Das Pflegekind eines Vielgenannten

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Autor: Max Ring
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Titel: Das Pflegekind eines Vielgenannten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 492–493
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Die Schauspielerin Agnes Wallner
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Bilder aus dem Leben deutscher Schauspieler.
Nr. 6. Das Pflegekind eines Vielgenannten.

Bei dem bekannten Theaterdirector Ringelhardt in Leipzig erschien eines Tages ein dortiger mit Glücksgütern gerade nicht besonders gesegneter Bürger, mit der Bitte, sein achtjähriges Töchterchen, das er an der Hand führte, in Kinderrollen zu beschäftigen. Das liebliche Gesicht und die zierliche Figur der Kleinen fanden trotz ihrer Schüchternheit Wohlgefallen in den Augen des erfahrenen Directors, der sie ihrem Alter angemessen zu verwenden suchte und vorzugsweise in kleinen Ballets auftreten ließ, da sie ein entschiedenes Talent für den Tanz zeigte. Damit war aber der angehenden Künstlerin keineswegs gedient, indem sie sich schon damals merkwürdiger Weise mehr zu der ernsten Muse des recitirenden Dramas, als zu der blendenden Göttin des Tanzes hingezogen fühlte. Auf ihre wiederholten Bitten wurde ihr endlich gestattet, als Landmädchen in dem jener Zeit beliebten Schauspiel „Ritter Bayard“ aufzutreten und zwar mit so gutem Erfolge, daß sie trotz ihrer Jugend schon mit vierzehn Jahren als zweite oder dritte Liebhaberin Beschäftigung fand. Leider war ihre Gage so gering, daß sie sich genöthigt sah, nebenbei ihr Brod durch Nähen, Sticken und ähnliche weibliche Handarbeiten zu verdienen. Während sie fleißig die Nadel führte, machte sie eben so fleißig ihre theatralischen Studien und lernte ihre Rollen mit musterhaftem Eifer, so daß sie in dieser Beziehung als nachahmungswürdiges Beispiel und Muster ihren übrigen Collegen aufgestellt zu werden verdiente. Ihre Bescheidenheit, Tüchtigkeit und Sittlichkeit erwarben ihr viele Freunde, darunter den damaligen Cassirer

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Agnes Wallner als Frau v. Schönberg
in dem Moeser’schen Lustspiel: „Eine Frau, die in Paris war“.

des Leipziger Stadttheaters, den allbekannten und vielgeliebten Abgeordneten des deutschen Parlaments Robert Blum, der sich der armen Schauspielerin väterlich annahm, sie in sein Haus führte und förmlich als seine Pflegetochter behandelte. Der edle Menschenfreund sorgte vor Allem für den vernachlässigten Unterricht seines Schützlings, indem er sich bemühte die Lücken ihrer Bildung durch eigene Belehrung auszufüllen und ihren geistigen Horizont nach allen Seiten zu erweitern. Ein Gedicht, welches Blum zur Einsegnung seiner Pflegetochter in ein ihr geschenktes und von ihr treu bewahrtes Buch geschrieben, giebt ein schönes Zeugniß für das gegenseitige Verhältniß Beider. Dasselbe lautet:

Wie Dich auch mit Reiz und Jugend
Freundlich die Natur geschmückt,
Ohne Weisheit, Sitte, Tugend
Wirst Du nimmermehr beglückt.

Selbst Talent, das Dir gegeben,
Gnügt zur Kunst, zur wahren, nicht.
Lernen mußt Du, soll Dein Streben
Aufwärts führen Dich zum Licht.

Welken einst der Jugend Kränze,
Flieht der Schönheit Rosenschein,
Blühen Dir im ew’gen Lenze
Blumen, die im Geist gedeih’n.

Achte drum des Freundes Lehren
In der Jugend heitrem Spiel!
Mögen sie sich oft bewähren
Aus der Bahn zum schönen Ziel!

