Nur sieben Tage

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Autor: J. J. Engelberg
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Titel: Nur sieben Tage
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 281–285
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Urkundenverfälschung und ihre Folgen
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[281]
Nur sieben Tage.[1]


Adeline von R. war rechtskräftig zu sieben Tagen Gefängnißstrafe verurtheilt. Ich erhielt die Anweisung, die Verurtheilte zur Strafvollstreckung in das Gefängniß aufzunehmen. Die Dame war mir persönlich nicht bekannt, und ebenso wenig hatte ich über die Strafthat Mittheilung gemacht erhalten; es lag also kein Umstand vor, der mein Interesse hätte besonders rege [282] machen können. Und dennoch konnte ich die Anweisung nicht, wie ich dies gewöhnlich zu thun pflegte, so ohne Weiteres an den dazu bestimmten Ort bringen. Ich mußte sie wiederholt durchlesen, weil eine dunkle Ahnung mir sagte, daß die Ausführung derselben etwas ganz Ungewöhnliches mit sich bringen werde.

Die kurze Dauer der Strafe ließ auf eine Gesetzes-Uebertretung von keiner besondern Bedeutung schließen. Auf der andern Seite dagegen mußte ich mir sagen, daß die Verurtheilung zu einer Freiheitsstrafe bei der gesellschaftlichen Stellung der Dame die Anwendung des Strafgesetzes ohne jede Milderung, also in seiner ganzen Strenge documentirte. Ich mußte unwillkürlich auch noch daran denken, daß Gründe vorliegen müßten, welche den Erlaß der Strafe oder die Umwandlung derselben in eine Geldbuße im Wege der Gnade nicht zugelassen hatten.

Die Angelegenheit wurde jedoch durch andere Vorkommnisse verdrängt und war, da die Dame weder in der ersten, noch in der zweiten Woche nach Empfang der Anweisung sich zum Strafantritt gestellte, bei mir ganz in Vergessenheit gerathen. Erst zu Ende der dritten Woche wurde ich wieder daran erinnert.

Es war bereits spät, ich hatte den Gefangenen schon das Abendessen ausgeben lassen und befand mich in meinem Arbeitszimmer, um die schriftlichen Arbeiten, für deren Besorgung am Tage selten Zeit übrig bleibt, zu erledigen. Ich war damit so eifrig beschäftigt, daß ich auf nichts geachtet, nicht einmal das Oeffnen der Thür gehört hatte; ich fuhr deshalb überrascht ein wenig zusammen, als ich in geringer Entfernung neben mir mit leiser, zitternder Stimme „guten Abend“ sagen hörte. Bei dem Aufsehen bemerkte ich ein junges Mädchen in eleganter Kleidung, das zögernd und mit Unsicherheit bis dicht zu mir herantrat, dann schweigend stehen blieb und hier eine Aufforderung zum Sprechen zu erwarten schien.

Ich hatte Zeit, Beobachtungen anzustellen. Zuerst erregte die Kleidung meine Aufmerksamkeit. Sie war nicht so, wie ich sie bei den Besuchen in meinem Arbeitszimmer zu sehen gewöhnt war. Dann sah ich weiter hinauf und war fast noch mehr überrascht, als ich ein rundes, frisches und lebhaft gefärbtes Gesicht erblickte, welches durch die Regelmäßigkeit seiner Züge für schön gelten mußte. Die Augen waren zu Boden gesenkt, ich konnte nicht in den Spiegel derselben hinabsehen. Allein der Ausdruck des Gesichts und die ganze Haltung des Mädchens drückten Scheu, Angst und Scham aus.

In den Gefängnissen gehören solche Erscheinungen zu den Seltenheiten. Daß das Mädchen gekommen sei, um eine ihr auferlegte Strafe zu verbüßen, mußte ich annehmen, weil dieselbe ein kleines, sorgfältig zusammengelegtes Paket unter dem Arme trug, in welchem ich einige Reserve-Kleidungsstücke vermuthete.

Meine Wahrnehmungen hatten Theilnahme, sogar Mitleid erweckt. Freundlicher, als ich dies wegen der unzeitigen Störung sonst wohl gethan haben würde, forderte ich das Mädchen auf, näher zu kommen. Sie rührte sich aber nicht, der Kopf blieb gesenkt, die Augen von den[WS 1] Lidern bedeckt.

„Wie heißen Sie?“ fragte ich nach einer kleinen Pause.

