Das Haus am Meeresstrand

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Autor: Oswald Tiedemann
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Titel: Das Haus am Meeresstrand
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 21–26, S. 238b–240;249–252;261–264;
273–276;285–288;297–300
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[238b]
Das Haus am Meeresstrande.
Eine pommersche Geschichte von Oswald Tiedemann.

Das war ein Sturm, der die Erde aus ihren Angeln heben wollte. Pfeifend und gellend zog es durch die Lüfte, als wäre das Heer der bösen Geister auf der Flucht, als beliebte es dem Himmel, herabzustürzen, mit Einem Schlag ein weites unabsehbares Grab aufzuspalten. Der Blitz übereilte den Donner, der Donner den Blitz, sie trafen zusammen, furchtbar, betäubend. Es loderte in fahlem Lichtschein herauf, herab. – Ein Flammenmeer übergoß Himmel und Erde. Das Gewölk drängte, wälzte sich – ein Gewitterknäul der Wuth, der Finsterniß und der Empörung. –

An einem Abhange, inmitten riesiger Tannen, die wehklagend ihre Aeste in der Gewalt des Sturmes schüttelten, dicht am Strande der Ostsee steht eine Hütte, klein, niedrig, unbeschreiblich elend. Die Wände sind von Sand und Lehm, durch Unwetter zerbröckelt und geschwärzt; das Dach von Brettern, Rasen und Moos; die Fensterluken, kaum groß genug, das Licht herein und den Rauch des Herdes herauszulassen, mit Papier verklebt und mit Netzen verhangen. –

Im Innern sah es nicht minder elend aus. Ein rohgearbeiteter Schrank, Bänke und Tische leicht zusammengeschlagen, nebst zwei Strohlagern in einer anstoßenden Kammer, bildeten das ganze Hausgeräth. Auf den Bänken und an den Wänden lagen und hingen in wirrer Unordnung Fischergeräthschaften und einige Kleidungsstücke im dürftigsten Zustande.

[239] Seltsam kontrastirte mit der Armuth des Ganzen, dem Schmuz und der Dunkelheit, ein junges Mädchen, das am Herde beschäftigt war. Von hohem Wuchse, schlank und kräftig, vermochte selbst das faltige Kleid von grauem Wollenstoff nicht ganz die schönen Formen zu verhüllen. Der halbentblößte Nacken, den ein lose geknüpftes buntes Tuch von Kattun nur wenig bedeckte, war, wie der Hals von blendender Weiße; das Gesicht von unnennbarem Reiz, so voll Anmuth, daß man versucht werden konnte, an eine Fee zu glauben, die in eine niedere Hütte der Menschen sich aus Laune verirrt hatte. Das Auge besonders, groß und von feuchtem Glanz, wie die Perle des tiefen Meeres, strahlte gleich einem Juwel und wetteiferte an Schwärze mit dem reichen Haar, das in seiner Fülle den beiden hölzernen Nadeln, die es halten sollten, immer entschlüpfen wollte. –

Sinnend blickte das Mädchen in die Gluth des Feuers auf dem Herde, und wie die Flamme durch hinzugelegtes Reisig immer höher stieg, so wuchsen auch die Seufzer, die anfangs leise ihrer Brust entstiegen, stärker an. Sie vergaß aber dabei nicht, fleißig in einem Kessel zu rühren, in dem ein Brei brodelte.

Still war es in dem Innern, nur das Knistern des Feuers und die Seufzer den Mädchens zuweilen vernehmbar; draußen wüthete das Unwetter furchtbar fort.

„Wo nur der Vater bleibt?“ dachte das Mädchen mit steigender Besorgniß und mit gespanntem Ohr hinaushorchend. – Indem wurde draußen an die Thür der Hütte heftig gepocht. Sie ging um zu öffnen; sie hatte vorher den Riegel vorgeschoben. Es traten ihr zwei Männer, ihrer Kleidung nach Waldhüter, entgegen, die einen jungen, anscheinend völlig bewußtlosen Mann auf einer leicht zusammengefügten Tragbahre von Tannenzweigen trugen.

Das Mädchen, an Gefahren, Entbehrungen und Unglück gewöhnt, erschrak zwar nicht, doch wich sie unwillkürlich einen Schritt zurück.

„Guten Tag, Katharina,“ sagte einer der Männer. „Wir bringen Euch für eine Stunde den jungen Herrn vom Schlosse. Wir haben ihn, von einer Kugel getroffen, im Walde gefunden. Wir wollen schnell nach dem Kloster Riedd; bis wir zurück sind mit Wagen und Pferden, müßt Ihr ihn behalten.“

„Kommt herein!“ erwiederte Katharina, indem sie einen neugierigen Blick auf den Junker warf, und den Leuten einen Platz anwies, wo sie ihn hinlegen sollten. „Aber erzählt mir doch Mehreres? Wie ging es zu, und was soll ich beginnen? Ich bin allein und weiß mit Kranken nicht umzugehen!“

„Da ist auch nicht viel zu machen, Kathi,“ erhielt sie zur Antwort. „Wir müssen auf’s Schloß. Todt ist er nicht, und so Gott will, ist der Schuß nicht gefährlich. Mehr wissen wir auch nicht, als daß wir ihn an einem Pfahle liegend gefunden, an dem, wie Ihr wißt, geschrieben steht, daß er nicht überschritten werden darf. Nun, für den Junker vom Schlosse gilt das Gesetz nichts. Uns wundert nur, wo der große Hund des gnädigen Junkers, der Dogg, geblieben ist. Keine Spur von ihm. Doch nun guten Tag, Kathi, wir dürfen nicht säumen. Der alte Herr auf Schloß Riedd ist nicht der Beste, er könnte uns das Zögern vergelten.“

Die Männer verließen die Hütte. –

Katharina kniete vor dem Verwundeten nieder und legte ihm unter das Haupt ein Strohkissen, das sie aus der Kammer geholt hatte. Sie kannte den Sohn ihren Gutsherrn bereits, aber in solcher Nähe hatte sie ihn noch nie gesehen. Mit weiblicher Neugierde betrachtete sie die reiche Kleidung, die an vielen Stellen mit Blut befleckt war, und den männlich-schönen Kopf. Um den Mund spielte ein trotziges Lächeln, ein Zug von Härte, der sich bei dem Junker gewöhnlich immer zeigte, und der auch jetzt nicht verschwunden war. … Katharina strich ihm das blonde Haar mit leiser Hand von der Stirne und lauschte an seinem Munde; er athmete, aber schwach und kaum bemerkbar. Die Schußwunde schien er in der Seite erhalten zu haben; Katharina fürchtete sich indeß, sich darüber Gewißheit zu verschaffen. – Sie konnte sich, sie wußte selbst nicht weshalb, von dem Lager gar nicht trennen und vergaß darüber alles Andere. Ihr Auge ruhte fortwährend gespannt auf dem Verwundeten. Jetzt regte er leise die Hand, die aus den reichen Hemdmanschetten hervorsah, die Finger zupften an dem grünen Rocke. … Katharina veränderte die Farbe; sie hatte diese Bewegung schon einmal an einem Krankenlager bemerkt und gefunden, daß es ein Vorbote des Todes sei. Sie beugte sich über das Gesicht des Junkers … seine Wimpern zuckten, er schlug die Augen auf. Sie hatten keinen Ausdruck, still und ruhig war der Blick. In dieser Weise betrachtete er Katharina einen Moment, ohne daß er ein Wort gesprochen, dann schlossen sich die Wimpern wieder. – Der Vater Katharina’s trat in die Stube. Er war bis auf die Haut durchnäßt, denn der Sturm war in einen Regen übergegangen, der in Strömen heruntergoß. Seine Gestalt war hoch und stämmig. Haar und Schnurrbart bereits grau, aber die nackten Arme, die bis an das Knie entblößten Beine verriethen noch eine seltene Muskelkraft. Er warf ein Netz mit Fischen auf den Boden und heftete einen scharfen Blick seiner grauen Augen auf die Gruppe …

„Was ist geschehen?“ fragte er mit rauher Stimme.

Katharina erzählte den Hergang. Ohne ein Wort zu erwiedern hörte er sie an, dann trat er an den Herd und eine Zornader trat auf seine Stirn. Er rief: „Warum ist das Feuer ausgegangen? Hast Du den Vater über den Burschen dort vergessen? Ich bin durchnäßt bis auf die Knochen und hungrig. Marsch fort, hierher!“ –

Katharina entgegnete: „Er ist verwundet und bedarf der Hülfe.“

„Was kannst Du ihm helfen?“ meinte der Vater. „Hättest Du ihm wenigstens eine Kanne Wasser über’s Gesicht gegossen, dann ließ ich’s gelten. Daß Du da hockst, wird ihn nicht aufbringen. Er ist der Junker von Riedd; Gott besser’ den Schloßherrn durch diesen Vorfall.“

Katharina nahm den Brei aus dem Kessel, stellte ihn vor den Vater, der sich an einen Tisch setzte, hin und sagte: „Ihr seid wieder mürrisch; was ist Euch begegnet?“

„Was sollte mir begegnet sein? Dummheiten! Alte Geschichten! Bei diesem Unwetter, das die Wurzeln der Tannen nach oben kehrt, läßt sich nicht gut fischen. Das Meer zieht die Stirne kraus, als hätt’ es ein Faß Brechpulver verschluckt. Es hat mich hinausgeschleudert bis fast an die Thore von Kolberg; kaum glaubt’ ich mit heiler Haut wiederzukommen.“

„Ihr hättet auch nicht heute fischen sollen, Vater. Mir bangte nach Euch.“

„Von was willst Du morgen leben? Du bist eine große starke Dirne, die ihr gut Theil Essen will. Die paar Kartoffeln an unserer Barracke werden wohl bald verschluckt sein. Der Herbst ist vor der Thüre. Der Sturmvogel hat sich heute wie toll geberdet mit seinem heisern Schrei.“ – Er legte den Löffel weg, schob die Schüssel bei Seite und stemmte die Arme auf den Tisch, während seine Augen zu dem Verwundeten hinüberschielten.

„Wie lange ist es her, daß sie den Burschen hierherbrachten?“ fragte er weniger barsch.

„Eine Stunde mag’s sein, Vater. Ich fürchte für den Junker. Wenn sie nur gleich einen Doktor mitbrächten.“

„Was kümmert Dich denn so gewaltig der Junker? Hat er Dir auch schon die Ehre angethan, mit Dir im Walde zusammenzukommen, wie mit des Kreuzwirths Rosi? Der alte Narr, ihr Vater, hatte sich ein neues Schild malen und drauf mit stolzen Worten setzen lassen: „Mit Gott für König und Vaterland!“ und glaubte nun, alle Barone und Grafen des Pommernlandes müßten bei ihm einkehren. Den Henker! Die Vornehmen blieben aus und die Bauern auch. Er hielt saures Bier und Branntwein, von dessen Geruch man schon sterben konnte; das nagelneue Schild sollte Alles verbessern. Es ging heillos schlecht mit ihm. Da kehrte der Junker dort, der mit dem Garaus jetzt zu schaffen hat, eines Tages bei ihm ein; er kam öfter, dann alle Tage. Er verständigte sich mit dem alten Narren, dem schwarzen Kreuzwirth; uns wurde verboten, nach andern Dörfern in die Schenke zu gehen; wir mußten bei ihm das schlechte Bier trinken und mit Bauchgrimmen den Branntwein hinunterschlucken. Der Junker paßte genau auf, wer nicht einkehrte; er saß im Oberstübchen bei der Rosi und lugte durch’s Fenster – wenn er gerade Zeit hatte, setzte er lachend hinzu. Da kam der Frühling. Ja, ja, er spielt gar seltsame Weisen, der Frühling. Im Frühling war es, da gingen die Beiden in den Wald, der Junker und die Rosi. Was da geschehen ist, weiß man nicht, man denkt sich’s blos; aber Rosi senkte fortan gar sehr den Kopf, der Kreuzwirth ließ den Hochmuth fahren und schenkte besseres Bier, sprach auch gar freundlich mit dem niedrigsten Bauern. Das ging so eine Zeit; der Junker ließ sich in der Schenke nicht wieder sehen. Eines Sonntags, [240] da ging der Kreuzwirth nach den Schlosse Riedd hinauf, zu dem alten Herrn; er mußte wohl, denn es war hohe Zeit, alle Mädchen gingen seiner Rosi aus dem Wege. Element! wie empfing ihn der Baron. Er lachte, freute sich seines Sohnes und sprach von einer großen Ehre, die dem Narren von Wirth passirt sei. Dieser heulte anfangs, dann drohte er und sagte etwas von der Regierung in Stettin, oder gar am Ende von Berlin. – Der Baron meinte: „Das sind meine Gerechtsame, auf denen Ihr Bier ausschenkt, und wenn Ihr noch muckst, so laß ich Euch das Schild herunternehmen, worauf das Kreuz und die Worte: „Mit Gott für König und Vaterland! Der Weg nach Berlin ist lang, und des Bauern Ohr ist noch eben so weit von dem Ohr des Königs, wie in alten Zeiten vom Ohr der pommerschen Herzöge.“ –

Der Kreuzwirth duckte sich; aber seine Rosi, ein frisches gesundes Mädel vor damals, siechte und siechte, bis sie die Arme von sich streckte und todt war; die Schande und der treulose Geliebte hatten ihr das Herz gebrochen. „Mädel, Kathrine,“ fuhr er nach einer kurzen Pause lebhaft fort, „wenn Du mir desgleichen thätest, ich glaube, mit den Nägeln zerkratzt’ ich Deinen Leib, daß er früher den Raben zur Speise würde.“ – Die Augen des Alten blitzten und hafteten durchbohrend auf seiner Tochter. Diese, unbekümmert um die zornige Rede des Vaters, hatte eine hölzerne Schüssel mit Wasser gefüllt, war abermals vor den Verwundeten niedergekniet und netzte die Stirn desselben. Sie entgegnete: „Es ist ein Mensch, Vater, der hier liegt; was Ihr redet, mag gut gemeint sein, aber ich versteh’ es nicht ganz. Ihr wißt, ich habe meinen Schatz.“ –

„Auch so ein Stadtvogel,“ brummte der Alte, „von dem man nicht weiß, wie man dran ist. Er schwätzt allerlei und gar Liebliches für Dein Herz, aber ob er’s ehrlich meint, das ist die Frage. Deine schönen Augen haben ihn wohl verblendet, ob er sie aber nicht ebenfalls sehr wohlfeil zu kaufen gedenkt, darüber hat er sich noch nicht entschieden.“

„Ihr seid doch auch gar zu übeldenkend, Vater. Ich möchte nur wissen, was Euch die Menschen gethan, daß Ihr gegen alle so absprechet und gleich das Schlimmste im Munde führt. Hat Euch Rudolf nicht gesagt, daß er mich heirathen will? Mir hat er es gesagt.“

„Das ist so der schöne Anfang zu einem bösen Ende,“ sprach der Alte, indem er sich eine Pfeife anrauchte. „Sehen muß ich’s, wenn ich’s glauben soll. Der Herr Rudolf wird sich Deiner und meiner schämen, wenn wir in der Stadt sind; wenn wir überhaupt dahin kommen. Was mir die Menschen gethan? Gerade so viel, als nöthig, um verrückt zu werden. Der Arme ist ihnen noch zu reich, wenn er nicht gerade betteln geht. Sie können sich nicht denken, daß man bei trockenem Brote und einem letzten Vorrath von Ehre nicht an den Straßenecken stehen will. Ich war Soldat, habe so und so viel Jahre ehrlich und rechtschaffen gedient. Man hing mir eine Medaille in das Knopfloch, gab mir monatlich einen Thaler zwanzig Groschen und sprach: „Nun können wir Dich nicht länger im stehenden Heere brauchen. Sei zufrieden mit Deinen vier Wunden am Leibe.“ Das mochte gehen, ich will nichts einwenden, aber daß uns armen Teufeln die Luft, die wir schnappen möchten, noch beschnitten und verkürzt wird, das ist zum Würgen. Sieh’ Dir dort den Junker an! Als ich hierherzog, in meine rechte Heimath, da machte mir der Gutsherr allerlei Scherereien, ich mußte Papiere herbeischaffen, um die ich mich nie bekümmert, damit ich nur ein Fleckchen Erde gewönne, wo ich ausruhen könnte. Weiter! Mein Weib, Deine Mutter, war eine Französin, die ich einmal auf der Flucht gerettet, die wollten sie gar wieder heimschicken. Was für Laufereien und Plackereien, bis ich sie behalten durfte! Und nun? Ich darf mich nicht rühren und handthieren zwei Minuten in der Runde. Ueberall steht ein Pfahl, hier einer, dort einer und darauf: „Bei Strafe verbotener Weg!“ Will ich mir eine Handvoll Reisig aus dem Wald holen, so muß es bei Nacht geschehen, am Tage wittert die Nase des Schloßherrn von Weitem den Uebertreter des Gebots. Und so in Allem auf dieser Gutsmark. Mich wundert nur, daß sie das Meer nicht abtheilen und Pfähle einrammen; daß man nicht von jedem Fisch nur den Schwanz und den Kopf behalten darf, und das Uebrige auf’s Schloß abliefern muß. Für dieses elende Hundeloch, das man mir zu bauen gestattete, es sind dies zwanzig Jahre her – muß ich zwei Tage in der Woche auf den Feldern des Herrn von Riedd arbeiten; dabei mich aber selbst beköstigen. Nun sage mir Einer noch, ich führe ein gutes Leben! Der Teufel kann damit auskommen, geschweige ich!“ –

Katharina hatte solche und ähnliche Zornausbrüche ihres Vaters schon oft gehört und war deren gewöhnt. Sie verhielt sich dabei meistens still und wartete ab, bis er sich besänftigte; was jedes Mal geschah, wenn er eine lange Rede gehalten. Auch jetzt glättete sich seine Stirn und sein Auge blickte minder finster auf den Verwundeten, der noch immer kein Zeichen seines wiederkehrenden Bewußtseins von sich gab. Er trat näher und untersuchte mit den Augen eines Kundigen den Körper des jungen Mannes. Als gedienter Soldat, der manche Schlacht mitgemacht, verstand er sich etwas auf die Wundarznei.

„Nicht gefährlich!“ murmelte er zwischen den Zähnen, als er den Junker längere Zeit betrachtet. „Ein Stärkerer würde sich um den einfältigen Schuß nicht so viel kümmern. Wahrscheinlich ist der junge Herr in der Residenz und zu Hause mit Zucker aufgefüttert worden. Zeit ist aber doch, daß der Wagen kommt.“

Während er sich niedergebückt hielt, bemerkte Katharina an dem Leinwandkittel ihren Vaters mehrere Blutflecken. Sie machte ihn darauf aufmerksam.

„Ei was!“ brummte der Alte rasch, indeß nicht ohne einen leisen Anflug von Verlegenheit, „von dem Junker da! Was halt’ ich die Nase so dicht an seinen Leichnam. Doch horch! Ist das nicht der Wagen? Die Räder ächzen in dem nassen Sande.“

Er eilte hinaus und kam bald mit mehreren Männern zurück, unter denen sich der alte Freiherr von Riedd befand. Mit besorgtem Antlitz eilte dieser sogleich auf seinen Sohn zu und winkte dem Hausarzt, den er mitgebracht, und der auf dem Schlosse wohnte. Die Wunde wurde untersucht und nicht für tödtlich erkannt. Beim Verbinden wachte Casimir, der Junker, auf, und blickte verwundert um sich. … Er wurde mit Sorgfalt in den Wagen getragen.

Der alte Freiherr dankte dem alten Fischer und seiner Tochter mit den Worten: „Ich höre von einer Verlobung, Katharina, die im Anzuge ist. Der junge Maler Rudolf Elmer freit um Euch? Nun gut, wenn Gott meinen Sohn erhält und der Thäter des schändlichen Mordanfalls entdeckt ist, so kommt zu mir hinauf auf das Schloß; ich werde zu Deiner Ausstattung beitragen. Was Dich betrifft, Claus Schilder, so erlaß’ ich Dir für diese Woche die zwei Arbeitstage auf dem Felde, die Du verbunden bist, mir zu leisten. Gehabt Euch wohl!“ – Er verließ die Hütte, von den Danksagungen Beider begleitet, stieg zu Pferde und ritt an der Seite des Wagens, in den sein Sohn gebracht worden war und der langsam davonfuhr.

