Das Gehörorgan

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Carl Ernst Bock
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Das Gehörorgan
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 355–356
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[355]
Vom Baue des menschlichen Körpers.
Das Gehörorgan.

Um hören zu können, bedarf der Mensch Dreierlei, nämlich einen Apparat, welcher die Töne aufnimmt, d. i. das Gehörorgan, einen Apparat, welcher die vom Gehörorgane aufgenommenen Töne zum Gehirne leitet, d. i. der Gehörnerv, und einen Apparat, welcher die zugeleiteten Töne bewußt werden läßt, d. i. das Gehirn. Nur wenn diese drei Apparate in Ordnung sind, hören wir gut, und Störungen im Hören können sonach ihren Grund in krankhaften Veränderung ebensowohl des Gehörorgans, wie des Gehörnervens und des Gehirns haben.

Das Gehörorgan, welches seine Lage auf dem Boden des Schädels, an der Seite desselben hat, ist zum größten Theil im Felsentheile des Schläfenbeines verborgen und deshalb für die ärztliche Kunst sehr unzugänglich. Nur sein äußerster Theil steht unter dem Namen äußeres Ohr seitlich an der Gränze des Gesichts hervor. Der Zweck diesem physikalischen, nach acustischen Gesetzen gebauten Organes ist: die Töne (Schallwellen) zu sammeln, nach Umständen zu verstärken oder zu schwächen, und nach verschiedenen Richtungen hin bis zum Gehörnerven auszubreiten. Es zerfällt dieser ganze Hörapparat seiner Lage und Bestimmung nach in drei Portionen, in das äußere, mittlere und innere Ohr. In diesen drei Abtheilungen, von denen die mittlere durch die Ohrtrompete mit der Rachen- oder Schlundkopfshöhle, dicht hinter der Nasenhöhle, im Zusammenhange steht, findet man zur Fortpflanzung des Schalles theils Luft, theils Wasser und feste Körper.

l) Das äußere Ohr, welches einen etwas gewundenen flachen Trichter bildet und in gleicher Höhe mit der Nase an der Seite des Kopfes liegt, faßt die im gewöhnlichen Leben schlechtweg Ohr (a) genannte und mit Haut überkleidete Knorpelplatte, sowie den, mit dieser Platte ununterbrochen zusammenhängenden äußern Gehörgang (b) in sich, an dessen innerem Ende das Trommelfell (c) ausgespannt ist und den Gehörgang von der Paukenhöhle trennt. Die Bestimmung des äußern Ohres besteht im Auffangen, Sammeln und Verstärken der Schallwellen, und dies geht um so besser vor sich, je größer, tiefer und elastischer das Ohr ist und je mehr es vom Kopfe absteht. Man fand, daß plan anliegende Ohren nicht so scharf hören als solche, welche etwa um 30–40 Grad vom Schädel abstehen. - Zur Erreichung seines Zweckes stellt das Ohr eine muschelförmige Platte mit mannigfachen Erhabenheiten und Vertiefungen dar, welche, wenn wir alle Muskeln derselben von Jugend auf übten, nach den verschiedensten Richtungen hin von uns bewegt werden könnte. Die Haut des Ohres ist mit vielen Drüsen, Blutgefäßen und Nerven versehen und bildet am untern Ende des Ohres eine beutelartige Verlängerung, das Ohrläppchchen. Die tiefste Stelle des Ohres heißt die Ohrmuschel, und diese führt nach innen in den etwa 1 Zoll langen und etwas gekrümmten äußern Gehörgang, dessen äußere Hälfte eine knorpelige, die innere eine knöcherne, dem Felsenbeine angehörige Wand hat. Dieser Gang, dessen Verstopfung durch angehäuftes und eingetrocknetes Ohrenschmalz, sowie durch fremde Körper (Baumwolle, Erbsen, Bohnen, Steinchen u. s. w.) Schwerhörigkeit, Ohrensausen und selbst völlige Taubheit nach sich zieht, ist durch Härchen und bittern Ohrenschmalz, welcher in Drüschen bereitet wird, vor dem Eindringen von Insekten geschützt. Das innere Ende des Gehörganges ist durch ein schräggestelltes, weißröthliches und elastisches Häutchen, das Trommel- oder Paukenfell verschlossen, dessen äußere, vertiefte Fläche in den Gehörgang sieht, während die innere gewölbte Fläche der Paukenhöhle zugekehrt und mit einem Gehörknöchelchen, dem Hammer, verwachsen ist. - Die Schallwellen, welche auf das Ohr treffen und theils durch die Luft, theils durch die Wand des äußern Gehörganges zum Trommelfell fortgepslanzt wurden, werden nun von diesem dem mittlern Ohre mitgetheilt. Es scheint, als ob das Trommelfell je nach seiner Erschlaffung oder Spannung, welche durch kleine Muskeln besorgt wird, auf den Schall verstärkend oder schwächend einwirken, höhere und tiefere Töne mit größerer oder geringerer Schärfe auffassen lassen könne. Zerstört man das Trommelfell, was nur in seltenen Fällen Taubheit veranlaßt, so gelangt man in das

