Das Haus in der Schlucht

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
Autor: Balduin Möllhausen
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Das Haus in der Schlucht
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 8-12, S. 125-128, 141-144, 157-160, 173-176, 189-192
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[125]
Das Haus in der Schlucht.
Von Balduin Möllhausen.


1.

Das Salzwasser habe es ihm angethan, erklärte Peter Seiling; er habe daher seinem Hause eine Lage gegeben, die es ihm ermögliche, vom Fenster aus das Meer zu betrachten.

Mochte es immerhin befremden, daß er nicht in das nahe Fischerdorf zog, wo er manche geeignetere Stätte zu seinem Heim gefunden hätte, als in der einsamen, felsigen Schluchtmündung, so hatte doch Niemand Ursache, seine Angaben zu bezweifeln oder ihn deshalb in’s Gerede zu bringen. Denn er war nicht nur ein friedlicher Nachbar, sondern auch ein Mann, der für Alles, was er hier und dort entnahm, sofort baar bezahlte. Seine Nachbarschaft kam also zunächst dem kaum sechshundert Schritte entfernten Dorfe zu statten. War er außerdem ein Sonderling, so hatte er in seiner unabhängigen Lage vollkommenes Recht dazu, und an seine seltsamen Schrullen, zu welchen in erster Reihe ein scharf ausgeprägter Hang zur Einsamkeit zählte, der zuweilen wiederum von einer gleichsam krankhaften Sucht nach lebhaftem Verkehr unterbrochen wurde, gewöhnte man sich bald genug. Man bewies seinen Launen sogar eine gewisse Achtung, indem Niemand ihn in seinem Winkel behelligte, dagegen hieß man ihn willkommen, so oft er sich den zum Garn-Legen oder -Einholen aussegelnden Fischern in seinem eigenen Boote anschloß. Letzteres geschah trotz seines vorgerückten Alters mit einer Sicherheit und Gewandtheit, wie sie nur in langjährigem schwerem Seedienst erworben sein konnten. Das Dorf betrat er nie; zwischen ihm und den Dorfleuten vermittelte seine Tochter, ein bildschönes, blühendes Mädchen von neunzehn oder zwanzig Jahren. Cordula hieß sie, allein genannt wurde sie allgemein die braune Kordel. Diesen Namen hatte man ihr beigelegt, als sie, noch ein Kind, zum ersten Mal im Dorfe erschien und alle Welt über die prachtvollen dunklen Locken erstaunte, welche das liebliche Antlitz umwallten, und über die klugen braunen Augen, die so wunderbar zutraulich schauten. Manches hatte sich seitdem wohl geändert: das braune Haar wogte nicht mehr in wilden Locken, sondern umschlang in starken Flechten das stolz getragene Haupt, und statt des früheren kindlichen Zutrauens sprach eine gewisse trotzige Zurückhaltung aus den großen Augen, doch die braune Kordel war sie geblieben. Von ihrer und ihres Vaters Vergangenheit wußte man nicht mehr, als man im Laufe von zehn oder elf Jahren an ihnen beobachtet hatte. Denn so lange war es her, daß an einem schönen Frühlingsabend Seiling mit seinem Kinde in dem Dorfe eintraf und nach mehrtägigem Verweilen im Dorfkruge sich auf längere Zeit bei einem Fischer einmiethete. Die braune Kordel war damals neun Jahre alt. Gut zu Fuß, begleitete sie ihren Vater auf seinen Streifereien in der Nachbarschaft, und dann dauerte es nicht lange, bis dieser sich dazu entschloß, in der malerisch bewaldeten Schlucht seinen Herd zu gründen. Die ersten wilden Herbststürme hatten kaum begonnen, die gestorbenen Blätter zu schütteln, als Vater und Tochter in ihr eigenes kleines Haus einzogen und sich, da Seiling mit seinen Mitteln nicht zu geizen brauchte, dort so behaglich einrichteten, daß es eigentlich schon darum kein Wunder war, wenn sie den Aufenthalt in der Schluchtmündung jedem anderen in der Welt vorzogen.

Elf Jahre waren also seitdem verstrichen, und wie Seiling von Anfang an nie die Hülfe eines Dienstboten oder Tagelöhners in Anspruch genommen hatte, wirthschafteten Vater und Tochter auch jetzt noch immer allein. Mancher verlangende Blick richtete sich wohl auf das schöne große Mädchen, allein in Kordel’s ganzem Wesen, wenn es auch nicht unfreundlich war, lag doch so viel kalte Zurückweisung, daß von allen jungen Männern – und mancher stattliche Sohn wohlhabender Fischersleute befand sich unter denselben – kein einziger wagte, ihr mit einem Antrage zu nahen.

Wie Vater und Tochter lebten, wie sie ihre Zeit hinbrachten, namentlich im Winter, wenn der Schnee in der Schlucht fußhoch lag, wußte Niemand, weil Niemand sich getraute, bei ihnen vorzusprechen. Nur natürlich war es unter solchen Umständen, daß die Neugier in Bezug auf Seiling’s Vergangenheit unbefriedigt geblieben war. Selbst Cordula würde übrigens, hätte man sie darüber befragt, nichts Befriedigendes zu sagen gewußt haben; was über ihre eigenen Erinnerungen hinauslag, der Tod ihrer Mutter, die Stätte ihrer Geburt, das schwebte ihr in traumhaften Bildern vor, wie sie solche aus den ausweichenden Antworten ihres Vaters sich zusammmengereimt hatte. – –

Der Herbst hatte wieder einmal die tiefgrünen Waldungen mit seinen grellen Farben phantastisch geschmückt. Reif fiel zuweilen und tödtete Blumen und Kräuter, und auf manchen sonnigen Morgen folgte ein rauher, regnerischer Nachmittag. Doch wenn andere Leute sich fröstelnd in ihre Wohnungen zurückzogen, trieb es Seiling und seine Tochter in’s Freie hinaus, nur daß Jedes seinen eigenen Weg wählte, wie um mit seinen Gedanken allein zu sein.

Ein recht mißgestimmter Himmel hing über der Insel und der wogenden See. Seit drei Tagen hatte es aus derselben Richtung geweht, und zuweilen in so heftigen Stößen, als hätte es Einem die Haare vom Kopf fegen wollen. Auch Regen führte der Wind zur Abwechselung mit sich, feinen, nässenden Regen, [126] sodaß Seiling sich bewogen gefunden hatte, bevor er in’s Freie hinaustrat, einen Rock von gefirnißtem Linnen über die blaue Düffeljacke zu ziehen und einen wasserdichten Südwester auf seinem Haupte zu befestigen. Weit war er darauf nicht gegangen; nur bis an’s Ende seiner Schlucht, wo er sich seitwärts auf dem zum Strande niederführenden Abhange hinter einem ihm theilweise Schutz gewährenden Felsblock niedersetzte. Seine Tochter hatte sich schon am Vormittage nach einer von dem Klippeneilande tief in’s Meer hineinreichenden bewaldeten Landzunge begeben, um gegen Abend erst heimzukehren. Er kannte den Zweck solcher Wanderungen, und mochte er denselben billigen oder nicht, er erhob wenigstens keine Einwendungen. Vielleicht hatte er sich daran gewöhnt, daß Kordel gern nach ihrem eigenen Kopfe handelte. Und besorgt brauchte er nicht um sie zu sein. War doch ihre Unerschrockenheit so bekannt, wie die Sicherheit, mit welcher sie in den finstersten Nächten ihren Weg durch Wald und Schluchten zu finden wußte.

Den alten Seiling nannten ihn die Leute, und doch zählte er kaum fünfzig Jahre. Schon damals, als er zum ersten Male im Dorfe auftauchte, hatte er den Eindruck eines betagten Mannes hervorgerufen. Sein Haar war nämlich ergraut, und ein eigenthümlich grübelnder Ernst lag auf dem verwitterten Antlitz; seine Augen blickten scheu, und wenn er unvermuthet von Jemand angeredet wurde, fuhr er erschrocken zusammen und schaute noch finsterer drein. Seitdem war sein Haar ganz weiß geworden, ebenso der Bart, welchen er wie eine von Ohr zu Ohr unter dem Kinn hinlaufende Binde trug. Seltsam contrastirte das kurz unter der Scheere gehaltene Haar zu dem knochigen Gesicht; anstatt demselben eine gewisse Würde zu verleihen, erschien es beinahe wie Unnatur. Heute bedeckte der Südwester dasselbe ganz, und wer nicht genau hinsah, hätte den Bart für eine frisch gefaltete Halskrause halten mögen. Zwischen seinen Zähnen hing eine kurze Thonpfeife. Gewohnheitsmäßig entlockte er derselben hin und wieder ein bläuliches Rauchwölkchen. Er schien kaum zu wissen, daß sie brannte, schien den Regen nicht zu fühlen, welcher sich, schwerem Nebel ähnlich, auf seine wasserdichte Bekleidung senkte und Tropfen auf Tropfen von der schlappen Krämpe des Hutes auf seinen Schooß niedersandte. Die von weißen Brauen beschatteten Augen hielt er auf den gegen dreißig Fuß tiefer gelegenen Strand gerichtet, wo die vom Seewinde herbeigetriebenen Wogen sich brausend überstürzten. Flüchtig ließ er seine Blicke auf der Linie des Horizonts herumschweifen, welche durch den feinen Regen näher gerückt und verschleiert wurde; flüchtig auch nach der in seinen Gesichtskreis tretenden Spitze der Landzunge hinüber, um alsbald wieder in die Brandung hinabzuschauen.

Wie eine graue Zinkplatte dehnte sich das in einander verschwommene Gewölk aus. Dieselbe Farbe trug das bewegte Meer, nur daß hier durch die Unebenheiten erzeugte Schatten, die weißen Schaumkämme und die Brandung Abwechselung schufen. Dabei polterte und brauste es, als hätte die See das alte Eiland gewaltsam unterwühlen und endlich ganz in ihre Tiefe hinabreißen wollen. Wie auf weißmähnigen Ungeheuern beritten, sauste der Seewind, die heute besonders heftig brausende Kühlte, landwärts. Eine Woge jagte die andere, um, vom Strande zurückprallend, alsbald einen wüthenden Kampf mit den nächsten Nachfolgerinnen zu beginnen. Zu dem Brausen und Poltern gesellte sich unheimliches Knirschen und Rasseln, wie wenn muthige Renner an ihren Halfterketten zerren oder auf die starre Kandare beißen. Denn rasselnd schleuderten die Wogen rundes Gestein und Muscheln nach dem Strande hinaus, um gleich darauf Alles wieder knirschend zurückrollen zu lassen. Mit Seetang spielten die auslaufenden Schaumberge, mit Baumrinde und schweren Holzstücken. Tändelnd warfen sie bald dieses, bald jenes bis fast an den Fuß des Uferabhanges, um es endlich nach manchem vergeblichen Versuche wieder herabzuholen und das Spiel von Neuem zu beginnen.

Früher, als an hellen Tagen, machten abendliche Schatten sich bemerklich, als Peter Seiling durch das Geräusch, mit welchem von der Dorfseite her sich Schritte auf den klappernden Strandkieseln näherten, aus seinem dumpfen Brüten aufgestört wurde. Die Personen selbst zu sehen, hinderte ihn der Felsblock; um so gespannter lauschte er auf etwaige Kundgebungen der Nahenden. Erschien es doch befremdend, daß bei dem unfreundlichen Wetter sich Jemand lustwandelnd so weit vom Dorfe entfernt haben sollte. Endlich ertönte eine Knabenstimme:

„In dieser Schlucht wohnt er,“ hieß es, „geht nur ’n paar Schritte hinauf, und ’s Haus liegt vor Euch,“ und laut klapperte das Steingerölle, indem der Bursche nach dem Dorfe zurücktrabte.

Unten blieb es ein Weilchen still. Dann unterschied Seiling, daß Jemand in den die Schlucht aufwärts führenden Pfad einbog. Es unterlag also keinem Zweifel, daß seine Einsamkeit eine Störung erfahren sollte. Was ihn bei diesem Gedanken bewegte, darüber vermochte er sich keine Rechenschaft abzulegen, aber wie um sich zu verbergen, zog er unwillkürlich die hinter dem Felsblock hervorragenden Füße nach sich. Doch die Blicke des Fremden hatten entweder zufällig auf dem Felsblocke geruht oder die Bewegung der Füße war nicht ohne Geräusch vor sich gegangen – genug, die Schritte verstummten. Gleich darauf vernahm Seiling, dessen Ohr sich an das Rauschen der Brandung gewöhnt hatte, wie Jemand sich langsam und schwerfällig über die Felstrümmer des Abhanges gleichsam hintastete. Aber auch jetzt noch verhielt er sich ruhig. Es lag für ihn kein Grund vor, einem Fremden, von dem er eine Störung erwartete, höflich zu begegnen.

Näher kamen die Schritte, und deutlich unterschied Seiling das Keuchen, mit welchem ein Mann sich auf dem hindernißreichen Wege gerade zu ihm emporarbeitete. Endlich trat der Ankömmling um den Felsblock herum, stand aber noch so niedrig, daß sein Kopf sich in gleicher Höhe mit dem Seiling’s befand. Statt indessen einen Gruß auszutauschen, blickten die beiden Männer sich gegenseitig in die Augen, als hätten sie vor Eröffnung eines Gespräches sich überzeugen wollen, daß ihre Sinne sie nicht täuschten. Auf Seiling schien der Anblick des Fremden förmlich erstarrend einzuwirken. Jeder Blutstropfen war aus seinem Antlitz zurückgewichen, seine Augen vergrößerten sich und quollen scheinbar aus ihren Höhlen, stierten aber so regungslos, wie das ihn umringende Gestein. Die Hand mit der Pfeife zitterte dagegen und verschüttete Asche und Funken, die sofort von dem Winde ergriffen und den Abhang hinauf entführt wurden. Der Mann, welcher diesen sichtlich vernichtenden Eindruck auf den kräftigen alten Strandbewohner ausübte, befand sich mit Seiling ungefähr in gleichem Alter, doch hatte sein Aeußeres weniger unter dem Einfluß der Jahre gelitten. Mehr war die Wirkung eines ausschweifenden Lebenswandels auf seinen Zügen ausgeprägt. Wie ein rothes Band zog es sich über beide Wangen und die Nase hin, während ein starker Knoten, den Kautabak im Munde verrathend, die eine Gesichtshälfte des Mannes in widerwärtiger Weise aufbauschte. Auch er war nach Seemannsart gekleidet, jedoch so unsauber, daß ein vorsichtiger Capitain gezögert haben würde, ihn, trotz der breiten kraftvollen Schultern und des Stiernackens, auf welchem ein kleines rundes, mit röthlichem Haar bedecktes Haupt ruhte, als Matrose mit sich an Bord zu nehmen. Zum Schutz gegen das Wetter hatte er einen verblichenen vielfach ausgebesserten Rock von blauem Düffel über eine nicht minder schadhafte Jacke von leichterem Stoffe gezogen. Ein blaues wollenes Hemd, am Halse nothdürftig durch ein schwarzes, unsauberes seidenes Tuch zusammengehalten, ließ die braune Brust bis dahin frei, wo die rußigen Beinkleider aus Segeltuch durch einen Riemen um die Hüften zusammengehalten wurden. Schwere schadhafte Stiefel und eine zerknitterte Wachstuchmütze vervollständigten den nicht gerade viel versprechenden Anzug. Was der Fremde sonst noch sein Eigenthum nannte, trug er in einem rothgeblümten Tuch in der linken Hand, während er sich mit der rechten auf einen schweren Stock stützte.

Wohl eine Minute weidete er sich, die grauen Augen verschmitzt zusammenkneifend, an Seiling’s Entsetzen. Dann stellte er den mit einer natürlichen Krücke versehenen Stock hinter sich, und sich auf denselben setzend, brach er in ein häßliches Lachen aus.

„Will ich doch hängen, wie der verdammteste Kabeljau, der jemals zum Dörren auf ungedrehte Weide gezogen wurde, wenn ich Dich nicht verändert finde,“ hob er darauf an. „Bei Gott, Peter Seiling, wären die Vortoplichter mir nicht besonders fein in den Kopf geschraubt worden, so hätte ich Dir zehnmal auf der Straße begegnen können, ohne Dich auszumachen.“

„Wollte Gott, Du hättest mich nicht erkannt!“ das war Alles, was Seiling hervorzubringen vermochte.

„Da calculire ich anders,“ entgegnete der Fremde sorglos, „ich nenn’s ’n Glück – freilich, sucht man Jemand viele Jahre [127] lang, so ist’s kein Wunder, wenn man ihn schließlich findet. Aber wahrhaftig, Mann, hätte ich Dein Fahrwasser nicht vor elf Jahren gekreuzt, sollt’s Erkennen mir schwer genug geworden sein. Achtzehn Jahre und drüber wären dann seit unserem letzten Zusammensein verstrichen; ’ne verdammt lange Zeit, selbst für gute Freunde.“

„Sind die hundert Thaler Dir nicht eingehändigt worden?“ fragte Seiling noch immer fassungslos.

„Gewiß habe ich die eingestrichen,“ lachte der Fremde, „und ich hätte ein verhenkert zähes Leben haben müssen, um damit elf Jahre auszukommen. Nebenbei, Mann: sieben Jahre hatte ich Dich gesucht, die ganzen Vereinigten Staaten nach Dir abgekreuzt, und als ich endlich auf den Gedanken gerieth, Du könntest in Deine Vaterstadt vor Anker gegangen sein, und Dich nach langem Spüren wirklich in Bremen entdeckte, da begingst Du den erbärmlichsten Schurkenstreich, indem Du unter Hinterlassung von lumpigen hundert Thalern Dich bei Nacht und Nebel davon machtest. Noch niederträchtiger aber war’s, daß Du zu Schiffe gingst und falsche Fährten zurückließest, die mich wieder nach Amerika führten. Volle elf Jahre habe ich darauf wieder nach Dir ausgelugt, und wäre ich nicht am Bord eines Ostindienfahrers mit ’nem Burschen aus dieser Gegend zusammengetroffen, der von einem wunderlichen alten Mann, Namens Peter Seiling, zu erzählen wußte, so möchte ich heute noch ohne Nachrichten von Dir sein.“ Er lachte höhnisch und fügte hinzu: „Als pfiffiger Bruder galtst Du immer, und ’n ehrliches Trick wars eben nie, welches Du mir spieltest. Anstatt nach Amerika zu segeln, legtest Du auf dieser Insel bei und hast hier gelebt wie ’n pensionirter Schiffsrheder, während ich selber mich wie ’n Hund durch die Welt schlug.“

Seiling erhob sich. Sein Muth schien zurückgekehrt zu sein, aber ein Muth der Verzweiflung; denn unsicher klang seine Stimme, indem er antwortete:

„Daß ich Dir in Bremen aus dem Wege ging, bevor das Kind Dich sah, war in der Ordnung, und ich dächte, durch die hundert Thaler hätte ich mir wohl Ansprüche auf Deine Dankbarkeit erworben. Darüber will ich indessen mit Dir nicht rechten. Du bist da, und, wie ich sehe, nicht in den besten Verhältnissen. Ich verdenke Dir’s nicht, daß Du in Deiner Noth Dich an mich wendest, und Du sollst nicht vergeblich gekommen sein. Ich besitze hier ein Haus, kann mich also nicht frei bewegen, wie einst in Bremen. Du bist es daher, der weichen muß. Und so will ich Dir dreihundert Thaler als Reisegeld mit auf den Weg geben, wenn Du dafür versprichst, mich als einen Todten zu betrachten und Dich fernerhin nicht mehr um mich zu kümmern.“

„Zum Teufel, Maat, sollte man nicht glauben, Du habest ’ne hohe Schule seit unserem letzten Beisammensein besucht – so vornehm sprichst Du,“ höhnte der Strolch, „und dreihundert Thaler meinst Du? Bei Gott, Mann, für einen Lump allerdings ein hohes Gebot, aber nicht für Jemand, der ein Recht hat, ebenso sorglos zu leben, wie Du. Was sind dreihundert Thaler? Verdammt! Ich bin jetzt fünfzig Jahre alt, verdiene einen behaglichen Winkel, und einen solchen finde ich in Deinem Hause. So viel, wie wir Beide gebrauchen, Tabak und Grog eingerechnet, besitzest Du, und ich denke, es soll ’ne Erholung für uns sein, wenn wir des Abends auf der Ofenbank die alten Zeiten noch einmal abspinnen – verdammt, Seiling, lustige Zeiten waren’s eben, die vor ’n achtzehn, zwanzig Jahren.“

Wie helle Wuth kam es über Seiling. Doch ein Blick in das tückisch grinsende Antlitz des früheren Genossen belehrte ihn, daß mit Gewalt am wenigsten auszurichten sei. Mühsam kämpfte er seine Erregung nieder, gleichzeitig aber trat Besorgniß an die Stelle des flüchtig erwachten Trotzes. Es offenbarte sich dies in dem zitternden Tone seiner Stimme, indem er anhob:

„Klaas, ich errath’s; was Du eben sagtest, sollte dazu dienen, mich willfährig und mürbe zu machen. Das hättest Du Dir ersparen können. Auch ohne Deine versteckten Drohungen vergesse ich nicht, daß wir einst Maats gewesen. Was ich für Dich thun kann, soll geschehen. Ich will ein viertes Hundert – mehr habe ich nicht flüssig – zulegen, wenn Du heute Abend noch Dich auf Nimmerwiederkehr von hier entfernst. Denn in mein Haus aufnehmen kann ich Dich nicht. Es ist gerade groß genug für mich und die Kordel – und das Mädchen – Klaas – bedenke – nein, Klaas, wolltest Du mir als Knecht um’s Brod dienen, ich müßt’s zurückweisen. Und die Leute im Dorf, was sollten die von mir denken?“

Schaudernd brach er ab, als Klaas ein wildes Lachen ausstieß, den Stock hinter sich hervorholte und mit demselben in heftigem Schwunge einen etwas erhöht liegenden kleinen Stein traf, daß er wirbelnd bis in die Brandung hineinflog.

