Das Geburtshaus der Brüder Grimm

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Autor: Louise Gies
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Titel: Das Geburtshaus der Brüder Grimm
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 695, 696
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1896
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Das Geburtshaus der Bruder Grimm.
Von Louise Gies.


100px In dem Augenblick, da Hanau a. M., die Geburtsstadt der Bruder Grimm, sich anschickt, das diesen gewidmete Denkmal feierlich zu enthüllen, werden vielleicht auch weitere Kreise gerne erfahren, wann und wie das Geburtshaus Jacob und Wilhelm Grimms zuerst aufgefunden wurde.

Bis zum Jahre 1858 hatte man sich nämlich merkwürdigerweise selbst in Hanau wenig mit demselben beschäftigt; allgemein galt dafür ein in der Langstraße gelegenes einstöckiges Wohnhaus, welches sich in den fünfziger Jahren im Besitz des Sanitätsrates Dr. Gies, meines Vaters, befand.

Es lebten damals noch genug alte Leute, die sich zu erinnern glaubten, daß der Herr „Stadtschreiber Grimm“ (der Vater des Brüderpaares) zu Ende des vorigen Jahrhunderts mit Frau und kleinen Kindern in dem besagten Haus, Langstraße Nr. 41, gewohnt habe. Und dabei hatte man sich beruhigt.

Nun war in den fünfziger Jahren, nachdem das verflossene, stürmischpolitische Jahrzehnt zur Ruhe gekommen, ein besonders reges wissenschaftliches Leben und Streben erwacht; der erste Band des Grimmschen Wörterbuches war erschienen, und die Augen der gesamten gelehrten und gebildeten Welt waren darauf gerichtet. So mußten die Bruder Grimm eines schönen Abends wohl besonders lebhaft in dem „Litterarischen Verein“ zu Hanau besprochen worden sein, denn die Verhandlung endigte damit, daß meinem Vater viel scherzhafte Vorwürfe gemacht wurden, wie er die Ehre, das Geburtshaus der Bruder Grimm zu besitzen, gar nicht hoch genug anschlage, wie es eigentlich an ihm sei, etwas zu deren Verherrlichung zu thun u. s. w.

„Daran soll’s nicht fehlen,“ sagte mein Vater, und da es gerade Anfang Dezember des Jahres 1858 war, so wurde beschlossen, zunächst am kommenden 1. Januar 1859, dem Geburtstag Jacob Grimms, abends über unserer Hausthür ein erleuchtetes Transparent anzubringen mit der Inschrift: „In diesem Haus wurde am 4. Januar 1785 Jacob Grimm geboren.“

Es dauerte auch nicht lange, da stand das Transparent fix und fertig in unserer Hausflur, war eingepaßt in den Rahmen über der Hausthür, und nichts fehlte, bis auf die Kerzen zur Beleuchtung. Ich fühle noch den Stolz und das Entzücken, womit insbesondere wir Kinder dem großen Tag entgegensahen, wie wichtig wir uns allen anderen Menschen gegenüber vorkamen. Wie bitter sollten wir enttäuscht werden!

Es war nur noch kurz vor dem festlichen Tag, als eines Abends ein Freund meines Vaters, Doktor Jung, hastig angestürzt kam mit der Botschaft: „Doktor, es ist ein Irrtum, die Grimms sind nicht in Ihrem Haus geboren. Wir haben noch einmal nachgeforscht und eine alte Base der Familie Grimm aufgefunden, ein Fräulein Höhn, welches ausgesagt hat, ihr Vetter, der Herr Stadtschreiber Grimm, habe zuerst mit seiner jungen Frau an dem Paradeplatz in dem jetzigen Polizeigebäude gewohnt, und hier seien die älteren Söhne Jacob und Wilhelm geboren. Erst später sei die Familie in Ihr jetziges Haus gezogen.“

Man denke sich unseren Schrecken! Ans allen Himmeln waren wir jungen Leute gefallen! Das schöne Transparent, die festliche Beleuchtung, die gaffende Volksmenge, die große Ehre, die wir geträumt hatten: alles stürzte wie ein Kartenhaus zusammen!

Mein Vater war indessen nicht der Mann, eine solche Sache leichten Kaufs aus der Hand zu geben. Gewohnt, jedem Ding auf den Grund zu gehen, entschied er alsbald: „Es wird an Jacob Grimm selbst geschrieben und um Auskunft gebeten. Heute noch schreibst Du mir nach Berlin,“ schloß mein Vater, indem er sich an mich wandte.

Der Brief wurde noch selbigen Tages aufgesetzt, auf rosa Papier abgeschrieben und dann, nachdem ihn mein Vater geprüft hatte, abgesendet. Wenn ich heute noch erröten will über eine Jugendthorheit, dann ziehe ich aus dem verborgensten Fach meines Schreibtisches das sogenannte „Brouillon“ oder Konzept dieses Schriftstückes hervor und lese es durch: naiver ist wohl selten ein großer Mann angeschwärmt worden!

Trotzdem erhielt ich eine Erwiderung, eine eigenhändige und liebenswürdige Erwiderung, die in eingehendster Weise unsere Frage erörterte.