[249] „Ist der Freiherr so schlimm, Vater?“ rief Katharina, als sie mit ihrem Vater wieder allein war. „Ein stattlicher Mann und gar nicht so böse, wie Ihr immer ausschreit. Es ist dies das erste Mal, daß ich ihn gesprochen.“

„Eben weil es das erste Mal ist,“ erwiederte dieser mürrisch, „kennst Du ihn nicht. Laß Dir nur einfallen, öfter auf’s Schloß zu gehen, dann wirst Du schon andere Glocken läuten hören. Du bist eine unwissende Dirne, damit gut!“ – Er legte sich auf eine Bank, streckte sich aus und that, als ob er schliefe. –

Es war Abend geworden. Wie der Sturm, so hatte auch der Regen aufgehört, die schwarzen Wolken waren verflogen. Klar und heiter blickte der Himmel herab, ein Purpurstreif umsäumte den Horizont, die letzten Strahlen der glührothen Sonne zitterten über das Meer. Dieses lag ruhig, in Spiegelglätte, still, als lausche es der werdenden Nacht. Hie und da nur zitterte es auf, von dem leisen Schlag eines Fisches getroffen. Die hohen Tannen am Ufer regten sich nicht. Sie hatten die Schauer des Sturmes abgeschüttelt und harrten ermüdet des Schlummers. … Es war wie eine Feier in der Natur, lebendig Alles und doch ohne Leben. Der laute Hall der Luft, des Waldes und des Wassers war verstummt, wie verzaubert durch Verklärung lag Alles in träumerischer Stille. –

Katharina trat hinaus vor die Hütte. Ihr Blick schweifte durch das Dunkel des Waldes, über das Meer, sie suchte den Horizont. Es sehnte sie nach etwas Unnennbarem, nach etwas, wofür sie keine Worte finden konnte. Lange stand sie so in sinnender Betrachtung, ohne doch, in Folge ihrer dürftigen Erziehung, auch nur eine Auflösung zu finden für die vielen Räthsel, die sich in ihrer Seele drängten …

Sie war in diesem Augenblick vollendet schön. Die frische Seeluft färbte ihre Wangen mit einem höheren Roth, das Auge glänzte, als faßte es all’ die Verklärung auf, die sich über die Natur ausgebreitet hatte …

Ein junger, schwarzgekleideter Mann, der von dem Walde herüberkam, bemerkte sie und blieb am Saume desselben stehen. So schön hatte er sie nie gefunden. Langsam, immer das Auge auf sie geheftet, kam er näher. Sie hörte ihn nicht, ganz im Anschauen des Meeres versunken, bis er sie anredete:

„Woran denkst Du, Katharina?“

Sie wandte sich rasch um. „An Dich denke ich, Rudolf,“ sprach sie lebhaft, „überall sah ich Deinen Namen. Tausendfach auf dem Meere, an dem Himmel, aus den Sternen strahlte er. Ich weiß mir das nicht zu erklären. Es ist traurig, daß ich so wenig gelernt habe, nur eine Dirne bin, die Tochter eines armen Soldaten, der auf seine alten Tage Fischer geworden ist –, ich würde Dir dann in andern Worten sagen können, was ich Alles gedacht habe. Es war so viel und doch weiß ich nichts Rechtes. Mein bischen Wissen ist doch auch gar zu armselig; ich dürfte Dir nicht einmal einen Brief schreiben, ich habe das Schreiben nur eben gelernt, wie es der Schulmeister im Dorfe wußte und wie der Vater nachgeholfen. Meine Mutter hat es besser verstanden. Das soll eine kluge Frau gewesen sein. Nun, ich meine immer – sie sah ihm dabei mit treuherziger Besorgniß in die Augen – wenn Du erst in der Stadt bist, dann hast Du auch die arme Katharina vergessen, und es ist unnütz, daß ich mich mit Gedanken abquäle, die einer Bauerndirne nicht ziemen.“ –

„Aber Käthchen,“ entgegnete der junge Mann, indem er ihre Hand erfaßte, „hab’ ich Dir denn nicht oft genug gesagt, daß Du ein thörichtes Kind bist mit Deinen Befürchtungen? In Dir steckt Verstand gerade so viel, als Du brauchst, um in einem Jahre alle Frauen der Residenz in der Bildung zu erreichen. Dir Fleiß einzupredigen, werde ich nie nöthig haben, das weiß ich.“

„Ist es denn wirklich Dein Wille, Rudolf, mich nach Berlin mitzunehmen? Ich kann es immer noch nicht recht glauben. Wenn ich so manchmal an die Möglichkeit dieses Glückes denke, dann ist mir immer, als empfände ich einen Druck auf das Herz, der mir alles Blut stocken macht; als käme irgend etwas dazwischen, daß es nicht werde. Ich bin deshalb auch so still, und sonst war ich wild und ausgelassen, so wild zuweilen, Rudolf, daß der Vater lachte und ausrief: „das Mädel ist ein Junge! Jetzt ärgert mich das fast, wie ich mich mit mir überhaupt nicht zurecht finden kann. Sieh’, Rudolf, ich will Dir nichts verhehlen. Komm, dort auf die Bank wollen wir uns setzen. So. Ja, sieh, Rudolf, manchmal hab’ ich Dich so lieb, ach, daß ich es gar nicht sagen kann! Ich möchte durch den Wald jagen, hinein in’s Dorf, bis ich Dich finde. Das andere Mal – Du mußt aber nicht böse sein, Rudolf – das andre Mal, da fürcht’ ich mich vor Dir, da möcht’ ich es nicht gern haben, daß Du mir begegnest. Ich habe darüber schon manche Nacht gewacht und mir den Kopf zerbrochen, wie das wohl kommen mag. Ich find’s nicht heraus. Mag’s nun wohl sein, daß Du ein Stadtherr bist und Ich eine ungelehrige Dirne, ich weiß halt nicht, und nimmer werd’ ich’s halt wissen!“ –

Sie hatte die rechte Hand auf seine Schulter gelegt und blickte ihm fragend in’s Auge. Er war während ihrer Rede ernster geworden, es zuckte um seinen Mund, und fast schmerzlich [250] sagte er: „Du liebst mich nicht recht, Kathi. Sieh’, wenn Du es thätest, so würdest Du darüber Alles vergessen, Dich nicht so viel mit Wenn und Aber beschäftigen; Du würdest die Zeit kaum erwarten können, wenn ich kommen soll, kurz, Du würdest nur an mich denken.“

„Das thu’ ich, Rudolf, gewiß und wahrhaftig!“ fiel sie rasch ein, indem sie ihre Hand betheuernd auf das Herz legte. –

„Ja. aber nicht auf die rechte Art,“ erwiederte er kopfschüttelnd. „Das läßt sich so eigentlich gar nicht erklären, das muß man fühlen. Du redest Dir ein, Du liebst mich, und wenn ich da bin, da magst Du’s auch gern bestätigen, um mich nicht zu kränken, denn hast Du ein gutes Herz, Kathi, aber innerlich wahr ist es nicht. Mit mir ist das ganz anders. Sieh’, ich kam hierher, weil ich gern das Pommerland und die Küsten der Ostsee kennen lernen wollte. Bei Deinem ersten Anblick zuckt’ es mir im Herzen, ich liebte Dich. Das ist so geblieben. Ich bin nicht reich, Kathi, auch nicht von vornehmen Aeltern, mein Talent ist auch kein so bedeutendes, daß ich mich zu den Künstlern erster Größe zählen könnte, aber ich habe zu leben, kann eine Frau ernähren, und habe nicht zu fürchten, daß ich darüber mit meiner Familie zerfalle, wenn ich Dich dazu mache. Muß ich Dir denn das immer wiederholen? Was Du zu lernen nothwendig hast, um mit den Städterinnen umzugehen, das wirst Du lernen. Dafür hab’ ich keine Besorgniß, meine Besorgniß ist nur, daß Du mich nicht liebst.“ –

Es drängte sie, ihm um den Hals zu fallen, so aufrichtig sprach er, aber wieder hielt sie etwas zurück, und sie drückte ihm nur herzlich die Hand, während sie sagte: „Nun, hab’ nur Geduld mit mir, Rudolf, ich werde mir Mühe geben, nur an Dich zu denken, und wenn es wieder geschieht, daß mich etwas abhalten will, dann ruf ich Deinen Namen in Einemfort laut aus, hintereinander, bis Du wieder da bist. Blick’ nicht so böse. Sei gut, schilt mich, aber sei nicht so häklich.“ –

„Wie kann ich das, Kathi?“ sagte er, indem er ihre Hand leise von der Stirn nahm, als sie ihn mit derselben streicheln wollte. „Wenn Du Dich erst zwingen mußt, mir anzugehören, so hast Du auch bald damit geendigt. Dein Vater ist eben so. Der ist aber alt und besorgt um sein einziges Kind, da kann ich ihm nur Recht geben; mit Dir ist das was anderes. Eine Geliebte weiß sehr rasch, was sie zu glauben hat oder nicht. Ich will, damit Du siehst, wie ich es meine, noch heute mit Deinem Vater reden und, giebt er sein Jawort, so kann der Pfarrer schon nächsten Sonntag das Aufgebot halten. Sag’, Kathi, ob Du das willst.“

„Nein, Rudolf,“ entgegnete sie zögernd und mit gesenktem Blick, „laß das heute. Der Vater ist übelgelaunt und hat sich zum Schlafen hingelegt. Morgen sprechen wir zusammen mit ihm, dann wissen wir gleich alle Drei, wie’s steht; Keiner soll ein Hehl vor dem Andern haben. Willst Du, Rudolf?“

„Nun ja,“ erwiederte er etwas gepreßt, „ich mag Dir nicht widersprechen. Es mag auch gut sein, daß eine Nacht dazwischen liegt; überleg’ es Dir recht, Kathi, hörst Du?“ –

„O ich weiß schon, wie’s ausfallen wird,“ lachte sie, über seine Zustimmung erfreut und nicht fähig, ihr Gefühl zu verbergen. „Da wird der Vater von Hochzeit sprechen, von Kuchen und Wein und einer großen Gesellschaft, die er gebeten haben will. Ich weiß das schon im voraus. Da wird nichts fehlen dürfen, was zu einem großen Staat gehört. Und weißt Du wohl, Rudolf, daß der alte Freiherr von Riedd mir auch schon eine Aussteuer versprochen hat? Er war vorhin hier, um seinen Sohn abzuholen, den man im Walde von einer Kugel durchbohrt gefunden.“

„Was?“ fiel Rudolf erschrocken ein. „Erschossen? Den Junker von Riedd?“

„Nein, nicht erschossen, nur verwundet. Man hatte ihn in unser Haus, oder in unsere Barake, wie der Vater zu sagen pflegt, gebracht. Wie’s zugegangen, weiß noch Niemand. Der alte Freiherr wird aber gewiß schwere Strafen für den Thäter verlangen, und nicht ruhen, bis er ihn entdeckt. Du kennst ihn ja, Rudolf, den Schloßherrn?“

„Gewiß, bin oben auf seinem Schlosse gewesen,“ erwiederte Rudolf sinnend und wie mit einem Gedanken kämpfend. „Er hat mir auch zwei Bilder abgekauft. Aber, Kathi, das ist ein großes Verbrechen, das Du da erzählst. Ich hab’ davon noch nichts im Klosterdorfe Riedd gehört. Wie ich jedoch durch den Wald gehe, ich wäre schon früher gekommen, aber das abscheuliche Wetter hielt mich ab; – ja, im Walde unter einem Eichbaum da fand ich den großen Hund des jungen Freiherrn erschlagen. Ich wußte gar nicht, was ich davon denken sollte. Sind denn hier Wilddiebe vielleicht?“

„Ei, wo denkst Du hin, Rudolf! Ueberall sind Wächter aufgestellt und nur bei dem Unwetter mögen sie zu Hause geblieben sein. Seid Jahr und Tag, seid ich denken mag, sind hier keine Wilddiebe gewesen. Nein, nein, da ist etwas geschehen, was nicht sein sollte. Hätte der gnädige Junker doch auch nur ein Wörtchen reden können, dann hätten wir vielleicht was erfahren; aber behüte, daß er sprach! Nur einmal schlug er die Augen auf, ein einziges Mal, das war Alles. Er wird doch gewiß wissen, wie es zugegangen.“

„Sicher, Katharina, wird er das wissen; aber ob er auch nur mit dem Leben davonkommt? Was hat denn der Doctor gesagt?“

„Die Wunde ist nicht gefährlich, des Junkers kräftige Natur wird das bald überwinden. Nun laß aber die Geschichte, Rudolf, und sag’ mir, was Du heute gethan bei dem gräulichen Unwetter. Das war ja, als ob der Gottseibeiuns durch die Lüfte gefahren wäre!“

„Hast Du Dich gefürchtet, Kathi?“ lächelte der Maler.

„I behüte! Ich und fürchten? Da muß es anders kommen. Nun sag’ schnell, was Du gemacht! Ich muß bald wieder hinein in’s Haus; wenn der Vater aufwacht und mich nicht find’t, so poltert er wieder eine Stunde. Ich möcht’ auch nicht, daß er uns beisammen sieht, bis wir nicht morgen ordentlich mit ihm gered’t haben. Er traut einmal den Stadtleuten nicht.“

„Mißtrauisches Volk,“ lächelte Rudolf. „Was ich heute gemacht habe? In meiner Stube habe ich gesessen und habe den Sturm abgemalt, den Blitz und die Wolken. Schade, daß ich den Donner nicht mit habe abmalen können; und gedacht habe ich an Dich.“

„Das ist recht schön von Dir. – Wohnst Du noch bei dem schwarzen Kreuzwirth?“

„Ja wohl, Kathi, in demselben Zimmer, wo Rosi gestorben ist, des Kreuzwirths Tochter. Der Vater hat mir einmal die Geschichte erzählt.“

„Und Du fürcht’st Dich nicht, Rudolf?“

„Vor was denn?“ lachte der Maler.

„Nun, es ist doch ein eigen Ding, in einem Zimmer zu wohnen und zu schlafen, wo Jemand gestorben ist. Da finden sich gar seltsame, wunderliche Gedanken ein. Ich war einmal da oben in der Stub’. Da war mir’s immer, als gukte aus jeder Eck’, aus jedem Winkel das blasse Gesicht der Rosi. Ich konnte gar nirgends hinschauen, da stand sie vor mir. Es war recht graulich; ich hätt’ nicht geglaubt, daß die Gespenster so nah zu den Menschen kommen. Nimm Dich in Acht, Rudolf, thu’ mir die Lieb’ und sei behutsam. Wenn man grade denkt, es passirt Einem nichts, da geschieht es just.“

Der Maler umschlang sie und flüsterte: „Wenn Du mir nur gut bleibst, Kathi, dann hab’ ich von Niemand was zu fürchten, auch von den Gespenstern nicht. Es giebt keine. Die Gespenster sind die Bilder unserer Unruhe, wenn wir gepeinigt sind von irgend einem trüben Gedanken. Mach’ mir nie solche, hörst Du, Kathi? Das wäre mein Tod! Und nun, gute Nacht, mein Schatz! Es ist spät geworden, der Mond blitzt durch die Tannen, ich habe noch einen weiten Weg.“

„Gute Nacht, Rudolf!“ gab sie zurück und duldete es still, aber ohne Erwiederung, daß er ihr einen Kuß zum Abschied auf den Mund drückte! –

Sie verweilte noch einige Minuten auf dem Platze und blickte Rudolf nach, bis er im Waldesdunkel verschwunden war. Ein leiser Seufzer begleitete sein Verschwinden, dann stand sie auf, warf noch einmal einen Blick dahin, und ging langsam in die Hütte. –

Rudolf hatte sich am Waldessaum noch einmal umgesehen. In der Dämmerung verschwamm die Gestalt seiner Geliebten, aber er winkte doch hinüber mit der Hand; es war ihm, als begegnete er ihrem Auge, dem schönen träumerischen Auge. In Gedanken versunken, von der Pracht der milden Nacht angezogen, schritt er durch den Wald anfangs am Meere hin, das in Spiegelklarheit sein weites Becken öffnete, um die tausend, tausend [251] Sterne in seinem Schoße aufzufangen, die von dem Himmel herabschimmerten. In seiner Tiefe schlummerte manche Blume mit sehnsüchtigem Verlangen, magisch zog es die Sterne herab … es suchten einander Blumen und Sterne; in dem Traum des einen lebte der andere … Der Mond übergoß mit seinem vollen Licht den Wald; ruhig standen die Tannen. Von den Zweigen nur fiel hie und da ein glänzender Tropfen, eine traumhafte Thräne des schlummernden Baumes. Still war es, einsam still in dem Walde. Von fern her nur erschallte der Gesang eines Vogels, in klagenden Tönen, wie ein Lied der Wehmuth, die, eine Tochter des Abends, den hellen Morgen flieht und mit der Nacht verhaucht. –

Es war schon spät, als Rudolf in das schwarze Kreuz kam; die Dorfuhr schlug elf. In den Häusern schimmerte nur vereinzelt ein Licht; die meisten Bewohner hatten sich schlafen gelegt. Er ging an dem Kloster vorüber, das an einem freien Platze inmitten des Ortes liegt und jetzt unbewohnt, theilweise in Ruinen zusammengebrochen, in dem vollen Schein des Mondes riesenhaft emporragte. – Rudolf war es, als schimmerte ein Licht in diesen Räumen, es flackerte hin und her, kaum merklich, in weiter Ferne. Er meinte, es sei eine Täuschung und vielleicht ein Stern, der durch das Gemäuer blinkte. Er ging vorbei und mit beflügelten Schritt nach Hause. Niemand mehr war wach; er stieg die Treppe hinauf und legte sich zur Ruhe. –

Er konnte lange nicht schlafen. Er dachte so mancherlei, an Katharina, an den Junker, an die Fügungen des Zufalls, die ihn hierhergeworfen, wo er seine lange Herzensruhe verlieren sollte. Mitunter durchliefen seine Gedanken gewaltige Mißtöne, er schwankte in seinen Vertrauen zu seiner Geliebten und sah sich mit einem großen Weh belastet, nach der Residenz zurückkehren; aber wie denn der Liebende tausendfach erfinderisch an Gegenvorstellungen ist, so verscheuchte er auch seine Sorgen und seine Augen schlossen sich.

Im Halbschlummer war es ihm, als höre er Jemand auf der bis dahin stillen Straße näher kommen, als würde die Hausthüre geöffnet, die er vorhin verschlossen, als träte Jemand in die Stube unter ihm; als ginge es noch einige Mal auf und nieder, wie der Fußtritt eines Mannes. … Endlich wurde es still.

Die seltsamsten Gerüchte verbreiteten sich in der Umgegend über den Vorfall mit dem jungen Freiherrn, oder, wie er von den Bauern allgemein genannt wurde, dem Junker von Riedd. Da und dort wollte man einen Mann gesehen haben, den Niemand kannte, aber der seines verwilderten Aussehens wegen der That wohl fähig sein konnte; Niemand wußte jedoch zu sagen, wo er hingekommen. Ein Dritter meinte, aus dem Dorfe Waldegg müßte es Jemand gewesen sein, denn die dortigen Bauern seien dem Schloßherrn von Riedd nichts weniger als hold. Ein Vierter endlich, und dieser erhielt den meisten Beifall, da sich durch mehrere Tage nichts ereignete, um einen bestimmten Verdacht zu äußern, dieser meinte, der Junker wäre wohl selbst ungeschickt mit dem Gewehre umgegangen und habe anstatt ein Wild, sich selbst getroffen. – Bei diesen Leuten kam aber gar nicht in Betracht, daß das Gewehr des Junkers nirgends aufgefunden werden konnte, und daß der große Hund desselben ersichtlich erschlagen worden war.

Was den jungen Freiherrn selbst betraf, der sich über Erwarten schnell erholte, so schwieg er über den Vorfall gänzlich, und selbst die ernstesten Ermahnungen seines Vaters konnten ihn nicht zum Sprechen bewegen. Er suchte Ausflüchte, erging sich in Muthmaßungen, und endlich blieb er bei dem Ausspruche stehen: der Schuß habe ihn aus der Entfernung getroffen, plötzlich, ohne daß er selbst gewußt, wie es geschehen. Bei der vorherrschenden Dunkelheit, dem Wüthen des Sturmes, und da er gleich niedergesunken sei, habe er Niemanden gewahr werden können.

Ueber den Verblieb seines Gewehres und über seinen Hund wußte er keine Auskunft zu geben. Gegen das Einschreiten der Gerichte hatte er nichts einzuwenden; doch mochte er diese Zustimmung wohl mehr aus Nachgiebigkeit gegen seinen Vater, als aus eigener Billigung dieses Schrittes geben.

Daß dem Junker indeß, trotz seiner Schweigsamkeit über den Vorfall, etwas auf der Seele brannte, verrieth nur gar zu leicht seine Ungeduld; er wollte durchaus jetzt schon aufstehen. Vergebens ermahnte ihn der Hausarzt, sich ruhig zu verhalten, vergebens waren seine Vorstellungen, daß er durch die Unruhe die Heilung selbst verzögern, daß die Wunde dadurch schlimmer werden würde; er ließ sich nichts einreden, wie er sorgte und strebte, sobald wie möglich aus dem Bette zu kommen. Ein jedesmaliger Zornausbruch seines Vaters allein konnte ihn zur Vernunft zurückbringen. Seine Jugendkraft überwand aber, wie gesagt, seinen mißlichen Zustand über Erwarten schnell. Noch nicht drei Wochen waren vergangen und er durfte in seinem Zimmer umhergehen. Seine erste Frage, mit der er bis dahin zurückgehalten, war jetzt, wo er sich denn eigentlich befunden habe, bevor man ihn in den Wagen gebracht. Als man ihm den alten Soldaten Claus Schilder und seine Tochter Katharina nannte, entgegnete er nichts; ein Lied summend, trat er an’s Fenster.

Ueber den Vorfall selbst fing er zu scherzen an, lachte, wenn davon die Rede war und meinte: „Ein Schiff sei von Schweden herübergekommen, darauf habe der Mörder gesessen; man solle ihn auf der Ostsee suchen.“ Dann fragte er aber doch auch wieder und nicht ohne Besorgniß: „Ob man nichts gefunden, was auf das Ereigniß Bezug habe? Ob man schon eine Spur entdeckt?“ So sehr aber die betreffende Behörde sich auch bemühte, über das Dunkel der auffallenden Begebenheit einiges Licht zu erhalten, es wollte ihr nicht gelingen, und fast drohte der ganzen Sache Vergessenheit, da überdies dem Junker selbst nicht viel an der Entdeckung des Thäters zu liegen schien. Sein Vater nahm ihn wohl wiederholt in ein scharfes Verhör, aber er sagte nicht mehr, als er bis dahin gethan.

Den ersten schönen Tag, der es erlaubte, benutzte der Junker zu einem Ausflug. Von allen Seiten nickten ihm die Bauern respektvoll zu, als er durch das Dorf schritt, aber keiner nahte sich ihm herzlich; hatte er es doch nie verstanden, sich ihre Liebe zu erwerben, eben so wenig wie sein Vater, der im Grunde von keinem schlimmen Charakter, doch zu sehr den aristokratischen Gesinnungen unterlag, von der allgemeinen Berechtigung der Menschen auf Gleichheit nichts wissen wollte und diese Gesinnungen auf seinen Sohn vererbt hatte.

Es nahte bereits der Herbst; August war vorüber. Die Blätter der Bäume färbten sich roth und gelb, der Wind schüttelte sie stark, und machte sie ärmer an ihrem schönen Schmuck. Die Vogel rüsteten sich im Walde zum Abzuge; in großen Schaaren versammelt, stimmten sie ein großes Geschrei an, erhoben sich in die Luft, senkten sich nochmals herab, als glaubten sie nicht recht, daß sie wandern müßten und als käme noch einmal der Frühling, schnell, um sie zurückzuhalten; sie hatten das Stückchen Erde lieb gewonnen, es war ihnen eine Heimath geworden; und wer hat Lust diese zu verlassen? So überall, in Wald und Feld lagerten und sammelten sich die Zugvögel.

Das Meer brauste auch wieder stärker auf. Die Wellen hoben und senkten sich; sie hatten keine rechte Freude mehr an der Sonne, sie war kalt und schied rascher wie sonst. Kaum hatten sie die Strahlen aufgefangen, die heißsüchtigen Wellen, da verschwand sie auch schon wieder, es zeigte sich keine rechte Liebe mehr bei der Sonne; im Frühling und Sommer war das so ganz anders, da waren sie verwöhnt worden, und jetzt sollten sie auf einmal entsagen. Das Meer hatte da wohl rechten Grund zum Grollen; es ist gar so trüb entsagen zu müssen, was man einmal lieb gewonnen.

Der Junker von Riedd, das Gewehr auf der Schulter, ganz wie sonst, ein Liedchen trällernd, dankte den vorübergehenden Bauern kaum, er empfand auch nichts von der wehmüthigen Klage in der Natur, die ahnungsvoll die Schauer des kommenden Winters verkündete; er dachte eben, die Blätter fallen von den Bäumen, gut; die Jagd ist vor der Thüre, wir kriegen Gesellschaft in’s Haus; der Herbst ist so übel nicht, und der Winter wird sich auch ertragen lassen. Wenn man reich ist und Geld hat, so kann man allezeit das Vergnügen erkaufen.