„Verdammt, Mann, an das Mädchen habe ich nicht gedacht,“ rief er aus, „es muß hübsch herangewachsen sein – laß mich sehen! – achtzehn, neunzehn Jahre wird’s alt sein. Aber darum mache Dir keine Sorge! Mich hindert das Mädchen nicht. Hübsche Gesichter sind mir ’ne Augenweide, und ’ne Lust soll’s sein, wenn die junge Kraft ein munteres Garn für mich abspinnt.[1] Und Dein Knecht, Peter Seiling? Bei Gott, Mann, ich habe lange genug als Knecht gelebt, um mir endlich ’mal ein Herrenleben zu wünschen. Die Leute im Dorfe hindern mich dabei am wenigsten. Bin nämlich im Kruge eingekehrt; ein halbes Dutzend Fischer saßen um den Tisch, und weil ich Dich zur Hand wußte, gab ich meinen letzten Schilling hin, um Eins mit ihnen zu trinken. Erzählte ihnen, daß ich ein Anverwandter von Dir sei und Du mir geschrieben habest, meine alten Tage bei Dir zu verleben –“

„Du willst mich ängstigen, Klaas,“ fiel Seiling entsetzt ein, „den Schurkenstreich hast Du nicht begangen.“

„Nimm es, wie Du willst!“ versetzte Klaus lachend, „aber geschehen ist’s. War indessen scharf genug, den einfältigen Häringsseelen anzuvertrauen, daß ich unter falscher Flagge segle, um meinen Verwandten auszugraben, und erst mit der Wahrheit und meinen Thalern ’rausrücken würde, nachdem ich gesehen, daß ich in meiner Armuth ihm nicht zu gering. Doch was stehen wir länger hier im Regen, während ’n paar Faden von uns ein rechtschaffenes Haus offen ist? Komm, komm, wollen sehen, wo und wie Du wohnst, und zugleich eine gute Ankerstelle für mich ausmachen. Hernach mögen wir bei ’nem heißen Trunk berathen, wie ich mich am schnellsten mit einer neuen Takelage versehe, um den Eseln im Dorfe keinen Grund zum Argwohn zu geben.“

„Mit keinem Fuße betrittst Du meine Schwelle,“ antwortete Seiling in seiner Verzweiflung drohend, „nein, nimmermehr! Ich will Dir helfen, aber nur, wenn Du Dich entfernst. Besinne Dich also nicht lange – in jedem Augenblicke kann das Mädchen eintreffen – es wäre ein Unglück –“

„Unsinn, Mann!“ fiel Klaas achselzuckend ein, „von woher sollte Unglück kommen? Ich und das Mädchen werden bald genug die besten Freunde sein, und geschieht's nicht, ist's meine Schuld am wenigsten. Doch mach ein Ende! Du in Deinem Regenrocke hältst’s schon aus. Mein Zeug dagegen ist nicht wasserdicht, und was Deine Schwelle betrifft, so will ich, um sie nicht zu betreten, mit beiden Füßen zugleich hinüberspringen.“

„Nicht in mein Haus!“ rief Seiling, und erhob seine Fäuste, als Klaas ihn ungeduldig unterbrach:

„Und dennoch in Dein Haus, Maat! Oder wär’s Dir lieber, ich miethete mich im Dorfe ein und spülte meinen Aerger im Branntwein runter? Das aber wär’ ’ne gefährliche Sache; denn der Branntwein macht den Menschen oft redseliger, als es ihm hinterher lieb ist –“

„Gehe, Klaas, gehe!“ stöhnte Seiling gebrochen, „ich will Dir helfen, wo immer – nur fort von hier –“

„Nicht fort von hier,“ entschied Klaas einfallend, „denn wo’s einem Menschen behagt, da soll er bleiben, und wir sind zu alte Bekannte, um nach kurzem Wiedersehen aus einander zu treiben, wie ’n Wallfischfahrer und eine abgespeckte Carcasse.[2] Also komm, Mann,“ und an Seiling vorbeitretend, kehrte er sich der Schlucht zu. Dieser hielt ihn wieder auf.

„Klaas, hast Du kein menschliches Gefühl?“ fragte er mit Unheil verkündender Ruhe, „willst Du mich zu einer That der Verzweiflung treiben?“

„Damit möchte dem Mädchen am wenigsten gedient sein,“ meinte Klaas wie beiläufig, „und deshalb wirst Du alle Narrheiten bleiben lassen. Es soll nicht lange dauern, und ich und die kleine Cordula hängen an einander wie Schiffsbinden und Kupferblech. Hab’ so meine eigene Art, mich anzufreunden; also komm, oder ich such’ mir den Weg allein.“

Wie spielend zog er ein abgenutztes Jagdmesser mit Perlmuttergriff unter seiner Jacke hervor, und es drehend, daß der [128] auf der einen Seite der Schale ziemlich ungeschickt eingekratzte Name sichtbar wurde, begann er nachlässig an der Krücke seines Wanderstabes zu schnitzen. Seiling aber hatte kaum einen Blick auf das Messer geworfen, als er, wie von Schwäche übermannt, sich an den Felsblock lehnte. In seinen Augen leuchtete es auf wie erwachende Wuth, um ebenso schnell wieder in einen Ausdruck gänzlicher Verzagtheit überzugehen. Klaas schabte und schnitzte unterdessen mit einem Eifer, als hätte er vor Einbruch der Nacht ein wichtiges Werk zu vollbringen.

So verrann eine Minute.

„Ich will Dich auf einige Tage beherbergen,“ entwand es sich endlich kaum vernehmbar den Lippen Seiling’s, „doch versprich mir –“

„Alles, was Du willst,“ fiel Klaas ein, und mit derselben Sorglosigkeit, mit welcher er bisher geschnitzt hatte, verbarg er das Messer wieder unter seiner Jacke, „’s ist wenigstens ein vernünftiges Wort. Aus den Tagen werden Wochen, Monate und Jahre, und es soll Dir nicht leid sein, mich in’s Schlepptau genommen zu haben.“

Seiling sandte einen verzweiflungsvollen Blick über das bewegte Meer. Ueber die Brandung schweiften Möven, und er beobachtete sie mit einem Ausdruck, als beneide er die sturmerprobten Vögel um ihre Freiheit. Dann schlug er die Richtung in die Schlucht ein. Klaas folgte ihm auf dem Fuße nach.

„Hattest immer einen guten Geschmack,“ spann dieser in heiterem Tone eine neue Unterhaltung an, „und wenn ich je in meinem Leben einen behaglichen Winkel sah, so ist’s diese Schlucht mit der Aussicht auf’s Salzwasser. Bei Gott, Maat, ’s geht nichts über ’n warmes Obdach, wenn’s draußen weht und regnet. Des Teufels will ich sein, wenn diese Kühlte nicht die Aequinoctialstürme einbläst.“

Er säumte, wie einer Erwiderung harrend. Da Seiling aber hartnäckig schwieg, nahm er seine Mittheilungen wieder auf. Vom Wetter ging er zu den Bäumen auf den nahen Abhängen über, und endlich zu dem sauberen Häuschen, an welchem er alle Vorzüge aufzählte, die dasselbe im Vergleich mit einer „schwimmenden Kraft“ auszeichneten. Auch der Herbstblumen und der Gemüse gedachte er, indem sie durch den Garten schritten, und als sie in das Haus eintraten, da seufzte er geräuschvoll auf, wie Jemand, der nach schwerer Arbeit das Ziel vieljähriger Wünsche erreichte.




2.

Zwei Stunden Wegs war die braune Kordel Vormittags gewandert, zwei Stunden Wegs bald durch Wälder, bald über Felder, endlich auf der bekannten Landzunge am Fuße einer langgereckten Dünenreihe hin, dann wieder durch einen lichten Waldstreifen, und vor ihr lag ein kleines Fischerdorf. Bevor sie in dasselbe eintrat, kehrte sie sich der See zu, welche sie von ihrem etwas erhöhten Standpunkte aus bis zur heimatlichen Schlucht hin zu überblicken vermochte. Noch regnete es nicht, aber sie erkannte, daß sie in der Erwartung eines trockenen Tages sich bitter getäuscht hatte. Denn am Himmel braute und wirkte es bereits, und dicker quoll es in der Richtung auf, aus welcher der Wind die See’n landwärts zu trieb. Die Boote hatte man nach dem Strande hinauf gezogen; kein Mann befand sich draußen. Dagegen war die Brandung hier auf der geschützten Seite der Landzunge eine nur mäßige, wenigstens keine solche, daß ein tüchtiger Schiffer sich in seinem Boote nicht hätte hinauswagen können.

Dies Alles beobachtete Kordel mit ruhiger Ueberlegung. In ihren dunkeln Augen prägte sich sogar heimliche Freude aus, welche sie beim Anblick der wild bewegten Wasserfläche empfand. Unwillkürlich warf sie das ihr Haupt schützende Tuch zurück, und ihr jugendschönes Antlitz dem Wetter zukehrend, schien sie mit Wollust die kühle, feuchte Luft einzuathmen. Indem aber ein Windstoß das Tuch auch von ihren Schultern riß und an den flatternden Röcken zerrte, traten die Umrisse einer Gestalt zu Tage, welche man mit der einer Meergöttin hätte vergleichen mögen. Dazu die stolze Haltung, der ruhige Blick und der Zug von Trotz um den lieblichen Mund – es war in der That nicht zum Erstaunen, wenn die jungen Männer weit und breit um ein freundliches Wort von ihr gern ihre fünf Meilen gingen.

Nach einer Weile kehrte sie sich dem nächsten kleinen Garten zu, in welchem, eingenestelt zwischen mehreren Obstbäumen und umfangreichem Holundergebüsch, eine aus lehmgefülltem Fachwerke bestehende Hütte lag. Beim Anblicke des bescheidenen Heims milderte sich der Trotzeszug um ihre Lippen; ernster, sogar mitleidig schauten ihre Augen, indem sie die niedrige Lattenpforte öffnete und in den Garten eintrat. Vor dem einzigen Fenster der Hütte blieb sie stehen.

„Mutter Seger, da bin ich selber,“ rief sie durch die kleinen Scheiben hinein, und schnell schritt sie nach der Hausthür herum, deren obere abgesonderte Hälfte offen stand. Leicht öffnete sie den Fallriegel der unteren, und über einen engen Flur gelangte sie vor die Thür des Zimmers, in welches sie eben hineingerufen hatte.

„Ja, Mutter Seger, da bin ich selber,“ wiederholte sie eintretend, und zugleich stellte sie ihren Handkorb auf den nächsten Schemel, „aber ich fürchte, heute bleibt das Wetter mir nicht treu. Es zieht am Himmel herauf wie nichts Gutes, und wenn ich je in meinem Leben naßgeregnet bin, so geschieht’s heute noch.“

„Kordel!“ antwortete die alte Fischerfrau, deren weiße Haube eine Trauerschleife trug, – trotz Wind und Wetter –“ sie wollte sich von ihrem hölzernen Armstuhl erheben , als Kordel vor sie hintrat, ihre beiden Hände ergriff und sie hinderte.

„Bleibt sitzen, Mutter Seger!“ sprach sie freundlich; „aber es ist immerhin ein gutes Zeichen, daß Ihr Euern Füßen etwas zutraut. Es muß also doch besser gehen.“

„Nun ja, ein kleines Wenig,“ antwortete die Fischerfrau, und auf dem gramdurchfurchten, verwitterten Antlitze gelangte ein schmerzliches Lächeln zum Durchbruch. „Ganz gut wird es schwerlich jemals wieder werden, und mit meinem Arbeiten ist’s vorbei. So lange habe ich Nässe und Kälte ertragen, meldet sich aber die Gicht erst an, so hilft kein Doctor. Mein Mann warnte mich, so oft ich mit ihm hinaus wollte, und jetzt, da er hinüber ist, sehe ich ein, wie Recht er hatte. Ja, wenn der noch lebte!“

Kordel hatte einen Stuhl vor ihre alte Freundin hingezogen, und wiederum deren Hand ergreifend, sprach sie tröstlich: „Gewiß ist’s ein großes Unglück, daß der starb; aber verlassen und elend seid Ihr deshalb nicht. Auf böse Tage folgen bessere, und unsere Freundschaft ist eine zu alte, als daß Eine die Andere vergessen könnte. Dort in meinem Korbe ist Mancherlei, was Euch gut thun wird. Auf fremde Leute seid ihr ebenfalls nicht mehr allein angewiesen,“ fügte sie hinzu, als sie bemerkte, daß helle Thränen über die Wangen der alten Frau rannen. Dann schaute sie um sich, wie befürchtend, mit der letzten Andeutung zu viel gesagt zu haben.

„Nicht mehr allein,“ hieß es zurück, „und eine Gnade vom Himmel ist’s, daß mein Sohn heimkehrte. Leider kam er nicht früh genug, um seinem Vater die Augen zuzudrücken. Nur das Grab fand er, eine kranke Mutter und so viele Schulden, daß seine Ersparnisse nicht den vierten Theil deckten. Wird wohl eine Weile schaffen müssen, bevor er freier Herr unter seiner Eltern Dach ist: es hätte noch schlimmer werden können, denn Keiner wußte, wohin ihm ein Brief nachzuschicken gewesen wäre. Er meinte, eine Ahnung wäre über ihn gekommen, daß er in China Heuer auf einem heimwärts segelnden Schiffe nahm. Jetzt verdient er leidlich hier seines Vaters Brod und hantiert, daß es ihm Keiner gleich thut.“

„Ich weiß,“ versetzte Kordel hastig, „fuhr er mich doch oft genug hinüber. Heute wird’s indessen schwerlich gehen. Das Meer geberdet sich wie ein eigensinniges Kind und Hauben streifen sich die See’n über, noch weißer, als die Eurige.“

„Sorge nicht,“ entgegnete die alte Frau, und in ihren trüben blauen Augen gelangte etwas von der angestammten Vorliebe für das Element zum Ausdruck, welchem sie so lange ihren Erwerb verdankte.

[141] „Der Bertus,“ fuhr Mutter Seger fort, „hat's bei seinem Fahren gelernt, wie man einer Sturzsee begegnet, und wenn Einer Dich wohlbehalten nach Hause schafft, so ist er’s. Außerdem geht gegen Abend der Wind gewöhnlich herunter.“

„Wir werden sehen,“ versetzte Kordel überlegend, obwohl eine Bootfahrt auf stürmisch bewegter See sie nicht schreckte; „bis zum letzten Augenblick möchte ich freilich nicht warten; ich könnte in die Lage gerathen, den weiten Landweg in der Nacht zurücklegen zu müssen. ’s ist zwar Vollmond, aber das hilft wenig, wenn der Himmel wie mit wollenen Decken verhangen ist. Und wer weiß, wann Euer Sohn heimkehrt!“

„Früh genug, Kordel,“ antwortete Mutter Seger, „und er müßte nichts von der Ehrlichkeit seines todten Vaters und von der Dankbarkeit seiner Mutter geerbt haben, wollte er eine Minute säumen, Dir zu Diensten zu sein. Weht’s aber, daß ein Boot nicht hinaus kann, so gehst Du deshalb nicht allein durch den Wald, Kordel; der Bertus begleitet Dich bis vor Deine Hausthür –“

„Was ich nicht dulde!“ fiel Kordel beinahe heftig ein; „nein, Mutter Seger, ich fürchte mich nicht, brauche Niemand zu fürchten, und wäre die Nacht so schwarz, wie die Außenseite von meines Vaters Boot. Er müßte ja fünf, sechs Stunden auf dem Hin- und Herwege zubringen, und woher sollte er die Kraft zur morgigen Arbeit nehmen?“

„Kraft?“ fragte die alte Frau mit einem Anfluge mütterlichen Stolzes, „o, der Bertus bleibt frisch und munter, und säh’ er in einer Woche kein Bett. Ich weiß es von ihm selber. Will er mit Dir hinübersegeln, so magst Du Dich ihm anvertrauen. Hält er den Landweg für sicherer, so gehst Du nicht allein.“

Kordel öffnete die Lippen, wie um eine Antwort zu ertheilen, und augenscheinlich eine unmuthige. Sie besann sich indessen, und abspringend erkundigte sie sich nach den häuslichen Verhältnissen ihrer alten Freundin, indem sie die Sauberkeit ihrer Umgebung pries.

„Besorgt alles der Bertus,“ lobte Mutter Seger ihren Sohn, „der hat auf den Schiffen Ordnung gelernt und weiß seine Hände zu rühren. Es wurmt mich wohl, wenn er den Fußboden scheuert, weil’s Weiberarbeit ist, allein er meint, es falle ihm nicht schwerer, als früher das Deck scheuern bei nüchternem Magen, und er thu’s gern, weil’s ihm sei, als lebe er an Bord, – ich muß wohl schweigen.“

„Und die Aepfel dort auf dem Bettgesims,“ sprang Kordel wieder ab, wie sie freundlich auf uns herunterschauen, und der große Tannenzapfen – ei, er hat sich geschlossen; das deutet auf böses Wetter.“

„Unser Wetterprophet,“ hieß es zurück; „wie manches liebe Mal hat mein Mann ihn befragt, bevor er zum Garnlegen hinausfuhr! Der Bertus meint zwar, das Ding sei unzuverlässig, aber weil’s dem Vater diente, betrachtet er’s als ein Heiligthum.“

So plauderten die Beiden lebhaft, und je länger sie mit einander sprachen, um so tröstlicher wirkte Kordel’s Nähe auf die alte Frau.

Draußen hatte sich unterdessen die Atmosphäre verdichtet; unfreundlich schnob der Wind um die Hütte herum und feindselig rüttelte er an den noch beladenen Obstbäumen. Die Fensterscheiben trieften unter dem feinen Regen. In der Hoffnung, daß der Himmel sich dennoch aufklären würde, säumte Kordel immer länger. Den Gedanken an den Wasserweg hatte sie längst aufgegeben; denn anstatt niederzugehen, nahm der Wind die Backen voller. Die alte Frau beachtete das Wetter kaum, und ihre Besorgniß um Kordel erstickte in der Ueberzeugung, daß es in der Gewalt ihres Sohnes liege, den Elementen zu gebieten.

„Es mag nicht in der Ordnung sein, über den eigenen Vater Reden zu führen,“ eröffnete Kordel nach einer längeren Pause ernsten Sinnes ein neues Gespräch, „allein wenn man Gutes bezweckt, kann nimmermehr Arges drin liegen. Ich möchte Euch nämlich über Manches befragen; denn mich an den Vater selbst zu wenden, scheue ich mich. Er ist reizbar, und ich würde ihn noch trüber stimmen. Schon ehe wir uns auf der Insel ansiedelten, war er wortkarg und verschlossen, und das hat seitdem zugenommen. Ihr und Euer Mann wart die Ersten, die wir kennen lernten, und ich habe nicht vergessen, daß ich manchen Tag in Eurem Hause verlebte, während der Vater den Bau unseres Hauses betrieb. Ihr wißt daher vielleicht mehr als ich, die ich in den Kinderjahren mich wenig um seine düstere Stimmung kümmerte.“

„Nichts weiß ich, Kordel,“ antwortete die alte Frau, „wenigstens nicht mehr, als andere Leute. Scheu war er immer, und wenn ich wöchentlich ein paar mal hinüber mußte, um die grobe Hausarbeit zu verrichten und Dich ein bischen anzulehren, so geschah’s wohl, weil er mit den Nachbarn im Dorf keine Freundschaft haben wollte. Ja, scheu war er immer, und oft fürchtete ich, ihm guten Tag zu bieten; denn hatte er mich vorher nicht gesehen, so fuhr er zusammen, als wäre eine Spiere neben ihm gebrochen.“

[142] „Ihr entdecktet nichts, was Euch an ihm befremdete? Ich frage nicht aus Neugierde, sondern weil ich Alles aufbieten möchte, sein Gemüth zu erleichtern.“

„Nichts, Kordel. Das Einzige, was mir einst an ihm auffiel – aber ’s ist wohl nicht der Rede werth –“

„Doch, doch, Mutter Seger, erzählt nur Alles! Der kleinste Nebenumstand lenkt zuweilen auf die richtige Spur.“

„Nun ja, Kordel, erzählen will ich’s schon, wenn ich auch nicht viel davon halte. Es war im zweiten Sommer nach Eurem Zuzuge, als ich in der Frühe hinübersegelte. Mein Mann begleitete mich und wollte mich Abends abholen. Ob Dein Vater mich erwartete, weiß ich nicht, ich glaub’s kaum. Denn als ich im Vorbeigehen durch’s offene Fenster sah, stand er vor dem Tische und hatte den Kopf tief gebückt. Ich meinte, er sei mit Lesen beschäftigt; um nicht zu stören – und hinein in’s Zimmer mußte ich – öffnete ich die Thür so leise, daß er’s nicht hörte. Als ich aber hinter ihm vorüberschlich, knarrte ein Brett unter meinen Füßen, und wie der Blitz fuhr er nach mir herum. Sein Gesicht war weiß wie ’n Laken, und weil er mich mit glühenden Augen ansah und die Arme an ihm herunter fielen, fürchtete ich, daß eine Krankheit über ihn gekommen sei und er zu Boden sinken müsse. ‚Euch ist nicht recht?‘ fragte ich, und um ihm die Hand zu leihen, trat ich auf ihn zu. Aber es war, als hätte meine Stimme ihn wie ein Donnerschlag getroffen. Das Blut schoß ihm in’s Gesicht, und seine Hände ballten sich, daß ich mich schier entsetzte. ‚Wie kommt Ihr hierher?‘ schrie er wild, und bevor ich in meinem Schrecken antwortete, meinte er. ‚’s ist unehrlicher Menschen Sache, Jemand heimlich zu belauschen. Ich habe Euch nicht gerufen, und nun geht und laßt’s Euch gesagt sein, daß Ihr jedes Mal anklopft, bevor Ihr bei mir eintretet!‘ Das Wort unehrlich wurmte mich, und ich dachte daran, die Arbeit bei ihm aufzugeben, als er plötzlich wieder kleinlaut wurde. Er legte mir die Hand auf die Schulter und redete mir zu, daß er in Gedanken gewesen sei und ich’s nicht für ungut nehmen möchte. Es komme zuweilen über ihn wie ein böser Traum, seitdem er seine Frau verloren habe. Und als er bemerkte, daß ich auf den Tisch sah – und wo sollte ich meine Augen lassen? – trat er vor mich hin, als hätt’s ihn verdrossen, und im Grunde ging’s mich nichts an, was da lag.“

„Aber was saht Ihr denn?“

„Nur so obenhin hatt’ ich’s bemerkt, doch es war wohl wegen meines Schreckens, daß ich’s im Gedächtniß behielt. Da lag nämlich ein Bild, wie sie die Maler zur Sommerszeit an unserem Strande mit einer Maschine anfertigen. Aber es war ein Männergesicht, und das eines jüngeren Mannes obenein, das heißt nicht das Deines Vaters, sondern ein hübscher Bursche mit großen Augen und einem Mund zum Sprechen, daß es ängstlich war. Das Bild war so groß wie eine Hand und nicht mehr neu, und einen Riß hatte es in der Mitte, als ob ein Meißel draufgefallen wäre. Daneben lag ein Bündelchen Schriften, glaube ich, ich betrachtete es nicht lange, weil’s mich nichts anging.“

Kordel, die so lange aufmerksam gelauscht hatte, wiegte das Haupt, wie um über das Vernommene nachzusinnen. Plötzlich sah sie wieder empor.

