Christliche Symbolik/Jungfrau

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
<<< Jungfrau >>>
{{{UNTERTITEL}}}
aus: Christliche Symbolik
Seite: {{{SEITE}}}
von: [[{{{AUTOR}}}]]
Zusammenfassung: {{{ZUSAMMENFASSUNG}}}
Anmerkung: {{{ANMERKUNG}}}
Bild
[[Bild:{{{BILD}}}|250px]]
Wikipedia-logo.png [[w:{{{WIKIPEDIA}}}|Artikel in der Wikipedia]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
[[Index:{{{INDEX}}}|Wikisource-Indexseite]]
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
[459]
Jungfrau.

Die physische Jungfräulichkeit ist das schönste Sinnbild der psychischen Reinheit und Unschuld; sie hatte daher auch schon in der Meinung der Heiden etwas Heiliges, und man glaubte, es wohne ihr eine magische Gewalt bei. Die reine Jungfrau übt eine höhere Macht über die Natur aus, ist ihren gemeinen Gesetzen nicht unterworfen. Daher nicht blos in christlichen Legenden, sondern auch in griechisch-römischen Traditionen und in deutschen Volkssagen, welche wahrscheinlich aus heidnischer Zeit stammen, das Vorkommen von jungfräulichen Vestalinnen, die erloschenes Feuer durch ihren Schleier wieder anfachen (Aemilia), ein schweres Schiff blos mit ihrem Gürtel ziehen (Claudia), oder Wasser im Siebe tragen (Tuccia), von frommen Mägden, die, ausruhend von der Feldarbeit, ihre Sichel an einen Sonnenstrahl aufhängen, von Königstöchtern, die über Wasser fliehen, ohne unterzusinken etc. Noch jetzt ist allgemeiner Volksglaube, wenn ein Mädchen ein eben ausgelöschtes Licht durch bloses Anhauchen wieder entzünden könne, so sey das ein Beweis ihrer reinen Jungfräulichkeit.

Der Glaube an die jungfräuliche Heiligkeit war in den ersten Jahrhunderten der Christenheit so lebendig, dass er in einseitige Verdammung der natürlichen Verbindung beider Geschlechter und der Ehe ausartete. Die Manichäer hielten alle Fortpflanzung für Sünde und Teufelsdienst und verlangten einen allgemeinen Selbstmord der Menschheit durch freiwillige Jungfräulichkeit, um die gesammte Menschheit [460] sobald als möglich aus allen Banden des Irdischen zu befreien. Die rechtgläubige Kirche nahm dagegen, gestützt auf die heilige Schrift, die Ehe unter die Sakramente auf, und muthete Jungfräulichkeit nur dem Priesterstande zu. Auch die Engel sind jungfräulich, weil geschlechtslos. Diesem Zustand reiner Geister sich zu nähern, ist keine Pflicht der Laien, aber ein Recht jedes Frommen.

Daher die besondere Heiligkeit der sogenannten jungfräulichen Ehen, in welchen beide Theile freiwillig die Jungfräulichkeit behalten und nur einen Seelenbund schliessen. Das Vorbild aller solchen Ehen ist die des Joseph und der Maria; die berühmteste Ehe der Art ist die des Kaisers Heinrich I. mit der heiligen Kunigunde, ferner die Ehe Alphons II., Eduard III. etc. Vgl. Stengelii ova paschal. 174, wo viele Beispiele zusammengestellt sind.

Schon im alten Testament wird zum öftern (im Widerspruch mit dem jüdischen Wunsche des Kindersegens) die Ehelosigkeit gelobt und „die Unfruchtbare selig gepriesen“, im Gegensatz gegen sündhafte Ehen, böse Kinderzucht oder Ehebruch. Jesaias 54, 1. Buch der Weisheit 3, 13. 16.

Alle frommen christlichen Jungfrauen, die dem irdischen Bräutigam entsagen, erwarten den himmlischen, welcher ist Christus. Darum heisst in einem schönen alten Hymnus bei Fortlage S. 35. Jesus der Jungfrauen Krone und wird er hier aufgefasst als stets umringt von Jungfrauen.