Er ging auf die Hütte des alten Claus. Er sah Niemand vor der Thüre und lugte durch’s Fenster. Die papierenen Scheiben gewährten zwar einen schlechten Einblick, doch fuhr er mit verfinsterter Miene zurück. Hollah! dachte er, steht es so? Daß ist ja eine saubere Entdeckung. Wir wollen der Sache gleich auf den Grund kommen!

Er hatte keine Lust in die schmutzige Stube einzutreten und pochte an das Haus. Katharina trat auf die Schwelle. Beim Anblicke des Junkers wechselte sie die Farbe. Der Junker beobachtete sie scharf und kniff die Lippen zusammen; ein Ausruf der Bewunderung hätte ihm entschlüpfen wollen.

[252] „Wo ist der Vater, Katharina?’ fragte er mit unverwandtem Blicke.

„Auf die See hinaus zum Fischen, gnädiger Herr.“

„Und was machst Du während dieser Zeit? Du setzest Dich einem Manne auf den Schoß? Ich habe es durch das Fenster gesehen. Ist das wohl recht? Was wird der Vater sagen, wenn ich es ihm verrathe? Ich hätte das nicht von Dir gedacht, Katharina. Du giltst für eine sittsame Dirne, die Leute im Dorfe sagten’s mir, und nun erfahr’ ich das Gegentheil.“

„Ich thu’ nichts Unrechtes, Herr Junker, es müßte denn überhaupt die Liebe verboten sein. Den Mann, den Ihr gesehen habt, ist mein Verlobter.“ Sie hatte sich von ihrer Verwirrung erholt und blickte ihm jetzt fest in die Augen.

„Dein Verlobter?“ Der Junker schlug mit dem Gewehre auf, daß es dröhnte. „Da hat sich ja Vieles ereignet während meiner Krankheit. Ich wollte, ich wäre krank geblieben, denn das sag’ ich Dir unverholen, Katharina, daß ich in diesem Augenblicke ein größeres Weh empfinde, als während all’ der drei Wochen, die ich im Bette verzetteln mußte. Ich habe inzwischen gar oft an Dich gedacht und freute mich recht sehr, Dich wieder zu sehen. Mein erster Gang geschah zu Dir, und ich muß diese Dinge erfahren! Das schneidet in’s Herz, Katharina.“

„Es ist nicht zu ändern, gnädiger Herr!“ antwortete sie zitternd und mit einem ganz eigenthümlichen Blicke. Er verstand ihn; es lag in demselben eine Unsicherheit des Gefühls, von der sie selbst vielleicht nicht wissen mochte.

„Und wer ist Dein Verlobter?“ fragte er nach einer kurzen Pause.

„Ihr kennt ihn, gnädiger Herr. Doch da kommt er selbst!“ – In der That kam der Maler Rudolf Elmer aus dem Hause.

Das lange Ausbleiben Katharina’s veranlaßte ihn dazu und überdies hatte er den Junker durch das Fenster gesehen. Er grüßte denselben höflich, aber mit Zurückhaltung. Herr von Riedd schien ihn gar nicht zu bemerken und wandte sich wieder an Katharina: „Du willst Dich also verheirathen? Schade! Du hättest wohl eine bessere Partie gemacht. Daß doch die jungen Mädchen nicht hitzig genug in’s Ehebett gelangen können. Adieu!“

Er kehrte sich gegen den Wald und wollte gehen. Eine Zornader trat auf die Stirn des Malers, eine dunkle Röthe stieg ihm in’s Gesicht. Rasch hielt er den Junker auf: „Eine gemeine Denkungsart, Herr von Riedd, kann ich Jedem verzeihen, wenn er sie unter Seinesgleichen anwendet, ich aber dulde sie nicht!“

Der Junker biß sich auf die Lippen und wurde bleich. Er sagte: „Was meinen Sie damit? Sie vergessen sich!“

„O nein! Ich würde mich vergessen, zögerte ich auch nur einen Augenblick mit jenen Worten zurückzuhalten; nehmen Sie dieselben in der schlimmsten Bedeutung. Nicht Ihr Benehmen gegen mich hat mich beleidigt, Ihre Art kann ich ertragen; aber Ihre Rohheit gegen ein Mädchen, wenn sie auch nur dem niedrigsten Stande entsprossen, hat mich empört. Was würden Sie sagen, wenn ich ein Gleiches gegen Ihre Verlobte wagte?“

„Das ist, dem Himmel sei Dank, unmöglich!“ warf sich Herr von Riedd in die Brust. „Ich habe ein Vorzimmer und in diesem Bediente, die den Auftrag haben, Jeden, der nicht in’s Haus gehört, zurückzuweisen. Sie kamen in’s Schloß meines Vaters, um Bilder zu verhandeln, Sie sind der Verkäufer; das ist ein Unterschied. Wen ich bezahle, kann ich nicht in meinen Umgang, geschweige zu meinem Freunde erheben. Sie würden vergeblich den Zeitpunkt erwarten, der Ihnen gestattete, mit meiner Braut zu sprechen.“

„Herr von Riedd,“ suchte sich der Maler zu fassen, „ich sehe, daß es eine Thorheit war, Ihretwegen in Zorn zu gerathen. Es ist eine Schwäche im Menschen, die unwillkürlich ausbricht. Was kann ich Ihnen erwiedern, da Sie nur zu beleidigen verstehen? Meine Kunst ist mir heilig. Ich habe geglaubt, daß unser Zeitalter genug fortgeschritten sei, um solche Worte, wie die Ihrigen nicht mehr hören zu müssen, denn wer die Kunst nicht achtet, der steht auf einer Stufe der Bildung, die nur das tiefste Mitleid erwecken kann. Wer die Armuth schmäht, ist entweder verwahrlost an Herz und Geist, oder ein verwöhntes Kind ohne Begriffe. Ich würde von Ihnen Genugthuung fordern, wenn ich annehmen dürfte, Sie würden mir dieselbe bewilligen. Die Art und Weise einer gewissen mittelalterlichen Sitte, die eine Standesklasse als überliefertes Vorrecht betrachtet, ohne viele Neider zu finden, ist mir nicht unbekannt; da Sie aber selbst diese Art von Genugthuung von mir hätten fordern müssen, indem ich Sie dazu aufforderte, Sie es jedoch unterließen, so will ich mich nicht einer neuen Beleidigung aussetzen und Ihnen nun zeigen, daß Sie keinen Feigling vor sich haben. Ihr Freund zu sein, erfordert zu viel Eigenschaften, die ich, der einfache Sohn einer gesunden Sphäre, nicht genug zu würdigen verstehe, als daß ich je mit meinen Gedanken so weit hätte ausschweifen sollen.“

„Impertinenter, brotloser Landstreicher!“ fuhr der Junker wüthend heraus. „Ich werde Dich von dem Gute mit Hunden hetzen lassen, wenn Du nicht freiwillig gehst. Hier ist mein Grund und Boden! Der Güte meines Vaters danken Sie’s, daß Sie hier frei schalten und walten können, daß für Sie das allgemeine Verbot umgangen ist, aber es hat ein Ende. Treff’ ich Sie noch einmal auf einem verbotenen Wege, so werde ich Sie bedienen, wie es Vagabunden geziemt. Genugthuung fordern? Ich von Ihnen? Wär’ es nicht gar so lächerlich, es könnte frech sein! Die Zeit hat Vieles vernichtet, an dem Standesunterschiede gerüttelt, aber noch keine Revolution hat es vermocht, eine echte durch Jahrhunderte geadelte Gesinnung zu untergraben. Brüstet Euch so viel Ihr wollt mit Gleichheit und Freiheit, was festgewurzelt, besteht. Nie kann ich mich so herabsetzen, um mit einem Ihres ehrsamen Standes mich zu schlagen. Schon der Gedanke mit Ihnen herablassend gewesen zu sein, erfüllt mich mit Abscheu gegen mich selbst, jetzt, nachdem ich weiß, daß Sie einer Handwerksgesellen-Herberge angehören.“

[261] „Und doch,“ entgegnete Rudolf vollkommen ruhig, „haben Sie Ihre edlen Gesinnungen noch tiefer herablassen wollen. Ich war ein unfreiwilliger Zeuge Ihrer Anträge gegen meine Verlobte, die nur die Tochter eines ehemaligen Unteroffiziers, die Enkelin eines Bauern ist.“

Der Junker wurde sichtlich verwirrt und wagte nur von der Seite nach Katharina zu blicken. Er suchte sich zu verbessern: „Die Schönheit ist überall von Adel; ich sprach von den Männern.“

„Wie gut Sie aber immer zu unterscheiden wissen,“ bemerkte Rudolf, „haben Sie auch an der Tochter des Kreuzwirths gezeigt. Sie war sein einziges Kind und starb in der Blüthe ihrer Jahre.“

Feuerroth überfloß es das Gesicht des Junkers, er erhob die rechte Hand zum Schlage. Ruhig stand ihm der Maler gegenüber; das Auge Katharina’s blitzte, und rasch trat sie zwischen Beide. Sie sprach nicht, aber sie schien größer zu werden, wie gebietend streckte sie den Arm gegen den Edelmann aus.

„Was mengst Du Dich in unsern Streit?“ rief ihr derselbe zu. „Sei nicht vorwitzig, Katharina, es könnte auch Dich gereuen.“

Katharina ließ den erhobenen Arm langsam sinken und sagte: „Kann ich ruhig zusehen, gnädiger Herr, wenn Ihr meinen Bräutigam entehren wollt? Ich habe von meinem Vater immer sagen hören, daß ein Schlag die größte Entwürdigung ist. Ich versteh’s nicht recht, denn ich bin ein Weib und mich wird Niemand schlagen, aber ich glaube, mein Vater hat recht. Schon wie ich es sah, daß Ihr den Arm ausstrecktet, zitterte ich, nicht aus Furcht, daß Rudolf verletzt würde, nein, es war mir, als durchzuckt’ mich etwas Entsetzliches. Ich haßte Euch in dem Augenblicke, nun ist es wieder vorüber. Ihr sagt, Ihr wolltet mich nicht beleidigen, ich will’s Euch gern glauben, aber daß Ihr meinen Verlobten beleidigt habt, das ist doch wahr. Rudolf ist gut, er hat es nicht verdient, was Ihr ihm gesagt. Habt Ihr ihm doch nicht einmal seinen Gruß erwiedert, als er aus dem Hause kam. Euer Vater selbst, der auch ein stolzer Mann ist, hätte das nicht mal gethan; es zeigt von wenig gutem Herzen gegen uns Niedrige.“ – Der Junker neigte sich zu ihrem Ohr und flüsterte ihr zu: „Schilt nicht, Katharina, ich war eifersüchtig auf den Maler.“ – Sie erröthete, antwortete aber nicht. Rudolf sah zweifelhaft bald sie, bald Herrn von Riedd an, und wußte nicht recht, ob er sich über seine Braut freuen sollte oder nicht. In ihren Worten lag allerdings das unverholene Eingeständniß ihres beiderseitigen Verhältnisses, aber im Ganzen dünkten sie ihm ohne Wärme; die Leidenschaft der Liebe hätte seiner Ansicht nach erregter gesprochen. Es war ihm, als fürchte sie, den Junker zu kränken, als drücke es ihr das Herz ab, daß sie schon so viel thun mußte. Auch jetzt, wo sie es ruhig duldete, daß Herr von Riedd in seiner Gegenwart ihr etwas heimlich zuflüsterte, beschlich ihn ein neuer Argwohn, und sein Auge suchte halb verlangend, halb schmerzlich das ihrige. Sie blickte ihn ruhig und klar an; er konnte weder die Bestätigung seiner Befürchtungen, noch diese selbst in ihrem Auge lesen. Er wartete, daß sich Herr von Riedd entfernen würde, und um ihn dazu eher zu veranlassen, nahm er Katharina, die es ohne Weigern geschehen ließ, bei der Hand und sagte: „Wir wollen Deinem Vater entgegengehen; Du weißt, er hat es um diese Stunde verlangt.“ –

Der Junker pfiff seinem Hunde, den er mitgebracht, nickte Katharina vertraulich zu und entfernte sich, ohne den Maler auch nur eines Blickes zu würdigen. – Rudolf ließ Katharina’s Hand sogleich wieder fahren und meinte: „ich habe nur eine Ausrede gebraucht. Du bist doch nicht böse?“

„Nein, Rudolf, mir war es lieb, daß der Junker ging; es hätte noch größeres Aergerniß geben können.“

„Und Du sagst nicht, daß ich im Recht gewesen bin? Katharina, Du sagst das nicht?“

„Weiß ich es denn?“ versetzte sie, indem sie ihn auf die Bank vor dem Hause zog. „Ihr habt so rasch und so vornehm gesprochen, daß ich nicht Alles verstanden habe.“

„Und sagte Dir Dein Gefühl nichts? Sahst Du’s in meinem Gesicht nicht, daß ich um Dich litt, daß Du es warst, um die ich mich in den Streit einließ? Es wäre recht weh für mich, Katharina, wenn Du das nicht wüßtest. Du bist klug genug, um uns verstanden zu haben.“

„Was Du aber gleich ernst bist, Rudolf. Ich weiß, daß Du es gut mit mir meinst und Deine Frau will ich werden und keines Andern. Ich sehr es Dir an, Du denkst, ich halte etwas zu dem Junker. Denke, was Du willst, Rudolf, aber nicht schlimm von mir. Meine Mutter hatt’ ich viel zu lieb, als daß ich je ihre Worte vergessen sollte, die mich immer zu dem Besten ermahnten. Auch mein Vater, so rauh und heftig er mitunter ist, hält viel zu viel auf Ehre, als daß ich aus der Art schlagen und ihm Kummer machen sollte. Laß mich gewähren, Schatz, mit dem Junker; Dir schadet’s nichts und mir auch nicht, keiner Seele im Dorf.“

Er wurde zwar keineswegs durch ihre unverständliche Rede beruhigt, sie verstand es aber, durch Liebkosungen recht bald die letzte ernste Wolke von seiner Stirne zu verscheuchen.

[262] Nur einmal noch fragte er: „Und soll ich nicht auch wissen, was Dir der Junker zugeflüstert hat?“

„Warum nicht?“ sprach sie ohne Zögern, indem sie ihm die Worte desselben wiederholte.

Diese Offenheit stimmte Rudolf vollkommen heiter, er vergaß im Anschauen seiner Braut bald den Junker, den vorigen Auftritt, und scherzte mit ihr, die ihm willig die tausend kleinen Zärtlichkeiten Liebender zurückgab. –

Wie es aber stets zu geschehen pflegt, daß ein einmal angeregter Argwohn sich nicht wieder so leicht verscheuchen läßt, so geschah es auch bei Rudolf Elmer, der, nach Hause gekommen, immer wieder auf den Zwiespalt zurückkam, der in dem Wesen Katharina’s lag, als sie zwischen ihn und den Junker getreten war. – „Ist sie denn nicht treu? Ist sie falsch?“ fragte er sich wiederholt, um es heftiger zu verneinen, gleich daraus um es eben so heftig zu bejahen. –

Die Drohungen des Herrn von Riedd beunruhigten ihn nicht einen Augenblick. Für sich fürchtete er nichts, und wenn es nur mit seiner Braut anders gewesen wäre, so würde er den ganzen Vorfall bald vergessen haben. Er vermied es sorgfältig, ein Verbot der Feldmark zu überschreiten, er ging nicht wieder auf’s Schloß, trotzdem ihn der alte Freiherr eingeladen, so oft zu kommen, als er wollte; auf Umwegen suchte er den Meeresstrand und die Hütte Katharina’s auf. – Wohl dachte er auch manchmal daran, diese Gegend zu verlassen, denn die Zeit war längst verstrichen, die er sich für den Aufenthalt festgesetzt hatte, aber er gab immer wieder einen Tag zu und wiederholte das bereits vier Wochen hindurch. Seinen Aeltern hatte er von seinem Verhältniß zu der Tochter eines armen Fischers mit offener Wahrheit geschrieben; sie hatten ihm geantwortet, daß sie ihm stets freie Wahl gelassen und auch jetzt nicht dagegen sein würden. Mit dem Vater Katharina’s war er ebenfalls einverstanden, es war bereits Alles berathen worden, was zu einer Uebersiedlung nach Berlin nothwendig erschien; es lag nur an Katharina selbst, daß nicht schon das erste Aufgebot ihrer bevorstehenden Verbindung verkündigt worden war. So oft er deshalb in sie drang, ertheilte sie ausweichende Antworten und suchte ihn zu vertrösten. –

Er war daher nicht wenig überrascht, als wenige Tage nach dem Zusammentreffen mit dem jungen Freiherrn von Riedd, Katharina ihn unaufgefordert bat, die nöthigen Schritte beim Ortsgeistlichen einzuleiten. Daß er es mit dem freudigsten Herzen that, bedarf kaum der Erwähnung. Mit diesem wichtigen Schritte verschwand jeder Argwohn gegen die ungetheilte Liebe seiner Braut zu ihm; ein so wichtiger Akt konnte selbst auf die Gesinnungen des Junkers nicht ohne Einfluß bleiben.

Am nächsten Sonntag geschah das Aufgebot. Rudolf war mit seiner Braut, der er neue Kleider mit halbstädtischem Zuschnitt aus Berlin hatte kommen lassen, und seinem Schwiegervater, der seinen Rock in den besten Zustand zu versetzen sich Mühe gegeben hatte, in der gedrängt vollen Kirche. Wie es kam, wußte er selbst nicht, aber er war voller Unruhe, nicht so selig, wie man erwarten sollte; sein Auge irrte durch die Versammlung und suchte etwas, ohne daß er es selbst bezeichnen konnte. Er schaute nach dem Chor, der um das Schiff der Kirche herumlief; über der Brüstung lehnte der junge Freiherr, das Auge unverwandt auf Katharina gerichtet. Die schlummernde Eifersucht in Rudolf erwachte von Neuem; er konnte seinen Blick von der Gestalt des Junkers nicht trennen, der seinerseits die Braut mit seinen Augen zu verzehren schien. Katharina selbst war voller Andacht, sie sah Niemand als den Prediger, der eindringlich zu reden wußte und mehrere Mal hervorhob, daß vor Gottes Richterstuhle die Menschen gleich wären und die Hoffart verdammt würde. –

Nach der Kirche begleitete Rudolf seine Angehörigen nach Hause, verließ sie aber bald wieder, da es ihm unmöglich war, zu bleiben; es drängte ihn, allein zu sein. Katharina machte keinen Einwand, was sein ohnehin bewegtes Gemüth nur noch peinlicher stimmte. So kam er in seine Wohnung. –

Er mochte wohl unter den widerwärtigsten Empfindungen hier eine Stunde zugebracht haben, als an seine Thüre gepocht wurde und sein Wirth, gemeinhin der Kreuzwirth genannt, in’s Zimmer trat. Er war ein Mann in vorgeschrittenen Jahren. Sein Haar war fast weiß, die Gestalt, obwohl kräftig und gedrungen, gebückt, wahrscheinlich mehr in Folge eines tiefen Kummers, als aus Altersschwäche. Dieser Kummer sprach auch aus seinen stark durchfurchten Zügen, und nur das Auge deutete zuweilen auf ein erhöhtes Leben. Der Blick aber war seltsam, fast unheimlich, er irrte unruhig umher. Er trug einen gewöhnlichen Bauernrock von dunklem Tuch mit blanken Knöpfen, Kniehosen von gleichem Stoff und hohe rindslederne Stiefel.

Rudolf war von dem Besuche überrascht; es war das erste Mal, daß ihn sein Wirth besuchte. Er bot ihm einen Platz neben sich auf dem Sopha an, den dieser auch ungezwungen einnahm und fragte ihn: „Ei, Walther, was bringt Sie zu mir?“

Der Kreuzwirth, der einige Bildung genossen zu haben schien, entgegnete: „Sie wohnen nun über zehn Wochen in meinem Hause, Herr Elmer, ich habe Sie lieb gewonnen. Sie sind ein pünktlicher Zahler, still und immer zufrieden mit dem, was ich Ihnen geben kann.“

Er schwieg einen Augenblick und sah vor sich nieder, als besinne er sich auf etwas.

Rudolf lächelte: „Sie kommen doch aber gewiß nicht, um mir eine Lobrede zu halten? Deshalb steigen Sie doch wohl die Treppe nicht herauf?“

„Nein, Herr Elmer; ich bin besorgt um Sie. Es ist aber nur die Frage, ob Sie auch Alles werden hören können. In gewissen Dingen erträgt nicht Jeder einen Stoß, der ihm plötzlich versetzt wird.“

„Sie machen mich neugierig, Herr Walther.“ – Rudolf wurde beklommen.

„Lassen Sie das mit dem Herrn Walther, ich bin der Kreuzwirth schlechtweg. Ich mag mich gar nicht anders nennen lassen. Nun wissen Sie, ich habe Ihnen gerade nicht das Angenehmste mitzutheilen. Was ist Ihnen wohl gegenwärtig das Liebste?“

„Machen Sie keine große Vorrede, Kreuzwirth. Sagen Sie, was Sie zu sagen haben. Ich bin erwachsen genug, um Ihnen ruhig zuzuhören.“ Der Maler gab sich alle Mühe, auch im Ton seine Worte zu bekräftigen.

„Ich komme aus dem Walde, Herr Elmer. Dort ist ein schönes Plätzchen, umgeben von Buchen und Eichen. Wir haben uns öfter schon gewundert, daß sie inmitten der Tannen und Lerchen wachsen. Es ist ein Wiesfleck, der dem gnädigen Schloßherrn gehört. Nahe daran hab’ ich aber auch ein Stückchen, das mir seit langem zu eigen. Ich wollte da eben nach meinen neuen Anpflanzungen sehen. Ich sah’ aber etwas ganz anderes, was ich gar nicht vermuthet. Ich hatte mich ganz still verhalten, mich konnte man nicht gewahr werden.“

„Und was sahn Sie denn, Herr Kreuzwirth?“

„Ihre Braut sah ich, Schilder’s Katharine mit dem Junker von Riedd zusammenstehen.“

„Das ist nicht wahr!“ rief Rudolf erbleichend.

