Das Opfer eines Kaisertraums

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Autor: Felix Vogt
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Titel: Das Opfer eines Kaisertraums
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 8–12
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1896
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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[0008]
Das Opfer eines Kaisertraums.
Von Felix Vogt.
(Mit dem Bildnis der Kaiserin Charlotte von Mexiko.)

Seit langem vergeht kein Jahr, ohne daß aus der Einsamkeit des belgischen Schlosses Bouchoute irgendeine kurze Kunde in die Oeffentlichkeit dringt, die über das Befinden der unglücklichen Fürstin berichtet, welche dort in geistiger Umnachtung lebt. Vor dreißig Jahren ist die einst vielbewunderte Kaiserin Charlotte von Mexiko dem furchtbaren Verhängnis verfallen, das sie aus einer stolzen Kaiserin zu einer armen Irrsinnigen machte, und noch immer ist sie nicht von ihren Leiden erlöst. Viel ist in dieser Zeit über den Ausbruch desselben und seinen Charakter gefabelt worden, denn dunkel wie das Schicksal selbst blieben auch vielfach die Pfade, auf denen die Katastrophe herannahte. Heute breitet eine neue, an bisher unbekannten, wichtigen Einzelheiten reiche Publikation mehr Licht auf den tragischen Vorgang.

Prinzessin Charlotte von Belgien, eine Tochter jenes glücklichen Hauses von Sachsen-Koburg, das gegenwärtig seine Abkömmlinge auf den Thronen Englands, Belgiens, Portugals und Bulgariens sieht, hatte von väterlicher und mütterlicher Seite gewissermaßen revolutionäres Blut in den Adern. Ihr Vater hatte sich zum König der Belgier wählen lassen, nachdem sich dieses Volk gewaltsam von Holland losgerissen, und ihre Mutter war [0010] die Tochter des französischen Bürgerkönigs Ludwig Philipp, der nach der Absetzung des legitimen Herrschers, Karls des Zehnten, den Thron bestiegen. Sie selbst war ein sehr lebhaftes und intelligentes Mädchen, welches durchaus von der Tradition der Häuser Orleans und Sachsen-Koburg erfüllt war, wonach erst die persönliche Tüchtigkeit die Vorrechte der Geburt rechtfertigt. Im frühen Alter von siebzehn Jahren schloß sie im Jahre 1857 die sehr standesgemäße Ehe mit Maximilian, dem ältesten Bruder des Kaisers von Oesterreich, der nur um acht Jahre älter war als sie. Diese Verbindung war, wie üblich, zum voraus von den beiden Höfen abgemacht worden, da aber beide ihrem Charakter gemäß es durchsetzten, sich erst kennen und schätzen zu lernen, bevor sie den Bund fürs Leben schlossen, so ist ihre Heirat, soweit das in dynastischen Kreisen irgend möglich ist, eine Neigungsheirat zu nennen.

Das Hochzeitsgeschenk des kaiserlichen Bruders war die Ernennung des Erzherzogs Max, der sich bereits einige Verdienste um die österreichische Marine erworben hatte, zum Generalgouverneur der Lombardei. Das junge Paar gefiel sich sehr in dieser fast königlichen Stellung, welche ihnen das schöne Mailand zur Residenz gab. Beide hatten Geschmack an einer großen Hofhaltung und suchten sich bei ihren Unterthanen beliebt zu machen, indem sie ihnen das Joch der Fremdherrschaft möglichst erleichterten. Leider dauerte die Herrlichkeit nur zwei Jahre. Man fand gar bald in Wien, daß das erzherzogliche Paar viel zu viel Geld verbrauche und sich in der Politik zu wenig an die von der kaiserlichen Regierung ausgehenden Vorschriften halte, und berief daher den im Jahre 1857 ernannten Generalgouverneur schon im Jahre 1859 wieder ab. Max und Charlotte kehrten ziemlich mißmutig auf ihr herrliches Schloß Miramar bei Triest zurück, von wo aus der Erzherzog nach wie vor sein Flottenkommando ausübte. Aber Miramar kam ihnen nun zu eng vor. Sie suchten daher Zerstreuung auf Reisen, welche Charlotte bis nach Madeira und Max bis nach Brasilien führten und welche die erstere in einer gedruckten Schrift „Voyages à bord de La Fantaisie" mit schriftstellerischem Talente beschrieb. „La Fantaisie“ hieß nämlich die Jacht des Erzherzogs.