2) mittlere Ohr, welches im Felsenbeine verborgen liegt und aus einer kleinen rundlichen Höhle, der Pauken- oder Trommelhöhle (d), und aus einer Röhre, der Ohrtrompete (e) besteht. Beide enthalten Luft und in der ersteren zieht sich vom Trommelfelle aus, welches die äußere Wand der Paukenhöhle bildet und diese vom äußern Gehörgange trennt, nach innen zur Scheidewand zwischen der mittlern und innern Ohrabtheilung, eine Kette von vier kleinen, eigenthümlich geformten Knöchelchen, den Gehörknöchelchen, während sich die Ohrtrompete schief nach vorn und innen herab zum Schlundkopfe (zur Rachenhöhle) erstreckt, wo sie sich dicht hinter der Nasenhöhle über dem Gaumen öffnet und so Luft aus Mund- und Nasenhöhle in die Paukenhöhle zu leiten vermag. Mit einer gekrümmten Sonde kann man durch die Nase in diese Trompete gelangen, deren Verstopfung (besonders bei Schnupfen und Mandelbräune) gar nicht selten Schwerhörigkeit und Ohrensausen veranlaßt. Es scheint, als sei der Zweck der Ohrtrompete, der Paukenhöhle Luft zuzuführen und die Resonanz in dieser Höhle zu begünstigen (wie die Oeffnung in der Violine). Wenn wir bei starken Tönen (Kanonenfeuer) den Mund unwillkürlich öffnen, so scheint dies deshalb zu geschehen, um das Trommelfell nicht blos einseitig von außen vom Gehörgange her, sondern auch von innen, von der Seite der Trompete und Paukenhöhle aus, mit den Tönen in Berührung zu bringen und so dessen zu heftige Erschütterung oder vielleicht gar Zerberstung zu verhüten. Ist das Trommelfell durchlöchert, dann läßt sich Luft und Tabaksrauch vom Munde aus durch die Trompete, die Paukenhöhle, die Oeffnung im Trommelfelle und durch den äußern Gehörgang zum Ohre herausblasen. – An der innern, dem Trommelfell gegenüberstehenden Wand der Paukenhöhle sieht man zwei Oeffnungen, die beide in die innerste Abtheilung des Gehörorgans führen, aber beide geschlossen sind; die obere (das ovale Fenster) durch ein Gehörknöchelchen, den Steigbügel, die untere (das runde Fenster) durch das zweite Trommelfell. Wollte man diese Fenster öffnen, so würde man durch das erstere in den Vorhof, durch das letztere in die Schnecke gelangen können. – Die Gehörknöchelchen, vier Stück, nämlich der Hammer, der Ambos, das Linsenknöchelchen und der Steigbügel, sind in der genannten Ordnung zu einer beweglichen Kette verbunden, welche vom Trommelfelle, mit dem der Hammer verwachsen ist, quer durch die Paukenhöhle hindurch nach innen bis zum ovalen Fenster reicht, welches der Steigbügel mit seinem Fußtritte verschließt. Durch diese Knöchelchenkette wird der Schall vom Trommelfell durch das ovale Fenster zum innersten Ohre (Labyrinthe) und zwar zum Vorhofe fortgepflanzt. Außerdem scheint der Schall aber auch noch durch die Luft und die Wand der Paukenhöhle nach innen fortgeleitet zu werden. Die Verbindung der Gehörknöchelchen unter einander ist so, daß der Hammer, durch seinen Stiel mit dem Trommelfelle verwachsen, mit seinem Köpfchen auf der breiten Fläche des, einem zweiwurzlichen Backzahne ähnlichen Ambos liegt, dessen kurzer Schenkel über dem Trommelfelle befestigt ist, während der lange, abwärts gerichtete Schenkel unter einem rechten Winkel durch das Linsenknöchelchen mit dem Steigbügel in Verbindung tritt.