Ruhig erwiederte Walther: „Es ist wahr! Gern wär’ ich näher gegangen, aber sie standen auf dem Wiesfleck, und den kann ich nicht leiden, ich gehe immer vorbei. Dort war es auch, wo meine Rosi, mein einzigen Kind, mit dem Junker zusammenkam. Sie hat mir das später erzählt. Ja, ja, Herr Elmer, es ist ein eigen Ding mit den Mädchen. Wenn sie den Rockzipfel eines edlen Herrn erfassen können, lassen sie den ehrlichsten Kerl aus niedrigem Stande laufen. Ich hoffe das eigentlich gar nicht von der Katharina. Sie sind eine Partie für so eine Dirne, wie sie sich’s gar nicht träumen lassen dürfte Und dann! Die weiß recht gut, wie es meiner Rosi ergangen ist. Sie waren Freundinnen, freilich während der Liebschaft mit dem Junker und meinem Kinde, hinter die ich erst gekommen bin, wie das Unglück fertig war, da hatte die Freundschaft wohl ein Ende, denn die Schande mögen die Dirnen doch Niemand mittheilen; aber am Sterbebette meiner Rosi saß die Katharina; sie hatten sich vieles erzählt, sie mußte das wissen, wie’s mit dem Junker vorgegangen. Hat sie das vergessen, oder hat es sie nur noch mehr gereizt mit dem Junker sich zu schaffen zu machen? Mag nun sein, wie’s will, ich habe die Katharina mit dem Junker im Wald zusammengesehen. Sie thun mir herzlich leid, Herr Maler, auch der alte Schilder sollte mir leid thun, wenn er an seinem einzigen Kinde erlebte, was mir passirt ist. Mein Rücken ist davon krumm geworden und meine Haare fangen an schneeweiß zu werden. Das alles vor der Zeit. Aber der Kummer scheert sich nicht viel um die Jahre; er kehrt ein und macht sich breit, ohne daß man ihm einen Widerstand entgegensetzen kann.“ –

Rudolf war wie vernichtet. Sein Argwohn war also gerechtfertigt, [263] auf eine so grausame unerwartete Weise gerechtfertigt! Es bedurfte lange Zeit, bevor er sich von diesem Schlage erholen konnte. Es geschah aber doch, denn sein Stolz rief ihm zu, daß er seinem Schmerze nicht unterliegen dürfe, daß ein Mädchen, welches die redlichsten Absichten so von sich stieße, nicht mehr als seine Verachtung verdiene. Aber er liebte sie unendlich! Mit ganzer Gewalt mußte er sich an jenen Gedanken gewöhnen, um ihr Bild, das sich immer wieder schmeichelnd dazwischen drängte, zu verscheuchen. Er überlegte hin und her, was er thun sollte. Von einer augenblicklichen Abreise hielt ihn stets etwas zurück; zu einem plötzlichen Bruche, der Allen in der Umgegend Stoff zum Reden gegeben, konnte er sich auch nicht entschließen; er war in der allerübelsten Stimmung. …

Er warf einen Blick auf den Kreuzwirth, der noch immer auf seinem Platze saß, und der Gedanke stieg in ihm auf! Ob er! wohl auch die Wahrheit gesagt; vielleicht nicht aus Rachsucht für seine Tochter handle?

Rasch sagte er: „Könnt’ Ihr mir beschwören, Kreuzwirth, was Ihr mir gesagt?“

Der Kreuzwirth stand auf und erwiederte: „Vor Gott und vor den Menschen. Ich strebe nicht, Jemand wehe zu thun. Einen ausgenommen.“ – Mit diesen Worten verließ er das Zimmer. –

„Es ist nicht gelogen!“ – Rudolf stand eine Weile tief erschüttert inmitten des Zimmers, dann zuckte er auf, warf sich in einen Stuhl und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen …

Den folgenden Morgen durchlief ein seltsames Gerücht die Bewohner des Dorfes Kloster-Riedd, und machte, daß eine fast vergessene Geschichte wieder hervorgerufen wurde. Das Gerücht bestätigte sich bald. Der alte Freiherr hatte plötzlich einen Einfall bekommen, das Kloster wieder herzustellen und das alte Gemäuer untersuchen lassen. In einem tiefen Keller, unter Schutt und Kalk hatte man ein halb verrostetes Gewehr gefunden, das, auf das Schloß gebracht, von dem Freiherrn sogleich als sein Eigenthum und als dasjenige erkannt wurde, welches sein Sohn, der Junker getragen, als er von dem Unfall betroffen worden war. Vergeblich hatte man seit dieser Zeit nach der Flinte geforscht. Als der junge Freiherr von seinem Vater gefragt wurde, ob es auch wirklich dasselbe Gewehr sei, bejahte er es mit einfachen Worten, ließ sich aber noch immer nicht auf weitere Auseinandersetzungen ein. Was war auch mit dem Funde Großes erzielt? Der Name des Thäters stand nicht darauf geschrieben und da der Junker hartnäckig schwieg, so konnte es nicht viel nützen. Aber wer hatte das Gewehr in die Klosterruinen gebracht? Dieser Gedanke beschäftigte doch das ganze Dorf und namentlich den alten Freiherrn, in dem von Neuen die Lust erwachte, das räthselhafte Dunkel über den Vorfall zu lösen. Ungeachtet des Widerspruchs seines Sohnes, ließ er einen Preis auf die Entdeckung desjenigen, der die Flinte im Kloster verborgen, ausschreiben…

Das bestätigte Gerücht war auch bis zu Claus Schilder gedrungen. Er saß, eine Pfeife schmauchend mit seiner Tochter Katharina vor der Thüre und unterhielt sich mit derselben darüber.

Katharina meinte: „Wissen möcht’ ich doch, wie die Geschichte zusammenhängt. Daß der Junker auch gar nicht davon spricht; er müßte doch der erste sein.“

„Wird wohl seine guten Gründe haben,“ sagte der alte Soldat, indem er die Asche des Tabacks wegschüttete. „Manchmal ist’s besser, etwas zu verschweigen, als auszuplaudern. Der Junker wird wohl keine gute Rolle bei der ganzen Geschichte gespielt haben. Dann ist das ein übel’ Ding mit dem Schwätzen. Seinen Denkzettel hat er weg, und wenn er klug ist, wird er sich damit begnügen.“

„Was wißt denn Ihr davon, Vater?“

„Ja so! Ich habe da selber geschwätzt, als wüßt’ ich was davon. Den Henker auch! Es war meine Meinung, weiter nichts. Ueberhaupt, Dirne, thu’ mir den Gefallen, und sprich nicht mehr von der Geschichte. So lange ich hier wohne, ist so was Arges in dieser Gegend nicht passirt. Nie wär’ es auch wohl geschehen, wenn die Herrschaften aus dem Schlosse anders wären. Mit dem Alten mag’s noch gehen, der jagt wenigstens den Mädels nicht nach, aber der Junker! Daß Dich der Henker, Kathi, ich hab’ da etwas im Dorfe munkeln hören. Du hältst Zusammenkünfte mit ihm. Ich sag’ Dir, Dirne, treff’ ich Dich so, ich dreh’ Dir ohne weiters den Hals um. Du hast einen Schatz, einen braven respectablen Burschen, mach’ mir keine Flausen, und setz’ die Schande oben an, wie Kreuzwirths Rosi. Der arme Kerl, der Vater, duckt den Rücken, als müßt’ er Grünes lesen und schaut immer vor sich, als sucht’ er den Winkel, wo er sich niederlegen soll. Rudolf nimmt uns mit in die Stadt. Das kann ich für mein Alter brauchen. Geht’s quer, ich jag’ Dich aus dem Hause, dann magst zusehen, wo Du ein Unterkommen find’st.“ –

Der Alter war besonders guter Laune und lachte, als ihm Katharina erwiederte: „Ich denke, Vater, Ihr wollt’ mir den Hals umdrehen?“

„Das ist für das Schlimmste, für das Schlimme jag’ ich Dich aus dem Hause,“ sagte Claus. Indem kam der Junker durch den Wald.

„Wie der Bursche hinkt,“ fuhr der Soldat fort. „Sieht’s doch aus, als hätt’ ihm der Schuß übler gethan, wie man glaubt und wie es ihn erfreuen mag. Hätt’ er sich nur die Sache hinter die Ohren geschrieben, aber daran denkt er nicht. Die Hoffart sitzt ihm eisenfest im Genick. Was will er nur wieder hier? Mich kommt er doch wahrhaftig nicht zu besuchen. Das Ding passirt mir schon zu oft, ich kann da nicht ruhig zusehen; ich muß da einen Damm setzen. Wenn der Maler dahinter kommt, dürft’ es aus sein mit der Herrlichkeit in der Residenz, die ich so viele Jahre nicht gesehen, und immer nur als Soldat, das Gewehr auf der Schulter, den Tornister auf dem Buckel. Jetzt möcht’ ich sie sehen, die große Stadt; haben sie doch dem alten Fritzen ein prächtiges Denkmal gesetzt, das so groß sein soll, wie das Schloß des alten Herrn oben sammt dem Garten und den Kühställen. Mädel, bring’ mich nicht darum, ich sag’ Dir’s!“

Er wandte sich nach ihr um; sie war in’s Haus getreten. „Ja so, sie ist verschwunden,“ brummte der Vater. „Da kann ich lange auf eine Antwort warten.“

Der Junker war inzwischen ganz nahe herangekommen, sagte dem Alten einen „Guten Tag,“ und setzte sich ohne Umstände auf die Bank. Claus erwiederte den Gruß und rückte zurecht. „Auf der Jagd, gnädiger Herr?“ fragte er, indem er fortfuhr zu rauchen.

„Nicht auf Hirsche und Rehe,“ lachte Herr von Riedd, indem er seinem Hunde pfiff und ihm den Rücken streichelte. „Warum ist Katharina in’s Haus gegangen? Fürchtet sie sich vor mir?“

„Wo denken Sie hin, Herr Junker? Sie hat etwas für die Wirthschaft zu besorgen und wird wohl wieder herauskommen.“

„Ein schönes Mädel, die Katharina. Man sollte fast glauben, sie müßte andere Aeltern gehabt haben, denn sie ist weiß wie Milch und roth wie Blut, eine Gestalt, wie ich sie nicht schöner in der Residenz gesehen habe. Dabei hat sie auch etwas Apartes in ihrem Wesen, nicht so wie die andern Bauernmädel, die immer einhergehen, als wateten sie in Haufen Mist. Klug ist sie auch, gar sehr verständig, ich habe das manchmal erfahren.“

„Ei,“ entgegnete Claus halb geärgert, halb geschmeichelt, „das ist kein Wunder, daß das Mädel apart ist. Sie hat keine andern Aeltern, als mich und ihre Mutter, die nun schon lange gestorben ist. Aber das war auch eine seltene Frau. Fast noch schöner möcht’ ich sagen wie Katharina. Na, just behaupten will ich es nicht, denn Clemence, meine Frau, sah ich immer mit den Augen eines Liebhabers an. Es war ein seltener Fund, den ich da an dem Weibe gemacht. Der Krieg hatte ihr alles genommen, Vater und Mutter, die im Elsaß wohnten, und auch das Vermögen, Haus und Hof. Die Aeltern waren Bürgersleute, trieben einen Kleinhandel, im Kriege waren sie verkommen. Sie war demnach guter Leute Kind, Clemence, und es darf Euch nicht wundern, Herr Junker, daß Katharina darnach geworden, ganz wie die Mutter. Ich sag’ Euch, alle Kameraden waren nach ihr lüstern, aber den Kopf hätt’ ich Jedem eingeschlagen, der sich mehr als das Anschauen recht von weitem erlaubt hätte. Na, Gott sei’s gedankt! sie machte es nicht nöthig, meine arme Frau. Sie war mir ein getreues Weib bis an ihr seliges Ende!“ –

„So, so! Ich habe schon gehört von Euerem besonderen Glück, s’ ist wahr, Katharina ist ein apartes Mädel, aber da sie es ist, so solltet Ihr auch ein sorgsames Auge auf sie haben. Alter, und sie nicht dem ersten besten an den Hals werfen. Was ist das für ein Getreibe mit dem Maler, dem Rudolf Elmer? Ein hergelaufener Bursch, der oft das trockne Brot nicht im Hause haben mag. Ihr solltet Euch vorsehen, Claus. Wer bürgt Euch für seine Gesinnung? Niemand ist da, der ihn kennt, der von ihm aussagen kann. Er thut es selber mit argen Posaunenstößen, rühmt sich des Guten, geberdet sich absonderlich, und thut, als wär’ er [264] Unsersgleichen. Das ist er nicht, und ich wette, daß er ein ganz verdorbenes Herz hat und nur seine Residenz-Künste hier aufführen will. Er drückt sich viel zu lange hier im Dorfe herum. Wär’ es ihm Ernst um Euere Tochter, er müßte doch in die Residenz eilen, um alles zu Euerem Empfange vorzubereiten. Er lungert aber statt dessen immer hier herum und macht gar keine Anstalten, so bald wie möglich von hier fortzukommen. Ihr solltet dafür sorgen, Claus, da er’s nicht freiwillig thut. Es ist das eine Pflicht, die Ihr dem guten Rufe Katharina’s schuldig seid.“ –

Mit Verlaub, Herr Junker, was Ihr da gesagt, ist Alles nicht wahr und unnütz. Der Herr Elmer hat es nicht nöthig, Zeugen für seine Bravheit aufzustellen; das Herz sitzt ihm in seinen blauen Augen. Er ist zu mir gekommen und hat um meine Kathrine angehalten, wie Brauch und Sitte ist; das erste Aufgebot ist gewesen, er wird mein Schwiegersohn. Einen bessern wünsch’ ich mir gar nicht. Es fällt ihm nicht ein, sich wie Euresgleichen zu geberden, er ist fleißig und bescheiden. Er lungert und tagediebt auch nicht herum, dazu hat er keine Zeit. Er hat mir schriftlich bewiesen, daß er sich ein kleines Vermögen zusammengespart und ein gutes Auskommen hat. Seine Aeltern sind von der Heirath unterrichtet, sie wollen, wenn’s so weit ist, herüberkommen, sind demnach brave Leute. Es ist nichts gegen den Maler einzuwenden. Den Henker! ich möcht’ es Keinem aus dem Dorfe rathen, so zu mir zu reden, wie Ihr es eben gethan. Wenn ich Euch aber nun um etwas bitten darf, Herr Junker, so schwenzelt nicht so viel um mein Mädel herum. Ich hab’ es wohl bemerkt und kenn’ Euch zu gut, um nicht zu wissen, woher der Wind bläst. Nehmt Euch in Acht Ich dulde das nicht, daß man mein Kind hintergehen will. Mit Eueren glatten Worten könnt’ Ihr meinetwegen bereden, wen Ihr wollt, nur verschont mir mein Haus. Katharina ist dem Jungen, dem Rudolf, gut; legt keine Zwietracht dazwischen, sonst regnet’s derbe Unannehmlichkeiten. Ich bin kein Freund von vielem Federlesen, ich greife und packe zu, wo mir was ungelegen ist. Das alles sei Euch mit dem gehörigen Respect gesagt.“

„Hm! So weit ist es also schon gekommen?“ Der Junker scharrte mit dem Fuße im Sande, kreuzte die Arme und lehnte sich ganz an die Wand zurück.

„Ja, Herr Junker, gerade so weit, als nöthig war, ehrliche Kerle zu bleiben. Der Maler heirathet meine Tochter, damit basta!“ – Er blies im Zorn gewaltige Rauchwolken von sich und blieb sehr gleichgültig, als sich diese um das Gesicht des Junkers schlängelten.

Herr von Riedd bemerkte: „Ehrliche Kerle? Ist das so gar gewiß? Ihr werdet gehört haben, daß man ein Gewehr in den Klosterruinen gefunden hat? Es ist dasselbe, was ich an dem Tage trug, an dem ich eine meuchelmörderische Kugel in den Leib bekam. Wenn ich nun sagte, Ihr hättet das Gewehr in die Klosterruinen gebracht?“

Die Pfeife fiel dem alten Soldaten aus dem Munde; voller Verwunderung starrte er den Junker an. Endlich sagte er gefaßt, aber mit steigender Röthe im Gesicht: „Dann würdet Ihr lügen, Herr Junker. Ich sag’ Euch das gerade heraus, mögt Ihr’s gut oder übel nehmen. Was treibt Euch zu einem so bösen Ausspruch? Euer Gelüste, denn weiter ist es doch nichts, was Euch zu meiner Tochter zieht. Ich dächte, Ihr hättet des Denkzettels genug, um Euch dergleichen für immer vergehen zu lassen. Himmelsakrament! muß ich so etwas noch auf meine alten Tage erleben! Muß ich mich doch quälen und winden, um nur durch das elende Leben zu kommen, kein Mensch hilft mir, und dazu noch Schande! Es ist um zu bersten! Doch was, vielleicht toll’ ich umsonst, denn nimmer kann es Euch Ernst sein um eine falsche Anklage, die mich alten Mann früher in’s Grab brächte, als sich’s gebührt. Seid offen, Junker!“

„Was ist da offen zu sein? Ich werde thun, wie ich gesagt, wenn Ihr Euch nicht besser wegen Katharina besinnt. Nur ihretwegen hab’ ich bis jetzt geschwiegen. Als man mich hierher gebracht, verwundet, in Euere elende Baracke, da gefiel sie mir, und später, als wir öfter zusammengekommen, fing’ ich an, sie zu lieben. Jetzt kann ich nicht mehr von ihr lassen, und ich glaube, daß auch sie es nicht mehr kann. Mit dem Maler das ist nur Narrethei; aber ich bin dem Jungen gram, er ist jetzt genug verliebt, um mit wundem Herzen durchzugehen, und so mag’s geschehen. Katharina wird mein, Ihr habt ein gutes Leben, und die Sache ist abgethan! Wo nicht, so sprech’ ich, was ich Euch gesagt. Ich bin kein Lügner, denn, Claus, wie steht es denn um den Blutfleck, den Ihr an Euerem Kittel hattet? Es war das an demselben Tage, an welchem man mich zu Euch getragen.“

Der Alte hielt sich den Kopf mit beiden Händen, es tanzte Alles um ihn herum. Fast stotternd rief er: „Herr des Himmels, auch davon wißt Ihr? Von dem Blutfleck an meinem Rocke? Wer hat Euch das gesagt?“

„Katharina!“

„Meine Tochter?“ – Der Alte stand auf, seine Kniee zitterten, aber mit Riesenkraft nahm er sich zusammen, er eilte an die Thüre und schrie hinein: „Katharina, Dirne! Heraus vor Deinen Vater!“

Sie erschien, ruhig und arglos.

„Ist’s wahr,“ rief ihr der Vater zu, indem er sie an beiden Händen faßte und vorzog, „ist’s wahr, daß Du dem Junker von dem Blutfleck gesagt, den Du an meinem Rocke gesehen? Sprich! Es war an dem Tage, wo man ihn herbeigeschleppt, wo das arge Unwetter tobte. Sprich, sprich!“

„Ich hab’s gesagt, Vater!“

„Du hast’s gesagt?“ – Er schwankte und drohte rückwärts niederzusinken. Katharina unterstützte ihn rasch. Keinen Blick warf sie dabei auf den Junker, der ein triumphirendes Lächeln nicht verbergen konnte. Mit Mühe nur konnte sie verhindern, daß der Vater, als er sich etwas erholt hatte, sie nicht von sich stieß. Sie trat einige Schritte zurück, sah ihm in’s Gesicht und sagte: „Du mußt aber auch hören, Vater, wie ich’s gesagt habe. Es war zwischen mir und dem Junker die Rede von der traurigen Geschichte. Ich sagt’ ihm, daß Euch an dem Tag auch etwas Absonderliches passirt sein müßt’, denn Ihr wäret blutbefleckt nach Hause gekommen; was, wüßt’ ich freilich nicht. Ihr habt mir ein für allemal verboten, nach Dingen zu fragen, die mich nichts angingen, wie Ihr Euch ausdrückt. Nun aber hattet Ihr den Fleck gar nicht ausgewaschen, ich sah nichts Schlimmes drin und könnt’s wohl erzählen. Der Junker hatte auch gegen diese Rede nichts einzuwenden, und er muß doch gewiß alles wissen, wie sich’s zugetragen. Umsonst und wieder Nichts kriegt man keinen Schuß in den Leib. Wenn Ihr nun die Geschichten durcheinandermischt, Vater, so ist das nicht meine Schuld, und von Eurer Seite eine Uebereilung.“

[273] „Eine Uebereilung? Wie klug die Dirne zu reden weiß! Aber das ist nichts, der ganze Handel kommt an den Tag. Ich habe eine ungerathene Dirne auferzogen, ein verleumderisches Kind, das sich nicht scheut, gegen den Vater zu zeugen. Muß ich so was Arges noch in meinen alten Tagen erleben! Sieh’, ich könnte Dich erwürgen, wenn die Strafe nicht all zu gering für Dein entartetes Beginnen! Sie ist schön, hat von ihrer Mutter gar manche Tugend geerbt, aber die Entartung lauerte darunter, die Tollsucht der Leidenschaft; sie kamen erst jetzt an Tageslicht. Soll ich’s anders nennen? Du hast einen braven Kerl zum Liebsten, der gegen diesen Junker aussieht, wie ein blühender Stamm gegen einen giftigen Pilz, Du hast eine schöne Zukunft, aber Dir geht das Gelüst über Alles. Sieh’, Katharine, mein Haar ist grau, willst Du, daß es vor Zeiten weiß werden soll? Ich habe Dich gehegt und gepflegt, als Deine Mutter starb, ihre Stelle vertreten. Ich habe gehungert, ich kann es Dir wohl sagen, um Dich nicht darben zu lassen. Du solltest die Freude meines Alters werden; das ist nun aus. Es sitzt mir nun hier im Herzen, da wird es sitzen bleiben, um sich fressen, bis ich zu Grabe fahre. Möge es der Himmel fügen, daß es zeitig geschehe, denn nun ist auch die einzige Hoffnung meines Lebens dahin. Was wird Rudolf sagen? Ich höre ihn Dich verwünschen und sehe ihn die Hände ringen. Geh’ wohin Du willst, ich halte Dich nicht, ich warne Dich auch nicht mehr. Wer den Vater und den Geliebten zugleich betrügen kann, dem kann man nur den Fluch zum Geleit geben, oder, wenn man ihn zu sehr geliebt, für ihn beten: Herr, laß ihn sterben in dieser Stunde!“ – –

Der alte Soldat weinte fast, und ballte krampfhaft die Hände. So schwankte er gegen das Haus. Die Pause die eintrat, benutzte der Junker, indem er rasch auf die regungslose Katharina zuschritt und ihr zuflüsterte: „Ich gehe; ich bin kein Freund von väterlichen Predigten. Ich erwarte Dich auf dem gewohnten Platze. Du kommst?“ – Mechanisch nickte Katharina mit dem Kopfe. Pfeifend entfernte er sich. Als er fort war, zuckte Katharina auf, ihr Blick folgte dem Junker, bis er im Walde verschwand, dann stürzte sie zu ihrem Vater, der sich zitternd an die Thürpfosten lehnte, und vor ihm nieder auf die Kniee. „Vater!“ rief sie dabei odemlos, „vergieb mir! Nichts Böses hab’ ich dabei im Sinne gehabt, als ich’s dem Junker erzählte. Ich war weit entfernt davon, zu glauben, es könnte Dir Schlimmes begegnet sein, was Du den Leuten nicht sagen dürftest. Wahrhaftig, Vater, ich rede die Wahrheit! Auch sagte der Junker damals nichts, daß Du bei dem Handel gewesen. Er hätt’s gewiß gethan, wenn Du ihn angefallen. Zu mir hätt’ er’s ganz gewiß gesagt.“

„Zu Dir? Also Du gestehst ein, daß Du ein Verhältniß mit ihm hast? Katharina! Katharina! ich wollt’ ich läge neben Deiner Mutter, tief unter der Erde. Ein alter Soldat hat nichts als seine Ehre, Du häufst Schande auf mein Herz. Du nimmst mir die Ehre. Du hast aufgehört mein Kind zu sein. Noch einmal sag’ ich Dir’s, mit gebrochenem Herzen, geh’ von meiner Schwelle, ich dulde Dich nicht mehr, wo ich verweile!“ Er nahm seine ganze Kraft zusammen, um die Worte mit Nachdruck zu sprechen, aber die Vaterliebe schwächte den Willen.

