Immerfrisches Obst

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Autor: Sch–dt
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Titel: Immerfrisches Obst
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aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 279–281
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Das Arnoldi’sche Obstcabinet
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Immerfrisches Obst.


Es war ein wunderschöner Frühlingstag, als ich mit einem meiner Freunde die frisch aufathmende Schöpfung begrüßte. In vollen Zügen schlürften wir den Nektar der würzigen warmen Luft und freuten uns nicht blos der Blüthen, die uns rings umdufteten, wir freuten uns in Hoffnung schon der Früchte, die aus diesen Blüthen wachsen würden. Denn wir waren Beide eifrige Obstzüchter und hatten es im vorigen Jahre schmerzlich beklagt, daß ein harter Spätfrost jene Hoffnung getödtet. Da mußte denn auch, wenn nicht ohnehin die politischen Wirren ein Veto eingelegt hätten, die allgemeine Obstausstellung unterbleiben, die unter dem Vorsitz des pomologischen Koryphäen Ed. Lucas in Reutlingen abgehalten werden sollte.

Nun aber war, schneller als es Menschengedanken erwarten durften, der Friede zurückgekehrt und ließ wieder, wenn auch noch immer dunkle Wolken über den politischen Himmel ziehen, an den fleißigen Ausbau volkswirthschaftlicher Bestrebungen denken.

„Und doch“ – schien mein Begleiter im Laufe unseres Gespräches zu scherzen – „habe ich auch im vorigen Jahre, trotz des Frostes und des Schlachtendonners, eine reiche Obsternte gehalten. Ja, was noch wunderbarer, dieses Obst ist in den herrlichsten Exemplaren bis zu dieser Stunde so gesund und frisch geblieben, als sei es eben erst vom Baum genommen.“

„Nein, nein, ich scherze nicht!“ fuhr er mit der ernsthaftesten Miene fort, als ich ihn mit lächelnden Kopfschütteln ungläubig ansah. – „Schenken Sie mir diesen Abend das Vergnügen Ihres Besuches und nehmen Sie mit einem kleinen Imbiß vorlieb, damit ich Sie durch den Augenschein von der Wahrheit meiner Worte überzeugen kann.“

Ich acceptirte, schon aus Neugierde, die freundliche Einladung. – Als ich kam, ward ich von der liebenswürdigen Gemahlin meines Freundes als willkommener Gast empfangen.

„Der Abend ist so mild,“ sagte sie, „daß wir den Tisch in der Gartenlaube gedeckt haben. Dort werden Sie von meinem Manne erwartet.“

Die Gartenlaube war unser Lieblingsplätzchen, wo wir schon manche genußreiche Stunde mit einander verlebten. Je länger wir diesen Genuß entbehrt hatten, um so lieber eilte ich dem Freunde zu, der mir mit herzlichem Gruße entgegen trat. Zunächst bewunderte ich ein Hyacinthenbeet, das, mit kleinen Tulpen umrahmt, in üppigster Blüthe stand und mit seinen Düften den ganzen Garten erfüllte. Bald aber rief die Hausfrau „zu Tische“. Wir setzten uns und aßen und tranken so vortrefflich, wie ich es stets bei meinem Freunde gewohnt war. Von dem gerühmten Obst jedoch war keine Spur zu sehen.

Endlich hieß es: „Nun, liebe Frau, den Nachtisch, damit ich bei meinem Freunde nicht zum Lügner werde.“ Da nahm sie von einem Seitentischchen ein Tuch, das zwei Krystallschalen bedeckt hatte, und aus diesen Schalen – durfte ich meinen Augen [280] trauen? – lachte mir das schönste, frischeste Obst entgegen, das ich je gesehen. Ich erkannte sogleich die einzelnen Sorten, ohne jedoch zu begreifen, wie sie bis zu dieser Jahreszeit erhalten werden konnten, als seien sie, noch mit dem Morgendufte, der auf ihnen thaute, heute erst gepflückt worden.