Auch auf diese Frage erhielt ich keine Antwort. Das Mädchen kämpfte aber mit dem Entschlusse. Ich nahm dies daraus ab, daß die Lippen zuckten und der Mund sich öffnete, als ob Worte daraus hervorkommen sollten. Allein das Alles ging flüchtig vorüber und war kaum bemerkbar.

„Aber, liebes Kind,“ fuhr ich etwas ungeduldiger fort, „Sie müssen mir doch sagen, was Sie wollen, weshalb Sie hierher gekommen sind?“

„Ich will sitzen.“

Das Mädchen sagte das leise, unsicher, stockend. Die Worte wollten nicht über die Lippen hinweg.

Ich sah sie erstaunt an. „Wie viel Strafe haben Sie?“ fragte ich dann.

„Ach Gott! Ach Gott!“

Weiter hörte ich nichts. Das Mädchen zitterte am ganzen Körper, die Brust arbeitete mit einer erstaunlichen Raschheit. Das Alles sollte aber nicht wahrnehmbar sein, die Aufregung unterdrückt werden. Das Weh der Seele war jedoch zu groß, der Kampf zu schwer, die Kräfte reichten nicht aus. Ich suchte einen Ableiter.

„Wie lange wollen Sie denn sitzen?“ fragte ich.

„Sieben Tage.“

Diese beiden Worte wurden herausgepreßt. Mit dem Aussprechen derselben schien indeß das Schwerste gethan zu sein. Denn unmittelbar darauf hörte das Zittern auf, die Brust wurde ruhiger, die Lungen arbeiteten gleichmäßiger, die Bewegung war überwunden, nur der Kopf blieb noch immer zu Boden gesenkt.

„Und Ihr Name?“

„Ich wurde Adeline von R. gerufen.“

„Ah!“

Ich hatte den Ausruf des Erstaunens nicht zu unterdrücken vermocht, er war mir ganz unwillkürlich entschlüpft und auch kräftiger, als mir lieb war. Adeline von R. schrak zusammen, richtete aber bald darauf den Kopf empor und den Blick fragend auf mich.

Ich sah in zwei große, klare Augen von wunderbarer Schönheit. Der auf mich gerichtete Blick übte eine unwiderstehliche, eine hinreißende Macht. Es lag darin kindliche Unschuld, tiefer Schmerz, peinigende Furcht, und über das Alles hinweg, wie ein Schleier ausgebreitet, muthige Ergebung. Die Augen waren feucht, aber nicht naß, der Schmerz hatte noch keine Thräne erpressen können. Das Mädchen wollte nicht unterliegen, es wollte stark sein und war es vielleicht auch.

Ich befand mich in einer ganz eigenthümlichen Verlegenheit; ich wußte nämlich für den Augenblick nicht, wie ich mit Adelinen von R. verkehren, welchen Ton ich anschlagen sollte. Ihre bevorzugte Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft machte eine aufmerksamere Behandlung nothwendig, als ich bis dahin ihr hatte zu Theil werden lassen. Doch wollte ich dies nicht gern zugestehen, noch weniger aber den unabsichtlichen Verstoß durch eine Entschuldigung gut machen. Noch war ich nicht zu einem Entschlusse gekommen, als Adeline von R. die eingetretene Pause unterbrach.

„Herr Inspector,“ sagte sie fest und dreist, „Sie wissen nun, weshalb ich hierher gekommen bin. Ich verlange nicht, daß Sie etwas thun sollen, was sich mit Ihren amtlichen Pflichten nicht verträgt, aber ich bitte Sie dringend, mich nicht strenger zu behandeln, als diese Pflichten es nothwendig machen. Werde ich wohl allein sein können?“

„Wenn Sie das wünschen, ja.“

„Mich wird Niemand sehen dürfen?“

„Nein, nur die Beamten der Anstalt; ein Anderer hat keinen Zutritt.“

„Das ist gut. Ich möchte mich verbergen vor allen Menschen, und auch vor dem lieben Gott! An dem Worte ‚gesessen‘ klebt ja ein unauslöschlicher Makel. Diesen Makel ein ganzes Leben zu tragen, das ist fürchterlich, das ist grauenhaft.“

Adeline von R. schlug beide Hände vor das Gesicht. Das Paket, welches sie bis dahin unter dem Arme festgehalten hatte, fiel zu Boden und blieb hier unbeachtet liegen. Von Zeit zu Zeit übten die Hände einen Druck auf das Gesicht aus. Vielleicht war das unabsichtlich eine Folge der augenblicklichen Erregung; es konnte aber auch der Ausdruck von Furcht sein und der Druck momentan die Schreckbilder verscheuchen sollen, welche die Vorstellung von einer grauenhaften Zukunft in der Seele des Mädchens geschaffen hatte.