Das heiligste Mysterium der Christenheit ist die Geburt des Gottmenschen durch eine Jungfrau ohne Zuthun eines Mannes. Es fehlt nicht an heidnischen Vorbildern dazu, die von Sepp, Heidenthum I. 414 f. zusammengestellt sind. Bei den Indern galten Krischna und Kama, bei den alten Persern Mithras als von einer Jungfrau geboren etc. Allein jene heidnischen Mythen stehen in gleichem Range mit vielen andern wunderbaren Geburten der Götter aus Steinen, aus einem Funken, aus einer Blume, sogar aus einem Mann (Athenes Geburt aus dem Kopfe des Zeus), und handeln nur von einzelnen Göttern, neben denen es noch viele andere [461] gibt, so dass ihnen das Heilige und Ausschliessliche des christlichen Mysteriums gänzlich abgeht.

Die Kirche hatte zwei Extreme zu vermeiden, einmal die allzu einseitige Vergeistigung der Geburt Gottes im Fleisch, sodann die eben so einseitige Gemeinmachung und Herabwürdigung des Gottes durch das Menschliche. Sie hat Beides, der Häresie gegenüber, glücklich vermieden. Sie hat nicht verkannt, dass der Gott wirklich Fleisch angenommen, und somit alle gnostischen Vergeistigungen und Verklärungen verdammt; sie hat aber auch nicht verkannt, dass die Geburt eines Gottes durch eine reine Jungfrau nothwendigerweise alle Verunreinigungen gemeiner irdischer Geburt ausschliesst, und sie hat somit die Jungfrauschaft Mariä vor, in und nach ihrer Geburt für orthodox erklären müssen. Maria ist semper virgo und darum auch virgo virginum. Vgl. den schönen alten Hymnus in Fortlage’s christl. Gesängen S. 35. Auf einem schönen alten Bilde steht Maria unter lauter Jungfrauen. Didron, man. V. 297.

Die kirchlich anerkannten und auf Kirchenbildern unzähligemal wiederholten Symbole der unbefleckten Empfängniss Mariä sind in einem altdeutschen Liede im Marian. Liederkranz (Augsb. 1841) S. 18 zusammengestellt: 1) der brennende Busch Mosis, 2) die Lilie im durchsichtigen Glase, 3) drei in dorniger und ringsumschlossener Schale ruhende Kastanien, 4) die aus Dornen unverletzt hervorwachsende Lilie, 5) der verschlossene Brunnen, 6) der verschlossene Garten, 7) das Fell Gideons, 8) die verschlossene Pforte. Die nähere Erklärung s. in den einzelnen betreffenden Artikeln. Ferner verglich man die Maria mit der Löwin, gemäss eines alten Aberglaubens, wonach dieselbe nur Ein Junges gebäre. Die Macht der Jungfräulichkeit erprobte sich an einem alten, verloren gegangenen Standbild Maria’s in Köln, indem es nur von einer Jungfreu von der Stelle konnte bewegt werden. Gumppenberg, Marian. Atlas Nr. 552. Die Jungfräulichkeit vor, in und nach der Geburt hat speziell drei Lilien zum Symbol: Der Mönch Egidius forderte die Erde zum Beweis [462] derselben auf, und sogleich wuchsen drei Lilien empor. – Es gibt Kirchenbilder, welche die Jungfräulichkeit Mariä ausschliesslich zum Gegenstande haben. Es ist eine thronende Maria, aber nicht die mütterliche mit dem Kinde, sondern eine jugendliche, mädchenhafte Gestalt ohne Kind, umgeben von Attributen der Jungfräulichkeit. Das schönste Bild dieser Gattung ist die siebente Tafel des berühmten Genter Altars von Hubert van Eyck. Maria sitzt hier im blauen Kleid und Mantel mit rothen Unterärmeln vor einem goldverzierten Hintergrund und liest in einem Buche. Ihre Haare wallen nach jungfräulicher Weise über ihre Schultern herab, auf dem Haupt aber trägt sie den jungfräulichen Kranz nach Art einer Krone, deren Juwelen aber aus Rosen, Lilien und Maiblümchen bestehen. Ihr Antlitz ist von hoher Schönheit und Unschuld und zugleich voll Geist. – Auf andern Kirchenbildern wird die Jungfräulichkeit Mariä durch das weisse Gewand derselben ausgedrückt. Auf einem Bilde des Giordano im Escurial ist der Triumph der Jungfrau dargestellt. Maria thront auf einem Wagen, den eine Menge Jungfrauen ziehen und begleiten. Ein Engel hält die Krone über ihrem Haupte. Umher kleine Engel, die in antik heidnischer Weise als kleine Eroten mit ihren Pfeilen auf die Jungfrauen zielen. Kunstblatt 1822, Nr. 64.