Lächelnd beobachtete der Freund meine staunende Ueberraschung. Dann reichte mir seine Gemahlin eine der Schalen, damit ich die seltenen Früchte nun auch versuchen möge.

„Nein!“ wies ich sie höflich zurück. „Es wäre Sünde, solche ausgezeichnete Exemplare mit dem Messer zu zerlegen. Ob aber dieser herrliche Grafensteiner auch noch duftet, wie er sonst mit seinem melonenartigen Geruch ein ganzes Zimmer parfümirt?“

Damit nahm ich den schönen Apfel, um daran zu riechen. Fast aber wäre er meiner Hand entfallen, so überrascht war ich von dem leichten Gewicht der großen Frucht. In demselben Momente merkte ich die Täuschung. Es war künstliches Obst, aber so meisterhaft nachgeahmt, und von einer so plastisch vollendeten Treue, daß ich mich nicht gewundert haben würde, wenn die Vögel, wie nach den von Zeuxis gemalten Weintrauben, nach diesen Früchten geflogen wären, um sie zu benaschen.

Bald löste sich meine stumme Bewunderung in laute Anerkennung auf. Ich kannte das ‚deutsche Obstcabinet‘ des berühmten thüringischen Pomologen Georg Dittrich, der das Unternehmen seines Landsmannes, des Pfarrer Sickler in Kleinfahner bei Gotha, mit rühmlichem Erfolge fortgesetzt hatte, indem er die anfangs in Wachs bossirten Früchte wegen der Zerbrechlichkeit dieses Materials später in Pappmasse nachbilden ließ. Ich wußte aber auch, daß dieses verdienstliche Unternehmen, welches nach Dittrich’s Tode († 1842) der Thüringer Gartenbauverein in Gotha noch eine Zeit lang fortgeführt hatte, schon seit Jahren eingeschlafen war, obgleich es der Charakteristik der deutschen Obstsorten wesentlichen Vorschub leistete. Seitdem behalf man sich, um irgend einen Ariadnefaden im Labyrinthe der deutschen Pomologie zu gewinnen, mit colorirten oder nicht colorirten Abbildungen der verschiedenen Früchte, die jedoch bei aller stereometrischen Treue die plastische Darstellung niemals ersetzen und dem vergleichenden Anschauungsvermögen nur unvollständig zu Hülfe kommen. Aber eine solche Portraitähnlichkeit der Natur, wie sie mir in jener Gartenlaube entgegentrat, als habe die Kunst der Photographie plastische Gestalten angenommen, hatte ich noch nicht gesehen und begriff sofort, wie eine Sammlung solcher Früchte nicht blos für den Pomologen, um sich in dem chaotischen Gewirre der so außerordentlich verschieden genannten Obstsorten zurechtzufinden, sondern auch für solche Lehranstalten, welche den Obstbau theoretisch und praktisch pflegen und fördern wollen, und somit für die wissenschaftliche, wie für die national-ökonomische Bedeutung der Obstcultur von unschätzbarem Werthe sei.

Als mein Freund sich eine Zeit lang an meinem freudigen Erstaunen geweidet hatte, drückte er die Hand seiner Frau und sagte: „Sind nicht diese wohlconservirten Früchte ein Kunststück der Wirthschaftlichkeit, womit meine gute Pomona mich am letzten Weihnachtsfeste überrascht? – Aber Scherz bei Seite! Sollten Sie das Arnoldi’sche Obstcabinet noch nicht kennen?“

