Das Aufdämmern einer neuen Weltanschauung

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Autor: Carus Sterne
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Titel: Das Aufdämmern einer neuen Weltanschauung.
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 7, S. 112, 114–115
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Leben und Wirken Darwins
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[112]
Das Aufdämmern einer neuen Weltanschauung.
Zu Darwin’s 70. Geburtstagsfeier, am 12. Februar 1879.


Nur selten ist es einem Revolutionär auf dem Gebiete der Forschung und des Geistes beschieden gewesen, einen so vollkommnen Sieg der von ihm in Umlauf gebrachten Ideen zu erleben, wie es dem Reformator der „Wissenschaft von der lebenden Natur“ vergönnt zu sein scheint. Copernicus erblickte erst auf seinem Sterbebette den Druck seines Werkes über die Revolutionen der himmlischen Sphären; Kepler rieb sich in Sorgen auf; Newton fand unter den ersten Geistern seiner Zeit mehr Widersacher als Freunde. An Widersachern hat es auch Darwin nicht gefehlt, aber die meisten entstammten solchen Kreisen, welche der eigentlichen Lebenswissenschaft oder Biologie fremd waren, während die wirklichen Forscher auf dem genannten Gebiete bereits seit zehn Jahren fast ausschließlich im Darwinischen Sinne und nunmehr erst mit wahrem Erfolge arbeiten. So haben denn auch seine Gegner nur zu seiner höheren Ehre beigetragen, und noch am Vorabende seines siebenzigsten Geburtstages haben sich einige rückständige Akademieen beeilt, den nie im Lehrfache thätig gewesenen Privatgelehrten in ihre Listen einzuschreiben.

Ueber die von Darwin begründete neue Weltanschauung ist den Lesern der „Gartenlaube“ bereits wiederholt berichtet worden – wir erinnern an die Artikel von Bock und Klotz in den Jahrgängen 1872 und 1873, denen auch ein Portrait des Jubilars beigefügt war. Ein ander Mal wird auf Einzelnes zurückzukommen sein; zur Feier des heutigen Tages aber möchten wir den Versuch machen, den ersten Ahnungen seiner weltbewegenden Ideen nachzuspüren. Den ersten Ahnungen! – ja, die lagen eigentlich schon in der Familie, denn wie der Schreiber dieser Zeilen an einem andern Orte ausführlich nachgewiesen hat[1], muß nicht Lamarck, [114] wie gewöhnlich angenommen wird, sondern der Großvater Darwin’s auch als der Großvater der neuen Weltanschauung betrachtet werden. Erasmus Darwin (1731 bis 1802), als Arzt, wie als Dichter zu seiner Zeit hochgefeiert, legte nämlich in einem längern Lehrgedichte, „Der botanische Garten“ betitelt, welches in den Jahren 1781 bis 1790 vollendet wurde, die ersten wirklich begründeten Ahnungen davon dar, daß die heutige Lebewelt, wie unsere Erde selber, durch allmähliche Umänderung und Fortbildung unvollkommner Anfänge entstanden sei. Während Andere dergleichen nur aus philosophischen Gründen vermuthet hatten, wies er mit großem Scharfsinn auf das Vorhandensein unnützer, sogenannter rudimentärer Organe (vergl. „Gartenlaube“ 1875, S. 266) bei verschiedenen Pflanzen und Thieren hin, die ihm als Beweis erschienen, daß diese Wesen früher anders organisirt gewesen seien als jetzt. Nachdem er diese Ansichten in einem seit 1794 erschienenen größeren gelehrten Werke, der „Zoonomia“, weiter fortgebildet hatte, verarbeitete er sie zu einem erst ein Jahr nach seinem Tode (1803) erschienenen Lehrgedichte: „Der Tempel der Natur“, in dem man heute mit Verwunderung eine dichterische Vorausverkündigung der gesammten modernen Naturanschauung findet.