3) Das innere Ohr oder das Labyrinth stellt eine vollkommen geschlossene Höhle im Felsentheile des Schläfenbeins dar, welche ganz mit Wasser erfüllt und der Sitz des Gehörnerven ist. Die

[356]
Die Gartenlaube (1855) b 356.jpg

Das Gehörorgan. Die obere Figur zeigt die einzelnen Theile des Hörapparates in ihrem Zusammenhange. a) das äußere Ohr. b) Der äußere Gehörgang. c) Das Trommelfell. d) Das Köpfchen. e) der lange Fortsatz und f) der Stiel des Hammers. g) Der Ambos. h) Der kurze und i) der lange Fortsatz des Amboses. k) Das Linsenknöchelchen. l) Der Steigbügel. m) Der Fußtritt des Steigbügels über dem ovalen Fenster (zwischen Vorhof und Paukenhöhle). n) Oberer, o) hinterer und p) äußerer Bogengang. q) Schnecke. r) Kuppel der Schnecke. – Die untere Figur stellt das Gehörorgan im Längendurchschnitte dar. a) Aeußeres Ohr. b) Aeußerer Gehörgang. c) Trommelfell. d) Paukenhöhe. e) Ohrtrompete. f) Gehörknöchelchen. g) Bogengänge. – Gehörknöchelchen: 1) Hammer., 2) Ambos (mit dem Linseknöchelchen). 3. Steigbügel.


einzelnen Theile des Labyrinthes sind: der Vorhof, die Schnecke und die drei Bogengänge. - Der Vorhof stellt einen länglichen Raum in der Mitte des Labyrinthes dar, welcher einen rundlichen und einen länglichen, mit Ohrwasser ebensowol erfüllten, wie umspülten Sack enthält, an deren Wänden sich der Gehörnerv ausbreitet. Von der Paukenhöhle ist der Vorhof durch die mit dem Steigbügel verwachsene Membran des ovalen Loches getrennt, mit den übrigen Theilen des Labyrinthes, der Schnecke und den Bogengängen, steht er aber in offener Verbindung. In dem Wasser beider Vorhofssäckchen, und zwar an der Stelle der Nervenausbreitung, befinden sich, wahrscheinlich zur Verstärkung des Schalles kleine Steinchen aus kohlensaurem Kalk (Gehörsteinchen, Ohrsand, Ohrkrystalle). – Die Schnecke, welche sich an die vordere Wand des Vorhofs anlegt, gleicht ganz und gar dem Gehäuse einer Gartenschnecke, nur mit dem Unterschiede, daß der Kanal der menschlichen Schnecke durch eine Querscheidewand (Spiralplatte) in zwei über einander liegende Spiralgänge (Treppen) geschieden ist. Der obere Gang oder die Vorhofstreppe mündet in den Vorhof ein, die untere oder die Paukentreppe ist nur durch das Trommelfell im runden Fenster von der Paukenhöhle getrennt. Beide Schneckenkanäle sind mit Labyrinthwasser erfüllt und von einer häutigen, geflechtartigen Ausbreitung des Gehörnerven ausgekleidet. – Die drei Bogengänge oder halbcirkelförmigen Kanäle (ein oberer, ein hinterer und ein äußerer), welche wie gekrümmte Röhren in den Vorhof einmünden und von denen ein jeder an dem untern Ende eine flaschenähnliche Erweiterung (Ampulle) hat, enthalten mit Ohrwasser erfüllte Schläuche, die in ihrer Gestalt den knöchernen Bogengängen gleichen und als Fortsetzungen des länglichen Vorhofssäckchens anzusehen sind, von woher die Ampullen auch ihre Nervenfasern erhalten. – Der Schall, welcher von der Paukenhöhle auf das Labyrinth überging, breitet sich im Labyrinthwasser aus und trifft so auf die Gehörnervenfasern, welche den dadurch gemachten Eindruck zum Gehirn fortpflanzt, zum Bewußtsein bringen und mit Hülfe des Verstandes beurtheilen lassen.
(Bock.)