Freilich hatte ich schon oft davon gehört und gelesen. Vielleicht hatte ich es auch auf irgend einer Obstausstellung flüchtig gesehen. Die Ueberfülle der natürlichen Früchte aber mochte mich verhindert haben, den künstlichen die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie in so reichem Maße verdienen. Und doch hat die naturgetreue Nachbildung der edelsten Obstsorten, wie sie der Commercienrath Heinrich Arnoldi in Gotha seit dem Jahre 1856 liefert, überall im In- und Auslande reichliche Anerkennung und Belobung geerntet, und ist zu einem echt nationalen Kunstwerk gediehen, welches die deutsche Pomologie mit Stolz und Freude begrüßen darf. Dennoch ist es noch nicht so verbreitet, wie es seiner Schönheit und seiner Brauchbarkeit wegen verdient, wenn auch sein Absatz sich bis nach England, Rußland, Amerika und Australien erstreckt. In seinem Heimathslande selbst jedoch mag es zwar beachtet und gepriesen, aber doch nur spärlich gekauft worden sein, – sonst würde ich es doch häufiger gesehen haben – so daß schon die Beharrlichkeit, womit der Fabrikant im eifrigen Interesse der Sache das eben so schwierige, als kostspielige Unternehmen fortsetzt, einer ganz besonderen Anerkennung werth ist. Was aber mag der raschen allseitigen Verbreitung entgegenstehen?

Wir konnten uns nicht verhehlen, daß es vornehmlich der Geldpunkt sein dürfte, der sich mit der Kauflust nicht immer in harmonischen Einklang bringen läßt. Jährlich erscheinen drei bis vier Lieferungen des Arnoldi’schen Obstcabinets. Jede Lieferung enthält sechs verschiedene Früchte mit gedruckter Beschreibung, und kostet dermalen zwei Thaler. Bereits sind siebenundzwanzig Lieferungen mit einhundertundzweiundsechszig Obstfrüchten ausgegeben. Wer die Ausgabe dafür nicht scheut, besitzt aber auch eine Sammlung, die eben so viel Nutzen als Vergnügen gewährt. Auch jede einzelne Frucht ist für fünf bis zehn Neugroschen zu haben, und Arnoldi hat sogar dafür gesorgt, daß gerade diejenigen Obstsorten, welche bei den pomologischen Versammlungen zu Naumburg, Gotha, Berlin und Görlitz als die besten und culturwürdigsten empfohlen wurden, in besonderen Collectionen zu beziehen sind.

„Giebt es wohl“ – so mischte sich die Hausfrau in unser Gespräch – „giebt es wohl einen lieblicheren Zimmerschmuck, als diese lachenden Früchte, die uns den Obstgarten gleichsam in die Stube zaubern? In eleganten Glaskästen vereinigt, oder in Etagèren und auf Nipptischen geschmackvoll geordnet, werden sie unausbleiblich alle Blicke nicht nur anlocken, sondern auch fesseln. Wird doch für manche nichtssagende Nippfigur ein hoher Preis gezahlt, warum nicht für ein Kunstwerk, das uns die Natur in ihrer Fruchtbarkeit vergegenwärtigt?“

„Und“ – fiel ihr der Gatte in’s Wort – „sie sind ein Ehrendenkmal deutscher Industrie. In keinem anderen Land der Erde hat das Arnoldi’sche Obstcabinet seines Gleichen. Jene Früchte aber (Aepfel, Birnen, Pflaumen, Kirschen, Pfirsiche, Nüsse), die, ohne Namen und Beschreibung, sowie ohne Rücksichtnahme auf bestimmte Sorten, weniger zur pomologischen Instruction, als zur Decoration der Zimmer und der Tafeln dienen, werden dutzendweise zwei Thaler) verkauft, und empfehlen sich als sinnige Geschenke; wiewohl ich meiner Hausehre zu absonderlichem Danke verpflichtet bin, daß sie mich nicht mit einer solchen Collection abgespeist, wie annehmbar und schön dieselbe sein mag, sondern mit einem vollständigen ‚Cabinet‘ erfreut und beglückt hat.“ Ueber den Werth einer solchen systematisch geordneten Sammlung waren wir einverstanden. Oder wozu legen denn Mineralogen, Botaniker und Entomologen, ohne irgend welche Kosten zu scheuen, naturhistorische Sammlungen an?