Der ältere Darwin war ein genauer Beobachter der Natur und besaß in hohem Grade die auf den Enkel vererbte geistige Eigenthümlichkeit, bei allen Naturdingen, die er in’s Auge faßte, zu fragen, wie es komme, daß sie seien, wie sie sind: weshalb die meisten Raupen grün seien? woher die Vögel und Fische meist dunklere Rücken und hellere Brüste hätten? warum meist nur die männlichen Thiere besondere Waffen besäßen? wozu die Pechnelke ihren Leimring unter den Blüthen gebrauche? etc. Die nähere Ursache dieser Eigenthümlichkeiten der Färbungen und Organbildungen wußte er überall mit oft großer Feinheit in dem Nutzen, welchen sie den Thieren und Pflanzen gewähren, aufzuspüren, die entferntere Ursache aber blieb ihm verborgen, und daher muß seine Weltanschauung eben nur wie eine dichterische Vorahnung, nicht als ein festes Lehrgebäude betrachtet werden. Eine ganz ähnliche Voraussicht finden wir bei dem deutschen Dichterfürsten Goethe, der zwar in weniger festen Umrissen, als sein englischer Zeitgenosse, aber der Richtung nach ebenso sicher und entschieden die Darwin’sche Weltanschauung voraussah und im Sehnen nach derselben seine höchste Befriedigung fand. Es ist eben die schöpferische Thätigkeit wahrer Dichter, welche sich im Aufbauen künftiger Welten und Weltanschauungen bewährt und ihnen als Propheten der moralischen Weltordnung oft so glückliche Treffer verleiht.

Wie man nicht selten Gaben anderer Art, z. B. musikalische und zeichnerische Talente, in den Familien forterben sieht, so scheint nun in unserem Falle das seltenere Beispiel einer Vererbung des eigenthümlichen Scharfsinns in der Beobachtungsgabe vom Großvater auf den Enkel eingetreten zu sein, der am 12. Februar 1809 dem Arzte Robert Darwin zu Shrewsbury geboren wurde. Aus seiner früheren Jugend wissen wir wenig mehr, als daß er ein großer Jagdliebhaber und Naturaliensammler war und in der Beobachtung des Naturlebens früh die liebste Unterhaltung fand. Er bezog 1825, wie früher auch der Großvater, die Universität Edinburg und 1827 das Christ-College zu Cambridge, schloß sich dort im Besonderen dem Botaniker Henslow an und erwarb, kaum zweiundzwanzig Jahre alt, den ersten akademischen Grad, dem im vergangenen Jahre in feierlicher Sitzung der Ehrendoctor gefolgt ist. Sehr wahrscheinlich würde ihn sein den gesammten Naturwissenschaften gewidmetes Studium auf die gewöhnliche Laufbahn eines Universitätslehrers geführt haben, wenn nicht Alexander von Humboldt’s Naturschilderungen aus fernen Zonen, die er mit Begeisterung las, den unbezwinglichen Wunsch in ihm erweckt hätten, das überreiche Naturleben der Tropen selbst zu schauen, die Natur in ihrer unentweihten Ursprünglichkeit zu belauschen.

Natürlich folgte er ohne Besinnen der ersten sich darbietenden Gelegenheit, diesen Drang zu befriedigen, und diese Gelegenheit war günstig genug. Im Jahre 1831 wurde nämlich der spätere Gouverneur von Neu-Seeland und Begründer der Wettertelegraphie Capitain Robert Fitzroy von der englischen Regierung zu hydrographischen Aufnahmen nach Südamerika und der Südsee entsandt und ihm auf seinen Wunsch, einen Naturforscher am Bord zu haben, der frisch vom College kommende junge Darwin beigegeben. Am 27. December 1831 trat Capitain Fitzroy mit seinem Stabe auf einer Brigg von zehn Kanonen, die prophetisch den Namen „Spurfinder“ (Beagle) erhalten hatte, jene nahezu fünfjährige wissenschaftliche Reise um die Welt an, welche so große Ergebnisse liefern sollte.