Katharina stand auf und entgegnete: „Vater, ich habe nichts einzugestehen, was ich nicht vor Gott verantworten könnte.“

„Und Deine Zusammenkünfte? Dein Heimlichthun mit dem Junker?“

„Ich liebe ihn nicht; ich liebe nur Rudolf.“

„Und wirst Du noch ferner mit dem Junker zusammenkommen? Mir schwamm es vor den Augen, aber doch glaubt’ ich zu sehen, daß er Dir etwas in’s Ohr flüsterte, daß Du Ihm zunicktest? War’s nicht so, Katharina?“

Er hing an ihren Lippen, als schwebe auf ihnen eine Entscheidung von Leben und Tod.

Katharina sprach: „Du hast recht gesehen, Vater. Ich werde dem Junker folgen und ihn sprechen.“ –

„Fluch Dir, verworfene Heuchlerin! Mit Lügen und Ränken willst Du noch meinen Verstand umstricken, nachdem Du mir das Herz mit Deinem Thun zerschnitten? Ich hätte beinah’ geweint, ich, ein alter Soldat, als ich Dich verlieren sollte; schämen muß ich mich, mir in’s Gesicht schlagen, daß ich mich so schwach zeigen konnte. Nun bist Du entlarvt. Ich werde nicht mehr weinen, aber ich schwör’ es Dir zu Gott, betrittst Du noch einmal meine Schwelle, und hast mit dem Junker gesprochen, Du hast den Himmel zum letzten Male gesehen. Dein Junker mag thun mit mir, was er will, mich soll’s nicht rühren. Ich habe nichts mit ihm zu thun gehabt, ich bin unschuldig an seiner Wunde; aber was seine Bosheit mir noch bringen kann, brauch’ ich nicht zu fürchten. Das Elend ist recht über mich gekommen. Recht geschieht mir! Hab’ ich doch immer gemurrt und geklagt. Geh’, geh’ fort, ich mein’ es gut! Der Zorn könnte mich noch vorher zu einer That verleiten, die Dir den Garaus machte. Grüß’ Deinen Junker! Vielleicht, wenn Du recht gefällig gegen ihn bist, scheert er sich nicht mehr um den grauköpfigen Thoren, dem Du das Leben verdankst!“ –

[274] „Vater!“ – Sie eilte ihm nach, schnell war er aber in’s Haus getreten und hatte den Riegel vorgeschoben. – Sie ließ den erhobenen Arm sinken, blickte starr nach der Thüre, dann vor sich hin und, wie verzweiflungsvoll, stürzte sie vor der Bank des Hauses nieder. – Die Arme aufgelehnt, darauf das Haupt, so lag sie in die Knie gesunken lange, lange Zeit. Sie regte sich nicht, aber ihr Athem ging tief und schwer, zuweilen zitterte ihr Körper. Es schien, als wolle sie aufhören zu leben. –

Eine Zeit verging und noch immer verharrte sie in ihrer Stellung. Sie bemerkte nicht, daß sich der bis dahin klare Tag verwandelte. Die Sonne verhüllte sich hinter einer schwarzen Wolke, graue Nebelschleier wallten über das Meer und verbreiteten sich allwärts über Himmel und Erde. Die Luft wurde feucht und kalt, es rieselte wie feine Nadeln herab. Dumpf und hohl brauste die See, die Wellen erhoben sich und zogen schäumend an’s Land und wieder zurück, weiter dahin, nach Schwedens Küste. Der Sturmvogel ließ sein pfeifendes Geschrei ertönen, die Möven flatterten ängstlich hin und her. Durch die Föhren zog es wie ein ängstliches Getön, es schwellte sich an zu einem hohlen Brausen. Die Zweige schüttelten sich angstvoll, und eine Schaar Dohlen flog kreischend über den Wald und suchte den Thurm des Dorfes Kloster-Riedd. –

Die Schauer des Nebels erweckten Katharina aus ihrem Hinbrüten. Sie stand langsam auf, sah sich um, als wüßte sie nicht recht, wo sie sich befinde, und schüttelte sich, als empfinde sie Frost. Sie schien nicht mehr zu wissen, wie lange sie wohl hier gelegen, und leise sprach sie vor sich hin: „Ob er wohl noch warten mag? Ich muß ihn sprechen.“ –

Sie ging langsam erst, dann immer schneller durch den Wald. Bald war sie an dem Plätzchen, dem Wiesfleck, wo Buchen und Eichen standen, die einzigen in dieser Gegend. Sie warf scheue Blicke um sich; es’ war ihr, als wäre ihr Jemand begegnet, den sie zu fürchten habe. – Es mochte wohl die Stimme ihres Gewissens gewesen sein, denn immer rief es ihr heimlich und warnend zu: „Gehe nicht, bleib’ zurück bei dem Vater!“ – – Sie stand hier eine kurze Weile, da rauschte es wie ein Fußtritt in dem herabgefallenen Laube. Bald stand der Junker von Riedd vor ihr. –

Kaum daß er sie sah, so verklärte sich auch sein Gesicht, er kam schnell auf sie zu, erfaßte ihre Hand und sagte: „Du hast mich lange warten lassen. Katharina! Schon dreimal bin ich hier gewesen und wieder weggegangen. Was hast Du so lange gezögert? Es ist inzwischen schlechtes Wetter geworden; Du mußt jetzt doppelt freundlich sein, daß ich Beides vergesse, mein langes Warten und das verteufelte Wetter. Sei, ich bitte Dich, nicht wieder so kurz angebunden, wie Du es gewöhnlich bist. Ich bin ohnehin nicht ganz guter Laune, durchfroren bis an’s Herz. Sei heiß, Katharina, ruf einmal Deine Leidenschaft auf und erwärme mich!“

„Es ist jetzt nicht Zeit zu Scherzen, Herr Junker!“

„Scherzen? Beim Henker, das ist ein toller Ausdruck. Es ist mir so ernst mit meinem Verlangen, wie mir nur je etwas gewesen ist. Was braucht’s da lange Erklärungen und Vorbereitungen? Ich habe Dir nun alle Tage, die wir zusammen waren, erklärt, daß ich Dich liebe, daß ich Dich dem tölpischen Maler nicht lassen kann. Anfangs war es Spielerei, die ich mit Dir trieb, ich will’s Dir nicht verhehlen; aber nun ist es so furchtbarer Ernst mit meiner Liebe zu Dir geworden, daß ich nirgendmehr Ruhe finde, daß ich nur Dich sehe, all überall, bei Tag und Nacht, ich kann nicht mehr von Dir lassen. Du kannst von mir verlangen, was Du willst, Katharina, aber gewähren mußt Du. Rede ein Wort, was ich thun soll, es geschieht. Ich gehe fort mit Dir, weit weg von Allen, wenn es Dir im Sinne liegt. Du sollst mir befehlen, ich will Dir gehorchen! Du mußt das, Katharina, denn Du hast Theil und Schuld an meiner hirnverrückenden Liebe. Du kamst hierher, wenn ich darum bat, ja. Du kamst freiwillig. Du hast mir zwar nie gesagt, aber gezeigt, daß Du mich liebst.“ –

Sie erglühte. „Wie hab’ ich Euch das gezeigt, Junker? Daß ich kam? Daß ich mit Euch hier zusammentraf? Der Weg führt für Jeden, denn er gehört dem Kreuzwirth; ich kam wohl auch, weil unsereins, eine Bauerndirne, wohl gern mit einem vornehmen Herrn plaudern mag.“ –

Der Junker sah sie starr an, als zweifle er, ob er recht gehört. Sein aufgeregtes Blut rollte heißer durch seine Adern; ihr fortwährender Widerstand nahm ihm fast die Besinnung. Er wäre im Stande gewesen, vor ihr niederzusinken, um sie so zu beschwören, denn wirklich liebte er Katharina; seine Leidenschaft war zu einer gefährlichen Größe angewachsen. –

„Deshalb kamst Du nur, Katharina? Deshalb?“ fragte er bebend, während alle Röthe aus seinem Antlitz für einen Augenblick entwich. „Du sagtest, ich habe doch damals recht gehört, ich bin doch nicht taub, daß es möglich wäre, daß Du mich lieben könntest, einst, wenn ich es Dir bewiese, daß ich Dich liebe. That ich das nicht? Ich bin fast hirnverrückt, alle Pulse wollen mir reißen; ich sage, wiederhole es Dir: ich liebe Dich! Fordere, was ich thun kann, gewähre und es geschieht. – Sprich, sprich! Steh’ nicht da, so kalt, so steinern, wie Marmor, der sich nicht erweichen läßt. Hast Du denn kein Herz? Ich könnte Dich hassen, wenn ich Dich nicht so unglückselig liebte!“

„Ihr liebt mich?“ rief Katharina mit erhöhter Stimme und flammender Röthe im Gesicht. „Ihr wagt mir das zu sagen, auch jetzt noch, da Ihr meinem Vater eine Kränkung bereitet, die ihn verzweifeln läßt? Hab’ ich es denn nicht auch gehört, Herr Junker, daß Ihr ihn anklagen wollt, als Euren Mörder? Ist seine Beschimpfung nicht die meine? Dürft Ihr die Tochter eines entehrten Mannes lieben? Er hat nichts, als seine Ehre, mein Vater. Ich bin eine schlechte Dirne, aber ich müßte die schlechteste sein, wenn ich mich Euch anwerfen wollte, nachdem Ihr dies gethan. Mit Fingern würden die Leute auf mich weisen, mir in’s Gesicht spucken, und mir bliebe nichts, als in’s Meer zu laufen. Das ist eine schöne Liebe von Euch, Junker, aber bei mir müßt Ihr sie nicht anwenden.“ –

„Weib!“ – Der Junker wußte gar nicht, wie ihm geschah, es flirrte vor seinen Augen; so hatte das Mädchen nie mit ihm gesprochen. „Was für ein Teufel ist denn in Dich gefahren. Katharina? Bist Du es denn wirklich? Ich muß mich an den Kopf fassen, um nur zu glauben, daß ich nicht träume. Ruhig, demüthig fast, stand’st Du immer vor mir, und jetzt? – Eine Schlange entringelst Du Deine Tücke und Falschheit. Bring’ mich nicht zum Rasen, ich rathe Dir’s. Ich kann Dich zertreten.“

„Ihr droht mir? Ich fürcht’ mich nicht. Ich bin auch keine Schlange, bin nicht falsch und tückisch. Glauben mögt Ihr’s, ich weiß es wohl. Habt Ihr aber nicht selbst gesagt, daß ich nie zu Euch von meiner Liebe gesprochen? Wenn Ihr das Euch eingeredet, so ist das nicht meine Schuld. Und daß ich bis jetzt immer ruhig gewesen, demüthig? – Ich hab’ Euch als meinen Herrn betrachtet, darum gehorcht, wenn Ihr aber was anders wollt, so hört die Demuth von selbst auf! Ihr seid klüger wie ich, Ihr hättet das bedenken sollen.“

„Katharina!“ – Der Junker gab sich Mühe, so sanft wie möglich zu erscheinen, da er durch ihre plötzliche Ruhe immer verwirrter wurde, aber doch so viel einsah, daß er es mit einem Wesen zu thun hatte, das sich durch Drohungen nicht einschüchtern ließ. „Katharina, ich werde wahnsinnig, wenn Du mich nicht liebst. Was kann ich thun, um Dein Herz zu gewinnen?“

„Ob das geschehen kann,“ erwiederte sie nachdenkend, „weiß ich nicht zu sagen. Macht Euch keine große Hoffnung.“ – Sie wachte eine kurze Pause und fragte dann: „Ihr liebt mich also wirklich, Junker?“ –

„Wie mein Leben!“ betheuerte er, indem er die Hand auf die Brust legte.

„So geht zu meinem Vater und bittet ihm ab, was Ihr ihm Leides zugefügt.“ –

„Katharina!“ – Alles Blut stockte in seinen Adern.

„Wenn Ihr nicht wollt, ich quäl’ Euch nicht. Aber das sag’ ich Euch, wir haben heute zum letzten Male miteinander gesprochen.“ – Sie wandte sich nach der Gegend, von der sie gekommen.

Vor seinen Augen schwamm es wie ein Feuermeer, sie wurden feucht vor Glut, es drängte ihn zur Gewalt – er griff nach seinem Gewehr – trat auf sie zu – mit starker Hand umfaßte er sie – eine andere schleuderte ihn zurück – der Maler Rudolf Elmer stand vor ihm. –

Er und Katharina hatten sich bereits entfernt und noch immer verweilte der Junker regungslos auf dem Platze. Er wußte nicht, wie ihm geschehen war, wie festgewurzelt hatte ihn die Ueberraschung. – Er gab sich unsägliche Mühe, alles Geschehene [275] zusammenzufassen, aber er bedurfte lange Zeit, bis es ihm klar wurde. Er fühlte und beachtete den Nebel nicht, der nach und nach in feinen Regen übergegangen war, er hörte kaum das Brausen des Meeres, das sich immer stärker erhob, nicht das Aechzen und Stöhnen des Waldes, nicht das Knattern krachender Aeste. – Langsam kam er zu sich, langsam hob er das herabgefallene Gewehr auf, und eben so langsam schlug er den Weg nach dem Schlosse ein. –

Beim Nachhausekommen begab er sich sogleich in sein Zimmer, ohne vorher zu seinem Vater, dem alten Freiherrn hinüberzugehen, wie er sonst zu thun pflegte. Es war ihm nicht möglich, Jemand zu sehen. Die widerstrebendsten Gefühle wogten in seiner Brust. Seine ersten Gedanken waren Rache, eine verderbenvolle Vergeltung, aber das reizende Bild Katharina’s verdrängte bald diesen Vorsatz; es erschien ihm eben nie verlockender als jetzt, da er sie aufgeben sollte. Ihr hartnäckiger Widerstand, dazu in dieser Weise so unerwartet, verstärkte vollends seine Leidenschaft, die, er fühlte es wohl, er kaum mehr im Stande war, zu bewältigen. Aber freilich, der schwere Preis, seine Ehre’, und ohne daran eine gewisse sichere Hoffnung knüpfen zu dürfen. Er sollte ihrem Vater Abbitte leisten, er, der Sohn eines reichen Freiherrn aus dem ältesten Geschlechte Pommerns, einem ehemaligen Unteroffizier, einem armen Fischer, der von Bauern stammte und nicht besser war, wie der gemeinste der Arbeiter auf Schloß Riedd. Der Gedanke empörte ihn, sein ganzer Stolz erhob sich dagegen, aber er hatte mit seiner Leidenschaft zu kämpfen, und die überwog Beides. – Der Charakter Katharina’s war ihm unerklärlich. Sie hatte ihm eine Seite desselben gezeigt, die er nie erwartet hatte; in einer so scharfen Weise, daß sich seiner Leidenschaft etwas wie Furcht beimischte; aber da er nicht im Stande war, sich derselben vernunftgemäß zu entledigen, so wurde es nur noch ein Reiz mehr, der ihn an Katharina fesselte. Es war dies die natürliche Folge seiner innerlich schwachen Gesinnung. Sein Stolz, sein Uebermuth wurzelten in seiner Erziehung, in Standesvorurtheilen, er war voll der nichtigsten Grundsätze; er wurde überall nach Art tyrannischer Naturen schwach da, wo er energischen Widerstand fand. Dem wahren Stolze, der geistigen Ueberlegenheit wußt’ er nichts entgegen zu setzen, als sein Wappen und seine Geburt. Kam es gar arg, reichte er mit seinem Dünkel nicht aus; fühlte er, daß er nicht weiter könne, so zog er sich zurück. Er hatte das in dem Streite mit Rudolf deutlich gezeigt. Seine Drohungen waren an dessen grundsatzvoller Festigkeit gescheitert, er unterlag einer moralischen Kraft, die er nicht schätzte, weil er sie nicht kannte, die aber durch ihren natürlichen hohen Werth überall siegen muß, auch wenn sie nicht verstanden wird. Er war davon gegangen, mit der Absicht, den Maler durch kleinliche Beschränkungen auf dem gutsherrlichen Gebiet sein Uebergewicht fühlen zu lassen; zu lauern, bis sich ihm eine günstigere Gelegenheit zu einer vollkommenen Genugthuung bieten würde; aber er unterließ das Erste, weil er befürchtete, Rudolf könne bei seinem Vater, dem alten Freiherrn, klagbar gegen ihn auftreten. War dieser auch voll Vorurtheile, wie sein Sohn, so war andererseits ein Gefühl von Gerechtigkeit in ihm, eine gewisse biedere Geradheit, die er unter keinen Umständen verläugnete, und die ihn auch zuweilen seinen Sohn nicht schonen ließ.

Rudolf, der Maler, war nun freilich weit entfernt davon, einer Unerheblichkeit wegen, die er längst vergessen haben würde, wäre der Junker nicht in anderer Weise zum Gegenstande seines Nachdenkens geworden, gegen ihn, wie überhaupt gegen irgend Jemand klagbar zu werden. – Durch den letzten Vorfall indeß waren seine Gedanken mit Katharina nicht minder wie die den Junkers, freilich in anderer Weise, beschäftigt.

Von Unruhe getrieben, von Eifersucht gepeinigt, war er nach dem Gespräche mit dem Kreuzwirth, den Tag darauf, in den Wald hinausgegangen. Er hatte sich vorgenommen, Katharina heute nicht zu besuchen, aber wie das bei Liebenden gewöhnlich ist, der Vorsatz wurde nicht zur Erfüllung. Als er eine Zeit lang auf dem Wiesenfleck gewartet hatte und Niemanden kommen sah, so war er ungeachtet des veränderten Wetters auf dem Wege zu Katharina’s Wohnung gewesen, als er sie selbst, in Nachdenken versunken, eilig dem Walde zukommen sah. Rasch trat er hinter einen Baum, ließ sie vorübergehen und folgte ihr dann mit hochklopfendem Herzen in einiger Entfernung. Er wurde Zeuge ihres Gespräches mit dem Erben von Riedd. Wer möchte seine Gefühle beschreiben! Sie überflutheten sich im wahrsten Sinne des Wortes. Bald wurde ihm siedendheiß, bald überlief es ihn wie Fieberfrost. Er führte die Katastrophe herbei.

Schweigend geleitete er Katharina nach Hause. Auch sie sprach nicht, nur eine seltene Befriedigung leuchtete aus ihren Augen, sie drückte sich dicht an den Arm Rudolfs, und schien zu erwarten, daß er ihr ein liebes Wort, eine Zärtlichkeit sagen würde, denn sie schmeichelte sich im Stillen mit dem Bewußtsein, daß sie es um ihn verdient. Ihre Voraussetzung wurde getäuscht. Keine Sylbe entfuhr dem Maler während des ganzen Weges, er war still und in sich gekehrt; und Katharina, als sie das bemerkte, schwieg nun ihrerseits aus Trotz, in den ihre Selbstbefriedigung überging. Sie war diesmal im Recht! sagte sie sich mit echt weiblicher Empfindsamkeit, und wie sie gegangen und gekommen waren, wollten sie auch wieder scheiden, wenn nicht eben jetzt Katharina ihr hartes Zerwürfniß mit ihrem Vater eingefallen wäre. Mit Zögern setzte sie Rudolf davon in Kenntniß. Statt aller Antwort trat er an’s Fenster, pochte, bis er gehört wurde, und von hier aus unterhandelte er mit dem Vater Katharina’s, bis die Versöhnung hergestellt war.

Dann ging er ohne einen Händedruck, ohne ein zärtliches Wort an Katharina. Jetzt wurde sie nun ihrerseits unruhig, und zum ersten Male drängte sich ihr die Frage auf: Ob sie auch an Rudolf recht gehandelt, ob sie auch gegen ihn verschwiegen sein durfte, wie sie es bin jetzt gegen Jedermann gewesen? Er war ihr als ein zu edler Mann bekannt, als daß sie nicht hätte prüfen müssen, ob er nicht ohne Grund in dieser kränkenden Weise von ihr gehe.

Und wohl hatte Rudolf dazu vollkommene Ursache. Der Junker hatte Katharina Falschheit und Tücke vorgeworfen, war das so ganz und gar aus der Luft gegriffen? Lag nicht etwas davon in ihrer Handlungsweise? Sie liebte ihn, Rudolf, sie wußte, daß sie ihm ganz angehören sollte, er hatte das ausschließliche Recht auf ihre volle Hingebung und auf ihr Vertrauen; sie aber kam mit dem Junker, einem Nebenbuhler, zusammen, auch dann, als ein Streit zwischen Beiden vorgefallen, der sie zu Feinden machte, der ihren Geliebten bedrohte. Sie schwieg gegen ihren Vater, sie hatte gehört und gesehen, in welcher beleidigenden Weise der Junker sich gegen denselben benahm, und dennoch ging sie den Augenblick darauf zu einer Zusammenkunft mit Rudolf und ihres Vaters Feinde. Wenn denn auch das Gespräch ein anderes war, als wohl der Junker erwartete, es lag immer ein Grad von auffälliger Sonderbarkeit in diesem Schritte. War man berechtigt, konnte man geneigt sein, diesen Schritt zum Guten zu deuten? Sie spielte ein erwiesenes Spiel, und warum und mit wem? Wenn auch die Wahrscheinlichkeit vorlag, daß sie dieses Spiel mit dem Junker trieb, so mußte es dennoch jedem Geradsinnigen und dabei wenn auch nur unmittelbar Betheiligten, um so mehr auffallen und mit Befürchtung erfüllen, als die Verschlagenheit und Falschheit, einmal angewandt und erkannt, zu der Voraussetzung berechtigen, daß sie vorkommenden Falls Niemanden verschonen. Es heißt die Liebe entwürdigen, wenn man wahrhaft zu lieben glaubt und doch die schmeichelnden Betheuerungen eines Dritten ruhig mit anhört; es zeigt von wenig Selbstgefühl, wenn man eine große Rücksicht einer kleinen zu opfern vermag. Die Liebe soll veredeln und erheben, nicht anreizen und verlocken zu Nebendingen, die eine Untreue gegen den Adel der Seele bilden. Wer sich selbst untreu ist, der ist es gegen Andere, und das Mißtrauen ist Tod aller Ruhe und alles Friedens.