Diese väterlichen Mahnungen hatte sich die junge Künstlerin tief in das Herz geschrieben und für ihr ganzes ferneres Leben zur Richtschnur genommen. Da sie in Leipzig nicht den ihrem Talent und ihren Wünschen angemessenen Wirkungskreis fand, verließ sie [493] ihre Vaterstadt und das Haus des edlen Blum, das ihr so theuer geworden war. Zunächst wandte sie sich nach dem nahen Altenburg und von dort nach Chemnitz, wo sie bei einer reisenden Gesellschaft ein gerade nicht glänzendes Engagement fand, aber dafür Alles spielen durfte oder vielmehr mußte, was ihr gerade sehr willkommen war. In ihrem Eifer lernte sie in drei Tagen die starke Rolle der Jungfrau von Orleans, wobei sie allerdings die Nacht zu Hülfe nahm. Trotz des Beifalls, welcher ihr in Chemnitz zu Theil wurde, war ihre pecuniäre Lage keineswegs beneidenswerth. Im „Turnier zu Kronstein“ erschien sie zwar in einer prachtvollen Schleppe von Purpursammt, die ihr zwölf baare Thaler gekostet hatte, aber um sich dieses Prachtstück anzuschaffen, sah sie sich genöthigt, längere Zeit auf ihr Abendbrod zu verzichten, um die dafür gemachten Schulden in monatlichen Abschlagszahlungen von je einem Thaler ehrlich abzutragen. Aus solcher Noth befreite sie ein Engagement an dem alten Königsstädter Theater in Berlin, wo sie die für ihre damaligen bescheidenen Ansprüche ungeheure Summe von 600 Thalern erhielt. Bald darauf nahm sie einen Ruf als erste Liebhaberin bei ihrem früheren Director Ringelhardt in Riga an; dort lernte sie den bekannten österreichischen Komiker Franz Wallner, ihren jetzigen Gatten, auf seiner Durchreise kennen und verlobte sich mit ihm. Nach ihrer Verheiratung folgte sie ihm nach Petersburg, wo das talentvolle Ehepaar bald zu den Lieblingen des Publikums zählte und sich vielfacher Auszeichnungen von Seiten der Gesellschaft und des Hofes zu erfreuen hatte.

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Agnes Wallner als Frau v. Schönberg (Husarenofficier)
in dem Moeser’schen Lustspiel: „Eine Frau, die in Paris war“.

Bei Gelegenheit eines Maskenballes wurde der beliebten Künstlerin die Ehre zu Theil, die Aufmerksamkeit des Kaisers Nikolaus auf sich zu ziehen. Den glücklichen Umstand der Maskenfreiheit benutzend, wollte Frau Wallner den sich in der Gesellschaft meist zwanglos bewegenden Autokraten ansprechen, um ihn zu ihrem Benefiz einzuladen, wie dies in Petersburg allgemein Sitte ist. Aber als sie dem gewaltigen Herrscher mit dem kalten, gebieterischen Marmorgesicht gegenüberstand, verließ sie der Muth, und ohne ein Wort hervorzubringen, wandte sie sich eiligst zur Flucht, noch ehe der lächelnde Kaiser sie zurückhalten konnte. Sie hörte nur noch sein Lachen und die Worte: „très jolie, mais sans courage!

Trotzdem ihre Einladung des Kaisers durch ihre Schüchternheit unterblieben war, erschien derselbe dennoch mit dem ganzen Hof an ihrem Benefizabende im Theater; eine Auszeichnung, die den deutschen Künstlern nur selten zu Theil wurde, da von Seiten des Hofes meist nur die französischen Vorstellungen und die italienische Oper besucht und beachtet wurden. Noch mehr wurde die Künstlerin durch das Geschenk prachtvoller Ohrgehänge von Brillanten überrascht und erfreut, welche ihr die Kaiserin als Zeichen ihrer Anerkennung und Zufriedenheit überreichen ließ.