„Sie gehen da zu weit,“ sagte ich, um zu trösten. „Der Makel hängt nicht an dem ‚Sitzen‘, sondern an der Handlung, welche durch das Sitzen gesühnt werden soll.“

„Gewiß, so ist es,“ erwiderte sie, indem sie mit einer raschen Bewegung die Hände von dem Gesicht wegriß. „Allein das tröstet nicht, weil nicht alle Menschen so denken, weil selten darnach gefragt wird, ob die Strafe auch verschuldet ist. Das ist herzlos, das ist unchristlich! Wer aber will das ändern? Soll es der thun, der darunter zu leiden hat? Ach, der würde gegen die Menge kämpfen, gegen den Strom schwimmen wollen und müßte untergehen; dem bleibt nur übrig, zu dulden, und sich vor den Menschen zu verbergen, oder dahin zu gehen, wo seine Vergangenheit nicht bekannt ist.“

„Ich meine,“ schaltete ich hier ein, „daß die Menschen weniger zu fürchten sind als das eigene Bewußtsein, oder, wenn Sie wollen, das Gewissen mit seinen quälenden Vorwürfen –“

„Still, still, lieber Herr,“ fiel Adeline von R. mir in’s Wort. „Glauben Sie nicht, daß ich diese Vorwürfe unterschätze. Ich habe unsäglich gekämpft, ehe ich mich entschloß, hierher zu gehen, ich war sogar versucht, nicht –, ach Gott! ich darf nicht daran denken; Sie verstehen mich nicht – ich habe es nicht anders [283] gewollt – ich darf nicht zurückschrecken, auch nicht durch Vorwürfe, die Andere mir machen werden und die ich mir selbst machen muß.“

Adeline von R. nahm, indem sie dies sagte, eine andere Haltung an. Der Kopf richtete sich in die Höhe, der Körper streckte sich gerade, das Auge wurde lebendig, der Blick frei, ruhig, fest. Aus dem scheuen, ängstlich zagenden Mädchen war plötzlich ein ernstes, entschlossenes Weib geworden. Mit ruhiger Sicherheit beugte sie sich zu Boden, hob das Paket auf, trat dicht an meinen Arbeitstisch heran und sagte:

„Herr Inspector, ich will sieben Tage sitzen. Es ist mir gesagt, daß Sie die Anweisung zur Aufnahme bereits erhalten hätten. Hier“ – sie legte ein Papier auf meinen Tisch – „ist die Aufforderung zur Strafverbüßung. Ich denke, das wird genügen. Oder bedürfen Sie sonst noch etwas? Dann bitte ich, mir das mitzutheilen.“

Sie bewahrte hierbei eine eisige Ruhe und ließ eine solche Entschiedenheit durchblicken, daß ich nur noch amtlich mit ihr verkehren durfte und alle Fragen über persönliche und Familienverhältnisse und, was meine Neugierde am meisten beschäftigte, über die Strafthat unterdrücken mußte.

Bei der Einschließung in die Gefängnißzelle blieb die Gefangene vollkommen fest. Sie war weder überrascht, noch zeigte sie Scheu oder Furcht. Sicher und unbefangen trat sie über die Schwelle hinweg in den kleinen, dunkeln Raum hinein. Ich wies ihr das Bett, machte sie noch mit einigen Bestimmungen der Hausordnung, die auch sie beachten mußte, bekannt und ließ sie dann allein. Hiermit war die Einleitung zu einem entsetzlichen Drama vollendet. –

Am andern Morgen wollte ich im Untersuchungsbureau Erkundigung über Adeline von R. einziehen. Man konnte mir dort aber nur wenig mittheilen. Die Strafe war von einem andern und ziemlich entfernt gelegenen Gerichte erkannt, die Verurtheilte früher dort wohnhaft gewesen, aber verzogen, und in der Requisition ausdrücklich bemerkt worden, daß die Verurtheilte es gewünscht habe, die Strafe in der mir untergebenen Anstalt zu verbüßen. Die Strafthat war gar nicht erwähnt, es schien dies durch ein Versehen unterblieben zu sein.