Rudolf sagte sich das Alles und mit dem bittersten Gefühl, das er je im Leben empfunden, durchwachte er eine lange Nacht. Er konnte nicht mit sich in’s Reine kommen, er liebte Katharina unendlich, aber seine Vernunft, seine beleidigte Ehre ermahnten ihn eben so fortwährend, ihnen gemäß zu handeln, als die Liebe heftiger an seinem Herzen stürmte. – Was konnte er für die Zukunft zu erwarten haben, in der Ehe, wenn er jetzt schon Befürchtungen gegen die aufrichtige Gesinnung seiner Verlobten haben mußte? Handelt so ein liebenden Weib, das nur den Geliebten im Herzen hat? Gewiß nicht! Gewiß nicht! Er wiederholte sich das immer, so oft er in seinem gefaßten Entschlusse schwankend wurde. Eins war ihm unerklärlich, er verschwendete vergeblich all’ seine Gedanken und Meinungen, um dahinter zu kommen. Warum nur, aus welchem Grunde hielt Katharina diese Zusammenkünfte mit dem Junker, da er doch Zeuge des Gespräches war, [276] bei welchem sie ihm geradezu erklärte, daß sie ihn nicht liebte, nachdem sie aber vorher durch lange Zeit stillschweigend seine Liebeserklärungen geduldet? – War sie auch nun und nimmer zu entschuldigen, es reizte ihn doch, den Grund ihrer Handlungsweise zu wissen. Daß dieser kein gewöhnlicher sein konnte, das sagte ihm der übrige Charakter Katharina’s, der sich nicht zu Kleinlichem neigte.

Er hatte Katharina mit ihrem Vater ausgesöhnt. Es war ihm schwer genug geworden, denn der alte Soldat war mit Rudolf einer Meinung, daß seine Tochter nicht redlich und aufrichtig gehandelt; durch die Mittheilung des Gespräches mit dem Junker, worin Katharina eine ganz andere Rolle spielte, als er vermuthet, hatte er sich endlich beschwichtigen lassen. – Diese Aussöhnung sollte, das sagte sich der Maler, der letzte Schritt sein, den er in ihrem Interesse unternommen. – Er litt unter diesem Vorsatze furchtbar, sein Herz blutete, aber die Vernunft gebot ihm, und was er einmal als richtig erkannt, das führte er aus, kostete es auch die schwersten Opfer. – –

Der Junker von Riedd schlief diese Nacht auch nicht. Schon mit dem frühesten Morgen stand er auf, aber mit so verändertem [285] Ein Geräusch hinter ihm, den Weg entlang, den er gekommen war, schreckte ihn auf. Er blickte zurück, eine dunkle Röthe stieg ihm in’s Gesicht, unwillkürlich ging er weiter. Er wurde von dem Manne, der das Geräusch verursacht hatte, beobachtet. Es war der schwarze Kreuzwirth. Er verfolgte den Junker mit seinen Blicken, bis dieser in das Haus des Claus Schilder trat, dann kehrte er um, den Weg nach dem Dorfe zurück.

Sonderbar und beklommen war dem Junker doch zu Muthe, als er die Thüre des Hauses öffnete, aber er wagte nicht umzukehren, denn er fürchtete, dem Kreuzwirth zu begegnen. – Bei seinem Eintritt blickte der alte Soldat verwundert auf. Er saß am Herdofen, blies große Rauchwolken aus seiner irdenen Pfeife von sich, und erhob sich diesmal gegen seine Gewohnheit nicht von seinem Sitze. Neben ihm stand Katharina und schürte im Feuer, an dem ein Topf mit Kartoffeln brodelte. Einige Fische, das gewöhnliche Mittagsmahl, hatte sie soeben in einer hölzernen Schüssel zurecht gemacht. – Sie sah, obwohl etwas bleich und angegriffen, ruhig wie immer aus, und zeigte auch jetzt keine Ueberraschung, als der Junker in’s Zimmer trat und seinen „Guten Morgen“ stammelte.

Mürrisch erwiederte der Alte den Gruß, Katharina dankte gar nicht. Das Blut schoß dem Junker zu Kopfe.

„Nun“, rief er mit dem alten Trotze, „steht es der Jungfer nicht an, zu danken, wenn man grüßt?“

Er erhielt keine Antwort.

Es kochte in ihm; er vergaß Alles, wodurch er noch gedacht hatte, der Hindernisse ungeachtet, ihre Liebe zu erwerben, und zornig fuhr er fort: „Dirne, wenn Du nicht gutwillig antworten willst, so werd’ ich es Dir befehlen!“

„Halt, Herr!“ – Der alte Soldat stand auf, legte die Pfeife auf die Bank und wandte sich gegen den Junker: „Mit Verlaub, das ist mein Zimmer. Ich habe nicht viel Lust mit Ihnen zu reden, ich fürchte die Galle und weiß auch, daß es sich am Ende der Mühe nicht lohnt. Sind Sie nur hergekommen, um uns auf’s Neue zu berücken, mich und meine Tochter, so möcht’ ich Ihnen doch rathen, sich so bald wie möglich hinauszuscheeren, wenn Sie nicht wollen, daß ich von meinem Hausrecht Gebrauch mache!“ –

„Alter Graukopf!“ schäumte der Junker, „ein Mensch, nicht besser, wie ein Bettler, der im Straßenkoth die Lumpen aufsucht, der froh sein muß, daß man ihn irgendwo duldet, Du erfrechst Dich eines solchen Tons gegen den Sohn Deines Herrn? Sieh’, noch ein solches Wort und ich schlage Dir, so wahr Gott lebt, in’s Gesicht!“ –

„Ihr?“ – Dem Alten schwoll die Stirnader, rasch warf er den Rock ab und streifte die Hemdärmel auf. „Ihr, Junkerlein? Ich habe keinen andern Herrn, als Gott und den König. Ich habe diesem treu gedient durch viele Jahre, ich bin in Ehren und in Schlachten grau geworden, während Ihr noch in der Wiege pfiffet; Herr, so etwas, wie Ihr, sagt mir keiner ungestraft.“

Er wollte sich auf den Junker werfen, der seinerseits, blind vor Wuth, das Gewehr erhob und mit dem Kolben ausholte – Katharina sprang rasch zwischen Beide. Geschickt erfaßte sie den Junker am Arm und mit behender Kraft entrang sie ihm das Gewehr.

„Doppelter Mörder!“ rief sie ihm dabei zu. „Hinaus! Augenblicklich! Oder, ich schwöre es, so wahr Gott lebt, wenn Du zauderst, ich schieße Dich über’n Haufen!“ – Sie hielt ihm die Mündung des geladenen Gewehrs entgegen. – Er zitterte am ganzen Körper, seine Lippen wurden blau, sein Gesicht fahl und aschgrau, sein Blick irrte angstvoll umher, rückwärts, mit vorgestreckter Hand, bewegte er sich zur Thür hinaus. – Katharina kam ihm langsam nach und warf ihm dann in einiger Entfernung das Gewehr wieder zu. – Mit eiligster Hast raffte er es auf, gleichsam als fürchte er eine Erneuerung des eben erlebten Auftritts, unterließ aber dabei nicht, seinem Hunde, der während desselben draußen geblieben war und jetzt hinzugesprungen kam, einen derben Fußtritt zu geben, daß dieser heulend und winselnd sich am Boden krümmte. – Ohne zurückzusehen schlug der Junker den Weg nach dem Schlosse ein. Sein einziger Gedanke war fortan nur Rache. An einer Biegung begegnete er Rudolf. Höhnisch rief er ihm im Vorübergehen zu: „Ei, wohin, Herr Maler? Und so nachdenkend, daß Sie Einen fast überlaufen? Vermuthlich zu der schönen Verlobten. Nun, ich wünsche Ihnen Glück, wenn davon die Rede sein kann. Ich meinerseits würde mich bedenken, da anzubeten, wo mir ein Anderer bereits zuvorgekommen ist. Nun, über Geschmackssachen läßt sich nicht streiten. Manche lieben die schon betretenen Wege.“ – –

Rudolf antwortete nicht, kaum daß er ein wenig aufblickte. Er war in einem Zustande der Versunkenheit, sein Herz so schwer belastet, daß er selbst gegen diese grobe Beleidigung gleichgültig blieb; kam sie doch überdies aus einem Munde, den er verachtete. Er ging weiter und trat ohne Zögern über die Schwelle des Hauses am Meeresstrande. – Wenn er Katharina mit größerer Aufmerksamkeit [286] betrachtet hätte, so würde er bemerkt haben, wie sie bei seinem Eintreten die Farbe wechselte; er ergriff aber nach einer ruhigen und gewöhnlichen Begrüßung gegen sie, mit Herzlichkeit die dargebotene Rechte des alten Soldaten und schüttelte sie, wie es recht warme Freunde thun.

Auf das Gesicht des Alten kam beim Anblick des Malers förmlich Sonnenschein, er rückte zurecht und machte ihm neben sich Platz. Rudolf nahm denselben auch ohne Weiteres ein. – Katharina’s Herz pochte ungewohnt, alles Blut schien dahin zu drängen; sie wagte es kaum, den Verlobten anzusehen und beschäftigte sich mehr denn vorher mit dem Feuer. –

„Ich komme,“ begann Rudolf mit anfangs etwas bebender Stimme, die aber bald die volle Festigkeit gewann, „um nun von dieser Gegend und auch von Euch, Vater Claus, Abschied zu nehmen.“

„Abschied?“ – Die Sonne von dem Gesicht des Veteranen verschwand und machte einer finstern Wolke Platz. Katharina’s Herz stockte einen Augenblick, um sogleich wieder heftiger zu schlagen.

„Ja, lieber Vater. Es duldet mich nicht länger hier. Ich kann Euch wohl sagen, mir ist gewaltig schwer um das Herz, aber es hilft nichts, gehen muß ich, um nimmer wiederzukommen. Seht mich nicht so verwundert an, Vater Claus, ich trag’ nicht die größte Schuld davon. Ich hätte mir gestern und heute die Augen ausweinen mögen, als ich den Entschluß gefaßt, ich habe die Sache nach allen Seiten gedreht und gewendet, ob sie sich ändern lasse, aber es geht nicht. Es würde nimmer gut thun, auch wenn ich bliebe, darum besser, ich gehe.“

„Ja, und das Aufgebot und die Kathrina dort, meine Tochter?“ fragte der Alte stockend.

„Darum eben muß ich fort. Ich hab’ Euch um Euer Kind gebeten, und wahrhaftig, Vater, ich hatte die Absicht, sie gut zu halten, wie nur der Mann mit seiner Ehefrau thun kann. Ich habe das auch Katharina gesagt, sie weiß auch, daß ich sie unsäglich geliebt, daß ich sie noch so liebe, und nimmer aufhören werde, sie so zu lieben. Aber daß wir uns heirathen, das ist nun dahin. Ausgesöhnt seid Ihr, Vater Claus, mit Eurer Tochter, ich habe das zu Wege gebracht, obwohl Ihr nicht recht dran wolltet und das ist wenigstens etwas; wenn ich auch wohl glauben mag, daß Ihr, guter Vater, mich nicht sobald vergessen und manchmal an den Maler, der nun recht einsam steht, denken werdet“ – Er reichte dem Veteranen die Hand.

Dieser erfaßte sie, drückte sie herzhaft und sagte: „Nimmer vergeß’ ich Euch, Herr Rudolf, und Eurer denken werd’ ich ohne Groll. Ihr habt recht gehandelt. Ich hab’ beinah’ so etwas erwartet und hab’s auch dort meinem Mädel gesagt. Sie hat nun den Lohn für ihr doppelzüngiges Wesen, das jedem geraden Mann nicht gefallen mag. Grad’ so, wir Ihr, hätt’ ich gehandelt. Recht leid, recht leid thut es mir, denn – ich sag’s Euch rund heraus – einen bessern Schwiegersohn hätt’ ich mein Lebtag nicht gekriegt, und nun mag Kathrine zusehen, ob sie überhaupt einen in’s Haus schafft. Ich glaub’s nicht. Wenn ihr das nun nicht an’s Herz geht, der Skandal, den es geben muß, nach einem Aufgebot bereits, der Spott im Dorfe und das Gelächter des schändlichen Junkers, dann weiß ich es wahrhaftig nicht, ob sie überhaupt eins hat. Diese Schande in meinen alten Tagen, über mein Mädel, das ich so sehr geliebt! Nun, ich werd’s wohl nicht lange mehr überleben, und recht fleißig will ich zu Gott beten, daß er einen recht kurzen Prozeß mit mir macht. Was taugt’s, daß man sich verkümmert herumtreibt; besser so als so!“ –

„Vater!“ rief Katharina vom Herde herüber mit leisem Vorwurf und einer Stimme, die es nicht ganz verbarg, daß sie unter Thränen sprach. –

„Ihr zürnt mir also nicht, Vater Claus?“

„Nein, und wahrhaftig nicht! Aber sagen muß ich’s noch einmal, leid thut mir’s, recht leid.“ –

Rudolf erhob sich jetzt und trat näher an den Herd. „Katharina!“ sprach er leise.

Sie wandte sich nicht um und fragte kaum hörbar: „Nun, Rudolf?“ –

„Ich habe Dich unsäglich lieb. Wenn Du mich nur einen Theil so wieder liebst, so wirst Du fühlen, Katharina, wie weh mir sein muß, daß wir uns in dieser Weise gegenüberstehen. Ich habe eine Nacht durchkämpft voll Schmerzen. Worte reichen nicht hin, sie auszusprechen. Ein Glück ist mir zerschlagen, das nicht für jetzt, für immer nachwirkt, so viele Tage ich auch noch haben möge. Ich möchte in Gutem von Dir scheiden, Katharina, als Freund vom Freunde; ich bin es Dir. Sag’ mir ein leises Wörtchen, daß Du mir nicht nachtragen willst, was unvermeidlich ist. Ich kenne Dich, ich weiß, Du hast ein großes Herz, wenn es Dir auch nicht erlaubt, in Allem wahr zu sein. Ich will nicht reden von dem, was werden sollte; ich wollte Dein Glück, Dein Bestes, so weit ich’s Dir bieten konnte. Du hast es von Dir gewiesen, wir müssen scheiden.“

„Wenn Du gehen kannst, ohne daß Dir das Herz bricht, so mag’s sein; ich halte Dich nicht, Rudolf.“

„Mir bricht das Herz und dennoch geh’ ich.“ – Es war ihm, als sollte er sie um den Grund befragen, der sie veranlaßt hatte, ein doppeldeutiges Wesen an den Tag zu legen, da es aber doch keinen gegeben hätte, der stark genug gewesen wäre, seinen harten Vorsatz zu ändern, sie überdies auch jetzt nicht von selbst davon reden wollte, so unterließ er es. Von dem Junker hatte er aus Absicht gänzlich geschwiegen, es war ihm peinlich, das Geschehene noch einmal erörtern zu sollen. – Er drückte nochmals dem alten Veteranen, der sich verstohlen die Augen wischte, die Hand, warf noch einmal einen langen Blick auf Katharina, dann ging er langsam von dannen. –

„Der arme junge Mensch!“ sagte der alte Soldat und schlich in die Kammer. Katharina entgegnete nichts, aber ihr Herz sprang und mit krampfhaften, plötzlich stromweis ausbrechenden Thränen sank sie zusammen. –

Rudolf bemerkte kaum, daß ihm weiterhin der Ortsschulze in Begleitung eines Gensd’armen begegnete. Er schenkte ihnen keine Aufmerksamkeit und eilte nach Hause. Alles war bereits gepackt und geordnet; eine Viertelstunde darauf verließ er den Ort. –

Eine Stunde nachher durchlief die ganze Gegend das Gerücht, daß man den alten Claus Schilder verhaftet, daß er es gewesen, der das Gewehr des Junkers von Riedd in den Klosterruinen verborgen und daß noch andere Anzeichen vorlägen, daß er denselben verwundet habe. – In der That war der alte Soldat vor der Hand auf das Schloß des Freiherrn gebracht worden; von da sollte er nach Kolberg vor die ordentlichen Gerichte geführt werden. Er ergab sich in sein Schicksal ohne Murren, gefaßt, betheuerte aber fortwährend seine Unschuld und verhehlte es nicht, als er vor dem Vater des Junkers stand, der ihn hatte kommen lassen, daß sein Sohn nur aus Rache handele. Auf die weitern Fragen des Freiherrn erzählte er der Wahrheit gemäß all’ die Vorgänge, die sich seit Kurzem mit seiner Tochter Katharina zugetragen. War nun auch der Freiherr geneigt, ihm Glauben zu schenken, da er sehr wohl die bösen Neigungen seines Sohnes kannte, und demselben damals bei der Angelegenheit mit Rosi, des Kreuzwirths Tochter, nur nach langen Bitten verziehen hatte, so veranlaßte ihn doch ein Umstand wiederum mit diesem Glauben zu zögern. Casimir, sein Sohn, hatte ihm von dem blutbefleckten Rocke erzählt, den an jenem verhängnißvollen Tage der alte Claus getragen haben sollte; als er nun diesen darüber befragte, so gestand der alte Soldat diesen Umstand unumwunden zu, jedoch auf eine weitere Erklärung wollte er sich nicht einlassen. Alle Ermahnungen des Freiherrn blieben fruchtlos.

„Nun denn“, rief er zuletzt zornig aus, „Ihr sprecht immer von Eurer Unschuld, und was Euch anklagt, wollt Ihr nicht erklären. Allerdings mag die ganze Geschichte aus unlauterer Absicht angezettelt sein, warum soll ich meinen Sohn besser machen als er ist? Sein ganzes Schweigen ist verdächtig; aber an Euch ist es, Eure Unschuld darzulegen. Könnt Ihr das, so redet und ohne Zaudern, damit die Sache in Gutem beigelegt werden kann. Ganz unbetheiligt seid Ihr dabei nicht, so viel ist mir mindestens klar geworden. Das aufgefundene Gewehr beweist wenig oder nichts, man kann ihm nicht ablesen, wer damals geschossen hat, aber dieser Umstand zu dem zweiten, der Euch hauptsächlich verdächtigt und den Ihr nicht auseinandersetzen wollt, geben eine gerechtfertigte Anklage; was zu berücksichtigen ich Euch doch rathen möchte. Ich sag’ Euch wiederholt, daß auch mir die Geschichte fatal ist, mein Junge macht mir das Leben herzlich sauer, aber es ist mein Einziger, der Stammhalter meiner Familie, deshalb hab’ ich ihm Vieles durch die Finger gesehen, kommt es mir jedoch zu bunt, so weiß ich nicht, was geschieht. Ich will Gerechtigkeit für Jeden, mögt Ihr mich auch für streng, hart und Gott weiß was Alles [287] ausschreien. Nehmt Euch zusammen, ich sag’s Euch zum letzten Mal.“ –

Die Rede blieb ohne Eindruck auf den Alten. Er gab die wiederholte Versicherung ab, daß der Blutflecken sich rein zufällig vorgefunden habe, vielleicht durch das Berühren des Verwundeten, vor dem er niedergekniet, daß er nicht im Mindesten bei dem Vorfall betheiligt sei, und den Junker nie gefährdet habe. –

„Potz Henker, Eure Tochter wird doch nicht aus Schadenlust den eigenen Vater in Fatalitäten und in’s Gefängniß bringen wollen? Sie hat’s meinem Sohne gesteckt und ausdrücklich wird gesagt, das Blut an Eurem Rocke sei früher dagewesen, als mein Sohn zu Euch in’s Haus gebracht worden ist. Wo ist die Dirne? Katharina heißt sie ja wohl?“

„Ja Herr. Sie ist auf mein Geheiß zu Hause geblieben. Sie wollte mit Gewalt mit, ich mußte scharf einreden, bis sie es unterließ.“

„Nun, so will ich sie holen lassen!“ – Der Freiherr gab sogleich den Befehl, und fuhr dann fort: „Wie ist es gekommen, daß Euer Mädel heute von der Geschichte anfing und meinem Sohne erzählte, Euch müßte damals auch etwas Uebles begegnet sein? So etwas erzählt man entweder gar nicht, oder, wenn es die Dummheit will, gleich am selbigen Tage. Ich begreife Eure Tochter nicht.“

„Ja, Herr,“ versetzte der alte Soldat betrübt, „das ist eben mein Unglück. Dem eigenen Vater geht es nicht besser, wie Euch, dem Fremden. Was hab’ ich nicht Alles in sie geredet, daß sie sich ändern möchte, aber Gott bewahre, daß es half! Sie ist ganz anders, wie die Dirnen in ihren Jahren. Sie spricht wenig, geht immer sinnend vor sich hin, hat kein Vergnügen an Tanz und Spiel und kein Mensch kann recht in ihr Herz gucken. Sie hat mir heute ein großes Leid zugefügt, außerdem, und einem braven Burschen auch. Ihr kennt ja, gnädiger Herr, den jungen Maler, ich hab’ Euch ja bereits von ihm erzählt, und wißt, was an ihm war. Ich hätt’ ihn gar gern zum Schwiegersohn gehabt, und wetten möcht’ ich jetzt auch, daß Katharina ihn bis zum Sterben lieb hat. Seht, wie ich da von dem Ortsschulzen abgeholt wurde, da lag sie am Boden, rief in Einsfort: Rudolf! und schluchzte, daß es zum Erbarmen war. Wie nun das neue Leid kam, da hörte sie gleich auf zu weinen, ich merkt’s, sie schämte sich der Thränen vor den Leuten und auch vor mir; sie sprach mit dem Schulzen gar verständig, meinte, das sei nur ein Irrthum, eine Bosheit des Junkers – verzeiht mir, gnädiger Herr – und es würde sich bald zeigen, daß ich unschuldig sei.“

Die Stirn des alten Freiherrn verfinsterte sich immer mehr, mit großen Schritten ging er im Zimmer auf und ab und kaum konnte er die Zeit erwarten, wo Katharina eintreten würde. Als es geschah, überflog er mit seinen lebhaften Augen ihre Gestalt und er sagte sich heimlich, daß er in ihrem Stande noch nie ein so vollkommenes Weib gesehen habe. Er kannte sie wohl schon, aber nie hatte er sie einer so großen Aufmerksamkeit gewürdigt, wie jetzt, wo er dazu veranlaßt wurde. – Er ließ auch nach einigen Minuten der Ueberlegung seinen Sohn herüberrufen. – Es dauerte lange, bis dieser kam, er schien nicht sonderlich geneigt zu einer Confrontation mit den Bauern zu sein.