Ist nun nicht vor Allem das Obst in seiner reichen Mannigfaltigkeit und Schönheit, sowie in Anbetracht seines Wohlgeschmacks und seiner wirthschaftlichen Verwerthung, einer solchen Beachtung werth? Das Obst aber läßt sich nicht trocknen, wie die Pflanzen, und noch weniger ausstopfen, wie man Thierbälge ausstopft. Hier können blos malerische oder plastische Darstellungen[1] aushelfen. Allein nur die letzteren repräsentiren ein treues Bild der Natur und ersetzen die lebendige Frucht, ohne jemals zu faulen oder einzutrocknen. Dadurch werden sie zu einem wesentlichen Vehikel der Pomologie, die als Wissenschaft ohnedies noch in den Windeln liegt, wie sehr auch einzelne Matadore derselben sich der Pflege des zarten Kindleins angenommen haben. Und doch ist der Obstbau ein nicht zu unterschätzender Factor des Nationalreichthums. Manche Gemeindecasse würde die Einnahmen, die ihr aus den Obstpflanzungen zufließen, kaum entbehren können. Trotzdem liegt die Obstbaumzucht in vielen Gegenden noch so im Argen, daß man es kaum begreift, wie das Volk diese Quelle des Genusses und des Wohlstandes in träger Indolenz versumpfen läßt. Wundert man sich darüber, so heißt es gewöhnlich: Ja, das Obst gedeiht in unserer Gegend nicht. Und warum gedeiht es nicht? Weil man schlechte oder ungeeignete Sorten anpflanzt und die nothdürftigste Pflege versäumt. Dem ersteren Uebelstande will das Arnoldi’sche Obstcabinet abhelfen, indem es sich zu einem sicheren Wegweiser in dem Chaos der pomologischen Nomenclatur erbietet und die zuverlässige Kenntniß der besten Obstsorten vermittelt. Dadurch gewinnt dasselbe einen wissenschaftlichen und einen praktischen Werth von hoher Bedeutung, so daß nicht blos die eigentlichen Pomologen, nicht blos die Obstbaumzüchter und die Obsthändler, sondern auch und vornehmlich alle Lehr- und Lernanstalten, die mit dem Obstbau sich beschäftigen, namentlich die Lehrerseminare und die Ackerbauschulen, ja wohl auch die Volksschulen, worin [281] dieser Unterrichtszweig betrieben wird, einen Schatz daran haben werden, der die darauf verwendete Ausgabe reichlich verzinst. Welche Freude schon für das Auge, wenn es die schönen Früchte in ihrer naturgemäßen Zeitigung, in ihrer vollkommensten Entwickelung sieht! und welch’ eigenthümliches Interesse, wenn man die künstliche Nachahmung mit dem natürlichen Original vergleicht! Aber auch welcher Gewinn, wenn durch solche vergleichende Anschauungen mancher Zweifel gelöst, mancher Name berichtigt, manche Frucht nach ihrem Werthe bestimmt wird! – Darum sollte diese perennirende Obstsammlung, wenn auch nur in einzelnen Lieferungen, die zweckmäßigste Prämie sein, welche die landwirthschaftlichen und Gartenbauvereine, sowie auch die nach dieser Richtung hin arbeitenden Lehranstalten für die hervorragenden Leistungen verabreichen könnten.

Der Abend dämmerte, als wir noch darüber sprachen. Die besorgte Hausfrau rieth, das schützende Zimmer aufzusuchen und nun erst die ganze Sammlung, welche dort in zierlichen Glaskästen aufgestellt war, zu beaugenscheinigen. Vor diesen Kästen hätte ich stundenlang sitzen und Sorte um Sorte mustern mögen! Hier sah ich eine längst bekannte Frucht, die ich in meinem eigenen Garten zog, aber bisher unter einem Provincialnamen cultivirt hatte, den ich vergebens in den pomologischen Lehrbüchern suchte; da war es eine neue Obstsorte, die ich entweder noch gar nicht gekannt, oder doch, wenn ich auch darüber gelesen, noch nicht gesehen hatte; dort bewunderte ich die Vollkommenheit einzelner Exemplare, wie sie mir in dieser gleichsam idealen Schönheit noch nicht vorgekommen. Alle Früchte aber – sechsundachtzig Aepfel, einundsechszig Birnen, zwanzig Pflaumen, eine Pfirsich – waren von einer so scheinbaren Frische und von einer so vollendeten Naturtreue in Gestalt und Farbe, in Krone und Stiel, daß es dem Auge kaum möglich sein dürfte, die Copien von den Originalen zu unterscheiden.