Es war wohl ein großes Glück für ihn und uns, daß der junge Darwin hinaus in die freie Natur kam und sie in ihrer Ursprünglichkeit, in ihrer großartigen Wildheit studiren durfte, denn ohne dies, so müssen wir befürchten, würde er nicht der Reformator der Biologie, das heißt der Wissenschaft vom Leben geworden sein. Gerade der Fleiß nämlich, mit dem er nun alle Gebiete der Natur studirte und überall in’s Einzelne ging, hätte ihn nothwendig von jener großartigen Richtung des Großvaters auf das Ganze abziehen und in die Bahnen des sogenannten „exacten“, das heißt strengen Studiums führen müssen, welches damals dictatorisch von der Lehre des großen Cuvier beherrscht wurde, daß alle Arten von Pflanzen- und Thiergeschlechtern sich unveränderlich in der Natur erhielten, wie sie vordem geschaffen worden seien. Das also war auch Darwin’s feste Ueberzeugung, als er auszog, die Natur in ihren Heimstätten zu belauschen, und wir können sicher sein, daß er damals, wenn auch mit Pietät vor dem Dichtergenie, so doch mit Kopfschütteln die Werke seines Großvaters gelesen haben wird.

Sein Tagebuch aus jener Zeit, welches er später unter dem Titel: „Reise eines Naturforschers um die Welt“ herausgab und welches hoch über die gewöhnliche Spreuliteratur der Reisenden hinausragt, enthält einzelne unverkennbar satirische Bemerkungen gegen Lamarck, seinen berühmten Vorgänger, der die Ideen seines Großvaters weiter ausgeführt hatte, und zahlreiche Anklänge an den Bibelglauben Cuvier’s. Don Carlos, wie die Spanier Südamerikas den jungen Naturforscher mit Vorliebe nannten, war mit einem Worte allem unbestimmten Theoretisiren abhold, und Alles, was er von den eigenen Forschungen hoffte, war, um seine eigenen Worte von damals zu gebrauchen: etwas dazu beizutragen, um „den großen, der Jetztzeit und der Vergangenheit gemeinsamen Plan zu enthüllen, nach welchem die organischen Wesen erschaffen worden sind.“

Aber die treue und hingebungsvolle Beobachtung der Natur führte ihn langsam und fast wider Willen zu dem Naturgemälde des Großvaters zurück. Wenn er, mit dem geologischen Hammer in der Hand, auf weiten Ausflügen in das Innere die Schichtenbildungen Südamerikas untersuchte – zum grenzenlosen Staunen der Einwohner, die in ihrer Bigotterie diese Bemühungen theils für närrisch, theils für gottlos hielten, „weil es zu wissen genüge, daß Gott die Berge so gemacht habe, wie sie dastehen“ – so konnte er bald nicht umhin, bei der Vergleichung der eingeschlossenen Thierreste mit den jetzigen Thieren des Landes auf besondere und andere Gedanken zu kommen, als eben diese Bergleute, die, mit vielen europäischen Gelehrten früherer Zeit, die Fossilien für in diesem steinernen Zustande „von der Natur geboren“ ansahen. Aus einer verhältnißmäßig sehr jungen Schicht, dem Pampasschlamm Patagoniens, grub er die Reste einer Anzahl ausgestorbener Thiere aus, die mit wenigen Ausnahmen noch jetzt in Nord- und Südamerika lebende Vertreter haben, aber nirgend sonstwo in der Welt. Sind auch die heute daselbst lebenden Gürtel- und Faulthiere nur Zwerge gegen die von Darwin ausgegrabenen Riesenthiere der jüngsten Vorzeit und nicht mehr völlig gleich gebaut, so sprang doch die enge Verwandtschaft unmittelbar in’s Auge. „Diese wunderbare Verwandtschaft zwischen den todten und lebenden Thieren eines und desselben Continents,“ schrieb er damals in sein Tagebuch, „wird unzweifelhaft noch später mehr Licht auf das Erscheinen organischer Wesen auf unserer Erde, sowie auf ihr Verschwinden von derselben werfen, als irgend eine andere Classe von Thatsachen.“

