Das Opern-Museum

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Textdaten
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Autor: Paul Bekker
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Titel: Das Opern-Museum
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aus: Pariser Tageblatt, Jg. 2. 1934, Nr. 63 (13.02.1934), S. 4
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1934
Verlag: Pariser Tageblatt
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Erscheinungsort: Paris
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Quelle: Commons
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Das Opern-Museum

Steht man vor Garniers Prachtbau, so erblickt man westlich von der Hauptfront, der rue Auber zugewendet, eine majestätisch geschwungene Auffahrt mit pavillonartigem Vorbau. Es scheint ein zweiter Haupteingang zu sein, aber die Tafel am Tor, beim Denkmal des Erbauers, sagt lediglich, dass man hier zur Bibliothek und zum Museum der Opéra gelangt. Eine fürstliche Unterkunft für Einrichtungen, die sich sonst beim Theater mit einem Winkel im Erdgeschoss begnügen müssen! Selbst wer den Raumluxus der Opéra kennt, wundert sich über solche Freigebigkeit gegenüber der archivalischen Wissenschaft.

Sie ist auch in Wirklichkeit nur einem Zufall zu verdanken. Diese Auffahrt, dieser Pavillon waren für Napoleon III. bestimmt. Ihre Anlage verdanken sie dem Orsini-Attentat, das am 14. Januar 1858 beim Eintritt des Kaisers in die alte Opéra, rue Le Pelletier verübt wurde. Damals entstand der Plan zum Bau eines neuen, freiliegenden Hauses mit besonderer kaiserlicher Einfahrt. 1861 wurde die jetzige Opéra begonnen, beim Ausbruch des Krieges, 1870, war sie noch nicht vollendet, und die erste Verwendung des halbfertigen Hauses geschah für Lazarettzwecke. Nach dem Kriege ruhte zunächst die Arbeit, bis der Brand des alten Hauses, 1873, Regierung und Parlament zur Fertigstellung veranlassten. Im Januar 1875 fand die Eröffnungsvorstellung statt. Nun aber war der Kaiserpavillon ohne Kaiser. Nur Zar Nikolaus II. und König Edouard VII. haben die prunkvollen Repräsentationsräume dem ursprünglichen Sinne nach benutzt.

Indessen – was der Kaiser verloren hatte, sollte dem Aschenbrödel Bibliothek zu Gute kommen. Der Bibliothekar Charles Nuitter, bekannt als erster französischer Wagner–Uebersetzer, war ein gescheiter Kopf. Er fand, dass die bisher im 5. Stock der Administration untergebrachte Opernbibliothek und der Kaiserpavillon wie für einander geschaffen waren, er gewann Freunde für seinen Plan und schon 1877 wurde die Unterbringung Nuitters Vorschlag gemäss beschlossen. Es liegt eine Broschüre Nuitters von 1880 vor, in der er die baldige Vollendung der Aufstellung ankündigt und eine Uebersicht über den damaligen Inhalt der Sammlungen gibt. Da finden sich zunächst die archivalischen Dokumente. Sie reichen bis 1721 zurück und betreffen in der Hauptsache amtliche Verordnungen, Rechnungen, Personalangelegenheiten, Autorenkorrespondenz und alle sonstigen Verwaltungsangelegenheiten. Darunter sind auch die für die Familiengeschichte bis 1789 wichtigen Abonnementsabmachungen, die in der guten alten Zeit stets notariell geschlossen werden mussten.

Die zweite Abteilung umfasst die musikalische Bibliothek. Sie enthält die Sammlung sämtlicher Opern und Ballette, die in der Opéra seit ihrer Gründung nicht nur gegeben, sondern überhaupt von ihr erworben wurden – also die praktische Geschichte der Opéra seit 1669, aus der Zeit noch vor Lully. Nuitter zählt 1880 bereits 25.000 Bände und Hefte, in den seither vergangenen 53 Jahren mag nicht wenig dazugekommen sein. Wertvolle Handschriften sind darunter: von Rameau, Gluck, Meyerbeer, Rossini, Spontinis bedeutendste Werke, Opern von Piccini, Grétry, Cherubini, Auber, Donizetti, das Gesamtwerk Massenets.

Das sind nur einige der Originale, im Druck oder in Kopien ist alles vorhanden, vieles davon noch unveröffentlicht oder überhaupt nicht bekannt. Diese Sammlung ist daher eine bisher nur teilweise erschlossene Fundgrube für die Geschichte der Oper.

Der Opernbibliothek schliesst sich die dramatische an. Sie enthält Bücher zur Theatergeschichte, Almanache, Biographien, Nachschlagewerke, Geschichte der Oper, Zeitungen und Zeitschriften, polemische Veröffentlichungen über das Theater, und schliesslich die seltensten und reichhaltigsten Werke zur Kostüm- und Dekorationskunde. Hierbei sind alte Theaterpläne, Ausstattungsentwürfe aller Art, Porträts, Karikaturen, Möbelzeichnungen, Instrumente, Architekturbilder – der ganze Zauber also, der die Welt der Bühne ausmacht.

Gerade dieser Teil des ursprünglichen Bestandes, zuerst für die Weltausstellung 1878 zusammengestellt, ist im Laufe der letzten Jahrzehnte systematisch erweitert worden. Die Art der Ergänzung hängt naturgemäss von der Person und Spürgabe des jeweiligen Leiters ab. Seit den Zeiten Nuitters haben durchweg Musikgelehrte von europäischem Ruf an der Spitze der Opernbibliothek gestanden. Gegenwärtiger Direktor ist J.-G. Prod’homme, auch in Deutschland bekannt durch seine Forschungen über Mozart, Beethoven, Schubert, seine Kenntnis deutscher Musik und Literatur, sein weitgehendes Verständnis und seine Pionierarbeit für die Verbindung der Geister.

Es ist das Schöne am Theater, dass es neben dem sachlichen Ernst auch der leichteren Unterhaltung Raum gibt, vielmehr beides stets in Einem zusammenfasst. Wer also nicht studieren und alte Bücher wälzen will, der sehe sich das der Bibliothek beigefügte Museum der Opéra an. Das ist ein wahrer Raritätenkasten. Da sieht man eine Pistole aus Beethovens Besitz, die früher für die Fidelio-Aufführungen verwendet wurde, Renoirs berühmtes Wagner-Porträt, die auf Namen lautenden Abonnementskarten von Berlioz, Auber, Halévy. Man sieht auch ein paar Bomben von jenem Orsini-Attentat und Ueberbleibsel vom Brand der alten Opéra. Man sieht weiter Autographen von Rameau, eine Rekonstruktion des alten Opéra-Saales aus den Tuilerien, Modelle neuerer Bühnenentwürfe. Dazwischen ausser Bildern und Büsten vielerlei Andenken an berühmte Musiker, Spontinis pompöses Schreibzeug, Rossinis prächtige Kaffeetasse, ein Kostüm der Patti, Schuhe einer beliebten Tänzerin, viele andere Kuriositäten – ganz wie bei Balzacs geheimnisvollem Antiquar.

Es ist eine Sammlung ohne Lehrhaftigkeit, so recht zum Sinnen, Lächeln, Träumen. Das Theater macht alle kleinen Dinge gross im Zauber des Augenblicks – hier liegen sie am Tageslicht, Ueberbleibsel irgend eines rauschhaften Geschehens, oder geweiht durch die Berührung einer längst vermoderten Hand. Nun mag die Einbildungskraft spielen, erzählen von fernen und doch so nahen Menschen und Zeiten der Bühne und eine versunkene Welt zum stillen Klingen bringen.