So lagen die Verhältnisse, als im Jahre 1862 der Versucher nahte, welcher den schwärmerischen Geist des Erzherzogs und den brennenden Ehrgeiz seiner jungen Gattin einen glänzenden Ersatz für die verlorene Herrscherpracht von Mailand und Monza bot. Es war der Kaiser Napoleon der Dritte, der unter dem Vorwand, daß die mexikanische Republik ihre europäischen Gläubiger nicht bezahle und daß man in der Hauptstadt Mexiko auf den französischen Gesandten geschossen habe, eine kriegerische Expedition unternommen hatte und den Einfluß Frankreichs in Mexiko dadurch am besten befestigen zu können glaubte, daß er dem Lande einen europäischen Fürstensohn seiner Wahl zum Monarchen gab.

Maximilian, der wie seine Gemahlin einen großen Respekt vor dem Willen der Völker empfand, stellte für die Annahme der mexikanischen Krone nur die eine Bedingung, daß ihn das Land selbst berufe. Dem willfahrten die Franzosen, nachdem sie erst einmal die Hauptstadt Mexiko am 10. Juni 1863 eingenommen, mit Leichtigkeit, indem sie eine Versammlung von 216 Notabeln, die der franzosenfreundlichen klerikalen Partei angehörten, einberiefen, welche am 10. Juli dem österreichischen Erzherzog die Krone anbot. Maximilian zögerte dennoch, während Charlotte, die das Beispiel ihres Vaters und Großvaters vor Augen hatte, sofort Feuer fing. Sie übersah nur das eine, daß weder Leopold I. noch Ludwig Philipp ihre Kronen fremden Waffen verdankt hatten. Der Kaiser von Oesterreich suchte seinen Bruder dadurch zum Bleiben zu nötigen, daß er seine Zustimmung zur mexikanischen Thronbesteigung an die Bedingung knüpfte, daß Max auf jede Erbfolge im Hause Habsburg verzichte. Da reiste Charlotte eigens nach Wien, um sich dem Kaiser zu Füßen zu werfen und nur die Zurücknahme der harten Bedingung zu flehen. Der Kaiser ließ sich jedoch nicht erweichen, und Max gab nunmehr nach und unterzeichnete die Verzichtleistung. Doch soll er in jener Zeit einmal zu einem Freunde gesagt haben: „Wenn ich jetzt plötzlich erführe, daß trotzdem aus der ganzen Geschichte nichts wird, so würde ich mich in mein Zimmer einschließen und vor Freude tanzen, aber Charlotte. ..!“

In Paris bekam das Herrscherpaar einen Vorgeschmack der neuen Würde, indem der Kaiser, die Kaiserin und die ganze vornehme Gesellschaft ihnen kaiserliche Ehren erwiesen und sie in jeder Weise auszeichneten. Dumas ließ gerade damals im Gymnase-Theater ein neues Stück „L' Ami des Femmes“ aufführen. Max und Charlotte wohnten der Vorstellung in der kaiserlichen Loge bei und erregten das Interesse des Publikums fast mehr als das Stück.