Was dieses Verschwinden und Verdrängtwerden von Thieren und Pflanzen durch andere oder durch widrige klimatische Verhältnisse betrifft, so konnte er an Ort und Stelle die besten Erfahrungen darüber sammeln. Noch war frisch in Aller Gedächtniß die große Dürre der Jahre 1827 bis 1833 mit ihren verhängnißvollen Folgen für das gesammte Thierleben. Man erzählte ihm, wie die dem Verhungern und Verdürsten nahen Rinder zu Tausenden in die Moräste und in den Paranafluß gestürzt und dort ertrunken seien, da sie aus Erschöpfung meist nicht mehr im Stande waren, die schlammigen Ufer wieder heraufzukriechen. Augenzeugen berichteten von dem Beieinanderliegen Tausender von [115] Cadavern in den Salzsümpfen, und daß der ganze Paranafluß mit faulenden Thierleichen erfüllt, sein Bett mit Knochenresten gepflastert worden sei. Die Wiederkehr solcher Naturereignisse erklärt nicht nur die massenhafte Aufschichtung ausgestorbener Thiere im Schlamme einzelner Oertlichkeiten, sondern auch die Frage, wodurch Thiere, die, wie die Pferde, noch in jüngster Vorzeit massenhaft über ganz Amerika dahinjagten, in ungünstigen Jahren völlig aussterben konnten, sodaß sie bei der Ankunft der Europäer unbekannt waren.

Zugleich gab eine Race des Rindes, deren Unterlippe weit vorgeschoben ist und die Oberlippe nicht berührt, dem Reisenden ein bedeutsames Beispiel, wie sich durch geringfügige Umstände in solchen Katastrophen eine Abart besser erhalten kann, als eine andere, denn diese sogenannte Niata-Race hätte sich während der Zeit der Dürre im Freien nicht erhalten können, da sie nicht so leicht, wie die übrigen Rinder-Racen Schößlinge von Bäumen und Schilf mit den Lippen erfassen und abrupfen kann. Merkwürdiger Weise findet man die Reste eines ohne Nachkommen ausgestorbenen Riesenthieres mit ähnlicher Lippenbildung, des Sivatheriums, in den Sivalikhügeln am Himalaya, und der Gedanke liegt nahe, daß ihm dieselbe Abnormität der Lippenbildung verhängnißvoll geworden sein mag.

Andererseits gab die große Veränderung, welche die Besiedlung Amerikas durch die Europäer im Naturleben seiner Länder hervorgebracht hat, dem Reisenden treffliche Anschauungsbeispiele von den Vorgängen, bei welchen Thiere und Pflanzen durch andere verdrängt und zum Aussterben gebracht werden. Die Heerden der Pferde, Rinder und Schafe haben nicht blos den Guanaco, den Hirsch und Strauß von weiten Flächen vertrieben, sondern auch das amerikanische Schwein oder Peccari ist hier und da von dem verwilderten Schweine der alten Welt aus dem Felde geschlagen worden, und viele Striche wurden von verwilderten Katzen und Hunden bevölkert. Ebenso hat die spanische Artischocke oder Cardone in Chile und anderen Ländern auf beiden Seiten der Anden Hunderte von Quadratmeilen mit Verdrängung der meisten einheimischen Pflanzen in undurchdringliche Distelverhaue verwandelt.

