Das Heimatfest zu Hannoversch-Münden

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Autor: Friedrich Henze
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Titel: Das Heimatfest zu Hannoversch-Münden
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 33, S. 563-564
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[563] Das Heimatfest zu Hannoversch-Münden. (Mit dem Bilde S. 564.) In den Tagen vom 4. bis zum 11. Juli dieses Jahres ist in Hannoversch-Münden ein „Heimatsfest“ gefeiert worden. Von jeher wohnte in der Brust der Söhne Mündens ein Drang, hinauszuziehen in die Welt, das Glück in der Fremde zu suchen. Die hochbeladenen, mit hellem Plantuch überspannten Frachtwagen, die bis zur Mitte dieses Jahrhunderts aus Mitteldeutschland durch die hier „mündenden“ Thäler der Werra und Fulda zu unserer altberühmten Handelsstadt kamen, die Wellen der Wasser, die an den altersgrauen Mauern vorbeirauschten, die Schiffe und Flöße, die auf den Flüssen dahintrieben, die Erzählungen der [564] Fuhrleute und Schiffer konnten auch wohl in des Knaben Brust die Sehnsucht erwecken. Hinaus in die Ferne! Und so ist es auch erklärlich, daß überall, selbst in den weitesten Fernen, „Mündener Jungen“ sich eine zweite Heimat suchten. Sie sind hinausgezogen, viele fanden auch wohl eine Stätte, wo es ihnen gut ging, wo sie ein Nestlein bauten … doch eine neue Heimat fanden sie selten. Denn des Menschen Herz hängt immer an der Stätte, wo die Mutter uns hegte und pflegte… Wo das Vaterauge liebend auf uns ruhte, wo wir der Jugend Lust genossen. Der Heimat vergißt man nimmer.

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Vom Heimatfest zu Hannoversch-Münden: Wagen der Mundenia.
Nach dem Leben gezeichnet von A. Wagner.

Festwagen mit dem von Nixen umgebenen Turm der Tillyschanze.

Es war ein glücklicher Gedanke, die Feier eines Heimatsfestes anzubahnen, den in der Ferne weilenden Mündenern zuzurufen: Kehret zurück zur alten, schönen Heimat! Wir wollen mitsammen einmal der Heimat Glück genießen, der entschwundenen Jugendtage gedenken! Der Ruf drang hinaus über die Berge ins deutsche Vaterland, hinaus über die Meere bis in die fernsten Welten. Und im Herzen der Mündener Jungen ward aufs neue die Sehnsucht geweckt, und tausendfach erscholl die Antwort. Wir kommen! Nicht Meere sollen uns trennen, wir wollen uns wieder der Heimat freuen.

Das alte Münden ist eine geschichtlich bedeutende Stadt, es blickt zurück auf eine lange, auf eine bewegte Vergangenheit. Durch seine Lage zu einem Handelsplatz geschaffen, durch Privilegien, die wohlgesinnte Fürsten ihm gaben, gestärkt, errang es einen klangvollen Namen in der Geschichte des nord- und mitteldeutschen Handels. – Es war Residenz der Herzöge zu Braunschweig-Lüneburg. In dem alten Fürstensitz an der Werra lebten Herzog Wilhelm und der ritterliche Herzog Erich. – Es kamen aber auch Tage der Not. Zur Frühlingszeit im Jahre 1626 lag Tilly vor den Thoren. Am dritten Tage der Pfingsten ward die Stadt im Sturm genommen, und am anderen Morgen lagen dreitausend Leichen in Mündens Straßen. Die Schanzen auf dem Rabanenkopfe, die Reste der Stadtmauern und Türme erzählen uns noch heute von den Schrecknissen des Dreißigjährigen Krieges, die „Totenwiese“ auf dem Hühnerfelde, die Schlachtfelder von Speele, Lutterberg und Sandershausen zeugen davon, wie heiß unsere Thäler im Siebenjährigen Kriege umstritten waren, siebenmal ward Münden in diesem Kriege von den Franzosen genommen, und siebenmal mußten sie es wieder räumen.

Diese wildbewegte Vergangenheit forderte, die Geschichte der Stadt bei dem Heimatsfeste in großen Zügen zu entrollen. Und dieser Aufgabe diente der historische Festzug.

Meister Johannes Gehrts zu Düsseldorf hat die Entwürfe geschaffen. Seine Entwürfe erhielten den Reiz von echten Kunstwerken. Eine „Mundeniagruppe“ eröffnete den Zug. Voran ritt ein Herold in mittelalterlichem Gewande, dann folgte, begleitet von wappentragenden Pagen, ein zweiter Herold, der das Stadtbanner trug. Der von vier Pferden gezogene „Mundeniawagen“ war ein in Gliederung und Gruppierung reiches und reizvolles Prunkstück. Unter herrlichem Baldachin thronte die „Mundenia“, ihr zu Füßen ruhten Mädchengestalten, durch Hammer und Zange sowie durch den Merkurstab Industrie und Handel darstellend. Am vorderen Teile des Wagens verkörperte eine Frauengestalt die Schiffahrt; ein Ruder hielt sie in der Hand und ein Anker lehnte ihr zur Seite. – Dann zogen lebenswahr und packend gestaltete Bilder aus der Geschichte der Stadt am Auge des Beschauers vorüber. Man sah zunächst einen Germanenzug, in dem ein Jagdzug, Schiffahrt, Fischerei, Priesterinnen, Sonnwendmaidgefährt mit dem Opferstein dargestellt wurden. Von weiteren Gruppen sind hervorzuheben: Die Einführung des Christentums an den Gestaden der Weser, freiwilliger Anschluß Mündens an Braunschweig-Lüneburg unter Herzog Otto Puer 1246, Mündens Handel zur Hansazeit im 15. Jahrhundert, Einzug Herzog Erichs des Aelteren von Braunschweig-Lüneburg mit seiner Gemahlin in Münden, Dreißigjähriger Krieg. – Auf der Stätte, wo Tillys Geschütze standen, von denen die Bresche in die schützende Stadtmauer gelegt ward, auf der Höhe des Rabanenkopfes, erhebt sich heute der herrliche Aussichtsturm. Er trägt kurz die Bezeichnung „Tillyschanze“. Mit ihm ragt die Vergangenheit Mündens in die Gegenwart hinein. Und so ward der historische Festzug mit einem Bilde aus der Gegenwart geschlossen, ein Festwagen trug, von Flußnixen umgeben, eine Nachbildung des Turms auf der Tillyschanze.
Fr. Henze.