Der erste Eindruck, den Charlotte von ihrer neuen Heimat, die sie mit ihrem Gatten im Juni 1864 betrat, erhielt, war nicht günstig. Die reichen Handelsleute der Hafenstadt Veracruz waren gegen die klerikale Partei eingenommen, welche die Franzosen ins Land gerufen hatte, und daher thaten sie nichts, um den Schützling Napoleons zu begrüßen. Das Unglück wollte überdies, daß der Regent Almonte, der die provisorisch ausgeübte Gewalt dem neuen Herrscher übergeben sollte, auf dem Wege von Mexiko nach Veracruz aufgehalten worden war und der Landnng nicht beiwohnen konnte. Aber Puebla, die zweitgrößte Stadt Mexikos, tröstete alsbald durch seinen begeisterten Empfang über die Kälte von Veracruz. Charlotte war so gerührt, daß sie ein langes Dankschreiben an den Präfekten dieser Stadt richtete und 25'000 Franken zur Ausbesserung des Spitals spendete. Das war nur ein Anfang, dem sie während ihrer ganzen Regierungszeit treu blieb, denn sie gab in den zwei Jahren vom Juni 1864 bis zum Juni 1866 jeden Tag durchschnittlich 10 000 Franken zu wohlthätigen Zwecken aus und erfreute sich schon deswegen bald der größten Beliebtheit im ganzen Lande. Während einer Reise ihres Gatten in die nördlichen Provinzen führte sie in der Hauptstadt die Regentschaft und leitete zur großen Zufriedenheit der Bevölkerung das Unabhängigkeitsfest. Sie war mit Leib und Seele Mexikanerin geworden und Max, dem das seine germanische Natur weniger leicht machte, richtete ebenfalls sein ganzes Streben darauf, sich heimisch zu machen und Mexiko durch und für die Mexikaner zu regieren. Anfangs ging auch alles gut. Der republikanische Präsident Juarez irrte von allen Anhängern verlassen in der Wildnis umher und alle civilisierten Teile des Landes huldigten dem neuen Kaiser. Ein besonders starkes Zeichen der Anhänglichkeit an die neue Heimat gab das kinderlose Kaiserpaar dadurch, daß es die Enkel des im Jahre 1826 erschossenen Kaisers Augustin Jtùrbide adoptierte, damit diese die Dynastie fortpflanzen sollten.

Dem guten Anfang sollte leider der Fortgang nicht entsprechen. Maximilian ließ es gar bald in allen Dingen an Entschlossenheit fehlen. Er folgte heute dem einen, morgen dem andern Ratgeber und mißtraute schließlich allen. Selbst Charlotte, die an allen Staatsgeschäften den lebhaftesten Anteil nahm, hatte unter dieser Eigentümlichkeit zu leiden. Es gab Zeiten, wo sich ihr Gatte ganz in seine Gemächer verschloß und selbst sie sich anmelden lassen mußte, wenn sie mit ihm sprechen wollte; und nicht immer fand sie Zutritt. Zur Entschuldigung des Kaisers muß gesagt werden, daß seine Gesundheit, die schon früher nicht die beste war, in Mexiko von allen Leiden der heißen Länder heimgesucht wurde.

Napoleon hatte sich verpflichtet, seine Truppen drei Jahre lang in Mexiko zu lassen, beschloß aber, da er einsah, daß die Sache hoffnungslos sei, und da das mexikanische Abenteuer in Frankreich Unwillen erregte, schon am Ende des zweiten Jahres das Land zu räumen. Er ließ den Entschluß rechtzeitig Maximilian mitteilen, um ihm die Zeit zur Abdankung und zur gefahrlosen Abreise zu lassen. Dieser glaubte jedoch mit Recht oder Unrecht, daß der Marschall Bazaine, der die französischen Truppen in Mexiko befehligte, an allem Unheil schuld sei, daß er, der kurz nach dem Tode seiner ersten Frau eine vornehme Mexikanerin geheiratet hatte, das neue Kaisertum absichtlich unmöglich machen wolle, um nachher selbst als französischer Generalgouverneur oder auf andere Weise Mexiko zu regieren. Charlotte teilte diese Ansicht, und daher beschlossen beide, daß sie nach Paris reisen solle, um Napoleon den Sachverhalt darzulegen und ihn zur ferneren Unterstützung ihres Thrones durch französische Truppen unter einem andern Chef zu bewegen.

