Christian Karl Josias Freiherr von Bunsen

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Titel: Christian Karl Josias Freiherr von Bunsen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 175-177
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[173]
Die Gartenlaube (1858) b 173.jpg

In silentio et spe. Bunsen.

[175]
Christian Karl Josias Freiherr von Bunsen.
(Mit Portrait.)

Daß der Flächeninhalt eines Landes und die Einwohnerzahl desselben in keinem nothwendigen Verhältnisse zu der Anzahl bedeutender Männer stehen, welche dem Lande ihren Ursprung verdanken, davon liefert ganz besonders das kleine waldecker Ländchen einen schlagenden Beweis. Einer der kleinsten deutschen Bundesstaaten, wenig über 50,000 Einwohner zählend, ist es dennoch die Wiege einer Anzahl von Männern geworden, deren Ruhm weit über die Grenzen des engeren und weiteren Vaterlandes hinausgedrungen ist, deren Name überall in hohen Ehren steht, wohin Bildung und Gesittung gedrungen ist. Wir nennen hier nur den Namen Christian Rauch’s, des größten Meisters der Bildhauerkunst in unserem Jahrhundert, den genialen Kaulbach, einen der ersten und berühmtesten Maler unserer Zeit, Franz Drake, den Schöpfer herrlicher Denkmäler, Baron Stieglitz (in Petersburg 1843 gestorben), den weitblickenden Finanzmann, und den Namen des Mannes, welcher als Staatsmann die Ehre der deutschen Nation gegen fremden Hochmuth und Uebermuth zu wahren bestrebt war, der auf dem Gebiete des Glaubens in einer Zeit pietistischer Kopfhängerei und zelotischen Dünkels das Banner der Gewissensfreiheit emporhielt und diesem doppelten Rufe den eines der tiefdenkendsten Geschichts- und Alterthumsforschers hinzugesellt hat: Josias Bunsen.

Der Lebensgang Bunsen’s legt durch sich selbst Zeugniß von dem charakterfesten und ausdauernden Sinne eines Mannes ab, dessen hervorragende Eigentümlichkeit in dem tiefen, sittlichen Ernste besteht, welcher alle seine Handlungen beseelt. Darum werden wir selbst da, wo seine Richtung, namentlich in religiöser Hinsicht, uns Bedenken einflößt, dieselbe achten müssen, weil sie als die Consequenz eines Standpunktes erscheint, welcher unzweifelhaft frei ist von allen Nebengedanken und Nebeninteressen menschlicher Art.

Bunsen ist am 25. August 1791 zu Korbach im Fürstenthum Waldeck geboren. Neigung und äußere Verhältnisse bestimmten ihn bei frühzeitig entwickelten bedeutenden Anlagen, sich dem Studium der Philologie und Geschichte zu widmen. Bereits im Jahre 1806 bezog er die Universität Marburg, vertauschte sie jedoch bald mit Göttingen, wo damals Heyne im höchsten Ansehen stand. Nach Beendigung seiner Studien nahm Bunsen eine Lehrerstelle an dem Gymnasium zu Göttingen an und bekleidete das Amt eines Collaborators an demselben bis zur Occupation des Landes durch die Franzosen. Obgleich mit Glücksgütern keineswegs gesegnet und ohne Aussicht auf eine andere Stellung, gab er doch im Jahre 1813 sein bisheriges Amt auf, um nicht unter der Fremdherrschaft des neugeschaffenen westphälischen Königthums dienen zu müssen. Er begann zuerst eine Studienreise nach Holland und Dänemark, um den großen germanischen Sprachstamm in allen seinen Verzweigungen auf das Genaueste zu studiren, und begab sich sodann im Jahre 1815 nach Berlin, wo die Bekanntschaft mit Niebuhr für die Gestaltung seiner ferneren Lebensschicksale entscheidend wurde. Denn nachdem er sich in Paris eine geraume Zeit hindurch dem Studium der orientalischen Sprachen gewidmet hatte, führten ihn zufällige Umstände im Jahre 1816 nach Rom, woselbst Niebuhr preußischer Minister-Resident war. Die früher angeknüpfte Bekanntschaft führte zwischen beiden Menschen zu einem regen Verkehr, der in gemeinsamen Studien und Arbeiten immer neue Anregung fand. Auf Niebuhr’s Veranlassung wurde Bunsen im Jahre 1818 zum Gesandtschaftssecretair ernannt und behielt neben seinem Amte Muße zur Fortsetzung seiner literarischen Arbeiten, welche sich in jener Epoche vorzugsweise auf die römische Alterthumskunde bezogen. Doch hatte ihn ein angeborener religiöser Sinn frühzeitig angeregt, [176] sich mit der Kirchengeschichte im weitesten Sinne, insbesondere mit der Geschichte des Christenthums in seinen frühesten Epochen auf das Genaueste vertraut zu machen, und diesen gründlichen Kenntnissen verdankt Bunsen, in Verbindung mit den oben angedeuteten Eigenschaften des Charakters und Geistes, die hervorragende Stellung, welche er bis vor Kurzem im preußischen Staatsdienste bekleidete.

