Das čechoslavische Märchen

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Textdaten
Autor: Václav Tille
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Titel: Das čechoslavische Märchen
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aus: Čechische Revue. 1. Jahrgang, S. 132–139
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Entstehungsdatum: Prag
Erscheinungsdatum: 1907
Verlag: Crosman & Svoboda
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Das čechoslavische Märchen.
Von V. Tille.

In seinen sorgfältigen Anmerkungen zu der vortrefflichen Lieder- und Märchensammlung aus Polnisch-Litauen von Leskien und Brugmann gab J. Wollner im Jahre 1882 wohl zum erstenmale in deutscher Sprache eine einheitliche Übersicht der prosaischen Volksüberlieferung aller slavischen Stämme. Die sorgfältigen Inhaltsangaben der einzelnen Märchen erschlossen auch westeuropäischen Märchenforschern die bezaubernde slavische Märchenwelt, welche bereits früher von einzelnen, wie Köhler, Liebrecht, jedoch nur höchst dürftig für die Wissenschaft ausgebeutet worden war. Die čechoslavischen Märchen wurden dadurch zum erstenmale der europäischen gelehrten Welt auf eine wissenschaftlichere Weise zur Kenntnis gebracht, als es in den älteren »Bearbeitungen« von J. Milenovský und J. Wenzig geschehen war.[1] Die Sammlungen der čechoslavischen Märchen sind bei Wollner in drei Gruppen, die böhmische, mährische und slovakische eingeteilt, und mit diesen drei – den wirklichen Verhältnissen nicht entsprechenden[2] – Abteilungen sind die dem eifrigen Forscher zugänglichen čechoslavischen Märchensammlungen erschöpft. Ausser den von ihm angeführten liessen sich noch manche andere schon damals erschienene Sammlungen von gleichem Werte anführen, ausserdem ist ihre Zahl seither beträchtlich gestiegen. Wer z. B. die vortrefflichen vergleichenden Arbeiten des Prof. Polívka zu verfolgen vermag, findet die Zahl der zitierten Quellen gewiss mehr als verdreifacht. Nachdem jedoch somit [133] die literarischen Schätze des čechoslavischen Volksgeistes durch die erwähnten Arbeiten allmählich zugänglich gemacht worden sind, wird es wohl an der Zeit sein, auch ein wenig Kritik zu üben, um die Forscher, welche die so verlockend sich darbietende Gelegenheit zu Vergleichungen und Schlüssen mächtig anziehen muss, mit Hilfe einer Analyse der erschlossenen Quellen vor voreiligen Schlussfolgerungen zu schützen.

Es tut dies umsomehr not, als einerseits die einheimischen Forscher ihre Quellen selbstverständlich besser kennen und auf ihre Zuverlässigkeit zu prüfen vermögen, andererseits auch in der Fremde in den letzten Jahren an der Echtheit und absoluten Reinheit einheimischer Sammlungen gerüttelt wird, so dass eine scharfe und rücksichtslose Überprüfung des ganzen vorhandenen Materials mit Bezug auf seine Verwendbarkeit zum Studium der Volksseele höchst notwendig erscheint.

Das, was als Märchen einmal in der Öffentlichkeit erschienen ist und mit dem lieblichen Zauber der vorgeschichtlichen Heroen- und Mythenwelt umwoben wird, was als nationale Kunst, als unbewusstes künstlerisches Schaffen der naiven Volksseele dem Leser geboten wird, alles das scheint überhaupt keiner literarischen Kritik zu unterliegen. Die gewissenhaftesten Forscher, welche sonst mit der peinlichsten Genauigkeit historische Quellen untersuchten und den beglaubigtesten Hypothesen skeptisch gegenüberstanden, nahmen gleichzeitig blindlings alles, was ihnen als Volkstradition in Märchen- und Sagensammlungen geboten wurde, ohne jeden Zweifel als beglaubigtes Material auf und bauten auf diesem Sande die gewagtesten Hypothesen.

Das, was heutzutage als čechoslavische Märchen für die Wissenschaft verwendet wird, unterscheidet sich in der Methode des Sammelns und in der Art der Veröffentlichung gar nicht von den gleichen Schätzen der Fremde.