Ueber diese Reise der Kaiserin Charlotte, die sie im Sommer 1866 mit großen Hoffnungen antrat und die in Rom mit dem Ausbruch der Raserei enden sollte, liegt uns nun heute jener neue Bericht vor, der nicht nur mit Herz und Geist geschrieben ist, sondern auch eine ganze Fülle bisher nur den Eingeweihten bekannter Einzelheiten enthält. Die von einigen französischen Geschichtschreibern des mexikanischen Abenteuers hartnäckig geleugnete Annahme, daß der Wahnsinn der unglücklichen Fürstin durch die Weigerung Napoleons, seine Truppen in Mexiko zu lassen, verursacht worden sei, findet hier eine unwiderlegliche Bestätigung. Wir verdanken diesen Bericht dem als Engländer naturalisierten hannoverschen Diplomaten Baron von Malortie, der ihn einer Sammlung von Erinnerungen aller Art einverleibt hat, welche kürzlich in London unter den: Titel „Here [0011] there and everywhere“ („Hier, dort und überall“) erschienen sind. Malortie schloß sich als junger Mann dem österreichischen Expeditionscorps an und hatte als Adjutant des Generals Grafen von Thun-Hohenstein, der in Puebla befehligte, die Pflicht, die Kaiserin von dieser Stadt bis nach Veracruz zu geleiten.

Graf Thun und Baron von Malortie ritten der Kaiserin entgegen und trafen sie abends spät in der Nähe von Rio Prieto. Charlotte hatte als leidenschaftliche Reiterin ihren Wagen nicht benutzt. Sie erschien ihnen hoch zu Roß auf der mondbeglänzten Straße, auf welche die dunklen Kaktushecken phantastische Schatten warfen. Die hohe, königliche Erscheinung der Fürstin wurde durch diese Umgebung besonders imposant. Obschon sie den ganzen Tag im Sattel zugebracht hatte, gab die Kaiserin noch am gleichen Abend, nachdem sie in zehn Minuten ein Bad genommen und ihre Garderobe gewechselt hatte, in Rio Prieto ein offizielles Diner mit nachfolgendem Empfang, wo sie bei der üblichen Steifheit der mexikanischen Damen fast allein die Kosten der Unterhaltung bestritt.

Schon dieser Umstand beweist, welche ungemein kräftige Konstitution Charlotte besaß und daß zu jener Zeit ihr Geist noch keine irgendwie bemerkbare Trübung erfahren hatte. In den Gesprächen, die sie während der Weiterreise mit Thun und Malortie führte, trug sie die festeste Zuversicht auf den guten Erfolg ihrer Mission zur Schau und zeigte sich sogar gern zu heiterem Scherz aufgelegt. Den Gegenstand zum Spott lieferte der Marschall Bazaine, den das Kaiserpaar glücklich überlistet hatte. In der Voraussicht, daß er sich der Reise Charlottens nach Europa widersetzen würde, hatte man offiziell die Halbinsel Jucatan, wo Charlotte schon früher begeisterten Empfang gefunden, als Ziel ihrer Fahrt angegeben und Befehle zum feierlichen Einzug in Campeche und den anderen dortigen Städten erteilt. Außerdem hatte man in Veracruz sechs Plätze auf dem nach Brest fahrenden Schiffe „Imperatrice Eugenie“ angeblich für zurückkehrende Offiziere belegen lassen. Selbst der die Kaiserin begleitende mexikanische Minister des Aeußern Castillo erfuhr erst in Veracruz, daß die Herrscherin nicht nach Campeche hinüberfahre. Er wollte die Nachricht sofort nach Mexiko telegraphieren, aber Graf Thun hatte in weiser Vorsicht das Telegraphenamt besetzen lassen und gestattete seine Benutzung erst eine Stunde nach der Abfahrt der Kaiserin. Bazaine geriet in Wut, als er die gelungene List erfuhr, und telegraphierte den Befehl, das Schiff einzuholen und die Kaiserin zurückzubringen. Aber der Vorspruug der „Imperatrice Eugenie“ war zu bedeutend, als daß der in Veracruz liegende Kreuzer sie hätte einholen können.

