Das Kloster Wolkenwiegt

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Textdaten
Autor: Georg Wilhelm Otto von Ries
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Titel: Das Kloster Wolkenwiegt
Untertitel:
aus: Knüttelgedichte, Erzählungen, Schwänke und ernste Balladen, S. 145–163
Herausgeber:
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1822
Verlag: J. F. Hammerich
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Erscheinungsort: Altona
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
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[145] Das Kloster Wolkenwiegt.
                    Romanze.

Ich klettert’ hinauf zu dem Wolkenstein,
ich bahnte mir Steg mit dem Knotenstocke.
Dann schlug das Buschwerk mir ins Gesicht;
dann hielt die Distel mich am Rocke;

5
dann rutscht’ ich hernieder, dann brach ich durch –

da stand sie vor mir die alte Burg.

     Da lag es offen, das alte Gemäuer.
Kein Lanzknecht mit vorgehaltenem Speer
vertritt den Eingang dem Wand’rer mehr.

10
[146] Kein Wächter fragt: Wohin? woher?

kein Ritter presst Zoll. – Ein freyes Geleite
giebt hüpfend und flatternd der Raben Schaar.
Sonst schallte das Hifthorn in die Weite;
nun tönet, wie Glöcklein, der Unken Geläute;

15
das Heimchen ist jetzt, was der Harfer war;

die Eule ist Thürmer, und Burgvoigt der Aar.
Wohl tausend Jahre höhlet der Strom
am Fusse des Berges, sein Bett zu erweiten.
Hoch über ihm her hängt die Felsenlast,

20
und drohet den Sturz, und spottet der Zeiten.

So wie ein zerbrochenes Schwalbennest
klebt oben das alte Getrümmer fest.
Hier senkt sich der Blick auf das Thal hinab.
Da, weidet die Heerde in grünen Matten,

25
hier, steiget der Winzer, dort ziehet wie Schatten

der Wald sich ernst um ein lebend Grab:
Das ist das Kloster von Wolkenwiegt,
das, wie wenn Leben und Tod sich gatten,
im Arme blühender Linden liegt.

30
     [147] Noch könnt’ ich euch vieles von der Burg

und von dem Ritterthum’ erzählen;
der Sänger der Wehmuth *) hat’s schöner geklagt.

     Ich ging herum in den öden Sälen,
wo dämmernd das Licht von oben tagt.

35
Ich glitt von der ausgetretenen Schwelle

und stolpert’ in die verfall’ne Kapelle,
und sah in des Altars Täfeley
ein halb verwittertes Konterfey.
Das stellt das Inn’re der Kirche[1] vor,

40
und zeigt eine ganze Klerisey.

Sie machet erschrocken des Kreutzes Zeichen.
Ein Ritter, dem alle voll Staunen weichen,
trägt hoch ein Mädchen im Arm’ empor.
Von ihr wird ein grosses Kreutz getragen,

45
das ist von Silber, und golden ihr Haar.

Es schimmert noch, wie in jenen Tagen,
die eingelegte Arbeit klar.
[148] Von selbem Stoffe ist das Schwerd,
das der Ritter zu Boden kehrt.

50
Noch sieht man deutlich das fromme Geschrey

der offenen Mäuler der Klerisey.

     Auf des Altares schmaler Seite,
da prangt das Kloster von Wolkenwiegt.
Das hat sich denn auch nicht viel besser erhalten,

55
als alle die andern Schattengestalten,

als das, das unten im Walde liegt.
Da sitzt auch auf einem alten Gestell’
ein steinerner, magerer, langer Gesell’,
der guckt zum Kloster, und macht ein Gesicht,

60
als harrt’ er auf das jüngste Gericht.


Es ward mir so heimlich, es ward mir so öde,
die Abendluft kühlt’ durch’s verfallene Haus,
der Abend zog ein, der Tag zog aus;
[149] da war es, als nickten in ihrer Einöde

65
die Köpfe der Ritter zum Fenster hinaus.

Ich eilte Thal ein zu meinem Küster.
„Ich bitt’ euch, Herr Vetter, was deutet das Bild,
womit man die Rippen des Altars gefüllt?
und was der Gesell auf dem Bänckchen, so düster?“

70
„„Und sah’t ihr das Pfäfflein? jetzt ist es zerstückt,

sonst kniet’ es am Altar’, jetzt steht es am Fenster – ““
„So hat mir der steinerne Gast zugenickt?
und glaubt’ ich es seyen Hirngespenster.“
„„– Gewiss, der hat euch d’rauf angeblickt,

75
ihr sollt ihm ein Liedel zur Ehre singen.

Das Pfäfflein war euch eine ehrliche Haut.
Den Altar hat ihm sein Ritter erbaut.
Derweil uns beym Burgwein die Gläser erklingen,
so lasset uns ihm ein Requiem bringen!

