Das Märchen vom Schlauraffenland (1815)

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Brüder Grimm
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Das Märchen vom Schlauraffenland
Untertitel:
aus: Kinder- und Haus-Märchen Band 2, Große Ausgabe.
S. 294–296
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1815
Verlag: Realschulbuchhandlung
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: old.grimms.de = Commons
Kurzbeschreibung:
1815: KHM 153; ab 1819: KHM 158
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
Begriffsklärung Andere Ausgaben unter diesem Titel siehe unter: Das Märchen vom Schlauraffenland.


[294]
67.
Das Märchen vom Schlauraffenland.

In der Schlauraffenzeit da ging ich und sah an einem kleinen Seidenfaden hing Rom und der Lateran, und ein fußloser Mann, der überlief ein schnelles Pferd, und ein bitterscharfes Schwert eine Brücke durchhauen; da sah ich einen jungen Esel mit einer silbernen Nase der jug hinter zwei schnellen Hasen her, und eine Linde, die war breit, auf der wuchsen heiße Fladen, da sah ich eine alte dürre Geis, trug wohl hundert Fuder [295] Schmalzes an ihrem Leibe und sechzig Fuder Salzes. Ist das nicht gelogen genug? Da sah ich zackern einen Pflug, ohne Roß und Rinder, und ein jähriges Kind warf vier Mühlensteine von Regensburg bis nach Trier und von Trier hinein in Strasburg; und ein Habicht schwamm über den Rhein, das that er mit vollem Recht, da hört’ ich Fische miteinander Lärm anfangen, daß es in den Himmel hinauf scholl, und ein süßer Honig floß wie Wasser von einem tiefen Thal auf einen hohen Berg, das waren seltsame Geschichten. Da waren zwei Krähen, mähten eine Wiese, und ich sah zwei Mücken an einer Brücke bauen, und zwei Tauben zerrupften einen Wolf, zwei Kinder die wurfen zwei Zicklein, aber zwei Frösche droschen miteinander Getreid aus. Da sah ich zwei Mäuse einen Bischof weihen, zwei Katzen, die einem Bären die Zunge auskratzten. Da kam eine Schnecke gerennt und erschlug zwei wilde Löwen, da stand ein Bartscheerer, schor einer Frauen ihren Bart ab, und zwei säugende Kinder hießen ihre Mutter stillschweigen. Da sah’ ich zwei Windhunde, brachten eine Mühle aus dem Wasser getragen und eine alte Schindmähre stand dabei, die sprach: es wäre Recht. Und im Hof standen vier Rosse, die droschen Korn aus allen Kräften, und zwei Ziegen, die den Ofen heitzten und eine rothe Kuh schoß das Brot in den Ofen. Da krähte [296] ein Huhn: Kickeriki! Das Märchen ist ausverzählt, kickeriki!

Anhang

[XLIX]
67.
Schlauraffenland.

Die Fabel vom Affen- oder Schlauraffenland (die schlauen, klugen sind den dummen Affen, apar ósvinnir, mythischer Gegensatz) steigt ohne Frage in ein hohes Alter auf, da schon das gegenwärtige Märchen aus einem altdeutschen Gedicht des 13. Jahrhunderts herrührt. Bald wird sie spaßhaft, wie hier und meistentheils, gewendet, aber im Märchen von dem Zuckerhäuschen, das mit Fladen gedeckt, mit Zimmt gebalkt ist, (I. 16.) erscheint sie in gläubigem Kinderernst gleichwohl dieselbe und schließt sich an die noch tieferen Mythen von dem verlorenen Paradies der Unschuld, worin Milch und Honig strömen. Zu der ersten Art blos gehört Hans Sachsens bekannter Schwank (S. Häsleins Auszug S. 391.) und Fischarts Anspielung im Gargantua S. 96a „in dem Land kann ich nicht mehr bleiben, die Luft thut mich in Schlauraffen treiben, drei Meil hinter Weihnacht, da sind die Lebkuchenwände, Schweinebratenbalken, Malvasirbrunnen, Milchramregen, [L] Zuckererbsenhagel, da wird der Spaß bezahlt und der Schlaf belohnt, da gibts Bratwürstzäune, Honiggyps und Fladendächer.“ Eben so hat man im altfranzös. Fabliaur von dem pays de Cocagne (Méon. 4. 176.) – Auf der andern Seite schlägt das Märchen in die vielen Sagen von den unmöglichen Dingen (Nr. 68.) und die gleichfalls alte Geschichte vom Finkenritter ein, dessen Fischart mehrmals gedenkt und woran er vielleicht selbst mitgearbeitet hat, (über das Volksbuch vgl. Kochs Grundriß 2.) Im Bienenkorb St. 4. Cap. 4. heißt es unter andern: „zur Zeit, da die Häuser flogen, die Thiere redten, die Bäche brannten und man mit Stroh löschte, die Bauern bollen und die Hunde mit Spießen herausliefen, zur Zeit des strengen Finkenritters.“ Manches in der Zusammenstellung dieser unmöglichen Dinge deutet auf geheime, verloren gegangene Berührungen derselben dennoch hin und es ist hier, wie in den Traumdeutungen, die Reihe solcher ahnugsvollen Verwandtschaften (da ja uranfänglich alle Gegensätze verfließen) von den rohen und groben Lügen zu unterscheiden. Ein hölländisches Volkslied „de droomende Reyziger“ wiewohl modernisirt hat aber noch viele alte Strophen und Uebereinstimmung mit dem Altdeutschen Gedicht, vgl. die Samml. Toverlantarn. S. 91 – 92. Vgl. das Dietmarsische Lied von den unmögl. Dingen, Walafrieds Strabo similitudo imposlibilium (Canis. II. p. 2. p. 241.) und Stellen bei Tanhäuser 2. 66. Marner 2. 172. und Boppo 2. 236. Das Lügenmärchen, das unter der Ueberschrift von den Wachteln sich in Handschrift (Nr. 119.) zu Wien befindet, hat auch eine mit unserm merkwürdig übereinstimmende Stelle.

Die hunt sint mit muz behut,
da sind kirchtür gut,
gemauert aus putern gotwaiz
und schaint die sunn als haiz,
daz schat im umb ain har.
ain aichen–phaff, daz ist war
ain puchain messe singet,
der antlaz im geben wirt,
daz im der ruck swirt,
den segen man mit kolben gab

[LI]

ze hant hub ich mich herab,
von dem antlaz ich erschrak:
sieben Wachteln in sak!