Für die weiteren Ereignisse der Reise ist Malortie nicht mehr Augenzeuge, aber seine Quellen sind die denkbar besten. Die Freundin und Hofdame Charlottens, die Gräfin del Barrio, welche vor zehn Jahren gestorben ist, erzählte ihm im Jahre 1868 in Paris den Hergang und von Graf Bombelles, der vor wenigen Jahren dem Kronprinzen Rudolf, dem er als Hofmarschall diente, im Tode nachfolgte, und von Mora, dem damaligen mexikanischen Gesandten in Paris, wurden ihm alle ihre Angaben bestätigt. Frau del Barrio versicherte ihm zunächst, daß Charlotte auch auf dem Schiffe ihr körperliches und geistiges Gleichgewicht vollständig bewahrte und daß die erste Wolke des Verdrusses erst bei der Landung in Brest über ihre Stirne zog, als sie daselbst nur den Gesandten Mora, aber keinen Sendboten Napoleons vorfand, der sie beim Betreten des französischen Bodens als befreundete Souveränin der Etikette gemäß begrüßt hätte. Noch mehr verdüsterte sich ihr Blick, als sie von Mora erfuhr, daß der französische Hof rechtzeitig von ihrer bevorstehenden Ankunft in Kenntnis gesetzt worden sei, aber nicht einmal einen der kaiserlichen Paläste zu ihrer Verfügung gestellt habe.

Die Einfahrt im Pariser Bahnhof rechtfertigte die schlimmsten Befürchtungen. Niemand war zum Empfang da, kein Hofwagen, kein Kammerherr, kein Lakai, nicht einmal der rote Teppich, der auf den Bahnsteig gelegt zu werden pflegt, wenn fürstliche Personen die Eisenbahn besteigen oder verlassen. Nichts! Nichts! Und nun gestand auch Mora, daß er dies vorausgesehen und bereits Wagen beordert habe, um die Kaiserin und ihr Gefolge ins „Grand-Hotel“ zu bringen. Charlotte zitterte am ganzen Körper, als sie am Arme Moras den Zug verließ. Dieser unglaubliche Mangel an Höflichkeit war nicht nur eine tödliche Beleidigung für ihre persönliche fürstliche Würde, sondern auch ein unwiderlegliches Zeichen, daß sie nichts zu hoffen habe, daß das traurige Schicksal des mexikanischen Kaisertums für immer besiegelt sei. Sie brachte denn auch die erste Nacht im „Grand-Hotel“ in Thränen zu. Ein ganzer Tag verging, ohne daß der Hof von dem hohen Gaste Notiz nahm, obschon Mora seine Ankunft sofort nach Saint-Cloud gemeldet hatte, wo sich das Kaiserpaar in jenen heißen Tagen des Augusts 1866 aufhielt. Am zweiten Tag erschien endlich der erste Kammerherr des Kaisers, Graf Laferriere. Er entschuldigte den Mangel jeder Ehrenbezeigung bei der Ankunft durch ein Mißverständnis. Alles sei zum Empfang bereit gewesen, aber statt am Orleansbahnhof am Westbahnhof, wo die Züge von Brest meist ankämen. Zugleich lud er die Kaiserin zum Mittagsmahl nach Saint-Cloud ein.

