Das Ferngefühl der Blinden

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Textdaten
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Autor: Richard Ernst Sergel
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Titel: Das Ferngefühl der Blinden
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aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 287
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Menschliche Echoortung
Blätter und Blüthen
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[287] Das Ferngefühl der Blinden. Von einem Blinden. Mit diesem Namen bezeichnet Verfasser die schwache Wahrnehmung entfernter Gegenstände, welche bei gehöriger Aufmerksamkeit auch ohne Schall, Licht und Wärmeausstrahlung von Blinden nur im Gesicht bemerkt werden kann. – Am deutlichsten zeigt sich das Ferngefühl in Ohr- und Augengegend, schwächer an den Schläfen und an der Stirn, noch weniger an den Wangen und fast gar nicht an den Lippen. – Die Substanz des Objectes ist dabei ganz gleichgültig. So macht z. B. bei gleicher Entfernung, Lage und Größe der dem Beobachter zugekehrten Fläche aufgehängte Wäsche denselben Eindruck wie Holz, Stein oder Eisen. Ob nahe große tropfbarflüssige Körper, wie Meereswogen oder starke Wassersäulen ebenso wirken können, ist dem Verfasser unbekannt, doch hält er es für wahrscheinlich. – Ein Spalier wirkt in eigenthümlicher Weise matt und undeutlich. – Bei der Annäherung an den hohen Viaduct bei Waldheim hat Verfasser auf der von jenem überbrückten Straße schon über hundert Schritt weit, besonders an der Stirn, öfters einen Eindruck wie von einem hauptsächlich aus der Höhe wirkenden Gegenstande verspürt und zwar in anderer Weise als bei einer zusammenhängenden Mauer. – Die gewöhnlichen Bäume an einer Chaussee kann Verfasser höchstens acht Fuß weit fühlen; eine flache Hand nur etwa drei Zoll weit.

Genau taxiren lassen sich die Dimensionen eines Körpers beim Verharren auf einer Stelle durch das Ferngefühl selbst dann nicht, wenn die Entfernung dabei als bekannte Größe mit in Rechnung gebracht werden kann. Deshalb läßt sich auch durch dieses Gefühl die Größe geschlossener Räume (zumal bei völliger Stille) nur ganz oberflächlich beurtheilen, und niemals die Form, sondern immer nur das Vorhandensein von Gegenständen gewahren.

Wenn die Aufmerksamkeit durch etwas Anderes lebhaft beschäftigt wird, zeigt sich das Ferngefühl in der Regel gar nicht. Dasselbe ist auch bei einer halbwegs raschen Annäherung des Bemerkenden oder des Bemerkten der Fall. Durch eine recht langsame Annäherung wird das Gefühl etwas erhöht; durch das Licht wird es geschwächt, gewissermaßen verworren, aber nur wenn das Licht durch einen wahrzunehmenden durchsichtigen Gegenstand von vorn das Auge des Untersuchenden trifft und empfunden werden kann. – Das beste Verstärkungsmittel für das Ferngefühl ist der Schall, durch welchen auch außerhalb seines gewöhnlichen Bereiches befindliche Körper fühlbar werden können, weshalb der Blinde, wenn er sich an einem Orte orientiren will, auch in der Regel ein Geräusch zu Hülfe nimmt. Ein starker Schall nützt aber hierbei nicht mehr als ein schwacher; ein sehr starker und voller stört sogar den Eindruck.

Täuschungen giebt es natürlich in diesem Gebiete der Wahrnehmung ebenfalls. So scheint z. B. oft eine drei bis vier Fuß hohe Körpermasse die Gesichtshöhe zu haben. Auch ist Verfasser mehrmals vor einer scheinbar dicht vor ihm stehenden, aber im nächsten Momente schon wieder verschwundenen Säule oder Gestalt zurückgeprallt, besonders beim raschen Umbiegen um eine Hausecke.

Benutzt wird das Ferngefühl von Blinden besonders zur Erkennung offener oder doch vertiefter Thüren, überhaupt zur Orientirung in Beziehung auf Oertlichkeiten und Gegenstände und zur Vermeidung des Anstoßens. Jedoch gehört es jedenfalls bei den meisten Blinden zu den Erscheinungen, die ihrer Alltäglichkeit wegen hinsichtlich ihrer Eigenthümlichkeiten und Ursachen gewöhnlich ganz unbeachtet gelassen werden. Deshalb gebrauchen es auch die meisten fast unbewußt, und zwar so lange, bis Sehende, welchen die Fähigkeit der Blinden, Körper ohne Berührung wahrzunehmen, auffällt, sie darauf aufmerksam machen. Nicht selten wird auch geglaubt, daß ein solcher Blinder durch das Gehör oder das Gesicht noch wahrnehme. Allein auch bei Ruhe und Dunkelheit und auch bei Solchen, die gar keine Augäpfel haben, wirkt das Ferngefühl. – Schließlich stellt nun Verfasser an die Physiologie die Frage: wie entsteht dieses Gefühl?

Richard Ernst Sergel in Waldheim.