Das Ergrauen des Haupthaares

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Autor: Joseph Pohl-Pincus
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Titel: Das Ergrauen des Haupthaares
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 552–556
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[552]
Das Ergrauen des Haupthaares.
Vom Stabsarzt Dr. J. Pincus, Docent an der Universität zu Berlin.

Die allgemeine Beobachtung lehrt, daß in einer bestimmten Epoche des menschlichen Entwicklungsganges regelmäßig ein Ergrauen des Haupthaares eintritt. Bei ganz normalen Verhältnissen ist der Verlauf dieser Entwicklungsepoche ein solcher, daß dem Erbleichen des Haares eine Reihe anderer Greisenveränderungen des Gesammtkörpers vorausgeht; das Ergrauen ist dann naturgemäß und steht mit dem sonstigen Lebensgange des Menschen in Harmonie. Es empfindet auch ein Greis diese Veränderung seines Haares nicht als ein Uebel und die allgemeine Meinung betrachtet das graue Haar als ein ehrwürdiges.

Allein eine solche völlig normale Entwicklung ist selten.

In der Regel tritt gleichzeitig mit dem Erbleichen der Farbe eine andere, nicht als so ehrwürdig betrachtete Veränderung des Haares ein: dasselbe verliert an Länge und Dicke, und dieser Leidenszustand zeigt ebenso wie die in den früheren Aufsätzen erwähnten chronischen Haarkrankheiten einen fortschreitenden Charakter in zweifacher Weise: es verliert entweder gleichzeitig je ein Haar in allen Haarkreisen an seinen ursprünglichen Dimensionen, oder es tritt diese Verkürzung und Verdünnung bei allen Einsassen, aber nur in sehr wenigen Haarkreisen ein; im ersten Falle erfolgt eine gleichmäßige Verdünnung des gesammten Haarbodens, im zweiten entsteht eine kleine Tonsur. Zuweilen findet eine Mischung beider Processe statt.

Findet sich diese Erkrankung des Haarwuchses neben der Veränderung der Haarfarbe erst in sehr hohen Jahren, so darf sie gleich dem einfachen Ergrauen als ein unabweisbarer Entwicklungszustand angesehen werden; der Hochbetagte verlangt wegen der Veränderungen seines Haupthaares keine ärztliche Hülfe und sie könnte auch nicht geleistet werden. Tritt hingegen dieser Zustand schon im Anfange der fünfziger Jahre ein oder nimmt der Haarschwund rascher überhand als die Entfärbung, so liegt ein Leiden vor.

In früheren Epochen der Medicin hat man als unzweifelhaft feststehend angenommen: das Erbleichen des Haares im Greisenalter erfolge durch eine Veränderung an dem längst fertig gebildeten Haar; man betrachtete früher das Haar fast als etwas Feststechendes, Unwandelbares, etwa wie den Nagel; man dachte nicht an den stetigen Ausfall und den stetigen Ersatz; man kam beim Ergrauen gar nicht auf die Vermuthung, daß dieses ein neu sich bildendes Haar treffen könne, und man war nur darüber verschiedener Ansicht, ob dieser Erbleichungsproceß zuerst die Spitze oder zuerst den Wurzeltheil oder gar auf einmal das Haar in seiner ganzen [553] Ausdehnung ergreife. In unserm Jahrhundert nahm man es als ebenso feststehend an, daß farbiges Haar niemals erbleichen könne, es falle vielmehr das farbige aus und an seiner Stelle entstehe ein farbloses, es komme also das Erbleichen nur auf dem Wege des typischen Haarwechsels zu Stande.

Die Frage, welche dieser beiden Auffassungen die richtige sei, läßt sich entscheiden durch Untersuchung des Haarausfalls, durch mikroskopische Untersuchung der grauen Haare und durch Beobachtung am lebenden. Es widerstrebt aller unbefangenen Beobachtung, anzunehmen, daß der einmal im Haar abgelagerte Farbstoff wieder verschwinden, sich auflösen könne; zwar ist es leicht, in dem vom Körper abgelösten Haar durch etwas Chlorgas oder Chlorwasser den Farbstoff zu zerstören (ein in dieser Weise behandeltes dunkles Haar erscheint sehr bald völlig farblos) – aber daß ein dem Chlor ähnlich wirkender Körper sich in der Kopfhaut selbst bilde und nun rasch in das Haar eindringe, das ist noch niemals beobachtet worden.

