Sadoul – französischer Offizier in Sowjet-Rußland, Sowjetmann, in Frankreich zum Tode verurteilt, begnadigt, nun wieder als Rechtsanwalt im Palais de Justice zugelassen – den haben sie in einer Versammlung überfallen und Alles im Saal kurz und klein geschlagen. Das ist das zweite Mal. Sadoul ist bei ihnen nicht sehr beliebt, seit er einen Kollegen beim Gericht, der ihn als „Verräter“ beleidigte, geohrfeigt hat. Der Schlachtbericht auf der ersten Seite der ,Action Française‘ fälscht die Prügelei zu einem Sieg um, nennt die Führer, die Verwundeten und berichtet triumphierend von niedergeschmetterten Stühlen, zusammengedroschenen Spiegeln, besiegten Bänken. Der Terror war eingestandenermaßen organisiert.

Auf den Boulevards begegnete ich einer Bande der Camelots. Sie zogen rüpelnd und grollend einher, alle trugen Stöcke, das Tier rumorte noch in ihnen, und sie suchten, wen es zu verschlingen gäbe. Einen so widerwärtigen Anblick wie diese Strolche habe ich nur noch einmal gehabt: damals, als zwei Kerle aus den Berliner Freicorps in der Untergrundbahn vom Schlachtfeld des Ostens nach Hause fuhren, im Stahlhelm, mit roten Köpfen, die Brust ging hoch wie nach einem Liebesakt oder nach einer Schlächterei. Es war wohl beides.

Die ,Action Française‘ ist ein sonderbares Gebilde. Etliche Führer, wie etwa Maurras, sind Leute von geistigen Qualitäten, Schriftsteller hohen Ranges, Menschen, mit denen zu diskutieren ist. Da unten aber ists fürchterlich: Schmutz, gestohlene Akten, Geldschiebungen, Roheiten aller Art, geistlose Roheiten. Nun, das beherrscht heute nicht mehr die Straße.

Ihr zweifellos geisteskranker Führer Daudet schreibt: „Die Finanzpanik hat die Bauern noch nicht ergriffen, die wenig informiert sind. Aber sie hat schon die Mengen in den Städten gepackt. Sie suchen einen Ausweg und sehen nur einen möglichen: den König.“ So löst jener die Finanzfrage.

Seine Leute sind in der absoluten Minderheit, zum Glück schwer gespalten, keine Nummer der ,Action Française‘, worin nicht das Blauhemd Valois angepöbelt wird, die Konkurrenz, der Mann, dessen „Fascio“ mit einem unübersetzbaren Wortspiel „Fesso“ genannt wird. Und das Ganze ist im französischen Volk eine verschwindende Minderheit, die ungefährlich wäre.

Wenn nicht ein müder Parlamentarismus die Dinge in den Abgrund treiben läßt. Dann freilich sind die Leute mit dem Spazierknüppel ein Cadre, das die Verzweiflung in sich aufnehmen kann. Die Arbeiter in Frankreich, kleinbürgerlicher als anderswo, sind vorläufig von diesem Wahnsinn, in dem so viel Methode liegt, noch nicht infiziert. Seine wirkliche Gefahr liegt da, wo er recht hat: in der negativen Kritik. Die abzustellen wäre Sache einer lebensfähigen, modernisierten, von den Weißbärten befreiten Demokratie. Gibts die–?

Ignaz Wrobel