„Daß es keine leichte Aufgabe ist,“ – bestätigte mein Freund, als ich der Anerkennung und des Lobes kein Ende fand – „diese technische Vollendung zu erreichen und daß die scheinbar hohen Preise im Vergleich mit solchen Leistungen immer noch sehr bescheiden sind, werden Sie zugestehen. Da ich mich für das wahrhaft künstlerische Unternehmen lebhaft interessire, so habe ich nähere Erkundigungen darüber eingezogen und kann Ihnen über die Anfertigung dieser Früchte, welche keineswegs als ein Geheimniß behandelt wird, einige Auskunft ertheilen. – Die vorzügliche Obsternte des Jahres 1855 und das rege Interesse, das sich um jene Zeit der Obstkunde und der Obstbaumzucht zuwendete, brachte den Kaufmann H. Arnoldi in Gotha, ein eifriges Mitglied des dasigen Gartenbauvereins, auf den Gedanken, ein neues plastisches Obstcabinet in’s Leben zu rufen, welches jenem so erfreulich erwachten Interesse in die Hände arbeiten und des Dittrich’sche Obstcabinet, das ohnehin nur bescheidenen Ansprüchen genügte, in einer vollkommeneren Weise ersetzen sollte. Dazu wählte er eine leicht gebrannte Porcellanmasse,[WS 1] die in der Arnoldischen Porcellanfabrik zu Elgersburg im Thüringerwalde hergestellt und nach den vorliegenden Originalfrüchten sorgfältigst geformt wurde. Schwieriger war die naturgetreue Färbung, wozu ein geschickter Künstler aus Harburg beigezogen wurde.

Mit Hülfe des als Naturforscher bekannten Professors Hassenstein in Gotha gelang es nach vielfachen Versuchen, die Auftragung der Farben und den Wachsüberzug, der ihnen erst das natürliche Gepräge giebt, so vortrefflich herzustellen, daß auch das Colorit nichts mehr zu wünschen übrig ließ. So erschien die erste Lieferung des Unternehmens, und zwar im Wege der Subscription, die jedoch anfangs so spärlich einging, daß ein minder eifriger Fabrikant den Muth verloren haben würde. Arnoldi dagegen schritt auf dem betretenen Wege rüstig fort. Um aber auch der wissenschaftlichen Bedeutung seines. Werkes eine Vertrauen erweckende Fürsprache und einen gediegenen Halt zu sichern, gewann er die Herausgeber des ‚Illustrirten Handbuches über Pomologie‘ Superintendenten Oberdieck in Jeinsen, Director Lucas in Reutlingen und Medicinalassessor Jahn in Meiningen, ihm mit Rath und That an die Hand zu gehen. Diese unterstützten ihn mit zuverlässig benannten Naturfrüchten, prüften die nachgebildeten Exemplare und redigirten die vom Pfarrer Koch in Nottleben bei Gotha bearbeiteten Beschreibungen. So brach sich das Unternehmen allmählich Bahn und fand namentlich in Oesterreich erfreulichen Absatz.