Da jedoch die Fremde ihr Material bereits zu sichten und zu prüfen beginnt, ist es an der Zeit, auch auf das čechoslavische Material einen Blick zu werfen. Die ersten Versuche, die Existenz der čechoslavischen Volkspoesie zu beweisen, fallen mit den Versuchen um die Erneuerung der böhmischen Literatur und Kunst am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts zusammen. Dass es zuerst Fälschungen von historischen und lyrischen Volksliedern gewesen sind, mit denen man in fast völliger Unkenntnis der älteren literarischen Schätze den Beweis der hohen geistigen [134] Kultur des čechoslavischen Volkes in der vorgeschichtlichen Vergangenheit erbringen wollte, darf uns in Anbetracht ähnlicher Fälschungen in den anderen Literaturen derselben Zeit nicht befremden. Das Sammeln der wirklichen Volkspoesie geschah jedoch bald darauf mit einem Eifer, welcher, was das Volkslied anbelangt, wirkliche Kunstschätze an den Tag brachte, so dass die Sammlungen Kollárs aus der ungarischen Slovakei, Čelakovskýs und später Elbens aus Böhmen, wie die Sušils in Mähren bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einer Offenbarung glichen.

Anders war es mit der volkstümlichen Prosa bestellt. Die ersten, in den Zeitschriften als Volksmärchen veröffentlichten Erzählungen sind auf den ersten Blick erkennbare naive Nacherzählungen von allgemein bekannten, wohl aus anderen Sprachen einfach »bearbeiteten« Märchenmotiven. Erst in den vierziger Jahren fangen die selbständigen und bis jetzt noch als echte Märchensammlungen zu bezeichnenden Bände von Němcová, Erben, Malý, Mikšíček zu erscheinen an. Die auch von Wollner zitierte »Kytice« von Erben ist zwar älteren Datums; es ist jedoch von vornherein ausgeschlossen, diese auf Sagen- und Märchenmotive komponierte Gedichtsammlung als ein Bild der volkstümlichen Dichtung aufzufassen und als Grundlage für wissenschaftliche Folgerungen zu benützen. Man weiss zwar von Erben selbst, dass er für seine Gedichte die dem Volke abgelauschte Tradition benützte, dass er selbst dann, wenn er, wie in den »Brauthemden« einer fremden Vorlage (Bürgers Lenore) folgte, aus den Quellen der einheimischen Volkspoesie schöpfte, alles dies jedoch, wenn es auch dem Autor den Ruhm einer bewunderungswürdigen Nachahmung des echten Volkstones sichert, berechtigt uns noch lange nicht, diese echte Kunst eines Dichters mit der echten Volkskunst zu verwechseln. Die »Kytice« verrät also bereits durch ihre äussere Form, dass sie als Werk der Kunstpoesie genossen werden will und jeder mit der Volkstradition und mit den verwandten Stoffen angestellte Vergleich kann nichts anderes als eben eine Studie aus der vergleichenden Literaturgeschichte bedeuten.

Die prosaischen Sammlungen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sind äusserlich, besonders für einen fremden Forscher, nicht so handgreiflich gekennzeichnet und es bedarf eines eingehenden Studiums, um auch da zu dem Schlusse zu [135] gelangen, dass wir es grösstenteils mit Kunsterzählungen, nicht mit sorgfältig den Erzählern nachgeschriebenen Stücken zu tun haben. Man müsste zwar in Betracht der damaligen, in Europa wohl überall gleichen Auffassung der kritischen Sammelmethode im vorhinein auf der Hut sein, wenn man ältere Sammlungen – gleichgültig welcher Herkunft – zur modernen literarischen Forschung benützen wollte; man muss jedoch trotzdem ganze Bände vergilbter Briefe durchsehen, unerquickliche Polemiken jener Zeit aufmerksam durchlesen und Haufen von alten Zeitungen durchstöbern, um schliesslich zu der festen Überzeugung zu gelangen, dass z. Beispiel die bei Wollner wohl ohne Absicht fehlenden Sammlungen von Malý, Krolmus oder Mikšíček vollkommen wertlose Kompilationen aus einem höchst verdächtigen, bis jetzt nicht näher bekannten Materiale seien, dass die reizenden Erzählungen in den 7 Bändchen von Božena Němcová zwar – besonders vom 3. Bande an – nach den dem Volke abgelauschten Märchen manchmal wirklich höchst künstlerisch gebildet sind, jedoch viel deutlicher die Individualität der Schriftstellerin als jene des Volkes zeigen, dass endlich selbst die von Erben gesammelten und mit Anmerkungen über ihre Herkunft versehenen prosaischen Märchen wundervoll erzählt, jedoch von dem Autor aus verschiedenen Varianten zusammengesetzt und mit eigenen Worten und individuell stilisiert wiedergegeben werden. Die Sammlungen von Němcová und Erben besitzen also vor den obenerwähnten den Vorzug, dass sie ein Kunstwerk sind, was man von der in den fünfziger Jahren an beginnenden, mit jeder Auflage umfangreicheren und auch verdächtigeren Sammlung von »z Radostova«, welche schon durch ihren Stil sich selbst als ein wissenschaftlich wertloses Machwerk kennzeichnet, nicht sagen kann.