Es steht daher nach meinem Ansicht unzweifelhaft fest: wo die mikroskopische Untersuchung des frisch entnommenen Haares keinen Farbstoff nachweist, da ist auch nie Farbstoff gewesen.

Aber eine andere Möglichkeit liegt vor: es sind nämlich zwei Fälle ganz eigenthümlicher Haarbildung beobachtet worden, der eine in Greifswald vor vierzig Jahren, der andere vor zwei Jahren in London. Es handelte sich in jedem der beiden Fälle um jüngere Männer, deren Kopfhaar aus ziemlich regelmäßig abwechselnden Stücken gefärbten und weißen Haaren bestand; einzelne Haare waren noch vollständig (in ihrer ganzen Länge) gefärbt, keines war ganz weiß, die meisten zeigten eine Strecke hell, die andere dunkel, die folgende wieder hell und so fort. Bei Thieren findet man dergleichen geringelte Haare sehr häufig; bei Menschen gehören sie indeß zu den größten Seltenheiten; mindestens sind nur die beiden genannten Fälle veröffentlicht. Aber bei mikroskopischer Betrachtung unterschieden sich die Haare dieser beiden Fälle sehr wesentlich von den geringelten Haaren der Thiere. Sehr viele Beobachter haben diese Haare geprüft (ich selbst besitze noch durch die Liebenswürdigkeit eines verehrten Collegen zwei Haare des zweiten Falles) und sie haben übereinstimmend [554] folgendes Resultat gefunden: auch an den weißen Stellen ist der Farbstoff reich abgelagert, er macht nur auf das betrachtende Auge nicht den farbigen Eindruck, weil das Haar an seinen äußeren Rindenschichten aufgelockert ist und zwischen den gelockerten Fasern eine große Zahl feiner Luftbläschen und Luftsäulchen enthält; solche feine, in den verschiedensten Ebenen über einander gelagerte Luftsäulchen und -Bläschen reflectiren das auffallende Licht mit ziemlich starkem Glanze, lassen die Lichtstrahlen zu den farbigen Körnchen des Haares erst gar nicht hindringen und erzeugen so durch den Reflex die weiße Farbe.

Diese Beobachtung erweckt nun den Gedanken: vielleicht beruht das Ergrauen des Haares zuweilen auf einer solchen Auftreibung und Luftanfüllung des Haares; vielleicht sind namentlich die Fälle plötzlich eintretenden Ergrauens in solcher Weise zu erklären.

Es wird nämlich, wie ja wohl allgemein bekannt, wiederholt berichtet, daß bei einzelnen Personen nach außergewöhnlich starken Gemüthsbewegungen das Haupthaar in einer Nacht oder in wenigen Tagen erbleicht sei. Am bekanntesten ist das Beispiel der Königin Marie Antoinette: sobald sie ihre Verurtheilung zum Tode erfahren, wurde ihr Haar innerhalb weniger Stunden oder Tage grau. Im vorigen Jahre wurde von einem Arzt in Hamburg folgender Fall berichtet. Beim Ueberfluthen der Elbe in Hamburg wurde eine eigenthümlich gebaute Kellerwohnung plötzlich unter Wasser gesetzt; in dem Keller wohnten ein Mann in mittleren Jahren und sein kleiner Sohn, der im tiefen Genesungsschlaf nach einer schweren Krankheit sich befand; in der allgemeinen durch das plötzliche Steigen des Wassers bedingten Aufregung dachte keiner der Hausbewohner an die Unglücklichen im Keller. Das Wasser stieg immer höher, der Vater saß auf dem Bett, den Knaben in seinen Armen, das Wasser reichte ihm bis über die Kniee; das Zimmer war so niedrig, daß der Mann nicht aufrecht stehen konnte; die Fluth stieg stetig weiter. Der Vater gab sich und sein Kind verloren – indeß im letzten Moment kam noch Hülfe. Der Knabe genas vollständig, der Vater überstand die entsetzliche doppelte Todesangst, aber sein bis dahin dunkles Haar war in der einen Nacht grau geworden. Leider hat der Arzt das Haar nicht mikroskopisch untersucht. Eine solche Untersuchung hat meines Wissens unter den hierher gehörigen Fällen nur einmal stattgefunden und zwar Seitens eines namhaften Fachmannes in Greifswald. Es betraf einen Mann in jüngeren Jahren, der mehrere Tage im Trinkerwahnsinn eine hohe Aufregung überstand und während dieser Tage ergraute; das Mikroskop zeigte an den ergrauten Stellen den Farbstoff vorhanden, aber das Haar war daselbst auseinandergefasert und mit Luft erfüllt: also völlig derselbe Zustand wie in den beiden oben erwähnten Fällen. Die Bekannten des Kranken, welche ihn nach seiner Genesung im Hospital besuchten, waren äußerst erstaunt, ihn mit Greisenhaar wiederzufinden.