„Habt Ihr später Aehnliches erlebt?“ fragte sie mit ängstlicher Spannung.

„Nie wieder, und ich hütete mich, ihn zum zweiten Male zu überraschen. Auch sagte ich’s Niemand außer meinem Manne, und der rieth mir, über Dinge, die mich nichts scherten zu schweigen; so hab’ ich’s auch gehalten bis auf den heutigen Tag. Es mag wohl das Bild eines Anverwandten gewesen sein, mit dem er vielleicht in Unfrieden auseinander ging.“

„Verwandte besitzen wir nicht, ich weiß wenigstens von keinem, und den Vater darnach zu fragen – das bringe ich nicht über’s Herz. Es geht mir ohnehin nahe genug, zu beobachten, wie ihn die Traurigkeit verzehrt und er am Strande sitzt und stundenlang auf’s Meer hinausstarrt.“

„Vielleicht ändert’s sich, wenn Du erst einen rechtschaffenen Mann gefunden hast,“ meinte die alte Frau gutmüthig.

In Kordel’s Antlitz schoß es blutroth.

„Ich verlange keinen Mann,“ erwiderte sie heftig; „wollte ich einen, so würde es dem Vater entgegen sein, und ich bin zufrieden damit. Vor einigen Wochen erst sprach ein angesehener Kaufmann aus der Stadt bei uns in der Schlucht vor; ich hörte, daß er den Vater bat, in allen Ehren um mich werben zu dürfen. Der Vater dagegen wies ihn kurz ab, und wohl acht Tage dauerte es, bevor wieder ein Wort über seine Lippen kam. Dann meinte er, daß ich nicht aus Noth Jemandes Weib zu werden brauche und er bei Lebzeiten nie die Einwilligung zu meiner Verheirathung geben würde. Mir ist’s gerade recht. Wäre er mit dem Kaufmanne einverstanden gewesen, ich hätte ihn dennoch abgewiesen. Ich beuge mich unter keines Mannes Regiment, und sollte der Vater sterben, so finde ich mein Auskommen ohne fremde Hülfe. Nein, Mutter Seger, ich heirathe nie. Sehe ich doch, wie Ihr Euch in Gram verzehrt. Wäret Ihr ledig geblieben, so lebtet Ihr heute sorglos.“

„Und doch möchte ich die mit meinem Manne verlebten Jahre – und Noth und Trübsal brachten sie in schwerer Menge – nicht missen,“ seufzte die alte Frau; „habe ich ihn selber nicht mehr, so habe ich dafür meine Gedanken an ihn, und die kann mir Keiner nehmen.“

Kordel sah düster vor sich nieder. Sie war im Begriffe, ein neues Gespräch anzuknüpfen, als ein Schatten vor dem Fenster vorüberglitt und gleich darauf die Hausthür ging.

„Das ist der Bertus,“ sagte die alte Frau, sich belebend, „er hat eine eigene Art, die Klinke zu heben und die Thür hinter sich heranzuziehen.“

„So werden wir ja erfahren, ob ich zu Fuß gehen muß,“ versetzte Kordel, indem sie sich erhob.

Die Zimmerthür öffnete sich, und herein trat im rauhen Arbeitsanzuge Albert Seger, oder vielmehr Bertus, wie er allgemein genannt wurde. Das triefende Oberzeug hatte er auf dem Flure abgelegt, und obwohl die langen Seestiefel und die verschossene weite Arbeitsjacke wenig anmuthig auf seinem Körper hingen, raubten sie dem jungen Seemanne doch nichts von dem Einnehmenden seiner Erscheinung. Er war nicht übermäßig breitschulterig, dagegen etwas über die Mittelgröße hinausgewachsen und seine Bewegungen zeugten von Gewandtheit und Kraft. Sein hübsches Gesicht mit dem blonden Matrosenbart und den ehrlichen, dabei aber lebhaften blauen Augen strahlte förmlich in kerniger Gesundheit, während das wilde dunkelblonde Lockenhaar den Ausdruck einer leicht erregbaren, wohl gar leidenschaftlichen Gemüthsart erhöhte.

Mit vertraulichem Gruß näherte er sich Kordel, indem diese aber ihre Hand in die seinige legte, schien das bewegliche Blut sich einen Weg durch seine gebräunten Wangen bahnen zu wollen. In seinen Augen machte sich sogar eine gewisse Verwirrung bemerklich, indem er anhob:

„Daß Du meiner Mutter immer noch freundlich gedenkst, Kordel, das ist mir wahrhaftig ’ne rechte Freude, aber lieber wär’s mir, Du hättest einen anderen Tag zu Deinem Besuch gewählt.“

„Die See geht zu hoch?“ fragte Kordel, „beunruhige Dich deshalb nicht! Ich habe gerastet, und breche ich jetzt auf, so dauert’s keine dritthalb Stunden, bis ich daheim bin.“

„Für mein Boot geht die See nicht zu hoch,“ antwortete Bertus übermüthig, „auch kenne ich drüben eine Stelle, auf welcher ich den Strand so nahe streichen mag, daß ein guter Sprung Dich auf’s Trockene bringt. Aber die Nässe, Kordel, die Nässe! Bevor die Nacht hereinbricht, regnet’s Flaggenleinen, und was der Regen nicht besorgt, das thun die Schaumkämme.“

„So geben wir die Fahrt auf!“ entschied Kordel gleichmüthig, und ihr Tuch ergreifend, rüstete sie sich; „ob ich ein paar Stunden früher oder später zu Hause bin verschlägt nichts.“

„Hänge Dir wenigstens meines Mannes Oberrock um die Schultern!“ versetzte Mutter Seger fürsorglich.

„Ich begleite Dich, Kordel," nahm Bertus schnell das Wort, „und hältst Du Dich leewärts von mir, so will ich sehen, ob das Wetter Dir viel anhat.“

„Als ob ich mich fürchtete!“ lachte Kordel gezwungen, „nein, Bertus, Du bleibst bei Deiner Mutter. Einen Weg, den ich wohl hundertmal wanderte, finde ich mit geschlossenen Augen, und nach dem Regen frage ich nicht viel.“

„Sage was Du willst, Kordel!“ versetzte Bertus entschlossen, und hell leuchtete es in seinen Augen auf, „allein gehst Du nicht, und müßte ich mich ’n paar Dutzend Schritte hinter Dir halten.“

„Dergleichen wirst Du nicht thun!“ entschied Kordel, die [143] Lippen trotzig emporwerfend, „ich habe meine Gründe dafür. Wer begleitete mich, als Du auf hoher See schwammst?“ Wetter wie heute gab’s auch damals, und oft genug verließ ich später als heute Deiner Mutter Haus.“

„Deine Gründe in Ehren,“ erwiderte Bertus, und er wendete sich ab, um zu verheimlichen, daß ihm das Blut bis in die Schläfen hinaufgestiegen war, „und ich will am wenigsten Ursache geben, daß Du auf irgend eine Art in’s Gerede kommst. Derjenige soll aber noch geboren werden, der mir wehrte, mich in Hörweite von Dir zu halten. Und ich schwör’ Dir’s, nicht eher kehre ich um, als bis ich die Thür von Deines Vaters Haus hinter Dir zuschlagen höre. Es soll sich seit einiger Zeit auf der Insel Gesindel umhertreiben, welchem ein junges Mädchen ohne Schutz nicht gern begegnet. Erst heute war ein Mann in unserm Dorf – er befragte die Leute um den Weg – ein richtiger Vagabond, hörte ich, dem man das Wohl eines Hundes nicht auf zehn Minuten anvertrauen möchte.“

„Ich fürchte mich nicht,“ antwortete Kordel spöttisch, „bin ich zu schwach, um mich zu vertheidigen, so sind meine Füße desto leichter – nein, Du bleibst bei Deiner Mutter – ich will es so.“

„So thu’s ihm zu Gefallen!“ suchte die alte Frau zu vermitteln, „und verdient hast Du’s um mich, daß wir Deinetwegen nicht Nacht noch Wetter scheuen.“

Kordel war reisefertig. Auf die Bitte der Alten sann sie ein Weilchen nach. Bertus’ Blicke hingen an dem schönen Antlitz mit den gesenkten Augen, über welche die starken schwarzen Brauen sich dichter zusammengeschoben hatten. Endlich sah Kordel empor, und den jungen Seemann fest anschauend, sprach sie ruhig:

„Deine Begleitung will ich nicht. Kannst Du dagegen mit gutem Gewissen behaupten, daß keine Gefahr dabei, so magst Du mich hinübersegeln.“

In des jungen Mannes Antlitz flackerte es auf.

„Scheust Du nicht etwas Sprühwasser,“ rief er aus, „so schaffe ich Dich innerhalb drei Viertelstunden hinüber; zurück ist’s für mich Spielerei.“

„Gut,“ versetzte Kordel erleichtert, „Du hast’s gesagt, und ich traue Dir zu, daß Du nicht mehr versprichst, als Du halten kannst. Um’s Sprühwasser kümmere ich mich wenig.“

„So wollen wir keine Zeit verlieren,“ bemerkte Bertus eifrig, „je früher wir aufbrechen, um so besser! Lebt wohl, Mutter! In anderthalb Stunden bin ich wieder da.“ Er trat auf den Flur hinaus, wo er sich in sein Regenzeug warf, während Kordel auf ihrer alten Freundin Rath sich ähnlich ausrüstete und Abschied nahm.

Im Garten harrte Bertus ihrer. Er trug auf der Schulter einen kurzen Mast nebst Gaffel und aufgerolltem Segel und eine Ruderstange. Als Kordel bei ihm eintraf, schlug er ohne Zeitverlust ihr vorauf den Weg nach dem Strande ein.




3.

Der Himmel war dicht verhangen und sandte fortgesetzt seinen kalten Regen nieder. Abendliche Schatten verkürzten die Fernsicht, welche durch den Regen ohnehin arg begrenzt war. Als die beiden jungen Leute den Strand erreichten, dehnte die See sich als eine heftig bewegte, düster graue Fläche vor ihnen aus. Die Brandung war nur mäßig, weil die Wogen durch den Wind abwärts getrieben wurden. Der mit Seetang bedeckte Strand erzeugte den Eindruck, als ob der Wasserstand ein niedrigerer geworden wäre. Nur hin und wieder rollte eine Dünung weiter herauf. Eine solche benutzte Bertus, das mit dem Kiel auf einer Planke ruhende Boot flott zu machen. In dem Augenblicke, in welchem dieses den trockenen Strand verließ und sofort von einer neuen Dünung emporgehoben wurde, schwang Kordel sich hinein. Bertus folgte ihr nach, und die Ruderstange handhabend, gelangte er bald so weit, den Mast einsetzen und das Segel lösen zu können. Durch die Dünen der Landzunge geschützt, brauchte er nur gegen die unregelmäßigen Schwellungen zu kämpfen. Kordel hatte auf der letzten Bank Platz genommen. Bertus setzte sich neben sie und ergriff das Steuer. Mit der linken Hand hielt er die durch einen Ring laufende und zweimal um einen Pflock geschlungene Segelleine. Langsam und den ungestümen Bewegungen des Wassers nachgebend, trieb das Boot seewärts. Plötzlich aber traf es ein heftiger Windstoß, der es fast auf die Seite legte; dann gewann es stetigeren Curs, und einige Minuten später war es der vollen Wirkung der Kühlte preisgegeben.

„Es ist doch schlimmer, als ich erwartete,“ brach Kordel nach kurzer Fahrt das Schweigen, und forschend ruhten ihre Blicke auf dem Gefährten, der scharf über den Bug des Fahrzeuges hinwegspähte.

„Es müßte weit schlimmer kommen, um uns gefährlich zu werden,“ antwortete Bertus, ohne die Richtung seiner Blicke zu ändern.

„Aber die Brandung drüben!“

„Ich schaffe Dich wohlbehalten auf’s Trockene, Kordel, und bedaure nur, daß es nicht anders weht. Verwandelte die See sich in brennenden Schwefel, so wär’s der Rede werth.“

Ein eigenthümlicher Ausdruck lag in des jungen Mannes Stimme, daß es Kordel befremdete, sogar ängstigte. Aber als sei das Schweigen inmitten des sich allmählich in Dämmerung hüllenden tosenden Elementes ihr noch peinlicher gewesen, hob sie nach kurzem Sinnen wieder an:

„Wir sind öfter diesen Weg gefahren, schon als ich noch Kind war, allein böseres Wetter hatten wir nie. Ich seh Dir’s an, wie Du Dich abmühst, den Curs zu halten. Es wäre besser gewesen, wir hätten die Fahrt unterlassen.“

„Nein, Kordel, besser wär’s nicht gewesen,“ stieß Bertus förmlich heraus, „denn nun kann ich Dir wenigstens zu Diensten sein. Meine Begleitung auf dem Landwege schlägst Du aus, als ob’s eine Schande wäre, mit einem Fischerknechte gesehen zu werden, und nun ist Dir mein Segeln nicht gut genug. Was hab’ ich anders von Dir, als daß ich Dir meinen guten Willen beweise? Hätte ein Typhoon die See bis auf den Boden aufgewühlt, so würde ich keine Secunde geschwankt haben, Dich zur Fahrt einzu laden.“

„Du denkst nicht an den Gram Deiner Mutter, wenn Du von Deiner tollkühnen Fahrt nicht zurückkehrtest. Die arme Frau wäre gänzlich verwaist, fänden wir Beide unsern Untergang.“

Bertus antwortete nicht gleich. Zwei Wogen, die schnell aufeinander folgten und das kleine Fahrzeug zu begraben drohten, nahmen seine ungetheilte Aufmerksamkeit in Anspruch. Nachdem sie einen Sprühregen über die beiden Gefährten hingesendet hatten, rollten sie davon.

„Lege Deinem Arm um mich, und Du sitzest sicherer,“ sprach Bertus darauf, und seine Stimme zitterte vor Erregung.

„Ich sitze gut genug,“ antwortete das Mädchen gleichmüthig, „ich möchte Dich in Deinen Bewegungen hindern.“

„Kordel,“ begann Bertus nach einer längeren Pause, „wenn ich mich dadurch versündige , ist’s nicht meine Schuld; denn ich kann nicht anders. Meiner armen Mutter gönne ich das Beste, aber auch ohne uns Beide wäre sie nicht verlassen; es giebt noch gutherzige Menschen in der Welt, und sollte ich vereint mit Dir sterben, wäre mir’s eine rechte Wohlthat.“

„Rede nicht lästerlich, während wir über der Tiefe schweben!“ versetzte Kordel mit heimlichem Beben; „oder meinst Du, mir wäre damit gedient, in Deiner Gesellschaft zu Grunde zu gehen? Mein letzter Gedanke würde Deiner Mutter gelten, der nichts Anderes bliebe, als gleichfalls zu sterben.“

„Wie Dir’s widerstand mit mir auf dem Lande gesehen zu werden, so peinigt Dich jetzt die Besorgniß, man könnte uns am Strande finden, Beide todt und starr, und wie ich Dich halte, fest, ganz fest, daß sie uns in ein Grab legen müßten. Kordel, höre, wie der Wind heult, sieh, wie die See’n ihre Arme nach uns ausstrecken! Aber ich verspotte sie. An meine Mutter denke ich, doch mehr an Dich, verschaffte ich Dir dadurch ’ne frohe Stunde, spränge ich gleich über Bord. Wenn ich das Steuer herumwürfe, so sänken wir einige Minuten später Seite an Seite auf den Meeresboden. Aber ich will nicht, Kordel; durch mich sollst Du kein Leid erfahren. Meinst Du daß ich unziemlich rede, so trägt das Meer die Schuld! Hei, wie’s dunkelt! Doch hinter den Wolken scheint der Mond, und der Schaum hilft ihm leuchten. Bei solchem Wetter packt’s mich, wie Jemand, der beim Trinken des Guten zuviel gethan und daher offen ausspricht, wie ihm um’s Herz ist, und der keine Ueberlegung kennt. Ja, Kordel, es muß herunter von meiner Seele: daß ich Dir nichts anderes sein kann, als der Sohn Deiner alten Freundin, das weiß ich, aber daß [144] ich, so oft ich Dich sehe, wahnwitzig werden möchte, daß ich lieber mit Dir auf dem Meeresboden läge, als Dich eines anderen Mannes Frau werden zu sehen, das darf ich immerhin ausprechen, ohne mich zu versündigen.“

Schweigend hatte Kordel ihm zugehört; als er geendigt, säumte sie eine Weile, bevor sie wie beiläufig antwortete:

„Also nur um mir dergleichen Undinge zu sagen, wolltest Du mich begleiten? Nur um mir sinnloses Zeug vorzuschwatzen, hast Du mich zu der Fahrt gedrängt? Nun, ’s ist das letzte Mal, daß Du mich hinübersegelst. Wenn ich überhaupt heirathen will, was kümmert’s Dich, wen ich wähle? Und gar hier Deine Tollheiten auszukramen, hier, wo ich Dir nicht ausweichen kann, hier, wo Du weißt, daß unser Leben von einer unvorsichtigen Bewegung abhängt! Möchtest sonst wohl gar die Hand nach mir ausstrecken? Hab’s geahnt, daß Dein Seefahren Dir den Kopf verwirrte, und darum fürchtete ich Deine Begleitung auf dem Landwege, wo Segel und Sturm Dich nicht gebannt hätten.“

„Ich wiederhol’s, Kordel,“ erwiderte Bertus, „lange genug hab’ ich’s mit mir herumgetragen, und noch länger hätte ich geschwiegen, aber das schäumende Wasser und Deine Bitterkeit haben’s mir angethan, daß ich nicht länger lügen mag. Und ein Lügen war’s, wenn ich beim Begegnen Dir ruhig in die Augen sah, wenn ich Dir lustig wie ’nem guten Freunde die Hand drückte, während mir vor heimlichem Jammer und Elend das Herz hätte zerspringen mögen. Das ist jetzt vorbei. Was See und Wind hören, verschweigen sie, und trägst Du’s selber weiter, soll’s mir kein Gram sein. Mögen die Leute mit Fingern auf mich weisen und mich verspotten, weil ich der stolzen, braunen Kordel eingestand, was in meiner Brust bohrt – ich schere mich nicht drum. Du aber weißt jetzt, daß, wenn ich Dir die Hand reiche und die Tageszeit biete, es in meinem Herzen brennt, daß ich für Dich sterben möchte und zufrieden damit wäre.“

„Du wirst mir die Hand nicht mehr reichen,“ erwiderte Kordel, trotz des sie umtosenden Elements mit wachsender Leidenschaftlichkeit; leidet Deine Mutter darunter, so bist Du selber verantwortlich dafür. Denn ich weiß, nie gab ich Dir Grund, Undinge zu mir zu sprechen –“

Sie stockte.

Mit einer kurzen Bewegung hatte Bertus das Steuer herumgedrückt. Das Boot schwang sich in den Wind hinein und schoß an einer heranrollenden Woge hinauf, zugleich flatterte das Segel nach hinten. Es war ersichtlich, die nächste Woge mußte über das seines Haltes beraubte Boot hinstürzen. Doch Kordel, vertraut mit dem Wasser und durch die abendliche Dämmerung hindurch die Umrisse der nächsten See erkennend, griff hastig nach dem Steuer, und es der erschlaffenden Faust des Geführten leicht entwindend, brachte sie das Fahrzeug in seinen alten Curs zurück, bevor das Verhängniß über dasselbe hereinbrach. Ein kurzer Kampf mit dem zischenden Schaumkamme folgte, und wie ein Pferd nach empfangenem Peitschenhieb, schoß das Boot durch die verdichtete Atmosphäre auf sein unsichtbares Ziel zu.