Es bleibt somit aus der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts keine einzige Märchensammlung aus Böhmen, welche man als eine treue Wiedergabe des Volksgeistes bezeichnen könnte; und von der späteren Zeit lässt sich leider kaum viel Günstigeres berichten. Die künstlerische Bearbeitung lässt nach, die wissenschaftliche Verwertung tritt erst viel später ein. Sammlungen, wie diejenigen von Hraše, welche gleichzeitig der Kinder- und Gelehrtenwelt dienen wollen, verfehlen nach beiden Richtungen hin vollkommen ihren Zweck und vereinzelte Versuche, die weniger als mittelmässige Volkslektüre durch populäre Ausgaben von angeblich treu dem Volke nacherzählten Stücken (wie z. B. die von Popelka [136] veröffentlichten Hefte) zu heben, sind kaum der Mühe wert, ihre Anwendung für wissenschaftliche Arbeit zu riskieren. Wissenschaftlichen Anforderungen wollte eine breit angelegte, jedoch bald aufgegebene Sammlung des Studentenvereines Slavia in den siebziger Jahren Rechnung tragen. Es wurden einige Bändchen von höchst mannigfaltigem Material herausgegeben und die den einzelnen Stücken beigefügten Namen der Sammler und Erzähler zeigten den besten Willen der Redaktion, die gestellte Aufgabe ernst zu nehmen. Wie es jedoch regelmässig bei solchen Amateur-Unternehmungen – manchmal in noch viel ärgerem Masse (z. B. in der Veckenstedtschen Sammlung) – der Fall ist, ist man auf den guten Willen von Unbekannten angewiesen, welche die erforderliche peinliche Sorgfalt und Einübung nichts weniger als ernst nehmen, so dass man dann des öfteren Auszüge aus älterem Material, manchmal sogar Fälschungen unter dem echten Material findet. –

Aus der neuesten Zeit sind es mustergültig wiedergegebene Stücke in der von Prof. Zibrt redigierten Zeitschrift »Český Lid«, welche einen Einblick in die wirkliche Volkstradition in Böhmen gewähren. Leider sind es bis jetzt nur vereinzelt dastehende Versuche und es wird wohl noch Jahre dauern, bevor man verlässliches, systematisch in ganz Böhmen gesammeltes Material der prosaischen Volksdichtung für die vergleichende literarische Forschung wird benützen können[3].

In Mähren haben sich die Verhältnisse viel günstiger gestaltet. Aus Ostmähren, aus der mährischen Walachei, besitzen wir eine umfangreiche, bereits in den fünfziger Jahren begonnene Märchensammlung. Obwohl der Sammler, Kanonikus Method Kulda, selbst kein Hehl daraus macht, dass er vor allem eine gediegene, aus dem Volke für das Volk gesammelte, gesichtete und gereinigte geistige Nahrung bieten will, so war er doch im ganzen bemüht, die Erzählung seiner Gewährsmänner möglichst treu wiederzugeben. Mann muss also damit rechnen, dass alle »unmoralischen« Geschichten einfach unberücksichtigt geblieben sind – dass selbst in den beibehaltenen manches derbe Wort, manche recht volkstümliche, jedoch zu kräftige Wendung durch mildere [137] Ausdrücke ersetzt wurde – dass der Dialekt künstlich nachgeahmt, d. h. das Diktat in der Schriftsprache mit beibehaltenen, manchmal auch später eingelegten originellen Redewendungen niedergeschrieben wurde – dass die Auswahl sich lediglich auf die sogenannten Märchen und Lokalsagen beschränkte, alles andere (Träume, Tagesangelegenheiten, Mordgeschichten, Prophezeiungen usw.) unberücksichtigt lassend. Das alles jedoch wiegt nicht schwer genug, um die ersten zwei Bände der Kuldaschen Sammlung zu wissenschaftlichen Zwecken unbrauchbar erscheinen zu lassen. Selbst neben den gleichzeitigen ausländischen Sammlungen wird sie wohl zu den besseren gerechnet werden dürfen. Die späteren drei Bände (von denen der fünfte im »Český Lid« erschienen ist) stammen teilweise von anderen Sammlern und geben die Namen der Erzähler und ihre Wohnung an. Im ganzen ist die Art und Weise der Herausgabe auch der späteren Bände recht altmodisch und dürftig, zeugt jedoch vom besten Willen und einigem Verständnis auch für die wissenschaftliche Verwendbarkeit des zusammengebrachten Materials[4].