Er sagte es auch mit trotzigen Worten seinem Vater, wobei er aber nicht wagte, Katharina anzusehen. Der alte Freiherr donnerte auf: „Bube, ich rathe Dir ein anderes Betragen! Noch ist’s nicht erwiesen, ob Du nicht Unschuldige verleumdet hast. Ich kenne Deine Gelüste nur allzu gut, und sage Dir, wenn Du nicht rein aus dieser Geschichte hervorgehst, so kriegst Du einen Denkzettel, der Dir auf Jahre zu schaffen machen soll!“ –

„Vor diesen sagst Du mir das, Vater?“

„Vor diesen, ganz recht! Vor der Dirne, der Du nachgelaufen bist, vor dem alten Graukopf, den Du um sein Kind betrügen wolltest. Schäm’ Dich mit Deinen hocharistokratischen Neigungen, wenn Du keinen Adel in der Seele trägst. So tief hinabzusteigen, nur um seinen tollen Leidenschaften zu fröhnen! Schon einmal hab’ ich Dir eine ähnliche Geschichte kaum verzeihen können, es hat damals der Dirne das Herz gebrochen, alle Leute schimpften auf mein Haus und auf mein Wappen, und Du willst diesen Vorfall erneuern? Trotzest Du darauf, daß Du mein Einziger bist? Friedrich Wilhelm I. hat seinem widerspenstigen Sohne den Kopf vor die Füße niederlegen lassen wollen, und dieser Sohn wurde Friedrich der Große. Ich habe die Hoffnung nicht, mit Dir eine ähnliche Ehre einzulegen, ich kann Dich auch nicht köpfen lassen, aber enterben kann ich Dich, ich kann Dich aus meinem Hause jagen, wie den letzten meiner Diener!“

Casimir wurde leichenblaß, seine Lippen bebten vor Ingrimm und Scham, aber er wagte nicht, seinem Vater etwas zu erwiedern; er wußte, daß man ihm im Zorne nicht widersprechen durfte. Der Freiherr wandte sich an Katharina: „Wann hast Du mit meinem Sohne von der Geschichte gesprochen, wann ihm gesagt, daß Du an dem Rocke Deines Vaters Blutflecke gesehen? War das heute oder längst?“

„Längst, gnädiger Herr. Es geschah ganz in Gutem und der Junker nahm das auch so auf. Heute hatten wir nur mitsammen Schlimmes zu besprechen, denn ich wollt’ es nicht mehr dulden, daß er mir überall nachging und von seiner falschen Liebe redete. Ich hatte meinen Schatz, dem zu Lieb mußt’ die Sache aufhören und auch meinem Vater zu Lieb, der ein Aergerniß daran nahm. Die Leute munkelten auch schon davon; es war hohe Zeit, daß ich die Zusammenkünfte aufgab.“ –

„Aber warum bist Du überhaupt mit meinem Sohne zusammengekommen? Wenn Du so gescheidt heute zu denken weißt, so wirst Du es auch schon früher gethan haben. Du sagst da von falscher Lieb’, ich sollte meinen, Du hättest meinem Sohne eben nichts vorzuwerfen. Wenn Dich Dein Geliebter verlassen hat, so find’ ich das nach Deinem Betragen ganz in der Ordnung und es beweist nur, daß er ein Bursche ist, der das Herz auf dem rechten Flecke hat. Was sollte das für eine Ehe werden, wenn er fortwährend Dich bewachen, mit Mißtrauen beobachten müßte? Zwischen Liebenden und Gatten muß Offenheit herrschen, die größte Wahrheit, die Zwietracht im Hause vernichtet alles Glück und allen Frieden. Du hast das nun gebüßt, und im Uebrigen kümmert es mich auch weiter nicht; aber wissen möcht’ ich doch, warum Du mit Casimir, meinem Sohne, zusammengekommen, wenn Du ihm nicht mehr als Deine Gesellschaft schenken wolltest. Ich kenn’ den Jungen zu gut, als daß ich nicht wissen sollte, daß ihm damit wenig gedient gewesen wäre. Hat er Dir vielleicht was gegeben, reiche Geschenke gemacht? Ein Grund muß doch vorhanden sein.“

„Es ist ein Grund vorhanden, gnädiger Herr, aber ich sag’ ihn nicht!“

„Dann werde ich Dich zwingen. Was glaubst Du denn, Dirne, vor wem Du stehst? Ich rathe Dir im Guten, es wohl zu überlegen, bevor Du antwortest. Ich frage Dich noch einmal, was hat Dich veranlaßt, Casimir so weit zu verlocken, daß er wie toll und närrisch vor Liebe sich geberdete? Du hast im Anfang nicht Ja und nicht Nein gesagt zu dem, was er Dir von seiner Leidenschaft auskramte und nun endlich hast Du ihn zurückgewiesen und in einer Weise, die sehr auffällig ist. Du siehst, ich weiß Alles, bin von Allem unterrichtet. Jetzt antworte! Was hat Dich zur Falschheit, zu einem bösen Spiel getrieben?“

„Das weiß nur Gott und ich, und so wird es bleiben. Ihr bekommt nichts aus mir heraus, Herr Freiherr!“ – Sie legte wie betheuernd die Hand auf die Brust und blickte nach oben.–

„Dirne!“ – Der Freiherr ging mit erhobenem Arme auf sie zu. Sie sah ihn fest und unerschrocken an; entwaffnet ließ er unwillkürlich den Arm wieder sinken. Etwas wie eine Verwünschung zwischen den Zähnen murmelnd, ging er im Zimmer auf und ab, hie und da einen Blick nach seinem Sohne, bald auf Katharina und ihren Vater werfend.

Katharina ergriff auf’s Neue das Wort: „Ich weiß nicht so ganz recht, ob ich gegen Euern Herrn Sohn falsch gehandelt oder nicht: hat er doch falscher gegen Andere und auch mich gehandelt. Was wollte er von mir? Doch nimmer, was ein rechtschaffenes Mädchen gewähren kann. Toll ist er geworden, ja, das ist wahr, denn er geberdete sich wild und unnatürlich, als ich nicht gewähren wollte, er treibt es auch noch weiter, denn er klagt meinen Vater an, und der ist unschuldig. Der Junker ist kein guter Herr, ich hab’ nicht gegen ihn gefehlt. Wenn ich gefehlt hab’, und es geht mir seit heute so im Kopfe herum, so hab’ ich es nur gegen den Maler, den Rudolf, den ich im Herzen getragen habe und immer tragen werde, wie’s auch kommen mag. Meinen Vater aber nach Kolberg oder Stettin abführen, lass’ ich nicht, das sag’ ich Euch, Herr Freiherr. Laßt Euch im Guten zureden. Was hat Euer Sohn so lange geschwiegen? Auf all’ Euere Fragen nicht geantwortet? Da steckt etwas dahinter. Fangt nur die [288] Untersuchung bei dem Junker an, da wird sich’s zeigen, wo das Unrecht steckt. Es war nicht gescheidt, daß er die Geschichte aufgerüttelt hat, nun mag er’s zeigen, ob er auch der Mann ist, sich herauszureden. Mit meinem Vater soll er aber ja nicht den Anfang machen; ich erhebe ein Geschrei, das nach Berlin bis zum Könige geht. Der Vater ist ein alter Mann, ein armer Fischer, dem man keinen Tag stehlen darf, das sollt Ihr wohl bedenken.“

Der Freiherr von Riedd blickte mit halbem Auge nach dem Mädchen, und wandte sich an seinen Sohn, der am Fenster stand und Allen den Rücken zukehrte: „Hierher gesehen, Gesicht gegen Gesicht!“

Casimir gehorchte knirschend.

„Hast Du gehört, was das Mädchen dort ausgesagt? Ich meine, sie hat nicht ganz Unrecht, und ich war wieder der zärtliche Vater eines ungezogenen Knaben.“

„Nun, Vater!“ fuhr der Junker wüthend heraus, nicht mehr fähig, sich länger zu mäßigen, „nun erreicht es ein Ende. Ich dulde diese Beschimpfungen nicht mehr. Ich bin so gut ein Edelmann, wie Du, und wenn Du es weiter treibst, so kann es geschehen, daß auch ich mich vergesse.“

Der alte Freiherr zitterte am ganzen Körper, seine Augen traten aus ihren Höhlen, eine Marmorblässe überzog sein Gesicht; er rang vergeblich nach Worten. – Er faßte nach einem Stuhl, hielt sich an demselben fest und murmelte etwas vor sich hin. Nach einer Pause sagte er äußerlich vollkommen ruhig: „Ich weiß, wohin Du arbeitest; Du möchtest wohl, daß Dein alter Vater vor der Zeit zu dem Ewigen ginge. Ich habe nicht Lust und Neigung, Dir diesen Gefallen zu thun. – Du nennst Dich einen Edelmann? Wer hat Dich dazu gemacht? Deine Verdienste oder Deine Geburt? Es wäre lächerlich, wollt’ ich mich hier in Auseinandersetzungen einlassen, die zu nichts fruchteten. Du bist und hast eben nichts, als was Dir Dein Vater giebt und durch diesen Deine Ahnen gegeben haben. – Ich werde der Untersuchung freien Lauf lassen, ich werde auch nichts, hör’ es, nichts thun, um Dich vorkommenden Falls zu unterstützen, zu Deinen Gunsten Schritte einzuleiten. Es mögen Dinge zur Sprache kommen, welche auch wollen, ich bin Dein Vater in dieser Angelegenheit nicht. Weiter wirst Du Dich, und das noch heute, bequemen, nach Berlin abzureisen. Dort stellst Du Dich bei der Militär-Commission. Du wirst Soldat, gemeiner Soldat bei der Linie. Du hast nichts gelernt, ich darf nicht erwarten, daß Du Dich zum Offizier emporschwingst. Subordination sollst Du aber lernen, durch drei volle Jahre, von denen ich auch nicht eine Stunde abmäkeln lasse. In dem ersten Jahre erhältst Du nicht einen Groschen von Hause, in den folgenden wird es von Deinem Betragen abhängen, ob Du was erhältst. Das Reisegeld und die nöthige Zehrung bis Berlin werd’ ich Dir geben, gleichfalls einen Brief an einen dortigen Freund. Du giebst diesen Brief binnen hier und acht und vierzig Stunden ab, thust, was ich befohlen, oder, so wahr Gott im Himmel lebt und so wahr ich ein Edelmann bin, Du bist von der Minute an nicht mehr mein Sohn und bist enterbt!“

Das hatte Casimir nicht erwartet. Wie vernichtet starrte er seinen Vater an, aber aus diesen Zügen sprach der ausgesprochene Entschluß so entschieden, daß er mit jedem Einwand verstummte. Und, als sollte nun mit einem Mal das Verderben über ihn hereinbrechen, es wurde die Thür geöffnet und ein Diener trat mit der Meldung in’s Zimmer, daß den gnädigen Herrn der schwarze Kreuzwirth dringend zu sprechen begehre.

Der Freiherr befahl, ihn eintreten zu lassen. „Was habt Ihr mir zu sagen?“ rief er ihm zu. „Ist es nöthig, daß wir allein sind, oder kann es hier geschehen. Ich bin augenblicklich mit diesen Leuten beschäftigt.“

Der Kreuzwirth, nachdem er sich tief verbeugt hatte, sah sich im Zimmer langsam rund um und zwickte seltsam mit den kleinen grauen Augen, die am Längsten auf dem Junker verweilten. Er hustete dabei stark und hohl, was auf eine Kränklichkeit deutete. Endlich sprach er mit gedämpfter, anscheinend heiserer Stimme: „Verzeiht mir, gnädiger Herr, wenn ich nicht rasch genug – das sagen werde – was ich zu sagen habe. Ich bin – soeben – vom Krankenlager aufgestanden – gegen das Gebot des Doctors.“

Man hörte es ihm an, wie schwer es ihm wurde, zu sprechen; die Worte wurden oft vom Husten unterbrochen. Der Freiherr schob ihm einen Stuhl in die Mitte des Zimmers und sagte: „Setzt Euch!“ –

Dankend nahm es der Kreuzwirth an, dann fuhr er fort: „Für die Anwesenden – ist es kein Geheimniß – was ich zu sagen habe. – Sie können Alle hier bleiben – das heißt, mit – mit Eurer gnädigen Erlaubniß.“ –

„Ganz gut, Kreuzwirth, aber ich sollte meinen, Ihr hättet dem Arzt folgen und im Bett bleiben sollen,“ erwiederte der alte Freiherr, halb unmuthig, halb voll Theilnahme für ihn, dessen ganze Gestalt im hohen Grade angegriffen aussah.

„Das bleibt sich gleich – gnädiger Herr – es geht nun zu Ende – bischen früher oder später – Was thut das? – Der Doctor hat’s schon ausgesprochen – seinen Mienen les’ ich’s – daß mir nicht mehr zu helfen ist – deshalb mußt’ ich aber – hierher kommen – ich muß Euch etwas berichten. – Es lastet gar schwer auf meinem Herzen – Doch halt!“ – Er erhob sich rasch, streckte die Hand aus und schoß einen letzten Blitz aus seinem ermatteten Auge: „Laßt den Junker nicht fort! – Er muß es auch hören.“ –

Der alte Freiherr ging an die Thüre und rief hinaus, man solle Jedermann abweisen, er sei nicht zu sprechen; dann schloß er die Thüre ab. – Finster trat Casimir an den verlassenen Platz zurück.

[297] „Redet!“ befahl der Freiherr dem Kreuzwirth. – Dieser begann: „Es wird wohl kein Hehl nöthig sein, Alles zu sagen. – Es ist ja bekannt in der ganzen Umgegend und wohl darüber hinaus, daß ich eine Tochter hatte – Rosi – das schönste Mädchen – und was für ein traurig Ende es mit ihr nahm. Bevor es so weit kam – redete ich auch mit Euch, gnädiger Herr – aber Ihr sagtet damals: das wär’ Vaters Sache, der müßt’ aufpassen über die Kinder. – Ja, du lieber Himmel, in der Liebe aufpassen, das kriegen keine Aeltern fertig. – Dann sagtet Ihr mir auch, der Bauer erreiche das Ohr des Königs nicht. – Ich sah das wohl ein. – Aber der Junker hatte meiner Rosi die Ehe versprochen – ich war in meinem Recht – und doch hätt’ ich’s vielleicht in Berlin versucht – aber Gott sprach dazwischen – meine Rosi legte sich hin und kam zum Sterben. – An ihrem Bette da wachte ich – und dort des Claus Schilder’s Katharina. Sie war die Freundin meiner Tochter. – Man brachte Rosi auf den Kirchhof – da war aber das Kind – das kleine Wesen, das nicht umkommen durfte. – Ich konnt’ es nicht warten und hegen, hatte auch einen Haß gegen das kleine Geschöpf – fehlte doch die Mutter, die ich gar sehr geliebt. – Wohin damit? Ich sprach mit Katharina, die in Allem verschwiegen ist. – Wir riethen hin und her, endlich wurde beschlossen, das Kind einem Weibe zu übergeben, fünf Meilen von hier, das ich kannte – und dem die Sache auch willkommen war – arm, wie das Weib ist, konnte demselben die Sache nützen – ich setzte für das Kind etwas Gewisses für den Monat aus. – Später, da ging es aber mit meinem Ausschank schlecht. – Die Bauern zogen in andere Dörfer. – Mit meinem Sinne stand es auch gar übel – denn ich konnte Rosi nicht vergessen, die mir stets an die Hand gegangen war und die mir aller Orten fehlte. – Ich bin alt, gnädiger Herr – und da sehnt man sich gar sehr nach seinen Kindern. – Wie gesagt, die Geschichte ging mir im Kopf herum, mehr und mehr. – Zudem kam noch, daß letzten Sommer meine Felder durch Hagelschlag furchtbar gelitten hatten – die größte Noth kehrte bei mir ein – ich wußte gar nicht mehr, wo was zum Leben hernehmen – Haus und Hof waren verschuldet – das Weib vom Dorfe drüben jammerte auch für das Kind. – Mir ging es immer wie ein Messer durch’s Herz und mein Sinn wurde gar rachsüchtig gegen den Junker. –

„Wir trafen uns mehrmals, der Herr Junker und ich. Es drängte mich dann immer, mit ihm zu reden und ihm das Elend vorzuhalten, das über mich durch seine Schuld gekommen war. Denn er war daran Schuld, gewiß und wahrhaftig – die Bauern meinten, ich sei hoffärtig gewesen und habe es mit Fleiß mit dem Junker getrieben und gestattet, daß er mit Rosi verkehre. – Sie nannten mich keinen ehrlichen Kerl und blieben aus meiner Schenke. – Eines Tages nun, da hatte ich keine Ruhe im Haus – das Weib hatte mir wieder Nachricht gegeben von ihrer Noth – mein Haß stieg und stieg, daß ich manchmal gar sehr vor mir selbst fürchtete. – Eines Tags, ja, da lief ich von Haus und fort durch den Wald – Es war ein gewaltiges Unwetter im Anzuge, aber mich kümmerte das nicht. – Ich warf mich unter einen Baum, auf dem Wiesfleck, wo die Buchen und Eichen stehen. Nicht lange, da sah ich den Junker daherkommen, das Gewehr auf der Schulter, den Hund hinterher. – Heiß lief es mir über den Rücken. Ich stand auf und trat ihm, die Mütze in der Hand, entgegen.– „Guten Tag, Herr Junker!“ sprach ich. – „Guten Tag!“ – „Herr Junker, ich hätt’ Euch was zu sagen!“ – „Nun, so sprecht, aber rasch! Es wird gleich losgießen vom Himmel, ich will nach Hause!“ – Ich hielt dem Junker nun meine Noth vor und bat, daß er etwas thun sollte. – „Seid Ihr verrückt, Kreuzwirth!“ fuhr er mich an. „Mein Vater hält mich so knapp, daß ich kaum Pulver genug für die Jagd auftreiben kann, ich kann Euch nichts geben.“ –

Ich trat ihm in den Weg: „Aber Ihr seid verpflichtet, was zu thun!“ – „Verpflichtet, ich? Ihr habt wahrhaftig Zeit in’s Tollhaus, grauer Betrüger! Ist es ausgemacht, daß ich der Vater zu Rosi’s Kinde bin? Die Dirnen hier zu Land laufen von Einem zum Andern.“ – Das Blut schoß mir zu Kopfe, ich faßte den Junker beim Rockzipfel, hielt ihn zurück und sagte: „Herr Junker, meine Tochter ruht im Grabe, sie kann sich nur vor Gott vertheidigen, aber ich lasse sie nicht beschimpfen, von Niemand, am allerwenigsten von dem Schurken, der sie in das Grab gebracht!“ –

Der Junker schlug mich – Herr, ich hatte noch nie einen Schlag bekommen. Die Verzweiflung und die Wuth gaben mir Riesenkräfte – ich riß dem Junker das Gewehr von der Schulter, trat mehrere Schritte zurück – er liegt von der Kugel getroffen zu Boden. – Der Hund, der sich bis dahin ruhig verhalten, sprang jetzt wüthend auf mich zu und an meinen Hals – das Entsetzen über das Geschehene lähmte mich so, daß ich mich hätte ruhig erwürgen lassen. – In diesem Augenblicke kam Claus Schilder den Weg, er sah meine Gefahr und riß mit eiserner Faust den Hund von meiner Brust. Die Bestie wandte sich nun gegen ihn – Claus erschlug ihn mit einem starken Ast, den er in der Hand hielt. – Jetzt erst sah er den Junker am Boden [298] liegen. – Ich erzählte ihm Alles, wie es zugegangen. Er sagte nichts als: „Armer Mann!“ – Dann schwur er mir, von der Sache zu schweigen, und das that er aus freien Stücken. – Wie nun eine Weile vergangen war und ich fortgehen wollte, da sagte er: „Den Junker wollen wir aber doch hier nicht liegen lassen: ihm ist noch zu helfen, wir wollen ihn an den Weg tragen, wo mehr Leute vorübergehen.“ – Das geschah denn auch, und wir trennten uns. – Jetzt fiel mir ein, daß wir das Gewehr nicht aufgehoben, ich hole es und will es dem Junker an die Seite legen, wie ich aber zurückkomme, sehe ich schon zwei Waldhüter, die den Getroffenen auf Tannenäste legen und forttragen. – Ich verbarg mich und wartete – das Unwetter war inzwischen ausgebrochen, aber ich wagte doch nicht, hervorzutreten, bis es nicht Nacht geworden war. Das Gewehr wollt’ ich nicht im Hause haben, ich trug es in die Klosterruine.“ – Der schwarze Kreuzwirth hatte geendet. Der Eindruck war auf die Anwesenden ein verschiedener. Claus Schilder blieb ruhig und war nur besorgt für den weitern Verlauf; Katharina aber war voller Freude, ihr Auge leuchtete und blickte nach dem Vater, als wollte sie sagen: „Ich wusste ja, daß Du unschuldig und der bravste Mann bist!“ – Der alte Freiherr durchmaß mit großen Schritten das Gemach und sprach vor sich hin: „So rächt sich die Affenliebe der Aeltern, wenn man die Söhne verwildern läßt und allzu nachsichtig ist. Es ist keine Erziehung, wenn sie nicht streng überwacht wird, wenn man nicht offene Augen für die aufkeimenden Fehler und bösen Neigungen behält.“ – Dann trat er auf Casimir zu und fragte mit kaltem Ernst: „Ist es so, wie der Kreuzwirth ausgesagt?“ – „Ja!“ erwiederte der Junker, von dem Gewicht des Augenblicks niedergeschmettert. – „So geh’ hin zu dem alten Manne, dem Du die Tochter entehrt, nimm seine Hand und bitt’ ihn um Vergebung!“

Mit scheuem Blick forschte Casimir in dem Antlitz seines Vaters, sein Trotz war gebrochen, er dachte nur an eine Milderung des harten Looses, das ihm vorher verkündet worden war. Es war eine Demüthigung, die er nicht glaubte ertragen zu können, sollte er wirklich in der ausgesprochenen Weise Soldat werden müssen. – Das Gesicht des Freiherrn drückte einen eisernen Beschluß aus; langsam trat Casimir zu dem Kreuzwirth, nahm seine Hand und stammelte einige Worte. – „Laut und deutlich!“ klang die Stimme seines Vaters herüber.

„Kreuzwirth, könnt Ihr mir vergeben?“ – Er schlug den Blick nicht auf; er vermochte es nicht.

„Wenn’s Gott vermag, Junker, ich vergebe Euch!“ –

„Nun zu den andern Beiden!“ herrschte der Vater.

Der Junker trat zu Katharina und dem alten Claus: „Ich that Euch Unrecht, vergebt es mir!“ sprach er nach dem Befehle seines Vaters.