Bertus schien die Besinnung verloren zu haben. Das Haupt auf die Brust geneigt, gab er willenlos den heftigen Schwankungen nach. Kordel dagegen führte das Steuer mit einer Sicherheit, wie sie nur im jahrelangen Verkehr mit der See erworben wird.

„Hast Du Dich jetzt beruhigt?“ fragte sie nach längerem dumpfem Schweigen; „hast Du überlegt, wo wir uns zur Zeit befänden, hätte ich nicht eingegriffen?“ Hast Du bedacht, daß Deine arme Mutter kinderlos wäre, hätte ich Deinem Wahnsinn nicht gesteuert?“

„Wir lägen Beide unten, und ich hätte Ruh’,“ antwortete Bertus zerknirscht.

„Eine theuer erkaufte Ruhe,“ versetzte Kordel so gleichmüthig, als hätte es sich um eine zu brechende Blume gehandelt, „aber nimm das Steuer zurück, mache, was Du willst – mich soll’s nicht kümmern. Meinst Du indessen, mich durch irgend eine Drohung einschüchtern zu können, so täuschest Du Dich. Es ist überhaupt eine schlecht gewählte Zeit jetzt zu Gesprächen, wie das Deinige. Du glaubtest, mich in Deiner Gewalt zu haben, mich zittern zu sehen. Doch ich zittere nicht leicht; dazu ist mein Leben nicht freudevoll genug – ich will’s Dir beweisen,“ und das Steuer noch immer haltend, drehte sie das Boot jetzt selber in den Wind. Der Bug war aber noch nicht herumgeschwungen, obwohl das Segel schon zu flattern begann, als Bertus ihr das Steuer gewaltsam entriß und die Gefahr beseitigte.

„Ich habe gelobt, Dich hinüberzuschaffen, und mein Wort halte ich, sprach er zähneknirschend, und er hatte nur noch Blicke für die brausenden Wogen und die Lage des Bootes, „aber ich gesteh’s – ich war unsinnig; wie Wahnwitz kam’s über mich, und ich danke Dir, daß Du mich wieder zur Vernunft brachtest. Ich wiederhol’s, wenn die See’n brausen und der Sturm dazu heult, möchte ich aufschreien vor Lust, und weil ich Dich so lange kenne und Du so warm neben mir saßest, traf’s Dich. Jetzt ist’s vorbei, Kordel. Das Sprühwasser und Deine Worte haben mich abgekühlt. Denke nicht mehr daran, Kordel! Meine Zunge soll verdorren, bevor ich noch einmal von Liebe zu Dir rede.“

Er lachte, wie sich selbst verhöhnend, in den Wind hinein, und da Kordel schwieg, fuhr er in demselben herben Tone fort:

„Besuchtest Du meine Mutter nicht mehr, so würde das der armen Frau viel Gram verursachen. Sie würde errathen, daß ich’s verschuldete, und die Strafe wäre zu hart. Vergiß daher Alles, um meiner Mutter willen! Denke, Du habest geträumt,“ und bitterer und zugleich entschlossener klang seine Stimme, „oder ’ne böse Krankheit habe mich befallen, daß ich nicht wüßte, was ich thät. Sollst nie mehr dergleichen erleben; weit aus dem Wege will ich Dir gehen, und begegnen wir uns zufällig, so begrüße mich nach alter Weise der Leute wegen! Denn würdest Du mir die Hand reichen und mich versöhnlich anschauen, so gedächte ich der jetzigen Stunde – Kordel; legte ich meine Hand auf rothglühendes Eisen, es würde weniger brennen, als die Erinnerung an den heutigen Abend.“

[157] Das Boot tanzte gewaltig auf den rollenden Wogen. Kordel saß noch immer schweigend und düster blickend neben Bertus. Wer hätte errathen, was in ihrem Innern vorging! Am wenigsten kümmerte sie sich um die schwarzen Wälle, welche ringsum aus der grauen Atmosphäre auftauchten und wieder versanken. Unempfindlich gegen Regen und Sturm saß sie da; gleichgültig gegen die Richtung, welche das flinke Boot verfolgte.

„Ich weiß, was Dir im Kopfe herumgeht,“ hob Bertus nach einer langen Pause wieder an, „und ich nehm’s Dir nicht übel, denn ich hab’s verdient. Versprichst Du, daß meine Mutter nicht vergessen sein soll, so versuch’ ich mein Schicksal wieder draußen auf dem Meere; eine gute Heuer finde ich alle Tage auf einem Schiff nach Ostindien, Australien oder wer weiß wohin; mir ist Alles einerlei. Nur ein paar Wochen Zeit gönne mir, damit’s der alten Frau nicht zu plötzlich komme!“

„Thu’, was Du für gut hältst!“ antwortete Kordel.

Sie hatten die Grenze erreicht, auf welcher der um die Landzunge herumsausende Wind die See am tiefsten aufwühlte. Trotzdem rollten die Wogen hier mit größter Regelmäßigkeit, sodaß es Bertus erleichtert wurde, das Boot in einem stetigen Curs zu erhalten. Freilich ging es höher hinauf und tiefer hinab, allein unter der sicheren Faust im Steuer schwand die Gefahr des Kenterns.

„Wie die Nußschale fliegt!“ bemerkte Kordel nach längerem Schweigen; „sollte man nicht meinen, sie wolle in den Himmel hinein?“

„Oder auf den Meeresboden hinab,“ meinte Bertus, wie beiläufig, „aber sei unbesorgt, ’s geht nichts über einen regelmäßigen Seegang. Ein sechsjähriges Kind möchte ihm mit dem Steuer begegnen.“

„Denkst Du auch an die Heimfahrt?“

„Nein; ’s ist keines Gedankens werth.“

Wiederum eine lange Pause. Bertus blickte starr nach vorn, während Kordel seine umschattete Gestalt sinnend von der Seite betrachtete. Beide achteten weder des Sprühwassers noch des Regens, welche unablässig die dem Winde zugekehrten Wangen peitschten.

„Meine Finger erstarren,“ hob Kordel von neuem an, „das Holz ist eisig und naß. Gefällt Dir’s und hindert’s Dich nicht, so schlinge ich meinen Arm um Dich.“

„Es hindert mich nicht, Kordel; sitzest Du fester, so thu’s immerhin!“ antwortete ihr Gefährte so kalt wie die feuchte Bank, an welche sie sich, mit beiden Händen anklammerte.

Kordel zögerte. Vor einer halben Stunde würde der Vorschlag Bertus mit wildem Entzücken erfüllt haben. Jetzt schien er keinen Eindruck auf ihn auszuüben. Eine Minute verrann; dann legte sie ihren Arm um den jungen Seemann, jedoch nicht schüchtern, sondern mit derselben ruhigen Sicherheit, mit welcher sie zuvor das Holz ergriffen hatte. Darauf blieben Beide stumm. Erst als sie sich dem Strande näherten, bemerkte Bertus eintönig:

„Vor der Schlucht kann ich nicht anlegen. Die Brandung ist zu schwer. Ich selbst mache mir nichts draus, und ginge das Boot in Stücken, Du aber würdest Deine Noth haben, das Land zu erreichen, ohne von einer See eingeholt zu werden. Ist Dir’s recht, so lande ich Dich hundert Faden weiter unterhalb. Die paar Schritte sind für Deine leichten Füße nichts.“

„Wenigstens nicht zu viel,“ antwortete Kordel ebenso gleichmüthig; „mach’ es, wie Du willst! Mir ist Alles recht. Am liebsten wär’ ich auf dem Landwege heimgekehrt.“

„Vielleicht das nächste Mal,“ meinte Bertus; „verliere nicht das Gleichgewicht, während ich das Segel stelle!“

Mit der freien Hand löste er die Leine von dem Pflock; nachdem er sie einige Spannen durch den Ring zu sich gezogen hatte, befestigte er sie wieder. Zugleich rührte er das Steuer, und nun fiel das Boot von seinem bisherigen Curs im rechten Winkel ab und kehrte den Bug der Landzunge zu.

Es war wieder Schweigen eingetreten. Bertus strengte sich auf’s Aeußerste an, auf den Strandhöhen, die gleich schwarzen Schatten dalagen, Merkmale zu unterscheiden, nach welchen er sein Anlaufen berechnen konnte. Endlich – sie mochten sich in schräger Richtung der Brandung bis auf zehn Faden genähert haben – seufzte er erleichtert auf.

„Halte Dich bereit!“ sagte er erregt, „kennst ja die Stelle, wo das Land schroff in die Tiefe abfällt. Nur vorbeistreichen kann ich auf dem Rücken einer Dünung, aber so nahe, daß ein Sprung Dich in Sicherheit bringt.“

„Sage, wenn’s Zeit ist!“ antwortete Kordel, ihren Korb unter der Bank hervorziehend; „Regenrock und Südwester schicke ich nächster Tage Deiner Mutter zurück – vielleicht bring’ ich Beides selber,“ fügte sie nach kurzem Ueberlegen hinzu.

„Wie’s Dir am bequemsten ist!“ versetzte Bertus. „Ist Dir’s zu weit, so hol’ ich’s gern.“

„Nein, ich bring’s; Deine Mutter soll nicht um Andere leiden, oder gar schlechter von mir denken. Grüße sie, und für Deine Mühe danke ich; hier ist meine Hand.“

[158] „Schon gut, Kordel, ich darf Leine und Steuer nicht freigeben, oder wir vergessen den richtigen Augenblick.“

„Wie Du willst,“ preßte es sich zwischen Kordel’s fest auf einander ruhenden Zähnen hervor, denn sie wußte, daß es nur in seinem Willen lag, die Leine noch einige Male um den Pflock zu schlagen und dadurch seine Hand frei zu machen; „hoffentlich bereitet die Heimkehr Dir keine Schwierigkeit.“

„Kinderspiel!“ hieß es spöttisch zurück, „braucht man nur an sich allein zu denken, macht sich Alles doppelt leicht. Werde ich mit den Sturzsee’n nicht fertig, so werden sie’s mit mir.“

„Vergiß nicht Deine Mutter!“ fuhr Kordel leidenschaftlich auf.

„Halt’ Dich bereit!“ umging Bertus eine Antwort.

Kordel athmete lang und tief. Sie erhob sich, und die freie Hand auf seine Schulter legend, stellte sie den rechten Fuß auf die Bank.

Nun befanden sie sich der Brandung so nahe, daß sie bei der gedämpften Wirkung des versteckten Mondes die Beschaffenheit des Ufers einigermaßen zu unterscheiden vermochten. An Halten war nicht zu denken, und es gehörte eine sichere Hand dazu, das leichte Fahrzeug unter Beihülfe des schwachen Windes über die auf einander folgenden Dünungen hinweg zu steuern, ohne von einer derselben auf’s Land geworfen zu werden. Bertus hatte einen bestimmten Punkt in’s Auge gefaßt und berechnete zugleich die Pausen zwischen dem Steigen und Fallen des weißen Gischtes, an welchem das Boot in beinahe unmittelbarer Nähe hinschoß. Da beugte Kordel sich zu ihm nieder. Mochte sie Schlimmes befürchten, wenn er sich in der verzweifelten Stimmung von ihr trennte, oder zog es sie zu ihm hin? Sie neigte ihre Lippen seinem Ohr zu, wie um ihre Worte nicht in dem Brausen und Rauschen verhallen zu lassen.

„Halte fest, Bertus!“ sprach sie ernst, „ein Mißgriff, und wir liegen in der Brandung. Die Hand wolltest Du mir nicht geben, drum muß ich Dir auf andere Art danken. Vergiß nicht Deine Mutter, – nicht – mich!“

Sie küßte ihn auf die Stirn. Sie fühlte, wie heftiges Zittern seine Gestalt durchlief, wie er seine ganze Kraft aufbot, den Augenblick eines süßen Rausches nicht auch den Zeitpunkt ihres beiderseitigen Verderbens werden zu lassen.

„Fertig, Kordel!“ rief er laut, daß es das Brausen ringsum übertönte.

Kordel richtete sich empor und faßte über die bewegliche Brandung hinweg das aus dieser steil aufsteigende Land in’s Auge. Eine Woge hob das Boot. Bertus ließ es mit kühner Wendung bis in fast unmittelbare Nähe des abschüssigen Ufers tragen. Einige Secunden schien die Gewalt der Strömung die des Windes zu überwiegen, der Schaum es verschlingen zu wollen. In demselben Augenblicke aber, in welchem das zurückweichende Wasser sich mit dem auf das Segel ausgeübten und durch das Steuer geregelten Druck einigte, ertönte sein lautes: „Jetzt!“

Kordel sprang landwärts.

„Glückliche Fahrt!“ rief sie, sobald sie sicheren Boden gewonnen hatte und aus dem Bereich der herbeirollenden Fluthen geschlüpft war.

Ein Jubelruf antwortete vom Wasser her. Kaum noch vermochte sie das entfliehende Segel zu unterscheiden. Sinnend blickte sie demselben nach. – Als Boot und Segel längst ist der Finsterniß verschwunden waren, stand sie noch immer auf derselben Stelle.




4.

Ein Viertelstündchen später hatte Kordel die heimathliche Schlucht erreicht. Die beiden Fenster, hinter welchen sie die Abende gemeinschaftlich mit ihrem Vater zu verbringen pflegte, waren nach gewohnter Weise hell. Ahnungslos trat sie durch die Hausthür; ahnungslos entledigte sie sich der triefenden Oberkleider – plötzlich hielt sie erschrocken inne, denn eine fremde Stimme war zu ihr herausgedrungen. Dann hörte sie ihren Vater sprechen. „Keine Andere, als Kordel,“ glaubte sie ihn sagen zu hören.

Das Lachen eines Unbekannten folgte. „’s ist ziemlich spät für ’n junges Ding,“ klang es barsch.

„Kordel ist kein Kind mehr,“ versetzte der Vater wie entschuldigend; „sie pflegt ihren eigenen Weg zu gehen, und ich hindere sie nicht daran.“

„Das muß anders werden,“ hieß es zurück, „solch junges Ding gehört vor Einbruch der Nacht zwischen seine vier Pfähle, zumal wenn’s gilt, einen alten Vater zu bedienen.“

Hatte der Umstand, zum ersten Male Besuch bei ihrem Vater vorzufinden, Kordel erschreckt, so erfüllten die vernommenen Worte sie mit Widerwillen gegen den Unbekannten. Schnell näherte sie sich der Thür und trat ein. Sie warf dem Fremden einen finsteren Blick zu. Er saß mit dem Ausdrucke düsteren Trotzes ihrem Vater gegenüber an dem mit Speisen und Getränken beladenen Tische, und die kurze Thonpfeife im Munde, vergaß er beim Anblicke des großen schönen Mädchens nicht nur das Rauchen, sondern auch das Grüßen. Ohne den Gast weiter zu beachten, reichte Kordel ihrem Vater die Hand. Dabei sah sie ihn fest an; ihrem scharfen Blicke entging nicht, daß die böse Stimmung, über welche sie bei der Fischerwittwe klagte, in erhöhtem Grade Besitz von ihm ergriffen hatte; in seiner Haltung offenbarte es sich sogar wie tiefe Erschöpfung.

„Ich komme von der alten Seger,“ sagte sie ruhig, jedoch ihren Vater fortgesetzt beobachtend, „das Wetter hielt mich etwas länger auf.“

„Bist Du auf dem Landwege gekommen?“ fragte Seiling ausdruckslos und in der dumpfen Absicht, keine auffällige Wortkargheit an den Tag zu legen.

„Nein, Vater,“ antwortete Kordel, und der Fremde schien immer noch nicht für sie anwesend zu sein, „der Bertus hat mich herübergesegelt.“

„Bei solchem Wetter?“ spann Seiling das Gespräch gleichsam mechanisch weiter; „der Bertus wird das Meer so lange herausfordern, bis es eines guten Tages ihn und Dich mit ihm herunterholt.“

In Kordel’s Antlitz schoß es blutroth. Vor ihrem Geiste zog die in dem Boote erlebte Scene vorüber, und unwillkürlich wendete sie ihr stolz getragenes Haupt, daß die Beleuchtung der Lampe ihr Antlitz nicht traf.

„Das Wetter ist böse genug,“ sagte sie erregt, „allein der Bertus versteht es, seines Vaters Boot zu handhaben.“

„Das ist also die Kordel!“ hob jetzt Klaas mit billigendem Kopfnicken an; „bei Gott, Peter Seiling, wer hätt’s dem Kinde angesehen, als Du’s zum ersten Male auf dem Arme trugst, was draus werden könnte!“ und Seiling anschauend, blinzelte er bezeichnend mit den Augen, während ein häßliches Grinsen um seine wulstigen Lippen spielte.

Seiling erbleichte; Kordel maß mit prüfenden Blicken den breitschulterigen Fremden vom Kopfe bis zu den Füßen.

Doch Klaas gönnte ihr keine Zeit zum Nachdenken. Mit schlauer Berechnung Seiling an seine Abhängigkeit erinnernd, fuhr er erheuchelt sorglos fort: „Achtzehn Jahre sind seitdem verstrichen. Eine verteufelt lange Zeit, und ’s ist nicht zum Erstaunen, wenn die Cordula einen Anverwandten ihrer verstorbenen Mutter nicht auf den ersten Blick erkennt. Achtzehn Jahre, Mann, und doch scheint mir’s, als hätten wir uns gestern erst von einander getrennt. Es war ein regnerischer Tag, und eine Nacht so schwarz, daß man Planken draus hätte schneiden können –“

„Es ist wahr, Kordel,“ fiel Seiling bebenden Herzens ein, um die Mittheilungen des redseligen Landstreichers zum Abschlusse zu bringen, „er ist unser Anverwandter – der einzige, den wir noch besitzen – ich habe mich entschlossen, ihn bei mir zu behalten.“

Kordel sah ihre Vater fest an. Sein Wesen befremdete sie mehr und mehr. Ihr ahnte nichts Gutes.

„Ich wußte nicht –“ sagte sie –

„Ich wußte selber nicht – –“ versetzte Seiling hastig, „denn ich meinte, er sei seit vielen Jahren todt –“

„Während ich so flott war, wie ein frisch vom Stapel gelassener Klipper drei Tage vor’m Auslaufen,“ fiel Klaas lachend ein, „aber ich will des Teufels sein, Mädchen, wenn das ’ne Art ist, einem künftigen Hausgenossen Willkomm zu trinken,“ und er streckte Kordel seine Hand entgegen, „baumeln will ich, wenn Dein Vater nicht die ehrlichste Haut ist, die jemals ein Segel beschlug, oder sich ’nen guten Spargroschen aus dem californischen Sande herauswühlte.“

„Aus dem californischen Sande?“ fragte Kordel bei der unerwarteten Kunde erstaunt, und statt die gebotene Hand zu nehmen, sah sie auf ihren Vater, der zustimmend nickte.

„So ist’s,“ fuhr Klaas fort, „und wenn er Dir verschwieg, woher seine Spargroschen stammen, so will ich Dir’s anvertrauen; [159] denn hier sind wir unter uns, und einen Grund, Dir’s zu verheimlichen giebt’s nicht. Ja, manche Unze rothes Gold hat Dein ehrlicher Vater mühsam aus dem californischen Sande herausgewaschen, und manchen Schweiß- und Blutstropfen dafür eingescharrt – ist’s nicht so, Peter Seiling?“ kehrte er sich diesem zu, der kaum noch die Kraft besaß, sein Haupt zustimmend zu neigen. „Ja, Cordula, wir sind nicht nur Verwandte, sondern auch gute Freunde; für ein Ding aber von Deinem Alter, und meines Freundes Tochter obenein sollt’ sich’s wohl schicken, einem Anverwandten nicht mit Hoffahrt zu begegnen.“

„Kordel, der Mann hat Recht,“ nahm Seiling mit sichtbarer Anstrengung das Wort, „reich’ ihm die Hand und sei gut Freund mit ihm, denn er verdient’s. Hat langer Seedienst ihm eine rauhe Art des Redens gegeben, so ist er deshalb nicht schlechter geworden,“ fügte er hinzu, mühsam redend, als wollten die Worte ihm auf der Zunge ersterben.

Kordel betrachtete Klaas forschend. Sein zuversichtliches Grinsen verwandelte ihren Widerwillen in Haß.

„Bin ich ein Kind?“ fragte sie achselzuckend, und dichter zog sie die starken schwarzen Brauen zusammen, „ein Kind, welchem man lehrt, wie’s einen Fremden begrüßen soll, ohne es um seinen eigenen Willen zu befragen? Bietet mein Vater Euch eine Heimstätte, so ist mir’s recht. Mich dagegen kann man nicht zu etwas zwingen, das mir widerstrebt.“

Sie kehrte sich ab, um zu gehen, als Seiling sie aufhielt.

„Kordel, Du hast eine böse Fahrt gehabt,“ hob er an, „Unwetter macht hungrig und durstig,“ und er wies auf den gedeckten Tisch, „da, komm her, setze Dich und leiste uns Gesellschaft.“

„Ich habe gegessen und getrunken, Vater,“ antwortete Kordel, sich wieder abkehrend, „Wind und Regen haben mich ermüdet. Ich bedarf mehr der Ruhe als der Speisen.“

Sie schritt davon, und die Thür schloß sich hinter ihr.

Die beiden Männer schwiegen, ein Geräusch ließ sich über ihnen vernehmen – Kordel betrat das Giebelzimmer über ihren Häuptern.