Nichts ist vergänglicher als die Zeit. Adeline von R. hatte bereits sechs Tage Strafe verbüßt. Außer mir war Niemand zu ihr gekommen, nicht einmal der Director, weil dieser zufällig durch Unwohlsein behindert war, die gewöhnlichen Gefängniß-Revisionen vorzunehmen. Ich hatte der Gefangenen alle nur irgend zulässigen Erleichterungen gewährt, und diese ihre Dankbarkeit dadurch bethätigt, daß sie mir niemals eine Ursache zur Klage gab. Ueber ihre Verhältnisse hatte ich indeß nichts erfahren können; sie wußte jeder Frage vorzubeugen oder durch ausweichende Antworten mir fühlbar zu machen, daß ich kein Recht habe, mich in ihre Angelegenheiten zu mischen.

Am Morgen des siebenten Tages sprach Adeline von R. mit wahrer Herzensfreude über die nahe bevorstehende Entlassung und wie sie bis dahin die Stunden zählen werde. Sie erwähnte dabei auch zum ersten Male, daß ihre Rückkehr sehnlichst erwartet werde, sie sagte aber nicht, wer sie erwarte, ob Vater oder Mutter, Bruder oder Schwester, Freund oder Freundin. Ich sollte darüber an einer andern Stelle Aufklärung erhalten.

Wenige Stunden später ließ mir der Untersuchungsrichter sagen, daß ich Adeline von R. sofort zu einem Verhör vorführen lassen sollte. Der Bote, welcher dies bestellte, bemerkte beim Fortgehen, daß der Untersuchungsrichter nicht allein, daß der Staatsanwalt bei ihm sei und daß die Gefangene etwas ganz Besonderes ausgeheckt zu haben scheine, da beide Herren äußerst lebhaft mit einander gesprochen hätten.

Ich wollte die Vorführung einem andern Beamten nicht übertragen und ging daher selbst zu der Gefangenen in das Gefängniß. Als ich bei ihr eintrat, rief sie mir freudig erregt entgegen:

„Herr Inspector, nur noch sechs und eine halbe Stunde, dann bin ich wieder frei, dann athme ich wieder Freiheitsluft! Ach, wonniger Gedanke! Freiheit, wie werde ich dich nun lieben! Aber,“ unterbrach sie sich, „Sie sehen ja so ernst, so finster, so streng, wie –“

„Der Untersuchungsrichter will Sie sprechen,“ fiel ich ein. „Folgen Sie mir.“

„Mich sprechen?“ wiederholte sie. „Mein Gott! ich kenne ja diesen Herrn nicht. Was will er denn von mir?“

„Er wird Ihnen das selbst sagen, ich kann Ihnen darüber keine Mittheilung machen. Beeilen Sie sich, Sie werden erwartet.“

„Nur einen Augenblick, ich bin bald fertig.“

Adeline von R. schien unschuldig zu sein. Sie war allerdings überrascht, ihr Verhalten verrieth aber mehr Ungeduld und Neugierde, als Schreck oder Furcht. Die großen schönen Augen trübten sich nicht ein Mal, sie lachten nur nicht mehr, sie blickten suchend in dem kleinen Raume umher und blieben zuletzt auf einem Tuche ruhen, das über die Lehne eines Stuhles gelegt war. Mit einer reizenden Gewandtheit nahm sie das Tuch fort und warf es sich über. Dann trat sie dicht vor mich hin.

„Herr Inspector,“ sagte sie hastig, „meine Toilette ist beendigt. Der Herr Untersuchungsrichter wird Nachricht haben; ich kann ja hier nicht mehr bieten.“

Sie lachte wieder, aber unschuldig wie ein Kind, wenn diesem irgend ein Wunsch befriedigt ist. Auch auf dem Wege nach dem Verhörzimmer blieb sie in dieser heitern, lachenden Stimmung. Das Herz schien nicht schneller zu klopfen, das Gemüth völlig beruhigt zu sein. Hatte sie wirklich nichts zu fürchten, keine weitere Schuld auf sich geladen? Ich wünschte das.

Der Untersuchungsrichter war nicht allein. Außer dem Staatsanwalt war noch ein Herr anwesend, den ich nicht kannte. Es war eine große, starke Figur, entweder ein Militär oder, was mir wahrscheinlicher zu sein schien, ein activer Polizeibeamter in Civilkleidung. Ich ahnte, daß dieser bei der folgenden Scene eine Hauptrolle spielen werde. Daher war meine Aufmerksamkeit ausschließlich diesem Herrn zugewendet.