Indessen hatte sich die Haltbarkeit der Früchte bei überseeischen Sendungen nicht durchweg bewährt, so daß Arnoldi seit 1860 statt des Porcellans eine feine ‚Papiermachémasse‘ dazu verwendete, die er unter dem Namen ‚Compositionsmasse‘ anfertigen ließ. Die Früchte haben dadurch an ihrer Schönheit und an ihrer Naturtreue durchaus nichts verloren, sind aber haltbarer geworden und bewähren fort und fort ihre naturgemäße Frische. Wenn man sie auch nicht unter Glas und Rahmen schützt, sie bleiben immer dieselben. Sind sie bestäubt, so werden sie mit einem zarten Tuche leicht gesäubert und prangen dann wieder in ihrem ursprünglichen Glanze.

Warum aber das Unternehmen nicht rascher vorschreitet, erklärt sich aus der Schwierigkeit der dabei in Anwendung kommenden Technik. Wer sollte es glauben, daß die Herstellung jeder einzelnen Fruchtsorte mindestens zwei Jahre erfordert? Und doch ist es so. Im ersten Jahre wird die Normalfrucht ausgesucht und die Compositionsmasse darnach ab- und ausgeformt; im zweiten muß man abermals eine solche Normalfrucht beschaffen, um nach dieser Mustervorlage die Decoration des Modells auszuführen. Dies decorirte Modell aber wird, bevor es zur Vervielfältigung gelangt, vom Superintendenten Oberdieck in Jeinsen bei Hannover sowie vom Dr. Ed. Lucas in Reutlingen, als den bewährtesten Obstkennern unserer Zeit, sorgfältig geprüft. Machen diese irgend eine Ausstellung, so müssen andere, nöthigenfalls wiederholte, Probefrüchte angefertigt werden, bis ein in jeder Hinsicht tadelloses Muster vorliegt, nach welchem die eigentliche Fabrikation zur Ausführung kommt, und nur diejenigen Früchte werden in das Cabinet aufgenommen, die mit dem anerkannten Modell vollkommen übereinstimmen, so daß über die Identität der Frucht und über deren künstlerische Vollendung nicht der geringste Zweifel obwalten kann. Fallen ungünstige Obstjahre dazwischen, in welchen tadellose Normalvorlagen nicht zu beschaffen sind, so würde nicht selten zur Herstellung einer bestimmten Obstsorte ein noch längerer Zeitraum erforderlich sein, wenn nicht jede gute Obsternte benutzt würde, um genügende Modelle zu gewinnen, nach denen ungestört fortgearbeitet werden kann.

Aus dieser Manipulation erklärt es sich, warum bis jetzt die Kirschen im Arnoldi’schen Obstcabinet nicht vertreten sind. Die rasche Reife dieser Fruchtgattung gestattet kaum hinreichende Zeit, die Vorarbeiten zu erledigen, die zur Fabrikation erforderlich sind. Indessen sind Vorkehrungen getroffen, auch diesem Mangel abzuhelfen, wenn schon zur Herstellung einzelner Kirschsorten länger als zwei Jahre gebraucht werden sollten, damit man immer neue Früchte als Vorlagen benutzen kann.“

Alle diese Mittheilungen hatten mich für das Arnoldi’sche Obstcabinet dermaßen enthusiasmirt, daß ich meinem Freunde gern das Versprechen gab, die Verbreitung desselben auf alle Weise förderlich zu sein. Wie aber mag dies erfolgreicher geschehen, als dadurch, daß ich – nicht etwa in die Lärmtrompete stoße, sondern einfach erzähle, was in jener Gartenlaube zwischen mir und meinem Freunde erlebt und verhandelt worden?

Dies geschieht hiermit in der großen „Gartenlaube“, in welcher schon so manches industrielle Unternehmen einen Ehrenplatz und so manches verdienstvolle Streben eine energische Fürsprache gefunden.
Sch–dt.

  1. Wir dürfen hier wohl an ein ähnliches Unternehmen auf dem Felde der „Schwammkunde“ erinnern, an die von Professor Büchner in Hildburghausen begründete plastische Sammlung aller eßbaren und giftigen Schwämme Deutschlands.
    D. Red.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Porlellanmasse