Die fünf klugen und fünf thörichten Jungfrauen (Matth. 25.) sollen, einer alten morgenländischen Sitte gemäss, in der Nacht mit Lampen dem Bräutigam entgegengehen. Rosenmüller, Morgenland V. 97. Er bleibt lange aus, die unklugen verlieren die Geduld, lassen die Lampen ausgehen und schlafen vor der verschlossenen Pforte ein, die klugen aber halten ihre Lampen im guten Stande und harren des Bräutigams, welcher endlich kommt, sie in sein Haus einführt und die Thüre hinter sich wieder verschliesst, somit die thörichten für immer ausschliesst. Unter den Jungfrauen sind ganz im Allgemeinen die Seelen verstanden, die im Diesseits ihr künftiges Heil bedenken oder nicht. In diesem Sinne wurden sie ehmals oft an den Kirchthüren [463] in Stein ausgehauen, z. B. am Strassburger Münster. Die Thüre der Kirche bedeutete die des Himmels vor. Wer nicht zur Kirche ging, sollte auch den thörichten Jungfrauen gleich die Thüre des Himmels verschlossen finden. In der Kirche zu Amiens haben die klugen Jungfrauen noch einen fruchttragenden Oelbaum, die unklugen den unfruchtbaren zur Seite. Didron, man. p. 217. In den französischen Kirchen sind sie sehr häufig, die klugen immer als Nonnen, die unklugen als Weltdamen abgebildet. Auf sinnige Weise wird das Gleichniss von den zehn Jungfrauen gerade am Schluss des Kirchenjahrs und vor Eröffnung des neuen verlesen, im Spätherbst, wenn überhaupt die lange Nacht des Winters beginnt. In diesem Zeitpunkt galt es, vorzugsweise auf die Wahrung des Lichts zu dringen. Jeder Christ sollte mit seiner wohlgehüteten Lampe der Nacht des Todes, wie der des Winters, entgegengehen. Vgl. Strauss, Kirchenjahr S. 383.

Man hat in den klugen Jungfrauen zuweilen die christlichen Haupttugenden, so wie in den unklugen die Laster personificirt. In dieser Bedeutung stehen die klugen dem thronenden Heiland zur Rechten, die unklugen zur Linken auf einem Bild von Antwerpen. v. Rettberg, nürnb. Briefe S. 177. Ungefähr wie auf Bildern des Weltgerichts rechts die Seligen, links die Verdammten. Wirklich werden auf einem altniederländischen Bilde des Weltgerichts im Wiener Belvedere (Katalog von 1845 S. 217) vor Gottes Thron rechts die fünf klugen Jungfrauen von Petrus empfangen, links aber die fünf thörichten von Paulus weggestossen. Eine seltene Darstellung. In einem alten Stiche sind in sämmtlichen Jungfrauen satyrischerweise die europäischen Hauptstaaten personificirt. Nagler, Kunstlex. XVII. 18. Auf einem alten Bild in Rheims tragen die thörichten Jungfrauen so gut einen Nimbus, wie die klugen, blos zu Ehren ihrer Jungfräulichkeit. Didron, icon. 160.

Am 22. November wird das Evangelium von den klugen und thörichten Jungfrauen in den Kirchen gelesen. [464] Am 21sten aber ist das Fest Mariä Opferung oder Darstellung im Tempel. Auch dieses Fest hat ausschliessliche Beziehung zur Jungfräulichkeit. Nach der Tradition widmete sich Maria im zwölften Jahre dem Tempeldienst und gelobte Gott ihre Jungfrauschaft. Unzählige Kirchenbilder stellen sie dar, wie sie mit langwallendem Haar, eine brennende Kerze in der Hand, die Stufen des Tempels emporsteigt und vom Hohenpriester ehrerbietig empfangen wird. In ihr sind gleichsam alle fünf klugen Jungfrauen concentrirt, wie in ihrer Kerze die fünf Lampen. Sie wird hier zum Vorbild aller Nonnen, das Fest ist ein wahres Nonnenfest.