Das Blutfeld

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Autor: Alois Wilhelm Schreiber
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Titel: Das Blutfeld
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aus: Badisches Sagen-Buch II, S. 253–256
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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Das Blutfeld.

Nach dem Tode des Markgrafen Eduard Fortunatus von Baden-Baden wollte der Markgraf Georg Friedrich von Baden-Durlach dessen Kinder nicht für successionsfähig anerkennen, die aus seiner Ehe mit Maria von Eicken entsprossen waren. Die Vormünder der Kinder gaben sich vergebliche Mühe, und der Kaiser zögerte, ein Urtheil in dieser Sache zu fällen, bis nach der für den Durlacher Markgrafen so unglücklichen Schlacht bei Wimpfen (1622) der kaiserliche Reichshofrath einen Spruch that, nach welchem Markgraf Wilhelm in den Besitz aller seiner Länder eingesetzt wurde.

Als in Folge des Sieges bei Leipzig die Schweden unaufhaltsam gegen den Rhein vorrückten, führte Markgraf Wilhelm den Befehl über die kaiserlichen Truppen am Oberrhein. Er ward in mehreren Treffen von den Schweden geschlagen und sein Land von diesen besetzt und dem Markgrafen von Baden-Durlach übergeben, während Wilhelm sich nach Innspruck flüchtete. Bald darauf kam er mit einem kleinen Heere zurück, um die Schweden aus seinen Landen zu vertreiben. Allein er gerieth in einen Hinterhalt, wobei ein großer Theil seines Heeres niedergemacht wurde, und nur mit genauer Noth entging er der Gefangenschaft. Schon hatte ihn ein schwedischer Reiter am Arm ergriffen, aber weil er nur in gewöhnlicher Soldatentracht war, und der Schwede in demselben Augenblick einen reich gekleideten Offizier sah, so ließ er Jenen los, und jagte Diesem nach.

[254] Eilig und nur mit wenig Begleitern floh Markgraf Wilhelm seiner Residenz zu, immer seine Feinde dicht hinter sich. So kam er allein bis in das Thal von Oberbeuern, wo sein Pferd todt unter ihm niederstürzte. Zum Tode müde, vermochte er seine Flucht nicht weiter fortzusetzen. Er trat jezt in ein am Wege stehendes Haus, gab sich zu erkennen und forderte die Bewohner desselben auf, ihm zu seiner Rettung behülflich zu seyn. Der Hauseigenthümer war der Stabhalter des Thals, und alsbald sorglich bereit, seinen Fürsten von der Gefangenschaft zu retten. Während sie noch über die zweckdienlichsten Mittel sich beriethen, kam ein Junge nach Haus mit der Nachricht, daß ein Trupp schwedischer Reiter das Thal herauf käme und alle Wohnungen untersuche. Jetzt galt kein Säumen mehr; doch während der Landmann besorgt nach einem Ausgang umher spähte, ward er einen schmutzigen, stummen Wagenschmierer gewahr, den er zuweilen bei sich rasten ließ. Schnell stieg jetzt ein Gedanke in ihm auf, den er eben so schnell zur Ausführung brachte. Der arme Stumme mußte sich sogleich entkleiden und in der Tracht eines der Söhne aus dem Hause sich entfernen, aber sein Fäßchen zurücklassen. Hierauf wurden dem Markgrafen die schmutzigen Kleider desselben angelegt, sein Gesicht geschwärzt und ihm die Ofenbank zum Lager angewiesen, wo er die Rolle des Stummen spielen sollte. Kaum waren die Anordnungen getroffen, so stürmten auch schon die feindlichen Reiter herein. Sie durchsuchten das ganze Haus bis in die hintersten Winkel; auch den Schlafenden auf der Ofenbank rissen sie herum und fragten, wer und was er sey. Man sagte ihnen, daß er ein armer Stummer sei, der mit Wagenschmiere handle, und hier aus Barmherzigkeit eine Schlafstelle finde; seine Heimath sey das Murgthal. Damit gaben sich die Reiter zufrieden, holten aber aus dem Stalle noch ein Kalb, welches sie am Feuer zurecht machten und verzehrten.