Mochten hier die ersten nebelhaften Umrisse der Ideen vom „Kampfe um’s Dasein“ in dem Geiste des Reisenden aufgetaucht sein, so erhielt sein immer noch ziemlich festgebliebener Glaube an die Beständigkeit der Arten den Todesstoß bei Gelegenheit der im Jahre 1835 stattfindenden Untersuchung der Galapagos oder Schildkröteninseln durch die Expedition des „Beagle“. Diese Gruppe vulcanischer Inseln, die aus fünf größeren und mehreren kleineren Eilanden besteht, besitzt nämlich, obgleich sie gegen neunhundert Kilometer von Amerika entfernt liegt, eine sich im Großen und Ganzen an die amerikanische Fauna und Flora anschließende Lebewelt. Betrachtete man dagegen die Thiere und Pflanzen im Einzelnen, so boten sie bei allem ihrem unleugbar amerikanischen Charakter ein durchaus eigenartiges Gepräge; sie erschienen eben als Eingeborene dieser Inselwelt. Die Naturforscher der älteren Schule würden sie als für die Schildkröteninseln speciell erschaffene Geschöpfe angesehen haben. Dabei war nun außer jenen amerikanischen Beziehungen noch ein zweiter Umstand auffallend. Obwohl nämlich alle diese Inseln nur höchstens fünfzig bis sechzig Kilometer von einander entfernt liegen und die meisten durch kleinere Eilande wie durch Zwischenstationen mit einander verbunden sind, hat beinahe jede ihre eigene Art aus den auf dem Archipel vorkommenden Pflanzen-, Vogel- und Reptilgattungen.

So giebt es da z. B. eine baumartige Schwester unserer Kornblume, welche dort mit einigen Verwandten den hauptsächlichsten Waldbestand bildet und nur auf diesen Inseln vorkommt, die Scalesia, aber jede der sechs bis acht Arten dieses Baumes wächst auf einer andern Insel; nur ausnahmsweise kommen zwei derselben auf einer Insel zugleich vor. Ebenso haben sieben dieser Inseln je ihre eigene, nirgends sonst in der Welt vorkommende Wolfsmilch-Art, aber unter sich sind diese sieben Arten allerdings näher verwandt, und ähnlich verhält es sich mit den diesen Inseln eigenthümlichen Finken, Spottdrosseln und selbst Schildkröten.

Hier drängte sich nun in der That beinahe mit Gewalt der Gedanke auf, daß diese Pflanzen und Thiere wohl in lange zurückliegender Zeit von der Westküste Amerikas bei irgend einer Gelegenheit eingewandert sein und dann auf jeder einzelnen Insel nach den besonderen dort herrschenden Lebensbedingungen etwas verschiedene Formen angenommen haben möchten. Nächst den Riesenschildkröten, die diesen Inseln ihren Namen gaben, ist jedoch die eigenthümlichste und lehrreichste Bewohnerin derselben eine mehrere Fuß lange dunkelgefärbte Eidechse, der Höckerkopf (Amblyrhynchus), ein Vetter der amerikanischen Leguane. Dieses ebenfalls sonst nirgends vorkommende Thiergeschlecht ist nun in zwei verschiedenen Arten vorhanden, von denen sich die eine der Ernährung von Landpflanzen, die andere – ein Unicum unter den Eidechsen! – der Ernährung von Meeresalgen angepaßt hat. Hierbei blieb nun in der That wohl kaum ein Zweifel übrig, daß diese beiden Arten aus derselben Grundform, und zwar wahrscheinlich eben durch die Gewöhnung an die verschiedene Lebensweise entstanden sein müßten.

Nach einem längeren Besuche Australiens und Polynesiens, wo er das lange vergebens umworbene Räthsel der von Korallenthieren erbauten Inseln löste, betrat Darwin am 2. October 1836 wieder den englischen Boden, tief erschüttert in seinem Vertrauen zu den Lehren der herrschenden biologischen Schule, und schrieb bald darauf (1839) eine vorläufige Skizze seiner neu gewonnenen Ansichten nieder, die er seinen Freunden, dem bekannten Geologen Lyell und dem Botaniker Hooker, zu lesen gab. Zunächst zwar nahm die Bearbeitung der reichen geologischen, botanischen und zoologischen Errungenschaften der Reise, bei der ihn die ersten Fachgelehrten seiner Zeit und des Landes unterstützten, seine Thätigkeit in Anspruch, aber sobald diese Arbeiten aufhörten ihn in London zu fesseln, zog er sich (1842) nach seinem Landsitz Down bei Bromley in der Grafschaft Kent zurück, um hier, durch geduldige Studien im Garten und auf dem Vieh- und Geflügelhofe, die auf dem heißen Boden der Galapagos-Inseln brennend gewordene Frage, ob die Arten unveränderlich oder veränderlich seien, festzustellen.