Im Jahre 1822 kam Friedrich Wilhelm III. nach Italien und nach Rom. Es ist bekannt, mit welcher Ausdauer und Gewissenhaftigkeit der König sich mit der Umgestaltung der preußischen Agende und des Gesangbuchs Jahre lang beschäftigte. Bunsen war nach beiden Richtungen hin unausgesetzt sammelnd, sichtend und in selbstständigen Entwürfen thätig gewesen. Als daher in Gegenwart Bunsen’s das Gespräch des Königs diese Fragen berührte, hatte ersterer Gelegenheit, seine tiefe Kenntniß des Gegenstandes und geistvolle Auffassung der entscheidenden Punkte auf eine den König überraschende Weise an den Tag zu legen. Und obgleich die Ansicht Bunsen’s von der bisherigen des Königs entschieden abwich, so that diese Meinungsverschiedenheit dem bedeutenden Eindruck, welchen Bunsen machte, keinen Abbruch, und es fehlte ihm nicht an mannichfachen Bekundungen königlicher Gnade.

Als Niebuhr im Jahre 1824 aus dem Staatsdienste ausschied, verwaltete Bunsen bis zum Jahre 1827 die Geschäfte der Gesandtschaft und wurde sodann zum Minister-Residenten ernannt. Im Jahre 1829 kam der Kronprinz (jetzige König Friedrich Wilhelm IV.) von Preußen nach Rom, und auch zu Diesem trat Bunsen bald in eine nähere Beziehung, welche im Laufe der Zeit den Charakter eines fast freundschaftlichen Verhältnisses annahm.

König Friedrich Wilhelm III. bediente sich zwar mehrfach des Rathes Bunsen’s rücksichtlich der Agenden-Angelegenheit, konnte jedoch die mancherlei Bedenken nicht überwinden, welche aus der principiellen Verschiedenheit der beiderseitigen Auffassung wesentliche, Punkte hervorging. Bunsen führte deshalb für den Gottesdienst in der Gesandtschaftscapelle in Rom eine von ihm selbst umgestaltete Liturgie ein, welche später von dem Könige gutgeheißen und mit einer eigenhändig geschriebenen Vorrede versehen wurde.[1]

Die gesandtschaftliche Stellung Bunsen’s fiel in eine Zeit, welche überaus reich an schwierigen Verwickelungen war. Da die päpstliche Regierung sich nach der blutigen Unterdrückung des Aufstandes im Kirchenstaate jeder Einführung der allernothwendigsten Reformen, trotzdem dieselben zugesagt waren, enschieden abgeneigt erwies, so nahmen sich die europäischen Großmächte der Sache an und beauftragten eine zu Rom niedergesetzte Conferenz mit der Ordnung der inneren Angelegenheiten des Kirchenstaates. Bunsen erhielt den Auftrag, den Entwurf dieser Reformen auszuarbeiten, und seine einsichtsvollen Vorschläge für die Neugestaltung der inneren Verfassung des unglücklichen Landes sind in dem bekannten „Memorandum del Maggio 1832“ enthalten. Leider hatten seine redlichen Bemühungen nicht den angestrebten Erfolg; Papst Gregor XVI. wußte zu genau, auf welchen Schutz er jederzeit rechnen konnte und wie wenig Gefahr ihm von der lügnerische» Politik des Juli-Bürgerkönigthums in Frankreich drohte.