„Das ist ein Satansmädchen geworden,“ bemerkte Klaas und rauchte gemächlich seine Pfeife, die er während Kordel’s Anwesenheit fast hatte ausgehen lassen, über der Lampe an; „gewiß ein hart Stück Arbeit, mit ihr fertig zu werden, wenn sie Einem erst über den Kopf gewachsen ist. ’s Einzige wäre, sie mit Jemand zusammenzusplissen, der eine widerhaarige Kraft zu steuern verstände. Zu jung dürfte er nicht sein. Ich calculire, ein Mann in meinem Alter möchte bald genug eine vernünftige Frau draus machen.“

Seiling fuhr empor. Aus seinen Augen sprühte es unheimlich, und die Hände vor sich auf den Tisch legend, ballte er sie, als wäre er im Begriffe, Jemand zu würgen.

„Klaas,“ versetzte er kaum verständlich, „zerlumpt und zerfetzt bist Du zu mir gekommen. In mein Haus habe ich Dich aufgenommen, Dich gekleidet, Dir einen wöchentlichen Nothgroschen und frei Quartier auf unbestimmte Zeit versprochen, und was ich einmal versprach, das halte ich. Hüte Dich aber, die Grenze zu überschreiten, oder Du erfährst, daß mein Leben mir nicht mehr werth ist, als dieses zerbrechliche Werkzeug,“ und er zermalmte die vor ihm liegende Thonpfeife mit einem einzigen Griffe seiner harten Hand.

Klaas, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt und das Haupt auf den knochigen Fäusten rastend, sah mit boshaftem Grinsen in Seiling’s Augen.

„Es ist wahr,“ meinte er gleichmütig, „bequem genug hast Du mir’s gemacht, wär’s aber auch geschehen, hielte ich Dich weniger fest am Geitau? Und was Du eine Grenze nennst, hängen will ich, wenn ich’s begreife. Ereifere Dich also nicht, sondern calculire vernünftig! Ich bin nun einmal hier vor Anker gegangen, und finde ich eine gute Pflege, so kommt’s nicht unverdient. Aber dumm und blind, wie die Augen einer chinesischen Dschonke, wären wir Beide, wollten wir uns gegenseitig das Leben verbittern und zur Last machen. Wirst in mir stets einen gefälligen Maat finden – mit dem Mädchen werde ich schon fertig – will sogar zu meinen Worten sehen, daß Dich nichts wurmt, aber auch Du sollst mit mir verfahren, wie mit einem guten Anverwandten, und ziehen wir denselben Strang, so haben wir Beide den Profit davon. Da, Maat, hier ist meine Hand, zum Zeichen guter Freundschaft, und daß mir’s Ernst ist, nicht mit Dir in Havarie zu geraten, so lange Du selber nicht vergißt, was Du mir schuldest. Andern Falls beweise ich Dir, daß mein Leben mir nicht mehr werth ist, als Dir das Deinige. Also her die Hand!“

Seiling’s Haltung war wieder erschlafft. Einem Träumenden ähnlich, legte er seine Hand in die gebotene. Kaum aber hatte er sie berührt, als er zitternd zurückfuhr.

„Thust Du,“ sagte der Andere, „als hätte ich in eine Theertonne gegriffen! Möchte berechnen, wessen Hand die sauberste.“ Er lachte wiederum, und Rumflasche und Zucker zu sich heranziehend, begann er mit dem Ausdrucke Jemandes, der einen Gast bewirthet, zwei Gläser zu füllen. „’s ist nichts ohne einen Trunk,“ erklärte er mit widerwärtiger Vertraulichkeit; „ein Vertrag, der nicht durch einen steifen Grog eingeweiht wurde, hat keine Gültigkeit.“

Er schob Seiling das eine Glas hin, und das andere emporhebend, stieß er kräftig gegen jenes. „Gut Glück zu uns Beiden!“ lautete sein Toast, „der Abend dauert noch, und zu lange haben wir uns nicht gesehen, als daß wir das Wiedersehen nicht feiern sollten; wo diese Flasche Rum hergekommen ist, finden wir mehr.“

Wie ein Schlaftrunkener hob Seiling das Glas und stürzte den Trunk auf einen Zug hinunter. Klaas füllte die Gläser sofort wieder, ohne daß Seiling Einwendungen erhob. Im Gegenteil: in demselben Maße, in welchem das berauschende Getränk auf ihn wirkte, schien auch sein Durst sich zu steigern. Es erfüllte ihn der dumpfe Trieb, Vergessenheit zu suchen. Während aber Klaas sich mehr und mehr erheiterte, wurde Seiling mürrischer. Mehrfach überraschte Klaas ihn, daß seine heftig geröteten Augen mit einem unzweideutigen Ausdruck verhaltenen Grimmes auf ihm ruhten.

Mitternacht war nicht fern, als Seiling endlich mit unsicherer Hand seinem Gaste nach dem Boden hinaufleuchtete und ihm dort eine Kammer anwies. Nicht auf nächtigenden Besuch eingerichtet, breitete er auf dem Fußboden eine Seegrasmatratze aus, welcher er zwei wollene Decken beifügte. Ein besseres Lager verlangte Klaas nicht; doch meinte er, als Seiling ihn verließ, daß es seines Freundes würdiger wäre, wenn er baldigst für ein gemächlicheres Unterkommen und vor allen Dingen für ausreichend neue Wäsche und Kleidungsstücke sorge.

Schwankend und keines Gedankens mehr fähig, begab Seiling sich in sein Zimmer hinab und warf sich unentkleidet auf’s Bett. Das Entsetzen, welches Klaas’ Erscheinen ihm einflößte, die Verzweiflung, welche ihn im Verkehr mit demselben ergriff, die bösen Gedanken an die Zukunft, Alles ging unter in der seine Sinne umnachtenden Betäubung.

Eine halbe Stunde hatte Todtenstille im Hause geherrscht, als seine Zimmertür sich leise öffnete und Kordel, ein Licht in der Hand, in derselben erschien. Das Geräusch unter ihr hatte sie so lange wach erhalten. Wie eine Ahnung drohenden Unheils lastete es auf ihrem Gemüth. Jetzt aber, da sie den Vater in todähnlichem Schlafe vor sich liegen sah, ihn, der sich nie eine Unmäßigkeit hatte zu Schulden kommen lassen, jetzt schauderte sie zurück. Sie errieth, daß mit dem Fremden ein Feind unter ihr Dach eingezogen sei, den zu bekämpfen ihre Kräfte nicht ausreichten. Die unheimlichen Beziehungen, welche ihn an ihren Vater knüpften, ängstigten sie. Lange betrachtete sie den tief und rauh Athmenden, der auf seinen Zügen noch immer die sprechenden Spuren der jüngsten Erregungen trug. Seine Brust hob und senkte sich, wie bei einem Erstickenden. Die Hände hatte er krampfhaft geballt, als hätte er im Traum mit Jemand auf Leben und Tod gerungen.

Da bewegten sich seine Lippen. Gespannt neigte Kordel sich über ihn hin. Es war klar: beeinflußt durch den Lichtschein, begann seine Phantasie zu arbeiten. Bilder, wie ihm solche während seines Zusammenseins mit Klaas vorgeschwebt haben mochten, wiederholten sich, jedoch in wirrer Folge und entstellt.

„Klaas, Du bist ein Schurke,“ entwand es sich endlich seinen knirschenden Zähnen mit dem Ausdruck unbezähmbarer Wuth, „ich handelte aus Nothwehr, Du – Du mordest mit Ueberlegung – ach, meine arme Kordel!“ – er knirschte wieder mit den Zähnen, und von neuem legte sich Erstarrung um seine Sinne.

Kordel zögerte. Erst nachdem sie sich überzeugt hatte, daß sie vergeblich auf weitere Kundgebungen harren würde, verließ sie [160] das Gemach. Ihre Haltung war gebeugt, bleich ihr Antlitz. Was sie gehört hatte, genügte, einen furchtbaren Verdacht in ihr anzuregen, einen Verdacht, welchem bestimmte Formen zu verleihen sie sich mit aller Macht sträubte.

In ihrem Zimmer warf sie sich auf ihr Lager. Sie löschte das Licht aus, aber vergeblich sehnte sie den Schlaf herbei. Es war eine unheimliche Nacht. Erfolglos beschwor Kordel das Bild des ehrlichen Bertus vor ihre Seele; erfolglos suchte sie die von dem Vater unbewußt ausgestoßenen Worte als von einer unzurechnungsfähigen Phantasie geboren zu deuten, erfolglos in dem Fremden nur einen früheren Gefährten zu entdecken, dessen Bekanntschaft ihr Vater sich heute schämte, und den zurückzuweisen er das Herz nicht hatte. Denn nimmermehr – sagte sie sich – hätte er einem solchen eine entscheidende Gewalt über sich eingeräumt. Wie sie so dachte, warf der Sturm den Regen ungestüm an die Fensterscheiben.




5.

Im Dorfe hatte man sich allmählich an den Anblick des fremden Mannes gewöhnt. Man erstaunte nicht länger, daß Seiling sich dazu bequemte, die langjährige Abgeschiedenheit seines Lebens durch Aufnahme eines Verwandten zu unterbrechen, und zwar eines Mannes, der in jeder Beziehung so gänzlich verschieden von ihm war.

In der Dorfschenke war Klaas sehr bald heimisch geworden. Hinter dem Glase erzählte er geräuschvoll seine Seegeschichten, welche ein nichts weniger als günstiges Licht auf seine Vergangenheit warfen, und geberdete sich zeitweise sogar, als ob ohne seinen Willen kein Ziegel auf dem Dache des Schluchthauses verschoben werden dürfe. Seiling war noch verschlossener geworden. Nur selten sah man ihn aus der Ferne, und dann schlich er grübelnd einher, wie seufzend unter einer schweren Last oder heimgesucht von Krankheit. Im Geheimen bedauerte man den stillen Nachbar, zu welchem der leichtfertige Verwandte so wenig paßte, wie eine kreischende Möve in einen Taubenschlag. Mehr noch bemitleidete man die schöne Kordel, von welcher man voraussetzte, daß sie empfindlicher denn je zuvor unter der Mißstimmung ihres Vaters zu leiden habe. Ihre Besuche bei der Fischerwittwe wiederholte sie nach alter Weise, und wie gewöhnlich fuhr Bertus sie des Abends heimwärts. Schweigend saß sie ihm dann gegenüber.

Auch Bertus war ernster geworden. Das veränderte Wesen Kordel’s entging ihm so wenig, wie seiner Mutter. Letztere meinte den Grund dafür in der unwillkommenen Vergrößerung von Seiling’s Hausstand zu entdecken. Bertus dagegen dachte anders. Denn gerade seit jenem Abend, als sie die Fahrt über die Einbuchtung wagten, war Kordel eine Andere geworden.

Und wieder saßen sie, wie damals, beisammen im Boot. Sie waren so früh von der Landzunge aufgebrochen, daß Kordel vor Abend zu Hause sein konnte. Die See war rauh, die Luft kalt. Eine ziemliche Strecke hatten sie zurückgelegt, ohne daß ein Wort gewechselt worden wäre. Kordel spähte düster über Bord in die Wogen hinein. Bertus hielt das Steuer und beobachtete eine Möve, welche in geringer Höhe die gleiche Richtung mit dem Boot verfolgte. Sein Herz war voll zum Ueberströmen, allein so oft er einen Blick auf Kordel warf, sank ihm der Muth wieder – und doch mußte es einmal herunter von seiner Seele. „Ein Gotteszeichen,“ dachte er, „soll entscheiden.“ Begleitete der Vogel sie ganz hinüber, so wollte er nichts sagen. Kehrte er dagegen um, so sollte ihm das als ein Zeichen gelten, Kordel anzureden. Und er kehrte um, als etwa ein Drittheil der Entfernung hinter dem Boote lag. „Kordel!“ stieß Bertus hervor.

Kordel sah auf; den Blick fest auf des jungen Mannes ehrliches Antlitz heftend, gewahrte sie in demselben einen Ausdruck des Zagens und der Besorgniß, der ihre ganze Theilnahme weckte.

Bertus wartete nicht auf eine Frage, sondern fuhr mit eigenthümlicher Hast fort: „Verzeihe mir, wenn ich Deine Gedanken störe, allein ich möchte Dich bitten, mir Auskunft über etwas zu ertheilen. Fürchte auch nicht Reden, deren ich hinterher mich schämen müßte!“

„So sprich!“ antwortete Kordel und sah wieder seitwärts, um zu verheimlichen, daß die angeregte Erinnerung ihr Antlitz dunkel erglühen machte, „sprich in Gottes Namen! Zu verzeihen habe ich Dir nichts, und woran Du vielleicht in diesem Augenblicke denkst, das habe ich längst vergessen.“

„Alles?“ fragte Bertus ängstlich.

„Alles,“ bestätigte Kordel, ohne aufzuschauen.

Bertus seufzte tief auf. Kordel’s Antwort hatte ihn bis in’s Herz hinein getroffen. Er schwankte einige Secunden, wie zweifelnd, ob fernere Erörterungen nicht überflüssig seien, dann hob er mit mühsam erzwungener Ruhe an:

„Es muß herunter von meiner Seele, denn es quält mich Tag und Nacht, daß Du seit dem unseligen Abend anders geworden bist. Du sagst zwar, Du habest Alles vergessen aber ich fürchte, es nagt noch immer an Deinem Gedächtnisse, daß ich durch meine Tollheit Dich erschreckte.“

„Beunruhige Dich nicht!“ versetzte Kordel milder, und die düsteren Falten verschwanden zwischen ihren Brauen, „der Mensch ist oft nicht Herr seiner Sinne, und in einer guten Stunde soll man ihn nicht verantwortlich für das machen, was er in einer bösen beging.“

„Du hast wohl Recht, Kordel, und bist so viel besser als ich,“ erklärte Bertus herbe, „ich denke auch nicht daran, Dich für das Gute verantwortlich zu machen, welches Du in einer großen Erregung mir erwiesest – ich meine, als Du von mir gingst – Kordel, wie ich hernach über die Bucht gekommen bin, weiß ich heute noch nicht, aber ich meinte, die Seen wären Wolken, von welchen ich getragen würde, und das Brausen des Wassers tönte mir wie Gesang in die Ohren. Dann kamen vermessene Gedanken. Ich glaubte, eine Frage an Dich richten zu dürfen, obwohl ich mir immer sagte, daß ich Deiner nicht würdig sei. Aber als ich Dich darauf zum ersten Male wieder sah und in Deine Augen schaute, da entdeckte ich, daß etwas in meiner Rechnung nicht stimmte. Ich überlegte und härmte mich ab, weil ich wußte, daß ich selber die Aenderung verschuldete und Du Dich vielleicht schämtest. Thu’ das nicht, liebe Kordel! Durch nichts mehr sollst Du an die böse Stunde erinnert werden – wenn ich selbst es auch nicht vergessen mag – und nur um das Eine bitte ich Dich: wenn Dich etwas grämt und wurmt, so verschließe es nicht in Dir! Vertraue mir es an! Und wenn es in meiner Macht liegt, Dir zu helfen, und kostete es mein Leben, so findest Du mich stets zu Deinen Diensten.“

Ruhig hatte Kordel ihn ausreden lassen. Dann antwortete sie in warmem Tone, obwohl ihre Stirn sich dabei wieder ein wenig kraus zog:

„Warum nennst Du es nicht beim rechten Namen? Ja, ich habe Dich geküßt, und dessen brauche ich mich nicht zu schämen. Deine Hände hielten Steuer und Leine, so daß Du die meinige nicht ergreifen konntest. Und einen freundlichen Dank war ich Dir für Deine Mühe schuldig. Auch wollte ich Dich nicht mit herbem Andenken zu Deiner Mutter heimkehren lassen. Daß Du Anderes daraus entnehmen solltest – nein, Bertus, das beabsichtigte ich nicht. Du bist nicht schlechter als ich, und ich kenne keinen Mann, zu dem ich mehr Vertrauen besäße, als zu Dir, doch Dein Weib kann ich niemals werden. Ich will damit nicht sagen, daß ich Dir nicht herzlich gut wäre, nein, Bertus, mit einer Unwahrheit möchte ich mein Gewissen nicht beschweren, aber ich kann nicht Dein sein, weil ich überhaupt keines Mannes Weib sein will oder kann. Mit dieser Erklärung sei zufrieden. Hörst Du’s aber gern von mir, so bekenne ich offen, daß, wenn ich fremden Rath brauche, ich zu Dir komme, zu Dir, meinem besten Freunde – ja, Bertus, so groß ist mein Vertrauen zu Dir, und hier ist meine Hand darauf.“

Sie reichte ihm die Hand, und schaute sie jetzt düsterer, so geschah’s nur, weil sie gewahrte, daß die frische Lebensfarbe Bertus’ Antlitz verlassen hatte und er so traurig in ihre Augen sah, wie Jemand, dem jede Hoffnung auf irdisches Glück unwiderruflich abgesprochen wurde.

„Das schneidet in’s Herz und klingt zugleich tröstlich,“ versetzte Bertus zögernd, „ich will daher nicht klagen. Da aber Du selber behauptest, Niemand angehören zu wollen, darf ich’s wohl verrathen, womit man Dich in’s Gerede gebracht hat, ohne daß Du mich verdächtigst, ich möchte einen Anderen in Deinen Augen herabsetzen.“

„In’s Gerede?" fuhr Kordel leidenschaftlich auf, und heftig zog sie die Hand, welche Bertus noch immer hielt, zurück.

[173] „Ja, Kordel, in’s Gerede hat man Dich gebracht,“ fuhr Bertus fort, „und am wenigsten durch Deine Schuld; es ist besser, ich verrath’s Dir. Wenn Du’s weißt, kannst Du Dich darnach richten. Die Leute meinen nämlich, es sei ein Jammer, daß Du um des Geldes willen die Frau Jemandes würdest, der nicht nur beinah dreimal so alt, wie Du selber, sondern der auch vom Kopf bis zu den Schuhsohlen herunter nicht so viel werth ist, wie ein einziges Härlein, mit welchem der Wind auf Deiner Stirn spielt.“

„Der Klaas?“ fragte die Kordel entrüstet, „wer hat solche Schande über mich hinausgeschrieen?“

„Er selber, Kordel; gerühmt hat er sich, daß Du und Dein Vater nicht ohne ihn leben könntet; daß schon oftmals ein Fünfzigjähriger ein halbes Kind gefreiet habe, und daß er der Mann sei, frisches Leben in die Schlucht zu bringen, aber auch den Eigensinn Jemandes zu brechen, der sich besser dünke, als andere Menschen. Mochte wohl zu tief in’s Glas gesehen haben, daß er so unehrerbietig sprach.“

„Kann ich auf die Wahrheit Deiner Mittheilungen bauen?“

„So sicher, wie auf meine Hand hier am Steuer.“

„Warum verriethest Du mir das nicht früher?“

„Weil ich fürchtete, Dir entgegen zu sein. Wer konnte wissen, ob’s Dir und Deinem Vater nicht recht, daß der Klaas es in Umlauf setzte, damit es den Leuten später nicht unerwartet komme?“

„Und das hast Du für möglich gehalten, Bertus?“

„Je nun –“ erwiderte er ausweichend, „um Deinetwillen hätte ich wenigstens wünschen mögen, es möchte nicht an dem sein; denn ich kenne ihn. Ob er mich nicht erkannte, oder nicht erkennen wollte, ich ahn’s nicht, und ich selber hatte keine Lust, sein Gedächtniß aufzufrischen. Bin nämlich an Bord desselben Schiffes mit ihm gesegelt, jedoch nur kurze Zeit. Er galt für einen Schurken, dem Niemand über den Weg traute. Woher er jetzt sein Geld hat – und er soll mächtig viel ausgeben – mag Gott wissen.“

„Auch das verheimlichtest Du?“

„Ja, ich verheimlichte es. Wenn der Klaas Dein Mann werden sollte, wär’s ’ne Niedertracht von mir gewesen, ihn und damit auch Dich in den Staub zu ziehen. Mir hätt’s nicht geholfen, Dir aber geschadet, und dazu – nun, Kordel, dazu hatte ich Dich –“ er brach ab. Durch einen kaum bemerkbaren Druck des Steuers machte er es nöthig, sich mit der Segelleine zu beschäftigen.

Kordel beobachtete ihn ruhig. Aber in ihren Augen glühte es, als wolle es in hellen Flammen emporlodern. Sobald das Boot wieder stetige Fahrt gewonnen hatte, hob sie an:

„Sprich es immerhin aus, Bertus – Du hattest mich zu lieb, um mir Schlechtes zu gönnen, und darüber ließest Du noch Böseres auf mich hereinbrechen. Das aber mußt Du wieder gut machen, so viel es in Deinen Kräften steht. Willst Du das?“

„Sage, was ich für Dich thun soll, Kordel, und es geschieht, so wahr Gott mir helfe.“

„Gut, Bertus. Wenn Du also hörst, daß Jemand meinen Namen zusammen mit dem des Klaas in den Mund nimmt, so kläre ihn auf! Sage, Du wüßtest es von mir selber. Beschwöre, ich würde mich lieber von den nächsten Klippen in die Brandung hinabstürzen, bevor ich das Weib eines Mannes würde, der mir Abscheu einflößt. Und woher er sein Geld nimmt? O, meines Vaters Geld ist’s, das er verschwendet, und doch können wir, um meinen Vater zu schonen, nicht mit Gewalt gegen ihn einschreiten. Denn Schweres lastet auf dem armen Manne, und ich möchte weinen bei seinem Anblick.“

„Ich will versuchen, den Leuten Alles auszureden,“ versetzte Bertus dumpf, „aber die Menschen haben ihre Lust am Schlechten; sie werden’s trotz meiner Schwüre nicht glauben. Sie halten Dich für stolz und meinen, Du seist zu vornehm für einen ehrlichen Fischer.“

Kordel beobachtete wieder die regsamen Fluthen, wie sie schäumend an dem Boot vorüberglitten. So verstrichen wohl zehn Minuten. Kein anderer Laut war vernehmbar, als das Rauschen des Wassers vor dem scharfen Bug, und das Hauchen des Windes zwischen der dürftigen Takelage.