Charlotte hatte diesem Besucher gegenüber ihre ganze würdevolle Fassung wiedergewonnen. Sie lehnte die Einladung zum Essen ab, versprach aber ihren Besuch für nachmittags drei Uhr. Im geschlossenen Wagen, der Charlotte am Nachmittag nach Saint-Cloud führte, nahm die Aufregung wieder überhand. Sie bekam einen nervösen Anfall und schrie laut aus, so daß Frau del Barrio fürchtete, sie müsse auf den Besuch verzichten. Aber die Fassung kehrte zurück, und als die königliche Frau im Schlosse die neue Enttäuschung erfuhr, daß das Kaiserpaar ihr nicht auf der Treppe entgegenkam, verriet kein Zucken in ihrem Gesicht die Beschämung, die sie empfand. Die Herrschaften blieben, nachdem die üblichen Vorstellungen des Gefolges geschehen waren, eine Stunde lang im Gespräch, während Frau del Barrio mit den Damen Eugeniens im Vorzimmer wartete und für ihre arme Herrin zur Jungfrau von Guadalupe betete. Was zwischen den drei gekrönten Häuptern vorgegangen, das kann heute allein noch die Kaiserin Eugenie sagen. Nach Malortie hörte Frau del Barrio im Vorzimmer, wie Charlotte, nachdem der Kaiser ihre Bitten entschieden zurückgewiesen, mit lauter Stimme ausrief: „Ich hätte nicht vergessen sollen, was ich bin und was Sie sind. Ich hätte bedenken sollen, daß Bourbonenblut in meinen Adern fließt und daß ich mein Geschlecht nicht hätte beschimpfen sollen, indem ich mich vor einem Bonaparte erniedrigte und mich mit einem Abenteurer einließ!“ Darauf fiel sie ohnmächtig zu Boden.

Der Kaiser rief sofort Frau del Barrio herein, welche Eugenie neben ihrer Gebieterin knieend und ihr die Schläfen mit Kölnischem Wasser reibend fand. Charlotte kam bald wieder zu sich. Eugenie bot ihr nun ein Glas Wasser an, aber Charlotte rief entsetzt aus: „Hinweg! Gift! Mörder! Sie wollen mich umbringen, Manuelita, rette mich!“ Mit diesen Worten schlug sie der Kaiserin das Glas aus der Hand. Dann wurde sie aufs neue ohnmächtig. Eugenie erklärte nun der Hofdame Charlottens den Vorgang. Ihre unglückliche Freundin habe mit größter Beredsamkeit ihre Sache vorgetragen, aber der Kaiser habe infolge der neuen Lage, welche die preußischen Siege über Oesterreich in Europa geschaffen und welche ihn nötige, sogar die algerischen Truppen nach Frankreich zu ziehen, nur mit einem unerbittlichen Non possumus (Wir können nicht) zu antworten vermocht. Darauf habe sich Charlottens eine große Entrüstung bemächtigt, die sich in Verwünschungen Luft machte, und dann sei sie ohnmächtig zusammengebrochen. Der österreichische Leibarzt Charlottens, Dr. Seneleder, wurde aus dem „Grand-Hotel“ herbeigeholt und ließ die Kranke sofort in fast bewußtlosem Zustande nach Paris zurückführen.

An den folgenden Tagen waren Napoleon und Eugenie von der zartesten Aufmerksamkeit für die Kranke. Sie ließen sich täglich nach der Gesundheit Charlottens erkundigen, schickten ihr Blumen und Früchte, boten ihr Compiegne und Fontainebleau als Landaufenthalt an. Aber Charlotte wollte sie nicht wiedersehen und reiste auf den Rat des Arztes sobald wie möglich nach der Schweiz. Dort fand sie den Schlaf und den Appetit wieder, aber die Besserung war nur scheinbar. Bei einer Ausfahrt erblickte sie am Straßenrand einen alten Bauer, der mit einer blumengeschmückten Flinte von einem Schützenfeste heimkehrte. Sie erklärte, er sei der mexikanische General Almonte, der ihr in dieser Verkleidung auflauere, um sie niederzuschießen. Das war ein offenbares Symptom von Verfolgungswahn, umsomehr, als Almonte von Anfang bis zu Ende einer der treuesten Anhänger Maximilians gewesen war. Da sich ähnliche Anfälle wiederholten und die kranke Fürstin dringend begehrte, nach Rom zu gehen, um beim Papste Schutz zu suchen, gab Seneleder die Schweiz als Heilstätte auf und willigte in die Romfahrt.