Ungeachtet dieser Auszeichnung, des steigenden Beifalls und eines wahrhaft glänzenden Engagements mit hoher Pension, wodurch auch ihre Zukunft für immer gesichert worden wäre, fühlte sich Frau Wallner in Petersburg nicht glücklich, da ihre zarte Constitution das rauhe Klima nicht ertragen konnte und sie außerdem von einem krankhaften Heimweh verzehrt wurde. Freudig gab sie ihre brillante Stellung auf und schied von den vielen und treuen Freunden, die sie und ihr nicht minder beliebter und nicht nur als Schauspieler, sondern auch als feiner und geistreicher Gesellschafter und Schriftsteller gesuchter Gatte in kurzer Zeit erworben hatten. So groß war ihre Sehnsucht nach dem Vaterlande, daß sie bei der Rückkehr niederkniete und den theuren Boden desselben mit ihren Küssen bedeckte.

In Deutschland angekommen, gastirte das künstlerische Ehepaar längere Zeit in verschiedenen Städten mit Beifall und Erfolg, bis Wallner selbst die Direktion des Stadttheaters in Freiburg und später in Posen übernahm, wo seine Gattin bald eine Hauptstütze seines Unternehmens wurde. Unterdeß hatte Wallner’s Ruf als ausgezeichneter Theaterdirector seine Uebersiedlung nach Berlin veranlaßt, wo er vorläufig das kleine Theater in der Blumenstraße als Pächter und später nach Erlangung einer eigenen Concession, die er in Anerkennung seiner Verdienste, erhielt, als Eigenthümer übernahm. Auch hier war Agnes Wallner besonders im Anfange mit der Magnet, welcher das Publicum nach dem fernen Stadttheil und der früher nur mit spöttischem Lächeln genannten „Rue de fleurs“ zog. Equipagen, Droschken, das feinste und eleganteste Publicum drängten sich in der verlorenen Gegend, um die „Pariser Sitten“ und Frau Wallner als „Neue Magalena“ in der deutschen Bearbeitung der „Dame aux camélias“ von dem jüngeren Dumas zu sehen, womit die Direktion einen überaus glücklichen Griff gethan. In der That entwickelte die Künstlerin in den genannten Stücken eine Leidenschaft und Grazie, wie sie sonst nur bei französischen Schauspielern gefunden werden. Die Neuheit dieser Erscheinung, die Gewalt ihres Spiels und der Reiz der pikanten Sittengemälde, welche in Frau Wallner eine treffliche Darstellerin fanden, füllten Abend für Abend das Theater bis auf den letzten Sitz, so daß Viele, die keinen Platz mehr finden konnten, umkehren mußten. Bald wurde das Theater in der Blumenstraße Mode und die Künstlerin ein Liebling des kritischen Berliner Publikums. Auch in anderen Rollen, namentlich im feineren Conversations-Lustspiel errang sich Frau Wallner einen hohen Grad von Anerkennung durch ihr ansprechendes Talent, die ihr eigenthümliche Wahrheit und Feinheit, durch die Eleganz und Liebenswürdigkeit ihrer ganzen Erscheinung, die sie vorzugsweise in dem Fache der Salondamen zu entwickeln weiß.

Im Leben und in der Gesellschaft erscheint die Künstlerin einfach, bescheiden und anspruchslos. Wenn sie nicht mit dem Studium ihrer Rollen beschäftigt ist, so sitzt und arbeitet sie für ihr Haus und ihre Familie mit demselben Fleiße, wie damals, als sie noch als arme Nähterin ihr Brod sich mit der Nadel verdienen mußte. Voll Dankbarkeit erinnert sie sich ihrer dürftigen Vergangenheit, und da sie selbst das Loos der Armuth kennen gelernt, so hilft sie den Nothleidenden, wo und wie sie kann. Kein Hülfefuchender geht so leicht ungetröstet von ihrer Thür. Den Ihrigen ist sie die liebevollste und zärtlichste Gattin und Mutter, ihren Freunden eine aufrichtige Freundin, da ein Grundzug ihres Charakters eine seltene Wahrheitsliebe und Ehrlichkeit unter allen Verhältnissen ist, Eigenschaften, die bei jeder Frau und doppelt bei einer Schauspielerin unsere Anerkennung verdienen.

Max Ring.