80
Dann sey euch die ganze Geschichte vertraut.


     [150] Ich kann die alte Mönchsschrift nicht lesen.
Ich glaube, die Lettern steh’n verkehrt.
Das Pergament ist auch meist verwesen –
könnt ihr es, so sey es euch unverwehrt.

85
Ich sag’ euch mündlich, was ich gehört.““

Da holt’ er mir’s aus dem Eichenschrank her. –
Nun horcht! So lautet die alte Mähr:

               *          *          *

     Es stehet der Burgpfaff von Wolkenstein,
und schneidet, und leitet, und bindet die Reben;

90
dann pfeift er und schreit durch das Schiessgatterloch,

dass Wald und Kloster zurück es geben:
„He! Soldan! – Der Hund ist doch rasend dumm!
er schmeisst mir den wallenden Pilger um!

     [151] Er fasst ihn, er zieht ihn den Berg herauf!

95
Da steh’n sie zusammen am Gartengitter!“ –

Das Pfäfflein öffnet mit Ungestüm.
„Gelobet sey Christus! das ist mein Ritter!
Willkommen zurück vom heiligen Land!“ –
Dann einet sich Mund und Herz und Hand.

100
„„Mein treuer Freund! hier bin ich zurück.

Ich wär’ mit dem Vetter schon früher gekommen;
doch, als der wieder zur Heimath zog,
da war ich verhackt und gefangen genommen.
Er ist an dem ganzen Zuge Schuld;

105
wir waren verliebt und voll Ungeduld.


     [152] Der Vetter ward’s müde, ich bin es längst.
Er hat mich zu dem Kreutze beredet.
Was zieht man viel hundert Meilen aus,
dass man in der Weite die Türken befehdet?

110
Ein rüstiger Ritter, mein alter Kumpan!

spinnt in der Nähe sich Händel an!

     Nun will ich gewinnen die holde Magd!
der alte Vater, der ist gestorben.
Sie untersagt’ mir die Fehde mit ihm,

115
sonst hätt’ ich mit eisernem Handschuh geworben. –

Nun sag’ mir, du alter Minnetraut!
was macht der Vetter? wie lebt die Braut?

     [153] Ach! seht ihr dort unten die steinerne Bank?
da hat er Tag aus Tag ein gesessen.

120
Da starrt er zum Klosterfenster hinauf.

Zuletzt vergass er Trinken und Essen.
Ich ging einmal mit dem Krug’ zu ihm hin,
ich wollt’ ihn bringen auf andern Sinn.

     „He, Tokkenburger! ermuntert euch doch!

125
’s ist Herbstzeit. – Ey, sind das Rittergeberden?

ihr werdet ja krank! ihr erkältet den Steiss!
Ihr seyd ja der grösste Tagdieb auf Erden!“ –
Doch wandt’ er den Blick nicht, und sagte kein Wort,
nur winkt’ er mich mit dem Kruge fort.

130
     [154] So sass er mit rückwärts gebog’nem Genick;

so ward er tod eines Morgens gefunden.
Das Fräulein im Kloster starb bald darauf.
Er hatt’ seine Güter dem Kloster verbunden,
und alles der heiligen Kirche vermacht,

135
dass dort er werde zur Ruhe gebracht.“


     „„Nun gieb mir von Fräulein Gertrude Bericht.““
Die wohnt in der Seeligen Klosterzelle.
Der Vater hat sie in der Kirche getraut. –
Die Bank ist vakant, behagt euch die Stelle?

140
so setzet euch hin, wie’s der Tokkenburg macht’,

so werdet auch ihr bald ins Kloster gebracht.“

     [155] „„He, glaubst du die Kreutzer sind alle toll?
Mein guter Pfaff, du magst mir’s erlauben!
du bietest noch heut’ mir die Mannen auf.

145
Und sollt’ ich sie vom Altare rauben!

und schützt sie Sanct Alban im Messgewand;
ich stürme und stecke das Kloster in Brand.““

     „Hoho! Herr Ritter, gemach! gemach!
Hier ist mit der Faust nicht viel zu gewinnen.

150
Bedenket der Kirche Gewalt und Bann,

und lasst uns auf bessere Arbeit sinnen;
und was wir bis morgen ausgedacht,
das werd’ mit Vernunft und Ruhe vollbracht.“

     [156] Der Morgen bricht so lieblich hervor.

155
Noch ist es dunkel im Kreutzesgange.

Die Lerche flattert, noch stille, auf,
da wecket die Hora zum Morgengesange.
Dann röthet die Sonne die Zinnen der Burg,
dann spielt durch die Scheiben ein Strahl hindurch.

160
     Schon stehet das Pfäfflein vor dem Konvent:

„Frau Aebtinn! die Mähr’, so ich euch berichte,
ist kurz, doch leidig – so höret mich an,
es ist meines Ritters Trauergeschichte. –
Ein frommer Klausner am heiligen Grab’,

165
hat vorgesagt, was sich mit ihm begab.“


     [157] „„Du wirst nun pilgernd zur Heimath gehn,
den Freund wirst du nicht mehr im Leben finden.
Dir wird dein Grabmahl an heiligem Ort;
du giebst der Kirche die frommen Pfründen.