In Rom beging die Kaiserin zunächst absichtlich den Verstoß gegen die Etikette, daß sie sich im Hut und nicht im Schleier zur Audienz beim Papst begab. „Du scheinst zu vergessen, Manuelita,“ sagte sie zu Frau del Barrio, „daß Kaiser und Kaiserinnen die Etikette beherrschen und sich nicht von ihr beherrschen lassen.“ [0012] Pius IX. war sichtlich überrascht, Charlotten im Hut vor sich zu sehen, ahnte aber wohl ihre getrübte Geistesverfassung und gab ihr mit besonders liebevollem Ausdruck den päpstlichen Segen. Einige Minnten später empfing er sie allein in seinem Studierzimmer und bat sie um die Erlaubnis, sein Frühstück in ihrer Gegenwart einzunehmen. Während sie nun beide ganz ernsthaft über die kirchlichen Verhältnisse in Mexiko sprachen, tauchte Charlotte plötzlich drei Finger in des Papstes Chokoladentasse, leckte sie ab und rief aus: „Das ist wenigstens nicht vergiftet. Alles, was man mir giebt, ist vergiftet und ich bin buchstäblich am Verhungern!“ Der Papst bot ihr an, eine zweite Tasse kommen zu lassen, aber sie flüsterte:„Nein, nein, man würde sie vergiften, wenn man wüßte, daß sie für mich sei! Ich teile lieber die Tasse Ihrer Heiligkeit.“ Damit tauchte sie wieder ihre Finger in dieselbe und fuhr damit fort, bis sie leer war. Der Papst ließ nun den Kardinal Antonelli rufen. Auch Dr. Seneleder war bald zur Stelle. Beide machten vergebliche Versuche, die Kranke zum Verlassen des Vatikans zu bewegen, denn diese beharrte darauf, zu bleiben, da draußen Mörder auf sie lauerten. Sie brachte den ganzen Tag in der Bibliothek des Papstes mit dem Ansehen von Miniaturen zu und bestand darauf, samt ihrem Gefolge auch die Nacht hier zu bleiben. Um die Kranke nicht zu reizen, gab Pio Nono sogar diesem unglaublichen Wunsch nach und ließ zwei prächtige Betten für Charlotte und ihre Begleiterin in die Bibliothek stellen.


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Kaiserin Charlotte von Mexiko
vor ihrer Erkrankung.



Mit Aufbietung aller Diplomatie gelang es am folgenden Morgen, die Kaiserin dazu zu bewegen, ein nahegelegenes Nonnenkloster, das zugleich ein großes Erziehungshaus war, zu besuchen. Sie nahm zwischen zwei Nonnen im Wagen Platz, welche sie allen Blicken verbergen mußten, und breitete ihr Taschentuch über ihr Gesicht. Im Kloster schien sie sich wieder so sicher zu fühlen wie im Vatikan. Ein Zufall führte jedoch einen neuen Anfall herbei. Die Oberin bot ihr in der Küche eine kleine Portion des eben gekochten Mittagessens an, damit sie die Kochkunst der Anstalt beurteilen könne. Da entdeckte Charlotte an dem Messer, das man ihr reichte, einen kleinen Fleck. „Siehst Du das Gift?“ flüsterte sie ihrer Hofdame zu. „Sie haben vergessen, das Messer abzuwischen. Gott der Allmächtige,“ fuhr sie laut fort, „hat noch einmal Erbarmen mit seiner armen Magd gehabt. Gott sei gelobt! Denn wäre dieses Atom von Gift nicht auf dem Messer gewesen, so wäre der Plan meiner Feinde geglückt und würden Sie jetzt neben einer Leiche trauern!“ Dann kniete sie mitten in der Küche nieder und sprach ein stummes Gebet. Umsonst machte der Leibarzt sie darauf aufmerksam, daß jener Flecken einfach von Rost herrühre. Aber diese traurige Scene wurde von der folgenden noch überboten. Charlotte tauchte ihren Arm bis zum Ellbogen in einen kochenden Kessel, zog ein Stück Fleisch heraus und begann daran zu nagen. „Ich war so hungrig und dies Stück können sie nicht vergiftet haben,“ sagte sie dabei zu der entsetzten Oberin. Erst nach und nach schien sie die Brandwunden ihres Arms zu fühlen, und als der Leibarzt sie zu verbinden anfing, fiel sie in Ohnmacht. – Das war noch das beste, was geschehen konnte, denn nun ließ sie sich ohne Mühe in den Wagen bringen, der sie in ihr Hotel zurückführen sollte. Aber schon unterwegs erwachte sie, blickte zum Fenster hinaus, erkannte die Piazza di Spagna, die nicht auf dem Wege zum Vatikan lag, und verfiel in furchtbare Wut, so daß Dr. Seneleder und Frau del Barrio sie gewaltsam festhalten mußten. Die Kranke wehrte sich trotz ihres verwundeten Armes mit einer solchen Löwenstärke, daß sechs Personen die allergrößte Mühe hatten, sie nach der Ankunft vor dem Hotel aus dem Wagen und in ihre Gemächer zu bringen. Sie sah nun in allen, die sie umgaben, nur noch Mörder und Giftmischer, schrie und tobte und das Ende war, daß man der Unglücklichen die Zwangsjacke anziehen mußte. Ihr Schwager, Erzherzog Karl Ludwig, erschien zuerst von den Verwandten, die Graf Bombelles herbeitelegraphierte, und führte Charlotte nach Miramar. Dort trat nochmals eine Besserung ein. Charlotte, die noch immer an ihrem Kaisertraum festhielt, empfing hier ihren vierzehnjährigen Adoptivsohn, den Prinzen Itùrbide, den sie in Europa erziehen ließ, und gab ihm zu Ehren ein Galadiner.