Seine Beobachtungen an verschiedenen Culturpflanzen und Hausthieren, besonders an den Tauben, brachten ihn bald genug zu der sicheren Ueberzeugung, daß die lebenden Wesen in hohem Grade zur Veränderung neigen, und daß ihre allmählichen Abänderungen in der Weise zur Artbildung führen, daß die irgendwo den herrschenden Lebensbedingungen am besten entsprechenden Formen in dem allgemeinen Verdrängungskampfe zuletzt allein übrig bleiben. Diese Voraussetzung, welche den Schwerpunkt der Darwin’schen Theorie bildet, ist, wie hier zu bemerken erlaubt sein mag, keine Hypothese, sondern ein einfacher Vernunftschluß, denn das, was sich seiner Umgebung nicht anzupassen vermag, kann natürlich nicht leben.

Darwin hätte in seiner bescheidenen Zurückhaltung wahrscheinlich noch lange sich mit Sammlung weiterer Thatsachen zur Unterstützung seiner Auffassung begnügt, wenn nicht der berühmte Reisende und Naturforscher Alfred Russel Wallace bei seinen Studien des Naturlebens im malayischen Archipel unabhängig zu genau derselben Ansicht gelangt wäre und eine Abhandlung darüber im Jahre 1858 an Darwin gesandt hätte, der sie Lyell zustellen sollte, wenn er sie des Druckes würdig erachte. Letzteres geschah, aber Lyen und Hooker veranlaßten Darwin, seine ihnen bekannte Skizze von 1839 mit abdrucken zu lassen. Diesen am 1. Juli 1858 veröffentlichten Aufsätzen folgte im November desselben Jahres Darwin’s grundlegendes Werk über den Ursprung der Arten, welches die dichterische Weltanschauung seines Großvaters durch eingehende und in einer große Reihe späterer Werke fortgesetzte Specialforschungen zu Ehren gebracht hat. Wir können hier die Wirkung, welche diese Geistesthaten auf die gesammten Naturwissenschaften geübt haben, nicht näher schildern; diese letzteren sind nach kaum zwanzig Jahren bereits von Darwin’schem Geiste durchsättigt, und es giebt kaum einen oder den anderen Specialforscher, der sich gegenwärtig noch diesem Einflusse zu entziehen vermöchte. Von nicht geringerer Bedeutung war der Schritt, mit welchem er den Menschen als Glied der Gesammtnatur zurückforderte und dadurch auch alle Culturwissenschaften in die gewaltige Geistesbewegung hineinzog. Dieser Umstand erregte natürlich in den Kreisen vieler Buchstabengläubigen das größte Aergerniß, aber schon jetzt beginnen verständige Geistliche einzusehen, daß gerade im Darwinismus die Keime der erhabensten Gottes- und Weltauffassung, die sich denken läßt, liegen. Auch sie dürfen daher in den Wunsch einstimmen, daß der Jubilar noch lange Jahre Freude an dem Aufblühen seines Werkes erlebe möge.

Carus Sterne.

  1. Im soeben erschienenen Februarheft des „Kosmos“, Zeitschrift für einheitliche Weltanschauung, in Verbindung mit Darwin und Häckel herausgegeben von Prof. Dr. G. Jäger, Prof. Dr. O. Caspari und Dr. Ernst Krause (Carus Sterne). Leipzig, E. Günther’s Verlag.