Musik und Rasse

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Textdaten
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Autor: Paul Bekker
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Titel: Musik und Rasse
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aus: Pariser Tageblatt, Jg. 2. 1934, Nr. 69 (19.02.1934), S. 4
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Erscheinungsdatum: 1934
Verlag: Pariser Tageblatt
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Erscheinungsort: Paris
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Musik und Rasse


Zu den Gruselmärchen, die über unsere zeitgenössische Musik verbreitet werden, gehört die Behauptung, diese Musik sei „international“. Damit soll unterstellt werden, sie erstrebe eine Art musikalisches Volapük, irgendein tonsprachliches Kauderwelsch, Unterdrückung stammesartlicher Charakterzüge zugunsten einer verwaschenen Allgemeinverständlichkeit. Die Aussage ist zunächst unwahr, ausserdem, da sie Unmögliches behauptet, sinnlos. Erstrebt worden ist das einander Kennenlernen, Vergleichung der verschiedenen Arbeiten in den verschiedenen Nationen mit dem Ziele gegenseitiger Anregung, Beobachtung verwandter Willensrichtungen innerhalb ungleichartiger äusserer Lebens- und Schaffensbedingungen. Im übrigen beruht die Verbundenheit der verschiedenen nationalen Arten musikalischen Schaffens auf der Tatsache des einheitlichen Tonsystems, der Gleichheit geistiger Gestaltungselemente, der Uebereinstimmung aller wichtigen Mittel vokaler und instrumentaler Art. Die internationale Gemeinschaft in Bezug auf diese Grundlage europäischer und eines erheblichen Teiles aussereuropäischer Musik braucht also nicht erst gesucht zu werden. Sie war da und bleibt auch da, selbstverständlich und naturgesetzlich, einerlei, ob treue Herzen sie haben wollen oder nicht.

Von hier aus kann nun die Feststellung unterschiedlicher Stileigenschaften verschiedener Nationalmusiken erfolgen. Ihre Erforschung ist nicht ohne Reiz, allerdings schwierig im Hinblick auf die geringe Körperhaftigkeit der musikalischen Materie wie auf die Labilität des Nationalitätsbegriffes. Die vergleichende Musikwissenschaft hat sich deswegen bisher auf die Klarstellung elementarer Eigenheiten der Völker und Zeiten beschränkt. Tritt nun aber das Idol der Rasse als des blutsbestimmten Unterscheidungs-Kennzeichens hinzu, so verwirrt sich das Bild zur Unkenntlichkeit. Hier steckt alles voller Widersprüche, die sich aus der Problematik des Themas ergeben, eben darum freilich dem nicht absolut sauber arbeitenden Betrachter Raum zu willkürlichen Spekulationen lassen.

Es ist etwa leicht, die besondere Veranlagung des Juden zur Nachahmung festzustellen und daraus allerlei Schlüsse zu ziehen, die aussermusikalischen Ansichten willkommene Bestätigung bieten. Wie aber ist es zu erklären, dass der ungarische Jude Joseph Joachim den deutschesten der deutschen Geigerstile begründete? Dass eben dieser ungarische Jude Joachim den Vortragsstil für Beethoven und Bach festgestellt und eine Geigerschule geschaffen hat, deren einzelne Zöglinge heute so deutsch, nein, rein nordisch sind, dass der blosse Gedanke an das Vorhandensein anderer jüdischer Geiger ihre Nerven irritiert? Das eine Beispiel genüge, weil es noch zeitnahe genug ist, um die Erklärung durch einen geprüften Rassespezialisten ohne gewagte historische Hypothesen zu ermöglichen. Oder bevorzugt diese Wissenschaft die geschichtlich entfernten Zeiten, weil sich im Dunkeln besser munkeln lässt?

In Deutschland ist ein Buch erschienen, dass sich „Musik und Rasse“ nennt. Verfasser Richard Eichenauer. Auf annähernd 300 Seiten Text behandelt es im Schaubudenstil ein Thema, das allenfalls unter das Mikroskop des Forschers gehört. Opponieren ist zwecklos, denn „wir stehen hier an der Grenze des Beweisbaren, die Stimme des Blutes spricht in dunklen Worten und nur der Glaube fasst ganz ihren Sinn.“ Da kann man nichts machen. Ein bisschen mitlesen soll man indessen doch, schon um zu wissen, wie es so zugeht, wenn das Blut anfängt, in dunklen Worten zu sprechen, und der Glaube den Sinn davon fasst.