Leider beseitigt auch diese Beobachtung, welche im Uebrigen den Anforderungen exacter Wissenschaftlichkeit entspricht, nicht den hauptsächlichsten Zweifel, der allen diesen Mittheilungen gegenüber besteht. Es liegt nämlich folgende Vermuthung nahe: das graue Haar war schon Jahre lang da, bevor die aufregenden Tage eintraten, nur wurde, um das unlieb angesehene Grau zu verbergen, ein Farbstoff angewendet; in den Tagen der Aufregung hatte der Mann oder die Frau keine Gelegenheit, die färbende Pomade zu brauchen, oder er verlor gegenüber den großen Erschütterungen die Lust dazu, weil es ihm nicht mehr lohnend schien, das Zeichen vorzeitigen Alters zu verhüllen, oder weil er es für klug fand, nun, da etwas Außergewöhnliches ihn betroffen hatte, dieses Außergewöhnliche auch für die Ursache seiner (wie seine Umgebung glaubt) plötzlich entstandenen Haarveränderung anzugeben.

Diese Vermuthung ist nicht abzuweisen: in keinem der berichteten Fälle war das Haar vor dem Eintritt des aufregenden Ereignisses von einem zuverlässigen Fachmanne mikroskopisch untersucht worden; man war mithin auf die Angaben des Betroffenen allein angewiesen. Bloße subjective Angaben in einer solchen Lage, in welcher eine kleine Lüge nicht für unrecht gehalten wird, bilden aber keine Basis für die wissenschaftliche Feststellung einer zweifelhaften Thatsache.

Wenn aber ein solches plötzliches Ergrauen des fertig gebildeten farbigen Haares wirklich möglich sein sollte, so kommt es jedenfalls außerordentlich selten vor. Und ich will nach den Erfahrungen, welche ich wiederholt gemacht habe, noch auf eine Irrthumsquelle hinweisen. Wenn einem Manne in mittleren Jahren die Gattin nach einer mehrwöchentlichen Krankheit dahinstirbt, oder einer Mutter der bis zum Ausbruch der Krankheit blühende Sohn, oder wenn ein Kaufmann durch den unerwartet ausgebrochenen Bankerott eines Geschäftsfreundes sein eigenes Vermögen und seine kaufmännische Ehre bedroht sieht und nun einige Wochen hindurch die tiefsten Gemüthsbewegungen und die höchsten Anspannungen des Geistes zu überstehen hat, dann geschieht es wohl, daß die gewaltige Erschütterung des Gesammtorganismus auch die Haarbildungsstätte umwühlt: ein Theil des Haares, welches fortan gebildet wird, enthält keinen Farbstoff mehr. Die Angehörigen und Bekannten sagen dann: „Sein Haar ist darüber grau geworden!“ Prüft man aufmerksam ein solches Haar, so sieht man, daß vielfach dasjenige Stück des Haares, welches dicht an der Kopfhaut sich befindet, farblos ist; niemals habe ich in einem solchen Falle (falls eben nicht schon vorher graues Haar vorhanden war) auch nur ein einziges Haar in seiner ganzen Ausdehnung oder an einer von der Kopfhaut mehr entfernten Stelle grau gefunden; und bei der mikroskopischen Untersuchung ergab sich, daß an den farblos erscheinenden Partieen der Farbstoff auch wirklich fehlte.