Erfolgreicher waren Bunsen’s Bestrebungen auf einem anderen Gebiete, namentlich ist die Regelung der Differenzen wegen der gemischten Ehen eines seiner wesentlichen Verdienste. Die inzwischen eingetretenen Kölner Wirren, welche bekanntlich zur Verhaftung des Erzbischofs geführt hatten, erschwerten Bunsen’s Stellung außerordentlich, denn die Politik Gregor’s XVI., eines ehemaligen Camaldulenser-Mönches, der von Staatsgeschäften eigentlich niemals Kenntnis; genommen hatte, verfolgte hartnäckig nur das eine Ziel: lediglich seinen Willen durchzusetzen. Unter solchen Umständen mußten alle Versuche Bunsen’s zur friedlichen Beilegung dieses Handels scheitern, und da hierdurch seine Stellung eine unbehagliche geworden war, so kam er selbst um seine Abberufung ein.

Das Jahr 1839 findet ihn als preußischen Gesandten bei der schweizerischen Eidgenossenschaft in Bern. Doch sollte seines Bleibens hier nicht lange sein, denn nach dem im Jahre 1840 in Preußen eingetretenen Thronwechsel trat er in nähere persönliche Beziehung zu König Friedrich Wilhelm IV. und ging im Auftrage desselben nach England, um die Verhandlungen wegen der Einrichtung eines preußisch-englischen Gesammtbisthums zu Jerusalem zu leiten. Kurze Zeit darauf wurde er zum Gesandten in London ernannt und hat diese Stelle bis zum vorigen Jahre bekleidet. „Ritter Bunsen“ (Knight Bunsen) war eine der hochgeachtetsten Persönlichkeiten der diplomatischen Kreise in England, nicht allein wegen seiner staatsmännischen Eigenschaften, sondern durch die Lauterkeit seines Charakters, die seltene Tiefe seiner Gelehrsamkeit und einen humanen Sinn, welcher trotz einer strengreligiösen Richtung Gerechtigkeit und Duldung für die Meinung und die Richtung Andersdenkender behielt.

Daß Bunsen auf dem politischen Gebiete ein energischer Vertreter nicht allein preußischer, sondern deutscher National-Interessen war, ist bekannt; wenn es ihm nicht gelang, die offene Wunde Deutschlands zu schließen, Schleswig-Holstein sein nationales Dasein wiederzugeben, so ist sicherlich seinem patriotischen Eifer keine Schuld des Mißlingens beizumessen. Der Abfassung des Londoner Protokolls hatte er sich mit aller Kraft entgegengesetzt; bei der energielosen Politik Preußens und der deutschen Mächte blieb ihm, als er dennoch zu Stande kam, nichts übrig, als der Protest gegen dasselbe.

Obgleich Bunsen an den innern Verfassungsangelegenheiten Preußens keinen offiziellen mitthätigen Antheil hatte, so ist es doch bekannt, daß er bereits in den ersten Regierungsjahren König Friedrich Wilhelm’s IV. mehrfach und dringlich auf die Nothwendigkeit von Verfassungsreformen hingewiesen, und seine Ansicht von den vorzunehmenden Erweiterungen des schwächlichen, auf die einzelnen Provinzen beschränkten ständischen Lebens in mehrfachen Denkschriften an den König niedergelegt hat.

Wie sich nach dem Vorstehenden Bunsen’s politischer Standpunkt als ein ehrlicher, wenn auch gemäßigter Liberalismus kennzeichnet, so ist auch seine Stellung zu den religiösen Fragen eine wesentlich vermittelnde. Aus den Septemberverhandlungen der evangelischen Allianz, welche im vorigen Jahre in Berlin abgehalten wurden, ist der Auftritt noch in lebhafter Erinnerung, welchen ein Herr Pastor Krummacher aus Duisburg (einer von der Gattung der neu - patentirten protestantischen Kirchenheiligen) deshalb herbeiführte, weil Herr Merle d’Aubigné von Genf den Doctor Bunsen umarmt und geküßt habe! Denn in den Augen dieser ehrwürdigen Herren erschien Bunsen als ein Abtrünniger von der wahren Lehre, weil er in seinen letzten Werken sich angeblich dem Rationalismus und dem Romanismus zugeneigt erwiesen habe! Die Weisheit dieser Anschauung konnte nur aus einem kurz zuvor erschienenen Pamphlet geschöpft sein, in welchem Bunsen gleichfalls mit logischer Begriffsverwirrung als Pantheist und Ketzer dargestellt wurde. In der That ist dieser Vorwurf nur ein Beweis von dem blinden Eifer dieser neuen Secte von Heiligen, von denen jeder an die Stelle der freien Forschung am liebsten seine eigne unfehlbare Auslegung mit Zwangscours in die Welt setzen möchte.