Bei unserm Eintreten bemerkte ich, daß er Adeline von R. scharf fixirte. Unmittelbar darauf verzog sich sein scharf markirtes Gesicht zu einem Lächeln. Dies Lächeln war ungeheuer vielsagend. Es lag darin die Bestätigung für meine Vermuthung, daß ich einen Polizeibeamten vor mir hatte, und dann auch die Gewißheit, daß meine Gefangene als eine Schuldige erkannt war. Allein das beschäftigte mich für den Augenblick weniger, ich ärgerte mich vielmehr darüber, daß der Mann überhaupt lachen konnte.

Das Aufsuchen eines Beschuldigten ist unter allen Umständen ein sehr ernstes Geschäft. Die Erfüllung ernster Pflichten erfordert den vollen Ernst des Beamten. Diesen Ernst zu verleugnen oder, was mir noch viel schlimmer schien, gar nicht zu empfinden, das wollte mir nicht gefallen. Der Mann mußte kein Herz im Leibe haben und ohne Gefühl sein.

„Nun?“ fragte der Untersuchungsrichter.

„Es ist so, wie ich Ihnen sagte, Herr Rath,“ versetzte der Polizeibeamte.

„Herr Inspector,“ wendete der Erstere sich an mich, „Sie haben angezeigt, daß Adeline von R. sieben Tage Strafe verbüße.“

„Ja.“

„Die Anzeige ist falsch.“

„Herr Rath –“

„Die Anzeige ist falsch,“ wiederholte er stärker, „ist Ihnen Adeline von R. persönlich bekannt?“

„Nein.“

„Die Person da hat Sie belogen. Sie hat sich Ihnen gegenüber einen Namen zugelegt, der ihr nicht zukommt. Wie ist Ihr Name?“ fragte er ernst die Gefangene.

Ich hatte diese, seit wir das Zimmer betreten, gar nicht wieder angesehen. Erst bei dieser Frage sah ich mich nach ihr um. Sie war in der Nähe der Thür stehen geblieben, leichenblaß, zitternd, stumm, den Kopf tief gesenkt. Die Antwort blieb aus. Vielleicht war die Frage ganz überhört. Der Untersuchungsrichter trat dicht vor sie.

„Ich habe Sie gefragt,“ schrie er aufgeregt, „wie Ihr Name ist. Wollen Sie antworten!“

Die Gefangene schreckte zusammen, sie wankte und würde zu Boden gefallen sein, wenn ich nicht schnell zugesprungen wäre und sie aufrecht erhalten hätte. Der Staatsanwalt brachte einen Stuhl herbei, ich ließ die Gefangene darauf nieder und blieb ihr zur Seite stehen. Alle Bemühungen, die nach einander von dem Untersuchungsrichter, dem Staatsanwalt und mir gemacht wurden, um das Mädchen zum Sprechen zu veranlassen, erwiesen sich als erfolglos, sie blieb stumm und starrte regungslos vor sich nieder, scheinbar auf nichts achtend, was in ihrer Nähe sich zutrug. Und doch war sie nicht ohne Theilnahme. Denn als der Untersuchungsrichter nach einer kurzen, leise geführten Unterredung mit dem [284] Staatsanwalt laut erklärte: „Die Person bleibt in Haft; sie wird nicht entlassen!“ sprang sie, noch ehe das letzte Wort ausgesprochen war, vom Stuhle auf, dann wendete sie rasch den schönen Kopf nach jeder einzelnen der im Zimmer anwesenden Personen, zuletzt nach der Seite hin, wo der Untersuchungsrichter stand, und sagte, während sie den Blick fest auf diesem ruhen ließ, vollkommen ruhig:

„Ich habe nur sieben Tage Strafe zu verbüßen gehabt. Heute Abend sieben ein halb Uhr geht der siebente Tag zu Ende. Sie dürfen mich nicht länger zurückhalten; Sie haben kein Recht dazu.“

„Darüber haben Sie nicht zu entscheiden,“ versetzte der Untersuchungsrichter.

„Aber bedenken Sie,“ entgegnete die Gefangene dringender, „daß ich nichts verschuldet habe und daß ich und mit mir [284] noch zwei andere Menschen grenzenlos unglücklich werden, wenn Sie mich zurückhalten.“

Das arme Kind zitterte vor innerer Erregung. Die Angst sprach aus jedem Worte, aus jeder Bewegung, aus jeder unwillkürlichen Zuckung.