Viel vorsichtiger muss man mit den Sammlungen Menšiks umgehen. Dieser hat nach der althergebrachten Weise alles mögliche über die Geschichte einiger Städte, über die Hanaken usw. gesammelt und in seine Sammlung auch zahlreiche Märchen und Sagen aufgenommen. Nur lässt sich leider äusserst schwer feststellen, was davon auf Überlieferung beruht und was bloss anderswoher übernommen wurde. Es ist gewiss sehr vieles einfach aus alten Kalendern usw. übernommen worden, man findet sogar aus Němcová abgeschriebene Stücke ohne Angabe der Quelle. Somit erscheint das Werk Menšiks als ein Haufen von gefährlichem Material, welches erst gesichtet und gesiebt werden müsste, bevor man das übriggebliebene verwerten könnte. Die Sammlungen von Vrána und von Frau Stránecká aus Zentralmähren bedürfen vorerst, obwohl sie keinen so schwer begründeten Verdacht erregen, einer eingehenden Untersuchung. Eine Menge von Sammlungen, wie jene von Václavek aus der Walachei, von Kolář-Kochovský aus der mährischen Slovakei usw. sind für einen fremden Forscher vollkommen wertlos; selbst für einen gründlichen Kenner der čechoslavischen Tradition wird es eine recht [138] schwierige Aufgabe sein, aus diesen Bündeln von kunstlosen, langweilig erzählten Geschichten etwas, was an Volksüberlieferung erinnern würde, herauszufinden, und auch dann wird nichts anderes als eine dürftige Stoffangabe übrig bleiben.

Die aus Ungarn stammenden slovakischen Sammlungen tragen allen anderen čechoslavischen Sammlungen gegenüber einen eigentümlichen Charakter zur Schau. Man sieht schon in den vierziger Jahren eifrige Sammler, wie Rimavski an der Arbeit. Božena Němcová, als sie in den fünfziger Jahren nach Nordungarn zu Besuch kommt, werden ganze handschriftliche Sammlungen zur Verfügung gestellt, so dass sie nur zu wählen braucht, um mit den von ihr selbst gesammelten Stücken zwei Bände slovakischer Märchen herausgeben zu können. Škultety, Dobšinský, Francisci sind mit einer ganzen Schar von Sammlern unermüdlich, Volkserzählungen niederzuschreiben und in wiederholten Ausgaben wieder im Volke zu verbreiten – die Art und Weise jedoch, wie die Ausgabe geschieht, erweckt manches Bedenken. Es wird aus vielen Varianten ein Märchen gemacht, ohne dass die gewiss zahlreichen Abweichungen bekannt gegeben werden, die Form der einzelnen Stücke, die Anfänge und Schlussformeln, die Redewendungen wiederholen sich so auffallend, dass man nie weiss, ob man die Form dem Erzähler, dem Sammler, oder gar der Redaktion zuzuschreiben hat. Eins sieht man deutlich: dass die Erzählungskunst hier am stärksten entwickelt ist und je weiter nach Mähren und Böhmen, desto schwächer wird. Ihr Charakter jedoch, der mannigfache Inhalt und die eigentümliche Form, das alles müsste erst an einem neu gesammelten, vollkommen verbürgten Materiale von neuem beobachtet und studiert werden, bevor man den deutlich bemerkbaren Unterschied zwischen den Märchen der ungarischen Slovakei und der übrigen čechoslavischen Überlieferung näher bestimmen wollte. Vorerst müsste jedoch auch diese Überlieferung auf eine ganz andere Weise gesammelt und studiert werden.

