Das Künstler-Märchenfest in Weimar

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Textdaten
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Autor: W. B.
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Titel: Das Künstler-Märchenfest in Weimar
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 199–200
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1896
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Vom Märchenfest des Weimarer Künstlervereins: das Festspiel in der Meeresgrotte.
Nach einer Originalzeichnung von Hans W. Schmidt.
[Abbildung nicht gemeinfrei, Hans Wilhelm Schmidt (1859–1950)]



[199] Das Künstler-Märchenfest in Weimar. (Mit dem Bilde S. 193.) Zu einem Gang „in das alte romantische Land“ der Märchenwelt lud der Weimarer Künstler-Verein die Gäste ein, die zur Teilnahme an seinem diesjährigen Kostümfeste in den Räumen des Künstlerhauses erschienen. Und die phantastischen Gestalten und Motive des Märchens, welche für die Kostüme der Teilnehmer, für die Ausschmückung der Räume wie die scenischen Veranstaltungen als Vorbild und Anregung dienten, bewährten auch in diesem Fall ihre unverwüstliche Macht über die künstlerische Phantasie. Drei Tage, vom 21. bis 23. Februar, dauerte das fröhliche Fest, dessen stärkster Anziehungspunkt wohl die wiederholte Aufführung des Opernfestspiels „Nerilda“ war, welches Dr. J. Wahle vom Goethearchiv eigens für diese Veranstaltung gedichtet hatte. Die Maler Prof. F. Rieß und der vielseitige Hans W. Schmidt hatten für das mit Gutheils Musik ausgestattete Singspiel eine zauberhaft phantastische Scenerie geschaffen, wie sie unser Bild auf S. 193 wiedergiebt. Zuschauerräum und Bühne zusammen stellten eine unterseeische Felsgrotte dar, belebt und geschmückt mit den vielfarbigen und formenreichen Wundergebilden der Tiefseefauna, welche Stahlschmidt zum großen Teil, plastisch ausgesührt hatte. Den Hintergrund der Bühne bildete ein von Rieß [200] gemaltes Transparent, welches die Grotte in weite Tiefe zu verlängern und einen fernen Durchblick in die sonnendurchleuchtete Flut zu eröffnen schien. Von der Decke hingen mächtige Felszacken; träg neugierig glotzte ein Walroß aus einer tiefen Nische, während ungeheuerliche Fische durch Gänge und Spalten dem fernher schimmernden offenen Meer zuschwammen. In magischem Licht erglänzten von oben her transparente Seesterne und Polypen und erleuchteten dämmernd die Grotte, an deren Seitenwänden sich Felsdurchblicke eröffneten auf einen die versunkene Stadt Vineta umspielenden Nixenreigen, eine gesunkene von der Tiefseefauna umwucherte Fregatte (s. unser Bild unten links) und einen erstaunt aufblickenden Nix (s. unser Bild unten rechts). Ein buntes Gemisch meist kostümierter Zuschauer drängte sich Kopf an Kopf in der Grotte, wenn die „Wasseroper“ stattfand. In ihr wird sie von einem Nix in die Tiefe gelockte und dort in tausendjähriger, starrer Verzauberung gehaltene Königstochter Nerilda von dem Weimarer Kunstschüler Spachtel befreit, der – loreleiberückt – in den Rhein gefallen ist und weiter in die Tiefsee verschwemmt ward. Nach längerer Unterhaltung gewinnt er ihr durch Anfertigung einer Porträtskizze das erlösende Lächeln ab und wird von einer herbeigewinkten günstigen Welle, vereint mit seinem unterseeischen Modell, wieder nach oben getragen.

In den vielgegliederten Räumen des Künstlerhauses entfaltete die Märchenfee aber auch sonst noch gar viel des Ueberraschenden und Schönen, dem echter Künstlerhumor die Weihe gab. Das einstige Zeughaus von Weimar, welches der Großherzog dem Künstler-Verein zur dauernden Heimstätte angewiesen hat, bietet zur Abhaltung solch großer Feste die günstigsten Verhältnisse. Der große, säulengetragene Saal des Erdgeschosses zeigte an seinen Wänden Prospekte von weithin sich dehnenden Hallen und Gängen eines verlassenen Klosters; auf erhöhtem Podium

war eine Hexenküche mit mächtigem Rauchfang und dem unheimlichen Apparat magischer Kunst hergerichtet. In der Geisterhalle trieben bei Dämmerlicht Hexen und Zauberer, Gespenster und Teufel ihr unheimliches Wesen. Aus diesem Reich des Grauens führte die durch einen entsprechenden Vorhang gekennzeichnete Reisbreipforte in die lieblichen Gefilde des Schlaraffenlandes, wo die Blicke zuerst gefesselt wurden durch das von einem dichtblühenden Apfelbaum beschattete Pfefferkuchen-Häuschen der Knusperhexe. Diese wahrsagte ihren Gästen durch Kartenschlagen, während Männlein und Fräulein in der Tracht der Biedermeierzeit ihr halfen, die Hungrigen, wie die Leckermäuler zu befriedigen. Am Herde saß, von Tauben umflattert, Aschenbrödel beim Erbsenlesen, während man durch ein romanisches Doppelbogenfenster, das sich aus rosenumsponnenem Kreuzgewölbe eröffnete, Dornröschen schlummern sah. Beim Eingang in den Zauberwald hauste die Waldhexe mit der Kröte als Köchin und der fleißigen Kreuzspinne; nahebei der fromme Einsiedler. Vom Geistersaal steil aufwärts führte ein enger Felsgang in den winterlichen Hochwald, wo Rübezahl sein Wesen trieb und man vom Grund einer tiefen Höhle aus Schneewittchen schlummern sah in ihrem von Zwergen bewachten Glassarg. Der hohle Stamm einer alten mächtigen Eiche bot dem treuen Schwesterlein der sieben Raben die Zufluchtsstätte für ihre stumme Liebesarbeit. In einem maurischen Gemach hatte das morgenländische Märchen und ein vielbesuchtes Variététheater, in einem norwegischen der König von Thule und Frau Holle ihren Sitz. – So gab es viel zu sehen und zu staunen, und eifrige Besucher des Festes fanden selbst am dritten Abend noch immer Neues und Wunderbares. Den herzerfreuendsten Erfolg aber erzielten die fleißigen Künstler, als am vierten Nachmittag Hunderte von jubelnden Kindern mit strahlenden Augen die Wunder ihrer Märchenwelten schauen und mit den Leckermäulchen ihre Süßigkeiten kosten durften.
W. V.