Chicago (Rudolf Gottschall)

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Autor: Rudolf Gottschall
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Titel: Chicago
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aus: Die Gartenlaube, Heft 15, S. 241
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Chicago.

Das Sternenbanner hoch – die Königin der See’n
Läßt dieses Banner jetzt von ihren Zinnen weh’n;
Doch ist’s nicht bloß die Siegesfahne
Der Washington – es ist der Menschheit Sternenkranz;
Von einem Kontinent zum andern strahlt sein Glanz
Und über beide Oceane.

Wo jetzt der Arbeit Fleiß aus hundert Essen dampft,
Hat einst der Büffel Schwarm durch die Prairien gestampft;
Wo jetzt die stolzen Bauten ragen,
Da stand der Wigwam einst, vom Riesenwald erdrückt,
Das Heim des rothen Manns, mit Skalpen ausgeschmückt
Der Feinde, die sein Beil erschlagen.

Die Fluth des Michigan, die sich am Strande bricht,
Sah diese Stadt erstehn, so wie ein Traumgesicht,
Wo endlos die Gestalten wachsen.
Einst glitt der Eichenstamm als Kahn durch seine Fluth;
Jetzt rauscht der Dampfer stolz; es treibt die inn’re Gluth
Durch Schaumeswellen Rad und Achsen.

O manch’ Jahrtausend hier im Unermeßnen schwand!
Die Woge peitschte stets denselben öden Strand,
Der Sturm des Urwalds Wipfelkronen.
Ein halb Jahrhundert nur, das der Sekunde gleich
Im Leben der Natur und in der Wildniß Reich,
Schuf eine Stadt für Millionen.

Einst den Kolumbus trieb westwärts der Sehnsucht Drang,
Ein ahnend Traumgesicht, daß Sonnenuntergang
Der Menschheit Sonnenaufgang werde!
Das war kein Seegespenst, das rasch im Nebel schwand,
Nein, allen Völkern reicht Atlantis jetzt die Hand
Und ihrem Rufe lauscht die Erde.

Einst auf verweg’ner Fahrt ging’s nach dem goldnen Vließ,
Dem Eldorado zu, dem Erdenparadies,
Wo goldbedachte Zinnen ragen,
Wo unermeßner Schatz die kühnsten Wünsche stillt,
Wo aus dem Wunderborn die ew’ge Jugend quillt
Mit wonnevollen trunk’nen Tagen.

Verweht ist dieser Traum: dem schöpferischen Fleiß
Winkt in Chicago jetzt ein neuer goldner Preis,
Nach dem die kühnen Schiffer steuern.
Jetzt singt ein Riesenwerk der Eintracht Hohes Lied;
Nie soll sich Babels Fluch, der einst die Völker schied,
Dem künftigen Geschlecht erneuern.

Seht, Bau an Bau! Hier winkt der Blumen Märchenpracht,
Dort, was die Erde birgt im aufgeschloßnen Schacht
Und was des Meeres Tiefen spenden.
Der Blitz, den einst Franklin dem Himmel kühn entriß,
Jetzt erdgeboren zuckt er durch die Finsterniß
Und schreibt weithin mit Geisterhänden.

Und hier, Cyklopenwerk! Das trotzige Metall
Ward für des Menschen Wink ein dienender Vasall,
Geschmeidigt und geformt im Feuer,
Gestaltet hundertfach: noch schlummert seine Kraft;
Es harren auf den Dampf, der ihnen Schwingen schafft,
Die mächt’gen Eisenungeheuer.

Der Künste Heimath ist ein edler Tempelbau;
In Leinwand, Erz und Stein steht das Gebild zur Schau,
Das schöpferisch der Geist gestaltet.
Nicht flüchtigem Gebrauch, vergänglichem Genuß,
Nein, für ein ew’ges Schau’n erschafft der Genius
Das Meisterwerk, das nie veraltet.

Und hier – ein Heiligthum, dem Werk der Frau’n geweiht!
Da eine milde Hand legt die Barmherzigkeit
Aufs Haupt der Kinder und der Kranken.
Hier herrscht der Frauen Fleiß, unendliche Geduld;
Hier herrscht der Frauen Geist, den künft’ger Zeiten Huld
Befreit von ungerechten Schranken.

Du aber, deutsches Volk, sollst Fahnenträger sein!
Du webtest manchen Stern ins Sternenbanner ein,
Du schufst ein neues Heim im Westen!
Die alte Heimath grüßt aus stillem Tannengrund,
Und beide schließen neu den deutschen Brüderbund
Hier in Chicagos Prachtpalästen.

 Rudolf v. Gottschall.