Nach meiner Meinung steht diese sehr interessante Frage folgendermaßen: es ist noch nicht ein einziges Mal zuverlässig festgestellt, daß ein farbiges Haupthaar in seiner ganzen Ausdehnung oder auch nur in einem Stück desselben weiß geworden wäre; es erfolgt vielmehr die Entfärbung, soweit die genaue Beobachtung reicht, stets in der Weise, daß das später wachsende Stück des Haares farblos gebildet wird, oder (was für den in Rede stehenden Punkt auf dasselbe hinausläuft) so, daß das gefärbte Haar ausfällt und der neu sprossende Nachwuchs grau erscheint. Ich sage: es ist eine andere Art des Ergrauens des Haupthaares auch nicht ein einziges Mal zuverlässig festgestellt. Und wenn mich Jemand, wie das oft geschieht, fragt: „Glauben Sie an das plötzliche Ergrauen?“ so antworte ich ihm stets: „In naturwissenschaftlichen Dingen soll man nicht sagen: ich glaube oder ich glaube nicht! Man soll beobachten und forschen, um zur Erkenntniß, zur Wahrheit zu kommen! Man soll keinen Glauben darüber haben; man soll sich wenigstens mit dem Glauben nie genügen lassen!“

Die in Rede stehende Frage ist durch Beobachtung ganz sicher zu lösen. Und ich habe (nach den vielen, mir über die früheren Aufsätze aus allen Ländern zugegangenen Briefen) die Hoffnung, es werden sehr viele Leser dieser Zeilen sich für die Frage interessiren und selbst Beobachter werden. Aber richtige Beobachter, das heißt Beobachter mit unbefangenem Auge, ohne Voreingenommenheit. Wer einen bezüglichen, aufklärenden Fall wahrzunehmen glaubt, der controlire seine eigene Wahrnehmung durch Heranziehen eines Sachverständigen oder theile mir freundlich einige Zeilen mit, denn eine einzige vollständig constatirte Thatsache würde diese Frage, über welche die Aerzte seit zweitausenddreihundert Jahren schwankender und verschiedener Meinung sind, definitiv lösen. Aber der Sachverständige, das heißt der Fachmann muß hinzugezogen werden, damit eine genaue mikroskopische Untersuchung angestellt werde und damit die Mittheilung auch die verlangte wissenschaftliche Glaubwürdigkeit erhalte.

Es ist nämlich die Möglichkeit des Ergrauens eines fertig gebildeten, bis dahin farbigen Haares nicht abzustreiten und es liegt hierüber eine Mittheilung vor, die große Beachtung verdient. Ein zuverlässiger französischer Beobachter, Brown-Sequard, (ich nenne in diesem Falle den Namen; oben habe ich aus guten Gründen einige Autoren nicht namentlich bezeichnet) hat vor einem Jahre etwa Folgendes über sich berichtet: er fand an seinem dunklen Barte eines Morgens an einer umschriebenen Stelle einige Haare grau; es überraschte ihn diese Wahrnehmung und um festzustellen, wie es mit dem Ergrauen zugehe, zog er die entfärbten Haare mit einer Pincette sorgfältig aus; am nächsten Tage fanden sich in der nächsten Nachbarschaft jener ersten Stelle wiederum einige Haare ganz grau, er zog auch diese aus und am nächsten Morgen sah er abermals einige Haare entfärbt. Leider ist diese Beobachtung, obwohl sie von einem sehr angesehenen Fachmanne ausgeht, auch den Forderungen exacter Wissenschaftlichkeit nicht voll entsprechend, es fehlt nämlich die Angabe über die Länge der bezüglichen Haare (dies zu wissen, ist durchaus nöthig) und es [555] fehlt die mikroskopische Untersuchung. Ich hoffe, es werden viele Leser die Beobachtung von Brown-Sequard an sich und ihren Bekannten controliren; es wäre die mikroskopische Untersuchung eines solchen Haares von großer Wichtigkeit. Wenn, wie ich vermuthe, in einem solchem Haar der Farbstoff sich völlig erhalten zeigte, so schiene die Möglichkeit, es könne sich etwas Analoges am Haupthaar finden, etwas größer; mehr dürfte man allerdings nicht sagen, denn der Bau des Barthaares ist ein anderer als der des Kopfhaares; jener ermöglicht nämlich in weit ausgedehnterem Maße ein Auseinanderweichen seiner Rindenschichten, also auch das Eindringen kleiner Luftbläschen und Luftsäulchen.

Für das seit jeher gefürchtete Uebel, das vorzeitige Ergrauen, über welches ich im nächsten Aufsatz sprechen werde, hat die Luftentwicklung im Haare jedenfalls nur eine äußerst geringe Bedeutung; ich habe sie noch nie bei diesen Zuständen gesehen; vielmehr ergab die Untersuchung in allen Fällen eine mehr oder weniger vollständige Abwesenheit des Farbstoffs.