Im ganzen sieht die Übersicht der čechoslavischen prosaischen Überlieferung recht trostlos aus, und es liegt die Schlussfolgerung nahe, dass das Sammeln derselben auf čechoslavischem Giebiete den anderen Nationen gegenüber recht ungenügend betrieben wurde. Es war jedoch von Anfang an nicht meine Absicht, diese Schlussfolgerung zu ziehen, da dieselbe vollkommen unrichtig wäre. Wollte man die Märchensammlungen anderer Völker einer kritischen Untersuchung unterziehen, so würde mit Ausnahme [139] von einigen aus den letzten Jahren nur äusserst wenig wirklich verlässliches, wissenschaftlich und kritisch aus dem Volksmunde gesammeltes Material zurückbleiben. Es ist eben an der Zeit, eine allgemeine Revision des bereits Vorhandenen vorzunehmen. Obwohl dieselbe, wie ich fest überzeugt bin, in mancher Beziehung zu recht verblüffenden Resultaten führen wird, braucht man dennoch an der gesamten auf dem Gebiete der prosaischen Volksliteratur geleisteten Arbeit des 19. Jahrhunderts nicht zu verzweifeln. Es handelt sich lediglich um eine kritische und tiefere Beleuchtung desjenigen Materiales, welches bis jetzt häufig noch als etwas Dokumentarisches ohne jeden Zweifel angenommen wurde. Die historische Wissenschaft mit ihrer gesunden Skepsis und genauen Dokumentenkritik und Quellenforschung muss für die gründliche Revision als Vorbild dienen.

Würde man das in den čechoslavischen Märchensammlungen aufgehäufte Material eingehend auf seinen Ursprung prüfen, seine literarischen und sonstigen Quellen kritisch beleuchten und sorgfältig das wirklich Gesammelte von dem Erdachten und Abgeschriebenen trennen, so könnte man der europäischen vergleichenden Literaturgeschichte, soweit sich dieselbe mit der Volksprosa befasst, gewiss viel brauchbares und wertvolles Material liefern und gleichzeitig dem drohenden Übel vorbeugen, dass zu wissenschaftlichen Zwecken gar nicht bestimmte Werke die ausländische Forschung irreführen.

Nur Eins könnte man mit Recht den Forschern auf dem Gebiete der čechoslavischen Prosa vorwerfen: dass sie in der letzten Zeit, während in ganz Europa neues Material kritisch gesammelt wird, hinter den allgemeinen Bestrebungen zurückgeblieben sind, indem zwar für das Volkslied ziemlich viel geleistet wurde, die volkstümliche Prosa jedoch grösstenteils unberücksichtigt blieb. Es wäre wirklich an der Zeit diesem Mangel baldigst abzuhelfen und die so tiefergreifende und feinfühlige wie kernig derbe, groteske Erzählungskunst der čechoslavischen Märchenerzähler – deren man auch heutzutage eine beträchtliche Anzahl im Volke finden würde – in klarer, wahrheitsgetreuer Darstellung der Nachwelt zu überliefern.


  1. Volksmärchen aus Böhmen. Breslau: Kern 1853. Westslavischer Märchenschatz. Leipzig, Senf. 3. Aufl. 1870.
  2. In die »slovakische« Abteilung werden hier die in Ungarn lebenden Slovaken eingereiht – ohne Rücksicht auf die in Südmähren lebenden Slovaken. Schlesien bleibt überhaupt unberücksichtigt, u. ä.
  3. Manchmal wird auch eine ältere, von Waldau in den »Květy« 1862 veröffentlichte Sammlung von Christus- und Sankt Peterslegenden zitiert. Obwohl diese dem Inhalte nach recht interessant ist, weiss ich über ihren wirklichen Ursprung nichts Bestimmtes zu sagen.
  4. In der mährischen Walachei habe ich versuchsweise im J. 1888 eine Anzahl von prosaischen Stücken gesammelt und später auch selbständig im Národopisný Sbornik (Archiv der čech. Ges. f. Volkskunde) veröffentlicht.