Es war ihr letzter Akt als Kaiserin, bald trat völlige Umnachtung ein und führte zu ihrer Internierung in zwei belgischen Schlössern, zuerst Laeken und dann Bouchoute. Der Kaisertraum ist ihr aber auch hier geblieben. Sie sieht ihr einfaches Kleid und die sie umgebende Einsamkeit nicht, sie glaubt sich in glänzender Toilette, von einer großen Hofgesellschaft umgeben. Hat sie je den tragischen Tod ihres Gatten erfahren, der sich am 19. Juni 1867 in Queretaro mit mutiger Entschlossenheit den Kugeln der Republikaner preisgab? Man muß leider annehmen, daß ihr der Wahnsinn nicht einmal den Dienst geleistet hat, ihr dieses Ereignis zu verbergen. Wenigstens besitzt Hidalgo, einer ihrer treuesten mexikanischen Anhänger, einen Brief von ihr aus dem Jahre 1868, den sie in einem lichten Augenblick geschrieben zu haben scheint und worin sie von „dem edlen und heldenhaften Tode des Kaisers, einzig durch seine Selbstverleugnung wie durch die Größe des Opfers und den Geist, in dem es gebracht wurde,“ spricht. Auch hier nennt sie Max den Kaiser, auch hier hält sie noch am feierlichen Tone der Herrscherin fest.

So fiel der hervorragende Geist der hochbegabten Fürstentochter den Enttäuschungen und dem Verrat zum Opfer. Das Schicksal hat sich beeilt, sie dafür zu rächen. Der Sturz des französischen Kaiserreichs folgte dem des mexikanischen auf dem Fuße und wurde zum Teil durch jenen veranlaßt. Napoleon starb in der Verbannung, Eugenie erlebte den tragischen Tod ihres einzigen Sohnes im Zululande und Marschall Bazaine wurde wegen Landesverrats verurteilt und starb nach seiner Flucht aus der Festung Sainte-Marguerite in armseligen Verhältnissen zu Madrid. Verglichen mit ihnen ist Charlotte, die unter der besorgten Obhut ihrer Schwägerin, der Königin von Belgien, im Schlosse Bouchoute ihre Tage in stumpfer Bewußtlosigkeit verbringt, beinahe noch glücklich zu nennen.