170
Bedenke das Kloster, zu dem du geh’st!

auf dass du bald fröhlich aufersteh’st.““

     So hat sich’s begeben – nun ist er tod:
Wollet den Willen des Kreutzers[2] ehren!“ –
Da ward Gertrude bleicher, wie vor;

175
sie konnte sich nicht der Thränen erwehren,

sie konnt’ und durfte nicht reden, doch brach
es aus dem Aug’, was im Herzen lag.

     [158] Sie senket den Schleyer, sie wankt aus der Thür. –
Der Suchung des Kreutzers wird willfahren. – –

180
Und als die Nacht auf dem Walde lag,

da konnt’ man, wie Sternlein, Lichter gewahren,
die zitterten einzeln vom Wolkenstein her,
und roth stand die Burg, wie in feurigem Meer.

     Dann wandeln die Feuer mit Schatten gemischt,

185
im Schneckenzug hoch über dem Flusse;

da dunkelt die Burg, ein Schattenkoloss!
Gleich einem trägen Lavagusse
bewegt sich der Glanz in dem Felsensteg,
dann nah’t er und füllet den Klosterweg.

190
     [159] Und aus dem Trauerzuge her

ertönen gedämpfte Klagelieder.
Die Burgglock’ stimmt den tiefsten Ton;
vom Klosterthurm’ anwortet’s wieder.
Den Pfad umhallet ein Feierchor,

195
ein and’rer steigt aus dem Wald’ empor.


     Nun mischen sich Burg und Klosterlicht,
es mischen sich einend die Trauerklänge.
Es öffnet sich langsam das grosse Thor,
und nimmt es auf, das Leichengepränge.

200
Es öffnet, ein Schoos des Todes! sich weit. –

Nun stimmet die Orgel ins Glockengeläut’.

     [160] Erst kommen die Knappen mit brennendem Licht,
dann kommen die Ritter, das sind die Vasallen,
dann kommen die Priester im Messgewand;

205
dann sieht man den Sarg, den Fackeln umwallen,

und dicht vor dem Sarge, das Kreutz erhöht,
der fromme Pfaffe des Ritters geht.

     Die Bahre wird in die Kapelle gesetzt,
dann wird das Requiem gesungen. –

210
Dann geht die Aebtissinn zum Todten allein:

(So hat sich’s der sterbende Kreutzer bedungen)
Im Harnisch, gewappnet, lag er im Sarg,
kein Deckel den stattlichen Körper barg.

     [161] Sie macht es lang, zu des Ritters Heyl,

215
vom Fegefeuer frey ihn zu beten.

Dann folgten die Nonnen der Reihe nach.
Zuletzt muss des Ritters Fräulein hintreten.
Der Burgpfaff giebt ihr das Kreutz in die Hand.
So hat sie sich zitternd zum Leichnam gewandt.

220
     Sieh’! plötzlich steht in der offenen Thür

erstanden der Ritter – die Nonne, die sitzet
ihm hoch in dem Arm – sie erhebet das Kreutz –
Er senket sein Schwerd, das wunderbar blitzet! –
Der Burgpfaff schreit laut: Miraculum!

225
die Orgel erstirbt, der Chor ist stumm.


     [162] Der Ritter kniet vor den Altar hin,
noch hoch auf dem Arm’ die süsse Bürde. –
Versteinert stehet der Trauerchor.
Er schreitet hindurch mit stolzer Würde.

230
So klimmt er zum Wolckenstein mit ihr hinan.

Der Burgpfaff stimmt ein Te Deum! an.

     Doch wie die Sache nun förder ging,
das mögt ihr im Vatican erfragen.
Ich hab’ euch erzählt, was ich fand;

235
mehr als man weiss, kann man nicht sagen.

Die alte Legende, sie war verstaubt;
mit Mühe hab’ ich’s heraus geklaubt.

     [163] Da waren auch farbige Zeilen und Bild;
doch hat man sie sorgsam ausgestrichen,

240
von harter Prüfung des Ritters im Sarg,

eh’ die Aebtissinn[3] von ihm gewichen.
Doch find ich, dass Anno Zwölf Hundert neun Jahr,
er Schirmvoigt des Klosters Wolkenwiegt war.


*) [147] Matthisson


Anmerkungen (Wikisource)

Ein Kloster Wolkenwiegt gab es nie, die Romanze ist erfunden nach dem Vorbild von Schillers Ballade Ritter Toggenburg, auf die S. 153 mit Tokkenburger explizit angespielt wird.

  1. Rirche Vorlage
  2. Kreutzer Kreuzfahrer
  3. Aebsissinn Vorlage