Das ganze ist eine sozusagen musikalische Paraphrase über die Rassenwerke von Günther. Die Kenntnis seiner Schriften wird vorausgesetzt, die Begriffe nordisch, dinarisch, ostisch, westisch, fälisch usw. umschwirren den Leser dauernd, ohne dass jemals ihre Ableitung versucht wird. Gelegentlich erfährt man Günthers Kennzeichnung wenigstens des nordischen Menschen. Dieser besitzt „Urteilsfähigkeit, Wahrhaftigkeit und Tatkraft, Züge seelischer Härte, Kälte und Unerbittlichkeit, seelisches Einzeltum und Abstandsbewusstsein, Freiheitsdrang und Unabhängigkeitssinn, sachliche Leidenschaft und Besinnlichkeit, Eignung zum Führertum.“ Eine hübsche Sammlung trefflicher Eigenschaften, kein Wunder, dass da für die anderen Rassen nicht viel übrig bleibt.

Eichenauers Methode nun ist folgende: Palestrina wird rassisch bestimmt durch die lapidare Feststellung, dass sein Streben auf „Abklärung, d. h. auf eine ausgewogene Vereinigung von geistiger Bedeutsamkeit und klanglicher Schönheit zielt.“ Ergebnis: Palestrina ist ein nordisch-dinarischer Mischling, westische Einschläge ausgeschlossen. Welche Freude für die Italiener. Weitere Nachweisungen sind nicht erforderlich – wozu hätten wir die Stimme des Blutes? In dieser Weise unternimmt Eichenauer eine phantastische Wandertour durch die Musikgeschichte, von den „asiatischen Gegensätzen“ (wobei China und Mesopotamien natürlich in den nordischen Einflusskreis gehören), bis zu dem „Gegenkräfte“ betitelten Schlusskapitel, das die „befleckten Begabungen“ der jüdischen Tonsetzer behandelt. Selbstverständlich. Zwar versichert der Autor mehrfach, dass ihn lediglich Feststellungs-, nicht etwa Wertungsabsichten leiten. Die Gesamthaltung des Werkes zeigt das Gegenteil, sodass man wünscht, Eichenauer erwiese an sich selbst wenigstens in diesem einen Punkte das nordische Kennzeichen der Offenheit.

Das Beste aber sind die Einschränkungen, die Eichenauer der neueren Zeit gegenüber macht. So recht glücklich fühlt er sich nur bis zu Gluck. Mit Mozart beginnt das Abgleiten in die „dinarische Mischung“. Beethoven ist ein ostisch getrübter Zweiseelenmann, Schubert ostisch-nordisch. Schumanns „rassisch schwierige Erscheinung“ ist der „leiblichen Erscheinung nach ostisch, das Wesen seiner Kunst lässt sich damit wohl in Einklang bringen.“ Warum auch nicht? Dass Weber keineswegs „echt deutsch“, sondern dinarisch mit westischem Einschlag vom Urgrossvater mütterlicherseits her war, ist nach alledem ebensowenig verwunderlich, wie dass Wagner einen vorderasiatischen Beiklang erhält. Komme einer und beweise das Gegenteil.

Dieser Autor ist sympathisch, darum wird seiner hier gedacht. Man muss ihm dankbar sein. Er deckt die Konsequenzen der Rassentheorie mit naiver Sturheit auf bis tief hinein in die rein deutsche Musik. Natürlich erweist er sich dabei als unfreiwilliger Komiker – Blödheit und Unwissenheit sind stets Vorbedingungen für den Rassentheoretiker. Aber Eichenauer[1] hat den Mut zur Folgerichtigkeit. So zeigen seine Analysen nicht nur die Bekämpfung der von Juden stammenden Musik. Ohne es zu wissen und zu wollen zeigen sie, was notwendig am Ende dieses Weges steht: die Herabsetzung und Zerstörung alles dessen, was seit mehr als zwei Jahrhunderten als europäische Musikkultur überhaupt gilt.




Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Eischenauer.