„Du magst Dich bereit halten,“ brach Bertus endlich das Schweigen; „ist Dir’s recht, so lande ich Dich gerade vor der Schlucht.“

Kordel kehrte sich um, und unter dem Segel hindurchspähend, sah sie nach dem Strande hinüber. Dann wandte sie sich erschrocken Bertus zu. Sie hatte auf dem Seitenabhange der Schlucht die Gestalten ihres Vaters und des verhaßten Klaas entdeckt. „Nicht vor der Schlucht,“ sprach sie leidenschaftlich", „weiter abwärts der Bucht zu, so weit, daß sie uns nicht sehen, wenn ich das Boot verlasse!“

Eine kurze Bewegung, und das Boot flog herum, so daß Bertus den beiden Männern den Rücken zukehrte. In Kordel schien ein Entschluß zu reifen; denn ihre Brauen rückten wieder [174] näher zusammen, während tiefes Roth sich über ihre lieblichen Züge ausbreitete.

„Die unsinnigen Nachreden müssen verstummen,“ sprach sie nach einer Pause, „und dazu giebt es nur ein sicheres Mittel. Mißtrauen die Leute Deinen Betheuerungen, so sage ihnen in’s Gesicht, Du wüßtest es besser! Sage ihnen, die braune Kordel sei nicht stolz, aber sie habe ihren eigenen Sinn. Sie würde keinen Andern heirathen, als Jemand, dem sie zugethan sei, unbekümmert darum, ob er ein vornehmer Rheder oder ein einfacher Fischerknecht. Zweifeln sie trotzdem, dann behaupte ruhig, die braune Kordel habe längst ihre Wahl getroffen.“

Sie athmete tief auf, und wie einer ihr Gemüth fast erdrückenden Last sich gewaltsam erledigend, stieß sie schnell auf einander die Worte heraus:

„Magst ihnen auch den Namen des Fischerknechtes nennen – ja, erkläre ihnen, es sei der bravste und ehrlichste Bursche weit und breit, und er heiße – heiße Bertus Seger – ja – Bertus, es ist mein Ernst – doch achte auf Dein Boot! Sieh da, das Segel flattert.“

Todtenbleich saß Bertus am Steuer. Er meinte falsch gehört zu haben und konnte nur glauben, daß er als Mittel zur Zerstreuung böswilliger Gerüchte dienen solle.

„Kordel,“ stotterte er, „auch das will ich sagen, schwer, wie es mir werden mag, aber sie glauben’s nicht. Nein, sie können’s nicht glauben – Kordel, strafe mich nicht so hart! Hab’s wohl verdient um Dich, aber ich bin ja vernünftig geworden seit dem verhängnißvollen Abend –“

„Ja, Du hast’s verdient um mich,“ bestätigte Kordel, und die hellen Thränen drangen ihr in die Augen, während ein herzliches Lächeln den Trotzeszug um ihre Lippen verdrängte, „Bertus, Du hast’s um mich verdient mit Deinem treuen Herzen, daß ich Deine Frau werde. Und daß es Dich an jenem Abend hinriß, daß Du mit mir sterben wolltest, gilt mir ebenso gut als Beweis Deiner Anhänglichkeit, wie die Geduld, mit welcher Du Dich in’s Unabänderliche ergabst, und mir Deine Freundschaft nicht entzogst, nachdem ich Dir die letzte Hoffnung genommen hatte. Damit aber alle Welt es erfahre, komme morgen zu meinem Vater und fordere mich zur Frau, und denjenigen möchte ich sehen, der mich zwingen wollte, Dir nicht zu folgen. Ich kümmere mich nicht um Geld und Gut. Hält mein Vater den Klaas höher als mich, so mag er ihm Alles geben und sich dadurch von ihm loskaufen! Deine Frau werde ich dennoch. Sind wir arm, so können wir arbeiten, wie Deine Mutter Deinem Vater geholfen hat, bis ihr die Kräfte versagten, will ich Dir helfen, bis mir’s Auge bricht.“

„Kordel, nimmer hätt’ ich’s gewagt, Dich noch einmal zu fragen,“ brachte Bertus nunmehr mühsam hervor, und das andringende Blut färbte seine braunen Wangen dunkelglühend, während es aus seinen Augen wie Verzückung leuchtete, „aber wenn Du’s selber sagst, Kordel, wär’s sündhaft, zu zweifeln – mir ist’s wie ein Traum – Kordel, wie’s Blut mir wild durch die Adern jagt – eben noch so elend, daß ich am Leben verzagte, und jetzt, Kordel, Kordel –“

„Nun ja, Bertus, aber beruhige Dich! Weißt Du doch, daß ich mich Dir versprochen habe, und das kann keine Macht der Erde lösen. Ja, Bertus, hier in dem Boot haben wir uns verlobt, ernstlich verlobt und wie verständige Menschen, nicht wie Schmetterlinge, die über den Blumen fliegen, sich küssen und ihre schönen Kleider hoffärtig zur Schau tragen. Unser Ja hält fester, als tausend Eide, die draußen in der Welt geschworen werden. Doch nun halt’ auf’s Land, damit ich hinausspringe!“

„Nur noch eine kurze Strecke!“ bat Bertus.

„Nicht weiter!“ fiel Kordel erröthend ein, „denn noch bin ich die eigensinnige braune Kordel. Wir sind jetzt weit genug; von der Schlucht aus sieht uns Niemand mehr.“

Bertus drehte einem Träumenden ähnlich das Steuer. Das Segel flatterte, und von einer krausen Dünung getragen streifte der Kiel des Bootes den Sand.

Kordel hatte sich erhoben.

„Lebe wohl, Bertus!“ sprach sie zärtlich, und ihren Arm um des jungen Mannes Hals legend, küßte sie ihn, „still, still! Bleib sitzen – ich gehöre jetzt Dir,“ und sie küßte ihn zum zweiten Male. Bertus ließ Segelleine und Steuer fahren und streckte beide Arme aus, um sie zu umfangen, als sie gewandt wie ein Eichhorn auf die Bank trat und, bevor die nächste Dünung das beinahe trocken liegende Fahrzeug wieder hob, auf den feuchter Sand sprang. Flüchtig eilte sie aus dem Bereiche der Wellen; dann kehrte sie sich lachend um.

„Auf Wiedersehen, Bertus!“ rief sie dem glücklichen Burschen zu, „richte Alles zum Besten ein! Je schneller ich bei Dir einziehe, um so lieber ist’s mir.“

„Kordel!“ hob Bertus wieder an.

„Fort, fort!“ unterbrach sie ihn, „oder möchtest Du dem Schiff den Boden eindrücken lassen? Was Du mir sagen möchtest, weiß ich, jedes einzelne Wort – auf Wiedersehen! Nun eile nach Hause und sage Deiner Mutter, wie’s mit uns steht!“

„Auf Wiedersehen, Kordel!“ rief Bertus, indem er seinen Südwester um’s Haupt schwang; „jetzt fürchte ich keinen Menschen mehr; ich hasse keinen, wünsche Niemand Schaden. Kordel, meine Kordel!“

Er hatte eine Ruderstange ergriffen und landwärts in den Sand gestoßen. Eine Woge rollte heran und hob das Boot. Indem sie zurückströmte, lehnte er sich mit voller Wucht auf die Stange; gleich darauf schwamm das Boot frei. Anfänglich langsam treibend, nahm es seine Richtung nach der Landzunge hinüber; dann schien etwas von den glücklichen Empfindungen seines Besitzers in dasselbe übergegangen zu sein, so lustig schoß es über die grauen Wellen dahin. Bertus aber in seinem Uebermuth drehte das Steuer, daß das Segel das Wasser beinahe berührte und die vor dem scharfen Bug sich teilenden Wogen feinen Sprühregen über ihn hinsandten. Und je schneller die Fahrt, je höher das Wasser empor spritzte, um so lustiger schwang Bertus seinen Hut. Was kümmerte es ihn, daß er sich längst im Gesichtskreise der Männer in der Schluchtmündung befand, deren Blicke argwöhnisch auf ihm ruhten! Mochten sie denken, was sie wollten. Die Wahrheit mußten sie bald genug erfahren, die schöne, glückliche Wahrheit, die er der ganzen Welt hätte zujubeln mögen.

Kordel blieb so lange auf dem Strande stehen, wie sie den Geliebten zu sehen vermochte, und so oft sie das Schwingen des Hutes entdeckte, ließ sie ihr Tuch grüßend hoch über ihrem Haupte flattern. Dann kehrte sie sich den Strandhöhen zu. Der beruhigende Zauber, welchen der Anblick des davon eilenden Bootes auf sie ausübte, war gebrochen, ihr Antlitz erhielt einen sorgenvollen Ausdruck, während sie sich auf einem Umwege der Schlucht näherte.




6.

Schon als Kordel das Boot bestiegen, welches sie heim tragen sollte, hatte Seiling sich zu seiner Warte auf dem Uferabhange hinauf begeben. In gewohnter Weise seinen düstern Betrachtungen nachzuhängen, hinderte ihn Klaas, der sich bald darauf zu ihm gesellte. Seiling hatte übrigens in den letzten Wochen stark gealtert.

„Da bringt der Lump die Kordel,“ sagte Klaas, indem er den Gefährten auf das im Wellentumult daher treibende Boot aufmerksam machte; „eine feine Art für ein junges Ding, mit einem verliebten Burschen die Woche ein paar Mal unbewacht zwischen Himmel und Wasser zu schweben! Deine Sache wär’s, dergleichen nicht zu dulden.“

„Die Kordel geht auf rechten Wegen,“ antwortete Seiling dumpf, „und ihr etwas zu verbieten – hm, dazu fehlt mir die Lust und – nun ja – der Muth.“

„So werde ich’s ihr vorhalten,“ versetzte Klaas mit tückischem Seitenblick auf Seiling, „sie muß von dem Häringsknecht lassen, sag’ ich Dir, und wenn ich darauf bestehe, so weiß ich warum.“

Seiling’s Antlitz verzog sich zu einen ungläubigen Lächeln.

„Ich will sie schon bekehren,“ fuhr Klaas höhnisch fort, „und Du bist der Mann, mir eine Hand dabei zu leihen. Ich hab’s jetzt satt, von ihr wie ein Landstreicher behandelt zu werden. Bietet sie mir doch kaum die Tageszeit, und trägt sie mir’s Essen auf, geschieht’s, wie wenn sie Lust hätte, mir Rattengift darüber zu streuen. Nein, Maat, so begegnet man keinem Freunde und obenein einem Verwandten des leibeigenen Vaters – hahaha! – ich meine des leibeigenen Vaters.“

„Ich Dir eine Hand leihen?“ fragte Seiling erbleichend. „Höre, Klaas, mit mir verfahre, wie Dir’s beliebt – und ich dächte, wenn’s lange so weiter geht, wirst Du bald genug ein Ende mit Allem gemacht haben – aber an die Ruhe der Kordel rühre nicht!“

[175] „Nun, steuerst Du nicht gegen den Strom, so hat alle Noth ihr Ende. Bei Gott, Mann, kein hartes Wort soll zwischen uns fallen, und daß die Kordel umgänglicher wird, ist meine Sache –“

„Satan!“ fuhr Seiling auf, „weißt Du, was Du verlangst?“

„Sollt’s wohl wissen, calculir’ ich,“ antwortete Klaas anscheinend sorglos, „ich verlange die Kordel zur Frau. Sie hat lange genug in Deinem Fahrwasser gekreuzt, um endlich auch einmal von mir in’s Schlepptau genommen zu werden.“

„Nimmermehr geschieht das,“ versetzte Seiling entschlossen.

„Und ’s wird doch geschehen,“ hieß es zurück, „entweder heute noch schaffen wir klar Deck in der Sache, oder ich verlasse Dein Haus, und was das bedeutet, weißt Du am besten. Ist Dir an Dir selber nichts gelegen, so steht’s um das Mädchen anders. Und ich calculir’, wenn Du’s Ankertau kappst und auf die eine oder die andere Art abtreibst, kenne ich erst recht Mittel, der widerhaarigen Kraft einen richtigen Curs vorzuschreiben. Du verstehst mich.“

Seiling fiel auf seinen Sitz zurück. Erschöpfung schien ihn zu übermannen.

„Thu’, was Dir beliebt!“ sprach er nach längerem Schweigen, „die Kordel will ich in ihrem Sarge sehen, bevor ich Deinen Plänen freien Weg gebe.“

„Ist das Dein letztes Wort?“

„Mein letztes Wort.“

Klaas zuckte die Achseln.

„So ist’s nicht meine Schuld, wenn’s über Dich sammt Deiner Kordel hereinbricht,“ erklärte er, sich abkehrend; „ich gehe jetzt, um im Kruge Quartier zu nehmen. Die Leute werden erstaunen, wenn sie hören, weshalb ich nicht länger meine Füße unter Deinen Tisch stellen mag,“ und bedächtig stieg er niederwärts. „Ei, sieh doch das junge Volk!“ rief er nach einigen Schritten. „Legt der Bursche sein Boot nicht um? Verdammt! Die möchten hinter dem Vorsprunge noch ein Liebesfest feiern! ’s wird ein schönes Erwachen sein heute Abend.“

Seiling blickte nach dem Boote hinüber. Indem er sich wendete, trat Kordel in seinen Gesichtskreis. Wiederum flackerte es wie Entschlossenheit in seinen Augen auf, um indessen ebenso schnell zu erlöschen. Ein wilder Kampf tobte in seinem Innern, ein Kampf zwischen dem Selbsterhaltungstriebe und der Angst um diejenige, die seinem Herzen am nächsten stand. Das Boot glitt hinter den Vorsprung. Seiling raffte sich empor. Klaas war bereits unten angekommen.

„Klaas!“ rief er ihm nach, „bleibe und überlege!“

„Hab’ Alles zehnmal übergeholt!“ antwortete Klaas, ohne seine Bewegung einzustellen, „entweder wir einigen uns heute, oder ’s giebt ein Unglück!“

In der nächsten Minute befand Seiling sich bei ihm.

„Mann,“ flüsterte er, ihn zitternd am Arm ergreifend, „was schreist Du’s in die Welt hinaus? Ist’s Dir nicht genug mit mir? Willst Du auch das Mädchen unter die Füße treten?“

„Nicht meine Schuld!“ versetzte Klaas achselzuckend; „’s könnte Alles klipp und klar sein, allein Du willst nicht.“

„Gönne mir wenigstens Bedenkzeit!“ stöhnte Seiling verzweiflungsvoll, „laß’ mich die Kordel ausforschen, oder suche sie zuvor für Dich zu stimmen!“

„Nicht ’ne Stunde Bedenkzeit!“ fiel Klaas ein, der sein Spiel gewonnen sah, „entweder heute noch klar Deck, oder niemals.“

„Aber wenn nun die Kordel durchaus nicht will?“

„So kenne ich Mittel, ihr den Kopf gerade zu setzen,“ erwiderte Klaas mit einem teuflischen Grinsen, „nur ein paar Worte will ich ihr sagen, und sie sollen helfen, verlaß Dich darauf!“

„Sie darf’s nicht erfahren,“ lispelte Seiling leichenblaß und wie betäubt von diesem letzten Schlage, „nein – es wäre schlimmer als Alles – sprich nicht mehr davon! – ich will sie bitten um ihrer selbst willen, daß sie –“ Schaudernd brach er ab.

„Mehr verlange ich nicht,“ erwiderte Klaas gut gelaunt, „und wenn Du genau berechnest, was auf dem Spiele steht, wirst Du Dein Bestes von selber thun.“

Langsam stiegen sie nach dem Abhange hinauf. Mechanisch setzte Seiling einen Fuß vor den andern. Auf der alten Stelle eingetroffen, kehrten Beide ihre Blicke seewärts. Das Boot schoß eben hinter dem Vorsprunge hervor. Klaas knirschte mit den Zähnen, als er gewahrte, wie Bertus seinen Hut schwang.

„’s ist die höchste Zeit, den Unsinn zu stoppen,“ sprach er finster, „magst immerhin nach Hause gehen und die Kordel in’s Gebet nehmen! Setz’ alle Segel bei! Binnen jetzt und vierundzwanzig Stunden ist Alles geordnet, oder ’s kümmert mich nicht, wie bald es über Bord mit Euch geht.“

Als seien die Worte seines Gefährten ein Befehl gewesen, kehrte Seiling sich der Schlucht zu. Klaas blickte ihm nach, bis er hinter Gestein und Buschwerk verschwand. Dann zündete er seine Pfeife an, und wieder zum Strande hinabsteigend, schlug er die Richtung nach dem Dorfe ein. – –!

Spät Abends heimkehrend, fand er Seiling allein. Kordel hatte sich nach einem langen Gespräche mit ihm in ihr Zimmer hinauf begeben. Ihr letztes Wort war gewesen. „Ich frage nicht, was Dich in seine Gewalt brachte. Wenn ein böses Verhängniß Dich bedroht, so ist es meine Pflicht, Dich zu retten. Sage dem Klaas, Dir zu Liebe würde ich Manches thun, allein ich bedürfe der Zeit, um Alles in meinem Kopfe zurecht zu legen.“ Droben saß die Aermste regungslos in unheimlicher Entschlossenheit. Der Sturz von dem Gipfel glücklicher Hoffnungen in den Abgrund einer gräßlichen Gegenwart war ein zu jäher, zu tiefer; hätte sie vor wenigen Stunden das Schreckliche geahnt, nimmermehr wäre das Glück verheißende, bindende Wort gesprochen worden, welches schon am folgenden Tage wie ein dürres Blatt verweht werden sollte. Schaudernd trachtete sie das Bild des dämonischen Gastes zu verscheuchen – vergeblich.

„Ich überlebe es nicht,“ flüsterte sie, „ich will’s nicht überleben.“ –

Am folgenden Tage befleißigte Klaas sich eines nach seinen Begriffen zuvorkommenden Benehmens. Die Antwort Kordel’s, welche ihm durch Seiling übermittelt wurde, hatte ihn befriedigt, und gern gestand er die kurze Bedenkzeit zu. Die einzige Andeutung, welche er vorsichtig Kordel gegenüber sich erlaubte, war, daß er ihr beim Morgengruße die Hand bot. Sein Blick ruhte dabei forschend auf dem schönen bleichen Antlitze mit dem gänzlich veränderten Ausdrucke, den finster gerunzelten Brauen, den gleichsam drohend schauenden Augen und den wie von verhaltenem Schmerze zusammengepreßten Lippen. Was sich in ihrem Aeußeren offenbarte – mochte es immerhin wenig zu seinen Gunsten sprechen – galt ihm als Beweis, daß Seiling ihn nicht täuschte, daß in der That eine Vereinbarung stattgefunden hatte. Vor der dargereichten Hand bebte Kordel schaudernd zurück. Indem sie aber einen Blick zu ihrem Vater hinübersandte und in dessen Zügen verzweiflungsvolles Flehen entdeckte, zwang sie sich zum ersten Male zu einer Berührung des verhaßten Hausgenossen. Bei diesem neuen Beweise des Einverständnisses zwischen Vater und Tochter nickte Klaas grinsend. Dann verabschiedete er sich, mit schlauer Berechnung den Wünschen Beider entgegenkommend, um den größten Theil des Tages fern von ihnen im Dorfkruge zu verbringen. Auch Kordel verließ das Haus. Auf dem Pfade, welchen sie Tags zuvor nach ihrem Abschiede von Bertus zur Heimkehr wählte, begab sie sich in den Wald. Doch nicht zum Strande stieg sie hinab, sondern da, wo der Pfad sich in einer schluchtartigen Vertiefung hinabschlängelte, ließ sie sich auf der Böschung im Schutze dichter Haselgebüsche nieder. Das Haupt mit den Händen, die Arme auf die Kniee stützend, saß sie lange dort. Der Herbstwind strich rauh durch die Baumwipfel und entführte bald hier, bald dort ein gelbes oder rothes Blatt. Eintönig rauschten dazu die den Strand übersprudelnden Wellen, und verdüsternd spiegelte sich in der regsamen See der grau bewölkte Himmel. –

„Sie thut sich ein Leid an,“ hatte ihr Vater vor sich hingesprochen, als sie starren Antlitzes von ihm schied; „sie thut sich ein Leid an,“ zitterte es fort und fort in seinem Innern, indem er planlos in Haus und Garten sich ab und zu bewegte. Er ertrug die Unruhe nicht länger. Sorgfältig um sich spähend, folgte er seiner Kordel nach. Er wollte sie nicht stören; nur sehen wollte er sie, nur über sie wachen, um sie vor einer That der Verzweiflung zu bewahren. Nicht lange war er einhergeschlichen, als er sie in dem Hohlpfade entdeckte. Was sie empfand, war so sprechend in ihrer gebeugten Haltung ausgeprägt, daß er jammernd hätte zu ihr hineilen mögen; und doch wühlte in seiner eigenen Brust eine Verzweiflung, daß er sich kaum aufrecht zu erhalten vermochte. Allmählich begannen seine Gedanken sich wieder zu ordnen. Wenn Kordel aufsah, mußte sie ihn bemerken, und sie konnte sich doch nur hierher begeben haben, um allein zu [176] sein. Vorsichtig trat er aus dem Pfade, daß bemooste Felsblöcke und Strauchwerk ihn bald vollständig verbargen. Dort, wo er das Mädchen im Auge behielt, legte er sich nieder. Kurze Zeit nachher unterschied er Schritte, die vom Strande heraufkamen; eine heitere Stimme sandte Kordel einen jubelnden Liebesgruß zu, und schärfer hinüberspähend, erkannte Seiling den festlich gekleideten Bertus, der beim Anblick der Geliebten seine Schritte beschleunigte. Eine kurze Strecke vor Kordel blieb derselbe stehen, und wie von einer tödtlichen Lähmung befallen, starrte er auf sie hin. Kordel hatte sich aufgerichtet und ihm ihr Antlitz zugekehrt. Sie wollte sich erheben, sank aber erschöpft zurück.