Bei der Enttäuschung blieb’s freilich, denn Jacob Grimm bestätigte, was schon die Base Philippine Höhn erklärt hatte: daß er und sein Bruder in dem großen Haus am Paradeplatz oben (dem heutigen Landratsamt) geboren seien.

Nun war die Sache klar, kein Zweifel mehr möglich, und betrübten Herzens sahen wir das Transparent in eine entlegene Kammer hoch oben im Hause wandern. Es zu vernichten, konnten wir uns doch nicht entschließen.

So hart und bitter uns die Sache ankam, so hatte sie doch für die Öffentlichkeit ihr Gutes; die allgemeine Aufmerksamkeit war rege geworden. Die städtische Behörde nahm die Angelegenheit in die Hand, stellte noch weitere Nachforschungen an, und das Endergebnis war, daß in den folgenden Jahren das Landratsamt zu Hanau feierlichst für das Geburtshaus der Brüder Grimm erklärt und mit einem Medaillonbild geziert wurde, welches – die Initiale oben bietet die Abbildung – die Reliefköpfe Jacobs und Wilhelms zeigt.

Für mich aber schloß sich an jene hübsche (eigentlich traurige) Begebenheit doch noch ein kleiner Briefwechsel mit dem berühmten Mann, der den jugendlichen Ueberschwang der Gefühle übersah und sich an den Kern hielt. Mein Vater ließ eine Photographie des Landratsamtes anfertigen, die ich nebst Kirchenbuchauszügen wieder an Jacob Grimm schicken durfte, nicht ohne ein entsprechendes Geleitschreiben meinerseits. Daran reihten sich freundliche Sendungen von Berlin an mich, Bilder, Reden, die Märchen und vieles andere, Dinge, die mir mit den Jahren mehr und mehr zu Reliquien wurden.

Zum Schluß möchte ich den ersten an mich gerichteten Brief, welcher die Frage des Geburtshauses behandelt, im Wortlaut und in der eigentümlichen Orthographie des Gelehrten mitteilen. Derselbe kantet:

„Liebe fräulein Luise, Sie haben mir so zutraulich geschrieben, dasz ich gleich zu der vorstehenden anrede berechtigt bin; ich will auf Ihre frage alles antworten, dessen ich mich entsinnen kann, allerdings bin ich in dem jetzt von Ihnen bewohnten hause, in der langen gasse neben dem [696] hinterhaus des rathauses, zum ersten bewustsein gekommen, mein vater war stadtschreiber beim amt Bücherthal und wurde im sommer 1791 als amtmann nach Steinau versetzt, wo er frühe schon, jan. 1796, starb und sechs waisen hinterliesz. meine frühesten knabenerinnerungen stehen natürlich zu Steinau, doch ist mir noch manches aus der Hanauer zeit, im gedächtnis.

die Kinderstube war hinten und gieng in den von einer nahen mauer beschränkten hof, über die mauer ragten obstbäume aus dem benachbarten garten, wahrscheinlich dem rathhausgarten. im rathhaushof spielten wir oft, gegenüber auf der anderen seite der strasse wohnte damals ein handschuhmacher, dessen namen ich lang behalten, doch jetzt vergessen habe. ich wurde oft über den paradeplatz in die altstadt zum grossvater getragen und geführt, muste im letzten jahr, etwa 1790 in eine schule laufen, die auf der entgegengesetzten seite, hinter dem Neustädter markt am platz der französischen[WS 1] kirche lag.

wollen sie wissen, wie ich damals aussah, so kann ich ein bildchen in den brief legen, das nach einem august 1787 von dem mahler Urlaub gemahlten ölbild radirt worden ist, ich stehe darauf in violetter jacke und hose mit grüner schärpe, doch gewöhnlich werde ich damals noch im blosen kittel herumgelaufen sein. zu der zeit des bildes war ich also 2 1/2 jahr alt, jetzt wäre ich danach nicht wieder zu erkennen.

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Das Geburtshaus der Brüder Grimm in Hanau
Nach einer Photographie von Thiele-Hassot in Hanau

aus der zeit, wo wir in der langen gasse wohnten, ist mir zufällig etwas in erinnerung geblieben und ich habe später im leben daran denken müssen, an einem trüben sommermorgen stand ich neben dem vater in der wohnstube am fenster, alle anderen schliefen noch, da sah ich eine magd mit einem zuber auf dem Kopf über die gasse gehen und die sonne spiegelte sich hell in dem wasser ab. im geist sehe ich noch immer das sonnenlicht in dem wasser zittern. das wird im jahr 1789 gewesen sein.

Aber geboren wurden wir in diesem hause nicht, sondern in einem am paradeplatz, wenn man vom ,weissen löwen’ an hinaufgeht, etwa im Zweiten oder dritten haus der reihe oben, falls das haus noch stehen geblieben ist, denn es sind seitdem schon 73 jahre verstrichen. ich hörte einmal, in diesem haus sei später die polizei gewesen, daran können Sie sich vielleicht zurecht finden.

gesetzt sie ermitteln es, so bitte ich mir die hausnummer aufzuschreiben, wie auch die von Ihrem haus in der langen gasse.

Nehmen Sie vor lieb mit diesen wenigen und mageren nachrichten, ich bin mit herzlichem grusz:

Ihr ergebenster 
Jacob Grimm.
Berlin 30 dec. 1858.“ 



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: französichen