Da die Beschaffenheit des Gesammthaares bei einfachem Ergrauen und bei der Verbindung von Ergrauen mit Haarschwund sich in dem täglichen Haarausfall spiegelt, so stelle ich nachträglich in einer kleinen Tabelle die Zahlen zweier solcher Fälle nebeneinander. Der Leser möge sich von der langen Reihe von Zahlen nicht abschrecken lassen, er möge sie aufmerksam durchlesen und er wird finden, daß ihm namentlich über „das vorzeitige Ergrauen des Haupthaares“ daraus erst die rechte klare Einsicht aufgehen wird.

Zur Feststellung aller auf das Haupthaar bezüglichen Verhältnisse eignet sich nur das ungekürzt getragene Frauenhaar, weil wir allein bei ihm den ganzen Entwicklungsgang zu übersehen vermögen; es ist aber die Kenntniß dieses ganzen Entwicklungsganges nöthig, wenn man sich vor falschen Schlüssen bewahren will. Die eingeklammerten Zahlen der Tabelle bedeuten den Procentsatz der betreffenden Hauptzahl.


Ausfall von drei Tagen.
A. Dame von
60 Jahren: Einfaches
Ergrauen des Kopfhaares
B. Dame von 60 Jahren:
Ergrauen des
Kopfhaares neben
gleichzeitigem Leiden
des Haarschwundes.
1. Gesammtausfall 451 438
Darunter zwischen 1-2 Zoll 38 (8%)*1 157 (36)
     "          "             2-6 " 153 (34) 175 (40)
     "               über   6 " 260 (58) 106 (24)
2. Es hatten unter den Haaren
des Gesammtausfalls
eine deutliche Spitze
205 (45)*2 324 (74)
Darunter zwischen 1-2 Zoll 20 (53%)*3 133 (85)
     "          "             2-6 " 87 (57) 139 (80)
     "               über   6 " 98 (38) 52 (49)
3. Der Gesammtausfalls enthielt
starke Haare
207 (46) 171 (39)
Darunter zwischen 1-2 Zoll 13 (6) 45 (26)
     "          "             2-6 " 36 (17) 47 (28)
     "               über   6 " 158 (76) 79 (46)
Mittelstarke Haare 109 (24) 138 (31)
Darunter zwischen 1/2-2 Zoll 16 (15) 41 (30)
     "          "             2-6 " 30 (27) 72 (52)
     "               über   6 " 63 (58) 25 (18)
Feine Haare 135 (30) 129 (30)
Darunter zwischen 1/2-2 Zoll 9 (7) 74 (58)
     "          "             2-6 " 91 (68) 53 (41)
     "               über   6 " 35 (25) 2 (1)

*1 Das heißt 8% vom Gesammtausfall (451)
*2    "      "   45% vom Gesammtausfall (451)
*3    "      "   53% von den gesammten Haaren zwischen 1-2 Zoll (38).

Ich gebe eine kurze Erläuterung zu dieser Tabelle:

Zumeist wird es die meisten Leser überraschen, daß bei der ersten haargesunden Dame der Gesammtausfall (451) größer war als bei der zweiten (438), welche neben dem Ergrauen noch an einem beginnenden Haarschwund litt. Ich bemerke hierauf zunächst gegen eine irrige Ansicht, welche ich sehr oft habe aussprechen hören: es ist die kleinere Zahl des Gesammtausfalls bei der zweiten Dame nicht etwa so zu erklären, als hätte dieselbe in Folge ihres Haarleidens nicht mehr so viel Haare wie früher oder wie die erste Dame; zwischen der Haarmenge bestanden keine Differenzen, aber der Haarwuchs der zweiten Dame sah dünner aus, weil schon eine beträchtliche Zahl der einzelnen Haare an ihrer Dicke eingebüßt hatte. Dann wiederhole ich, was ich schon im ersten Aufsatze gesagt habe: nicht die absolute Menge des Haarausfalls zeigt die beginnende oder bestehende chronische Haarkrankheit an, sondern die Qualität desselben (viel kurze oder viel dünne Haare).

Wenn das Haar bei seinem Ausfallen seine deutliche Spitze behalten hat, so ist das ein Beweis für eine ursprünglich große Festigkeit seines Gefüges; so ist das Haar der zweiten Dame gewesen: 74 % ihrer Haare hatten ihre Spitze erhalten, bei der ersten Dame nur 45 %; die größte Differenz zeigt sich bei den kurzen Haaren, 85 % und 53 %; bei den langen Haaren wird der Unterschied geringer: hier konnte die Krankheitsursache der ursprünglichen Kräftigkeit längere Zeit entgegenwirken.