Am andern Morgen zeigte der Bauer dem Fürsten den Weg übers Gebirge nach Forbach, und geleitete ihn bis an die Leimenlöcher. Glücklich entkam der Markgraf abermals nach Innspruck, von wo aus er sogleich durch ein reiches Geldgeschenk sich dankbar gegen seinen Retter bewies. Nachdem er wieder in den ungestörten Besitz seiner Markgrafschaft gekommen war, [255] gab er ihm noch überdies eine große Besitzung von Wald und Feld zur Belohnung. Graf hieß der wackere Mann und noch lebt eine zahlreiche Nachkommenschaft von ihm.

Im Jahr 1634 war Markgraf Wilhelm abermals in seine Residenz Baden zurückgekehrt, deren Besitz ihm aber noch nicht ungestört vergönnt wurde. Der Markgraf von Baden-Durlach zog mit einem Heere gegen ihn, und die Waffen sollten entscheiden, wer über die obere Markgrafschaft herrschen solle. Auch Markgraf Wilhelm hatte ein Heer gesammelt, und zog an dessen Spitze aus, für sein gutes Recht zu fechten. In der Ebene zwischen den Dörfern Oos und Sinsheim und dem Fremersberge, trafen die beiden Heere auf einander. Tapfer und hartnäckig wurde auf beiden Seiten gekämpft, und zwei Tage schon hatte der Kampf mit großer Erbitterung gewüthet, ohne daß einer oder der andere der Fürsten sich des geringsten Vortheils rühmen konnte. Als am Abend des zweiten Tages die Schlacht ruhte, ritt Markgraf Wilhelm, der wohl einsah, daß er ohne Verstärkung schwerlich einen gänzlichen Sieg erfechten werde können, in Begleitung eines einzigen Dieners nach dem Beuerner Thale. Hier ließ er die Vorsteher der Gemeinde zusammenrufen und stellte ihnen vor, wie er wahrscheinlich bei dem obwaltenden Kampfe der Uebermacht erliegen werde müssen, wenn er keine Hülfe bekäme; er habe jedoch von den Bewohnern dieses Thals von jeher so viel Beweise ihrer Ergebenheit gegen ihr Fürstenhaus erhalten, daß er es jetzt getrost wage, sie zu bitten, ihm aus ihrer Mitte Verstärkung an Mannschaft zu schicken. Gern und freudigen Muthes versprachen die biederen Thalbewohner ihrem Fürsten die verlangte Hülfe. Er solle nur getrost, sagten sie, am andern Tage die Schlacht beginnen, sie würden sicherlich zur rechten Zeit da seyn. Und alsbald schickten sie durch das ganze Thal und ließen alle waffenfähige Mannschaft entbieten, um zum Heere des Markgrafen zu stoßen. Und als der Morgen erschien, da versammelte sich eine gewaltige Schaar; nicht allein Jünglinge und Männer, sondern auch Frauen und Kinder zogen mit aus, für den verehrten Fürsten zu streiten. Und mit Fahnen und Musketen, mit Picken und Sensen, mit Mistgabeln und Knütteln, eilten sie durchs Gebirge nach der Seite des Fremersberges, wo sie, durch das Dickicht [256] verborgen, das ganze Schlachtfeld überblicken konnten. Und als der Kampf am heftigsten entbrannt war, brachen sie aus ihrem Hinterhalte hervor und fielen dem Feind in den Rücken. Dadurch entstand in dessen Reihen Verwirrung, die bald in allgemeine Flucht ausartete. Markgraf Wilhelm verfolgte mit seiner Reiterei die Flüchtigen, und bei Bühl gerieth der Durlacher Fürst in seine Hände. Wilhelm begnügte sich, ihn versprechen zu lassen, daß er künftig allen Ansprüchen auf das Baden-Badensche Land entsage, und schenkte ihm gegen diese Verzichtleistung die Freiheit.

So wird dies Ereigniß von den Bewohnern des Beuerner Thales erzählt; freilich etwas abweichend von der Geschichte. Noch aber heißt das Feld, wo die Schlacht geliefert worden: das Blutfeld.

Aloys Schreiber.
(Siehe „Sagen aus Baden und Umgegend.“ Carlsruhe, 1834.)