„Bertus!“ rief sie, und in ihrer Stimme offenbarte sich ein so tiefes Weh, daß Seiling mit krampfhaftem Griff die Finger in das bemooste Erdreich eingrub, „komm’, Bertus, setze Dich zu mir! Ich ging hierher, um Dich zu erwarten. Fasse Muth, Bertus, sei ein Mann – komm’ – die Treue, die ich Dir gelobt, halte ich, und müßte ich mit Dir vereint auf den Meeresboden hinunter.“

Da belebten des jungen Mannes Züge sich wieder. Als er sich neben Kordel setzte, diese leidenschaftlich ihre Arme um seinen Nacken schlang, ihn weinend küßte und vor heftigem Schluchzen die Worte auf ihren Lippen erstarben, da errieth er freilich, daß seinen Hoffnungen sich Hindernisse entgegenstellten, vor welchen selbst das starke Mädchen zurückbebte. Minuten verrannen, während welcher er seine ganze Beredsamkeit aufbot, die Geliebte zu trösten; er beschwor sie, was auch immer über sie hereingebrochen sei, auf seine Treue zu bauen; er betheuerte ihr, nimmermehr von ihr zu lassen, bis der Tod sie von einander trennen würde. Und als habe bei seinen letzten Worten neue Lebenskraft sie durchströmt, richtete Kordel sich mit einer heftigen Bewegung empor. Ihre Thränen waren versiecht, düstere Entschlossenheit glühte aus ihren prachtvollen Augen, indem sie Bertus fest ansah und seine beiden Hände ergriff.

„Nein, der Tod wird uns nicht trennen,“ sprach sie mit geisterhafter Ruhe; „wenn Du heute noch so denkst, wie damals, als Du das Boot in den Wind hineinsteuertest, so soll er uns vereinigen.“

Bertus starrte auf Kordel, wie den Sinn ihrer Worte nicht begreifend. Er brauchte Zeit, um das, was seine Brust zerriß, in Worte kleiden zu können.

„Du zweifelst?“ fragte Kordel vorwurfsvoll.

„Nein, Kordel!“ antwortete Bertus tief aufathmend, „kann ich nicht mit Dir leben, so kann ich mit Dir sterben, so wahr mir Gott helfe! Aber ich sah Dich an, Deine Augen, Deine Lippen. Ich schauderte bei dem Gedanken, daß Alles das starr werden, das Wasser mit Deinem Haar spielen würde – Kordel – ich will allein gehen; aber Du, Kordel –“

„Meine Arme werden sich um Deinen Hals legen, meine Lippen sich auf die Deinigen pressen, Bertus, und so kann der Tod nichts Schreckliches für uns haben. Nicht heute oder morgen soll es geschehen. Ich muß zuvor wissen, ob es wirklich kein anderes Mittel giebt, meinen Vater der Gewalt des entsetzlichen Klaas –“

„Der Klaas – der Schurke steckt hinter Allem?“ fiel Bertus wild auflodernd ein, und Kordel die rechte Hand entziehend, schüttelte er die Faust drohend in der Richtung nach dem Dorfe.

„Ja, Bertus, er steckt hinter Allem,“ antwortete Kordel. „Was zu Grunde liegt, ich errath’s nicht; es genügt, zu wissen, daß mein Vater ihm unbedingt zu Willen sein muß. Als junge Männer sind sie zusammen gewesen, und aus jenen Zeiten stammt es. Meine Sache ist es nicht, in meinen Vater zu dringen und vielleicht zu sehen, wie er die eigene Tochter scheut. Es mag wohl gar so schlimm sein, daß es Schande über Dich brächte, würde ich Deine Frau –“

„Und hätte Dein Vater eine Sündenlast auf dem Gewissen, daß die ganze Welt vor ihm zurückschreckte, so würde mich das nicht von Deiner Seite verdrängen,“ unterbrach Bertus sie leidenschaftlich. „Du hast Dich mir versprochen, und klebt Unehrliches an Deines Vaters Gut, so laß es fahren! Ich kann für Dich arbeiten –“

„Du denkst rechtschaffen,“ fiel Kordel milde ein, „und darum bist Du mir so fest an’s Herz gewachsen. Ich aber denke nicht schlechter, und deshalb würde ich es nie über mich gewinnen, eine Schande, die an meinem Namen haftet, Dir als Heirathsgut einzutragen. Aber das bekümmert mich jetzt nicht; etwas viel Schlimmeres soll mir jenes Geheimnisses halber angethan werden. Es ist so, wie Du gestern gesagt hast: Klaas begehrt mich zur Frau, und mein Vater hat einwilligen müssen. Ich bin im ersten Augenblick auf die Forderung eingegangen, weil ich mir nicht anders zu helfen wußte. Löse ich mein Versprechen durch den Tod, so kann Klaas meinen Vater schon bei Lebzeiten beerben und hat keine Ursache mehr, ihn zu peinigen. Nur Zeit habe ich mir ausbedungen; wie lange – das weiß ich nicht. Vielleicht findet sich noch Rettung. Geschieht’s nicht, und der Tag ist da – Bertus“ – und düstere Entschlossenheit glühte aus ihren schönen Augen, „dann sorge ich für Deine Mutter durch eine Schrift, in welcher ich ihr Alles schenke, was mir gehört und mir zusteht, und zu Dir komme ich in der Nacht, und auf Deinem Boot segeln wir auf’s Meer hinaus, so weit und so lange, bis Wind und Wetter sich unser erbarmen. Ja, Bertus, das soll unsere Hochzeitsnacht sein, und als rechtschaffene Menschen haben wir gelebt – als rechtschaffene Menschen sind wir gestorben.“

„Aber wie soll da Rettung möglich sein?“ fragte Bertus, und seine Stimme zitterte vor Jammer, indem er Kordel’s Hand zwischen den seinen hielt und bange in ihre großen leuchtenden Augen schaute.

„Ich möchte die Hoffnung nicht ganz aufgeben,“ antwortete sie unendlich milde, und die Gluth in ihren Augen schien zu erlöschen „aber Bertus, wenn alles vorbei ist – noch ist es Zeit; sage offen, möchtest Du Dich Deiner Mutter erhalten? Ich schwöre Dir’s zu, muß ich allein gehen, so geschieht’s mit einem letzten Segenswunsch für Dich.“

„Damit die alte Frau mich langsam hinsterben sieht?“ fuhr er leidenschaftlich auf. „Nein, Kordel, es ist besser, sie übersteht’s auf einmal. Ist’s mit uns Beiden zu Ende, so tröstet es sie, daß wir mit einander gingen – doch laß’ das, Kordel! Nicht von solchen Dingen rede, nicht vom Ueberlegen! Wo Du bleibst, da bleibe ich. Nenne mir die Stunde – suche einen Tag aus, an welchem der Sturm heult und die See’n branden,“ und enthusiastischer strahlten seine Augen, fester, heller klang seine Stimme, „und ich hole Dich zur Hochzeitsfahrt in meinem Boot. Mein Lebelang habe ich mit Stürmen und Windstillen, mit Brandungen und Sturzsee’n gerungen, und ein schöneres Ende giebt’s nicht, als im Salzwasser, welches mich so lange trug. Nein, Kordel, kann’s nicht anders sein, hat die Welt kein Erbarmen mit uns, so wollen wir der Welt aus dem Wege gehen,“ und Kordel umschlingend, zog er sie an sich, und sie herzend und küssend vergaß er Alles, was eben noch seine Seele mit Entsetzen erfüllte. Kordel weinte. Es lispelte in dem bleichen Laub über ihnen und um sie her, es brauste von unten herauf; es knisterte zwischen den dürren Blättern die bereits auf dem Erdboden lagen. Sie hörten es nicht. Sie sahen nicht, wie nur wenige Schritte von ihnen ein wahres Leichenantlitz sich etwas höher hob, zwei geröthete, von starken weißen Brauen beschattete Augen sich in erlöschendem Feuer auf sie richteten und dann hinter den welken Farrenkrautbüschen verschwanden. Eine kaum wahrnehmbare Bewegung folgte zwischen Gras und Gestrüpp. Dann wurde es still. Nur das Laub rauschte vor einem stärkeren Luftzuge über den beiden in tiefem Weh und treuer Liebe sich einander zuneigenden Herzen, und vom Strande herauf drang nach alter Weise das hohle Brausen. –

Als eine Stunde später Bertus sich allein nach seinem Boote begab, um die Heimfahrt anzutreten, hörte er, bevor er den offenen Strand erreichte, seinen Namen rufen. Gleich darauf stand er vor Seiling. In den eigenen Zügen die sprechenden Spuren der jüngsten Erregung tragend, meinte er in dem Antlitz des vor ihm Stehenden eine gewisse würdevolle Ruhe zu entdecken, welche im Widerspruch zu Allem stand, was er über ihn und seine Beziehungen zu Klaas gehört hatte. Ehrerbietig grüßte er. Seiling dagegen, ohne den Gruß zu erwidern, flüsterte ihm zu: „Willst Du die Kordel für Dich retten, so sei um Mitternacht auf dieser Stelle! Ich werde Dich erwarten. Sei vorsichtig! Niemand, nicht einmal Kordel darf die Wahrheit ahnen.“

Bevor Bertus sich von seinem maßlosen Erstaunen erholt hatte, war Seiling hinter dem nächsten Gebüsch verschwunden.

Schwankend, wie durch die unerwartete Kunde berauscht, schritt Bertus über den Strand. Einige Minuten später sah Kordel von der Höhe aus das kleine Segel auf ungestümer See seine Richtung nach der Landzunge hinüber eilfertig verfolgen.

[189]
7.

Pünktlich um Mitternacht war Bertus zur Stelle. Seiling erwartete ihn schon, und eine gewisse Zärtlichkeit lag in seiner Stimme, als er den jungen Mann begrüßte.

„Wir brauchen nicht weit zu gehen,“ fuhr er fort, „hier auf dem nackten Strande belauscht uns am wenigsten Jemand. Denn ich will Dir nicht nur ein Geheimniß anvertrauen, sondern Dir auch die Kordel, für welche allein ich so lange gelebt und gesorgt habe, für alle Ewigkeit als Dein Eigen übergeben.“

Sie setzten sich auf eine Geröllanhäufung, und während der Wind ihre Schläfe umsauste, nahm Seiling seine Mittheilungen wieder auf:

„Es ist wohl an die zweiundzwanzig Jahre her,“ sprach er in ruhigem, überlegendem Tone, „als Klaas und ich in San Francisco das Schiff, auf welchem wir als Matrosen dienten, verließen und uns landeinwärts wendeten. In den Goldminen trafen wir mit einem Deutschen, Namens Hager, und dessen junger Frau zusammen, und da es sich einzeln weniger ergiebig arbeitete, so kamen wir überein, beim Goldwaschen unser Glück gemeinschaftlich zu versuchen. Der Klaas war keine gute Zugabe, allein da er zu schaffen verstand und wir Sonnabends jedesmal unsern Erwerb redlich theilten, so hing Keiner von dem Andern ab. Handelte es sich doch nur darum, daß wir uns gegenseitig in die Hände arbeiteten. Wir hatten eine Hütte gebaut, in welcher Hager’s Frau die häuslichen Obliegenheiten verrichtete und für unsere Beköstigung sorgte, wofür Klaas und ich sie natürlich entschädigten, und die schlechtesten Tage meines Lebens waren es nicht, welche ich dort verlebte. Das Glück war uns günstig, allein während Hager und ich unsern Gewinn zusammenhielten und allmählich nicht unbeträchtliche Summen ersparten, verwendete Klaas die Sonntage dazu, das, was er im Laufe der Woche erworben hatte, zu verspielen und zu verjubeln. Drei Jahre waren hingegangen, und meine Ersparnisse beliefen sich auf etwa siebentausend Dollars; eine gleiche Summe hatte Hager erübrigt. Da trat ein Ereigniß ein, welches eine Störung in unserem gemeinschaftlichen Wirken verursachte: dem Hager wurde ein Töchterchen geboren. Doch die Freude seiner Vaterschaft sollte nicht lange ungetrübt bleiben, denn das Kind war kaum einige Wochen alt, als die Mutter sich hinlegte und nach kurzer Krankheit starb. Unser nächster Gedanke drehte sich um das Auseinandergehen. Hager und ich waren auch in dieser Absicht einig, gaben aber dem dringenden Zureden des Klaas nach und verpflichteten uns, noch unbestimmte Zeit beisammen zu bleiben. Wollte Gott, es wäre nicht geschehen! Dann stände es heute besser um mich und auch wohl um die Kordel –“

„So ist sie nicht Eure Tochter?“ fiel Bertus fast athemlos vor Erstaunen ein.

„Nicht meine Tochter,“ bestätigte Seiling tief aufschluchzend, „nein, nicht meine Tochter, obwohl sie mir an’s Herz gewachsen ist, wie ein Kind seinem leiblichen Vater. Sie ist die Tochter jener armen Frau und –“ schaudernd brach er ab und entfernte die Schweißtropfen von seiner Stirn: „Störe mich nicht mit Fragen, Bertus! Ich muß Alles so abspinnen, wie ich’s in meinem Kopfe zurecht gelegt habe, oder das Gedächtniß übermannt mich, daß ich nicht weiter kann. – Das Goldwaschen und das Kinderpflegen wollte nicht zusammen passen. Hatten wir früher in leidlicher Eintracht gelebt, so war’s jetzt bald dem Einen, bald dem Andern nicht recht, und wenn einmal eine kleine Havarie zwischen mir und dem Hager ausgebrochen war, hatte der Klaas eine Art, den Unfrieden zu schüren, daß Keiner dem Andern mehr traute. Und dabei blieb’s nicht. Klaas zog den Hager allmählich zu sich hinüber, und dieser, ohne seine gute Frau und im Kummer um dieselbe, gab nur zu leicht den Schmeichelreden des Verführers Raum und betheiligte sich an Spiel und Trunk. Ich rieth wohl zur Umkehr und bat den Hager, an sein Kind zu denken, allein er wurde um so grimmiger gegen mich, und Reden führte er, wie sie ihm allein der Klaas eingegeben haben konnte. Er nannte mich einen schamlosen Verführer, der ihm das Andenken an seine Frau in Galle verwandelt habe, und meinte, es müsse seinen Grund haben, daß ich so besorgt um die kleine Kordel sei. Ich schwieg zu solchen himmelschreienden Anklagen, aber im Geheimen beschloß ich, die erste Gelegenheit zu benutzen, um mich mit den Beiden gänzlich aus einander zu setzen und meiner Wege zu ziehen. Bevor ich indessen meinen Vorsatz ausführte, kam’s zur Entscheidung. Hager nannte mich eines Tages den niederträchtigsten Schurken, der jemals eines ehrlichen Mannes Weib verführt habe. Das war mir zu viel. Vor ihn hintretend forderte ich, daß er im nüchternen Zustande seine Anklagen wiederholen möge, damit ich sie widerlegen könne. Da lachte er laut auf, wie ein Wahnwitziger; und seinen Revolver hervorziehend, schoß er zweimal nach mir, ohne mich zu treffen. Als er aber zum dritten Male die Mordwaffe hob, sah ich wohl ein, daß es um mich geschehen sei. Was in den nächsten Minuten geschah, ist mir nie recht klar geworden. Meine Sinne hatten mich verlassen, und als ich wieder zu mir selbst kam, sah [190] ich den armen Hager todt daliegen. In seiner Brust steckte mein Messer, der Klaas, den ich vorher nicht gesehen hatte, knieete neben ihm, und als wären tausend Geschütze vor meinen Ohren abgebrannt worden, ertönte seine Stimme, indem er ausrief: ‚Peter Seiling, Du bist ein Mörder; Du hast den Hager erstochen.’“

Die letzten Worte sprach Seiling leise und schwer verständlich; dann schwieg er und starrte wie abwehrend vor sich hin.

„Ihr handeltet aus Nothwehr, Peter Seiling,“ nahm nach einer Pause Bertus das Wort, der bisher kaum zu athmen gewagt hatte, „Keiner an Eurer Stelle hätte es anders gemacht.“

Seiling richtete sich auf. Die glühende Stirn der kalten Brise preisgebend, sog er, wie um sich zu kräftigen, in tiefen Zügen die feuchte Seeluft ein.

„Ja, ich handelte aus Nothwehr,“ antwortete er gefaßt, „und dennoch wär’s besser gewesen, wenn die Kugel, die hart an meinem Kopf vorbeisauste, mich hingestreckt hätte. Denn ob aus Nothwehr, durch Zufall oder um einen Raub auszuführen: das vergossene Blut bleibt dasselbe. In den achtzehn Jahren, in welchen ich bei der Kordel gewissenhaft Vaterstelle vertrat, betrachtete ich sie kein einziges Mal ohne den Gedanken: ich habe deines Vaters Leben auf dem Gewissen; kein einziges Mal lachte sie mir zu, nicht den kleinsten Liebesdienst erwies sie mir nach Kinderart, ohne daß ich bei mir selber sprach: wenn sie’s wüßte! Ja, das waren schreckliche Jahre, und doch ist’s Spielerei gegen das, was ich seit des Klaas’ Eintreffen erduldete. Und dabei die Gewißheit, daß er selber den Zank zwischen mir und dem Hager schürte, um’s zum Zusammenstoß zu bringen und seinen Vortheil davon zu ziehen! Und wäre ich das Opfer des Streites geworden, so hätte er den Hager ebenso verfolgt, wie mich. Denn der Klaas ist eine so hinterlistige Natur, wie nur je eine ungestraft einen Mitmenschen in’s Elend stürzte, und zum Fluch ist er Allen geworden, die jemals mit ihm verkehrten, ohne daß es in deren Macht gelegen hätte, ihn abzuschütteln.“

„Ich kenne ihn,“ versetzte Bertus, als Seiling wiederum schwieg, „der Zufall führte mich mit ihm auf einem Schiffe zusammen. Er wurde verachtet –“

„So erzählte mir Kordel gestern Abend,“ nahm Seiling lebhaft das Wort, „gestern Abend, als sie – – doch mag das ruhen! Geschehenes ist nicht zu ändern. Meine Geschichte will ich zu Ende bringen, und was dann folgt – nun, ich denke, Ihr Beide sollt mir kein schlechtes Andenken nachtragen.“ Er seufzte und strich mit der Hand über seine feuchte Stirn. „Wie mir zu Muthe war, als ich den todten Hager vor mir liegen sah, was soll ich’s heut noch auffrischen? Erst Klaas brachte mich wieder zur Besinnung, indem er mir zuraunte, daß ich fort müsse, wenn ich nicht gehangen werden wolle. Das Wort hängen aber machte mich wild; denn es lag am Tage: wurde dieses Ereigniß unter den Minenarbeitern ruchbar, so gab’s keine Rettung für mich. Der Richter Lynch zaudert nicht lange, und wie hätte ich beweisen sollen, daß ich wirklich aus Nothwehr handelte? Keine Seele hätt’s mir geglaubt, und der Klaas wäre nicht der Mann gewesen, für mich zu zeugen, obwohl er Alles beobachtet haben mußte. Ueber dergleichen viel nachzudenken, hatte ich auch keinen Sinn. Den Hager begruben wir in selbiger Nacht heimlich. Am folgenden Morgen zahlte ich dem Klaas für sein Schweigen zweitausend Dollars aus; zugleich übertrug ich mein Anrecht an die gemeinschaftliche Waschstelle auf ihn, worauf ich mit dem Kinde, von welchem er nichts wissen wollte, nach Sacramento floh. Mein Gold und das des Hager nahm ich mit. Klaas wußte nicht, wie viel es im Ganzen war, und ich hütete mich, es ihm zu verrathen, denn er hätte sich schwerlich mit der empfangenen Summe zufrieden gegeben, wohl gar das Kind um des Geldes willen an sich genommen. Vielleicht calculirte er auch, daß, wenn die Sache vor’s Gericht kam, er mit leeren Händen ausgegangen wäre. Mein Versprechen, mit ihm in San Francisco zusammenzutreffen, hielt ich nicht. Ich fürchtete ihn zu sehr. Mein Kopf war ja allmählich klarer geworden, und als ich mir Alles genau überlegte, fand ich heraus, daß ohne sein Dazuthun das furchtbare Verhängniß schwerlich über den Hager und mich hereingebrochen wäre. Mein nächstes Ziel war Bremen, und als es dem Klaas nach langjährigem Forschen endlich gelang, mich aufzufinden, floh ich hierher. Doch auch hier sollte ich meine Tage nicht ruhig beschließen – und verdient hätt’ ich’s wohl um der Reue willen und weil ich das Kind von ganzer Seele liebte und mein eigenes Vermögen mit dem seines Vaters getreu für die Kordel verwaltete – nein, es war mir nicht vergönnt; sonst hätte das Unglück den Klaas nicht abermals auf meine Spuren geführt. Was seit seinem Eintreffen hier vorgegangen ist, weißt Du. Alles habe ich erduldet, sogar in seine Verheirathung mit dem Mädchen gewilligt. Ich mußte ihm gehorchen, um nicht öffentlich als Mörder hingestellt zu werden. Hätt’s nur meine eigene Person betroffen, so wäre mir nichts dran gelegen gewesen; wie bald ist’s vorbei mit mir, allein die Kordel, die Kordel! Unter die Erde hätte es sie gebracht, wäre ihr kund geworden, mit wem sie seit ihrer frühesten Kindheit lebte, wen sie so lange Vater nannte, und in ihrer Natur liegt’s, daß sie lieber zu Grunde geht, bevor sie eine Schande an ihrem Namen duldet.