Es ist wahr, Bunsen hat nichts gemein mit dem herben und sauertöpfischen Rigorismus der theologischen Juristen, Verketzern und schmähenden Gottesknechte, denen es auf Radicalmittel, wie die Absäbelung von sechzigtausend Menschenköpfen – natürlich in majorem Dei gloriam – nicht ankommt, um den ungläubigen Pöbel die Wege des Heils zu führen. Bunsen stellt aber ebensowenig auf der Seite jener Rationalisten, welche die Fundamente des Glaubens mit dem bloßen sogenannten gesunden Menschenverstände zerlegen und aus Mangel jeder wissenschaftlichen Einsicht, jeder philosophischen Grundlage das Einzelne wie das All, den Gottesbegriff wie den Inhalt jeder Glaubenslehre mit ihren wässerigen Gemeinplätzen auflösen zu können vermeinen. Bunsen ist ein strenggläubiger protestantischer Christ, und wenn er in der Auffassung der christlichen Lehre den dogmatischen Gehalt derselben stärker betont, als den ethischen, rein menschlichen, so entspringt diese Richtung aus seiner ganzen Individualität, welche von seiner frühesten Entwickelung an entschieden den Charakter einer stark ausgeprägten subjectiv - religiösen Innigkeit bekundet. In Zeiten, wie die gegenwärtigen, wo im protestantischen Deutschland eine einflußreiche Partei das gesunkene religiöse Leben, welches nur durch volle Gewissensfreiheit und religiöse Duldung erstarken kann, durch Gewaltmaßregeln wieder erwecken möchte, müssen die Grundlehren des protestantischen Glaubens dem Volke wieder zum lebendigen Bewußtsein gebracht werden, damit der letzte Hort, für den unsere [177] Vorfahren Jahrhunderte gekämpft: die Freiheit der Forschung und die Freiheit der Gewissen, nicht gänzlich zu Grunde gehen.

Von diesen Anschauungen geht auch Bunsen aus, welcher namentlich die Idee des allgemeinen Priesterthums in der protestantischen Kirche in den Vordergrund drängt.

Wir haben noch mit einigen Worten der wissenschaftlichen Thätigkeit Bunsen’s zu gedenken. Seine Leistungen auf dem Gebiete der Sprachforschung, Alterthumskunde, Philosophie und der gesammten Wissenschaft der Theologie reihen ihn den ersten der jetzt lebenden Gelehrten an. Seine Werke sämmtlich hier aufzuzählen, enthalten wir uns und erwähnen nur, außer den oben angeführten, das bedeutende historisch-philosophische Werk: „Egyptens Stelle in der Weltgeschichte“, ferner: „Ignatius von Antiochien und seine Zeit“, „Hippolytus und seine Zeit“, „die Zeichen der Zeit“ und „Gott in der Geschichte.“

Seit dem vorigen Jahre hat sich Bunsen aus dem Staatsdienste zurückgezogen, um ganz der wissenschaftlichen Muße leben zu können. Wir glauben jedoch nicht zu irren, wenn wir vermuthen, daß seine politische Laufbahn noch keineswegs abgelaufen ist, daß ihm vielmehr noch ein bedeutender Wirkungskreis vorbehalten bleibt, sobald die herrschende Strömung auf dem politischen und religiösen Gebiete sich erst verlaufen hat. Die Gnade des Königs (welcher es ausdrücklich wünschte, daß Bunsen den Septemberverhandlungen beiwohne), hat den verdienten Staatsmann und Gelehrten vor kurzem in den Freiherrnstand erhoben. Möge die neue Würde, welche seinem innern Werthe nichts hinzuzufügen vermag, eine neue Gewähr dafür sein, daß er niemals aufhören wird, ein besonnener, aber charakterfester Kämpfer für die Freiheit des Gewissens und für die Freiheit der deutschen Nationalität zu sein!




  1. Sie ist ihrem wesentlichen Inhalte nach in das „Allgemeine evangelische Gesang- und Gebetbuch“ aufgenommen, welches im Jahre 1846 in Hamburg (im Rauhen Hause) erschien.