„Antworten Sie mir,“ sagte der Untersuchungsrichter milder, als ich erwartet hatte, „sind Sie die Adeline von R., welche durch das Kreisgericht zu B. zu sieben Tage Strafe verurtheilt ist?“

„Nein, ich bin nicht verurtheilt. Aber was schadet das?“ fragte sie naiv.

„O, sehr viel,“ versetzte der Untersuchungsrichter ernst. „Das Strafgesetzbuch bedroht denjenigen mit Zuchthausstrafe bis zu zehn Jahren und außerdem noch mit Geldbuße von ein Hundert bis zwei Tausend Thalern, wer in der Absicht, sich oder Andern Gewinn zu verschaffen, bewirkt, daß Thatsachen, welche für Rechte oder Rechtsverhältnisse von Erheblichkeit sind, in öffentlichen Urkunden, Büchern oder Registern als geschehen beurkundet werden, während sie gar nicht oder in anderer Weise geschehen sind. Diese Strafe haben Sie verwirkt, denn Sie haben das hier vorgezeichnete Verbrechen verübt, und die öffentliche Sicherheit gebietet es, Sie bis zur Entscheidung in Gewahrsam zu behalten.“

„Mein Gott! mein Gott!“ schrie die Gefangene entsetzt, „ich verstehe, ich fasse das nicht; ich habe ja nichts Böses gewollt.“

„Das macht Sie nicht frei, selbst wenn es wahr wäre. Sie haben einer Andern Gewinn verschaffen wollen.“

„Nein! nein!“ fiel sie hastig ein und legte betheuernd die Hand auf die Brust.

„Sie haben gewollt,“ fuhr der Untersuchungsrichter ruhig fort, „daß eine Schuldige der gerechten Strafe entzogen wird.“

„Daran habe ich nicht gedacht, ich habe nur eine Unglückliche vor Verzweiflung retten wollen. Und wissen Sie, weshalb ich das gethan habe? Ich war stärker und muthiger als sie. Glauben Sie meiner Versicherung: das zarte, sanfte Mädchen wäre schon auf dem Wege zu diesem Hause zusammengebrochen, sie wäre lebend gar nicht hierher gekommen. Und wenn auch das, es würde ihr Tod gewesen sein, Sie hätten eine Leiche hinaustragen müssen.“

„Auch das berechtigte Sie nicht zu der Täuschung und befreit Sie nicht von der Strafe,“ bemerkte der Staatsanwalt.

„Was soll ich denn noch sagen,“ murmelte die Gefangene dumpf, „um diese harten Herzen zu erweichen! Fragen Sie den Menschen da,“ fügte sie laut hinzu, indem sie die eine Hand nach dem Polizeibeamten ausstreckte, „der wird Ihnen bestätigen, was ich von meiner Freundin gesagt habe. Er kennt sie ja. Es ist mir wahrhaftig nicht leicht geworden, hierher zu gehen; ich habe, ehe ich das that, unbeschreiblich gelitten. Noch vor dem Hause habe ich umkehren wollen, weil meine Kraft aufgezehrt, mein Muth gebrochen war. Aber als ich mich zurückwandte, als ich den Fuß schon zum Fortgehen aufgehoben hatte, da stand im Geiste meine Freundin vor mir, wie ich sie verlassen hatte, die Hände ringend, weinend, jammernd, trostlos und aufgelöst in Schmerz. Das machte mich wieder stark; ich schritt vorwärts, über die Schwelle dieses Hauses hinweg, in das Gefängniß hinein. Und wenn ich hier schwach werden wollte, so rief ich mir dies Bild vor die Seele und – ich harrte aus.“

„Sagen Sie das Alles Ihren künftigen Richtern. Bei Abmessung der Strafe wird darauf Rücksicht genommen werden. Man wird Sie mit zwei Jahren und einhundert Thalern durchlassen. Mich geht das nichts an,“ bemerkte der Staatsanwalt.

„Ja, ja,“ entgegnete die Gefangene, welche nur den ersten Theil dieser Bemerkung aufgefaßt zu haben schien, „ich will das thun, ich will Alles thun, was Sie wollen. Aber, nicht wahr, Sie halten mich nicht zurück, Sie lassen mich heute Abend gehen?“ fügte sie bittend hinzu.

„Nein!“ versetzte der Staatsanwalt kurz.

