Das Bergweiblein

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Textdaten
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Autor: Alois Wilhelm Schreiber
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Titel: Das Bergweiblein
Untertitel:
aus: Badisches Sagen-Buch II, S. 69–71
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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Quelle: Commons und Google
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Das Bergweiblein.

Das Geschlecht, das auf der Burg Bosenstein, dessen Ruinen bei Ottenhöfen im Kapplerthal von einem Hügel herabsehen, seinen Sitz hatte, ist längst erloschen. Einer der Ritter, welche dort haußten, hatte seine einzige Tochter, Ida mit Namen, erst achtzehn Jahre alt, ausnehmend schön aber eben so gut und fromm. Oft erging sie sich im nahen Walde, pflückte Blumen und Kräuter und lauschte dem fröhlichen Gezwitscher der Vögel. Da gesellte sich von Zeit zu Zeit ein kleines, graugekleidetes Weiblein zu ihr und hatte bald durch ihr freundliches Wesen und die wundervollen Geschichten, die es ihr erzählte, Ida’s volle Gunst gewonnen. Eines Tages brachte ihr das Weiblein einige Stücke gediegenen Goldes. „Da,“ – sagte sie – „will ich dir was schenken! Solch ein kostbares Spielzeug hat wohl kaum eine Königstochter aufzuweisen!“ – Ida freute sich herzlich über diese Kleinodien und als sie nach Hause kam, eilte sie, dieselben ihrem Vater zu zeigen. Aber dieser Anblick weckte im Herzen des Ritters alsbald die böse Begierde. Der Gedanke, das Waldweiblein müße wohl im Besitze großer Vorräthe solcher Kostbarkeiten seyn, ließ ihm keine Ruhe mehr und seine Habsucht trieb ihn zu einem unseligen Entschluße.

Am folgenden Tage spielte Ida wieder, wie gewöhnlich, in ihrem lieben Walde und auch die geheimnißvolle Gesellschafterin hatte sich wieder eingestellt. Da stürzten plötzlich etliche Knechte des Burgherrn aus dem Gebüsche hervor, wo sie gelauert hatten, [70] ergriffen das Weiblein, des Flehens der zum Tod erschrockenen Ida nicht achtend, und schleppten es auf die Burg vor den Ritter von Bosenstein. Dieser fuhr sie mit rauhen Worten an, indem er auf das ihm von seiner Tochter überlassene Gold deutete:

„Woher hast du diese Stücke?“

„Aus meiner Heimath.“ – versetzte das Bergweiblein.

„Ihr müßt einen Ueberfluß von solchen Schätzen haben! – Ich gebiete dir, mit längstens bis Morgen um diese Zeit zehn Körbe voll davon zu bringen!“

„Ich bin nicht Eure Leibeigene!“ – gab das Weiblein mit finsterem Blicke zurück – „Glaubt ja nicht, daß ich Euch gehorchen werde!“

„So will ich versuchen, ob Dich eine Nacht in meinem Burgverließe nicht anderen Sinnes werden läßt!“ – zürnte der Ritter.

„Gewiß zum Danke, daß ich Eurem Töchterlein das Gold zum Spielzeuge gebracht habe?“ – kicherte das Weiblein höhnisch und ihre Worte klangen so unheimlich, daß den Burgherrn ein Grauen überlief; allein der Schimmer des Goldes überwältigte schnell jede bessere Regung in ihm und er befahl, die Alte in den Kerker zu werfen, wenn sie nicht augenblicklich verspräche, seinem Gebote Folge zu leisten.

In diesem Augenblicke kam Ida fast athemlos gelaufen und beschwor ihren Vater unter Thränen, doch ja ihrer Freundin zu schonen, die stets so liebreich gegen sie gewesen. Aber der habsüchtige Mann blieb ungerührt, sogar als sich sein Kind ihm zu Füßen warf und flehend seine Kniee umschlang. Das Weiblein aber sagte: „Dieses Mägdlein ist Euer guter Engel, Herr Ritter! Jetzt laßt mich abführen in den Thurm!“

Ida bestand darauf, mit dem Weiblein ins Verließ gesperrt zu werden, allein der harte Vater riß sie heftig von demselben hinweg und die Alte ward in den Thurm geführt.

Diesem Abend folgte eine furchtbare Nacht. Ein entsetzlicher Sturm erhob sich und schien die Burg in Trümmer zusammenstürzen zu wollen. Zwischen dem Rasseln des Donners und dem Geheule der Windsbraut vernahm man allerlei seltsame Stimmen und gellende Hammerschläge. Als es endlich Morgen [71] ward, kam ein Knecht zu dem Ritter mit der Meldung heraufgeeilt, die Gefangene sey durch ein Loch, das in den Thurm gebrochen worden, entflohen.

Jetzt bemeisterte sich doch ein Bangen des Herzens des Burgherrn; als aber eine Magd mit der Nachricht erschien, Ida’s Bett sey leer und keine Spur von ihr zu finden, schlug er sich die Faust vor die Stirne und wüthete über sich selbst.

Das ganze Burggesinde und alle Reisigen wurden aufgeboten, die Gegend ringsum zu durchstreifen, jedoch alles Forschen blieb vergebens und sie kehrten niedergeschlagenen Herzens wieder zurück. Der Ritter gerieth in Verzweiflung, raufte sich das Haar und that Gelübde auf Gelübde, eine Kirche zu bauen, einen Theil seiner Güter dem Kloster zu schenken, ja selbst nach Einsiedeln zu wallfahrten, wenn ihm nur seine Ida, die er bei all seiner Härte doch zärtlich liebte, wiedergegeben würde. Endlich brachte ein Holzhauer die Kunde, daß er das Fräulein auf einer Felsenklippe, die noch Niemand zu ersteigen vermochte und die eine halbe Stunde von Bosenstein im Walde lag, bei dem gespenstigen Weiblein sitzen gesehen habe. Unverzüglich machte sich der Ritter mit seinen Leuten nach dem angegebenen Orte auf. Als das Weiblein die Ankommenden erblickte, nahm sie rasch Ida bei der Hand und verschwand mit ihr auf der Rückseite des Felsens. Der Ritter wähnte nun Alles verloren, doch als er mit vieler Mühe sich einen Weg durch das Gestrüppe hinter die Klippe gebahnt, fand er zu seiner freudigsten Ueberraschung seine Tochter auf einer Moosbank am Felsen schlummern und neben ihr zwei mit Laub überstreute hohe Körbe. Der Ritter dachte nicht anders als, sie seyen mit Gold angefüllt, als er aber die Hülle aufdeckte, glänzten ihm nichts als Steinkohlen entgegen und dabei lag ein Pergamentstreif mit den Worten: „Dem goldgieriger Ritter von Bosenstein!“

Das Weiblein aber ließ sich von diesem Tage an nirgends mehr blicken und die arme Ida vermißte lange Zeit mit schwerem Herzen die freundliche Gespielin ihrer Waldeinsamkeit und konnte sich kaum über ihren Verlust mehr trösten.

(Al. Schreiber’s „Sagen aus den Rheingegenden etc.“)