Katharina antwortete nicht; der alte Claus schüttelte ihm die Hand und sagte: „Junker, aus vollem Herzen möcht’ ich, daß dieser schwere Augenblick nicht aus Euerem Gedächtniß kommen möge. Denkt an Gott und Eueren Vater, Ihr seid jung, Eure Zukunft kann noch eine gute werden!“ –

„So sei es!“ sprach der alte Freiherr, indem er dazwischen trat. „Claus und Ihr, Kreuzwirth, ich bitte Euch im Namen meines Sohnes, die Sache fallen zu lassen. Mein Stamm ist morsch, Casimir mein Einziger, es wäre mein Tod, wenn ich die öffentliche Schande auf meinem Hause sähe. Seid Ihr zufrieden, so, wie es geschehen und mit meinem Wort: daß Ihr ehrenhaft gehandelt, ehrenhafter, wie ich und mein Sohn?“ –

„Wir sind es zufrieden“, sagten die beiden Männer, und Claus fügte noch hinzu: „Beschämt uns nicht weiter, Herr Freiherr. Wir erhalten mehr, als wir erwarteten; wir hielten Euch für übermüthig gegen die Niedrigen, Ihr seid aber gerecht.“

„Wenn eine harte Erfahrung es lehrt“, entgegnete der Freiherr bestimmt. „Es wäre besser, wenn es deren nicht bedurft und ich nicht vorurtheilsvoll mein Ohr nur mehr für meinen Sohn offen gehalten hätte. – Bei meinem Ausspruche bleibt es; Casimir geht diese Stunde nach Berlin. Gott bessere Dich, dann findest Du auch das Vaterherz wieder. Dir, Claus, schenke ich das Haus am Strande und wenn daran was fehlt, ich will es ausbessern, oder wenn’s Noth thut, ganz neu aufbauen lassen. Ich werde selbst nachsehen! Was mach’ ich aber mit Dir, Kreuzwirth? Deine Rosi kann ich Dir nicht wiedergeben. Kann es Dich erfreuen, so ist fortan das Ausschanks-Gerechtsame Dein Eigenthum, Du hast an die Gutsherrschaft nichts mehr zu entrichten. Vielleicht hast Du Verwandte, denen es zu Gute kommt. Haus und Hof mach’ ich Dir schuldenfrei.“

„So, Herr“, antwortete der Kreuzwirth, „mag’s dem Kinde Rosi’s verschrieben werden; mit mir geht es bald zu Ende.“

Der Freiherr gab seine volle Zustimmung, drückte Jedem die Hand und entließ sie mit der Bitte: über Alles zu schweigen. Sie versprachen es ihm gewissenhaft.

Viele Tage waren nach dieser Begebenheit verstrichen. Der Winter war gekommen, und diesmal mit unerbittlicher Strenge. Der Wald stand verödet, große Massen Schnee bedeckte die Erde und die Zweige der Tannen, die regungslos, im Frost erstarrt zu sein schienen. Am Strande des Meeres bildete sich eine harte Eiskruste und mit jedem Tage wuchs und dehnte sie sich weiter aus.

Im Hause des alten Claus war eine Veränderung vorgegangen; Alles sah reinlicher und wohlhabender aus. Eines Tages war der Freiherr seinem Versprechen gemäß vom Schloß herabgekommen und da ihn die Armuth des wackeren Veteranen fast entsetzte, so mußte, so weit in der vorgerückten Jahreszeit thunlich, schnell Vieles ausgebessert und das Hausgeräth vermehrt und ersetzt werden. Im Frühjahr sollte ein ganz neues Haus hier aufgebaut werden; inzwischen waren die papiernen Fensterscheiben wirklichen von Glas gewichen, der Boden war neu gedielt, die rohen Tische und Stühle durch recht schöne ersetzt. –

Aber der Friede wohnte in dem Hause nicht. – Zwar hatte eine vollständige Versöhnung zwischen Vater und Tochter stattgefunden, aber es entging dem Erstern nicht, daß Katharina immer stiller und stiller wurde, daß ihr etwas schwer auf dem Herzen lastete. Er traf sie oft, wie sie in einem Winkel des Zimmers saß und bitterlich weinte. Sie nahm auch ersichtlich ab; ihre Züge fielen ein, das Auge verlor an Glanz. Er sagte nichts, denn er wußte wohl, daß er ihr nicht helfen könnte, aber recht betrübt wurde er, und die Pfeife, seine liebste Erholung, wollte ihm gar nicht munden. Er dachte auch wohl hin und wieder an den Maler, und es war ihm, als könne es nicht so bleiben, als dürfe er aus Gram und Kummer sein Liebstes auf der Welt, wenn sie auch gar sehr gefehlt, nicht verlieren; als müßte Rudolf eines Tages in’s Zimmer treten und ihm zum Willkomm’ die Hand entgegenstrecken. – Aber Tag um Tag verstrich und der Maler kam nicht, auch kam nicht die leiseste Botschaft von ihm herüber. – In seiner Betrübniß ging dann wohl auch der alte Graukopf auf’s Schloß zu dem Freiherrn, der ihn jetzt immer freundlich empfing, ihm sogar ein Glas Wein vorsetzte, aber da hörte er auch nichts von Rudolf, obwohl der Sohn des Freiherrn aus der Residenz manchmal einen Brief an den Vater schickte, wie dieser es befohlen. –

So kam das Frühjahr heran. Die Singvögel kamen wieder, sie schmetterten und flogen lustig im Walde herum, der nun auch wieder sich in allen Zweigen schüttelte und neuen Schmuck begehrte; das Meer zerbrach knirschend das Eis, hob sich gewaltig und sang in tönenden Accorden sein brausendes Frühlingslied. Gras und Blumen sprangen vorwitzig aus der Erde; sie konnten die Zeit nicht erwarten und vergaßen ganz, daß noch mancher Sturm vernichtend lauere – der Himmel klärte sich auf, die schwarzen Wolken verschwanden mehr und mehr, die Sonne lachte warm und wärmer herab – überall Leben, heiteres, buntes Frühlingsleben.

Der alte Claus meinte nun, das wunderliche Ding, der Frühling, müsse nun auch das Leid seines Kindes lindern und ihm helfen, da er doch der ganzen Natur auf die Beine hälfe, aber davon war keine Spur an Katharina zu merken, sie wurde im Gegentheil von Tag zu Tag blässer und blässer. –

Eines Sonntags kam sie von der Kirche im Dorfe zurück; der Vater war eines Fußübels wegen daheim geblieben. Sie sah gar sittig und nachdenkend vor sich hin, aber kein Mensch hätte in ihr das blühendste Mädchen zehn Meilen in der Runde wieder erkannt, so sehr hatte sie sich in einem Winter verändert. –

„Vater“, sprach sie zu dem alten Claus, der bei ihrem Anblick kaum die Thränen unterdrücken konnte und betrübt die Pfeife bei Seite legte. „Vater, ich muß fort von hier, und das heute noch. Sieh, ich war in der Kirche; der Pfarrer hat gar schön gepredigt. Ich horchte ihm mäuschenstill. Da war denn auch recht eindringlich die Red’ davon, so man Einem Unrecht gethan, soll man es ihm abbitten; das sei christlich, und wer das versäume, habe im Tode eine bittere Stunde mehr zu fürchten. – Nun, [299] Vater, kann ich Dir wohl sagen, daß es mir schon lange, lange im Kopf herumgeht, daß ich gefehlt hab’ gegen den Rudolf. Es läßt mir Tag und Nacht keine Ruh’, ich möchte sterben vor Sehnen nach ihm. Er hat mich so treu geliebt, er wird mich nicht mehr schelten, wenn ich ihm jetzt sag’, wie ich gegen ihn gefehlt, und wenn er auch eine Andere im Herzen hat. Vater, bei dem Gedanken reißt mir das Herz – so werd’ ich doch zufrieden sein, wenn ich ihm Alles sag’, was mich so ängstlich quält. Ich lieb’ ihn unsäglich, ich kann’s gar nicht aussprechen wie sehr, und jetzt mehr denn damals, wo ich ihn so kränkte. Scheltet mich, Vater, ich weiß es wohl, ich bin eine schlechte Tochter, aber laßt mich ziehen auf acht Tag’; dann komm’ ich wieder – ich muß den Rudolf sehen!“

Es war das erste Mal, daß sie von Rudolf sprach, daß sie den Grund ihres tiefen Kummers enthüllte. Der alte Soldat weinte, aber er schämte sich dieser Thränen nicht, zog sein Kind an die Brust, legte die Hände auf ihr Haupt und sagte: „Ich will acht Tage warten, geh’ zu Rudolf. Es ist keine Schande, daß Du es thust, und vielleicht wird es noch zum Guten enden. So kann’s nicht länger dauern, Du stirbst mir noch vor Herzeleid unter den Händen.“

Katharina, sonst still und schweigsam, wußte sich vor Freude gar nicht zu fassen; ihr Gesicht glänzte, sie drückte den Vater wieder und wieder an ihre Brust und verschwendete so viele Zärtlichkeiten an den grauen Schnurrbart, daß es diesem fast zu arg wurde. Mit Gewalt schob er sie zurück und sagte: „Nun rasch zu den Vorbereitungen. Du mußt bis Stargard ein Wägelchen miethen, dann fährst Du mit der Eisenbahn; ein neues Ding, was ich auch noch nicht kenne, das Dich aber in zehn Minuten nach Paris und Berlin bringt. Komm, wir wollen einmal nachsehen, was in der Truhe ist.“ –

„In zehn Minuten?“ – Katharina glaubte dem Vater auf’s Wort, war es doch für ihre Sehnsucht schon noch viel zu lange. Schnell packte sie einige Kleidungsstücke zusammen, während der Vater in der Truhe nachsah, ein Beutelchen daraus hervorholte, ein Geschenk des alten Freiherrn für die Tage der Noth, und langsam und prüfend zehn blanke Thaler hinzählte. –

„So“, sprach er, „hier hast Du für acht Tage zehn Thaler, Du kannst nun wie eine Fürstin leben, aber mach’ mir keine Geschichten und bleib’ etwa einen Monat aus. Denke nicht wie die liederlichen Vögel: Wer Geld hat, hat Vergnügen, Ansehn und Freude. In acht Tagen bist Du zurück; lass’ Dich keine Stunde länger in Berlin verlocken, ich muß auch wissen, woran wir sind. Kaufe auch nicht zu viel ein, etwa Sammethüte und seidene Kleider. Leb’ anständig, aber was Du erübrigen kannst, bring’ zurück; das Leben ist lang und der alte Freiherr nicht immer guter Laune, auch mag ich nicht immer nur nehmen.“ –

Die Rede war umsonst gesprochen, so eindringlich es auch geschah! Katharina kramte hier und dort, bis sie alles Rechte zusammengefunden, dann stand sie mit hochrothem Gesichte vor dem Vater. Sie reichte ihm die Hand: „Nun, gehabt Euch wohl, Vater! In acht Tagen bin ich zurück. Wie’s Gott gefällt, mag’s ausfallen.“ –

Dem alten Soldaten wurde jetzt doch etwas bänglich um’s Herz, als er ihr einen derben Kuß aufgedrückt und Katharina nun mehr springend als gehend im Walde verschwand. –

Sie kam athemlos im Dorfe an, fand auch glücklicher Weise sogleich einen Fuhrmann, der sie nach Stargard brachte. Auf der Eisenbahn, die ihr nicht geringe Verwunderung erregte, mit der es aber doch nicht so schnell ging, als sie geglaubt hatte, ging es nun zuerst nach Stettin und von da nach Berlin. Je näher sie dieser Residenz kam, je ängstlicher wurde es ihr um’s Herz; alle Qualen der Besorgniß, der Liebe und Eifersucht, die sie zum ersten Male kennen lernte, überflutheten sie auf einmal. Aber sie hatte auch eine große Energie der Seele und sie sagte sich, als sie nach einer für ihre Ungeduld unendlich langen Fahrt endlich in Berlin angekommen war: „Ich habe nicht mehr zu verlangen, als seine Verzeihung; diese will ich mir holen. Mag auch sein Herz einer Andern angehören, ich werde ihm nicht zürnen, aber nie soll er auch erfahren, daß das meinige darüber gebrochen ist. Liebt er mich noch, dann geh’ ich von ihm, zu meinem Vater zurück, und sein gedenken werd’ ich alle Tag’ und aller Orten.“ –

Jetzt fiel Katharina zu ihrem Schrecken und zum ersten Male ein, daß sie gar nicht wisse, wohin sie sich wenden sollte und wo Rudolf wohne. Bis hierher war sie ganz gut gekommen, aber die Residenz war so groß und so weit, da standen die riesengroßen Häusermassen, die prächtigen Straßen, aber Alles war fremd und kalt; die Leute gingen vorüber, ohne sich im Geringsten um sie zu bekümmern. Es war ihr recht, recht bange um’s Herz. – Lange stand sie rathlos vor dem Portal des Stettiner Bahnhofes. Sie sah sich überall um, wen sie wohl fragen sollte; endlich wandte sie sich an einen Beamten, der nicht mehr ganz jung war und der etwas Gutmüthiges in seinen Zügen hatte. Er gab ihr auch bereitwillig Auskunft, verwies sie in einen kleinen Gasthof und rieth ihr, sich nach der Wohnung des Malers, nach der sie sich auch erkundigen wollte, bei der Polizeibehörde zu befragen.– Das war nun freilich ein Wort, das Katharina einen leisen Schauder verursachte, denn sie dachte sich alle Schrecknisse in dem Hause und die Polizeibeamten als wahre Ungeheuer; sprach man doch im Dorf nicht sonderlich erfreut über sie. –

Ganz so schlimm war es nun nicht, aber nicht sonderlich höflich waren die vertrockneten Amtsgesichter und recht neugierig in ihren Fragen. Alles wollten sie wissen und beinah’ wär’ es so weit gekommen, daß das allerunschuldigste Geschöpf auf der Welt arretirt worden wäre, da sie keinen Bogen Papier auszuweisen hatte, auf dem ihre Lebensbeschreibung stand; ein Herr legte sich endlich in’s Mittel und hieß sie gehen. –

Sie wußte nun, wo Rudolf, wohnte. Sie aß und trank nicht, bis sie das Haus aufgefunden. Es lag in keiner vornehmen Straße, zwei Treppen hoch war sein Zimmer, aber nicht bei seinen Aeltern, wie sie geglaubt hatte. Lange Zeit mußte sie bei den Wirthsleuten warten, bis er kam; sie hatten es ihr angeboten, und erschöpft, ermüdet, wie sie war, hatte sie es auch angenommen.

Endlich hörte sie ihn auf der Treppe; sie kannte seinen Fußtritt noch; er mußte es sein. Rasch eilte sie hinaus, aber wie sie vor der Thüre war, da klopfte ihr gar sehr das Herz, die Kniee wollten ihr einsinken, sie mußte sich anhalten, damit sie nicht fiel. – Die Dunkelheit in dem Winkel, wo sie stand, verbarg ihre Gestalt, aber ihn konnte sie recht gut erkennen. Er sah bleich und angegriffen aus. Er schloß sein Zimmer auf.

„Rudolf!“ rief sie und sank vor ihm nieder. – Rasch riß er die Thüre auf, das volle Licht fiel auf ihre Gestalt, er erkannte sie.

„Katharina, um Gotteswillen, Du bist es?“ – Er hob sie mit starken Armen empor und trug sie mehr, als daß sie ging, zu dem Sopha in sein Zimmer. – „Du? Wahrhaftig Du?“ – Er konnte es kaum fassen, es flog über sein bleiches Gesicht wie ein Strahl von Freude. –

„Bist Du mir denn noch gut, Rudolf?“ stammelte sie zuerst, nachdem sie sich etwas erholt, und dabei sah sie ihn mit ihren wunderbaren Augen so durchdringend an, so klar und bittend, daß es ihm gar seltsam um’s Herz wurde. Auch ihre Veränderung bemerkte er wohl, wie krank und elend sie aussah.

„Dir gut, Katharina? Nur gut? Ich liebe Dich mehr als Alles, was auf Erden ist, ich habe nicht aufgehört, Dich zu lieben. Ich liebe Dich unsäglich, unendlich; jede Minute hab’ ich an Dich gedacht, und tropfenweise verlor ich meinen Muth, meine Seele, da Du Beides bist und nicht bei mir warst!“ – Er kniete vor ihr nieder, ergriff ihre Hände und drückte sie wieder und wieder an sein Herz.

„Und hast Du mir verziehen, Rudolf?“ Sie bebte bei der Frage.

„Verziehen und vergeben, Katharina, aber wärst Du nicht gekommen, ich hätte Dich doch vielleicht nicht wieder gesehen. Du weißt, was geschehen und was Du gethan.“ –

„Ich weiß es, Rudolf, und Du bist im Recht. Ich bin da, um Dir abzubitten. Sieh’, ich war Rosi’s, des schwarzen Kreuzwirths Tochter, beste und einzige Freundin. Ach, sie war so elend und so voller Jammer auf ihrem Krankenbette! Wir redeten da mancherlei mitsammen, und ich lernte den Junker hassen und es lag mir im Sinn, daß ich wohl die arme Rosi rächen möchte. Sie fing selbst davon an, in einer Stunde an ihrem Todestage. Sie sagte da: „Katharina, Du bist schön – Rudolf, es sind ihre Worte – wenn Dich der Junker sieht, da wird er Dir nachgehen. Versprich mir, daß Du es leidest, wenn’s geschieht, und so lange, bis er recht voll Liebe ist, dann schick’ ihn fort wie einen räudigen Hund. Und mehr dergleichen sprach sie noch. – Sie war zum Sterben, die arme Rosi, sie bat so dringend; ich hab’s ihr zugeschworen, aber auch, daß ich zu Niemand davon sprechen wollt’, zu gar Niemand. [300] Und Rosi? Nun die kam ja gleich darauf zum Sterben. – Nun sieh’, Rudolf, deshalb hatt’ ich den Junker an mich gelockt; ich hab’ nichts entgegnet, wenn er mir von seiner Lieb’ vorgeredet, damit er nur stärker in seinen Glauben hineinliefe. – Ach, das war sehr schlecht von mir, das sah ich wohl ein, und gequält hat’s mich auch, das kann ich Dir wohl sagen. Jetzt dacht’ ich, ich müßt’s sein lassen, das thäte nimmer gut. Gleich darauf aber spürt’ ich ein neu’ Verlangen, mit dem Junker zusammenzutreffen. Es war förmlich wie eine Lust, daß ich dacht’: Du machst ihn recht närrisch vor Lieb’, damit er dann rechtes Weh leidet, wenn’s zum rechten Austausch kommt und ich ihn dann fortschick’; hat er’s doch um die arme Rosi verdient. Ich weiß selbst nicht, was das für absonderlich Verlangen war, aber heiß war es und immer trieb mich’s an. Nun kamst Du dazwischen; ach, Rudolf, ich hatt’ Dich unsäglich lieb, ich kämpft’ mit mir, ob ich weiter mit dem Junker gehen sollt’; ich wollt’ und wollt’ nicht, und so geschah’ es. Es ist nimmer gut, wenn im Weib was Verstocktes liegt. Aber schweigen mußt’ ich. Du gingst nun, und wie Du das zu sagen kamst, da dreht sich mir das Herz um, ich hätt’ Dir zu Füßen liegen mögen und bitten und bitten, aber ich war recht verkehrt in meinem Sinn und dacht’ so mancherlei mit Stolz, das mich wieder zurückhielt. Erst wie Du den Winter, den ganzen langen Winter fortbliebst, kein leises Wort von Dir kam, da wurd’ ich recht krank, in Sinn und Herz, Rudolf, recht krank. Da kam ich auch zu rechtem Nachdenken. Du hattest Recht; es litt mich nicht länger zu Haus, es peitschte mich immer an, ich mußt’ kommen, um Dir das zu sagen. Nun sieh’, Rudolf, jetzt bin ich da, jetzt hab’ ich Dir’s gesagt, mir ist viel, viel leichter zu Muth, und wenn Du mir vergeben, was Du auch schon ausgesagt, so will ich wieder fort nach Haus, zu meinem alten Vater, und glücklich sein, denn eine große Sünde bin ich leichter, und ich kann Dein gedenken mit Freud’, ohne Trauer, daß Du mich scheltest eine schlechte Dirne und was sonst Uebles nachzureden ist.“ –

„Also gehen willst Du, Katharina? Kaum gekommen und wieder gehen? Nein, Katharina, das darfst Du nicht. Ich habe Dich geliebt, liebe Dich noch, und wärst Du weggeblieben noch eine kurze, kurze Zeit, mein Herz wär’ gebrochen vor Sehnen und Verlangen. Jetzt bleibst Du da, Katharina, ich führe Dich zu meinen Aeltern, dann zurück zu Deinem rechtlichen Vater, und mein Weib mußt Du dann werden bald, recht bald. Ich hab’ nun nichts mehr zu fürchten, denn Du hast Deinen Fehler erkannt und gebüßt, und ich kenne Dich, es ist für die Lebenszeit, daß Du ein Einsehen gehabt, daß es nimmer gut thut, wenn Du zu Deinen Nächsten kein Vertrauen hast. Du wirst keiner Versuchung mehr unterliegen, nicht mehr der Schwachheit des Weibes, der eitlen Gefallsucht, denn die Gefahr liegt darin, Dich selbst, das Theuerste, Ruhe und Frieden zu verlieren. So wie Du bist, jetzt geworden bist, wird das Glück mit uns sein.“ – Er überhäufte sie mit tausend Zärtlichkeiten, die sie anfangs unter Thränen duldete, dann aber mit dem seligsten Gefühl erwiederte. – Noch denselben Abend führte Rudolf seine Geliebte zu seinen Aeltern, den andern Morgen jedoch schon fuhr er mit ihr nach dem Dorfe Kloster-Riedd zurück. – Beim Vorüberfahren nach dem Stettiner Bahnhöfe wurden sie an die vergangne trübe Zeit durch den unerwarteten Anblick des Junkers erinnert, der in einer Soldatenjacke vor einer Kaserne stand; auch er schien sie zu bemerken. Eine dunkle Röthe stieg ihm in’s Gesicht, aber schnell wandte er sich ab. –

Was stimmte der alte Claus Schilder, der sobald seine Tochter nicht zurück erwartet hatte, für ein Jubelgeschrei an, als er sie mit Rudolf kommen sah. Er geberdete sich wie unsinnig, lief aus einer Umarmung in die andere, pfiff und sang, daß alle Vögel des Waldes voller Verwunderung einhielten und nach dem alten Manne blickten und eine Schaar Dohlen stutzig aufflog. –

Ein Schmerz wartete ihrer noch: der schwarze Kreuzwirth starb wenige Tage nach der Wiederkehr des Malers. Alle folgten seinem Sarge, auch der alte Freiherr fehlte nicht, und sie beteten für ihn: „Friede seiner Asche!“ –

Drei Wochen darauf feierte Rudolf und Katharina, im Beisein vieler Menschen, ihrer Angehörigen und des Schloßherrn, der eine gar wackere Aussteuer brachte, ihre Hochzeit, nachdem sie zuvor ausgemacht hatten, daß sie zwei Tage darauf mit dem Vater nach Berlin übersiedeln würden. – Das Haus am Meeresstrande war da gar schön ausgeschmückt, mit Kränzen und Blumen, die der Frühling hergab, und Bier und Wein flossen zur Genüge. Vor dem Hause, auf dem Rasenplatz wurde getanzt, die Geiger spielten auf, und der Himmel hatte das Einsehen, daß die Gäste im Innern nicht Platz finden würden, er schien deshalb den ganzen Tag bis tief in die Nacht hinein in gar herrlicher Klarheit herab; kein Wölkchen verhüllte sein schönes Blau. –