„Muß ich Ihnen noch einmal wiederholen, daß ich zu Grunde gehe? Meine Freundin erwartet mich. Sie zählt die Stunden bis zu meiner Rückkehr; sie vergeht in Sorge und Angst.“

„Ihre Freundin hat als Theilnehmerin an Ihrer Strafthat dieselbe Strafe zu gewärtigen.“

Das Mädchen fuhr erschrocken zusammen. „Was sagen Sie da, mein Herr; Theilnehmerin soll meine Freundin sein?“ rief sie. „Sie weiß ja gar nicht, daß ich hier bin; sie würde nimmermehr zugegeben haben, daß ich hierher gehe. Ich sagte ihr, daß ich Schritte thun wollte, um sie frei zu machen von der Strafe. Sie glaubt, daß ich an einen andern Ort gegangen bin, daß ich Gnade für sie zu erlangen suche.“

„Die Untersuchung mag dies herausstellen,“ bemerkte der Untersuchungsrichter.

„Die Untersuchung –“ wiederholte die Gefangene tonlos; nach einer kleinen Pause fuhr sie fort: „mir ist so sonderbar – so voll und doch so leer – ich höre, fasse aber nicht – ich soll hier bleiben – das kann ja nicht sein – ich habe nur falsch verstanden – nicht wahr, Herr Inspector, Sie entlassen mich heute Abend?“

„Ich darf nicht,“ versetzte ich weich, aber fest.

„Nicht?!“ schrie die Gefangene kreischend. Dies eine Wort schnürte mir die Brust zu. Es war ein Schmerzensschrei, wie ich in meinem Leben noch nicht gehört hatte.

Einige Augenblicke war Alles still, nur das tiefe und schnelle Athemholen der Gefangenen war hörbar.

Der Untersuchungsrichter mochte annehmen, daß diese sich in [285] ihr Schicksal füge; er veranlaßte mich durch einen Wink, die Gefangene fortzuführen. Ich forderte sie auf, mir zu folgen. Allein sie hörte oder beachtete das nicht. Ich erfaßte ihre Hand und bat sie, mit mir zu gehen. Sie erwiderte nichts, ließ es aber ohne Widerstreben, ganz willenlos, geschehen, daß ich sie fortführte, aus dem Zimmer hinaus bis in das Gefängniß. Kein Wort, kein Laut kam über ihre Lippen. Auch in dem Gefängnisse war sie still. Ich blieb noch einige Zeit bei ihr, aber sie beachtete mich gar nicht. Ihre Augen waren trocken und starr, die Hände gefaltet, die Finger in ununterbrochener, spielender Bewegung.

Diese Wahrnehmung machte mich besorgt.

Der Druck, der auf das Gemüth des jungen Mädchens geübt, war zu groß, die Täuschung zu hart. Sechs Tage hatte sie den Augenblick ersehnt, in welchem sie vor die Freundin treten und ihr sagen wollte: „Du bist frei.“ Vor ihrer Seele stand das Bild der jammernden Freundin. Sie sah aber auch das Glück, welches ihr ungeheueres Opfer hätte schaffen müssen, wenn die Verletzung des Strafgesetzes unentdeckt geblieben wäre. An diesem Tage hatte sie vielleicht weiter gar nichts vor Augen gehabt, als die Vorstellung, daß sie Menschen, die ihr lieb waren, unaussprechlich glücklich hatte machen können. Und das Alles mit Einem Schlage vernichtet und ein entehrtes Leben vor sich!

Ich kehrte zu dem Untersuchungsrichter zurück und machte ihm von meiner Wahrnehmung Mittheilung. Er wollte aber meine Besorgnisse nicht theilen und meinte, der Mensch gewöhne sich an Alles; die Gefangene werde schon wieder zur Besinnung kommen und sich in ihr Schicksal fügen.

Der Zustand der Gefangenen blieb jedoch unverändert derselbe. Ich war noch unzählige Male bei ihr. Sie war gleichmäßig ohne Theilnahme, gab weder auf mein Kommen und Gehen, noch auf das Acht, was ich ihr sagte, um ihre Aufmerksamkeit rege zu machen. Selbst Essen und Trinken ließ sie unangerührt stehen. Die Augen blieben trocken und starr und stierten meist zu Boden. Wenn sie aber sich erhoben, so sprang der Blick hastig von einem Gegenstand zum andern. Es war, als ob etwas gesucht würde und nicht gefunden werden könne. Erst wenn er sich wieder zu Boden richtete, zeigte sich Ruhe und Stätigkeit. In dieser Ruhe lag aber eine entsetzliche Sprache. Es war der Ausdruck des tiefsten Seelenschmerzes, ach, noch mehr, es war die Sprache eines getrübten Geistes, einer zerrissenen Seele.