Das Vorhandensein dieses Krankheitszustandes erhellt aus zwei Momenten:

1) aus der großen Zahl der kurzen Haare sie betragen – sie betragen 76 % des Gesammtausfalls (bei der ersten Dame nur 42 %);
2) aus dem geringen Dickendurchmesser der ausgefallenen Haare.

Die normale Stärke fand sich bei der ersten Dame in 46 %, bei der zweiten nur in 39 %; die feinen, ganz dünnen Haare waren zwar bei beiden in gleichem Procentsatz vertreten (30 %), aber im zweiten Falle war die größere Hälfte derselben (58 %) ganz kurz, also wirkliches Wollhaar: Feinheit und Kürze waren hier nicht Resultat natürlicher Anlage (wie an der Grenze des Haarwuchses nach Gesicht und Nacken hin), sondern Resultat der Krankheit; im ersten Falle fanden sich solche Haare nur 7 %; dafür erreichten in diesem unter den feinen Haaren 25 % eine Länge über 6 Zoll, im zweiten nur 2 Zoll.

Ueber den Stand des Haarausfalls, soweit er hierher gehört, giebt folgende kleine Tabelle Auskunft:


1. Dame.
Haarausfall von
3 Tagen
2. Dame.
Haarausfall von
4 Tagen
Summarischer Haarausfall 437 514
a) Darunter ganz weiß 138 (31%) 53 (10%)
          "     von 1-2 Zoll 9 (7) 10 (19)
          "     "     2-6 Zoll 43 (31) 34 (64)
          "     über 6 Zoll 86 (62) 9 (17)
b) Die Wurzel allein ganz weiß 34 (8%) 7 (1,3%)
          "     "     2-6 Zoll 3 - -
          "     über 6 Zoll 31 7
c) Die Spitzen allein weiß 7 (1,6%) 4 (0,8%)
          "     "     2-6 Zoll 1 4 -
          "     über 6 Zoll 6 - -
d) Spitze und Wurzel weiß,
Das Mittelstück gefärbt
3 (0,7%) - -
e) Mitte allein weiß,
Spitze und Wurzel gefärbt
3 (0,7%) - -
f) Wiederholter Farbwechsel 1 (0,23%) - -


Diese Tabelle zeigt, daß unter den theilweise oder ganz weißen Haaren die meisten in ihrer ganzen Ausdehnung weiß waren, sie enthielten bei der mikroskopischen Untersuchung fast gar keinen Farbstoff, es unterliegt danach nicht dem geringsten Zweifel, daß sie an Stelle der früher gefärbten Haare nach dem Ausfallen derselben gleich vom Hause aus weiß gebildet worden waren.

Ein kleiner Theil der weißen Haare zeigte die Spitze und eine weite Strecke des Haares farbig und nur das Wurzelende weiß, es fand sich an diesem weißen Wurzelstück bei der mikroskopischen Untersuchung gleichfalls sehr wenig Farbstoff; es ist sonach gleichfalls unzweifelhaft, daß die haarbildende Stätte im Lauf der Bildung ein und desselben Haares die Fähigkeit zur Production von Farbstoff eingebüßt hatte.

Ein noch kleinerer Theil zeigte die Spitze weiß, die ganze übrige Strecke des Haares farbig; in der weißen Spitze fehlte der Farbstoff.

Sehr vereinzelt kam es vor, daß Spitze und Wurzel weiß erschienen, das Mittelstück hingegen farbig, oder umgekehrt, daß Spitze und Wurzel dunkel waren und nur das Mittelstück weiß,

[556] und nur bei einem einzigen Haare habe ich einen mehrfachen Farbenwechsel gesehen: das Haar war vierundzwanzig Zoll lang, sein Spitzenstück drei Zoll weiß, dann neun Zoll dunkel, dann fünf Zoll weiß, dann vier Zoll dunkel und das Ende etwas heller, aber immer noch gefärbt. In allen diesen Fällen fehlte der Farbstoff in den weißen Partien; es war mithin der Farbstoff am Ort der ersten Bildung und während dieser Bildung des Haares bald abgelagert worden, bald nicht.