All’ das soll jetzt sein Ende nehmen. Ich habe meinen Plan gemacht, und Du wirst mir helfen, ihn auszuführen. Wie Du mit der Kordel stehst, weiß ich; ebenso, daß sie bei Dir besser aufgehoben ist, als bei irgend einem andern Menschen. Ich habe daher heute im Geheimen eine Schrift aufgesetzt, in welcher ich in Eure Verheirathung willige, zugleich meine ganze Habe und die des – des verstorbenen Hager auf die Kordel übertrage. Kann der Kordel das Ende ihres Vaters verschwiegen bleiben, so ist’s gut, wenn nicht, so hast Du’s in Deiner Hand, ihr Alles, was ich Dir anvertraute, mitzutheilen. An ihrem rechtmäßigen Besitz wird dadurch nichts geändert. Hier ist’s,“ und er reichte Bertus ein zusammengeschnürtes Paket; „unter den Papieren wirst Du ein Bild finden. Ich hab’ es oft betrachtet, und so oft ich’s that, ergriff mich der ganze Schauder des fürchterlichen Augenblicks, der mich zum Mörder machte. Es ist das Bild ihres Vaters. Gieb’s ihr, Bertus, und sage, es sei ein guter Freund von mir! Mach’ mit Allem, was das Paket enthält, wie Du es für am besten befindest. Gelingt Dir’s, bei der Kordel einen freundlichen Gedanken an mich rege zu halten, so danke ich Dir’s noch in meinem Grabe.“

Er verstummte; das Haupt geneigt, schien er nachzusinnen, ob er in seinen Mittheilungen ausführlich genug gewesen. Bertus beobachtete die in nächtliche Schatten gehüllte Gestalt an seiner Seite mit unbeschreiblichen Empfindungen. Das Vernommene, welches zugleich eine neue freundliche Wandlung seiner vernichteten Hoffnungen in sich barg, hatte ihn bis in’s Mark hinein erschüttert. Minuten verrannen in drückendem Schweigen.

„Alles, Alles soll geschehen, wie Ihr es anordnet,“ sprach er, und seine Stimme klang zaghaft und doch überzeugend, „es soll mir sein wie ein Vermächtniß meines eigenen Vaters –“

„Das weiß ich,“ unterbrach Seiling ihn, und sich mit einer lebhaften Bewegung aufrichtend, drückte er des jungen Mannes Hand, „ja, ich weiß, daß Du ein ehrlicher Bursche bist, und darum schenke ich Dir mein ganzes Vertrauen Ich weiß aber auch, daß für die Kordel ohne Dich kein Glück auf Erden, und darum wünsche ich, daß Ihr Euch zusammengebt und in Eurem Glück alt mit einander werdet.“

Er lachte bitter vor sich hin, daß es Bertus erschreckte.

„Aber Ihr? – Ihr sprecht so seltsam,“ begann dieser zögernd.

„Ich?“ fragte Seiling unheimlich sorglos, „nun ja, ist man im Begriff von Jemand zu scheiden, den man über Alles liebt, dann mag Einem wohl seltsam um’s Herz sein. Und fort muß ich, bleiben kann ich nicht länger, soll ich nicht Zeuge sein, wie der Klaas noch im letzten Augenblick der Kordel das Leben vergiftet. Doch Du wirst Dich jetzt auf den Heimweg begeben; noch läßt’s der Wind zu; morgen weht’s freilich anders. Das Barometer ist gefallen, und was das bedeutet, ist Dir als Seemann nicht fremd. Morgen Abend komm’ in mein Haus, aber auf dem Landwege, Bertus, denn morgen um diese Zeit kocht’s hier vor uns, wie in einem Theekessel am Neujahrsabend, oder ich müßte mich nicht mehr auf’s Wetter verstehen. Findest Du die Kordel allein, dann grüße sie recht herzlich von mir! Sag’ ihr, ich wäre gegangen, um sie von dem schurkischen Klaas zu befreien. Ob ich jemals wiederkehrte, wüßte ich nicht. Und was sonst noch zu besprechen ist, kannst Du mit ihr abmachen, die Zeit Eurer Hochzeit und –“

„So wollt Ihr fort, bevor –“ hob Bertus an.

„Ueberlege Alles,“ fiel der Alte hastig ein, „und Du wirst begreifen, daß meines Bleibens hier nicht länger ist. Also kein Wort mehr davon. Thue, was ich Dich heiße, und laß’ mich handeln, wie’s mir gefällt! Ja, ich gehe, um nicht mehr zurückzukehren. [191] Ob zu Lande oder zu Wasser, weiß ich nicht – ’s kümmert auch Keinen. Mit mir nehme ich an Geld und Sachen nicht mehr, als ich gebrauche, um an mein Ziel zu gelangen,“ und wiederum erschreckte sein herbes Lachen den jungen Seemann. „Sollte der Klaas sich in dem Schluchthause zeigen, so bist Du Mannes genug, ihn vor die Thür zu werfen; denn an die Habe der Kordel hat er nicht die leisesten Ansprüche, ebenso wenig an Euer Mitleid. Verschwindet er nicht gutwillig von der Insel, so ruft die Gerichtsbarkeit gegen ihn auf! Doch es wird nicht nöthig sein. Ich kenne ihn; er wird sich auf meine Spuren begeben, um mich einzuholen – es soll ihm schwer genug gemacht werden – nein, ich will’s ihm sogar erleichtern, damit er von hier fortkommt, bevor er seine Geheimnisse in die Welt hinausgeschrieen hat – doch das ist meine Sache – beeile Dich jetzt, heimzukehren! Es ist kalt und feucht hier, und wir Beide haben mancherlei zu überlegen, bevor es Tag wird.“

Er erhob sich und schritt nach dem Boote des Bertus hinüber. Dieser folgte ihm.

„Ich habe Dir nichts mehr zu sagen,“ rief Seiling, und die Hand auf’s Boot legend, wartete er darauf, daß Bertus auf der anderen Seite ähnlich verfuhr; „was Du sonst noch wissen möchtest, erfährst Du früh genug. Noch ein Wort: von dem, was ich Dir heute anvertraute, machst Du nur im dringendsten Nothfall Gebrauch. Ist Dir’s möglich, die Kordel als Kordel Seiling zu freien und das Geheimniß dereinst mit in die Erde zu nehmen, so ist’s um so besser für alle Theile. Noch einmal, Bertus,“ und seine Stimme zitterte, indem er diesem über das Boot hin die Hand reichte, „daß ich Euch Beide segne, ist selbstverständlich, und ich habe lange und schwer genug gesühnt, um glauben zu dürfen, daß mein Segen Euch nicht zum Fluche wird – und nun: ahoi!“

Fest lehnte er sich gegen das Boot. Bertus, wie betäubt durch die jüngsten Erfahrungen und das unheimlich sorglose Wesen Seiling’s, folgte seinem Beispiel. Eine heranrollende Woge erleichterte ihnen die Arbeit, Bertus sprang in das Boot, und eine Ruderstange handhabend, gelangte er bald weit genug, um das Segel stellen zu können. Ein letztes Lebewohl wurde gewechselt, und nach einigen Minuten verschwand das kleine Segel ist der Dunkelheit.

Seiling hatte wieder auf der Geröllanhäufung Platz genommen. Nur kurze Zeit saß er dort. Dann schlich er heimwärts.




8.

Peter Seiling’s Barometer hatte richtig prophezeit gehabt: am folgenden Tage blies eine scharfe Kühlte von der Spitze der Landzunge herüber. Schwarzes Gewölk beschleunigte den Einbruch des abendlichen Dunkels, und wer nicht hinaus mußte, saß im behaglichen Geplauder mit den Hausgenossen hinter verschlossenen Thüren und Fenstern. Nur ein Mann weilte draußen im Wettergebraus. Als hätte er besonderes Wohlgefallen an dem Tosen des erbitterten Elementes, war er zur Zeit des sich schnell verdichtenden Zwielichtes aus der bekannten Schlucht getreten. In der linken Hand trug er eine leichte Reisetasche; mit der rechten stützte er sich matt auf seinen Stock. Die Dämmerung verschleierte die weißen Brauen, den weißen Bart und die todtenbleichen Züge Peter Seiling’s. Vor der Schlucht auf dem Strande blieb er stehen. Wie unentschlossen über die einzuschlagende Richtung, spähte er aufwärts und abwärts. Erst als er eine Gestalt zu erkennen glaubte, welche zwischen ihm und dem Dorfe vorsichtig den Schatten der Strandhöhen suchte und, augenscheinlich ihn beobachtend, die eigenen Bewegungen nach den seinigen abmaß, kehrte er sich langsamen Schrittes der Einbuchtung zu. Bevor die Gestalt durch die Dunkelheit seinen Blicken ganz entzogen wurde, überzeugte er sich mehrfach, daß sie ihm folgte und allmählich näher rückte. So gelangte er um den nächsten Vorsprung herum, wo, bedingt durch den Schutz der Landzunge, die Brandung eine mäßigere war. Eine Wanderung von zehn Minuten brachte ihn an die Stelle, auf welcher Bertus bei rauhem Wetter die Kordel an’s Land zu setzen pflegte. Mehrere Fischerböte waren daselbst vor der erwachenden Kühlte geborgen worden. Auch Seiling’s Boot lag dort, hatte aber als Unterlage zwei runde Hölzer erhalten, sodaß er nur den es stützenden Geröllblock zu entfernen brauchte, um es durch einen leichten Stoß in die Brandung und, unter der Wirkung des nach vorne drängenden Gewichtes, über dieselbe hinauszusenden.

Als Seiling eintraf, war es bereits so dunkel, daß in der Entfernung von fünfzig Ellen die Umrisse aller Gegenstände mit den nächtlichen Schatten zusammenfielen. Ohne Säumen warf er die Reisetasche in das Boot, worauf er den Mast einsetzte und das dicht gereffte Segel so befestigte, daß es nur des Oeffnens einer Schleife bedurfte, um es sofort dem Winde preiszugeben. Auch das Steuerruder hing er ein, dafür Sorge tragend, daß es beim Hinabschießen von dem Uferabhange nicht hinderte oder zerbrochen werden konnte. Wie um dem Fahrzeug dadurch erhöhte Widerstandskraft zu verleihen, zog er die zum Anschließen bestimmte Kette unterhalb des Steuergriffes hin von Bord zu Bord. Deren loses Ende mit dem Ringe und dem Vorhängeschloß, in welchem der Schlüssel steckte, legte er unter die Steuerbank. Mit Bedacht prüfte er Alles noch einmal; nachdem er sich überzeugt hatte, daß an der Zurüstung nichts fehlte, sprach er wie in Gedanken, jedoch ungewöhnlich laut vor sich hin:

„So wird’s gehen, ja, so wird’s gehen. Es hat schon Mancher eine weite Reise mit geringeren Mitteln angetreten.“

„Also eine Reise willst Du antreten?“ fragte Klaas, neben ihm aus dem Dunkel auftauchend, und er legte seine Hand auf Seiling’s Schulter, „aber des Teufels will ich sein, wenn Du mir heute wieder durch die Finger gleitest.“

„Wer behauptet, daß ich Dir durch die Finger gleiten möchte?“ fragte Seiling ruhig zurück, „habe ich etwa meinen Aufbruch verheimlicht?“

„Nein das hast Du nicht,“ höhnte Klaas grimmig, „packtest wenigstens die Reisetasche unter meinen Augen. Konnte bei dem Wetter nicht anders denken, als Du wolltest landeinwärts kreuzen. Jetzt seh’ ich freilich, wie die Sachen stehen. Zu dem Bertus willst Du hinüber, und von dort wer weiß, wohin. Meinst, wenn Du aus dem Wege bist, sei’s vorbei mit mir auf dieser Insel. Aber ich bin der Mann für Dich; verlaß’ Dich drauf!“

„Du sollst mich nicht hindern, wenn’s mir gefällt, den Bertus zu besuchen,“ erwiderte Seiling in herausforderndem Tone.

Er schritt um das Boot herum, und sich bückend, schob er den Geröllblock zur Seite. Dann, bevor Klaas seine Absicht ahnte, ergriff er mit beiden Händen den Rand des Bootes, welches sich auf den ersten Druck sogleich in Bewegung setzte.

Klaas hatte offenbar erwartet, daß das Flottmachen nur unter großer Anstrengung möglich, errieth indessen schnell, welcher Mittel Seiling sich bediente. Mit einem tollen Fluche packte er das Boot auf der andern Seite, um es in seinem Lauf zu hemmen, allein auf dem abschüssigen Uferrande überwog dessen Gewicht seine Kräfte bei Weitem. Einige Schritte wurde er mit fortgezogen, sobald er aber gewahrte, daß Seiling sich in das Boot hineinschwang, folgte er in blinder Wuth seinem Beispiel, und in der nächsten Secunde wurden sie durch einen brausenden Schaumberg hindurch getragen. Gleichzeitig traf der heftige Wind das von Seiling’s Hand gelöste Segel, und anstatt von der nächsten Woge auf den Strand zurückgeworfen zu werden, schoß das leichte Fahrzeug nach derselben hinauf.

„Der niederträchtigste Schurkenstreich, der je von einem Mörder ausgeführt wurde!“ brüllte Klaas, nachdem er auf der andern Seite der Brandung das Gleichgewicht zurückgewonnen hatte, „aber Du sollst mir’s bezahlen, und müßte ich selber dafür in Ketten liegen.“

Seiling hatte auf der Steuerbank Platz genommen.

„Soll ich umkehren?“ fragte er spöttisch.

„Um im tiefen Wasser zu kentern und zu schwimmen, wie ’n Zehncentneranker?“ tobte Klaas wiederum auf dem Gipfel seiner Wuth.

Das waren die letzten Worte, die ein Mann, der am Ufer stand, noch vernahm. Es war Bertus. Er stand da, wo eben das Boot noch gelegen hatte. Auf dem Landwege nach dem Schluchthause – denn der See hatte er sich bei dem Wetter nicht anzuvertrauen gewagt – hatte er die Stimmen der beiden Männer erkannt. Unheil ahnend, war er herbeigeeilt und kam gerade früh genug, um das Boot wie einen Schatten in dem Schaum verschwinden zu sehen. Athemlos starrte er dahin, von woher die Stimmen zuletzt zu ihm gedrungen waren. Ihm fehlte die Geistesgegenwart, seine Nähe kund zu geben. Und was hätte sein Ruf auch geholfen? Niemand kannte das Fahrwasser besser als er, es wußte aber auch Keiner genauer, als er, was eine Fahrt bei einem solchen Wetter in schwarzer Nacht bedeutete. Und [192] dennoch: blieb das Boot unter dem Schutze der Landzunge, so mochte es schließlich in der Nähe seines Heimathsortes auf den Strand laufen. Doch bis dahin war es ein weiter Weg. Er erinnerte sich der Worte, welche Seiling am vorhergehenden Abend zu ihm gesprochen hatte; sie verbürgten am wenigsten, daß jener die Grenze des schweren Seeganges meiden werde.

Wie ein Alp wälzte es sich Bertus auf die Brust. Lange dauerte es, bevor er es über sich gewann, seinen Weg nach dem Schluchthause fortzusetzen. – –

Die Nacht verrann, und als der Tag graute, da saßen Kordel und Bertus noch immer Hand in Hand an dem Fenster, von welchem aus Seiling auf die See hinaus zu spähen pflegte. Die Lampe war längst ausgebrannt. In jedem Augenblick meinten sie, den Hülferuf eines Sterbenden zu vernehmen. Doch nichts unterbrach das dumpfe Heulen des Sturmes.

„Das ist mir ein Beweis Deiner Treue und Deines unbegrenzten Vertrauens, daß Du mir nichts verschweigst,“ hatte Kordel tief erschüttert zu Bertus gesagt, sobald dieser, in der Ueberzeugung, nur noch eines Todten zu gedenken, mit seinen Mittheilungen zu Ende gekommen.

„Kordel, ich konnt’s nicht allein tragen,“ entgegnete Bertus aus überströmendem Herzen; „mit dem Geheimniß auf der Seele hätte ich Dir nicht mehr gerade in die Augen sehen können. Und nach solcher Sühne, meinte ich, sei’s nicht so schwer, zu verzeihen – wenn das Vergessen auch unmöglich ist.“

„Wir sehen ihn nicht wieder,“ antwortete Kordel dumpf, „ich kenne ihn, er hat sein Leben lang zu schwer zu tragen gehabt, als daß er da draußen auch nur ein Augenlid zu seiner Rettung heben möchte. Wie leicht wurde es damals uns selber, mit dem Tode zu spielen, wie leicht befreundeten wir uns gestern noch mit dem Gedanken an ein gemeinsames Grab!“

Mit heimlichem Grausen zog Bertus die Geliebte in seine Arme; schweigend beobachteten Beide den anbrechenden Tag, der ihnen die See in wildem Aufruhr zeigte. Mit goldigen Rändern schmückte die Sonne die aus einander stäubenden Wolken, aber heftiger schnob der Wind über die tosende Wasserfläche. Dunkler erschienen die Wogen im Gegensatz zu dem lieblichen Himmelsblau, blendender die sie krönenden Schaumkämme.

Ein Fischer wurde in der Schluchtmündung sichtbar. Seine Hast galt Bertus als böse Vorbedeutung. Er rieth Kordel, das Haus nicht zu verlassen, dann eilte er Jenem entgegen und mit ihm nach dem Strande hinunter. Auf dem halben Wege nach dem Dorfe fanden sie die Bewohner desselben versammelt. Sie umstanden Seiling’s zerschelltes Boot. Weiter nach dem Strande hinauf lagen die Leichen von Seiling und Klaas. Man hatte sie nicht von einander trennen können; so fest hielten sie sich umklammert. Aus ihren erstarrten Zügen sprach tödtliche Feindschaft.

„Die arme, braune Kordel!“ ertönte bald hier, bald dort eine mitleidige Stimme.

„Ich hab’s dem Klaas auf der Stelle angesehen, daß er Arges mit dem Seiling im Sinne hatte,“ meinte ein alter Fischer; „er wollte ihn hinterrücks auf die Seite schaffen und ist selber mit hinab gerissen worden.“

Er wies auf die von Bord zu Bord gezogene Kette, an welche die Handhabe des Steuers angeschlossen war. Der Schlüssel des Vorhängeschlosses fehlte. War er den Ringenden entfallen oder absichtlich über Bord geworfen worden? Bertus ahnte den Zusammenhang. Aus der Lage des Wracks und der Richtung des Seeganges berechnete er, daß Seiling erst auf halbem Wege nach der Landzunge hinüber das Steuer befestigt haben konnte. In dem Kampfe, welcher darauf zwischen den beiden Todfeinden offenbar entbrannte, hatte Klaas zum Messer gegriffen, denn noch hielt die starre Faust die mit Perlmutterschalen versehene Waffe, in deren eine der Name Peter Seiling’s eingekratzt war. Seiling war unverwundet geblieben, dagegen zeigte die Segelleine mehrere Einschnitte, als wäre Jemand bei dem Versuche, sie gewaltsam zu lösen, gehindert worden. Wie lange der Kampf gedauert haben mochte, ließ sich ebenfalls annähernd berechnen. Es mußte ein furchtbares Ringen gewesen sein. –

Noch selbigen Tages siedelte Kordel nach der Landzunge zu ihrer alten Freundin hinüber, aber Bertus blieb zurück, um für die Beerdigung Seiling’s Sorge zu tragen und Kordel’s Verhältnisse zu ordnen. Das bald darauf öffentlich kundgegebene Eheversprechen zwischen den jungen Leuten überraschte kaum noch Jemand. Befremdlich erschien dagegen, daß das Haus in der Schlucht zum Verkauf ausgeboten wurde und in fremde Hände überging. Lange nachdem Kordel mit Bertus vor den Altar getreten war, um von dort aus ihre Einzug in eine neu begründete Häuslichkeit zu halten, gedachte man des todten Seiling noch immer mit großer Achtung. Hatte er auch nichts Schriftliches darüber hinterlassen so betrachtete Kordel es doch als eine heilige Pflicht, die ihr mündlich ertheilten Aufträge – wie sie standhaft behauptete – gewissenhaft zu erfüllen. Fünftausend Thaler und etwas darüber ließ sie in Seiling’s Namen als Stiftung für die Hinterbliebenen der bei Rettung Schiffbrüchiger verunglückten Fischer gerichtlich eintragen.

„Laß Dich das Geld nicht gereuen!“ sprach sie zu Bertus, „mich würde es nicht ruhig schlafen lassen, hätte ich’s im Schrein behalten.“

„Wollten wir nicht mit leeren Händen anfangen?“ fragte Bertus heiter zurück; „und sendetest Du die siebentausend den fünftausend nach, so wärst Du nicht minder meine eigene braune Kordel.“


  1. Seemannsausdruck für „Plaudern“.
  2. Das Wallfischgerippe.