Das junge Mädchen hatte den Muth eines Mannes gezeigt, denn sie hatte mehr als das nackte Leben auf das Spiel gesetzt, als sie das Gefängniß betrat. Daß sie die Folgen nicht kannte, welche die Entdeckung des Betrugs nothwendig nach sich ziehen mußte, mindert nichts an der Großartigkeit ihres Unternehmens. Sie wollte für sich keinen Vortheil, sie wollte auch kein Wagniß bestehen, sie dachte auch nicht daran, daß sie etwas Unerlaubtes ausführe: sie wollte nur mit ihrer Person ein Opfer bringen, um Menschen zu beglücken.

Mir blutete das Herz, wenn ich zu dem Mädchen ging und kein Besserwerden ihres Zustandes, keine Rückkehr des Bewußtseins wahrnahm. Nach acht Tagen erklärte der Arzt, daß er die fernere Behandlung der Kranken ablehnen müsse. Hierauf wurde dieselbe in die Irrenheilanstalt der Provinz abgeliefert, wo sie zwei Jahre später durch den Tod von ihren Leiden befreit wurde.

Zur Ausfüllung der Lücken, welche meine eigenen Wahrnehmungen offen lassen mußten, habe ich noch einige Bemerkungen nachzutragen, weil diese für das Gesellschaftsleben nicht ganz ohne Interesse sein dürften.

Die Strafe gegen Adeline von R. war in einem Injurienprocesse erkannt. Der Beleidigte war derselbe Polizei-Beamte, der die Entdeckung des Betrugs herbeiführte. Die Beleidigung war dem Beamten nur als Privatperson und nicht direct zugefügt; Adeline von R. hatte in einer Kaffeegesellschaft, unter guten Freunden, eine Mittheilung, die ihr kurz vorher durch eine Nähterin gemacht sein sollte, als eine pikante Neuigkeit wiedererzählt. Diese Mittheilung enthielt eine Beschuldigung, welche ich hier in ihren Einzelnheiten nicht wiedergeben kann, die aber, wenn sie wahr gewesen wäre, den Beamten in der öffentlichen Meinung der Verachtung aussetzen mußte, also eine Verleumdung. Durch die guten Freunde war dieselbe in kurzer Zeit weiter verbreitet worden und zuletzt auch dem Beamten zu Ohren gekommen. Seinen Bemühungen gelang es bald, in jener Kaffeegesellschaft nicht nur die Pflanzschule für die Verbreitung, sondern auch in Adeline von R. diejenige Person zu ermitteln, welche Urheberin des Gerüchts zu sein schien, da sie für den Empfang der Mittheilung durch die Nähterin keinen Beweis beibringen konnte und diese jede Wissenschaft in Abrede stellte. Das erkennende Gericht hatte mit Rücksicht auf die Schwere der Beschuldigung, und weil die Art und Weise der Mittheilung frivol gefunden wurde, jeden Milderungsgrund ausgeschlossen und deshalb auf Freiheitsstrafe erkannt.

Die Entdeckung war dadurch herbeigeführt, daß der Beleidigte durch einen Beamten des Gerichts ganz zufällig von dem Strafantritt Nachricht erhalten hatte und daß wenige Stunden später Adeline von R., die Verurtheilte, sich persönlich bei ihm einfand, um wiederholt seine Verzeihung nachzusuchen.

Das unglückliche Mädchen, welches ihr Unternehmen so grauenhaft büßen mußte, war die Nichte der Verurtheilten und führte mit dieser gleichen Tauf- und Zunamen.

Die Verurtheilte selbst habe ich persönlich nicht kennen lernen; ich bin aber überzeugt, daß die beklagenswerthen Folgen einer gewiß nur leichtfertigen Unterhaltung über ihr ganzes Leben einen trüben Schatten geworfen haben.
J. J. Engelberg.

  1. Der oben erzählte Fall hat vor einigen Jahren vielfaches Aufsehen erregt und ist neuerdings durch den erfolgten Tod des armen Mädchens wieder in die Erinnerung gerufen worden.
    D. Red.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: der